Gedanken zum Weihnachtsfest 2017

Ob Jesus wirklich geboren wurde – oder eben nicht? Wir haben Hinweise auf die Authentizität der biblischen Geschichte, die uns die Ankunft eines Retters verheißt. Wir wissen nicht, ob es so war. Aber wir glauben daran. Sind wird deshalb „postfaktisch“ (oder in diesem Falle vielleicht sogar „präfaktisch“) denkende Menschen, weil wir nicht allein auf Tatsachen, sondern vielmehr auf Gerüchte vertrauen, die schon vor Ewigkeiten in die Welt gesetzt worden sind? In einem Jahr, in dem sich Viele von den Belegen entfernt haben, die uns die Medien liefern, die aber auch nachweisbar und eben greifbar sind, sind wir offenbar naiver geworden. Leichtgläubiger deshalb, weil wir Schlagzeilen etwas abnehmen, was nur auf den ersten Blick auch tatsächlich stimmt. Man könnte sich fühlen wie in Zeiten, in denen es eben noch kein Internet, keine pluralistische Landschaft an Presse und verschiedensten Informationskanälen gab, über die man im Zweifel überprüfen konnte, wie wahr denn eine Geschichte tatsächlich ist.

Die Schlagzeile „Christus ist geboren“, wahrscheinlich wäre sie in vielen sozialen Netzwerken heute durchaus eine Meldung wert. Und würden die Menschen sie auch glauben? Fern in Bethlehem, in einem Stall, abseits von Journalisten, die bezeugen könnten, was geschehen ist. Nur ein paar Hirten, Heilige drei Könige, allsamt ohne ein Smartphone oder ein Tablet, über das sie diese Nachricht verbreiten könnten. Die Klatschpresse wäre an dieser Neuigkeit kaum interessiert. Heute macht es dort viel eher die Runde, wenn in den Adelsfamilien plötzlich einmal der Haussegen schiefhängt oder die Kinder schlechte Noten mit nach Hause brachten. Die Prinzessinnen und die Kaiser, sie begeistern Menschen, weil es glitzert und funkelt. Nicht aber deswegen, weil sie möglicherweise große Verdienste vollbraucht haben – oder gar erst noch vor sich haben. Die kleinen Blaublütigen werden zwar hofiert, jeder Schritt beobachtet, doch welcher Engel würde ihre Geburt heute noch vorhersagen?

Postfaktische Nachrichten sind deshalb so spannend, weil sie oftmals überraschen. Zumeist sind sie allerdings derart abstrus, dass sie eigentlich kaum jemand für ernst nehmen kann, der seriös von Verschwörungstheorien zu unterscheiden in der Lage ist. War diese Neuigkeit damals aber nicht genau dasselbe? War sie nicht vielleicht so abwegig, dass sie schon wieder wahr sein konnte? Hätte es damals schon „präfaktische“ Bürger gegeben, so hätten sie es sicherlich in Betracht gezogen, dass da ein Erlöser zwischen Heu und den Eseln zur Welt kommt, arm und eben kaum glänzend. Die „High Society“-Formate hätten sich wahrscheinlich weniger um solch eine Meldung gerissen, aber für „Facebook“ hätte sie garantiert ausgereicht. Doch basiert unser Christentum, fußen die Weltreligionen auf Menschen, die den Fakten keine Zustimmung mehr schenken möchten, sondern die allein dem Populismus ihre Sympathien geben?

Wären es damals wie heute reine Sensationsinteressen gewesen, die den Glauben an das nicht Erklärliche vorangetrieben hätten, müsste man wahrscheinlich zugeben, dass Christen eine wilde Horde Argloser sind, die nicht differenziert zwischen der denen mit einer Überzeugung an rasch wieder platzende Luftballons, die nur deshalb erfunden wurden, weil die Masse danach gegiert hat – und jenen, die diese „Breaking News“ aus der einfachen Krippe als eine Wahrheit aufnehmen, der man zwar zunächst doch fragend gegenübersteht, die aber keineswegs darauf abzielt, die Menschen früher wie dieser Tage zu täuschen. Wir haben Vertrauen in die Gewissheit, dass die Botschaft, die die himmlischen Chöre verkünden, stimmt. Denn sie dient nicht dem Selbstzweck, nicht den Nutzen von Macht und Einzelnen, die bereit sind, aus krimineller Absicht heraus Lügen zu verbreiten, um Anderen zu schaden, sich aber Vorteile zu verschaffen.

Sicher gab es auch vor 2000 Jahren jene, die Grund genug gehabt hätten, aus der Meldung über Jesu Geburt ihren persönlichen Profit zu schlagen – allein zu eigener Gunst und zu Lasten desjenigen, der sich bis zu seinem Tod dem ständigen Neid aussetzen musste. Doch trotz mancher Skepsis an diesen Nachrichten aus dem früheren Palästina halten nicht nur Christen bis heute daran fest, dass Jesus geboren wurde. Nicht umsonst begehen wir seinen Geburtstag jedes Jahr neu. Vergleichen wir das mit den allermeisten Nachrichten unserer Zeit, würde bei ihnen das Fundament wegbrechen, sobald wir es stärker mit kritischen Details belasten. Außer denen, die ihre Hoffnung und Sehnsüchte stets nur auf Rebellion und Widerstände setzen, würde kaum jemand über Jahrhunderte an solch einer Überlieferung festhalten. Die postfaktischen Aussagen aus 2016 werden wahrscheinlich nicht einmal das nächste Jahr überdauern. Weihnachten feiern wir aber auch 2017 wieder, so Gott es will.

Denn: Gutgläubigkeit ist noch lange kein Glaube. Wenn wir der Niederkunft eines Erlösers wahrscheinlich größere Zuversicht schenken als jedem anderen Slogan, mit dem man heute ködern mag, dann muss in dieser Überschrift vom Retter der Welt wahrlich eine große Substanz stecken. Wir glauben nicht deshalb, weil wir es „denen da oben“ (und besonders nicht „dem da oben“) zeigen wollen. Wir wollen nicht unsere Sucht nach Empörung befriedigen, sondern unser geistliches und religiöses Seelenheil finden. Und allein deshalb, weil sie nicht pompös daherkommt, sondern von solch einer Unwirklichkeit erzählt, wie es keine „Fake“-Meldung heute überhaupt schaffen würde, wird die „Headline“ Bethlehems für uns glaub-würdig.

