Kommentar

Nach jeder Bluttat zittere ich erneut. Zunächst einmal im Schock über die Grausamkeit, die wieder einmal angerichtet wurde. Nein, solche Eindrücke dürfen nicht zum Alltag werden. Sie ermahnen uns zum Innehalten. Und doch warte ich dann stets auf diesen einen Satz – und fürchte mich. „Der Täter war offenbar psychisch krank“, immer öfter hören wir diese Aussage bei Katastrophen, bei einzelnen Amokläufern, ob nun damals in Winnenden, in der „Germanwings“-Maschine über den Alpen oder jetzt im Einkaufszentrum in München.

Warum mich diese Zuschreibung ängstigt – und gleichzeitig empört? Wenn man, wie ich, selbst seelisch erkrankt ist, wird man in den folgenden Tagen und Wochen nach solchen Ereignissen immer wieder gefragt, muss sich rechtfertigen, sein eigenes Leiden ausbreiten – und feststellen: „Nein, nicht jeder, der eine Depression hat, wird zum Massenmörder“. Doch scheinbar vermitteln uns Politik und Medien ein anderes Bild. Aus den verkürzten Darstellungen, den Schlagzeilen und dem Sensationsinteresse von Presse und Konsumenten ergeben sich einfache Aneinanderreihungen. Psychisch labil bedeutet unberechenbar, potenziell gefährlich bedeutet Gewaltverbrecher.

Trotz langer Aufklärung ist es für Menschen mit seelischen Leiden bis heute eine große Herausforderung, sich gegen die Diskriminierungen in der Gesellschaft zu wehren. Noch immer kreisen die Vorstellungen von Irrenanstalten, Gummizellen und Zuchthäusern in den Köpfen, nicht selten werde auch ich gefragt, weshalb ich denn noch frei herumlaufen dürfe. „Verrücktsein“ im Sinne der vollkommenen Abnormalität, diese Verknüpfung wird nicht nur auf Menschen mit schwersten psychiatrischen Erkrankungen angewandt. Schon derjenige, der im Betrieb wegen BurnOuts fehlt, dürfte hinterher schräg beäugt werden. Nicht mehr zu funktionieren, und das aus Gründen, die das Gegenüber nicht sehen kann, das wirkt unbegreiflich. Was wir nicht fassen können, glauben wir nicht – und unterstellen gern einmal, dass der Betroffene nur simuliert oder im Zweifel eben vollkommen abgedreht ist.

Die Ausgrenzung ist ein Symptom für dieses herabwürdigende Verhalten. Als wenn es das einzige Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen wäre, seine Depression, seine Psychose, seine Angst. Auf den Pressekonferenzen nach den Massakern wird solch eine Neuigkeit wie ein alles erklärender Lösungsansatz verkündet. Nach dem Motto „Ach, der war ja psychisch krank, dann passt das hier ins Bild“. Die Akte ist geschlossen, weil man unter diesen Umständen ja nichts Anderes erwarten konnte. Minutiös wird dann daran gearbeitet, woher welche Waffe kam, wie der Täter von A nach B gelangte oder welche Kleidung er trug. Man mag nur hoffen, dass sich die Ermittler genauso umfangreich mit der offenkundigen Tragödie beschäftigen, die sich im Leben eines Attentäters vor seinem Angriff zugetragen hat. Denn mit einer pauschalen Etikettierung als „psychisch Kranker“ sind wahrlich keine Hintergründe identifiziert, sondern lediglich Vorurteile bedient worden.

Wenn wir uns nun wieder damit beschäftigen, welche innenpolitischen Maßnahmen wir ergreifen können, um adäquat auf die Vorkommnisse der vergangenen Wochen zu reagieren, setzen wir an der falschen Stelle an. Noch ein paar Videokameras mehr, weitere Kontrollen flächendeckend und am besten Fingerabdrücke, Bilder und Daten von jedem. Schlussendlich bleibt im viel gepriesenen Verhältnis von Sicherheit und Freiheit von letzterer nicht mehr viel übrig. Wir reagieren nur, wir fragen viel zu wenig nach den Ursachen. In den vielen Kerzenmeeren, die zum Gedenken an die Opfer aufgestellt werden, findet sich immer wieder ein Schild mit dem „Warum?“. Anscheinend ist es uns aber zu kompliziert, genau diese Frage beantworten zu wollen. Ursachenbekämpfung statt den Knüppel neuer Gesetze – sie würde nicht nur präventiv manche Wurzel ergreifen, sondern auch dabei helfen, Denkmuster zu verstehen und frühzeitiger zu intervenieren. Haben wir tatsächlich ausreichend Anlaufstellen, die niederschwellig unterstützen können, wenn Betroffene oder Angehörige nach Hilfe suchen? Blicken wir oft genug in Familien, die möglicherweise Schwierigkeiten haben? Bauen wir genügend Brücken, um psychisch Kranke in unsere Mitte zu integrieren?

