Kommentar

Wie hältst du es mit der Forderung nach offenen Grenzen? In einem Gespräch begegnete mir kürzlich dieses Thema – und ehrlich gestanden, hatte ich mir bis zu diesem Moment gar keine Gedanken darüber gemacht, wo ich mich in einer die Tagespolitik momentan stark bestimmenden Gretchenfrage denn tatsächlich positioniere. Da fordert ein CSU-Bundesinnenminister, Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen. Da lässt sich die Bundeskanzlerin auf das Platzen eines 63-Punkte-Plans ein, weil sie europäisches vor nationalem Recht sieht. Und da diskutiert vor allem die Partei DIE LINKE mit teils markigen Worten darüber, ob wir durchlässige oder eher abgeschottete Grenzlinien entlang der Bundesrepublik ziehen sollten.

„Offene Grenzen“ – es hört sich so schön an. Wir öffnen Deutschland für jeden Flüchtling, der bei uns Schutz suchen will. Ich bin zweifelsohne dafür, dass unser Staat Verantwortung übernehmen muss. Und ich halte gar nichts vom Argument „Wir können doch nicht die ganze Welt retten“. Denn theoretische Planspiele helfen uns im Augenblick nicht weiter. Und so steht auch nicht der halbe Erdball vor Europas Toren und bittet um Einlass. Die Flüchtlingszahlen sind gerade deshalb gesunken, weil wir endlich davon ausgehen sollten, dass Flucht nicht zur Lieblingsbeschäftigung ganzer Kulturkreise gehört. Menschen verlassen ihre Heimat nur sehr ungern – und sie tun das in den allermeisten Fällen aus größter Not heraus. Was spricht also dagegen, diesen Hilfesuchenden unsere Grenzen zu öffnen?

Ja, zur Realpolitik gehört zweifelsohne auch, dass unser „System“, von der Verwaltung bis zur sozialen Sicherung, vor allem aber auch unser gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht unendlich strapazierbar sind. Migration ist eine uralte Erscheinung. Und doch ist kein Erdteil darauf angelegt, mehr Menschen zu beherbergen als strategisch machbar. Allerdings müssen wir eingestehen: Die willkürlichen Grenzen nach unten und oben, die manch ein Unionspolitiker zieht, sind wahrlich kein Anhaltspunkt für die Belastbarkeit unseres Staates. Wir haben schon weitaus mehr gestemmt, da braucht es keine bemitleidenswerten Limitierungen, kein Aufheulen, wenn ein paar tausend Menschen mehr oder weniger in die Republik strömen. Gleichzeitig brauchen wir einen Überblick, wer zu uns kommt. Diese Mindestanforderung halte ich für zwingend, weil es dieser Tage auch zur Wahrheit gehört, dass nicht jeder Flüchtling, der bei uns um Asyl bittet, nur positive Ansinnen verfolgt.

Ich bin jedoch völlig dagegen, dass wir uns verbarrikadieren. Deutschland ist ein weltoffenes Land, das in vielerlei Perspektive Glück hat: Wir leben in einem gefestigten Europa, wir können im Moment auf stabile Klimaverhältnisse bauen, wir sind wirtschaftlich stark. Alles Gründe, die dafür sprechen, den nicht nur erarbeiteten Wohlstand auch mit Anderen zu teilen. Viele Gegebenheiten basieren auf reinem Zufall. Warum also sollten wir uns arrogant, besserwissend und notorisch erhaben zurückziehen und diejenigen abweisen, die mit uns in dieser einen Welt leben – und auch ein Stück Anteil haben wollen an dem, was uns Deutschen nicht rein selbstverständlich zusteht? Es ist klar: Wir brauchen gewisse Regeln, um ein Miteinander der Völker strukturieren zu können. Würden ganze Massen auf diesem Erdball auf die Idee kommen, ins heiß ersehnte Land der Glückseligkeit auszuwandern, natürlich kämen wir an den Punkt, an dem nichts mehr geht.

