Pressemitteilung
Funktionalität der Erkrankung steht im Mittelpunkt

Konstanz. Weshalb erkranken Menschen an einer Zwangsstörung? Viele biochemische Reaktionen spielen dabei ebenso eine Rolle wie psychologische Ursachen. Der Konstanzer Betroffene Dennis Riehle zeigt sich aufgrund seiner 20-jährigen Leidensgeschichte mit Händewaschen, Kontrollieren, Zählen und Zwangsgedanken davon überzeugt, dass auch die Zwänge eine Aufgabe ausüben, deren Logik sich jeder einzelne Erkrankte erarbeiten muss.

Wie das in seinem Falle ausgesehen hat und mit welcher Psychotherapie und Selbstanalysen er zu einer Reduktion um gut 50 Prozent seiner Ursprungssymptomatik kam, das schildert der 32-Jährige in einem Taschenbuch, das er aktuell veröffentlicht hat. „Funktionalität des Zwangs“ als eine geraffte Zusammenfassung der persönlichen Historie Riehles mit einer Aufarbeitung der stellvertretenden Funktionen seiner Zwangserkrankung für seelische Konflikte, Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung und eine Erziehung, die es manches Mal zu gut mit den später Betroffenen gemeint haben könnte: Das Büchlein eignet sich als Lektüre für Erkrankte, Angehörige, Fachpersonen und Interessierte.

Es geht dabei anhand der Zwangsstörung des Autors nicht nur auf die unterschiedlichen Formen der Zwangserkrankung nochmals genauer ein, es erörtert auch, welche Therapieformen bekannt sind und welche Riehle geholfen haben, um heute wieder ein Leben zu führen, in dem er die Oberhand über seine Zwänge gewonnen hat. Auch werden Selbsthilfemöglichkeiten, niederschwellige Angebote als Unterstützung für die Betroffenen und der wissenschaftliche Diskurs über die „richtige“ Behandlung gewürdigt, nebenbei enthält das Buch vor allem Tipps und Ratschläge, wie Betroffene die Bedeutung ihres Zwangs hinterfragen und ihn somit schlussendlich überflüssig machen können.

Riehle, Dennis: Funktionalität des Zwangs. Taschenbuch für Betroffene, Angehörige und Interessierte. BoD. Norderstedt: 2017. ISBN: 9783744898799. 4,99 EUR. Im Buchhandel und auf www.bod.de.

Zum Autor:
Dennis Riehle, geb. 1985, Konstanz, erkrankte im Alter von knapp 13 Jahren an einer schweren Zwangsstörung. Nach Inanspruchnahme von tiefenpsychologischer und Verhaltenstherapie blickt er auf die Ergebnisse seiner Behandlung zurück und stellt fest, dass die Selbstanalysen über die Funktionalität des Zwangs die meisten Fortschritte brachten. Riehle veröffentlichte bereits vor rund zehn Jahren sein erstes Werk zum Thema, auch dieses Mal spielen autobiografische Elemente und der Sachbuchcharakter eine Rolle. Riehle ist Coach, PR-Fachkraft und Freier Journalist, engagiert sich als Leiter der Selbsthilfegruppe zu Zwangsstörungen im Landkreis Konstanz, liest, kocht und musiziert leidenschaftlich gerne.

[Dennis Riehle]

Gedankenimpuls

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“ – vor kurzem begegnete mir bei einer Taufe wiederum das Lied von Arno Pötzsch (EG 533, 1941), das er inmitten des Zweiten Weltkrieges geschrieben und damit eine Aussage getroffen hat, die zutiefst tröstlich ist. Denn sie bildet ein Gottesverständnis ab, das den meisten Menschen auch heute angesichts von Religionskritik und Kirchenferne nahekommt. Es ähnelt dem des Pantheismus, besser noch dem des Panentheismus, den wir nur verstehen können in seiner Ausformung eines pandeistischen Anfang und Endes, eines Alpha und Omega. Gott ist alles, Gott ist die Natur. Gott ist kein externes Wesen, das lenkt und gestaltet. Gott hat geschaffen und ist im Weltall, vielleicht sogar in unserer Erde, in jedem einzelnen Menschen von uns aufgegangen.