„Baller-Spiele“ sollen mit dafür verantwortlich gewesen sein, dass in der bayerischen Hauptstadt geschossen wurde. Verehrung für den Amokläufer in Winnenden – und für den Osloer Angreifer. Der Verlust über die Realität, nicht selten sind das Zurückziehen in die Welt der Gewalt und die Ohnmacht über die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit Ausdruck von dieser viel besagten Depression. Doch nein, dann hilft eben nicht der Stempel, denn er bringt seelisch leidende Menschen weiter in die Defensive. Sie gehen der Gesellschaft verloren und rutschen ab. Zwar entscheiden sich glücklicherweise nur die wenigsten von ihnen, auf diese Kränkung mit Aggression zu reagieren. Aber wir müssen uns bei jedem Einzelnen auch selbstkritisch befragen. Letztendlich trägt der Täter Verantwortung für sein Handeln, doch sind wir nicht indirekt auch ein Stück weit Schuld, indem wir die Augen verschließen und die zurücklassen, die beispielsweise in der Schule nicht mehr mitkommen, wie es beim Schützen in München der Fall gewesen sein soll? Erfolgs- und Leistungsdruck, Versagensängste, sozialer Abstieg und Ghettoisierung – ein Weltbild des Ignorierens macht sich breit, wenn der Nachbar, Freund, Bekannte erst einmal in diese Spirale gesogen wurde.

Nein, jetzt kann niemand mehr beantworten, ob das Blutbad zu verhindern gewesen wäre. Die Frage stellt sich nun auch nicht länger. Und dennoch ermahnt diese Tat: Gehen wir nicht einfach in den Alltag zurück, indem wir eine rasche Begründung für das Monströse gefunden haben, sondern nehmen wir die Aufforderung aus diesem Schreckensereignis mit. Machen wir es uns nicht zu leicht mit Problemen in unserer Gesellschaft, von denen diese Katastrophe einige zutage führte. Blicken wir genauer hin, wenn es um unsere Nächsten geht, ob als Zivilgesellschaft oder als Staat. Denn Brandmarken macht alles nur schlimmer, frühzeitiges Eingreifen kann dagegen Leben retten…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Ja, man soll mit Vergleichen zurückhaltend sein. Und ja, das gilt besonders für mich, der die schlimmste Zeit der deutschen Geschichte nicht miterlebt hat. Und jeder Versuch, nur annähernd Parallelen zu ziehen, würde möglicherweise bedeuten, die damaligen Verbrechen relativieren zu wollen. Nein, das kann und darf nicht Intention von Nebeneinanderstellungen sein. Doch gerade, weil ich die Zeit bis 1945 nur aus Geschichtsbüchern, aus Erzählungen und Dokumentarfilmen kenne, bin ich darauf angewiesen, diesen oftmals nur bruchstückhaften Darstellungen mein Vertrauen zu schenken.

„Gleichschaltung“, „Ausmerzen“, „Erledigen“, „Entartung“, „Geschwüre“, „Krebs“, „Wucherungen“, „Säuberung“, „Reinigung“, „Dreck“ – nein, das sind leider keine plakativen Werbefloskeln für angepriesenes Waschmittel oder medizinische Fachbegriffe. Diese Ausrufe kursieren in der türkischen Politik und vor allem auch auf der Straße. Niemand kann verstehen, wie sich vor 80 Jahren Millionen Menschen an die Lippen einer einzigen Person hefteten. „Für ihn würde ich sterben“, „Für ihn würde ich mein Leben geben“, so skandiert die Menge. Nein, nicht beim Aufstieg Hitlers, sondern im Jahr 2016 bei Demonstrationen von AKP-Anhängern für ihren Präsidenten Erdogan.

