Kommentar

Warum ist es heutzutage so schwer, mit Unterschieden zu leben? Ist das Miteinander von katholischen und protestantischen Christen deshalb weniger herzlich, weil wir bis heute die Spaltung der Kirchen noch nicht überwunden haben? Dieser Tage erfährt man an vielen Orten, wie Feiern der Ökumene die Botschaft der Reformation ins 21. Jahrhundert tragen sollen. Doch ist wirklich das Gemeinsame die Aussage, die von damals bis heute bleibt? Nein, wir sind gegen das Trennende, Konflikte mögen wir nicht, alle sollten sich liebhaben. Das wird Kindern bereits suggeriert – und ihre Fähigkeit, mit Lust und Laune zu streiten, sinkt dadurch erheblich. Dabei hilft es auch ihnen nicht, Identitäten zu verleugnen.

Warum dürfen wir unser gemeinsames Bekenntnis auf Jesus Christus, auf den dreieinigen Gott, nicht auch mit all den Differenzen untermauern, die uns bis heute trennen? Weshalb müssen wir eine künstliche Glückseligkeit dort herstellen, wo offenbar wird, dass wir noch ziemlich weit auseinander sind? Unterschiedliche Schwerpunkte in unserem Glaubensverständnis sind nichts Verwerfliches, sind nichts, wofür man sich schämen müsste. Dass Katholiken und Protestanten eine verschiedene Anschauung vom Abendmahl haben, von der Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, sich zwischen Leibhaftigkeit und Symbolträchtigkeit nicht nur bei der Frage des Empfangs von Leib und Blut Christi voneinander abzugrenzen, das tut der geschwisterlichen Nähe keinen Abbruch.

Viel eher schärfen wir die Kanten unserer Konfessionen, die manch ein Ökumene-Verliebter so gerne wegreden würde. Doch mich stört es nicht, dass meine katholischen Mitchristen das Zölibat weiter hochhalten. Als Protestant geht es mir vor allem um die Schlichtheit im Glauben, um die Konzentration auf die Wurzeln meiner Religion, die Schrift, weniger um die Verehrung des Heiligen. Und doch ist genau sie es, die mich fasziniert sein lässt von meinen Mitchristen. Und so ist kein Blick auf das Christentum weniger wert, nicht der katholische, nicht der evangelische. Viel eher ist der Respekt das Schöne am Reformationsjubiläum. Dass wir einander in den Schattierungen annehmen, die uns ausmachen. Dass wir einander zugestehen, dass Christsein unterschiedlichste Facetten haben kann.

Die Gleichmacherei der heutigen Zeit, sie ist ein Phänomen, die Divergenz nicht aushalten zu können. Nur im Einheitsbrei sind wir glücklich, am frohesten dann, wenn Ecken und Kanten ausgeräumt sind. Nicht obwohl wir zwei Konfessionen darstellen, sondern gerade weil wir eine Trennung hinter uns haben, konnten wir die Profile des Christentums schärfen. Sie haben uns genötigt, unser Bekenntnis klarer zu fassen. Nein, nicht, weil wir im Wettbewerb zueinander stehen, sondern weil wir zwei Seiten der ein und derselben Medaille abbilden, ist die Kunde vom Unterschied in der Einheit so prägend. Niemand von uns möchte die Eigenheiten seiner Konfession abgeben, auch wenn heutzutage das Trennende im Alltag doch kaum noch etwas zählt.

Sich bewusst zu entscheiden, das Christentum mit Herz und Verstand zu leben, das steckt hinter der Reformation, die einlädt, uns mit unserem Glauben wieder tiefer auseinanderzusetzen. Dass, was wir im Gebet alltäglich bejahen, das ist Merkmal und Kennzeichen unserer katholischen und protestantischen Prägung. Immer wieder neu sollten wir es vor uns rechtfertigen, nicht ablegen, um einer falschen Geschwisterliebe willen. Ein Freund zählt oft viel mehr, als eine Beziehung es leisten kann. So ergeht es uns auch als Christen mit unseren Konfessionen. Wir spüren die enge Verbindung, die uns gemeinsam trägt – und wir fühlen uns beflügelt von den Alleinstellungsmerkmalen unserer Verschiedenheiten.

Wir bilden die zwei Pfeiler der Brücke ab, die das Christsein symbolisiert. Ohne uns würde das Konstrukt zusammenbrechen, ohne unsere jeweilige Standfestigkeit das Fundament wackeln. Wir können uns die Hände reichen, ohne ineinander aufgehen zu müssen. Reformation ist der Anstoß zum Nachsinnen über die Bekenntnistreue jedes Konfessionellen. Wir feiern, dass wir als Christen zu unserer Herkunft stehen – aber unterschiedliche Wege genommen haben. Wir wissen nicht, ob und wann sie uns wieder zusammenführen. Das alleine ist Gottes Aufgabe, der über jedem wacht, ob hier, ob da. Wie wohltuend ist diese Zusage, viel mehr als ein Kuschelkurs, der zumindest heute noch nicht so ernsthaft sein kann, als dass wir ihn nicht ohne Verrat am eigenen Glauben überstehen würden.

