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Pressemitteilung

Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) zeigt sich positiv überrascht über Worte von Bundestagspräsident Lammert aus Anlass des Festes Mariä Himmelfahrt, das unter anderem auch auf der Insel Reichenau im Bodensee am 15. August 2016 gefeiert wurde und dem der CDU-Politiker beiwohnte. In einer Rede ging er recht politisch auf die Frage ein, wie wichtig die Erinnerung an herausragende Ereignisse des kulturellen Erbes sei – und wie notwendig die kritische Betrachtung dabei bleiben muss.

So mahnte Lammert, dass bereits im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ nichts von Heiligkeit zu spüren war. Die Christianisierung, die Karl der Große keineswegs mit der Bibel, sondern mit dem Schwert vorangetrieben habe, machte deutlich, welches Unrecht den sogenannten „Ungläubigen“ wiederfahren war. Dass diese Gruppe auch heute wieder bedroht sei, zeige nicht nur die Verfolgung der Andersdenkenden durch den „Islamischen Staat“.

Der Bundestagspräsident habe die Rechte derjenigen betont, die nicht glauben und keiner Konfession oder Religion angehörten, meint HABO-Sprecher Dennis Riehle. Es sei deutlich geworden, dass sie sich in vielen Ländern auch weiterhin dafür rechtfertigen müssten, ihre Überzeugung frei zu wählen und sich gegebenenfalls für ein atheistisches Lebensmodell zu entscheiden. „Das ist auch bei uns weiterhin ein Thema. In vielen Regionen ist es verpönt, nicht der Kirche anzugehören. Die Weltkulturerbe-Insel Reichenau ist dafür ein gutes Beispiel, wie wir von Einwohnern wissen, die neu hierher gezogen sind“, so Riehle.

Deshalb sei es gut gewesen, dass Lammert das Thema auch genau dort angesprochen habe, erklärt die HABO. „Diskriminierungen von Menschen ohne religiöses Bekenntnis sind keine Seltenheit, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Daher ist es wichtig, dass auf diesen Missstand auch weiterhin öffentlich aufmerksam gemacht wird. Norbert Lammert leistete einen guten Beitrag hierzu und betonte indirekt, dass Religionsfreiheit eben auch bedeute, frei von Religion sein zu dürfen. Die Nachwehen der grausamen Ausbreitung des Christentums zeigen bis heute, dass das wohl noch immer keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

SozialesPflege.150

Pressemitteilung

Zum 1. Januar 2017 tritt die nächste – und bisher umfangreichste – Reform im Pflegesystem in Kraft. Mit der Abschaffung der Pflegestufen und der Einführung von fünf Pflegegraden wird sich ein Paradigmenwechsel im Verständnis der Pflege ergeben und aus einer bisherigen minutenorientierte Defizitbetrachtung eine ressourcenwürdigende Wertschätzung des Pflegebedürftigen auf den Weg gebracht. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen entfallen zahlreiche bürokratische Hürden und manche Nerven dürften geschont bleiben.

Die ehrenamtliche Erstberatung „Soziales und Pflege“ hat deshalb ein Informationsblatt über die wesentlichen Änderungen zusammengestellt, die zum Jahreswechsel Gültigkeit erlangen. Was passiert mit bereits begutachteten Personen, die in Pflegestufen einklassifiziert sind? Ändern sich die Leistungen? Welche Ansprüche habe ich als zu Pflegender zukünftig – und welche meine Angehörigen? Und weshalb ist die neue Art der Feststellung der Pflegebedürftigkeit ein so großer Fortschritt?

Zu all diesen Fragen gibt das mehrseitige Papier Auskunft und hilft, sich einen ersten Überblick über die Neuerungen zu verschaffen, mögliche Sorgen zu nehmen und über die praxisnahe Anwendung der verbesserten Richtlinien aufzuklären. Besonders für Menschen, denen bereits eine Pflegestufe zugesprochen wurde, sind die Angaben von Bedeutung. Aber auch für diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich alsbald begutachten zu lassen. Nicht zuletzt ist die Handreichung auch für Angehörige von Interesse, die sich ein Bild über die neue Rechtslage machen und gegebenenfalls reagieren können.

Das Informationsblatt kann beim Leiter der Sprechstunde, Dennis Riehle (Mail: sprechstunde@Soziales-Pflege.de, Tel.: 07531/955401), kostenfrei angefordert werden und wird postalisch oder elektronisch zugeschickt.

[Dennis Riehle]

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Pressemitteilung

Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) lobt den baden-württembergischen Justizminister Guido Wolf für seine Ankündigung, er wolle religiöse Symbole aus den Gerichtssälen des Bundeslandes verbannen. Konkret bezog sich der CDU-Politiker zunächst auf Kopftücher von Justizangestellten, ergänzte aber, dass auch gut sichtbare Kreuze und Zeichen anderer Religionen schon bald nicht mehr getragen werden dürften. Die Justiz stehe für Unabhängigkeit und Neutralität, das müsse auch in religiöser Hinsicht gelten, betonte der ehemalige Spitzenkandidat der Christdemokraten bei der baden-württembergischen Landtagswahl, der eigentlich ein streng christliches Weltbild verfolgt.

Dennis Riehle, Sprecher der HABO, zeigt sich deshalb auch überrascht: „Noch nicht allzu lange ist die grün-schwarze Landesregierung im Amt, da hätte ich gerade ein solches Signal überhaupt nicht erwartet. Zumal beide Regierungsparteien und ihre zugehörigen Politiker ja in Baden-Württemberg den Hang zu einem überaus konservativen Werteverständnis haben. Und dass dann ausgerechnet von Guido Wolf ein solch klares Bekenntnis für den Säkularismus in der Justiz ausgegeben wird, ist durchaus beachtlich. Nicht einmal die Vorgängerregierung unter Grün-Rot hatte diesen Schritt gewagt, obwohl man ihr allemal eher zugetraut hätte, sich für religiöse Unabhängigkeit im Rechtsstaat einzusetzen“.

