Leserbrief zu
„Schinnenburg: Brauchen kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene“, 20.06.2018

Ja, es ist richtig: Bei einer Legalisierung von Cannabis kann der Staat auf Steuereinnahmen hoffen. Und Konsumenten werden nicht länger in den Schwarzmarkt gedrängt.

Doch bei all diesen positiven Auswirkungen einer Entkriminalisierung der Droge müssen wir uns der schwerwiegenden Nachteile bewusst werden: Welch gefährliche Botschaft geht von einer Legalisierung aus, wenn wir Cannabis künftig als gesellschaftsfähig deklarieren?

Die massiven Auswirkungen auf die Gesundheit, sie werden bei einer Lockerung der Verbotspolitik gegenüber Drogen ins Abseits gedrängt. Wie bereits beim Rauchen und dem Konsum von Alkohol vergessen die Menschen die Gefahr von Abhängigkeit und langfristigen Schäden, wenn ihnen gleichzeitig die Chance suggeriert wird, mit dem Griff zu Cannabis Probleme kurzerhand leichter lösen zu können. Drogen sind keine Alternative – und dürfen nicht zu einer solchen stilisiert werden.

Es ist ethisch zutiefst verwerflich, nach Steuereinnahmen zu gieren und dabei die Unversehrtheit der menschlichen Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Der Konsum von Drogen muss in unserem Land auch weiterhin verfolgt werden.

Dabei geht es nicht um die Kriminalisierung des Cannabis-Konsumenten, sondern um ein deutliches Zeichen des Schutzauftrages des Staates gegenüber seinen Bürgern: Wir können nicht tolerieren, dass Drogen salonfähig werden, wenn wir gleichsam um ihr gefährliches Potenzial wissen.

Schon jetzt ist bei Alkohol und Zigaretten der Geist aus der Flasche, den niemand mehr einfangen kann. Wollen wir uns tatsächlich zumuten, einen breitflächigen Akzent der Sorglosigkeit zu setzen, sehenden Auges auf die Mauer zuzurasen?

[Dennis Riehle]

Kommentar

Wie hältst du es mit der Forderung nach offenen Grenzen? In einem Gespräch begegnete mir kürzlich dieses Thema – und ehrlich gestanden, hatte ich mir bis zu diesem Moment gar keine Gedanken darüber gemacht, wo ich mich in einer die Tagespolitik momentan stark bestimmenden Gretchenfrage denn tatsächlich positioniere. Da fordert ein CSU-Bundesinnenminister, Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen. Da lässt sich die Bundeskanzlerin auf das Platzen eines 63-Punkte-Plans ein, weil sie europäisches vor nationalem Recht sieht. Und da diskutiert vor allem die Partei DIE LINKE mit teils markigen Worten darüber, ob wir durchlässige oder eher abgeschottete Grenzlinien entlang der Bundesrepublik ziehen sollten.

„Offene Grenzen“ – es hört sich so schön an. Wir öffnen Deutschland für jeden Flüchtling, der bei uns Schutz suchen will. Ich bin zweifelsohne dafür, dass unser Staat Verantwortung übernehmen muss. Und ich halte gar nichts vom Argument „Wir können doch nicht die ganze Welt retten“. Denn theoretische Planspiele helfen uns im Augenblick nicht weiter. Und so steht auch nicht der halbe Erdball vor Europas Toren und bittet um Einlass. Die Flüchtlingszahlen sind gerade deshalb gesunken, weil wir endlich davon ausgehen sollten, dass Flucht nicht zur Lieblingsbeschäftigung ganzer Kulturkreise gehört. Menschen verlassen ihre Heimat nur sehr ungern – und sie tun das in den allermeisten Fällen aus größter Not heraus. Was spricht also dagegen, diesen Hilfesuchenden unsere Grenzen zu öffnen?