Feiern wir Reformationsjubiläum im Spannungsfeld des Dualismus. „Herr, mache uns im Glauben treu, und in der Wahrheit frei, daß unsre Liebe immer neu, der Einheit Zeugnis sei“, so schreibt es Georg Thurmair in seinem Lied zur Ökumene. Zur Wahrheit gehört die Freiheit der Konfessionen, auf ihren Eigenheiten zu bestehen. Christus wird uns Zeichen geben, wohin er seine Kirche führen will. Lassen wir uns nicht hetzen, nicht verbiegen, nicht bedrängen in unserem Selbstbewusstsein, das uns wechselseitig stärkt. Wenn wir als friedliche Gemeinschaft der Christen Vorbild sein können für die Religionen der Welt, dann schon hat es sich gelohnt, in der Vielfalt den Zusammenschluss zu suchen. Gott bewahre ihn um seinetwillen!

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief
zur Ankündigung über eine „Halloween-Sauna“ in der „Bodensee-Therme“ Konstanz

Braucht es eine „Halloween-Sauna“? Ich kann das Marketing der „Bodensee-Therme“ zwar gut verstehen, wenn man mit dem legendären Brauch von Geistern, Hexen und Grimassen auch im Schwimmbad Kasse machen möchte. Doch gerade in diesem Jahr, da Christen offiziell gleich zwei Feiertage hintereinander begehen und die Stimmung eher des Gedenkens würdig ist, scheint es mir ein Affront gegen die Gläubigen, sich mit solchen Aktionen in den Vordergrund spielen zu wollen.

Ja, wir leben in einer Zeit des Egoismus. Jeder beansprucht für sich Selbstbestimmung. Da will man keine Regeln vorgesetzt bekommen, wann man Musik hören, Party machen oder in die Kürbis-Saune gehen darf. Respekt scheint in diesem Jahrhundert zu einem „Unwort“ verkommen zu sein. Doch wie lässt es sich gemeinsam leben, wenn jeder seine Freiheiten durchzusetzen vermag, ohne Rücksicht darauf, die Empfindungen Anderer zu verletzen? Ja, ich weiß, „religiöse Gefühle“ gibt es in einer säkularen Welt nicht mehr. Und ob Luther nun Thesen anschlug oder Katholiken den Toten gedenken wollen, was interessiert’s den Atheisten oder den, der zwar brav seine Kirchensteuern zahlt, aber eigentlich nichts mehr am Hut hat mit dem Glauben?

Solidarität im Besinnen darauf, dass Stille und Innehalten jedem gut tun kann, zur Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf Leben und Sterben, auf die Freude am Hier und Jetzt, diese Einsicht wünsche ich allen zum Monatswechsel – ob nun feucht-warm beim Saunieren oder beim Beten in Kirche, Zuhause oder auf dem Friedhof.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Besinnt euch auf die Wurzeln!“ – so könnte es Martin Luther uns auch heute noch zurufen. Und er hätte aus seiner Kernbotschaft der Reformation eine gemacht, die wir in vielen Lebensbereichen anwenden könnten. „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten“: Gerade jetzt, in den Tagen, da wir ihr 500. Jubiläum feiern, da leben wir im Jahrhundert, in dem der Mensch immer weiter hinaus, immer schneller vorweg, immer höher hinauf möchte, da sind die Thesen von Wittenberg doch eine Ermahnung, wieder in Respekt vor die Schrift zu fallen, sie ernstlich zu hinterfragen und ihre Rufe für unser Leben zu berücksichtigen. Von Schwangerschaftsabbruch über Präimplantationsdiagnostik, von Sterbehilfe bis zum Transhumanismus – dem Niederreißen menschlicher Grenzen durch Technik und Forschung, von einem Familienbild des Pluralismus bis hin zu einer Gesellschaft in Vielfalt. Ideologisch und für den Einzelnen mag Vieles von dem, was heute machbar und bereits Realität ist, völlig normal, notwendig und ein Zeichen des Fortschritts von Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Überwindung der Demut sein. Demut, die wir nicht mehr aufzubringen bereit sind, die wir Gottes Wort entsagen wollen, aus Eigennutz heraus, weil wir meinen, das Leben besser verstehen zu können als er. Die Reformation sollte die Überhöhung des Klerus überwinden, heute geht es darum, den Narzissmus und die Gier nach der Unendlichkeit zu stoppen. Kehren wir zurück auf den Boden des Rationalen, um nicht Dämme zu durchbrechen, die sich nie wieder schließen lassen.

Wir treiben Kinder ab, wie es uns gerade gefällt, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Wir verschwenden keinen Gedanken mehr daran, was Matthäus in Kapitel 19, Vers 14 sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Denn ihnen gehört das Himmelreich“. Denn: Wie sollen die Kinder überhaupt zu Jesus kommen, wenn sie nicht einmal das Licht der Welt erblicken dürfen? Aus der christlichen Überzeugung heraus, dass das Leben nicht erst mit dem dritten, vierten oder fünften Monat, vielleicht gar erst mit der Geburt beginnt, ist der heutige Trend zum frühzeitigen und übereilten Schwangerschaftsabbruch nicht vereinbar. Das Annehmen des Kindes in seiner jeglichen Ausformung, es steht als Überschrift über vielen Gesetzen der biblischen Zeugnisse, auf die wir uns gerade dieser Tage wieder besinnen sollten. Da ist nichts erwähnt von Behinderung, von Geschlecht oder Augenfarbe – ein Kind ist ein Kind. Es ist ein Geschenk Gottes, so, wie er es gemacht hat. Nach seinem Ebenbild schuf Gott uns Menschen bereits laut Genesis. Doch heute vertrauen wir den Grundfesten unseres Daseins nicht mehr, nämlich der Zusicherung, dass Gott jeden Einzelnen von uns in seiner Ausprägung führt, leitet und schützt. Natürlich sind die Lebenswelten komplexer geworden. Aber die Entscheidung zu Nachwuchs, sie fällt jetzt genauso wie vor Jahrhunderten im Bewusstsein dieser Einzigartigkeit, mit der wir keine Spiele treiben sollten.