Was zunächst märchenhaft klingen mag, das ist philosophisch gesehen wohl eher eine nüchterne Betrachtung. Was soll uns mehr geschehen, als letztlich ganz am Boden anzukommen? Tiefer als in die tiefsten Tiefen geht es nicht. Und sind wir nicht allein der Überzeugung eines Jüngsten Gerichts, das lediglich Auserwählte bewahren wird vor Fegefeuer und Verdammnis, dann kann letztlich das Ende des Fallens nur eine Ewigkeit bedeuten, die sich nicht schöner beschreiben lässt als durch „Gottes Hand“. Was bliebe denn denen, die im Krieg alles verloren hatten, jeden Tag den Tod vor Augen hatten und nicht wussten, ob sie aus der Gefangenschaft des Gegners je wieder heil herauskommen würden, wenn nicht dieser Wink mit einer Zukunft, die weltlich nicht zu erreichen scheint?

Schon Dietrich Bonhoeffer offenbarte gerade im Kerker des Nationalsozialismus die größte Ruhe, die ein Mensch sich nur vorstellen kann. Natürlich plagen uns Ängste, nicht nur in solchen Ausnahmesituationen. Sie sind letztendlich aber endlich, überstehen wir sie doch allerspätestens mit der irdischen Vergänglichkeit, wenn wir eintreten in die Erlösung, zu der jeder die Chance hat. Zu wissen, als Teil der Erde, als Teil des Universums, als Teil eines Ganzen nicht weiter fallen zu können als in die Tiefenlosigkeit unserer Vernunft, das ist ein barmherziger Gedanke, den auch Arno Pötzsch nochmals aufgreift: „Wir sind von Gott umgehen, auch hier in Raum und Zeit“ (Str. 3). Pötzsch bleibt bei der Transzendenz, wagt sich nicht in die Immanenz – und doch scheint das Miteinander von Mensch und Schöpfer an dieser Stelle so nah.

„In ihm“ zu leben, Pötzsch verfolgt die Auflösung in den Pandeismus mit den letzten Worten seines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch. Wir sind Teil Gottes, möchte er uns offenbaren, löst damit den Trinitätsgedanken der christlichen Lehre ein Stück weit auf, indem er den Umweg über die Menschwerdung gewissermaßen ausspart. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es nicht wenige Mystiker, die die Immanenz Gottes, die Herausbildung der Schöpfung aus diesem Urfunken des Nichts für sich entdeckt hatten, der wiederum die Allmacht und die Weite von Schöpfer, Lenker und Hüter deswegen unnötig macht, weil die Transzendenz zwischen Welt oder All auf der einen, Gott auf der anderen Seite, entfällt. Ob wir uns selbst als göttlich ansehen, eine Frage der heutigen Spiritualität und Esoterik mahnt den Christen zu einer wohlüberlegten Entscheidung. Denn bei allem freien Verständnis, das uns ein liberaler Gottesglaube lässt, ist die Entscheidung über unsere Position in der Breite der Existenz von Bedeutung.

Stehen wir am Rande, in der Mitte oder gehen wir in ihr auf? Wer der Dreieinigkeit weiterhin seine Überzeugung schenken will, kann nur zu einer Überzeugung gelangen, die im monotheistischen Sinne transzendent ist. Gottes Hand ist dann das von außen einwirkende oder sich aus der Materie heraus öffnende Netz, das uns die Furcht nimmt, wir könnten in Höllenqualen nur deshalb elendig zugrunde gehen, weil wir die Bodenlosigkeit des Seins und die immanente Unendlichkeit kennen. Es ist eine Frage der Persönlichkeit Gottes, ob er mir als nahestehendem Wesen ein Ansprechpartner ist, weil er sich aus der Welt abhebt und theistisch auf sie einwirken kann. Ist Gott dagegen als naturalistisch unpersönlicher Teil des oder gar das Ganze selbst, fällt die Vorstellung schwer, wie er aus der „Ursuppe“ heraus seine nicht nur schöpferische Kraft und Dynamik entwickeln konnte, sondern vor allem, wie er uns gegenüber Autoritätsperson und Lenker sein kann, ohne aus seinem panentheistischen „Einheitsbrei“ hervor zu gelangen.