Ich zerbrach mir immer wieder den Kopf, welche Psychologie dahinter stecken muss, dass Massen ihr eigenes Denken abschalten und das vorprogrammierte Band der völligen Hingabe, ja, sogar Aufgabe, abspulen. Hat es etwas mit der Verteidigung der Demokratie zu tun, wenn man sich vor Panzer wirft, um sein Leben für einen Anführer zu geben, der gleichzeitig mehr oder weniger sichtbar gerade diese Staatsform abschaffen will? Ich habe durchaus den Eindruck gewonnen, dass ein nicht kleiner Teil der türkischen Bevölkerung sich in einer Autokratie, in einer Diktatur wohler fühlen würde.

Es hat etwas von verloren gegangenem Stolz, wenn anscheinend nur der Weg der Macht hilft. Nein, man kann die Vorgänge in der Türkei keinesfalls mit denen von damals vergleichen. Es waren andere Dimensionen, es waren andere Beweggründe, es war eine andere Radikalität, Brutalität und Menschenverachtung. Doch auch die, die Ankara heute an den Tag legt, ist schon beeindruckend. Vielleicht hätte man solche Vorgehensweisen aus den Staaten West- oder Ostafrikas erwartet. Aber von einem Land, das noch bis vor kurzem beabsichtigte, in die Europäische Union aufgenommen zu werden?

Bildungsapparat, Gerichte, Verwaltungen – sie alle werden auf Linie gebracht. Ein Land, das nur noch nach einer Pfeife tanzt. Wer nicht mitmacht, wird abgeführt. Wer sich nicht verbiegen lässt, wird drangsaliert. Und noch immer schwebt das Schwert der Todesstrafe über allem. Die Drohung mit der Wiedereinführung der Todesstrafe könnte ein Bluff sein. Aber auch Realität werden. Denn Erdogan ist die EU mittlerweile ziemlich egal. Tourismus und Wirtschaft gehen bereits bergab – doch für einen starken Staat nimmt das Volk das gerne hin. Noch. Denn sollten in der Türkei tatsächlich wieder Köpfe rollen, nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinne, wäre die Isolation groß.

Zwar bekunden Brüssel und Berlin ihre konsequente Ablehnung der Todesstrafe und verbinden mit einer entsprechenden Rückkehr zu dieser Praxis durch Erdogan das Ende der Beitrittsverhandlungen in die Union. Aber in den Talksendungen hierzulande rechtfertigen Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Überlegungen nach einem konsequenten Durchgreifen bereits mit der außergewöhnlichen Situation, die nun noch mit dem Ausnahmezustand untermauert wurde. Die Antwort unsererseits müsste deutlicher ausfallen, aber wir müssen uns entscheiden. Ohnehin kann sich kaum jemand vorstellen, wie mit solch einem diktatorischen Regime ein Flüchtlingspakt aufrecht erhalten werden sollte, der ohnehin von Beginn an unmenschlich war. Für unsere Regierung scheint die Abwägung aber ernsthaft zu sein, sie denkt auch noch an unsere Präsenz auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik und die Folgen, die ein Rückzug von dort hätte.

Doch wer allein mit dem Gedanken spielt, Menschen wieder töten zu wollen, wer aus dem Hier und Jetzt in mittelalterliche Praktiken zurückfällt, für den darf es keinen Platz in der EU geben, auch keine Partnerschaft. Mir scheint, als würde die Bedeutung der Türkei überhöht. Sie zerstört sich gerade selbst – nicht wir sind auf sie angewiesen, wohl eher umgekehrt. Das muss deutlich werden, neben dem Hinweis, dass Menschenrechte nicht temporär „ausgesetzt“ werden können. Frankreich hat in seinem Ausnahmezustand die Grundrechte beschränkt – das ist zwar ebenso fragwürdig, aber nicht vergleichbar. Damit kann sich die Türkei nicht aus der Verantwortung nehmen, internationale Konventionen dauerhaft und zu jeder Zeit einzuhalten.