Doch warum tun wir so, als stünden wir bereits vor dem Kollaps? Mit Warnleuchten und hektischem Gerede versuchen Manche, uns eine Situation einzubläuen, die sich bei gelassenem Hinsehen ganz anders zeigt. Deutschland hat keinen Grund, sich hinter Mauern zu verstecken. Da ist noch deutlich Luft nach oben. Und von diesem Faktum sollten sich auch die nicht abbringen lassen, die derzeit gegen manch ein rechtspopulistisches Gedankengut ankämpfen müssen, das salonfähig zu werden scheint. „Offene Grenzen“ bedeuten nicht, dass wir die Kontrolle über das abgeben, was an unseren Außenstellen so passiert. Viel eher heißt Offenheit, dass wir uns nicht wegducken vor der Verpflichtung, Menschen unabhängig ihrer Herkunft und ihrer Ethnie, sondern allein aufgrund ihrer Not bei uns aufzunehmen. Und dabei sollten wir ehrlich mit uns sein: Wie weit fassen wir den Begriff dieses Schutzbedürfnisses, den viele Politiker unter anderem mit der Schaffung einer Floskel vom „sicheren Herkunftsland“ zu unterwandern versuchen?

Nein, natürlich können wir nicht jeden Erdenbürger in Deutschland aufnehmen. Doch niemand verlangt das von uns. Deshalb ist eine Diskussion darüber obsolet. Wir debattieren viel eher, ob wir an unseren Grenzen Humanität walten lassen und denen Aussicht auf Unterkunft bieten, die mit berechtigten Interessen einen langen Weg auf sich genommen haben, um keinesfalls freiwillig bei uns anzuklopfen. „Offene Grenzen“ heißen, dass wir denen ein faires Angebot zur rechtsstaatlichen Prüfung ihres Asylantrages machen, die an Deutschlands, an Europas Außenstreifen um Einlass bitten. Wir geben dabei das Heft des Handelns nicht von uns, wir ziehen uns aber auch nicht aus Gründen des Selbstbetrugs aus der Verantwortung zurück, weil wir uns vorgaukeln, das Fass stünde kurz vor dem Überlaufen. Es ist eine neue Art der Bequemlichkeit, weltverschwörerisch auf die Tränendrüse zu drücken, doch allein Trittbrettfahrer fallen auf die Kunst des Scheins herein, der mit dem tatsächlichen Sein der Flüchtlingspolitik so gar nichts gemein hat.

Wenn wir uns darauf verständigen, dass wir im Augenblick nicht vor dem Untergang des Abendlandes stehen, dann wäre schon viel gewonnen. Denn dann könnten wir mit kühlem Kopf attestieren, dass der Ansturm aus 2015 vorbei ist, der uns organisatorisch, sicher aber nicht menschlich an den Rande manchen Bankrotts in Ämtern und Behörden geführt hat – und dass wir heute keinen Anlass dafür haben, protektionistisch zu agieren und agitieren. „Offene Grenzen“, wir schicken niemanden voreilig zurück, sondern wir garantieren, uns jedem Anliegen penibel zu widmen. Wer im Hier und Jetzt nach einer präventiven Abschottung ruft, der tut dies allein auf Basis der Ängste von jenen, die wir im Trubel der letzten Jahre nicht mitgenommen haben. Derjenigen, die ihre eigene Umwelt zum Maßstab aller Dinge machen, ohne zuzugestehen, dass Viele von uns auf einem ziemlich hohen Niveau jammern. Keine Frage: „Offene Grenzen“ erfordern Anstrengung. Wer sie durch dekliniert, der muss für gesellschaftliche Integrität, Sicherheit, Versorgung und Prosperität gleichermaßen sorgen. Doch von welch hohem Ross wird so manch ein Deutscher steigen müssen, der aus Eigennutz und Schwermut die Aufnahmebereitschaft unseres Landes gegenüber denen verneint, die Weltenbürger sind, genau, wie du und ich?

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Theurer-Gastbeitrag: Die Antwort auf Trump ist eine gemeinsame Wirtschaftspolitik“, Tagesspiegel Online vom 07.06.2018

Michael Theurer hat recht: Wir brauchen eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, um auf die Provokationen Donald Trumps antworten zu können. Doch die Einlassungen des neuen Botschafters der Amerikaner in Deutschland zeigen noch mehr: Vor allem politisch dürfen wir uns in Europa nicht auseinander dividieren lassen. Denn einer Stärkung des Konservativismus‘, wie ihn sich die Trump-Administration vorstellt, kann nur durch eine besonnene Politik der Mitte entgegengetreten werden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass wir zurückfallen in die Zeit der Nationalstaaten, denn auch wirtschaftlich kann sich der europäische Binnenmarkt nur dann als Pendant auf Augenhöhe verstehen, wenn wir die Vielfalt ökonomischer Leistungen im Euroraum addieren. Der Einzelne wird von der Übermacht des amerikanischen Marktes überrannt. So weit darf es nicht kommen. Wenn wir auf „America First“ eine adäquate Reaktion geben wollen, dann muss sie heißen: „Mehr Europa“.