Ja, zur Realpolitik gehört zweifelsohne auch, dass unser „System“, von der Verwaltung bis zur sozialen Sicherung, vor allem aber auch unser gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht unendlich strapazierbar sind. Migration ist eine uralte Erscheinung. Und doch ist kein Erdteil darauf angelegt, mehr Menschen zu beherbergen als strategisch machbar. Allerdings müssen wir eingestehen: Die willkürlichen Grenzen nach unten und oben, die manch ein Unionspolitiker zieht, sind wahrlich kein Anhaltspunkt für die Belastbarkeit unseres Staates. Wir haben schon weitaus mehr gestemmt, da braucht es keine bemitleidenswerten Limitierungen, kein Aufheulen, wenn ein paar tausend Menschen mehr oder weniger in die Republik strömen. Gleichzeitig brauchen wir einen Überblick, wer zu uns kommt. Diese Mindestanforderung halte ich für zwingend, weil es dieser Tage auch zur Wahrheit gehört, dass nicht jeder Flüchtling, der bei uns um Asyl bittet, nur positive Ansinnen verfolgt.

Ich bin jedoch völlig dagegen, dass wir uns verbarrikadieren. Deutschland ist ein weltoffenes Land, das in vielerlei Perspektive Glück hat: Wir leben in einem gefestigten Europa, wir können im Moment auf stabile Klimaverhältnisse bauen, wir sind wirtschaftlich stark. Alles Gründe, die dafür sprechen, den nicht nur erarbeiteten Wohlstand auch mit Anderen zu teilen. Viele Gegebenheiten basieren auf reinem Zufall. Warum also sollten wir uns arrogant, besserwissend und notorisch erhaben zurückziehen und diejenigen abweisen, die mit uns in dieser einen Welt leben – und auch ein Stück Anteil haben wollen an dem, was uns Deutschen nicht rein selbstverständlich zusteht? Es ist klar: Wir brauchen gewisse Regeln, um ein Miteinander der Völker strukturieren zu können. Würden ganze Massen auf diesem Erdball auf die Idee kommen, ins heiß ersehnte Land der Glückseligkeit auszuwandern, natürlich kämen wir an den Punkt, an dem nichts mehr geht.

Doch warum tun wir so, als stünden wir bereits vor dem Kollaps? Mit Warnleuchten und hektischem Gerede versuchen Manche, uns eine Situation einzubläuen, die sich bei gelassenem Hinsehen ganz anders zeigt. Deutschland hat keinen Grund, sich hinter Mauern zu verstecken. Da ist noch deutlich Luft nach oben. Und von diesem Faktum sollten sich auch die nicht abbringen lassen, die derzeit gegen manch ein rechtspopulistisches Gedankengut ankämpfen müssen, das salonfähig zu werden scheint. „Offene Grenzen“ bedeuten nicht, dass wir die Kontrolle über das abgeben, was an unseren Außenstellen passiert. Viel eher heißt Offenheit, dass wir uns nicht wegducken vor der Verpflichtung, Menschen nicht nur unabhängig ihrer Herkunft und ihrer Ethnie, sondern vor allem aufgrund ihrer Not bei uns aufzunehmen. Und dabei sollten wir ehrlich mit uns sein: Wie weit fassen wir den Begriff dieses Schutzbedürfnisses, den viele Politiker unter anderem mit der Schaffung einer Floskel vom „sicheren Herkunftsland“ zu unterwandern versuchen?

Nein, natürlich können wir nicht jeden Erdenbürger in Deutschland aufnehmen. Doch niemand verlangt das von uns. Deshalb ist eine Diskussion darüber obsolet. Wir debattieren viel eher, ob wir an unseren Grenzen Humanität walten lassen und denen Aussicht auf Unterkunft bieten, die mit berechtigten Interessen einen langen Weg auf sich genommen haben, um keinesfalls freiwillig bei uns anzuklopfen. „Offene Grenzen“ heißen, dass wir denen ein faires Angebot zur rechtsstaatlichen Prüfung ihres Asylantrages machen, die an Deutschlands, an Europas Außenstreifen um Einlass bitten. Wir geben dabei das Heft des Handelns nicht von uns, wir ziehen uns aber auch nicht aus Gründen des Selbstbetrugs aus der Verantwortung zurück, weil wir uns vorgaukeln, das Fass stünde kurz vor dem Überlaufen. Es ist eine neue Art der Bequemlichkeit, weltverschwörerisch auf die Tränendrüse zu drücken, doch allein Trittbrettfahrer fallen auf die Kunst des Scheins herein, der mit dem tatsächlichen Sein der Flüchtlingspolitik so gar nichts gemein hat.