Christen dürfen in der Selbstaufgabe und Beliebigkeit nicht derart flexibel sein, dass sie ihren monotheistischen Glauben im Sinne einer Trinität aus Deismus, Theismus und Pantheismus aufgeben. Nur die schiere Unvereinbarkeit der göttlichen Erscheinungsformen in Vater, Sohn und Heiligem Geist ist das Alleinstellungsmerkmal, das zu reduzieren eine Aufgabe christlichen Bekenntnisses bedeutete. Bei aller Attraktivität, dem neu an Fahrt gewonnenen Panentheismus seine Vorzüge als allumfassendes Sein abzugewinnen, würde eine christliche Anbiederung an ein derartiges Gottesbild eine Näherung an Islam, Judentum und Buddhismus bedeuten, die den identitätsstiftenden Charakter des Christseins unter den Weltreligionen preiszugeben in der Lage wäre. Gottes Hand kann also nicht das unendliche Sprungtuch sein, in dessen Zuverlässigkeit wir allein deshalb vertrauen, weil es mehr darüber hinaus nicht geben mag.

Wie sollen wir uns im panentheistischen Blick auf Universum, inklusive Welt und des Menschen, denn auch die Gnade Gottes vorstellen, die Pötzsch als Zugang zu ihm sieht (Str. 2)? Die Pfade können uns nur hinführen an ein Ziel, wir können nicht gleichsam Start und Finish sein. Und auch wenn die Anwesenheit Gottes als Ausdruck spirituellen Bewusstseins allzeit doch so spürbar uns umgibt, dürfen wir nicht verwechseln, dass diese Ebene eine andere ist als die, auf der wir Gott persönlich in unserem Nächsten, in Jesus Christus, begegnen können. Durch sein Wirken mit der Kraft des Heiligen Geistes führt er uns in diese Ewigkeit (Str. 3), die wir nicht als Ist-Zustand hinnehmen können, sondern als erstrebenswerte Utopie für unseren Verstand, als Option für unseren Glauben, als die Karotte vor den Augen des wettlaufenden Hasen sehen. Ansonsten wäre all das Wissen um Not, Schicksal oder Tod (Str. 2) auch so unerträglich, es gäbe keinen Ansporn, es zu durchstehen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Was in deutschen Gefängnissen schiefläuft“, FR vom 29.08.2017

Die Politik hat zweifelsohne viele Verbesserungen vorgenommen, um Zustände in den Strafvollzugsanstalten zum Guten zu wenden. So sollen Suizid-Prävention und die Versorgung psychischer Leiden ausgebaut werden, die Sensibilität für die Ausnahmesituation erhöht werden, in denen sich Gefangene befinden. Zweifelsohne: Sie haben in der Gesellschaft keinen leichten Stand, werden sie für ihre Situation selbstverantwortlich gemacht und können deshalb nicht auf eine Lobby hoffen.

Und doch zeigt sich unter anderem an den Gefängnissen, wie es ein Land mit der Menschenwürde hält. Denn sie gilt auch dort, wo man sie emotional vielleicht nicht zubilligen will. Und dass wir im 21. Jahrhundert noch immer dem Gedanken des Verwahrens stärker nacheifern als der Resozialisierung, das liegt auch daran, dass in der Justizpolitik über Ewigkeiten nicht nachhaltig gedacht wurde. Natürlich waren manche Entwicklungen nicht absehbar, aber seit jeher wird in einem Politikzweig, der schon immer eine stiefmütterliche Behandlung erlebte, ständig zu kurz gedacht – und das nicht nur auf dem Rücken der Insassen, sondern vor allem auch der Mitarbeiter.