Vielstaaterei, das mag sich US-Präsident Trump für unseren Kontinent wünschen, denn ein gestärktes Europa ist für ihn der weitaus schwierigere Partner als ein alleiniges Deutschland, Frankreich oder Italien. Die geeinte Stimme unserer europäischen Nationen, sie kann dem lautstarken Gepolter Washingtons die Stirn bieten. Gerade jetzt, wenn in Europa manche Regierung vor großen Herausforderungen steht, braucht es den Zusammenhalt umso mehr.

Wir stehen füreinander ein, weil wir um den Gewinn der Gemeinschaft wissen. Das ist der größte Trumpf, den wir gegenüber der Abschottungspolitik Trumps in der Tasche haben. Mögen sich die Europäer des Geschenks der Union bewusst sein, stets kritisch und nach Verbesserungen fragend, selbstbewusst und demokratisch niemals müde.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„EU: Sperrklausel gegen deutsche Kleinstparteien“, FAZ.de vom 07.06.2018

Kleinstparteien bereichern die Parlamente. Zumindest gibt es auf europäischer Ebene weiterhin keinen Grund, politische Kleinparteien am Einzug in die Volksvertretung zu hindern. Und obwohl das Bundesverfassungsgericht bei seiner Urteilsverkündung über die 3 % – Sperrklausel forderte, dass es belegbare Argumente geben müsse, wonach die Funktionsweise des Europaparlaments durch den Einzug von Kleinstparteien gefährdet sein könnte, um die Existenz einer Sperrklausel zu rechtfertigen, setzte sich nun die Initiative der Großkoalitionäre aus CDU, CSU und SPD bei den EU-Staaten durch: Ab 2024, spätestens, soll es Piraten, Freien Wählern oder ÖDP neuerlich verweigert bleiben, den Sprung ins Europaparlament zu schaffen.

Mit diesem Schachzug, der jeglicher Grundlage entbehrt, nehmen die „Volksparteien“ ihren Mitkonkurrenten die Chancengleichheit. Und nicht nur das: Bürgern, die anderer Meinung sind, wird das Mitspracherecht verwehrt. Aus geschichtlichen Gründen müssen jene Wähler, die nicht den „etablierten“ Parteien ihr Vertrauen schenken wollen, schon auf nationaler Ebene darauf verzichten, dass ihre gewählte Kraft in den Bundestag einziehen kann. Auch „ein paar“ tausend Stimmen sind Grund genug, Anspruch auf einen Sitz in einem Parlament zu erheben.

Wer sich um die „wenigen“ Wähler nicht schert, der missachtet die Demokratie. Eine Sperrklausel mag unliebsame politische Kräfte vom Parlamentarismus fernhalten. Der Kollateralschaden für dieses Vorgehen ist jedoch immens: Ernsthaft an Politik interessierten Wählern wird die Perspektive genommen, mit ihrem Kreuz auf dem Wahlzettel tatsächlich etwas verändern zu können. Verdrossenheit am politischen Geschehen wird verschärft, die Ermutigung zum Protest steigt. Man kann Wählern von Kleinstparteien nur dazu animieren, sich von Sperrklauseln nicht irritieren zu lassen: Auch außerhalb der Parlamente wird Geschichte geschrieben!

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Psychotherapeuten: Eltern sollten Kleinkinder selbst betreuen“, idea.de vom 29.05.2018

Wo erlernt ein Kleinkind Toleranz? Wie steckt es seine Freiheiten ab? Und wie gehen die Kleinsten mit Konflikten um? Viele Erwachsene sehen die Kita-Gruppe als ausreichend soziales Gefüge an, in dem sich Kinder zu selbstbewussten Individuen entwickeln können. In der Hand von Erziehern vermuten die Eltern ihre Jüngsten in den besten Händen, bildet die Betreuungsstätte doch heute so eine Art „Ersatz-Familie“.