Die Reformation erinnert uns daran, dass wir auf dieser Welt nicht nach Beliebigkeit mit dem Leben umgehen dürfen – wenngleich wir es „technisch“ könnten. Wieso schafften es Menschen früher, ihre Existenz mit vielen und wenigen Kindern zu organisieren, mit einer Geburtenkontrolle auf natürlichem Weg, mit einer Enthaltsamkeit, weil das Bewusstsein größer war, dass Sexualität nicht allein zum Spaß, für einen „One Night Stand“ gedacht ist, sondern Ausdruck von Verantwortung bleibt? Sie wertschätzten das Wunder der Geburt viel stärker als wir es heute tun. „Kinder machen“ – und sie im Zweifel wieder abzutreiben, wir setzen unseren Körper und unsere Seele einem Schindluder aus, machbar ist alles, rücksichtsvoll nur wenig. Wer sich auf die Schrift zurückorientiert, der wird innehalten vor dem Wunder des Lebens, gerade auch aus Empathie, aus Mitgefühl mit der Frau und ihrer Integrität. Selbstbestimmung ist nicht dann, wenn wir Kinder zeugen und Schwangerschaft abbrechen, sondern wenn wir Bedacht walten lassen, wenn wir Klugheit und Weisheit in der Weitsicht der Folgen an den Tag legen, die für viele Paare, die heute einem abgetriebenen Baby nachtrauern, so schmerzhaft bewusst sind. Reformation ist die Rückkehr zur Einsicht, dass unser Schlagen über die Stränge so viel Leid über uns bringt. Denn was wir in dem nahezu manischen Rausch des „Ich darf das“ vergessen, ist die Frage, ob wir verkraften können, was wir voller Unbedacht propagieren und letztlich auch tun.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“, so fragt Jesaja in Kapitel 49 – und redet uns damit ins Gewissen. Nie wird es aus unseren Seelen, aus unseren Köpfen verschwinden, die Schuld einer unüberdachten Entscheidung, ob das Kind nun gerade nicht in unsere Zeit passte, weil wir alleingelassen wurden von unserem Partner, weil unsere Berufsziele dagegen sprachen oder weil wir uns zu jung und überfordert fühlten für eine Mutterschaft, die uns in die Pflicht nimmt, mit der wir aber nie ohne Rückhalt dastehen. „Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen“, schreibt Jesaja an besagter Stelle. Als Gemeinschaft stehen wir zusammen, die Zukunft unseres Landes gemeinsam aufzuziehen, in einem Rechtsstaat, der soziale Absicherung leistet und in dem wir uns nicht winden müssen, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind. Neben all dem staatlichen Zusichern von Unterstützung wird Gott es sein, der keine einzige Mutter fallen lässt im Glauben an ihn und seinen Sohn. Das sichert die Bibel uns zu, das wird mit der Reformation deutlicher denn je. Und so sollten wir uns im Gedenken an die Thesen auch darüber im Klaren sein, dass es nicht in eine Welt des Christen passt, sich Kinder nach dem eigenen Wunsch auszusuchen, es widerspricht der Schrift eklatant. „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, sagt 1. Mose 1,27. Welche Torheit liegt in uns, dann in Frage zu stellen, das, was dort reift im Leibe der Mutter? Mit Präimplantadionsdiagnostik, mit Eingriffen in das werdende Leben, wollen wir herausfinden, ob es uns taugt, was heranwächst.

Egoistisch, allein auf unsere Befindlichkeiten gemünzt, ergötzen wir uns an den Ergebnissen von Tests, die uns letztlich vor die „Auswahl“ stellen. In Wahrheit sorgen wir uns nicht um die Zukunft unseres Kindes. Wissen wir doch nicht, wie es glücklich sein kann und will. Wenn wir den Lebenswert einem Neugeborenen nur deshalb abzusprechen vermögen, weil Krankheit, Behinderung oder Größe nicht in das Konzept der „normalen“ Welt zu passen scheinen, tun wir ihm nichts Gutes, wir beschneiden es wiederum seiner eigenen Selbstbestimmung! Welch ein Widerspruch in Zeiten, in denen Frauen für ihre Freiheit kämpfen – und sie ihren Kindern nicht einmal das Recht zugestehen möchten, dieses Gefühl der freien Entscheidung überhaupt je zu empfinden. Wir suchen nach Ausreden, um uns vor der Herausforderung zu winden, ein Kind ins Leben zu führen, das nicht dem Ideal der Kantenlosigkeit entspricht, das uns wenig Mühe bereitet und das wir so früh als möglich entlassen können in die Welt. Weil wir uns von Lasten lösen wollen, um unabhängig zu sein, das eigene Dasein zu genießen. Denn aus heutiger Sicht sind wir geboren, um möglichst viel für uns, und nur für uns, erreichen zu können. Und so ergeht es uns auch in der Gestaltung der Familie, so schauen wir allein auf das „Ich“ und den Profit, den wir aus dem Zusammenleben mit einem Partner ziehen, den wir uns über unsere natürlichen Grenzen hinweg auszusuchen vermochten. Selbstredend können und sollen wir einander lieben, jeder seinen Nächsten. Doch was wir heute aus dem Gebot in 1. Johannes 4,16 gemacht haben, das entspricht nicht dem, was Gott uns einst sagen wollte.