Riehle zeigt sich zwar überzeugt, dass die Aussage Guido Wolfs unter der gesamtgesellschaftlichen Situation zu betrachten ist, in der vornehmlich ein Populismus gegenüber islamischer Kleidung und Symbolen aufgegriffen wird. „Immerhin hat Wolf die Chance aber nicht vertan, gegenüber allen Religionen deutlich zu werden. Das ist im Endeffekt entscheidend, denn es geht nicht um die Diskriminierung und ideologische Bestärkung von Vorurteilen gegen eine einzelne Überzeugung, sondern um die Tatsache, dass weder Kreuze, noch Kopftücher, noch Kippas bei staatlich Bediensteten in den Gerichtssälen etwas zu suchen haben. Insofern ist Wolfs Ansicht lobenswert und sollte Vorbild auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens sein“, so Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Suizidalität ist ein gesellschaftliches Tabuthema. Nicht so in der Psychiatrie. Auch wenn es dort glücklicherweise nicht zum Alltag gehört, dass sich Menschen das Leben nehmen, ist man mit dieser schmerzlichen Erfahrung immer wieder konfrontiert. Und nicht selten wird den Kliniken vorgeworfen, dass Patienten nicht mit suizidalen Absichten eingeliefert werden, sondern sie erst innerhalb der Einrichtung entwickeln. Zum Schutz vor Eigengefährdung gilt auch weiterhin die Unterbringung auf geschlossenen Stationen vielfach als Mittel der ersten Wahl. Doch kann man Erkrankte mit dieser Maßnahme wirksam von ihren Absichten abhalten? Und wären sie für sich tatsächlich eine derartige Bedrohung, würde man sie auf einer offenen Station behandeln?

Die vorliegenden Zahlen einer Beobachtungsstudie von 350 000 Patienten aus 21 deutschen Psychiatrien über 15 Jahre sind interessant (http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/69809), zeigen sie doch, dass mehr Freiheit nicht unbedingt bedeuten muss, diese auch zu suizidalem Verhalten auszunutzen. Natürlich bleibt es eine Frage von Ursache und Wirkung, von begleitender Unterstützung in geschlossener Psychiatrie und ausreichend Hilfestellung in der offenen. Menschenrechtler fordern immer wieder, den Freiheitsentzug in der psychiatrischen Behandlung vollends abzuschaffen, wobei dabei die Praktikabilität offen bleibt, solange wir in einem Land leben, in dem Ärzte einen Eid darauf abgelegt haben, Leben zu retten – und wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden können. Die Würde des Menschen ist laut Grundgesetz unantastbar, eine ernsthafte Diskussion darüber, ob diese Vorgabe ohne geschlossene Psychiatrien tatsächlich besser erfüllt werden könnte, muss zumindest dann bezweifelt werden, wenn man darauf vertraut, dass derart massive Eingriffe wie der Freiheitsentzug nicht lapidar angewandt werden.

Öffentlichkeitswirksam muss einerseits auch die Tatsache werden, dass Psychiatrie nicht gleichbedeutend mit geschlossener Behandlung ist. Viel eher hat sich schon heute der offene Weg durchgesetzt, dort, wo es möglich ist. Und doch regen die neuesten Erkenntnisse an, den Wandel im psychiatrischen Gesundheitswesen noch weiterzudenken. Kann manch ein Patient vielleicht früher vom geschlossenen in den offenen Therapiebereich verlegt werden? Sollten wir uns noch mehr Mühe geben, die Suizidalität des Einzelnen auf Ursachen, Ausmaß und konsistente Überzeugung zu hinterfragen? Müssen wir unsere Gesetzeslage derart verändern, dass wir die freie Entscheidung des Individuums noch stärker respektieren – damit aber auch Haftungen für Behandler senken?

Mit dem Thema „Suizidalität“ sollte man keine Experimente machen. Daher bedarf es einer behutsamen Fortschreibung der Psychiatrie in das Spannungsverhältnis von Freiheit und Schutz hinein. Maßgebend muss das Wohl des Patienten sein – auch dann, wenn er aufgrund einer seelischen Ausnahmesituation nicht in der Lage ist, dieses zu artikulieren. Die Motivation eines Behandlers ist darauf gerichtet, einem Menschen in psychischer Not so schnell als möglich seine Freiheit zurückzugeben – und ihn deshalb zu befähigen, in eine Situation zu gelangen, in der Eigenverantwortung wiederum möglich ist, auch – und gerade – über das Leben.

Offene Psychiatrie steht unter den jetzigen Ergebnissen möglicherweise in einem neuen Licht da. Denn tatsächlich scheint sich die Vermutung, dass mehr Freiraum auch Potenzial bietet, suizidale Absichten auf anderen Wegen als über den Freiheitsentzug zu kurieren, zu bewahrheiten. Überlegt man sich, warum Menschen in die ausweglose Situation gelangen, ihr Leben nicht mehr bewältigen zu können oder zu wollen, so sind es doch gerade oftmals Zwänge der unterschiedlichsten Art, die die Hilflosigkeit ausgelöst haben. Unterdrückung mit Unterdrückung zu behandeln, das hat in den seltensten Fällen Erfolg gezeigt. Freiheitsentzug darf deshalb einzig und allein den schützenden Aspekt beinhalten, mit ihm kann keine Linderung von Ursachen erzielt werden. Das muss in der geschlossenen Psychiatrie bewusst bleiben – und darf keinesfalls die Bemühungen dort überdecken, die eigentliche Therapie zur wegweisenden Form der Behandlung zu erklären.