Postfaktische Nachrichten schaden dem Blutdruck. Die Neuigkeit über die Geburt des Mensch gewordenen Gottes aber hilft unseren Herzen. Mehr noch: Wir haben Hoffnung darauf, dass uns mit der Verheißung auf den ankommenden Jesus auch Frieden zuteilwerden wird. Welcher polemische Eintrag auf „Twitter“ & Co. kann das von sich behaupten? Und dennoch bleibt es jedem unbefangen, die Worte von Martin Gotthard Schneider in das 21. Jahrhundert zu „transferieren“: „Eine freudige Nachricht breitet sich aus. Man erzählt sie sich weiter von Haus zu Haus. In den Höfen, auf den Gassen, auf den Plätzen, durch die Straßen läuft in Windeseile sie in alle Welt hinaus: Eine freudige Nachricht breitet sich aus“ (EG 649) – heute eben auf „Youtube“ oder vielleicht sogar bei „Google“…

[Dennis Riehle]

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Der Theismus in der Herausforderung von Gewalt und Leid

Im Jahr 2016 wurde der Glaube an einen friedliebenden Gott wieder einmal auf die Probe gestellt. Brutalität und Gewalt eines Ausmaßes, das wir über Jahre und Jahrzehnte nicht gesehen haben. Gnadenlosigkeit und Hass auf verschiedensten Seiten, ausgehend von terroristischen Organisationen, von Staatsmännern und möglicherweise sogar Kindern. Die Maschinerie der Machtdemonstration hat mit „Aleppo“ einen neuen Namen bekommen. Eine Unmenschlichkeit, die diejenigen zu lähmen erscheint, von denen eigentlich Interventionen erhofft werden. Aber Viele setzen nicht allein auf die irdische Beeinflussung des Blutvergießens, sondern hoffen auf göttlichen Beistand.

In der Adventszeit singen wir mit Hoffnung über den König, der zu uns kommen möge. Wir bauen auf Christus, der uns als „Friedefürst“ erstrahlen und vor Freude jauchzen lassen soll. Doch kann man tatsächlich Zuversicht entwickeln bei Bildern von Fassbomben, von ausgehungerten Babys oder Kriegsschiffen, die auf See patrouillieren, um auch niemanden in das „gelobte Land“, nach Europa, hinein zu lassen, der dort „nicht hingehört“? Ein Agnostiker sagte mir vor kurzem, er könne sich ja noch mit einem Deismus abfinden, mit dem Glauben an einen Schöpfergott. Doch nach den sieben Tagen, da hat er die Welt offenbar alleine gelassen, meinte er. Theistisch zu denken, davon überzeugt zu sein, dass Gott in das Weltgeschehen eingreife, das gelinge ihm nicht. Auch ihn plagt die „Theodizée-Frage“ nach dem „Warum?“. Weshalb kann ein Gott die von ihm geschaffenen Menschen sich gegenseitig die Köpfe einschlagen lassen – und dabei einfach nur zusehen, wenn er doch allmächtig ist und die Möglichkeiten haben sollte, dieses Leid zu stoppen?

Philosophen und Religionstheoretiker streiten sich darum: Kann er nicht, will er nicht Einfluss nehmen auf das Geschehen seiner Ebenbilder, die es offenbar nicht schaffen, in Eintracht miteinander auf einem gemeinsamen Planeten zu leben? In 1. Mose 3,22 stellt uns Gott auf unsere eigenen Beine. Man könnte meinen, so etwas sei verantwortungslos, spätestens dann, wenn man erkennt, dass die Schützlinge wohl eben doch nicht ohne Halt laufen können. Man könnte es aber auch ganz anders deuten: Ist es nicht ein großer Liebesbeweis, sein Kind in die Freiheit zu entlassen? Ihm Verantwortung zu übertragen und damit auch zu verdeutlichen, dass man ihm etwas zutraut? Nur wenn Eltern loslassen können, dann entwickeln sich ihre Kleinsten irgendwann auch zu eigenständigen Persönlichkeiten. „Aus Erfahrung klug werden“, das wäre vielleicht ein Credo gegenüber uns Menschen, doch offenbar lernen wir aus unseren Fehlern nicht. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass wir uns abschlachten. Schon in der Bibel war es so. Und auch da war es nicht die „unsichtbare Hand Gottes“, die dann wundersame Rettung brachte.

Offenbar geht dieser Allmächtige einen Weg, den wir auf den ersten Blick nicht verstehen können. „Der Friede, der höher ist als all unsere Vernunft“, so hören wir es immer wieder nach den Predigten in den Kirchen, ist derjenige, den wir mit unserem begrenzten Verstand nicht greifen können. Wir erwarten die Erlösung im Sinne eines Fingerschnippens – und plötzlich ist alles wieder gut. Ja, naiv sind wir schon. Und wir meinen, wir müssten uns nicht abmühen, im Zweifel wird Gott es schon wieder richten. Doch er hat uns nicht auf die Spielwiese unseres Lebens entlassen, denn unsere Realität ist eine Zeichnung, in der es keinen Radiergummi gibt. Ja, wir werden mit den Konsequenzen unseres Handelns konfrontiert, hart und unbarmherzig. Und wir allein tragen dafür die Schuld, wir müssen uns vor unserem Gewissen verantworten – und vor einem Gott, der eben nicht der Mann mit dem Rauschebart und der roten Mütze ist, der jetzt wieder die Geschenke unter den Baum legen wird. Theismus bedeutet nicht, dass wir stets auf ein Sicherheitsnetz vertrauen können, das uns und unsere Fehler einfach nur auffängt, wenn wir gerade wieder einmal nicht darüber nachgedacht haben, was wir anstellen.

Ob ein Herr Assad, ein Herr Erdogan, ein Herr Trump: Egal, was wir sagen, was wir tun, im Augenblick des Hier und Jetzt mögen uns die Folgen wenig interessieren. Doch jeder von uns wird an einen Punkt kommen, an dem wir uns fragen, was wir eigentlich für diese Erde getan haben. Bei manch Einem könnte dann die Reue einsetzen und das Bangen ob einer gnädigen Vergebung. Bei Anderen zählt allein das Machtinteresse, auch über das weltliche Dasein hinaus. Bei Vielen von uns wiederum ist es wohl jetzt schon Resignation angesichts der Hilflosigkeit. Gott lässt uns in diesem kaum auszuhaltenden Spannungsbogen aus „Unrast und Unruh‘“, wie es Zofia Jasnota 1977 schrieb, weil wir „ständig versuchen, Friede für alle zu schaffen“ – und der Empörung über die offenbare Untätigkeit desjenigen, der einerseits auch an Weihnachten 2016 wiederum ein Teil von uns werden will, aber gleichzeitig die klaren Zeichen für einer Intoleranz des menschlichen Verhaltens in den Krisengebieten und Trümmern allüberall vermissen lässt.