Zu wenige Plätze, eine zu geringe Personaldecke, Konflikte in den Anstalten. Wie werden wir dem Grundsatz heutzutage gerechter, wonach das Bereuen und die Sühne, der Ansatz des Vergebens und der Versöhnung zumindest bei denen zum Ausdruck kommt, die ihre Taten aufzuarbeiten bereit sind? Das System muss einen lohnenderen Ansatz einnehmen, es braucht Perspektiven für die, die ihr Leben neu beginnen möchten – und keine Angst, im Gefängnis die Hölle durchleben zu müssen, nur, weil Einige meinen, sie müssten die gesamte Einrichtung aufmischen.

Nicht Drill, nicht Unterdrückung und nicht Bestrafung über die Maßen, sondern eine Vision, ob der Freiheitsentzug in seinem bisherigen Sinne die pauschal beste Lösung für alle Straffälligen sein kann, das ist das Gebot der Stunde. Ich wünsche mir von den Verantwortlichen Flexibilität in den Utopien eines modernen Justizwesens von morgen, von denen vielleicht einige Wirklichkeit werden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Das ganze Kind hat so viele Fehler“, SPIEGEL 35/2017

Der „Spiegel“ berichtet aktuell über eine seiner Redakteurinnen, eine Mutter im vierten Monat der Schwangerschaft, die erfährt, dass ihr Kind am „Down-Syndrom“ und anderen Krankheiten leiden wird. Entstanden ist ein überaus glaubwürdiger Artikel, der das Ringen einer Frau zeichnet, die ob der Nachrichten nicht weiß, was sie sagen soll, wie sie reagieren und mit diesen Neuigkeiten umgehen soll. Authentisch und mit allen Gefühlen, mit der Hilflosigkeit des Ausschreiens seiner gefühlten Not macht der Beitrag auf ein Thema aufmerksam, das sich langsam in unsere Mitte schleicht. Überschrieben wird der Artikel mit dem Zitat „Das ganze Kind hat so viele Fehler“ – und macht deutlich, dass es nicht unbedingt der einzelne Elternteil ist, sondern eine gesellschaftliche Einstellung, die dazu führt, dass sich Mütter und Väter bedrängt sehen, bei einem Abweichen von der „Norm“ zu hinterfragen, ob sie mit der „Last“ eines behinderten Kindes leben möchten.

Dabei sind nicht sie es, die vornehmlich mit der möglichen Beeinträchtigung leben müssen, vielmehr wird es das Kind sein, das eine außergewöhnliche Prägung haben wird. Doch schon allein der Wortschatz in unseren Breiten verdeutlicht: Wir stehen auf „Normalität“ – und können sie gleichsam nicht definieren, weil uns dafür das Maß fehlt. Denn wo beginnt der Grenzbereich, nach welchem ein Mensch nicht mehr den Vorstellungen entspricht, die wir von ihm haben, die wir von ihm und der Natur erwarten? Machen wir die Normalität an einem Mehrheitsbegriff fest? So, wie die meisten sind, so ist es auch normal? „Fehler“ beschreiben diese angebliche Unvollständigkeit – und noch viel mehr. Sie bewerten in einem Sinne, der für einen Menschen eigentlich nicht bestimmt ist. Zumindest dann nicht, wenn wir davon ausgehen, dass das Ergebnis eines Menschenkindes mehr ist als das Produkt der Evolution, in dessen Prozess es vielleicht zu „Normabweichungen“ kommen kann, zu „Fehlern“, die durch das falsche „Zusammensetzen“ von Teilen geschehen. Leben ist ein Gesamtkunstwerk, das man nicht nach seinen einzelnen Eigenschaften wird beurteilen können, um der Leistung gerecht zu werden, die da das Licht der Welt erblickt.