Heute schläft jeder mit jedem, heiratet, wen er möchte. Auch das ist alles möglich, doch wird es richtig, was der Zeitgeist uns verheißt, nur um einer angeblichen Mündigkeit des Einzelnen willen? Im Sinne eines Individualismus, der uns überheblich werden lässt gegenüber Vorschriften und Geboten, die nicht in unseren Alltag passen wollen, werfen wir das über Bord, was uns in unserer persönlichen Entwicklung zu „behindern“ droht. Dass Kinder „Vater und Mutter“ brauchen, weil die Unterschiedlichkeit der Geschlechter das abbildet, was Evolution und Natur an Ganzheitlichkeit für sie vorgesehen haben, diese Gegebenheit aus 2. Mose 20,12 wird um des Diskriminierungsverbotes dieser Tage verworfen. Reformation lässt uns nachdenklich blicken auf das „Jeder mit jedem“, auf eine „Ehe für alle“, auf ein Adoptieren von Kindern von Vätern und Vätern, durch Mütter und Mütter. Nicht, weil wir ihnen nicht zutrauten, die Kleinsten zu erziehen. Aber weil die sozialen Chancen andere sind, ob mit oder Stigmatisierung, die Einflüsse von Mann und Frau auf Reifung und Entwicklung eines Kindes sind gesellschaftlich von Bedeutung, sind psychisch eine Stütze, ohne die es den Kindern nicht schlechter geht, aber auch nicht besser. Dabei wollen wir doch aber die größtmöglichen Potenziale bieten, wenn wir uns schon entscheiden, einem neuen Leben hinein in diese Welt zu verhelfen. Die Wärme der Mutter, es braucht keine wissenschaftlichen Belege, um zu wissen, dass sie gut tut. Und natürlich wird sich ein Kind auch in den Armen zweier Väter prächtig machen – aber wird es uns jemals ehrlich darauf ansprechen, warum es nicht die Liebe einer Frau spüren durfte, der Frau, die es gebärt hat? Warum es etwas entbehren musste, nur, weil wir uns durchsetzen wollten? Wir können uns eine Welt so lange schönreden, bis auch Studien uns die Ergebnisse verheißen, die wir im „Mainstream“ hören möchten.

Reformation ist die Rückbesinnung auf das Leben, so, wie Gott es uns gegeben hat. Sie ermahnt uns auch im Blick auf das Ende des irdischen Daseins. Leiden will heute niemand mehr, dabei ist die Erfahrung des Durchschreitens von Tälern so existenziell. Keiner wird unerträglichen Schmerz spüren müssen, wenn Krankheit und Alter uns dahinsiechen lassen. Doch können und dürfen wir der Tragik manches Lebensabschlusses einfach deshalb entrinnen, weil uns die Fähigkeit gegeben ist, selbst über unser Ableben zu bestimmen? Den meisten Menschen geht es in der Sterbehilfe heute darum, niemanden in Angst allein zu lassen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; dein Stecken und Stab trösten mich“ (Psalm 23,4) verheißt uns Gelassenheit für den Moment, in dem wir um unser Leben bangen. In mancher Ausweglosigkeit und Deprimiertheit, wir sind gehalten von der Hand Gottes. Wir können nicht tiefer fallen. Deshalb gibt es auch keinen Grund, weshalb wir nur das Schöne in unserem Hiersein genießen, aber das Herausfordernde nicht durchschreiten sollten. Es lehrt uns Aufrichtigkeit und Beständigkeit, es hilft uns trösten und wieder aufzustehen vom Boden, auf den wir geworfen sind. Die Schwere zu umgehen, indem wir ihr entfliehen, uns um sie drücken wollen, das ist nicht nur mutlos, sondern zeugt von fehlendem Vertrauen in Gottes Gnade, die am Ende zurückbringt auf den Boden der Tatsachen, auf eine Grundlage, von der aus es weitergehen wird.

Reformation erdet uns. Sie bringt uns wieder in die Grenzen des Menschlichen. Wir brauchen keine Phase der Überwindung des Menschseins, wir brauchen kein transhumanistisches Denken. Aus ständiger Sorge vor einem Rückschritt, den Anschluss zu verpassen oder nicht ausgekostet zu haben, was theoretisch möglich gewesen wäre – all das klingt nach dem egozentrischen Siegergen, mit dem wir zum Gewinner werden wollen. Wir wollen den ersten Platz erringen, vielleicht wollen wir gar dem Tod entkommen. „Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“, sagt Matthäus 10,39. Wenn wir uns dieser Tage wieder neu bewusst werden, dass ein krampfhaftes Anhängen am Dasein nicht mit dem Endlichen vereinbar ist, das uns die Schrift verheißt, dann werden wir wiederum klar über unsere limitierte Vernunft. Denn sie lässt uns streben nach einer falschen Unendlichkeit, nach einem ewigen Leben hier auf Erden, das für uns aber nicht vorgesehen ist. Wie auch wäre das Wissen um ein Hamsterrad in all dem Irdischen nur zu ertragen, wenn wir nicht gleichzeitig um der Verheißung des Paradieses wüssten? Dass auf uns himmlische Perspektive wartet, doch nur dann, wenn wir uns nicht überschätzen, wenn wir uns nicht selbst zu überhöhen versuchen und uns nicht zum Götzen machen, das ist eine Einsicht, die sich nur mit reformatorischer Bescheidenheit verstehen lässt. Ohnehin: Reformation ist nichts für die, die nach Luxus, Lastern und dem Lebemann sinnen. Gehorsam, um wieder einmal Ordnung, Regeln und Verlässlichkeit in unser Hier und Jetzt zu bringen. Einzugestehen, dass Rastlosigkeit uns entfernt von Glaube und Fundament, uns abbringt vom Weg der Gerechtigkeit, das ist eine zutiefst schwierige Aufgabe. Doch niemand behauptete, dass Luther einfach war…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Die AfD wird nicht von alleine verschwinden‘“, stern 42/2017