Aber Ehrlichkeit, Nähe und Feingefühl, sie offenbaren sich erst dann authentisch, wenn sie von den leibhaftigen Eltern gelebt und ihren Kindern mit Liebe angeboten und anerzogen werden. Das sich Durchsetzen in der Gruppe, es beginnt in der Schule früh genug. Wollen wir unsere Kinder noch zeitiger zu Narzissten ausbilden, denen es am nötigen Respekt einerseits, am zwingenden Raum zum Ausleben von Gefühlen, Emotionen, Rechten und Pflichten andererseits fehlt?

Psychische Auffälligkeiten sind keine Überraschung, wenn wir die Bindung zu unseren Kindern krampfhaft zu unterbinden versuchen, ihnen die Wärme der Eltern, den Rat und Tadel von Vater und Mutter vorenthalten. Wer sich allein darauf verlässt, Kinder durch Dritte erziehen zu lassen, gibt nicht nur Verantwortung ab. Wir riskieren mit einem zeitgeistigen Klima des Betreutwerdens auch die Gefahr, dass Kinder um Jahre in ihrer Reifung zurückfallen.

Der Start in ein gesundes Dasein, ihm fehlt es an Lebenspraxis und -erfahrung für die Kleinen, die später einmal wehmütig fragen dürften, warum sich die Eltern dieser wichtigen Aufgabe entzogen haben: Lassen wir es nicht zu, dass sich Vater und Mutter im Druck von beruflichem und wirtschaftlichem Erfolg die Erziehung ihrer eigenen Kinder nicht mehr leisten können. Machen wir uns stark auch für eine monetäre Anerkennung der Familienarbeit!

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Das Konstanzer Gefängnis hat Platz für 62 Häftlinge“, SÜDKURIER vom 23.05.2018

Die Überfüllung unserer Gefängnisse, sie ist Ausdruck einer verfehlten Politik der letzten Jahre. Denn auch wenn die Zahl der Straftaten zurückgeht, war abzusehen, dass die Auslastung der Justizvollzugsanstalten an ihre Grenzen kommen würde.

Dafür hätte es nur ein wenig Weitsicht und Feingespür im zuständigen Ministerium gebraucht, in dem man sich neuerdings offenbar eher für Europa und Tourismus interessiert, als in der Frage der Hafteinrichtungen auf lange Perspektive zu denken und zu planen. Wenngleich Investitionen in solche Projekte bei der Bevölkerung auf wenig Verständnis treffen mögen, so ist es nach Erfindung der Menschenrechte eine grundlegende Aufgabe jeder Demokratie, mit ihren Häftlingen und den Bediensteten, die in unseren Gefängnissen arbeiten, würdig umzugehen.

Denn gerade dort zeigt sich, wie ernst es eine Gesellschaft mit ihrer Verantwortung gegenüber jedermann nimmt, auch mit denen, die Schuld auf sich geladen haben. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir im 21. Jahrhundert noch immer keine Reform des Justizvollzugs auf den Weg bringen konnten. Dass Menschen im Gefängnis psychisch auffällig werden, das verwundert niemanden, der sich vor Augen hält, dass unsere Haftanstalten unter den geltenden Bedingungen wenig Hoffnung auf Alltag und Zukunft bieten können.

Nicht nur in Konstanz scheint die Lage prekär, denn statt Resozialisierung droht uns der innere Kontakt zu vielen Häftlingen verloren zu gehen. Keine gute Aussicht für die Zeit danach!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Veröffentlichung der Kriminalstatistik 2017, SÜDKURIER vom 09.05.2018

Da verkündet der Bundesinnenminister einen deutlichen Rückgang der Kriminalität und den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung – und die Unionsfraktion hat nichts Besseres zu tun, als weitere Einschnitte in die Freiheitsrechte der Menschen zu fordern.

Es wäre jetzt an der Zeit, endlich einmal den Fuß vom Gaspedal der immer neuen Verschärfungen zu nehmen und wieder Vernunft einkehren zu lassen. Unser Verfassungsstaat sieht insbesondere auch den Erforderlichkeitsgrundsatz als wesentliches Merkmal der Verhältnismäßigkeit.

Wer in einem Aktionismus aus purer Leidenschaft für weniger Grundrechte im Land die Sicherheit allein daran festmacht, wie viele Ermittlungsbefugnisse unsere Polizei besitzt, der setzt auf Quantität statt Qualität. Die aktuellen Zahlen machen deutlich: Mit einer guten Präsenz an Sicherheitskräften im öffentlichen Raum stärken wir den Kampf gegen Verbrechen und Vergehen, genauso, wie mit nachhaltiger Prävention und einem Abbau sozialer Klüfte.