Wir machen aus dem Menschen ein Produkt, wenn wir es an dem „Qualitätsbegriff“ messen, den wir aus dieser „Schwarz-/Weiß“-Kategorisierung aus „gut“ und „schlecht“, als „perfekt“ und „mangelhaft“ ableiten. Als behinderter Mensch fühle ich mich nicht fehlerhaft, sondern besonders. Gern auch anders als die überwiegende Zahl meiner Mitmenschen, wahrlich aber nicht alleine, selten oder ausgegrenzt. Vor allem auch nicht minderwertig oder bemitleidenswert. Das werden wir nur in einem Denken von oben herab, in welchem sich die angeblich Tadellosen über die stellen, die aus ihrer Sicht „Makel“ haben. Der gesamte Sprachgebraucht ist bereits heute darauf ausgerichtet, zu selektieren. Dabei verschweigt niemand, dass die Annahme eines Kindes mit Behinderung eine Herausforderung ist. Nicht aber, weil es ihm an etwas „fehlt“, sondern weil es mehr Aufmerksamkeit bedarf als andere. Das wiederum ist doch aber nicht nachteilig, sondern würde jedem Nachwuchs angesichts der Pracht des Lebens zustehen. Es geht also um den Begriff des Kindes im Gesamten, um die Wertschätzung unserer Nachkommen, die wir uns nicht wünschen können, sondern die wir in ihrer Schönheit anzunehmen schon deshalb verantwortlich sein dürfen, weil wir selbst nur ein Gast auf Erden sind…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zum Hohelied auf die Frauenklinik Konstanz, SÜDKURIER vom 26.08.2017

Wir sollten manchmal etwas dankbarer sein. Beispielsweise dafür, dass wir vor Ort noch ein Krankenhaus haben, das in einer kommunalen Gemeinschaft und nicht von privaten Trägern gehalten wird. Wer heute die Bedingungen für Hospitäler kennt, von Vorschriften bis zu Pauschalen, der weiß, dass es viel Talent braucht, um all diese Barrieren zu überwinden – und gleichzeitig dem Patienten, den Mitarbeitern und den Aufsichtsbehörden nach deren hohen Ansprüchen zu genügen.

Meine Erfahrungen zeigen mir, dass am Konstanzer Klinikum engagierte Ärzte und Therapeuten arbeiten, die sich interessiert dem Erkrankten zuwenden. Meist auch gewilltes Pflegepersonal, dem man verständlicherweise zubilligen muss, unter schwierigen Vorzeichen mit immer weniger Zeit für den Einzelnen auch nur Mensch zu sein. Reinigungskräfte, Techniker und Hausmeister, die ihren Job sehr ernst nehmen, das zu erkennen, dafür reicht es, einmal mit offenen Augen durch das Haus zu gehen. Und nicht zuletzt eine Geschäftsführung, die versucht, den Laden zusammenzuhalten – und die das bisher, trotz aller Kritik, eigentlich ganz gut macht.

Denn die Versorgung ist gewährleistet, auch wenn wir oftmals feststellen müssen, dass aus unserem externen Auge, mit dem wir aber nicht die Schwierigkeiten innerer Abläufe erkennen können, an der Organisation noch etwas zu verbessern wäre. Dennoch: Mit einer so funktionierenden Gesundheitsversorgung, mit breit angelegten Fachbereichen und einem stetigen Willen, in Ausstattung und Einrichtung modern zu bleiben, können sich wahrlich nicht alle Regionen in Deutschland rühmen, die neidisch nach Konstanz blicken, wo das Krankenhaus noch wohnortnah eine vielfältige Abdeckung an Leistungen erbringt, die wir oft viel kritischer hinterfragen, als es vielleicht nötig und zulässig wäre.