Doch was wäre es für ein Gott, wenn er nicht darauf setzen würde, dass wir selbstständig entscheiden können. Wir würden zu seinen Marionetten werden, uns fehlte jedwede Integrität, Selbstbewusstsein und auch Einsichtsfähigkeit. Jesus bräuchte es nicht, denn immerhin ist er es, der uns allen beweist, dass Menschsein auch anders aussehen kann als das, was derzeit nicht nur in seiner Heimat geschieht. Gott hält viel auf jeden Einzelnen, ansonsten könnte er uns unseren eigenen Willen nehmen, uns einen Freifahrtsschein geben, damit wir uns in Gewissheit um seine „Airbags“ immer wieder neu in das Unheil unseres Handelns stürzen und uns ausprobieren – allerdings nie ohne die Chance, auch einmal unabhängig werden zu können, uns durchsetzen und auch für uns und unser Leben aus eigenen Stücken befinden zu können. Weisheit könnte gar nicht erst wachsen. Klugheit würde sich nicht entwickeln, denn es bräuchte sie auch gar nicht. Denn auch Mündigkeit gäbe es bei einem Theismus, der Gott immer dann eingreifen lässt, wenn unser Unvermögen wieder einmal Oberwasser gewinnt, keineswegs.

Nein, wir können wahrlich nicht nachvollziehen, dass es erst Millionen von Toten bedarf, ehe wir irgendwann erkennen mögen, wie egoistisch wir sind – bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir plötzlich auf uns gestellt sind. Wird Gott dann erst milde werden, wenn wir uns wie Beschämte über uns selbst in die Ecke stellen, weil wir auf einmal mit Schrecken feststellen, dass wir all das kaputt gemacht haben, was die Grundlage für die Existenz ist – unsere Mitmenschen, unsere Ethik, die Ressourcen? Gott ist nicht das Sprungtuch, das sich auf Knopfdruck öffnet. Er verhilft uns nicht zu einer Eins in der kommenden Mathearbeit, nur, weil wir nicht dafür gelernt haben. Er sucht uns keine neue Bleibe, nur weil wir uns nicht um eine Wohnung gekümmert haben. Und er lässt auch nicht das Geld vom Himmel regnen, wenn wir vergessen haben, uns beim Amt zu melden. Das ist kein Theismus, Gottes Gegenwart und seine Hilfe wird nicht dort erkennbar, wo wir es gern hätten. Welches Gottesbild müssen wir haben, wenn wir vollends unverschämt darauf setzen, dass dieser Allmächtige immer dann eingreift, wenn wir einen Fehler gemacht haben? Wir würden die Positionen tauschen, der Allmächtige würde zu unserem Bittsteller werden. Das Menschgeschaffene soll Gott wieder richten, wie ein nachsichtiger Vater, der damit verhindert, dass wir je erwachsen werden.

Auch bei Krankheiten, in Armut oder bei all den Katastrophen – dort, wo wir als Menschen scheinbar unschuldig in Not geraten, hält er sich zurück. Kaltherzig, so könnte man es vermuten. Denn wir vermögen nicht entdecken, warum dieses Leid nötig sein soll. Dabei müsste er doch die Möglichkeit haben, uns davor zu bewahren. Will er denn wirklich nicht? Nein, es ist wahrlich keine Prüfung, in der wir ihm etwas beweisen müssen. Das Durchschreiten der tiefsten Täler ist die Gelegenheit für uns, in etwas Sinnlosem einen Sinn zu erkennen – und an dieser Erkenntnis wachsen zu können. Gott lässt uns im Stich, aber er lässt uns nicht los. Seine rettende Hand zeigt sich dann, wenn wir es nicht vermuten. Und sie offenbart sich auch nicht so, wie wir es uns wünschen. Nicht dann, wenn uns die Nachricht über den Krebs erreicht. Nicht, wenn uns der Arbeitgeber die Kündigung übergibt. Und auch nicht, wenn die Artillerie-Feuer in Ost-Aleppo niedergehen. „Friede soll mit euch sein“, so erhofft es auch Zofia Jasnota. Aber der Kehrvers des Liedes schränkt gleichsam ein: „Nicht so, wie ihn die Welt euch gibt, Gott selber wird es sein“.

Dann, wenn wir nicht mehr daran glauben, tut sich Hoffnung auf. Wie bei Maria und Josef, die umherirrten, aber keine Bleibe finden konnten. Und plötzlich dieser Stall, die Hirten und dann auch noch Engel. Aus Obdachlosigkeit wurde schlussendlich die Geburt eines Kindes, das uns bis heute daran erinnern soll, dass wir mit Gottes Nähe rechnen dürfen. Theismus wird nur dann verständlich werden, wenn wir es auch schaffen, von unserem irdischen Denken einmal loszulassen. Wenn wir Vertrauen finden in die Verheißung, dass es unsere Vernunft eben nicht vollbringen kann, die Gottesgnade zu fassen. Wenn wir uns auf die kleinen Zeichen einlassen, die für uns zunächst einmal unbedeutend erscheinen. Nicht die großen Wunder können uns retten, sondern das Unverhoffte inmitten des großen Elends. Die haltende Hand nach dem verheerenden Bombenhagel, der Klinikclown auf der Kinderonkologie im Krankenhaus, das Lächeln der Mutter, wenn es doch nur für die „Fünf“ im Zeugnis gereicht haben sollte. Um unserer Freiheit willen müssen wir die Auswirkungen unserer menschlichen Unzulänglichkeit ertragen lernen und darauf warten, dass Gott uns seinen Frieden so schenkt, wie er es möchte, nicht, wie wir es wollen. Verstehen kann man das wahrscheinlich nicht. Aber dann wäre es sicher auch kein Glaube…

[Dennis Riehle]

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Pressemitteilung

Im zu Ende gehenden Jahr 2016 hat die Litzelstetter Sozial- und Pflegesprechstunde erneut weit über 100 Anfragen beantwortet. Sie liegt mit 160 Anliegen bei der Nachfrage, die auch schon im Jahr 2015 (150) verzeichnet wurde. Dabei kam der größte Teil aus Litzelstetten (70 %, 2015: 80 %), alle weiteren aus den restlichen Vororten, der Kernstadt und Allensbach. Zu 40 % bezogen sich die Hilfegesuche auf Beratung in Sachen „Pflege“. Deutlich zugenommen haben die Bitten um Unterstützung bei Anträgen auf Schwerbehinderung (25 %). 15 % betrafen sonstige Antragsstellungen, insbesondere auf Sozialleistungen wie „Hartz IV“, nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder entsprechende Eingliederungshilfen. 10 % betrafen ganz konkrete Hilfsangebote der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V., die die kostenlose Sprechstunde für alle Bürger trägt.

Die restlichen Anfragen, so ihr ehrenamtlicher Leiter Dennis Riehle, waren dagegen Gesprächsanliegen: „Da geht es um ein offenes Ohr, um das Zuhören und einfach ums Dasein. Gerade nach Todesfällen oder in weiteren schwierigen Lebenssituationen suchen Menschen dann jemanden, dem sie erzählen können. Und weiterhin ist der Vorteil unseres Angebots, dass einerseits eine nicht familiäre, aber eben doch im Ort bekannte und gleichzeitig mit Vertraulichkeit den notwendigen Abstand mitbringende Person gegenübersitzt. Deshalb mache ich diese Aufgabe auch gern, denn ich spüre durchaus, dass sich Menschen hier öffnen können“.