Wenn wir uns darauf verständigen, dass wir im Augenblick nicht vor dem Untergang des Abendlandes stehen, dann wäre schon viel gewonnen. Denn dann könnten wir mit kühlem Kopf attestieren, dass der Ansturm aus 2015 vorbei ist, der uns organisatorisch, sicher aber nicht menschlich an den Rande manchen Bankrotts in Ämtern und Behörden geführt hat – und dass wir heute keinen Anlass dafür haben, protektionistisch zu agieren und zu agitieren. „Offene Grenzen“, wir schicken niemanden voreilig zurück, sondern wir garantieren, uns jedem Anliegen penibel zu widmen. Wer im Hier und Jetzt nach einer präventiven Abschottung ruft, der tut dies allein auf Basis der Ängste von jenen, die wir im Trubel der letzten Jahre nicht mitgenommen haben. Derjenigen, die ihre eigene Umwelt zum Maßstab aller Dinge machen, ohne zuzugestehen, dass Viele von uns auf einem ziemlich hohen Niveau jammern. Keine Frage: „Offene Grenzen“ erfordern Anstrengung. Wer sie durch dekliniert, der muss für gesellschaftliche Integrität, Sicherheit, Versorgung und Prosperität gleichermaßen sorgen. Doch von welch hohem Ross wird so manch ein Deutscher steigen müssen, der aus Eigennutz und Schwermut die Aufnahmebereitschaft unseres Landes gegenüber denen verneint, die Weltenbürger sind, genau, wie du und ich?

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Theurer-Gastbeitrag: Die Antwort auf Trump ist eine gemeinsame Wirtschaftspolitik“, Tagesspiegel Online vom 07.06.2018

Michael Theurer hat recht: Wir brauchen eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, um auf die Provokationen Donald Trumps antworten zu können. Doch die Einlassungen des neuen Botschafters der Amerikaner in Deutschland zeigen noch mehr: Vor allem politisch dürfen wir uns in Europa nicht auseinander dividieren lassen. Denn einer Stärkung des Konservativismus‘, wie ihn sich die Trump-Administration vorstellt, kann nur durch eine besonnene Politik der Mitte entgegengetreten werden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass wir zurückfallen in die Zeit der Nationalstaaten, denn auch wirtschaftlich kann sich der europäische Binnenmarkt nur dann als Pendant auf Augenhöhe verstehen, wenn wir die Vielfalt ökonomischer Leistungen im Euroraum addieren. Der Einzelne wird von der Übermacht des amerikanischen Marktes überrannt. So weit darf es nicht kommen. Wenn wir auf „America First“ eine adäquate Reaktion geben wollen, dann muss sie heißen: „Mehr Europa“.

Vielstaaterei, das mag sich US-Präsident Trump für unseren Kontinent wünschen, denn ein gestärktes Europa ist für ihn der weitaus schwierigere Partner als ein alleiniges Deutschland, Frankreich oder Italien. Die geeinte Stimme unserer europäischen Nationen, sie kann dem lautstarken Gepolter Washingtons die Stirn bieten. Gerade jetzt, wenn in Europa manche Regierung vor großen Herausforderungen steht, braucht es den Zusammenhalt umso mehr.

Wir stehen füreinander ein, weil wir um den Gewinn der Gemeinschaft wissen. Das ist der größte Trumpf, den wir gegenüber der Abschottungspolitik Trumps in der Tasche haben. Mögen sich die Europäer des Geschenks der Union bewusst sein, stets kritisch und nach Verbesserungen fragend, selbstbewusst und demokratisch niemals müde.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„EU: Sperrklausel gegen deutsche Kleinstparteien“, FAZ.de vom 07.06.2018

Kleinstparteien bereichern die Parlamente. Zumindest gibt es auf europäischer Ebene weiterhin keinen Grund, politische Kleinparteien am Einzug in die Volksvertretung zu hindern. Und obwohl das Bundesverfassungsgericht bei seiner Urteilsverkündung über die 3 % – Sperrklausel forderte, dass es belegbare Argumente geben müsse, wonach die Funktionsweise des Europaparlaments durch den Einzug von Kleinstparteien gefährdet sein könnte, um die Existenz einer Sperrklausel zu rechtfertigen, setzte sich nun die Initiative der Großkoalitionäre aus CDU, CSU und SPD bei den EU-Staaten durch: Ab 2024, spätestens, soll es Piraten, Freien Wählern oder ÖDP neuerlich verweigert bleiben, den Sprung ins Europaparlament zu schaffen.