Und so bleibt natürlich eine Psychiatrie, in der der Patient frei ist – räumlich, im Willen und in der Wahl seiner Versorgung – stets das vorrangige Mittel. Und nach den neuesten Erkenntnissen werden wir uns noch öfter als zuvor fragen, ob wir diesem Wunsch nach Offenheit nicht häufiger und vor allem zeitiger nachkommen können. Dafür wird weiterhin äußerste Sensibilität in der Einschätzung gefragt sein, auch Behandler dürfen sich nicht zu Entscheidungen genötigt fühlen, die sie später nicht verantworten können. Denn die häufige Darstellung, der Mensch sei allein für sich zuständig, ist dann nicht richtig, wenn er sich in helfender Hand befindet. Dann wird Schuld zum raschen Thema – nicht allein strafrechtlich, sondern auch seelisch für die, die in der Psychiatrie arbeiten. Auch sie sind Menschen, sie sind verwundbar. Daher sind vorschnelle Forderungen nach einer Lockerung der geschlossenen Psychiatrie falsch. Doch die Studienergebnisse geben möglicherweise Rückhalt bei Zweifeln, die in jeder medizinischen Disziplin nie zur Gänze ausgeschlossen werden können. Sie machen Mut, Freiheit wieder mit neuer Ambition zu betrachten: so viel wie möglich, so wenig wie nötig.

[Dennis Riehle]

Bundesministerium für Verkehr
Invalidenstr. 44
10115 Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 25. Juli 2016 hat mein „Fernbus“-Anbieter seine Geschäftsbedingungen an Europäische Standards angepasst – und damit die bisherigen Rabatte für Menschen mit Schwerbehinderung (und Merkzeichen G), die bisher 50 % der Fahrtkosten erstattet bekamen, gestrichen.

Begründet wurde dies mit der fehlenden Äquivalenz: in anderen europäischen Staaten gibt es diesen Status des Schwerbehinderten nicht, der – wie bei uns – als Nachteilsausgleich den ÖPNV vergünstigt oder frei nutzen darf. Daher wolle man einer Diskriminierung anderer europäischer Fahrgäste entgegenwirken, weil man mittlerweile ein Unternehmen sei, das Fahrten über den gesamten Kontinent anbiete.

Die Richtlinien der EU sind nun also offenbar Ausschlag gebend dafür, dass in Deutschland eine merkwürdige Situation entsteht: Zunächst einmal bin ich dankbar, dass ich mit den Fernbussen zu so günstigen Preisen unterwegs sein kann. Sie sind eine wirkliche Erleichterung und eine Alternative zu anderen Verkehrsmitteln, gerade für behinderte Menschen. Deshalb ist es auch keine monetäre Frage, die mich irritiert, sondern eine von Kontinuität und Gerechtigkeit.

Von heute auf morgen plötzlich kein Rabatt mehr – und das bei einer Argumentation, die ich gleichsam andernorts fragend anwenden könnte: Auch die Bahn fährt international. Und dennoch gewährt sie für die innerdeutschen Strecken bei Nutzung regionaler Züge freie Fahrt für Schwerbehinderte mit entsprechender Wertmarke.

Warum verfahren die „Fernbus“-Anbieter nicht auch so und erteilen ihre Vergünstigungen auf innerdeutschen Kurzstrecken weiterhin? Selbst örtliche Busbetriebe halten es derart – auf Strecken, die ins Ausland führen, endet die Befreiung von den Gebühren.

Stattdessen ist genau jetzt eine tatsächliche Diskriminierung entstanden: Der deutsche Schwerbehinderte, der den „Fernbus“ nutzt, wird anderen hiesigen Schwerbehinderten auf sonstigen Verkehrsmitteln nachgestellt – und das im Personenverkehr des eigenen Landes.

Mir fehlen in den momentan geltenden Regeln die Transparenz, die Konsistenz und die Vergleichbarkeit.

Leider schleicht sich darüber hinaus der Eindruck ein, wonach die Nachteilsausgleiche für Schwerbehinderte zunehmend geringer werden – entweder weniger in ihrer Anzahl oder teurer in ihrer Gegenleistung. Eine bedenkliche Entwicklung im Sozialstaat.

Insofern erbitte ich Ihre Stellungnahme
und verbleibe mit bestem Gruß

[Dennis Riehle]

Kommentar

Nach jeder Bluttat zittere ich erneut. Zunächst einmal im Schock über die Grausamkeit, die wieder einmal angerichtet wurde. Nein, solche Eindrücke dürfen nicht zum Alltag werden. Sie ermahnen uns zum Innehalten. Und doch warte ich dann stets auf diesen einen Satz – und fürchte mich. „Der Täter war offenbar psychisch krank“, immer öfter hören wir diese Aussage bei Katastrophen, bei einzelnen Amokläufern, ob nun damals in Winnenden, in der „Germanwings“-Maschine über den Alpen oder jetzt im Einkaufszentrum in München.

Warum mich diese Zuschreibung ängstigt – und gleichzeitig empört? Wenn man, wie ich, selbst seelisch erkrankt ist, wird man in den folgenden Tagen und Wochen nach solchen Ereignissen immer wieder gefragt, muss sich rechtfertigen, sein eigenes Leiden ausbreiten – und feststellen: „Nein, nicht jeder, der eine Depression hat, wird zum Massenmörder“. Doch scheinbar vermitteln uns Politik und Medien ein anderes Bild. Aus den verkürzten Darstellungen, den Schlagzeilen und dem Sensationsinteresse von Presse und Konsumenten ergeben sich einfache Aneinanderreihungen. Psychisch labil bedeutet unberechenbar, potenziell gefährlich bedeutet Gewaltverbrecher.