Ein Staat ist Richtender, aber nicht Hinrichtender. Wer die Todesstrafe befürwortet, macht es sich einfach. Er nimmt Kurs auf die Einbahnstraße. Denn wer dieses Urteil vollzieht, der schafft Tatsachen – was im ersten Moment Sorgen nehmen kann. Doch ein solches Denken mag nur gelingen, solange das Gewissen ausgeschaltet bleibt. Kurzfristig dürften die Emotionen befriedigt sein. Aber langfristig sind weder Versöhnung, noch Reue, noch Frieden möglich – von beiden Seiten. Die Todesstrafe hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, viel eher mit Rache. Jeder hat ein Recht auf Leben. Es ist Aufgabe eines Volkes, dies zu schützen. Wenn der Mob nun auf die Straßen strömt, dann aus Hilflosigkeit. Dann fehlen die Alternativen, aber auch die Perspektiven. Es ist ein armseliges Selbstbewusstsein, was dort propagiert wird, ist es doch nur aufgebaut auf heißer Luft.

So hart es klingt, ich lerne dieser Tage ein bisschen mehr darüber, wie das war, als meine Großeltern in den Krieg zogen, über die Motivation von früher. Doch noch viel schlimmer ist: Wir alle denken immer wieder, solch eine Hypnotisierung eines Volkes könne sich nicht wiederholen. Schon gar nicht in unseren Breiten. Doch jetzt werden wir eines Besseren belehrt. Und das scheinbar über Nacht. Was ist da los in einer Gesellschaft, die blind vor Hass auf Gegner losgeht, sie mundtot macht – und vielleicht noch mehr? Wer hat dort möglicherweise versagt? Und welche Rolle spielen wir dabei? Vielleicht können wir aus ehemaligen Fehlern lernen, ein allzu langes Weggucken dürfen wir uns nicht leisten. Denn von selbst lässt sich Fanatismus nicht stoppen…

[Dennis Riehle]

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Kommentar

Seit einigen Jahren nun fühle ich mich zur säkularen „Szene“ zugehörig. Freidenkerisch ausgerichtet, durchaus aber ein zweifelnder Mensch, der den Gottesglauben nie völlig aufgegeben hat – und schon gar nicht die Werte, die ich eigentlich für „humanistisch“ erachtet habe. Doch seit einiger Zeit bin ich mir nicht mehr sicher, in welche Richtung diese neue atheistische Bewegung gehen wird. Und vor allem, ob sie noch das Verständnis von Mitmenschlichkeit zeigt, das ihr von Cicero über Herder bis zu Plessner in die eigene Wiege gelegt worden war.

Der Begriff von Freiheit und Selbstbestimmung ist weiterhin unzertrennlich mit dem Humanismus und seinen Lehren verbunden. In Anlehnung an die antiken Vorbilder, die bis zur Kasteiung an sich arbeiteten – ob über Bildung, Sport oder die schiere Selbstaufgabe –, idealisiert die heutige säkulare Bewegung ihr Menschenbild nicht nur. Sie individualisiert es auch bis in das Extreme. Die Verantwortlichkeit für den eigenen Körper und Geist verbindet sich mit dem libertären Gedanken einer Grenzenlosigkeit. Ob in Wissenschaft oder Forschung, ob in persönlicher Ekstase oder erfolgsorientiertem Leistungsgedanken.

War das frühere Bewusstsein auf ein Miteinander noch zwingender Grund, sich einer moralischen Übereinkunft verpflichtet zu sehen, fehlt es heute oftmals an einer Richtlinie, die sich auf tugendhafte Standards verständigt, welche weit über den eigenen Fortschritt hinausgehen. Das solidarische Denken ist verloren gegangen, blicke ich nur auf die massiven Forderungen aus der humanistischen Bewegung, § 218 StGB endlich abzuschaffen. Die Argumentation, über den eigenen Körper bestimmen zu wollen, rechtfertigt keinesfalls eine „Legalisierung“ der Abtreibung.

Hier wird ein Ideal ganz offensichtlich missbraucht, um davon abzulenken, dass Menschsein nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung bedeutet. Die Vorstellung, ich alleine könnte über alles entscheiden, was in meiner Macht steht, ist unter dem Gesichtspunkt einer humanistischen Ethik ein vollkommener Trugschluss. Denn unsere Existenz eignet sich nicht für egoistische Befindlichkeiten. Wer mit angehendem Leben spielt, hat das Maß über das eigene verloren. Nur in den allerseltensten Fällen entstehen Schwangerschaften gegen den Willen einer Frau. Damit ist sie mehrheitlich in der Lage, die Entscheidung für ein Kind mündig zu treffen.