Mit diesem Schachzug, der jeglicher Grundlage entbehrt, nehmen die „Volksparteien“ ihren Mitkonkurrenten die Chancengleichheit. Und nicht nur das: Bürgern, die anderer Meinung sind, wird das Mitspracherecht verwehrt. Aus geschichtlichen Gründen müssen jene Wähler, die nicht den „etablierten“ Parteien ihr Vertrauen schenken wollen, schon auf nationaler Ebene darauf verzichten, dass ihre gewählte Kraft in den Bundestag einziehen kann. Auch „ein paar“ tausend Stimmen sind Grund genug, Anspruch auf einen Sitz in einem Parlament zu erheben.

Wer sich um die „wenigen“ Wähler nicht schert, der missachtet die Demokratie. Eine Sperrklausel mag unliebsame politische Kräfte vom Parlamentarismus fernhalten. Der Kollateralschaden für dieses Vorgehen ist jedoch immens: Ernsthaft an Politik interessierten Wählern wird die Perspektive genommen, mit ihrem Kreuz auf dem Wahlzettel tatsächlich etwas verändern zu können. Verdrossenheit am politischen Geschehen wird verschärft, die Ermutigung zum Protest steigt. Man kann Wählern von Kleinstparteien nur dazu animieren, sich von Sperrklauseln nicht irritieren zu lassen: Auch außerhalb der Parlamente wird Geschichte geschrieben!

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Psychotherapeuten: Eltern sollten Kleinkinder selbst betreuen“, idea.de vom 29.05.2018

Wo erlernt ein Kleinkind Toleranz? Wie steckt es seine Freiheiten ab? Und wie gehen die Kleinsten mit Konflikten um? Viele Erwachsene sehen die Kita-Gruppe als ausreichend soziales Gefüge an, in dem sich Kinder zu selbstbewussten Individuen entwickeln können. In der Hand von Erziehern vermuten die Eltern ihre Jüngsten in den besten Händen, bildet die Betreuungsstätte doch heute so eine Art „Ersatz-Familie“.

Aber Ehrlichkeit, Nähe und Feingefühl, sie offenbaren sich erst dann authentisch, wenn sie von den leibhaftigen Eltern gelebt und ihren Kindern mit Liebe angeboten und anerzogen werden. Das sich Durchsetzen in der Gruppe, es beginnt in der Schule früh genug. Wollen wir unsere Kinder noch zeitiger zu Narzissten ausbilden, denen es am nötigen Respekt einerseits, am zwingenden Raum zum Ausleben von Gefühlen, Emotionen, Rechten und Pflichten andererseits fehlt?

Psychische Auffälligkeiten sind keine Überraschung, wenn wir die Bindung zu unseren Kindern krampfhaft zu unterbinden versuchen, ihnen die Wärme der Eltern, den Rat und Tadel von Vater und Mutter vorenthalten. Wer sich allein darauf verlässt, Kinder durch Dritte erziehen zu lassen, gibt nicht nur Verantwortung ab. Wir riskieren mit einem zeitgeistigen Klima des Betreutwerdens auch die Gefahr, dass Kinder um Jahre in ihrer Reifung zurückfallen.

Der Start in ein gesundes Dasein, ihm fehlt es an Lebenspraxis und -erfahrung für die Kleinen, die später einmal wehmütig fragen dürften, warum sich die Eltern dieser wichtigen Aufgabe entzogen haben: Lassen wir es nicht zu, dass sich Vater und Mutter im Druck von beruflichem und wirtschaftlichem Erfolg die Erziehung ihrer eigenen Kinder nicht mehr leisten können. Machen wir uns stark auch für eine monetäre Anerkennung der Familienarbeit!

[Dennis Riehle]

Kommentar

Abtreibungen wären nicht nötig, würden wir verantwortungsvoll mit unserer Sexualität umgehen. In Zeiten, in denen wir den Geschlechtsverkehr zu einem Ausleben von Trieben, Spaß und ungezügelter Lust verkommen lassen, wundert es kaum, dass sich selbst die aufgeklärte Frau am Tag danach über die „Folgen“ des zweigeschlechtlichen Miteinanders wundert. Deshalb beginnt das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper mit der Verpflichtung, den Geschlechtsverkehr umsichtig zu gestalten.