Gerade die anstehende Reform in der Pflegeversicherung hat zu vielen Unsicherheiten geführt: „Das habe ich doch deutlich wahrgenommen, dass hier ein großer Informationsbedarf bestand“, so Riehle. Oftmals gehe es auch nur um kurze Fragen, andererseits werde deutlich, dass der Bedarf an „Übersetzern“ groß ist: „Für Viele ist es einfach schwierig, Anträge oder Bescheide der Behörden zu verstehen. Das macht mittlerweile fast den größten Teil der Arbeit aus, auszufüllen und zu erklären“.

Bewährt hat sich mittlerweile das Vorgehen, keine offenen Sprechstunden mehr anzubieten: „Seitdem die meisten Kontakte über Mail, Telefon oder Post zustande kommen, wird die Hilfestellung deutlich nachhaltiger. So können sich die meisten Anfragen auf diesem Weg bereits abhandeln lassen, und ich habe mehr Zeit für diejenigen, mit denen ich tatsächlich einen Termin für eine persönliche Begegnung vereinbare“. So wird die Handhabung auch für das kommende Jahr sein: Die Sozial- und Pflegesprechstunde ist jederzeit vorrangig elektronisch und postalisch zu erreichen (Li-Na@Riehle-Dennis.de oder: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz), alternativ per Telefon (07531/955401).

[Dennis Riehle]

Standpunkt

Dieser Tage wurde ein Pastor einer freien evangelischen Gemeinde für einen Beitrag zum Thema „Jungfrauengeburt“ kritisiert. Er hatte darin geschrieben, dass er nicht vom wörtlichen Verständnis ausginge, also nicht an die natürliche Wahrhaftigkeit dieser biblischen Offenbarung, glaube. Man warf ihm vor, damit nicht auf der gemeinsamen Grundlage zu stehen, die besonders evangelikale Gemeinden stringent vertreten: Die Überzeugung an die tatsächliche Existenz dieses Ereignisses. Nicht das von der Geburt Jesu, sondern jenes vom Zustandekommen dieser zweifelsohne ganz bedeutsamen Schwangerschaft. Der konservative Protestantismus erinnert sich damit an die Rückbesinnung an die Heilige Schrift, die durch Martin Luther im Zuge der von ihm mit angestoßenen und bezeugten Reformation gefordert wurde. Aus einem Glauben an dieses Zeugnis wurde in evangelikalen Gemeinden der nicht nur von Atheisten spöttisch als „buchstabentreuer“ verurteilte Glaube an die Wahrheit der Texte, nicht aber an die Wahrheit ihrer Botschaften.

Die Exegese, die heute manches Mal doch weit über das hinaus getrieben wird, was verantwortlich vertretbar ist, ist zweifelsohne keine neumodische Erscheinung. Viel eher kommt die Bibel in ihren Darstellungen gar nicht ohne eine Interpretation der dort beschriebenen Kontexte aus. Sie ist angewiesen auf die Deutung, denn erst der Mensch lässt zusammenhanglose Worte lebendig werden, indem er sie nämlich expliziert. Wir sehen das nicht nur in den Parabeln Jesu, sondern auch in dem bewusst erzählend gehaltenen Stil, der keiner Tatsachenberichterstattung gleichkommt, sondern ermutigen soll, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Nein, nicht, weil ich nicht an Wunder glauben würde, erscheint es mir logisch, die Bibel im wahrsten Sinne als ein richtiges Lehrstück zu verstehen, das uns zwar Inhalte vermittelt, das den Leser aber gleichsam fordert. Die Bibel ist zu wertvoll, um sie allein als Schrift aus Tatsachen zu verstehen, über welche wir nicht mehr nachsinnen müssen.

Der Protestantismus unterscheidet uns vom Katholizismus wesentlich in der Frage der Symbolhaftigkeit. Gerade beim Abendmahl erkennen wir es gut: Ist es nicht auch eine Errungenschaft der Reformation, dass wir in Brot und Wein eben nicht Jesu leibhaftig erkennen, sondern aus diesen Signien unser ganz persönliches Bild seiner spürbaren Anwesenheit entwickeln? Und macht es unseren Glauben dadurch weniger überzeugend? Nein, im Gegenteil. Nehmen wir alles so an, wie es uns gegeben scheint, bräuchten wir wahrlich auch nicht an dem interessiert sein, was uns 1. Mose 3,22 sagt: Wir sind selbst groß genug, um urteilen und darüber befinden zu können, was falsch und richtig ist. Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum. Wer die Frage danach stellen würde, ob es die Jungfrauengeburt nun gegeben hat oder nicht, der denkt in diesem Schwarz-Weiß, über das wir als mündige Gläubige doch hinaus sind. Es geht darum, welches Verständnis wir von der Gewissheit haben.

Sprechen wir von einer Wahrheitsgewissheit oder eben von einer Glaubensgewissheit, die darin ihren Unterschied findet, dass wir die Aussage in ihrer Bedeutung verstehen und sie für uns annehmen, nicht aber zwingend davon überzeugt sind, dass das Bild, welches uns die Intention vermitteln soll, objektiv nachvollziehbar scheint. Würden wir unseren Glauben auf letztgenanntes Verständnis bauen, hätte er den Glanz verloren, der ihn gerade vom Wissen unterscheidet, das und schlussendlich stets unter Druck setzt, beweisen zu müssen. Glaube ist für mich nicht, das Unerklärliche rational werden zu lassen. Glaube beginnt dort, wo das Unerklärliche uns einlädt, seine Transzendenz als solche zu akzeptieren und sie als Ansporn dafür zu nehmen, ihre Mission exegetisch in unser Leben zu übertragen.

Wird die Jungfrauengeburt dadurch gleich unbedeutsamer, dass wir sie nicht als natürliche Tatsache ansehen? Wird ihre Einzigartigkeit dadurch geringer, dass wir ihr nicht zubilligen, nach unserem heutigen Denken analytisch genau so geschehen zu sein, wie die Letter uns es hergeben möchten? Wird sie nicht genau deshalb nüchtern, weil wir sie auf das Maß unserer Vernunft herab zu brechen versuchen? Nein, wenn wir die Jungfräulichkeit von Maria zum Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft mit dem König und Erlöser unserer Welt nicht auf das Niveau der Normalität unserer menschlichen Beschränktheit schmälern, dann sind wir gerade keine schlechteren Christen, sondern diejenigen, die die Faszination des Glaubens neu zu würdigen bereit sind. Das Staunen, aber nicht eine Unanfechtbarkeit macht eine vitale Überzeugung aus, aus welcher unser eigenes Leben sich überhaupt erst speisen kann. Wir sind gefordert und dürfen uns nicht zurücklehnen auf den sichtbaren Kern der Worte, die uns überliefert sind. Ohne eine Konnotation bleiben sie nämlich fremd für uns, mit ihr werden sie aber dennoch keinesfalls in ihrer eigentlichen Grundbedeutung angetastet.