Trotz langer Aufklärung ist es für Menschen mit seelischen Leiden bis heute eine große Herausforderung, sich gegen die Diskriminierungen in der Gesellschaft zu wehren. Noch immer kreisen die Vorstellungen von Irrenanstalten, Gummizellen und Zuchthäusern in den Köpfen, nicht selten werde auch ich gefragt, weshalb ich denn noch frei herumlaufen dürfe. „Verrücktsein“ im Sinne der vollkommenen Abnormalität, diese Verknüpfung wird nicht nur auf Menschen mit schwersten psychiatrischen Erkrankungen angewandt. Schon derjenige, der im Betrieb wegen BurnOuts fehlt, dürfte hinterher schräg beäugt werden. Nicht mehr zu funktionieren, und das aus Gründen, die das Gegenüber nicht sehen kann, das wirkt unbegreiflich. Was wir nicht fassen können, glauben wir nicht – und unterstellen gern einmal, dass der Betroffene nur simuliert oder im Zweifel eben vollkommen abgedreht ist.

Die Ausgrenzung ist ein Symptom für dieses herabwürdigende Verhalten. Als wenn es das einzige Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen wäre, seine Depression, seine Psychose, seine Angst. Auf den Pressekonferenzen nach den Massakern wird solch eine Neuigkeit wie ein alles erklärender Lösungsansatz verkündet. Nach dem Motto „Ach, der war ja psychisch krank, dann passt das hier ins Bild“. Die Akte ist geschlossen, weil man unter diesen Umständen ja nichts Anderes erwarten konnte. Minutiös wird dann daran gearbeitet, woher welche Waffe kam, wie der Täter von A nach B gelangte oder welche Kleidung er trug. Man mag nur hoffen, dass sich die Ermittler genauso umfangreich mit der offenkundigen Tragödie beschäftigen, die sich im Leben eines Attentäters vor seinem Angriff zugetragen hat. Denn mit einer pauschalen Etikettierung als „psychisch Kranker“ sind wahrlich keine Hintergründe identifiziert, sondern lediglich Vorurteile bedient worden.

Wenn wir uns nun wieder damit beschäftigen, welche innenpolitischen Maßnahmen wir ergreifen können, um adäquat auf die Vorkommnisse der vergangenen Wochen zu reagieren, setzen wir an der falschen Stelle an. Noch ein paar Videokameras mehr, weitere Kontrollen flächendeckend und am besten Fingerabdrücke, Bilder und Daten von jedem. Schlussendlich bleibt im viel gepriesenen Verhältnis von Sicherheit und Freiheit von letzterer nicht mehr viel übrig. Wir reagieren nur, wir fragen viel zu wenig nach den Ursachen. In den vielen Kerzenmeeren, die zum Gedenken an die Opfer aufgestellt werden, findet sich immer wieder ein Schild mit dem „Warum?“. Anscheinend ist es uns aber zu kompliziert, genau diese Frage beantworten zu wollen. Ursachenbekämpfung statt den Knüppel neuer Gesetze – sie würde nicht nur präventiv manche Wurzel ergreifen, sondern auch dabei helfen, Denkmuster zu verstehen und frühzeitiger zu intervenieren. Haben wir tatsächlich ausreichend Anlaufstellen, die niederschwellig unterstützen können, wenn Betroffene oder Angehörige nach Hilfe suchen? Blicken wir oft genug in Familien, die möglicherweise Schwierigkeiten haben? Bauen wir genügend Brücken, um psychisch Kranke in unsere Mitte zu integrieren?

„Baller-Spiele“ sollen mit dafür verantwortlich gewesen sein, dass in der bayerischen Hauptstadt geschossen wurde. Verehrung für den Amokläufer in Winnenden – und für den Osloer Angreifer. Der Verlust über die Realität, nicht selten sind das Zurückziehen in die Welt der Gewalt und die Ohnmacht über die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit Ausdruck von dieser viel besagten Depression. Doch nein, dann hilft eben nicht der Stempel, denn er bringt seelisch leidende Menschen weiter in die Defensive. Sie gehen der Gesellschaft verloren und rutschen ab. Zwar entscheiden sich glücklicherweise nur die wenigsten von ihnen, auf diese Kränkung mit Aggression zu reagieren. Aber wir müssen uns bei jedem Einzelnen auch selbstkritisch befragen. Letztendlich trägt der Täter Verantwortung für sein Handeln, doch sind wir nicht indirekt auch ein Stück weit Schuld, indem wir die Augen verschließen und die zurücklassen, die beispielsweise in der Schule nicht mehr mitkommen, wie es beim Schützen in München der Fall gewesen sein soll? Erfolgs- und Leistungsdruck, Versagensängste, sozialer Abstieg und Ghettoisierung – ein Weltbild des Ignorierens macht sich breit, wenn der Nachbar, Freund, Bekannte erst einmal in diese Spirale gesogen wurde.