[Dennis Riehle]

Brief an DIE LINKE Baden-Württemberg

Liebe LINKE in Baden-Württemberg,

ich bin überrascht: Einerseits über das Vorgehen von Bundesinnenminister de Maizière in Bezug auf das Verbot des linksradikalen (ich sage bewusst nicht -extremistischen, weil mir dazu noch zu wenige Hinweise über Zusammenhänge vorliegen) Internetportals „linksunten.indymedia“. Wenngleich wir erleben, dass der Aktionismus der Mitglieder der Regierung im Wahlkampf neue Höchststände erreicht und besonders der Innenminister seine harte Hand zeigen will, weil „die“ Bevölkerung laut Umfragen danach lechzt, ist das jetzige Manöver durchsichtig, konnte so für den Außenstehenden aber nicht erwartet werden.

Gleichzeitig bin ich auch über die pauschale Verteidigung der Macher des Portals durch DIE LINKE in Baden-Württemberg erstaunt. Da wird von „Journalisten“ gesprochen, die den „Neonazis“ die Stirn bieten würden, weil sie deren Machenschaften offenlegen und denunzieren, um zu zeigen, in welchen Gesellschaftsschichten die Rechtsextremen verwurzelt sind. Ich frage mich allerdings, wofür „Journalisten“ denn Schlagstöcke, Butterfly-Messer und ähnliche Utensilien für ihre Arbeit benötigen. Das Handwerkszeug des Journalisten ist seine Feder, sein Computer, mehr aber auch nicht. Ich bin ebenfalls einer, aber solche Gegenstände brauche ich für mein Wirken keinesfalls.

Und man muss durchaus konstatieren, dass die Inhalte, die auf der Plattform veröffentlicht wurden, nicht nur an der Grenze, sondern über die der Strafbarkeit hinausgehend anzusiedeln sind. Ich weiß nicht, welchen Sinn es machen soll, Menschen zu „outen“. Können wir dadurch ihre Ideologie verändern, indem wir sie sozial ausgrenzen? Nein, das können wir nur durch Überzeugung – und davon fehlt es mir bei denen, die hinter „linksunten.indymedia“ stehen, ganz erheblich. Denn wahrlich „linke“ Inhalte abseits der Anleitung zum Bau von Feuerwerkskörpern etc. fand man dort kaum. Allein Informationen zu Veranstaltungen und Aktionen hier wie da, mit den größtmöglichen Effekten Aufsehen zu erzeugen, den Versuch, rechtsextremes Gedankengut und seine Umsetzung zu offenbaren, statt mit dem Werbung zu machen, was ehrliche linke Politik ausmacht. Randale, Angriffe auf Polizisten und Anschläge können wahrlich nicht dazu gehören.

Insofern bin ich überrascht, wie wenig kritisch sich DIE LINKE in Baden-Württemberg gegenüber den Betreibern der Plattform gibt, wie unreflektiert sie stattdessen Solidarität mit ihnen übt und allein den Minister als Verantwortlichen ausmacht, dem man zweifelsfrei Wahlkampfgetöse vorwerfen kann, auch den Versuch, die Freiheits- und Grundrechte einzuschränken. „Zensur“ ist es aber wahrlich nicht, wenn der Staat in seinem Auftrag auf Einhaltung der demokratischen Ordnung darauf dringt, dass Ausgangspunkten von Gewalt ein Ende bereitet wird.

Deshalb bin ich nicht sicher, wie sehr solch eine Äußerung durch den Landessprecher der LINKEN über die gestrigen Vorkommnisse gerade einige Wochen vor der Bundestagswahl helfen werden, für diejenigen zu einer positiven Entscheidung für ein Kreuz bei eurer Liste und euren Kandidaten zu kommen, die sich gefragt haben, wie es DIE LINKE denn nun nimmt mit der Abgrenzung ins linksradikale Spektrum…