Die Jungfrauengeburt dürfen wir als wahrliches Wunder verstehen. Wir dürfen daran glauben, dass sie unvergleichbar war, das Gott seinen besonderen Segen auf die Schwangerschaft legte, sie aber gleichsam eben nicht derart abstrakt werden ließ, dass unser Glaube daran nur über Ecken denkbar wird, weil es mit den Grenzen des Verstandes nicht anders möglich ist.

Damit würden wir nämlich ihren scheinbaren Widerspruch, der in Wahrheit eine bedingungslose Notwendigkeit für unser christliches Denken ist und damit zu einem Spannungsbogen dieser erfüllenden und uns tragenden Agape wird, aufgeben: Jesus ist Mensch geworden. Er ist Erretter, aber er ist eben auch einer von uns. Gott hält die Hand über dieses Kind, die Schwangerschaft, die Zeugung ganz besonders behutsam – aber eben nicht weniger liebevoll als bei jeder anderen Mutter. Diese Aussage ist eine wesentliche der Weihnachtsgeschichte. Für mich kann sie uns nur auf diese Weise wirklich berühren.

[Dennis Riehle]

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Petition an den Deutschen Bundestag

Petitionstext:

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, §§ 1310, 1311, 1312 BGB zu ergänzen: „Die Eheschließung ist nicht vor Ablauf von drei Monaten nach einem Verlöbnis vorzunehmen. Alternativ ist eine Erklärung beider Eheleute vor dem Standesbeamten abzugeben, wonach ausreichend Zeit für die Entscheidung zur gemeinsamen Eheschließung im Vorfeld der nun anstehenden Trauungsfeier bestand“.

Begründung:

Das deutsche Privatfernsehen sendet zum wiederholten Male ein „Sozial-Experiment“, bei dem heiratswillige Menschen durch wissenschaftliche Abwägung zusammengebracht werden, um dann eine sogenannte „Hochzeit auf den ersten Blick“ zu wagen. Zwar haben die Personen freiwillig entschieden, dass sie solch ein Vorgehen befürworten. Dennoch bleibt ihnen keine ausreichende Zeit, um in der Tragweite der Ehe, die gemäß Bürgerlichem Gesetzbuch auf eine lebenslange Gemeinschaft ausgerichtet sein sollte, hinterfragen zu können, inwieweit eine dauerhafte Bindung mit dem fremden Gegenüber überhaupt möglich erscheint. Immerhin lernen sich die Eheleute erst vor dem Traualtar wirklich kennen, um dann spontan über eine andauernde Bindung zu befinden.

Das BGB sieht nicht umsonst die Möglichkeit eines Verlöbnisses vor, das einer Ehe vorausgeschickt werden kann. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“ ist angesichts der Folgen, die ein Eheversprechen mit sich bringt, ein nicht allein wohlgemeinter Ratschlag Schillers, sondern im Verständnis des BGB ein sinnvoller Schritt, um die eheliche Lebensgemeinschaft auch wirklich langfristig zu halten. Der Staat hat in der Verantwortung vor Art. 6 GG das Gestaltungsrecht, in die persönliche Entscheidung des Bürgers insofern einzugreifen, dass er dadurch die Erfüllung des § 1353 BGB nach seinen Möglichkeiten unterstützt.

Die Ehe als staatliche Institution ist von tragender Bedeutung und verpflichtet zu einer gegenseitigen Verantwortung. Diese kann besonders auch von heiratswilligen Bürgern abverlangt werden, wenn es darum geht, eine Ehe nicht nur freiwillig, sondern auch nicht überstürzt einzugehen. Auf welchem weichen Untergrund eine eheliche Lebensgemeinschaft baut, wenn sie ohne reifliche Überlegung eingegangen wird, zeigt das Beispiel der Fernsehsendung: Hier werden die Eheleute sechs Wochen nach der Trauung bereits wieder gefragt, ob sie die Scheidung möchten. Das „Experiment“ führt die grundgesetzlich geschützte und damit unter einen verbindlichen Rahmen gestellte Ehe ad absurdum, indem sie zum „Ausprobieren“ verkommt.

Dies kann nicht im Sinne der Väter des Grundgesetzes sein. Und auch der Gesetzgeber muss an einer Ehe interessiert sein, die auf einer bewussten und durch Erfahrung der beiden zur Trauung stehenden Persönlichkeiten basierenden Entscheidung fußt. Insofern stelle ich anheim, die Möglichkeiten einer entsprechenden Gesetzesänderung zu prüfen, um den großen Wert der Ehe auch in Zeiten des „Experimentierens“ wieder neu zu stärken und ein Spielen mit diesem wesentlichen Organ des gesellschaftlichen Miteinanders klar zu verhindern.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Die Verunsicherung war groß, doch dann kam die Erfolgsmeldung: Der vermeintliche Täter einer Vergewaltigung und des Mordes an der Dreisam war gefasst worden. Mit den gängigen Mitteln der heutigen Befugnisse und den üblichen Standards aktueller Kriminalistik wurde der Verdächtige identifiziert. Und doch forderte ausgerechnet an jenem Tag der Verkündung dieser Fahndungsergebnisse der baden-württembergische Justizminister, man müsse gefundene DNA-Spuren künftig auf die unterschiedlichsten Merkmale untersuchen dürfen. Da wurde ein 17-jähriger Flüchtling mit einer auffallenden Blondierung in den Haaren dingfest gemacht – und im selben Atemzug wird bekannt, dass Guido Wolf sich wünscht, DNS auch auf die Haarfarbe, das Geschlecht, die Hautfarbe und das Alter zu prüfen? Wer an Zufälle glauben mag, wird auch hier keinen Zusammenhang sehen, wenn ein Politiker in den puren Populismus verfällt, den man auch ohne Phantasie als deutlich mehr ansehen kann als einen konservativen Standpunkt.

Täter nach Hautfarbe zu klassifizieren? Nach Ethnie und Herkunft? Nach dem Alter? Nein, man will dem Justizminister nicht vorwerfen, dass er mit seinen Einlassungen bewusst Gedanken an eine rassistische und bestimmte gruppenspezifische Unterscheidung von verdächtigen Menschen hegte. Doch ist es geschickt, eine solche Meinung gerade dann zu offenbaren, wenn Flüchtlingshelfer in diesem Land ihre Luft anhalten müssen, weil ein etwaiger Straftäter gefasst wurde, der als unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber im Zuge der von vielen mittlerweile so scharf kritisierten „Welle“ von Flüchtlingen im Jahr 2015 zu uns kam – und nach Köln und anderen Ereignissen jedes Vorurteil zu schüren scheint, das in den Köpfen mancher Deutscher umher schießt? Die Zahl der Asylsuchenden, die derart gravierende Straftaten begangen haben, dürfte verschwindend gering sein. Wie viele Vergewaltigungen und Tötungsdelikte haben in der Zwischenzeit hiesige Staatsbürger denn verübt?