Nein, jetzt kann niemand mehr beantworten, ob das Blutbad zu verhindern gewesen wäre. Die Frage stellt sich nun auch nicht länger. Und dennoch ermahnt diese Tat: Gehen wir nicht einfach in den Alltag zurück, indem wir eine rasche Begründung für das Monströse gefunden haben, sondern nehmen wir die Aufforderung aus diesem Schreckensereignis mit. Machen wir es uns nicht zu leicht mit Problemen in unserer Gesellschaft, von denen diese Katastrophe einige zutage führte. Blicken wir genauer hin, wenn es um unsere Nächsten geht, ob als Zivilgesellschaft oder als Staat. Denn Brandmarken macht alles nur schlimmer, frühzeitiges Eingreifen kann dagegen Leben retten…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Ja, man soll mit Vergleichen zurückhaltend sein. Und ja, das gilt besonders für mich, der die schlimmste Zeit der deutschen Geschichte nicht miterlebt hat. Und jeder Versuch, nur annähernd Parallelen zu ziehen, würde möglicherweise bedeuten, die damaligen Verbrechen relativieren zu wollen. Nein, das kann und darf nicht Intention von Nebeneinanderstellungen sein. Doch gerade, weil ich die Zeit bis 1945 nur aus Geschichtsbüchern, aus Erzählungen und Dokumentarfilmen kenne, bin ich darauf angewiesen, diesen oftmals nur bruchstückhaften Darstellungen mein Vertrauen zu schenken.

„Gleichschaltung“, „Ausmerzen“, „Erledigen“, „Entartung“, „Geschwüre“, „Krebs“, „Wucherungen“, „Säuberung“, „Reinigung“, „Dreck“ – nein, das sind leider keine plakativen Werbefloskeln für angepriesenes Waschmittel oder medizinische Fachbegriffe. Diese Ausrufe kursieren in der türkischen Politik und vor allem auch auf der Straße. Niemand kann verstehen, wie sich vor 80 Jahren Millionen Menschen an die Lippen einer einzigen Person hefteten. „Für ihn würde ich sterben“, „Für ihn würde ich mein Leben geben“, so skandiert die Menge. Nein, nicht beim Aufstieg Hitlers, sondern im Jahr 2016 bei Demonstrationen von AKP-Anhängern für ihren Präsidenten Erdogan.

Ich zerbrach mir immer wieder den Kopf, welche Psychologie dahinter stecken muss, dass Massen ihr eigenes Denken abschalten und das vorprogrammierte Band der völligen Hingabe, ja, sogar Aufgabe, abspulen. Hat es etwas mit der Verteidigung der Demokratie zu tun, wenn man sich vor Panzer wirft, um sein Leben für einen Anführer zu geben, der gleichzeitig mehr oder weniger sichtbar gerade diese Staatsform abschaffen will? Ich habe durchaus den Eindruck gewonnen, dass ein nicht kleiner Teil der türkischen Bevölkerung sich in einer Autokratie, in einer Diktatur wohler fühlen würde.

Es hat etwas von verloren gegangenem Stolz, wenn anscheinend nur der Weg der Macht hilft. Nein, man kann die Vorgänge in der Türkei keinesfalls mit denen von damals vergleichen. Es waren andere Dimensionen, es waren andere Beweggründe, es war eine andere Radikalität, Brutalität und Menschenverachtung. Doch auch die, die Ankara heute an den Tag legt, ist schon beeindruckend. Vielleicht hätte man solche Vorgehensweisen aus den Staaten West- oder Ostafrikas erwartet. Aber von einem Land, das noch bis vor kurzem beabsichtigte, in die Europäische Union aufgenommen zu werden?

Bildungsapparat, Gerichte, Verwaltungen – sie alle werden auf Linie gebracht. Ein Land, das nur noch nach einer Pfeife tanzt. Wer nicht mitmacht, wird abgeführt. Wer sich nicht verbiegen lässt, wird drangsaliert. Und noch immer schwebt das Schwert der Todesstrafe über allem. Die Drohung mit der Wiedereinführung der Todesstrafe könnte ein Bluff sein. Aber auch Realität werden. Denn Erdogan ist die EU mittlerweile ziemlich egal. Tourismus und Wirtschaft gehen bereits bergab – doch für einen starken Staat nimmt das Volk das gerne hin. Noch. Denn sollten in der Türkei tatsächlich wieder Köpfe rollen, nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinne, wäre die Isolation groß.

Zwar bekunden Brüssel und Berlin ihre konsequente Ablehnung der Todesstrafe und verbinden mit einer entsprechenden Rückkehr zu dieser Praxis durch Erdogan das Ende der Beitrittsverhandlungen in die Union. Aber in den Talksendungen hierzulande rechtfertigen Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Überlegungen nach einem konsequenten Durchgreifen bereits mit der außergewöhnlichen Situation, die nun noch mit dem Ausnahmezustand untermauert wurde. Die Antwort unsererseits müsste deutlicher ausfallen, aber wir müssen uns entscheiden. Ohnehin kann sich kaum jemand vorstellen, wie mit solch einem diktatorischen Regime ein Flüchtlingspakt aufrecht erhalten werden sollte, der ohnehin von Beginn an unmenschlich war. Für unsere Regierung scheint die Abwägung aber ernsthaft zu sein, sie denkt auch noch an unsere Präsenz auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik und die Folgen, die ein Rückzug von dort hätte.

Doch wer allein mit dem Gedanken spielt, Menschen wieder töten zu wollen, wer aus dem Hier und Jetzt in mittelalterliche Praktiken zurückfällt, für den darf es keinen Platz in der EU geben, auch keine Partnerschaft. Mir scheint, als würde die Bedeutung der Türkei überhöht. Sie zerstört sich gerade selbst – nicht wir sind auf sie angewiesen, wohl eher umgekehrt. Das muss deutlich werden, neben dem Hinweis, dass Menschenrechte nicht temporär „ausgesetzt“ werden können. Frankreich hat in seinem Ausnahmezustand die Grundrechte beschränkt – das ist zwar ebenso fragwürdig, aber nicht vergleichbar. Damit kann sich die Türkei nicht aus der Verantwortung nehmen, internationale Konventionen dauerhaft und zu jeder Zeit einzuhalten.