Der Drang zum Überwachungsstaat, er ist Ausdruck offensichtlichen Populismus‘, den gerade die CSU dieser Tage wieder besonders zu bemühen versucht. Im Wahlkampf scheinen Vernunft und Verstand ausgesetzt, es wird Zeit, dass die wirklichen Probleme des Alltags der Menschen angegangen werden. Wem nutzt es, wenn wir auf Schritt und Tritt durchleuchtet, unsere DNA gemustert oder Fingerabdrücke gespeichert werden, wir gleichsam aber ohne Wohnung auf der Straße stehen, der Lohn nicht zum Leben reicht und den Kindern ein Betreuungsplatz fehlt?

In Sachen Sicherheit sind wir auf gutem Weg, es gibt keinen Anlass, noch einen Gang zuzulegen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. „Eine Flexibilisierung wird das Problem steigender Krankheitstage aufgrund stressbedingter Störungen nicht lösen, im Gegenteil“. Diese Meinung vertritt der Leiter der Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz, Dennis Riehle, anlässlich neuester Zahlen über die zunehmende Krankheitslast deutscher Arbeitnehmer in Folge von „BournOut“ und ähnlich gelagerter Störungsbilder.

„Immer wieder haben Umfragen, Studien und Erhebungen belegt, dass wir mit der 40-Stunden-Woche an die Grenzen der Belastbarkeit des Einzelnen gelangen. Dass in manchen Berufen eine deutlich höhere Beanspruchbarkeit erwartet wird, kann kein Argument für eine pauschalisierte Aufweichung der Wochenarbeitszeit sein“, so Riehle, der aus dem täglichen Kontakt mit Betroffenen vor allem um das Thema der „ständigen Erreichbarkeit“ weiß.

„Arbeitnehmer wollen es ihrem Chef oft besonders recht machen, indem sie sich verpflichtet fühlen, auch nach Feierabend noch für ‚Notfälle‘ erreichbar zu sein. Dabei schildern viele der an depressionsähnlichen, neurotischen oder stressbedingten Krankheiten leidenden Menschen, dass dieser Modus wesentlich für die persönliche Überforderung verantwortlich gewesen ist“. Denn wer sich erst einmal innerlich wie äußerlich bereit erklärt habe, Verantwortung auch außerhalb der Arbeitszeit zu übernehmen, fühlt sich ständig abrufbereit und angespannt.

„Eine Flexibilisierung im Arbeitswesen bringt auch dann nichts, wenn sich beide Parteien darüber verständigen“, sagt Riehle. „Denn letztlich haben wir in unserer heutigen Zeit oftmals das Gefühl dafür verloren, wann es genug ist. Unserer Familie, den Kollegen oder Freunden zuliebe arbeiten wir dort ein bisschen länger, hier ein wenig intensiver. Viele Fallgeschichten demonstrieren mir, dass sich diese Flexibilität hochschaukelt. Und was dem Arbeitgeber nur entgegenkommen mag, das schadet dem Arbeitnehmer über einen längeren Zeitraum gesehen massiv“.

Dabei gehe es nicht nur um Pausen oder die Arbeitszeit an sich. „Die prekären Beschäftigungsverhältnisse sind ein enormer Druck für die Betroffenen. Bevor wir darüber sprechen, ob wir aufgrund der Digitalisierung die Arbeitswelt flexibilisieren wollen, sollten wir zuerst dafür Sorge tragen, dass Menschen nicht ständig um ihre Arbeit bangen müssen. Ich kann nicht verstehen, wie manch politische Kraft den befristeten Job als Einstieg ins Arbeitsleben anpreist – und gewisse Unternehmer die Belegschaft gar mit der Zahl geringstmöglicher Fehltage locken, um entfristet zu werden“.

„Wir entwickeln uns zunehmend in die Richtung des Verschwimmens von Mensch und Maschine. In der heute für Viele noch utopisch klingenden Welt aus Computer und Technik, die die Oberhand in unserer Arbeitswelt übernehmen, fällt es offenbar schon Einigen schwer, die Belastbarkeit zu unterscheiden: Im Gegensatz zu Apparaten können Menschen nicht endlos ausgebeutet werden. Irgendwann regt sich die Psyche – und dann streikt die Seele“, meint Riehle.