Dazu gehören nicht nur Verhütungsmethoden, sondern vor allem die Reduktion des Sexualaktes auf bewusste Momente, denn „Sex“ ist zweifelsfrei etwas Besonderes, etwas nicht Alltägliches, dem wir mit Respekt und Würde begegnen sollten. Finden wir zurück zu einem maßvollen, der Tragweite des Aktes angemessenen Umgang mit dem Geschlechtsverkehr, huldigen wir der Entbehrung und der Enthaltsamkeit, die das Ausleben von Sexualität zu etwas Einzigartigem macht. So wird auch der Kindeswunsch wieder zu dem, was er ist: eines der wertvollsten Güter menschlichen Daseins.

Nur in den seltensten Fällen werden Frauen in unseren Breiten ungewollt schwanger. Sie sind die Planer ihrer Zukunftsgestaltung. Diese Eigenverantwortung gilt es hochzuhalten, die Verpflichtung, eine Schwangerschaft nicht als unliebsame Konsequenz des Aktes, sondern als das größtmögliche Geschenk für eine Frau anzunehmen – all das ist Ausdruck der Freiheit über den eigenen Körper, über das persönliche Leben.

Deshalb braucht der Sexualverkehr nicht nur Planung und Bewusstsein, sondern Sensibilität für das Hier und Jetzt einer Frau. Im Ausdruck der Leidenschaft, da offenbart sich die Bereitwilligkeit für Nachwuchs, die nicht zur Unzeit kommen kann, solange wir demütig, aber gleichsam selbstbewusst das Heft des Handelns gegenüber dem eigenen Sexualleben in den Händen halten.

Die Entscheidung für einen neuen Erdenbürger, sie sollte stets mit Bedacht gefällt werden. Es ist ethisch höchst verwerflich, wenn wir die Zeugung eines Kindes zu einem „Spiel“ degradieren, bei dem jeder Schritt beliebig rückgängig gemacht werden kann. Die Idee des Lebens ist zu wertvoll, als dass ich in einen bewusst eingeleiteten Prozess nach Gutdünken eingreifen und ihn durch die Freiheit menschlichen Handelns in Form der Abtreibung jederzeit zerstören kann.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Das Konstanzer Gefängnis hat Platz für 62 Häftlinge“, SÜDKURIER vom 23.05.2018

Die Überfüllung unserer Gefängnisse, sie ist Ausdruck einer verfehlten Politik der letzten Jahre. Denn auch wenn die Zahl der Straftaten zurückgeht, war abzusehen, dass die Auslastung der Justizvollzugsanstalten an ihre Grenzen kommen würde.

Dafür hätte es nur ein wenig Weitsicht und Feingespür im zuständigen Ministerium gebraucht, in dem man sich neuerdings offenbar eher für Europa und Tourismus interessiert, als in der Frage der Hafteinrichtungen auf lange Perspektive zu denken und zu planen. Wenngleich Investitionen in solche Projekte bei der Bevölkerung auf wenig Verständnis treffen mögen, so ist es nach Erfindung der Menschenrechte eine grundlegende Aufgabe jeder Demokratie, mit ihren Häftlingen und den Bediensteten, die in unseren Gefängnissen arbeiten, würdig umzugehen.

Denn gerade dort zeigt sich, wie ernst es eine Gesellschaft mit ihrer Verantwortung gegenüber jedermann nimmt, auch mit denen, die Schuld auf sich geladen haben. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir im 21. Jahrhundert noch immer keine Reform des Justizvollzugs auf den Weg bringen konnten. Dass Menschen im Gefängnis psychisch auffällig werden, das verwundert niemanden, der sich vor Augen hält, dass unsere Haftanstalten unter den geltenden Bedingungen wenig Hoffnung auf Alltag und Zukunft bieten können.

Nicht nur in Konstanz scheint die Lage prekär, denn statt Resozialisierung droht uns der innere Kontakt zu vielen Häftlingen verloren zu gehen. Keine gute Aussicht für die Zeit danach!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Veröffentlichung der Kriminalstatistik 2017, SÜDKURIER vom 09.05.2018

Da verkündet der Bundesinnenminister einen deutlichen Rückgang der Kriminalität und den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung – und die Unionsfraktion hat nichts Besseres zu tun, als weitere Einschnitte in die Freiheitsrechte der Menschen zu fordern.