Ein Staat ist Richtender, aber nicht Hinrichtender. Wer die Todesstrafe befürwortet, macht es sich einfach. Er nimmt Kurs auf die Einbahnstraße. Denn wer dieses Urteil vollzieht, der schafft Tatsachen – was im ersten Moment Sorgen nehmen kann. Doch ein solches Denken mag nur gelingen, solange das Gewissen ausgeschaltet bleibt. Kurzfristig dürften die Emotionen befriedigt sein. Aber langfristig sind weder Versöhnung, noch Reue, noch Frieden möglich – von beiden Seiten. Die Todesstrafe hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, viel eher mit Rache. Jeder hat ein Recht auf Leben. Es ist Aufgabe eines Volkes, dies zu schützen. Wenn der Mob nun auf die Straßen strömt, dann aus Hilflosigkeit. Dann fehlen die Alternativen, aber auch die Perspektiven. Es ist ein armseliges Selbstbewusstsein, was dort propagiert wird, ist es doch nur aufgebaut auf heißer Luft.

So hart es klingt, ich lerne dieser Tage ein bisschen mehr darüber, wie das war, als meine Großeltern in den Krieg zogen, über die Motivation von früher. Doch noch viel schlimmer ist: Wir alle denken immer wieder, solch eine Hypnotisierung eines Volkes könne sich nicht wiederholen. Schon gar nicht in unseren Breiten. Doch jetzt werden wir eines Besseren belehrt. Und das scheinbar über Nacht. Was ist da los in einer Gesellschaft, die blind vor Hass auf Gegner losgeht, sie mundtot macht – und vielleicht noch mehr? Wer hat dort möglicherweise versagt? Und welche Rolle spielen wir dabei? Vielleicht können wir aus ehemaligen Fehlern lernen, ein allzu langes Weggucken dürfen wir uns nicht leisten. Denn von selbst lässt sich Fanatismus nicht stoppen…

[Dennis Riehle]

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Kommentar

Seit einigen Jahren nun fühle ich mich zur säkularen „Szene“ zugehörig. Freidenkerisch ausgerichtet, durchaus aber ein zweifelnder Mensch, der den Gottesglauben nie völlig aufgegeben hat – und schon gar nicht die Werte, die ich eigentlich für „humanistisch“ erachtet habe. Doch seit einiger Zeit bin ich mir nicht mehr sicher, in welche Richtung diese neue atheistische Bewegung gehen wird. Und vor allem, ob sie noch das Verständnis von Mitmenschlichkeit zeigt, das ihr von Cicero über Herder bis zu Plessner in die eigene Wiege gelegt worden war.

Der Begriff von Freiheit und Selbstbestimmung ist weiterhin unzertrennlich mit dem Humanismus und seinen Lehren verbunden. In Anlehnung an die antiken Vorbilder, die bis zur Kasteiung an sich arbeiteten – ob über Bildung, Sport oder die schiere Selbstaufgabe –, idealisiert die heutige säkulare Bewegung ihr Menschenbild nicht nur. Sie individualisiert es auch bis in das Extreme. Die Verantwortlichkeit für den eigenen Körper und Geist verbindet sich mit dem libertären Gedanken einer Grenzenlosigkeit. Ob in Wissenschaft oder Forschung, ob in persönlicher Ekstase oder erfolgsorientiertem Leistungsgedanken.

War das frühere Bewusstsein auf ein Miteinander noch zwingender Grund, sich einer moralischen Übereinkunft verpflichtet zu sehen, fehlt es heute oftmals an einer Richtlinie, die sich auf tugendhafte Standards verständigt, welche weit über den eigenen Fortschritt hinausgehen. Das solidarische Denken ist verloren gegangen, blicke ich nur auf die massiven Forderungen aus der humanistischen Bewegung, § 218 StGB endlich abzuschaffen. Die Argumentation, über den eigenen Körper bestimmen zu wollen, rechtfertigt keinesfalls eine „Legalisierung“ der Abtreibung.

Hier wird ein Ideal ganz offensichtlich missbraucht, um davon abzulenken, dass Menschsein nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung bedeutet. Die Vorstellung, ich alleine könnte über alles entscheiden, was in meiner Macht steht, ist unter dem Gesichtspunkt einer humanistischen Ethik ein vollkommener Trugschluss. Denn unsere Existenz eignet sich nicht für egoistische Befindlichkeiten. Wer mit angehendem Leben spielt, hat das Maß über das eigene verloren. Nur in den allerseltensten Fällen entstehen Schwangerschaften gegen den Willen einer Frau. Damit ist sie mehrheitlich in der Lage, die Entscheidung für ein Kind mündig zu treffen.

Genau diese Fähigkeit muss ich ihr zusprechen, wenn ich das Bild des Humanismus bis zum Ende dekliniere. Als werdende Mutter übernimmt sie eine Schlüsselrolle in der Solidargemeinschaft. Das Experimentieren mit dem eigenen Körper taugt nicht für ein Gesellschaftsbild, in dem wir tatsächlich selbst-bestimmt leben. Nachwuchs bedeutet auch, für das Allgemeinwohl und seine Zukunft Sorge zu tragen. Diese Aufgabe verbindet sich mit dem urmenschlichen Können, Leben zur Welt zu bringen. Wer nur sein eigenes Wohl wertschätzt, dabei nicht nur die Folgen von Abtreibungen vergisst, sondern aus seinem Ich-Sein heraus auch nicht mehr die Perspektive auf das „Wir“ einnehmen kann, tritt den Humanismus mit Füßen.

Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Ob es nun die medizinischen Fertigkeiten zum Schwangerschaftsabbruch sind – oder auch der Traum des Transhumanismus zu einer „Vervollkommnung“ des Menschen mit Wissenschaft, Technik und Forschung: Uns steht eine gewisse Demut immer gut zu Gesicht. Nur, weil Atheisten oder Freidenker nicht an einen Gott glauben, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie sich gleichzeitig auf seinen Stuhl erheben können. Der heutige Humanismus überschätzt sich in vielerlei Hinsicht. Während ihm einerseits ein inhaltliches Konzept seiner Überzeugungen fehlt, wenn sich die Welt nur um den persönlichen Profit dreht, bleibt er im Begreifen von Umwelt, aber auch des Universums, relativ einsam.

Natürlich könnten wir schon morgen alle Drogen freigeben, wie dieser Tage von manchen säkularen Organisationen gefordert. Doch wo ist die Vernunft, die Fromm so propagierte, und die eigentlich hochgehalten wird, wenn sich die Humanisten zu Wort melden? Selbstverständlich dürfte sich dann plötzlich jeder von uns bekiffen – bei Alkohol und Zigaretten sieht man bestens, wie die staatliche Regulierung funktioniert, die auch bei anderen Rauschmitteln effektiv sein soll, glaubt man den Befürwortern vollständiger Legalisierungen. Ein Humanismus, der sich durch seine Überheblichkeit eigens zerstört?

Wir müssen uns als Menschen auch vor uns selbst schützen. Denn wie sonst sollen wir verhindern, dass Sterbehilfe nicht künftig zur gängigen Praxis für jeden wird, der zwischendurch auf einmal keine Lust mehr zum Leben hat – oder dass wir uns alsbald im Wochentakt verheiraten und wieder scheiden lassen, nur, weil wir auf Treue keinen Bock mehr haben? Anarchien verliefen bisher meist im Sande, ihnen fehlt es auch an Reife. Und so erscheint mir auch die säkulare Bewegung: Kindisch – und von der Phantasie besessen, dass ohne Verbote doch alles viel besser läuft.

Ja, wir haben die alleinige Gewalt über unseren Körper und über unseren Geist. Nicht alles davon ist zu jeder Zeit intakt. Genau für diese Augenblicke gibt es aber Regeln. Denn schließlich sollten Humanisten doch ihrem Namen nach bereits Anhänger des Lebens sein. Der Gedanke, wir können damit verfahren, wie es uns gefällt, mag richtig sein. Ab und zu ist dieser hochentwickelte Mensch offenbar aber doch außerstande, sein Handeln zu überblicken. Die Konsequenzen könnten vernichtend sein. Und spätestens dann hilft nur noch der suchende Blick: „Lieber Gott, hilf mir, aus meiner Begrenztheit klug zu werden!“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung
zu: „Wie es um die Gesundheitsversorgung in und um Konstanz bestellt ist“, SÜDKURIER vom 19. Juli 2016

Es ist völlig richtig, dass nicht nur auf den Ist-Zustand geblickt wird, wenn wir die Gesundheitsversorgung in der Region analysieren. Was im urbanen Raum als völlig intakt erscheint, bröckelt auf dem Land bereits erheblich.

Die nachgewiesene ungerechte Verteilung der generell hohen Zahl an Ärzten und Krankenhäusern mit einem enormen Schwerpunkt auf die Städte stellt schon heute ein Problem dar. Und sie wird sich forcieren, solange es keine Konzepte für eine dezentrale Versorgung auf dem Land gibt, die für Mediziner auch langfristig attraktiv erscheint.

Die Bemühungen um Anreize könnten verpuffen, sollten nicht die Gesamtbedingungen für praktizierende Ärzte der Zukunft auf die Bedürfnisse von heute angepasst und dauerhafte Unterstützung unterbreitet werden. Auch die herausragende Dichte an medizinischen Anlaufstellen in Konstanz könnte brüchig werden, beginnend in den Randgebieten. Denn besondere Faktoren, wie verlockende Angebote aus der Schweiz, verzerren das Bild hier vor Ort nochmals drastisch.

Hinzu kommt der ständige Druck, stationäre Betten halten zu können, wenn stets Fallzahlen im Blick behalten werden müssen und Krankenhäuser nicht nur durch steigende ambulante Betreuung mit den geringen Vergütungen zu jonglieren haben.

Lösungsansätze, wie die Bündelung der Versorgung in Ärztezentren, scheinen lukrativ, könnten für die Patienten in der Peripherie aber dramatische Folgen haben.

Die Welle an altersbedingtem Ruhestand unzähliger Mediziner in den nächsten Jahren erschwert die Aufrechterhaltung einer flächendeckenden Präsenz. Gerade junge Ärzte müssen dann aber auch an ihren Eid erinnert werden: Wenngleich wir Bewegungs- und Berufsfreiheit haben, steht im Medizinerberuf nicht allein der persönliche Erfolg im Mittelpunkt. Neben Wünschen haben Ärzte auch Verpflichtungen, nämlich, dort zu helfen, wo es nötig ist – und das im Zweifel auch abseits von Traumhaus und Seesicht.

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Dieser Tage wollte ich einer älteren Dame aus der weiteren Bekanntschaft einen Flyer übergeben, nachdem sie gefragt hatte, was ich „denn da so mache, mit diesen Humanisten“. „Na ja“, meinte sie, „irgendwie klingt das ganz schön abgekühlt“. Zunächst war mir nicht klar, worauf sie hinauswollte. Doch dann wurde sie deutlicher: „Gefühlskalt. Alles so rational. Davon lässt sich doch kaum jemand ansprechen“. Eindeutige Worte, auch wenn ich erst einige Tage später hinterfragte, ob denn an dieser Kritik auch etwas Wahres dran sein könnte.