Wenig erstaunlich sei es deshalb, dass immer mehr Betroffene angeben, der Job mache sie krank. „Als ich mit der Selbsthilfearbeit begann, waren die Ursachen noch zumeist in der familiären, persönlichen Situation des Einzelnen zu suchen. Heute beklagt aber die Mehrheit derjenigen, die sich mit einem BurnOut bei mir melden, den Stress am Arbeitsplatz. Er führt oft zwangsläufig in die psychische Erkrankung – und sie kann lange dauern“, stellt Riehle fest, der darauf hinweist, dass die seelischen Probleme der Arbeitnehmer zu besonders umfangreichen Ausfällen im Job führen. „Dann überwiegen die Nachteile für beide Seiten, es sei denn, der Arbeitgeber findet eine Möglichkeit, sich von seinem kranken Beschäftigten zu trennen. Für das Schicksal des Arbeitnehmers beginnt dann erst die Spirale aus Depression und Verzweiflung, der nur noch mit umfangreicher Therapie und Behandlung begegnet werden kann“.

Die Selbsthilfegruppe ist ein kostenloses und ehrenamtliches Angebot für alle Betroffenen und Angehörigen, die ergänzend zu fachkundiger Betreuung eine Möglichkeit suchen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen: Tel. 07531/955401, Mail: info@zwang-phobie-depression.de.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Baden-Württemberg: Kretschmanns Grün-Schwarze Koalition wackelt“, „Tagesspiegel“ vom 04.05.2018

Die Aufarbeitung der Vorfälle in Ellwangen ist noch lange nicht abgeschlossen, da fällt insbesondere die FDP durch ihren massiven Gegenangriff gegen die Landesregierung um Ministerpräsident Kretschmann und seinen Innenminister Strobl auf.

Schon lange schielen die „Freien Demokraten“ auf die Macht, nun sind sie offenbar sogar bereit, mit wenigen Stimmen über dem Durst eine Schwarz-Rot-Gelbe Koalition zu bilden. Glaubwürdig ist das nicht, denn in den letzten Tagen richteten sich die Liberalen vor allem gegen den Christdemokraten Strobl. Seine Politik machen sie für den missglückten Zugriff auf einen Togolesen in der Erstaufnahmestelle verantwortlich.

Und ausgerechnet seine Partei will die FDP nun zum neuen Strippenzieher im „Ländle“ machen? Die Ideologischen Gräben müssen tief sitzen, wenn es inmitten einer Regierungszeit nicht um das inhaltliche Geschäft von Opposition und Koalition, sondern um das Philosophieren über neue Mehrheiten geht. Die Liberalen sind momentan nicht in der Situation, große Forderungen stellen zu können.

Viel eher wirkt ihre Kritik an Grün-Schwarz wie die eines Einzelgängers mit zu viel Selbstbewusstsein. Ja, Attacke, das ist ein wesentliches Mittel zur Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Für solche Spielchen bleibt im Augenblick aber zu wenig Zeit. Denn wer glaubt, die Versäumnisse aus Ellwangen seien mit der Festnahme des Gesuchten beiseite gekehrt, der irrt.

Die FDP stünde es gut zu Gesicht, sich jetzt als kontrollierende Kraft zu profilieren und in den zuständigen Ausschüssen und Gremien nach Verantwortung und Konsequenzen zu suchen, schlicht: ihre Arbeit zu tun.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Immerhin müsse niemand den ganzen Tag im Eingangsbereich einer Behörde verbringen – so, oder so ähnlich, argumentiert der neue bayerische Ministerpräsident Söder in der Frage, warum die Pflicht zum Kruzifix in öffentlichen Gebäuden des Freistaates der Verfassung entsprechen soll. Nicht, wie damals, 1995, als das Bundesverfassungsgericht das obligatorische Kreuz in Klassenzimmern der Schulen als verfassungswidrig erklärte. Heute nimmt Bayern einen neuen Anlauf, den Menschen ein kulturelles Symbol, als das Söder das Kreuz wohl vornehmlich verstanden wissen will, aufzuoktroyieren. Als bloßes Mittel zum Diktat einer religiösen Identität taugt es jedenfalls nicht, viel eher wird zu einem Symbol von Unterdrückung und fehlender Toleranz, wenn es seiner ursprünglichen Bedeutung entzogen wird.