Die Frage muss sein, ob die AfD überhaupt verschwinden muss. Als erklärter Gegner ihrer Ziele halte ich sie in demokratischer Hinsicht für eine Notwendigkeit, denn sie fordert in ihrer Präsenz diejenigen heraus, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Als wesentliche Protestpartei, die nur in geringem Umfang tatsächlich von nationalkonservativer Ideologie durchtrieben ist, nimmt sie nur nachrangig den Platz einer politischen Kraft rechts der Union ein.

Das Bemühen der CDU und CSU, sich positionell weiter an die Stelle der „Alternative für Deutschland“ ausdehnen zu wollen, entspricht also nicht zwingend dem Auftrag, den die Wähler der AfD den beiden Schwesterparteien (und allen anderen „etablierten“) gegeben haben. Denn im Protest drücken sich unterschiedliche Strömungen aus, genauso, wie die von weit links, so eben auch die von weit rechts. Es geht eher um thematischen statt um Richtungsstreit, den alle Parteien führen sollten, um den größten Teil der AfD-Wähler wieder ins klassische demokratische Spektrum zurückzuholen. So bedarf es klarer Antworten in Fragen der Zuwanderung, der Inneren Sicherheit, aber auch bei sozialem Zusammenhalt und in der Bildungspolitik.

Diese müssen nicht rechtslastig ausfallen, sondern konkret sein. Und sie müssen stärker an den Interessen einer abgehängten bürgerlichen Mitte orientiert werden als bisher. Wer jetzt allein versucht, die „rechte Flanke“ zu schließen, der treibt die Union unnötigerweise aus der Mitte weg, in der sie in Wahrheit aber viele Deutsche sehen wollen. Denn nicht der Rechts-Staat (genauso wenig wie der Links-Staat) hat derzeit Hochkonjunktur, sondern der der enttäuschten Menschen. Sie holt man mit Vertrauen ab, nicht mit einem Wetteifern um die einfachsten Parolen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe zu Zwangsstörungen im Landkreis Konstanz bietet wieder verstärkte Beratung an. „Nachdem die ‚Zwäng’ler in den letzten Monaten aufgrund der großen Anfrage zu Depressionserkrankungen zu wenig Aufmerksamkeit von uns erhielten, wollen wir uns nun wieder einem unserer Schwerpunkte widmen“, so Gruppenleiter Dennis Riehle, der die Initiative für Zwangserkrankte vor rund zwölf Jahren ergriffen hatte und seither persönlich, mittlerweile vor allem aber telefonisch, postalisch und elektronisch Patienten, Angehörige und Interessierte als betroffener Laie informiert und aufklärt.

„Die Fragestellungen haben sich über die Zeit kaum geändert: Welches sind die passenden Therapien? Wie finde ich den richtigen Arzt? Wie sage ich es meinen Nächsten? Und wie gehe ich am Arbeitsplatz mit der Erkrankung um? – Auf all das, was vor allem die Menschen bewegt, die selbst unter dem zwanghaften Zählen, Kontrollieren, Waschen oder Denken leiden, wollen wir Antworten finden. Heutzutage funktioniert das am ehesten über Mailberatung, zu Gruppentreffen kommt es dagegen seltener. Das liegt an einer veränderten Erwartungshaltung der Betroffenen und ihrer Angehörigen, die zunächst einmal Vertrauen fassen müssen und den Kontakt daher lieber so als über das direkte Aufeinandertreffen suchen“, erklärt der 32-Jährige, der seit mittlerweile 20 Jahren von Zwängen heimgesucht wird.

Das Ziel sei es, laut Riehle, Betroffenen und Angehörigen abseits der professionellen Versorgung im Gesundheits- und Sozialwesen auch eine ergänzende, niederschwellige Betreuung zu bieten: „Mit jemandem, der ebenfalls erkrankt ist, kann man viele Dinge deutlich leichter besprechen als mit einem Therapeuten, der die Erkrankung oftmals nur aus Büchern kennt“, meint Riehle, der überdies ergänzt: „Wir sind kein Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, im Gegenteil. Wir versuchen, an die passenden Stellen zu vermitteln, geben aus der Lebenserfahrung mit vielen Jahren an Zwängen unsere Einschätzung ab und können somit den Rat der Fachpersonen komplettieren“.

Die Selbsthilfeinitiative zu Zwängen, Phobien und Depressionen ist über Dennis Riehle, Mail: info@zwang-phobie-depression.de sowie Tel.: 07531/955401 (AB) erreichbar.