Der Humanismus in seinen Ursprüngen ist verbunden mit der Vorstellung des Ideals. Durch ständige Bildung formt sich der Mensch immer weiter zum antiken Vorbild aus körperlicher und geistiger Höchstleistung. Gleichzeitig schwingt auch die Verpflichtung zum wohlwollenden Annehmen des Nächsten mit, tritt aber nicht nur bei Cicero in den Hintergrund. Vom „Renaissance-Humanismus“ über den Späthumanismus hin zum Neuhumanismus stand die Weltanschauung in einem Spannungsfeld aus Streben nach Perfektion, stoischem Drang der Gelehrtheit und der Aufgabe des sozialen Hinwendens.

Und heute? Heute scheint mir, als würden wir uns wiederum dem Gedanken der Selbstprofilierung zuwenden. Humanismus versteht sich mittlerweile als Versuch, die griechischen Vorbilder noch um Längen zu übertrumpfen. Der Versuch, uns etwas beweisen zu müssen, zieht sich durch das Bemühen, gleichzeitig auch ein bisschen Mitmenschlichkeit zu zeigen. Eigentlich wollen wir aber gar nicht solidarisch sein, würde dies doch Zeit und Kraft nehmen, die wir viel eher in die eigene Verwirklichung investieren könnten. Humanismus wirkt manchmal so, als hätte er seinen Zweck aus den Augen verloren.

Denn: Humanistisches Denken stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Aber: Steht dort nicht letztendlich der Einzelne, der um sein Glück kämpft, alleine, mit Ellenbogen und Verliebtheit, ausschließlich in sich selbst? Überhöhen wir mit einem liberalen Verständnis des Alleskönnens nicht diejenigen, denen das gesellschaftliche Denken egal ist? Warum wirkt der Humanismus, wie wir ihn leben, möglicherweise so unnahbar, so fremd, so abweisend? Vielleicht liegt es daran, dass Verbindlichkeiten fehlen. Ja, es ist eine große Errungenschaft, frei zu denken, frei zu handeln. Braucht aber nicht auch der Humanismus ein Pendant zur religiösen Moral, die protektiv auf ihn einwirkt? Eine orientierende Ethik, die Linien aufzeigt und im Zweifel ein „Stopp“ formuliert? Nicht das eines Gottes oder einer heiligen Schrift, sondern jenes von uns, das wir uns auferlegen, in der Abwägung von Erreichbarem und Sinnvollem.

Manchmal kommt mir die Welt eines manchen Humanisten recht klein vor. Denn sie scheint nur um die eigene Leistung zu kreisen. Er beruft sich auf seine Freiheiten, verkennt jedoch oft, dass mit futuristischen Utopien diejenigen zurückbleiben, die es nicht schaffen, an der Transformation teilzuhaben. Wer Selbstbestimmung zur Ultima Ratio stilisiert, der vergisst, dass mit jeder Entscheidung, die in diesem Sinne getroffen wird, im Zweifel ein anderes Recht beschnitten wird. Natürlich bleibt es jedem belassen, über sich zu bestimmen. Aber nicht grenzenlos. Ansonsten wäre er nicht Teil eines sozialen Gefüges, das unter anderem auch dazu da ist, den Einzelnen vor sich selbst zu schützen.

Immer wieder wird den Humanisten vorgeworfen, ihnen fehle es an „Inhalt“. Ja, woran „glaubt“ ein Humanist? Nicht im religiösen Sinne, sondern im Sinne von Überzeugungen. Wenn dann das Wort „Werte“ fällt, ist das meistens eine dünne Argumentationsgrundlage. Denn sie birgt kaum praktische Beispiele – besonders dann nicht, wenn die Außenwahrnehmung davon ausgeht, dass hinter der Philosophie des Humanistseins ein „ich“-bezogener Kanon libertären Wunschseins steckt. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Beobachter die humanistische Ideologie als diejenige betrachtet, die selektiert – wie in der Antike. Kann unter dieser Annahme eine solche Anschauung überhaupt mehrheitsfähig sein?

Wo ist die Begeisterung, mit der wir ausrufen, dass es bei uns um das „Wir“ geht? Die großen Glaubensgemeinschaften sind nicht umsonst derart beliebt (gewesen), weil sie die Menschen mitgenommen haben. Man gibt sich keine Blöße, wenn man eingesteht, dass wir alle in einem Boot sitzen – und nur schlecht ohne einander können. Mitgefühl und Mitsprache, Chancen und Hilfen, Weltoffenheit und Bedacht – der Humanismus ist nicht nur ein einziges Grundgerüst, es braucht Leben in diesem gemeinsamen Haus, das die Vielfalt der Persönlichkeiten ebenso wertschätzt wie die Notwendigkeit der Vernunft achtet.

Letztlich muss ein Humanist nicht als Egoist gelten. Ob im politischen, im gesellschaftlichen oder privaten Dialog: Um für eine freidenkerische Weltanschauung zu werben, braucht es stets auch Feingefühl. Das macht den Humanismus wärmer und holt ihn aus der Ecke der Olympioniken in vollendeter Pose. Ob es dabei immer hilfreich ist, die Freiheit bis aufs Letzte auszureizen, will ich bezweifeln. Nicht alles, was machbar ist, ist gleichsam nötig. Humanismus macht sich sexy, wenn er ein bisschen mehr Demut übt – und damit ein klares Bekenntnis zum Miteinander ausspricht. Dazu gehört auch, nicht nur „gegen“ etwas zu sein, sondern auch „für“ einen Glauben an das Menschsein – deines, meines, unseres.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.