Genau diese Fähigkeit muss ich ihr zusprechen, wenn ich das Bild des Humanismus bis zum Ende dekliniere. Als werdende Mutter übernimmt sie eine Schlüsselrolle in der Solidargemeinschaft. Das Experimentieren mit dem eigenen Körper taugt nicht für ein Gesellschaftsbild, in dem wir tatsächlich selbst-bestimmt leben. Nachwuchs bedeutet auch, für das Allgemeinwohl und seine Zukunft Sorge zu tragen. Diese Aufgabe verbindet sich mit dem urmenschlichen Können, Leben zur Welt zu bringen. Wer nur sein eigenes Wohl wertschätzt, dabei nicht nur die Folgen von Abtreibungen vergisst, sondern aus seinem Ich-Sein heraus auch nicht mehr die Perspektive auf das „Wir“ einnehmen kann, tritt den Humanismus mit Füßen.

Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Ob es nun die medizinischen Fertigkeiten zum Schwangerschaftsabbruch sind – oder auch der Traum des Transhumanismus zu einer „Vervollkommnung“ des Menschen mit Wissenschaft, Technik und Forschung: Uns steht eine gewisse Demut immer gut zu Gesicht. Nur, weil Atheisten oder Freidenker nicht an einen Gott glauben, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie sich gleichzeitig auf seinen Stuhl erheben können. Der heutige Humanismus überschätzt sich in vielerlei Hinsicht. Während ihm einerseits ein inhaltliches Konzept seiner Überzeugungen fehlt, wenn sich die Welt nur um den persönlichen Profit dreht, bleibt er im Begreifen von Umwelt, aber auch des Universums, relativ einsam.

Natürlich könnten wir schon morgen alle Drogen freigeben, wie dieser Tage von manchen säkularen Organisationen gefordert. Doch wo ist die Vernunft, die Fromm so propagierte, und die eigentlich hochgehalten wird, wenn sich die Humanisten zu Wort melden? Selbstverständlich dürfte sich dann plötzlich jeder von uns bekiffen – bei Alkohol und Zigaretten sieht man bestens, wie die staatliche Regulierung funktioniert, die auch bei anderen Rauschmitteln effektiv sein soll, glaubt man den Befürwortern vollständiger Legalisierungen. Ein Humanismus, der sich durch seine Überheblichkeit eigens zerstört?

Wir müssen uns als Menschen auch vor uns selbst schützen. Denn wie sonst sollen wir verhindern, dass Sterbehilfe nicht künftig zur gängigen Praxis für jeden wird, der zwischendurch auf einmal keine Lust mehr zum Leben hat – oder dass wir uns alsbald im Wochentakt verheiraten und wieder scheiden lassen, nur, weil wir auf Treue keinen Bock mehr haben? Anarchien verliefen bisher meist im Sande, ihnen fehlt es auch an Reife. Und so erscheint mir auch die säkulare Bewegung: Kindisch – und von der Phantasie besessen, dass ohne Verbote doch alles viel besser läuft.

Ja, wir haben die alleinige Gewalt über unseren Körper und über unseren Geist. Nicht alles davon ist zu jeder Zeit intakt. Genau für diese Augenblicke gibt es aber Regeln. Denn schließlich sollten Humanisten doch ihrem Namen nach bereits Anhänger des Lebens sein. Der Gedanke, wir können damit verfahren, wie es uns gefällt, mag richtig sein. Ab und zu ist dieser hochentwickelte Mensch offenbar aber doch außerstande, sein Handeln zu überblicken. Die Konsequenzen könnten vernichtend sein. Und spätestens dann hilft nur noch der suchende Blick: „Lieber Gott, hilf mir, aus meiner Begrenztheit klug zu werden!“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung
zu: „Wie es um die Gesundheitsversorgung in und um Konstanz bestellt ist“, SÜDKURIER vom 19. Juli 2016

Es ist völlig richtig, dass nicht nur auf den Ist-Zustand geblickt wird, wenn wir die Gesundheitsversorgung in der Region analysieren. Was im urbanen Raum als völlig intakt erscheint, bröckelt auf dem Land bereits erheblich.