[Dennis Riehle]

Kommentar
Individualisierte Selbsthilfe

Weniger Teilnehmer an den Gruppentreffen, ein Anstieg interessierter Kontakte über das Telefon und per Mail – und nicht zuletzt eine Abwanderung vieler Menschen in die sozialen Netzwerke. Diese Beobachtungen über die Entwicklung der Selbsthilfeszene bewegen mich schon seit langem. Über viele Jahre Leiter der in den 1970er – 2000er-Jahre so wertgeschätzten Selbsthilfegruppen, in denen man zusammenkam, wenn man in ähnlichen Lebenssituationen, bei Krankheit, Sucht oder Armut die Unterstützung von Gleichbetroffenen suchte, erinnert mich der Wandel in der Landschaft dieses wesentlichen Fundaments des Bürgerschaftlichen Engagements an die generelle Veränderung unserer Gesellschaft.

Heute werden wir konsumorientierter, blicken in erster Linie auf unser eigenes Schicksal. Es geht weniger darum, den Grundgedanken der Selbsthilfe, der ein überaus individueller, liberaler und idealistischer ist, weiter aufrecht zu erhalten, wonach es nämlich wechselseitiger Synergie bedarf, um einerseits eigene Probleme zu lösen, andererseits mit den eigenen Erfahrungen auch anderen Betroffenen in deren Lebenslagen solidarische Unterstützung zu geben. Viel eher führt ein sich durchsetzender Egoismus dazu, dass dieses „Geben und Nehmen“ auf eine Komponente verzichtet: Gegeben wird heute nur noch ungern, obwohl das die Prämisse unseres Sozialstaates ist, in dem wir alle füreinander einstehen.

War die Kernaussage interessierter Anhänger einer Selbsthilfegruppe früher noch, man wolle aus dem Wissen der Anderen etwas mitnehmen, hoffe aber gleichzeitig, mit den durch die eigene Lebens- und Leidensgeschichte erlangten Erkenntnissen auch den Mitbetroffenen in einer Gruppe Mut zu machen und Hoffnung zu spenden, fragen viele Menschen in schwierigen Lebenslagen heute vornehmlich nach Hilfe für sich. Natürlich war die Selbsthilfe ihrem Namen nach auch immer darauf ausgerichtet, dass wir aus dem Miteinander mit Gleichgesinnten einen größtmöglichen Nutzen für uns ziehen, dass wir die Erfolge Anderer als Basis dafür heranziehen konnten, um daraus eigene Konzepte zu entwickeln, die wiederum uns in der ganz persönlichen Situation weiterbringen sollten.

Doch heute fehlt die Rückkoppelung, die Bereitschaft, für die Gedanken des Gegenübers wiederum einen Blick in das eigene Leben zuzulassen. „Ich will mich doch nicht noch mit den Problemen der Anderen beschäftigen“. Dieser Satz begegnete mir noch vor zehn Jahren selten, wenn es darum ging, für eine Selbsthilfegruppe zu werben. Heute ist er ein standardmäßiger Einwand dafür, weshalb sich Menschen aus Selbsthilfegruppen zurückhalten. „Ich habe genug mit mir selbst zu tun“ – eine Ausrede, die wiederum einen verheerenden Wandel in der Positionierung des Einzelnen in unserer Gesellschaft wiederspiegelt. Denn begriff man noch vor nicht allzu langer Zeit noch ganz genau, dass Selbsthilfe nur dann gelingen kann, wenn man sich seinerseits öffnet, so ist es heute das Verschließen der eigenen Persönlichkeit, das es schwierig macht, Menschen in prekären Lebensmomenten überhaupt noch eine Unterstützung anzubieten.

Seit Jahren verzeichne ich das wachsende Ansteigen der Zahlen an Hilfsgesuchen, die elektronisch, telefonisch oder postalisch eingehen. Früher war es nicht anders, doch die Selbstverständlichkeit, sich für Information, Beratung und Hilfe zumindest in einer Gruppe einzufinden, von der man selbst profitiert, wenn man eigens zu geben bereit ist, war um Längen größer. Heute sitze ich oftmals alleine im Stuhlkreis, wenn ich darauf warte, dass sich Menschen über ihre seelischen, körperlichen oder sozialen Probleme austauschen. Ich hoffe vergebens darauf, dass Bereitwilligkeit zur Interaktion besteht – und muss erkennen: Die Erwartungshaltung hat sich verändert. Welche Therapie die hilfsreichste ist, wie man mit seiner Erkrankung im Alltag umgeht und wie es der Andere geschafft hat, wieder gesund zu werden – all das debattierte ich noch vor ein paar Jahren in einer lebendigen Gruppe aus mehr als einem Dutzend Personen, dort, wo heute Stille herrscht.

Ganz anders sieht es da in meinem Postfach oder auf dem Anrufbeantworter aus: Die Fragen sind noch immer dieselben, doch die Forderung ist eine Andere. Individuelles Eingehen auf die Belange des Einzelnen, der sich nicht mehr mit den Nöten Anderer auseinandersetzen möchte, sondern möglichst kurze und prägnante Antworten wünscht. Im Dilemma, mich als Ehrenamtlicher verpflichtet zu sehen, Hilfestellung zu leisten, fällt es mir schwer, solche Menschen in eine Gruppe zu zwingen, ehe sie auf Reaktion hoffen können. Der Druck ist groß, die Mail zu bearbeiten und am Hörer für Auskunft zur Verfügung zu stehen. Immerhin will man als gleichbetroffener Laie ja seinen Beitrag dazu leisten, dass die Selbsthilfe auch weiterhin als die ergänzende Säule im Gesundheitssystem angesehen wird – auch wenn es eigentlich nicht ihre Aufgabe ist, die kurzen Sprechzeiten beim Arzt oder die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu kompensieren.