Beste Grüße

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Selbsthilfeinitiative rät zu rascher fachärztlicher Abklärung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie, Depression und psychosomatische Krankheitsbilder im Kreis Konstanz macht auf die zunehmende Bedeutung der funktionellen Erkrankungsbilder aufmerksam. Sowohl dissoziative, psychogene wie psychosomatische Krankheiten würden beim Ansprechpartner der Initiative, Dennis Riehle, zunehmend thematisiert und sich nach entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten erkundigt. „Die Scham ist hier nochmals größer als bei seelischen Erkrankungen ohnehin bereits, fühlen sich die Betroffenen mit ihren körperlichen Beschwerden doch nicht ernst genommen, weil der somatische Befund fehlt oder die Symptome nur unzureichend erklärt“, so Riehle.

Am häufigsten meldeten sich Betroffene mit Schmerzsyndromen und Leiden aus dem Magen-Darm-Trakt. „Sie haben oftmals bereits unzählige Untersuchungen durchlaufen, meist kam es dabei nie zu einem befriedigenden Ergebnis, weshalb man sie dann fälschlicherweise als ‚Simulanten‘ abtut. Doch das ist nicht richtig, denn die körperlichen Einschränkungen bilden sich die Menschen ja nicht ein, sie sind ja oft sogar nachweisbar“, weiß der 32-Jährige, dem eine funktionelle Hemiparese bescheinigt wurde, die nur bedingt durch eine körperliche Genese beschreibbar ist. „Meine Muskelmasse nimmt einseitig ab, das ist keine Phantasie, sondern lässt sich belegen“ und ergänzt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass sich bei mir auf eine neurologische Symptomatik noch ein psychogener Komplex verstärkend draufgesetzt hat. Dafür gibt es genügend gute Gründe, dies anzunehmen“.

Den Betroffenen rät Riehle rasch zu einer fachärztlichen Abklärung: „Mediziner, die auf psychosomatische Krankheitsbilder spezialisiert sind, werden nicht abweisend sein, sondern den Betroffenen ernsthaft mit seinen Problemen annehmen“. Wichtig sei aber auch, dass sich Erkrankte bereit erklärten, im Falle eines Ausschlusses aller körperlichen Ursachen auch den Weg in eine Psychotherapie zu gehen: „Damit gesteht sich niemand ein, dass er träumt und alle Einschränkungen nur Hirngespinste sind. Viel eher ist dieser Mut ein Ausdruck von Selbstverantwortung und Größe, couragiert tieferliegende seelische Konflikte aufzuarbeiten. Denn sie führe letztlich dazu, dass wir mithilfe von körperlichen Beschwerden ein Zeichen setzen, unsere innere Last loswerden und abtrennen wollen. Und diesen Hilferuf der Psyche sollten wir respektieren“.

Erkrankte und Angehörige können sich bei der Selbsthilfeinitiative zum Erfahrungsaustausch melden. Riehle ist auch behilflich bei der Suche nach den passenden Medizinern und therapeutischen Ansprechpartnern. Kontakt ist über Tel.: 07531/955401 (AB) und Mail: selbsthilfearbeit@riehle-dennis.de möglich.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich sicher“, „idea Spektrum“ 33/2017

Obwohl sich in Deutschland eine Mehrheit der Menschen sicher fühlt, diskutiert die Politik nahezu täglich über neue Einschränkungen der Freiheitsrechte zugunsten größerer Sicherheit. Man kann eben auch überregulieren und droht dann, vollständig in das Bedienen eines Populismus abzurutschen, der nur noch für eine Minderheit der Bevölkerung spricht.

Es ist wahrlich ein schlechtes Zeichen, wenn die Politik an den Menschen vorbei zu regieren vermag, das zeigt das zerrissene Band zwischen „Oben“ und „Unten“. Und leider befördert die Schwerpunktsetzung mancher Parteien den Eindruck, als habe in Berlin kaum noch jemand Ahnung davon, was den Bürger tatsächlich plagt.