Guido Wolf hat – egal, ob nun gewollt oder auch nicht – mit seinen Worten am Tag, als Freiburger Kriminalbeamte und die Staatsanwaltschaft die Festnahme des Verdächtigen verlautbarten und darüber hinaus die Herkunft und die genauen Hintergründe der Ermittlungen medienwirksam in die Kameras gaben, einem schmuddeligen Gedankengut in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Fraglich, ob es überhaupt nötig gewesen ist, auf der Pressekonferenz diese Art der Details über den möglichen Täter zu offenbaren und damit scheinbar nur unzureichend zwischen der Notwendigkeit und den Auswirkungen eines solchen Vorgehens abgewogen hatte. Doch dass in einem denkbaren Reaktionismus darauf der Vorschlag einer differenzierten Untersuchung von DNA-Material an deutschen Tatorten nur die Polemik derjenigen bedienen würde, die auf solche Meldungen aus dem Breisgau doch nur gewartet hatten, daran dachte Wolf nicht – oder vielleicht doch?

Schon im November hatte die eher als national orientierte Zeitung „Junge Freiheit“ dieselben Anregungen ausgestoßen, man möglich doch endlich die bisher im Strafprozess untersagten Aufschlüsselungen der menschlichen DNS, die bei Straftaten entdeckt werden, endlich zulassen. Im Jahr vor der Bundestagswahl scheint die Kanzlerin ungewollte Unterstützung aus Baden-Württemberg zu erhalten: Offenbar im Glauben daran, die AfD könne man nur mit ihren eigenen Mitteln schlagen, sind es die Minister im „Ländle“, die sich jetzt als Hardliner profilieren: Innenminister Strobl macht sich zum Experten für neue Regeln im Abschiebeverfahren, bringt dabei aber schnell einige Zahlen über ausreisepflichtige Flüchtlinge durcheinander – auch hier möchte man sich fragen, ob er zwischen 500.000 und 50.000 nur aus alleinigem Versehen eine Null übersah, oder es doch seinem Kabinettskollegen Guido Wolf gleichtat und einen Wortlaut in die Welt setzte, deren taktischen Hintergrund hoffentlich auch niemand in der Öffentlichkeit bemerken würde.

Während die CDU einen stringenten Kurs nach rechts fährt, wird nun der Platz in der Mitte größer. Der Lagerwahlkampf scheint sich vollends auszudehnen, da scheint doch in der Mitte viel Platz zu entstehen für diejenigen, die sich von Populismus nicht beeindrucken lassen möchten. Chancen für die SPD wachsen, diese Position wieder einzunehmen. Doch ob allein die Beteuerungen des möglichen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten und Parteichefs, man wolle die SPD wieder zu ihren Ursprüngen führen, dabei helfen werden, die zahlreichen Fehler aus der Vergangenheit wettzumachen, muss ebenso bezweifelt werden wie die Bereitschaft innerhalb von „Bündnis 90/Die Grünen“, sich zu einer bürgerlichen Instanz zu entwickeln – auch außerhalb vom Südwesten. Es braucht mehr denn je die Kräfte, denen die Grundwerte unseres Landes noch etwas bedeuten, die nicht täglich neu an den Prinzipien unserer Verfassung zum Schutz von Demokratie, Daten und DNA deuteln, und die gleichzeitig eine Sozialpolitik betreiben, die nicht spaltet, sondern sich zu Menschlichkeit bekennt. Denn sie ist kein Zufall!

[Dennis Riehle]

Brief an die Redaktion von „Wort zum Sonntag“

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit Jahrzehnten gehört es zu den Garanten im deutschen Fernsehen: Weiterhin sind jeden Samstag hunderttausende Zuseher vor den Geräten, mittlerweile auch an den digitalen Empfängern, um das „Wort zum Sonntag“ als einen Impuls für den bevorstehenden Feiertag mit in die Nacht zu nehmen.

Auch ich gehöre zu diesen Interessierten, die sich regelmäßig einen christlichen Blick auf unser Zeitgeschehen wünschen. In einem ansprechenden Format, kurz und prägnant, modern und doch seriös – das sind die wesentlichen Eckpunkte einer mehrminütigen Sendung, die zeigen soll, welche Kultur und welche religiösen Traditionen unser Land auch im 21. Jahrhundert fortdauernd prägen.

Die Gedanken, die uns die evangelischen und katholischen Sprecher mit auf den Weg geben, sollen persönlich, aber auch für die Zuschauer in ihr jeweiliges Leben übertragbar sein. Sie sollen wirklichkeitsnah, aber eben nicht dem Zeitgeist hinterherrennend sein. Und sie sollen fundamental im besten Sinne, nämlich den Wurzeln lebendigen Christentums nah, sein.

Das geschieht am sinnvollsten durch die Bibel. Als Heilige Schrift ist sie das wesentliche Instrument, um Menschen zu erklären, was unsere Religion ihnen sagen möchte. Sie ist Grundlage für eine Existenz nach all unseren Werten, den Überzeugungen und den klaren Botschaften christlicher Verkündigung, die die Sendung sein soll: Keine Kurzpredigt im dogmatischen oder belehrenden Verständnis, sondern ein ganz vitaler Anstoß, der freudig, aber eben nachdenklich machen soll, sich mit dem eigenen Glauben wieder neu kritisch und ermahnend gleichsam auseinanderzusetzen.

Doch wo ist dieses Werk geblieben? Wie oft fragte ich mich in der letzten Zeit, wodurch sich das „Wort zum Sonntag“ noch von dem Kommentar unterscheidet, den ich kurz davor in den „Tagesthemen“ sah. Denn von der Bibel war keine Rede. Viel eher ein recht weicher Meinungsbeitrag zu aktuellen Themen, dem es an jedwedem christlichen Inhalt fehlte.

Nein, Sozialkritik ist in einem Sendungsformat, das sich explizit mit dem religiösen Verständnis unserer Gegenwart befassen möchte, nicht möglich, solange es an einem Bezug zu einer biblischen Stelle fehlt. Friedensappelle werden in einem solchen Rahmen wertlos, wenn nicht Gottes Vergebung ihre Erwähnung findet. Und finanzpolitische Einordnungen bleiben dann unglaubwürdig, wenn sie im „Wort zum Sonntag“ ohne ein Gleichnis aus dem „Buch der Bücher“ auszukommen vermögen.