Die Individualisierung der Selbsthilfe schreitet trotz der Bedenken vieler Akteure in der „Szene“ weiter voran. Sie verlagert sich auch in geschlossene Gruppen wie bei „Facebook“ oder anderen Anbietern von Kommunikationsmöglichkeiten, die scheinbar geschützt wirken, in denen aber die Hilfestellung nie so aussehen kann wie im direkten Gegenüber. Auch in der Beratung an Telefon oder per Mail kommt nicht die Empathie zum Tragen, die Selbsthilfegruppen einst so populär und beliebt gemacht haben. Nicht nur ein stützendes Wort, sondern die Rückmeldung einer Gruppe, in der man sich auch gegenseitig in den Arm nehmen oder in Krisen rechtzeitig intervenieren kann. Die Selbsthilfe verarmt, wenn sie sich allein auf die mehr oder weniger persönliche Beratungstätigkeit von Betroffenen und Angehörigen zurückzieht.

Sie gibt aber gleichsam auch ein Fundament auf, das die gesellschaftliche Erosion zeigt: Die Wertschätzung des ehrenamtlichen Einsatzes am anderen Ende der Leitung ist heute eine andere als noch „damals“, als man gemeinsam in der Gruppe dankbar für den Einsatz jedes Einzelnen war, der zivilgesellschaftliches Engagement bewies und mit der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe nicht nur einen Eigennutzen für sich zog, sondern vor allem klar machte: In schwierigen Zeiten stehen wir zusammen. Niemand muss seinen Weg alleine gehen. Und am stärksten gewinnen wir aus der reziproken Zusicherung, „helf ich dir, hilfst du mir“. Dieses Konzept, das den Grundstein für eine Solidargemeinschaft legt, in der jeder nach seinen Möglichkeiten partizipiert, ist nicht nur in der Selbsthilfe verloren gegangen – es ist auch in unserem Gemeinwesen rar geworden.

Die Negativschlagzeilen nutzen jedoch nichts, sondern vornehmlich das Engagement, die Selbsthilfe wieder zu dem zu machen, was sie war – oder das neue Zeitalter als eine Herausforderung anzunehmen, in welchem neue Strategien entwickelt werden, die personengebundene Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenslagen abseits von Gruppen zu betreiben, die vielen einfach zu viel Zeit kosten und welche scheinbar nicht vermitteln können, dass es sich im Miteinander ergiebiger zu helfen lohnen würde. Deshalb ist die „Selbsthilfe-Beratung“ als neues Trendwort durchaus angemessen. Man mag dazu stehen, wie man möchte. Doch die Verantwortung für mich, der früher selbst dankbar war für all die Ratschläge, die Ermutigungen und die Denkanstöße, die ich von Anderen in vergleichbarer Lebenslage erhalten habe, wirkt bis heute weiter. Und sie verpflichtet mich, Beistand auch in einem Rahmen zu leisten, der mir noch fremd ist, weil er anders aussieht als noch gestern…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„‘Unter falschem Verdacht‘“, „neues deutschland“ vom 18.10.2017

Die Befürchtung, unter falschen Verdacht zu geraten, ist heute größer denn je. Mit modernen Methoden der Forensik kann zwar eine Menge an Straftaten aufgeklärt werden – doch ob der ermittelte Täter auch stets der richtige ist, das bleibt doch fraglich. Blick man nur auf das Vorhaben, die DNA-Analyse auszuweiten, so fragt man sich, ob es tatsächlich ein Fortschritt sein kann, wenn künftig alle 30 – 35-Jährigen mit braunen Haaren, grünen Augen und Migrationshintergrund unter Verdacht gestellt werden, weil eine einzige Spur am Tatort auf diesen Kreis der potenziellen Täter schließen lässt.

Oder bei der „Intelligenten Videoüberwachung“: Vertrauen wir wirklich auf ein Computerprogramm, von dem Experten meinen, es könne unter Milliarden Menschen den einen heraussuchen, der auf der Fahndungsliste steht und kurz davor ist, einen Anschlag vorzubereiten? Oder wie leicht kann es passieren, dass sich solch eine Maschine auch einmal irrt – und im Zweifel das Leben eines Unschuldigen zerstört, nur, weil wir die falschen Erwartungen in eine Technologie gesetzt haben, die niemals ausgereift genug sein wird, um fehlerfrei zu arbeiten?

In menschliches Handeln projizieren wir in der Aufklärung von Verbrechen ein grundständiges Misstrauen, das vor dem Richter dazu führt, wonach einzelne Untersuchungsergebnisse noch keinen Täter überführen können. Doch was ist, wenn wir PC-Systemen diese Skepsis bald nicht mehr entgegenbringen, weil wir ihnen hundertprozentige Genauigkeit beimessen? Dann wird es eng für alle, die einem Schwerverbrecher ähnlich sehen…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Wenn nur noch Drohen hilft“, „ZEIT“ vom 18.10.2017

Man fühlt sich zurückversetzt in Zeiten der PDS und WASG, als linke Interessen in Deutschland noch zwei unterschiedliche politische Kräfte benötigten, um zum Ausdruck gebracht zu werden. Auch heute scheint es noch so: In kaum einer anderen Partei schwelen die Auseinandersetzungen der Flügel derart beständig wie in der LINKEN. Nach der neuen Zusammensetzung der Fraktion brachen die bislang zumeist nicht-öffentlich ausgetragenen Grabenkämpfe jetzt offen auf, war man kurz davor, zurück in die Spaltung aus „Realos“ und „Fundis“ zu fallen.