Denn künftig kann sich niemand wirklich des Anblicks verwehren, wenn er oder sie einmal schnell im Bürgeramt vorbeischauen möchte. Dort – und überall sonst in öffentlichen Einrichtungen soll das Kreuz zum Zeichen der christlichen Vorherrschaft werden. Die Kultur und die Lebensweise, die Bayern geprägt haben, sie sei ausschließlich christlich, folgt man der Logik des Ministerpräsidenten, der mit seinem Ansinnen keinen Verstoß gegen die Glaubensfreiheit sieht. Und er weist auch Kritik der Kirchen zurück, die das Kreuz nicht als Wahlkampfsymbol missbraucht sehen wollen. Der Gottesbezug finde sich schließlich auch in der bayerischen Verfassung. Was das allerdings mit dem Kruzifix in den Eingangshallen der öffentlichen Gebäude zu tun haben soll, das blieb auch der ehemalige bayerische Kultusminister schuldig, der sich vehement für Söder einsetzte.

Wenn ich auf das Kreuz blicke, dann fällt mir als Christ zunächst die Leidens- und Lebensgeschichte Jesu ein. Kein Anschein davon, dass es allein einen Machtanspruch widerspiegelt. Viel eher ist es Ausdruck von tiefer Unterwerfung und erhabenem Wiederauferstehen. Das Kruzifix taugt nicht, um mit Überheblichkeit eine Leitkultur zu verordnen, die ein Großteil der Bevölkerung nicht einmal teilt. Die CSU verliert immer mehr den Bezug zur eigenen Basis, das Kreuz soll nun herhalten für Taktik und Manöver, um rechts neben der Partei keiner anderen politischen Kraft die Existenz zu erlauben. Das Kruzifix, es soll uns überall dort, wo es hängt, an die Demut erinnern, mit der sich Christus letztendlich seinen Peinigern untergeben hat – da ist kein Platz für die selbstschwellende Brust des Herrn Söder, der sich peinlich ablichten lässt mit dem Zeichen, das Gläubige in aller Welt miteinander vereinen soll.

Wer ein Kreuz trägt, der drückt seine Verbundenheit mit dem christlichen Glauben aus. Es ist reine Privatsache, in einem säkularen Staat hat das Kruzifix nichts im staatlichen Gemeinwesen zu suchen. Das Kreuz seiner eigentlichen Bestimmung zu entlehnen, es dürfte nicht nur vielen Christen bitter aufstoßen. Es ist eine sinnvolle Übereinkunft, dass sich der Staat weitestgehend aus kirchlichen Angelegenheiten heraushält – und umgekehrt. Was in der Praxis heute nicht gelingt – und auch nicht gelingen soll –, das darf kein Anreiz sein für die, die das Kreuz zum Schein zweckentfremden wollen. Die bitterliche Geschichte des Symbols, auch weit abseits des Wirkens und Sterbens Jesu, das sich nicht nur zu einem positiven, sinnstiftenden Element christlichen Glaubensbekenntnisses entwickelt hat, sie sollte nicht neuerlich mit Zwang und Pein durchgesetzt werden.

Dass mit dem Kruzifix im öffentlichen Raum vor allem gegen die Stimmung gemacht werden soll, die aus dem islamischen Kulturkreis zu uns gekommen sind, wird nicht nur ob des Rahmens des Wahlkampfes offensichtlich, in den Ministerpräsident Söder seine öffentlichkeitswirksame Aktion gestellt hat. Es ist ein Affront, wenn Ämter und Behörden mit dem Kreuz begrüßen. Wer staatliche Hilfe braucht, der benötigt keinen Nachhilfeunterricht in Staatskunde. Wir wissen um die Wurzeln des Landes, wir wissen aber gleichsam um die heutigen Realitäten. Sie werden in Bayern derzeit vollkommen ausgeblendet. Atheisten und Humanisten, Juden und Muslime, Buddhisten und Hinduisten sind in unseren öffentlichen Gebäuden gleichsam willkommen. Und nicht einmal jedem Christen wird es recht sein, wenn ein Zeichen, an dem wir schwer zu tragen haben, den Gang zur Behörde ebnet.