Standpunkte, Gutdünken oder Besserwisserei – für sie brauchen wir keine drei Minuten des Samstags. Sie können wir täglich in den sozialen Netzwerken, aber auch im Alltag erleben. Das „Wort zum Sonntag“ ist viel zu wertvoll, um zu einem Sendeplatz zu verrohen, an dem substanzlose Einordnung dessen geschieht, was ohnehin schon jeder von uns weiß. Die Themen der Bibel, sie sind genauso präsent wie unser Heute – nutzen wir doch dieses Alleinstellungsmerkmal, das „Tagesschau“, Wissensmagazine und Talksendungen eben nicht zu bieten haben: Die Betrachtung aus diesem Blickwinkel des Religiösen, des Christlichen, der eben doch einzigartig ist, wenn man die Chance nicht vergibt, ihn mit geistlicher Nahrung jeden Samstag neu zu füttern und in Erinnerung zu rufen, wozu wir uns bekennen und worauf wir uns beziehen dürfen.

Mit dieser Ermutigung und den besten Segenswünsche
grüße ich Sie herzlich

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.
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Kommentar

„Alle Christen glauben an Allah“, so titeln derzeit viele Plakate in der Region Tübingen. Gemeinsam mit dem Islam-Verband DITIB hat der „Bund der deutschen katholischen Jugend“ (BDKJ) eine Aktion gestartet, die für große Empörung sorgte. Eigentlich hatte man sich für den interreligiösen Dialog einsetzen wollen, doch jetzt protestieren sogar Politiker der SPD gegen das Projekt. Immerhin gibt es mehrere anstößige Punkte, die nicht nur den Gläubigen aufgefallen sind: DITIB steht als „verlängerter Arm“ der türkischen Regierung in der Kritik, direkte Einflussnahmen durch Präsident Erdogan auf den Dachverband werden befürchtet. Hat sich die katholische Jugend „missbrauchen“ lassen, wie es manche Kritiker nun vorbringen?

In der bisherigen Diskussion ist der theologische Aspekt der Plakataussage noch weitgehend unbeachtet geblieben. Die katholische Jugend argumentiert, dass „Allah“ doch schließlich auch „Gott“ bedeuten würde, insofern seien Christen und Muslime verbunden. Ob sie eine höhere Macht haben, an die sie gemeinsam glauben dürfen, das wird sicher stets ein Geheimnis bleiben. Doch nicht die Übersetzung interessiert bei der letztendlichen Frage des Glaubens. Allein der Umstand, dass wir unterschiedliche Bezeichnungen in den verschiedenen Sprachen vorfinden, belegt, dass es nicht um dieses Subjekt „Gott“, sondern viel eher um die Bilder von ihm gehen dürfte, die uns trennen – und die wir eben nicht miteinander teilen sollen, wenn wir mit ihnen unterschiedliche Religionen praktizieren.

„Allah“, „Jahwe“ oder eben „Gott“ – jede Begrifflichkeit ordnet dem Unbegreiflichen eine Vorstellung darüber zu, wie sich „Gott“ uns Menschen offenbart. Diesen Umstand hat die katholische Jugend bei ihren Betrachtungen ausgelassen. Christen sind überzeugt von einem trinitarischen Verständnis, das wir von Gott haben. Es ist eben nicht dasselbe wie jenes von Muslimen oder Juden. Wer aus einem nachvollziehbaren Grund von Verständigung versucht, Gott auf seine alleinige Existenz im Glauben der unterschiedlichen Lehren zu reduzieren, dabei aber vertuscht, dass es gerade die Erscheinungsformen sind, in denen sich die Anschauungen voneinander unterscheiden, setzt den „guten Willen“ über die Tatsache, dass Religionen mit der Aufgabe ihrer Prinzipien nicht nur ihr Alleinstellungsmerkmal verlieren würden. Viel eher gäben sie sogar ihr Fundament auf, das keinesfalls nur eine Rechtfertigungsgrundlage, sondern das Selbstbewusstsein einer jahrtausendealten Bewegung ist.

Parallelen ergeben sich nicht dadurch, dass man von einem Gott überzeugt sein mag, sondern viel eher in der Frage seiner individuellen Transzendenz. Deshalb können Christen nicht an Allah glauben, der Aufschrei wäre viel größer, hätte man stattdessen umgekehrt festgehalten: „Alle Muslime glauben an den Vater Jesu“, wie die richtige Beschreibung lauten müsste, würde man eine Entsprechung suchen wollen, die dem „Gott“ gerecht wird, von dem Christen eigentlich sprechen sollten. Deutet man nämlich „Allah“ ausschließlich deistisch, würde man seiner Gegenwärtigkeit ebenso wenig gerecht, wie im Falle der Begrenzung von „Jahwe“ auf seine Eigenschaft als Schöpfer der Welt. Die theistische Bedeutung ist jene, die den jeweiligen Glauben prägt. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass wir trotz der Verbundenheit als abrahamitische Religionen den jeweiligen Anspruch auf die Einzigartigkeit unseres Gottesbildes erheben wollen – und uns deshalb eine leichtfertige Zuschreibung des fremden Verständnisses Gottes auch nicht zu eigen machen können. Mit dem Slogan des BDKJ würden wir unsere Identität als Christen vollends aufgeben, was sicherlich nicht im Sinne all der Macher dieser Aktion gewesen sein dürfte.

Den interreligiösen Dialog voranzubringen, das ist eine ehrenvolle Herausforderung, die zweifelsohne großer Unterstützung bedarf. Wie der Ursprung des Namens aber verrät, ist der Dialog einzig ein „Zwie-Gespräch“. Er darf nicht als eine Vereinnahmung missgedeutet werden, vor allem dann nicht, wenn wir um manch angespannte Situation im Verhältnis der Religionen untereinander wissen. Wir dürfen uns bewusst mit unserer Überzeugung von einem Gott behaupten, die seine Allgegenwart gerade nicht nur durch den Vater, sondern eben auch als Sohn und daneben im Heiligen Geist zum Ausdruck bringt. Wenn Annäherung zu einer Anbiederung wird, hat sie nichts mehr von Eigenständigkeit – und wird auch nicht weiter ernst genommen. Im Gegenteil: Schwachheit in den eigenen Glaubensbildern kann dazu führen, dass Religionen belächelt werden. Gerade das hätte das Christentum aber auf keinen Fall nötig. Dialoge führt man auf Augenhöhe, um sie mit gegenseitigem Respekt und Wertschätzung bereichern zu können. Modernität bedeutet nicht, sich zum Weichspüler unter den Gemeinschaften zu degradieren. Wo ist die Courage der katholischen Jugend denn heute geblieben?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.
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Pressemitteilung

In einem Vortrag ging die Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. auf die Änderungen im deutschen Pflegesystem durch das Inkrafttreten weiterer Gesetzesneuerungen im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes ein. Referent Dennis Riehle, Leiter der Sozial- und Pflegesprechstunde des Vereins, erläuterte den Übergang von den bisherigen drei Pflegestufen zu den fünf Pflegegraden, die ab 1.1.2017 Gültigkeit erlangen werden. Er verdeutlichte auch die neue Begutachtungsgrundlage, auf der der „Medizinische Dienst“ fortan die Pflegebedürftigkeit feststellen muss. Die Bedeutung kognitiver und seelischer Einschränkungen dürfte durch das neue Verständnis in der entsprechenden Einschätzung über den Pflegegrad ansteigen. Trotzdem sieht Riehle nur bedingte Vorteile für diejenigen, die noch zwingend bis zum Ende dieses Jahres ihren Antrag auf Pflegeleistungen stellen: „Zwar könnte man davon ausgehen, dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen noch gewisse Vorteile haben dürften, wenn sie nach dem alten System eingestuft werden. Durch die Gesamtschau, die ab 1. Januar auf die zu Pflegenden zukommt, dürfte sich allerdings der Anspruch auf eine bessere Einstufung aller vorliegenden Funktionsbeeinträchtigungen verbessern“, so Riehle.