Weil die ostdeutschen Linken in der Abarbeitung an der AfD offenbar nicht polemisch genug auftraten, weil Sahra Wagenknecht es wiederum wagte, auf die Flüchtlingsfrage rationale Antworten zu finden, deshalb steht DIE LINKE nun vor einem Scherbenhaufen, der verheerend ist für die Wahrnehmung der Partei in der Öffentlichkeit. Denn der Eindruck bleibt mehr denn je: Eine mögliche Mehrheit unter den Linken hat gar kein Interesse, ernsthaft zu regieren. Es geht um Konfrontation, um Kritik, um das Treiben derjenigen, die Verantwortung übernehmen.

Das wollten die beiden Fraktionschefs eigentlich schon lange verhindern, stießen auf erbitterten Widerstand der Parteispitze mit einer immensen Rückendeckung West-Linker. So bleibt DIE LINKE wohl dauerhaft nur ein zahnloser Tiger, der sich auf den Oppositionsbänken im Parlament eingenistet hat, ohne von dort wirklich etwas verändern zu können. Für solch ein Rollenverständnis wurden Parteien jedoch nicht geschaffen. Das hat auch der Wähler verstanden. Und die Linken dürften nach der aktuellen Einlage schon jetzt vor der nächsten Abstimmung zittern.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Rechtsruck in Österreich“, SÜDKURIER vom 16.10.2017

Der „Rechtsruck“ in Österreich, er wird meines Erachtens arg dramatisiert. Da haben ÖVP und FPÖ deutlich hinzugewonnen, aber ihre Stimmenzuwächse kamen keinesfalls aus dem Nichts heraus. Viele ehemalige BZÖ-Wähler, also Anhänger des Haider-Ablegers der „Freiheitlichen“, kaum weniger rechts als das Original selbst, kehrten offenbar zu ihren Wurzeln zurück, weil das „Bündnis Zukunft Österreich“ ebenso keine Alternative mehr darstellte wie das „Team Stronach“, dem man als merkwürdige Liste eines Millionärs zwischen Wirtschaftsliberalismus und Rechtskonservativismus alles zutrauen konnte.

Alle, die in der Wählerwanderung von diesen beiden politischen Kräften 2017 zur FPÖ öder der neuen „Liste Kurz“ wechselten, waren schon bei der letzten Abstimmung eher national gesinnt. Und die Verluste der „Grünen“ gehen keinesfalls zugunsten der „Rechten“, sondern speisen sich vornehmlich aus der Abspaltung der „Liste Pilz“, einem grünen Abweichler, dessen Anschauung man wohl eher bei Mitte-Links suchen sollte. Parteien und Bündnisse in Auflösung oder Ablösung haben vernebelt, dass Österreich bereits unter dem sozialdemokratischen Kanzler Kern eher „rechts“ unterwegs war.

Das machte nicht nur die Präsidentschaftswahl deutlich, sondern das zieht sich wie ein Roter Faden durch die Geschichte der Alpenrepublik, zuletzt besonders plakativ bei den Brüsseler Sanktionen aus den 2000er-Jahren, als Österreich das letzte Mal an der Urne zum Ausdruck brachte, dass es seiner Heimat stets eng verbunden ist.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Schlechtere Schulleistungen im Land“, „Badische Zeitung“ vom 15.10.2017

Zweifelsohne, die Landesregierung hat Schwachpunkte ausgemacht, die zum schlechten Abschneiden der Grundschüler im IQB-Bildungstrend geführt haben dürften. Doch zieht sie daraus auch die richtigen Konsequenzen? Ein „Weiter so!“ in Integration, Inklusion, bei Gemeinschaftsschule oder Ganztagesbetreuung ist sicher nicht der „große Wurf“.

Zwar will Ministerin Eisenmann an einzelnen Stellschrauben drehen, doch braucht es angesichts des dramatischen Abfalls in den Erhebungen nicht endlich auch Offenheit dazu, ideologische Grenzen zu überwinden? Seit Jahren arbeiten wir darauf hin, Schüler mit und ohne Behinderung, deutsch oder migriert, hochintelligent oder durchschnittlich in einer gemeinsamen Klasse zu unterrichten. Die einen mögen die anderen mitziehen, so ist die Idealvorstellung der Wissenschaft.

Doch funktionierte denn früher wirklich alles so schlecht, als man den Einzelnen noch förderte, im Kreise derer, die ihm vertraut waren durch ein annähernd gleiches Niveau, ähnliche Herkunft oder dieselben Ressourcen? Fühlte sich ein Schüler mit Handicap unter seinesgleichen wirklich so ausgegrenzt, wie man es uns weißmachen will? Und wie schwer tut sich heute ein Kind, das eigentlich viel mehr könnte, aber aus Rücksicht auf seine Mitschüler sein Wissen zurückstellt, leidet und schweigt? Die Wertschätzung des Individuums, zu ihr gehört auch die Einsicht der Unterschiedlichkeit. Gleichmacherei mit dem Ziel, dass letzten Endes alle Mittelmaß erreichen, das hat etwas Planwirtschaftliches und verletzt die Würde derer, die unter- und überfordert werden.

Nicht nur die der Schüler, sondern auch die von Lehrern, die zur Quadratur des Kreises verdammt sind, alle unter einen Hut bringen sollen – und die der Eltern, die verzweifeln, weil ihr Kind mit Fürsorge überladen wird, aber nicht die Unterstützung erhält, die es in seiner Einzigartigkeit verdient hätte.

[Dennis Riehle]