Die nachgewiesene ungerechte Verteilung der generell hohen Zahl an Ärzten und Krankenhäusern mit einem enormen Schwerpunkt auf die Städte stellt schon heute ein Problem dar. Und sie wird sich forcieren, solange es keine Konzepte für eine dezentrale Versorgung auf dem Land gibt, die für Mediziner auch langfristig attraktiv erscheint.

Die Bemühungen um Anreize könnten verpuffen, sollten nicht die Gesamtbedingungen für praktizierende Ärzte der Zukunft auf die Bedürfnisse von heute angepasst und dauerhafte Unterstützung unterbreitet werden. Auch die herausragende Dichte an medizinischen Anlaufstellen in Konstanz könnte brüchig werden, beginnend in den Randgebieten. Denn besondere Faktoren, wie verlockende Angebote aus der Schweiz, verzerren das Bild hier vor Ort nochmals drastisch.

Hinzu kommt der ständige Druck, stationäre Betten halten zu können, wenn stets Fallzahlen im Blick behalten werden müssen und Krankenhäuser nicht nur durch steigende ambulante Betreuung mit den geringen Vergütungen zu jonglieren haben.

Lösungsansätze, wie die Bündelung der Versorgung in Ärztezentren, scheinen lukrativ, könnten für die Patienten in der Peripherie aber dramatische Folgen haben.

Die Welle an altersbedingtem Ruhestand unzähliger Mediziner in den nächsten Jahren erschwert die Aufrechterhaltung einer flächendeckenden Präsenz. Gerade junge Ärzte müssen dann aber auch an ihren Eid erinnert werden: Wenngleich wir Bewegungs- und Berufsfreiheit haben, steht im Medizinerberuf nicht allein der persönliche Erfolg im Mittelpunkt. Neben Wünschen haben Ärzte auch Verpflichtungen, nämlich, dort zu helfen, wo es nötig ist – und das im Zweifel auch abseits von Traumhaus und Seesicht.

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Dieser Tage wollte ich einer älteren Dame aus der weiteren Bekanntschaft einen Flyer übergeben, nachdem sie gefragt hatte, was ich „denn da so mache, mit diesen Humanisten“. „Na ja“, meinte sie, „irgendwie klingt das ganz schön abgekühlt“. Zunächst war mir nicht klar, worauf sie hinauswollte. Doch dann wurde sie deutlicher: „Gefühlskalt. Alles so rational. Davon lässt sich doch kaum jemand ansprechen“. Eindeutige Worte, auch wenn ich erst einige Tage später hinterfragte, ob denn an dieser Kritik auch etwas Wahres dran sein könnte.

Der Humanismus in seinen Ursprüngen ist verbunden mit der Vorstellung des Ideals. Durch ständige Bildung formt sich der Mensch immer weiter zum antiken Vorbild aus körperlicher und geistiger Höchstleistung. Gleichzeitig schwingt auch die Verpflichtung zum wohlwollenden Annehmen des Nächsten mit, tritt aber nicht nur bei Cicero in den Hintergrund. Vom „Renaissance-Humanismus“ über den Späthumanismus hin zum Neuhumanismus stand die Weltanschauung in einem Spannungsfeld aus Streben nach Perfektion, stoischem Drang der Gelehrtheit und der Aufgabe des sozialen Hinwendens.

Und heute? Heute scheint mir, als würden wir uns wiederum dem Gedanken der Selbstprofilierung zuwenden. Humanismus versteht sich mittlerweile als Versuch, die griechischen Vorbilder noch um Längen zu übertrumpfen. Der Versuch, uns etwas beweisen zu müssen, zieht sich durch das Bemühen, gleichzeitig auch ein bisschen Mitmenschlichkeit zu zeigen. Eigentlich wollen wir aber gar nicht solidarisch sein, würde dies doch Zeit und Kraft nehmen, die wir viel eher in die eigene Verwirklichung investieren könnten. Humanismus wirkt manchmal so, als hätte er seinen Zweck aus den Augen verloren.