Und sind es tatsächlich die christlichen Errungenschaften, die unser Miteinander ausmachen? Ist das Kreuz das Symbol, das uns zu einigen in der Lage ist? Verstehen wir es als Abgrenzung zu allem Anderen, dann verliert es seine friedensgebende Wirkung. Und die Deutung des Kruzifixes, sie obliegt nicht dem bayerischen Ministerpräsidenten. Auch wenn er sich gibt wie der Herrscher des christlichen Abendlandes, so sind wir heutzutage eher auf der Suche nach etwas Verbindendem. Wenn ich sonntags in der Kirche stehe, dann wird mir die Bedeutung des Kreuzes klarer als am Montag im Einwohnermeldeamt. Das Kruzifix in den Alltag der Menschen zu zwingen, es kann nur zu Spaltung und Unruhe führen. Ich persönlich möchte meine neutralen Freiräume, in denen ich nicht auf meinen Glauben hingewiesen werde, in der mir nicht die religiöse Geschichte unseres Landes vor Augen getragen wird.

Wer seinen Bauantrag im Rathaus abgeben möchte, der soll das tun können, ohne am Kreuz vorbeigehen zu müssen. Die Omnipräsenz des Kruzifixes, es führt zu Verdrossenheit und zu einer Schwächung des religiösen Wertes, den das Kreuz zweifelsohne besitzt. Im Kirchenschiff, dort hat es seinen Platz. Freiwillig und aus eigener Entscheidung suche ich es auf, weil ich mit Bedacht und Bewusstsein daran erinnert werden will, was Grundlage meines Glaubens ist. In Bayern wird sich niemand mehr dem Einfluss eines nicht unumstrittenen Symbols entziehen können. Ministerpräsident Söder schadet mit seinem Selbstdarstellungsdrang seiner eigenen Religion, die sich nicht einmal dagegen wehren kann, von polternden Politikern in Zeiten der Wahlkampfauseinandersetzung ihrer Besonderheit beraubt zu werden.

Tod und Sterben, Leben und Auferstehung – das ist keine Nahrung für hektische Zeiten. Wer sich des Christseins und einer christlichen Prägung klar werden will, der schafft das nicht zwischen Aktenordnern und Kopierern, nicht zwischen Tür und Angel, sondern dort, wo uns die ausdrückliche Gelegenheit dazu gegeben ist: Die Kirchen des Landes proben zurecht den Aufstand, will man ihnen doch ihr Copyright streitig machen. Zu einem Zweck, der nicht gewollt ist, soll christliche Identität zu einem Verkaufsschlager des bayerischen Ministerpräsidenten werden. Es ist schon heute absehbar, dass die Regelung vor den Richtern in Karlsruhe landen dürfte. Viel Wind um nichts? Doch, es geht durchaus um die Frage, ob sich das deutsche Volk von seinen Politikern eine Leitkultur vorschreiben lassen will, die nach aktuellen Umfragen nicht mehrheitsfähig ist. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Unionspolitiker unterstützen Söder in Kreuz-Debatte“, „Badische Zeitung“ vom 02.05.2018

Ja, man kann das Kreuz als Symbol christlicher Kultur und Lebensweise verstehen. Wer es aber allein darauf begrenzt, der missbraucht es – in diesem Fall zu staatlichen Zwecken.

Denn Ministerpräsident Söder geht es nach seinen Aussagen nicht um Jesu Tod und Auferstehung, sondern um die Vorherrschaft des Christentums im Land. Damit wird das Kreuz zu einem Zeichen des Kampfes um die religiöse Identität, es wird zu einem Symbol von Unterdrückung und fehlender Toleranz.

Denn tatsächlich kann sich im öffentlichen Raum, im Eingang eines behördlichen Gebäudes niemand des Blickes auf ein Kreuz entziehen – und offenbar soll das auch niemand. Ministerpräsident Söder legt es an auf die Auseinandersetzung um die Glaubensfreiheit.

Doch staatliche Einrichtungen sind der falsche Ort, um Religion zu bekennen. Das Kreuz, es ist einerseits Privatsache jedes einzelnen Menschen, der damit seine Verbundenheit mit dem Christentum, vor allem aber mit der Leidens- und Lebensgeschichte Christi zum Ausdruck bringen will.

Es ist andererseits ein Symbol des gemeinsamen Besinnens auf die Zugehörigkeit zu einer Weltreligion, das in den Kirchen unseres Landes gut aufgehoben ist. Für den Wahlkampf allerdings, da ist es nicht geeignet.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.