Es wäre jetzt an der Zeit, endlich einmal den Fuß vom Gaspedal der immer neuen Verschärfungen zu nehmen und wieder Vernunft einkehren zu lassen. Unser Verfassungsstaat sieht insbesondere auch den Erforderlichkeitsgrundsatz als wesentliches Merkmal der Verhältnismäßigkeit.

Wer in einem Aktionismus aus purer Leidenschaft für weniger Grundrechte im Land die Sicherheit allein daran festmacht, wie viele Ermittlungsbefugnisse unsere Polizei besitzt, der setzt auf Quantität statt Qualität. Die aktuellen Zahlen machen deutlich: Mit einer guten Präsenz an Sicherheitskräften im öffentlichen Raum stärken wir den Kampf gegen Verbrechen und Vergehen, genauso, wie mit nachhaltiger Prävention und einem Abbau sozialer Klüfte.

Der Drang zum Überwachungsstaat, er ist Ausdruck offensichtlichen Populismus‘, den gerade die CSU dieser Tage wieder besonders zu bemühen versucht. Im Wahlkampf scheinen Vernunft und Verstand ausgesetzt, es wird Zeit, dass die wirklichen Probleme des Alltags der Menschen angegangen werden. Wem nutzt es, wenn wir auf Schritt und Tritt durchleuchtet, unsere DNA gemustert oder Fingerabdrücke gespeichert werden, wir gleichsam aber ohne Wohnung auf der Straße stehen, der Lohn nicht zum Leben reicht und den Kindern ein Betreuungsplatz fehlt?

In Sachen Sicherheit sind wir auf gutem Weg, es gibt keinen Anlass, noch einen Gang zuzulegen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. „Eine Flexibilisierung wird das Problem steigender Krankheitstage aufgrund stressbedingter Störungen nicht lösen, im Gegenteil“. Diese Meinung vertritt der Leiter der Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz, Dennis Riehle, anlässlich neuester Zahlen über die zunehmende Krankheitslast deutscher Arbeitnehmer in Folge von „BournOut“ und ähnlich gelagerter Störungsbilder.

„Immer wieder haben Umfragen, Studien und Erhebungen belegt, dass wir mit der 40-Stunden-Woche an die Grenzen der Belastbarkeit des Einzelnen gelangen. Dass in manchen Berufen eine deutlich höhere Beanspruchbarkeit erwartet wird, kann kein Argument für eine pauschalisierte Aufweichung der Wochenarbeitszeit sein“, so Riehle, der aus dem täglichen Kontakt mit Betroffenen vor allem um das Thema der „ständigen Erreichbarkeit“ weiß.

„Arbeitnehmer wollen es ihrem Chef oft besonders recht machen, indem sie sich verpflichtet fühlen, auch nach Feierabend noch für ‚Notfälle‘ erreichbar zu sein. Dabei schildern viele der an depressionsähnlichen, neurotischen oder stressbedingten Krankheiten leidenden Menschen, dass dieser Modus wesentlich für die persönliche Überforderung verantwortlich gewesen ist“. Denn wer sich erst einmal innerlich wie äußerlich bereit erklärt habe, Verantwortung auch außerhalb der Arbeitszeit zu übernehmen, fühlt sich ständig abrufbereit und angespannt.

„Eine Flexibilisierung im Arbeitswesen bringt auch dann nichts, wenn sich beide Parteien darüber verständigen“, sagt Riehle. „Denn letztlich haben wir in unserer heutigen Zeit oftmals das Gefühl dafür verloren, wann es genug ist. Unserer Familie, den Kollegen oder Freunden zuliebe arbeiten wir dort ein bisschen länger, hier ein wenig intensiver. Viele Fallgeschichten demonstrieren mir, dass sich diese Flexibilität hochschaukelt. Und was dem Arbeitgeber nur entgegenkommen mag, das schadet dem Arbeitnehmer über einen längeren Zeitraum gesehen massiv“.