Die stets hochgehaltene Frage nach mehr Polizei, Überwachung und Kontrolle ist es scheinbar nicht mehr, doch was könnte es sein? In Zeiten, in denen Konservative ihre Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik loben und verschweigen, dass die Armut in Deutschland immer stärker wächst, würden mir genügend Themen einfallen, die wirklich drängen…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Minister de Maizière weist Bedenken zurück“, „B.Z. Berlin“ vom 24. August 2017

Was mich nicht nur in diesem Bundestagswahlkampf stört, ist die Überheblichkeit mancher Politiker. So, wie aktuell bei Bundesinnenminister de Maizière. Woher weiß er, dass Videoüberwachung ein Sicherheitsgewinn ist? „Ist“, „wird“, „bleibt“ – in solchen Zeiten wie vor einer Abstimmung sprechen die „die da oben“ plötzlich im Indikativ.

Dabei fehlen ihnen für ihre klugen Feststellungen oftmals Begründungen. Auch in diesem Fall: Anstatt eine dialektische Aussage zu treffen, weiß der CDU-Minister offenbar um alle Auswirkungen einer Maßnahme, die so alt noch gar nicht ist – und deshalb kaum bewertet werden kann. Denn es geht nicht nur allein um Überwachung, es geht um das Ausspähen von Gesichtern.

Keine Zweifel an der Richtigkeit der Maßnahme, an der Zuverlässigkeit, an der Verfassungskonformität. Wenn es sich Politiker im Wahlkampf leicht machen, muss sich niemand wundern, wenn es ihnen Wähler am 24. September gleichtun – und entweder zu Hause bleiben oder für Protest votieren.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Atheisten werden als unmoralischer wahrgenommen“, ideaSpektrum 33/2017

Dass selbst Atheisten zu glauben scheinen, sie selbst seien „böser“ als Menschen mit einem Glauben, zeigt eine Unterordnung, die sich höchstwahrscheinlich aus der Weltsicht ableitet, dass Mehrheiten stets im Recht sind, besser sind, die Guten sind. Dabei gibt der Bezug auf Wertvorstellungen zunächst keinerlei Aussage über die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Sie können hier wie da ausgeprägt sein, verbinden sie sich allerdings in einem gemeinschaftlichen Glauben an eine höhere Macht und an eine Institutionalisierung der eigenen Religion, was eigentlich grundsätzlich ein höheres Misstrauen auslösen sollte, mit einer wenigstens gedanklich doch fassbaren Überzeugung, die eine möglicherweise angeborene Hoffnung nach Sinnhaftigkeit erfüllt.

Offenkundig sehen sich Atheisten sogar als „fehlerhaft“ an, es „fehle“ ihnen an einer Überzeugung an einen Gott, was wiederum ja impliziert, dass selbst Atheisten einen Gottesglauben nicht völlig ausschließen. Dies wiederum aber nur aus einer häufig zu beobachtenden Leere: Wie wird das „Vakuum“ gefüllt, das bei Atheisten an der Stelle Gottes im Gegensatz zu religiösen Menschen eine „Lücke“ hinterlässt? Niemand weiß, ob der Platz für einen Gott je vorgesehen war – oder ob er nicht einfach ein „Mehr“ ist in den Köpfen, auch eine Mär, die lediglich Sehnsüchte bedient, grundsätzlich zum Überleben aber nicht nötig ist.

Die Wissenschaft wird stärker diskutieren müssen, ob die Meinung, Atheisten seien eher böse und zu Verbrechen bereit, aus einer falsch verstandenen Zuschreibung und gleichsamen Verwechslung von Moral, Glaube, Ethik und Lehre entstammt – oder ob der Mensch im Geheimen, in seinem Gehirn überhaupt nicht anders kann, als davon überzeugt zu sein, an das Gute nur über ein religiöses (Gottes-)Verständnis zu gelangen. Und selbst, wenn dem so sei, kann der konsequent denkende Atheist noch immer dagegenhalten, dass auch diese Haltung nur ein Denken ist, das die Realität nicht abbilden muss.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.