Wesentliche Aussage bei der Reform ist die des „Bestandsschutzes“. Er garantiert, dass keiner, der bereits eine Pflegestufe zugesprochen bekam, fortan schlechter gestellt wird. „Viel eher wird eine großzügige Übertragung aus der bisherigen in die neuen Einordnungen folgen, die zudem verschiedene Leistungssteigerungen in beachtlichem Maße mit sich bringen wird“, meint Riehle. Auch stationär müssten sich Erleichterungen ergeben, da der Eigenanteil für die pflegerischen Maßnahmen bundesweit bei einem ungefähren Rahmen gedeckelt wird. „Nur für manche Gruppen ergibt sich hier ein Mehraufwand als bisher. Ansonsten fallen auch hier die entsprechenden Entlastungen deutlich aus“. Wesentliche Verbesserungen bringen die neuen Rechte für die Angehörigen mit Ansprüchen auf eine Pflegeberatung und etwaigen Vorzügen in der Sozialversicherung. „Zusammenfassend werden die Pflegebedürftigen auch weiterhin nach dem Grundsatz ‚Ambulant vor Stationär‘ in denjenigen Bereichen besonders gefördert, in welchen das Pflegeheim ganz bewusst zum Wohl des Betroffenen noch hinausgezögert werden könnte. Insgesamt wird aber die Bedürftigkeit unter ganz neuen Vorsätzen betrachtet und somit dem Einzelnen gerechter werdend bestimmt“.

Informationen zur Pflegereform in einem Informationsblatt der Sozial- und Pflegesprechstunde, das unter Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de oder über Post: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz, kostenlos erhältlich ist. Dennis Riehle bietet darüber hinaus eine ehrenamtliche Erstberatung zu Themen aus dem Bereich „Pflege und Soziales“ an.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Mit Jubel, langem Beifall und Freudentränen wurde er empfangen. Zurück aus der Haft, stellte sich Uli Hoeneß erneut zur Wahl als Präsident beim Fußballverein „FC Bayern München“. Wegen Steuervergehen wurde er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, saß davon einen Teil ab, ehe er nun wiederkehrte, dorthin, wo er es noch vor seinem Antritt der Gefängnisstrafe versprochen hatte. Und natürlich wurde Hoeneß wiedergewählt, daran hatte auch niemand Zweifel. Wirklich niemand? Weshalb ist das so selbstverständlich, dass jemand, der Millionen Steuergelder hinterzogen hat, nach einer teilweise im Vollzug verbrachten Strafe, offenkundig problemlos wieder mitten in der Gesellschaft auftaucht, ohne, dass jemand daran auch nur einen geringen Anstoß nehmen würde?

Stimmen aus dem Publikum von Fans und Mitgliedern machten deutlich: Es spielte bei Uli Hoeneß nie eine Rolle, ob er als Straftäter wieder zurück in ein Spitzenamt kommen könnte. Der Platz war ihm stets gesichert. Denn, so sagt man, er habe sich entschuldigt, seine Strafe abgesessen und habe sich in der Haft gut geführt – habe sogar in der Waschküche geholfen. Deutlich wird: Hier misst man mit zweierlei Maß. Natürlich muss ein Gefangener, sollte es ihm möglich sein, auch „niedere“ Arbeit verrichten. Da ist es nicht die Selbstlosigkeit des alten und neuen Präsidenten des „FC Bayern“, die darüber entscheidet, ob er solch eine Aufgabe zu erledigen hat. Vor dem Gesetz – und eben auch im Vollzug – sind alle Menschen gleich. Und überhaupt: Bei allen subjektiven Vorteilen, die Hoeneß für manch Außenstehenden genossen hat, wird man nicht von einem gebrochenen Häftling sprechen können, der dort aus der JVA entlassen wurde.

Er hat sich entschuldigt und die Strafe abgesessen. Wie viele Straftäter tun das ihm gleich – und werden doch nicht integriert, wenn sie wieder in die Freiheit entlassen werden? Während die Gesellschaft beim Thema Schuld und vor allem Strafe generell zu Härte tendiert und mit Urteilen selten zufrieden ist, scheint sie bei manchen VIPs doch ziemlich schnell zu verzeihen. Da hinterfragte kaum jemand, ob die gefundene Strafe gerecht ist – und insbesondere: Niemand hatte ein Problem damit, einen entlassenen Gefangenen wieder in die Mitte eines riesigen Vereins aufzunehmen, ihm also eine Rückkehr in das frühere Leben zu ermöglichen. Welcher Häftling kann sonst darauf hoffen, dass er so empfangen wird nach einem prägenden Gefängnisaufenthalt? Es wird nicht selten ein Spießroutenlauf sein, für jene, die eben nicht das Glück einer glänzenden Charakterperson, um überhaupt wieder in Frieden leben zu können. Von einer Einbeziehung in das soziale Leben einmal ganz abgesehen.

Wie gehen wir mit denjenigen um, die Reue zeigen, die nach einer Verurteilung ihre Strafe absitzen und denen anzusehen ist, dass sie bereit sind zu einer Resozialisierung? Uli Hoeneß ist ein Paradebeispiel, wie es funktionieren kann. Wer Buße zeigt, dem sollte eben auch vergeben werden. So, wie dem Präsidenten des „FC Bayern“ eine „zweite Chance“ eingeräumt wird, wie eine engagierte Teilnehmerin der Versammlung forderte, sollte es eben nicht nur den Prominenten ergehen, wenn sie sich einen Fehltritt geleistet haben. Ja, alle Menschen sind gleich. Und dann müssen wir ihnen auch allen dieselbe Chance zur Wiedereingliederung einräumen. Die Steine, die vielen entlassenen Tätern in den Weg gelegt werden, sind Ausdruck von Rache, von Sühne und von sozialer Abgrenzung. Sie suggerieren eine scheinbare Überlegenheit derer, die sich als die vermeintlich Besseren darstellen möchten. Und doch zeigen sie nur, dass sie nicht zu Humanität offen und fähig sind. Es wäre schön, wenn Mancher sie durch den aktuellen Fall erlernen würde…

[Dennis Riehle]