Dabei gehe es nicht nur um Pausen oder die Arbeitszeit an sich. „Die prekären Beschäftigungsverhältnisse sind ein enormer Druck für die Betroffenen. Bevor wir darüber sprechen, ob wir aufgrund der Digitalisierung die Arbeitswelt flexibilisieren wollen, sollten wir zuerst dafür Sorge tragen, dass Menschen nicht ständig um ihre Arbeit bangen müssen. Ich kann nicht verstehen, wie manch politische Kraft den befristeten Job als Einstieg ins Arbeitsleben anpreist – und gewisse Unternehmer die Belegschaft gar mit der Zahl geringstmöglicher Fehltage locken, um entfristet zu werden“.

„Wir entwickeln uns zunehmend in die Richtung des Verschwimmens von Mensch und Maschine. In der heute für Viele noch utopisch klingenden Welt aus Computer und Technik, die die Oberhand in unserer Arbeitswelt übernehmen, fällt es offenbar schon Einigen schwer, die Belastbarkeit zu unterscheiden: Im Gegensatz zu Apparaten können Menschen nicht endlos ausgebeutet werden. Irgendwann regt sich die Psyche – und dann streikt die Seele“, meint Riehle.

Wenig erstaunlich sei es deshalb, dass immer mehr Betroffene angeben, der Job mache sie krank. „Als ich mit der Selbsthilfearbeit begann, waren die Ursachen noch zumeist in der familiären, persönlichen Situation des Einzelnen zu suchen. Heute beklagt aber die Mehrheit derjenigen, die sich mit einem BurnOut bei mir melden, den Stress am Arbeitsplatz. Er führt oft zwangsläufig in die psychische Erkrankung – und sie kann lange dauern“, stellt Riehle fest, der darauf hinweist, dass die seelischen Probleme der Arbeitnehmer zu besonders umfangreichen Ausfällen im Job führen. „Dann überwiegen die Nachteile für beide Seiten, es sei denn, der Arbeitgeber findet eine Möglichkeit, sich von seinem kranken Beschäftigten zu trennen. Für das Schicksal des Arbeitnehmers beginnt dann erst die Spirale aus Depression und Verzweiflung, der nur noch mit umfangreicher Therapie und Behandlung begegnet werden kann“.

Die Selbsthilfegruppe ist ein kostenloses und ehrenamtliches Angebot für alle Betroffenen und Angehörigen, die ergänzend zu fachkundiger Betreuung eine Möglichkeit suchen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen: Tel. 07531/955401, Mail: info@zwang-phobie-depression.de.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Baden-Württemberg: Kretschmanns Grün-Schwarze Koalition wackelt“, „Tagesspiegel“ vom 04.05.2018

Die Aufarbeitung der Vorfälle in Ellwangen ist noch lange nicht abgeschlossen, da fällt insbesondere die FDP durch ihren massiven Gegenangriff gegen die Landesregierung um Ministerpräsident Kretschmann und seinen Innenminister Strobl auf.

Schon lange schielen die „Freien Demokraten“ auf die Macht, nun sind sie offenbar sogar bereit, mit wenigen Stimmen über dem Durst eine Schwarz-Rot-Gelbe Koalition zu bilden. Glaubwürdig ist das nicht, denn in den letzten Tagen richteten sich die Liberalen vor allem gegen den Christdemokraten Strobl. Seine Politik machen sie für den missglückten Zugriff auf einen Togolesen in der Erstaufnahmestelle verantwortlich.

Und ausgerechnet seine Partei will die FDP nun zum neuen Strippenzieher im „Ländle“ machen? Die Ideologischen Gräben müssen tief sitzen, wenn es inmitten einer Regierungszeit nicht um das inhaltliche Geschäft von Opposition und Koalition, sondern um das Philosophieren über neue Mehrheiten geht. Die Liberalen sind momentan nicht in der Situation, große Forderungen stellen zu können.

Viel eher wirkt ihre Kritik an Grün-Schwarz wie die eines Einzelgängers mit zu viel Selbstbewusstsein. Ja, Attacke, das ist ein wesentliches Mittel zur Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Für solche Spielchen bleibt im Augenblick aber zu wenig Zeit. Denn wer glaubt, die Versäumnisse aus Ellwangen seien mit der Festnahme des Gesuchten beiseite gekehrt, der irrt.

Die FDP stünde es gut zu Gesicht, sich jetzt als kontrollierende Kraft zu profilieren und in den zuständigen Ausschüssen und Gremien nach Verantwortung und Konsequenzen zu suchen, schlicht: ihre Arbeit zu tun.

[Dennis Riehle]