Denn: Humanistisches Denken stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Aber: Steht dort nicht letztendlich der Einzelne, der um sein Glück kämpft, alleine, mit Ellenbogen und Verliebtheit, ausschließlich in sich selbst? Überhöhen wir mit einem liberalen Verständnis des Alleskönnens nicht diejenigen, denen das gesellschaftliche Denken egal ist? Warum wirkt der Humanismus, wie wir ihn leben, möglicherweise so unnahbar, so fremd, so abweisend? Vielleicht liegt es daran, dass Verbindlichkeiten fehlen. Ja, es ist eine große Errungenschaft, frei zu denken, frei zu handeln. Braucht aber nicht auch der Humanismus ein Pendant zur religiösen Moral, die protektiv auf ihn einwirkt? Eine orientierende Ethik, die Linien aufzeigt und im Zweifel ein „Stopp“ formuliert? Nicht das eines Gottes oder einer heiligen Schrift, sondern jenes von uns, das wir uns auferlegen, in der Abwägung von Erreichbarem und Sinnvollem.

Manchmal kommt mir die Welt eines manchen Humanisten recht klein vor. Denn sie scheint nur um die eigene Leistung zu kreisen. Er beruft sich auf seine Freiheiten, verkennt jedoch oft, dass mit futuristischen Utopien diejenigen zurückbleiben, die es nicht schaffen, an der Transformation teilzuhaben. Wer Selbstbestimmung zur Ultima Ratio stilisiert, der vergisst, dass mit jeder Entscheidung, die in diesem Sinne getroffen wird, im Zweifel ein anderes Recht beschnitten wird. Natürlich bleibt es jedem belassen, über sich zu bestimmen. Aber nicht grenzenlos. Ansonsten wäre er nicht Teil eines sozialen Gefüges, das unter anderem auch dazu da ist, den Einzelnen vor sich selbst zu schützen.

Immer wieder wird den Humanisten vorgeworfen, ihnen fehle es an „Inhalt“. Ja, woran „glaubt“ ein Humanist? Nicht im religiösen Sinne, sondern im Sinne von Überzeugungen. Wenn dann das Wort „Werte“ fällt, ist das meistens eine dünne Argumentationsgrundlage. Denn sie birgt kaum praktische Beispiele – besonders dann nicht, wenn die Außenwahrnehmung davon ausgeht, dass hinter der Philosophie des Humanistseins ein „ich“-bezogener Kanon libertären Wunschseins steckt. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Beobachter die humanistische Ideologie als diejenige betrachtet, die selektiert – wie in der Antike. Kann unter dieser Annahme eine solche Anschauung überhaupt mehrheitsfähig sein?

Wo ist die Begeisterung, mit der wir ausrufen, dass es bei uns um das „Wir“ geht? Die großen Glaubensgemeinschaften sind nicht umsonst derart beliebt (gewesen), weil sie die Menschen mitgenommen haben. Man gibt sich keine Blöße, wenn man eingesteht, dass wir alle in einem Boot sitzen – und nur schlecht ohne einander können. Mitgefühl und Mitsprache, Chancen und Hilfen, Weltoffenheit und Bedacht – der Humanismus ist nicht nur ein einziges Grundgerüst, es braucht Leben in diesem gemeinsamen Haus, das die Vielfalt der Persönlichkeiten ebenso wertschätzt wie die Notwendigkeit der Vernunft achtet.

Letztlich muss ein Humanist nicht als Egoist gelten. Ob im politischen, im gesellschaftlichen oder privaten Dialog: Um für eine freidenkerische Weltanschauung zu werben, braucht es stets auch Feingefühl. Das macht den Humanismus wärmer und holt ihn aus der Ecke der Olympioniken in vollendeter Pose. Ob es dabei immer hilfreich ist, die Freiheit bis aufs Letzte auszureizen, will ich bezweifeln. Nicht alles, was machbar ist, ist gleichsam nötig. Humanismus macht sich sexy, wenn er ein bisschen mehr Demut übt – und damit ein klares Bekenntnis zum Miteinander ausspricht. Dazu gehört auch, nicht nur „gegen“ etwas zu sein, sondern auch „für“ einen Glauben an das Menschsein – deines, meines, unseres.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.
SozialesPflege.150

Leserbrief

Zuerst wird auf mehr Einzelzimmer und Wohnfläche gepocht – nun ist der Aufschrei über die Konsequenzen groß: Wir stehen durchaus vor einem Dilemma: Einerseits wollen wir eine angemessene stationäre Pflege mit ausreichend Lebensqualität für die zu Pflegenden; andererseits gefährden höhere Standards die Zahl der Plätze.

Letztendlich wird Vieles auf die weitere Fokussierung „ambulant vor stationär“ hinauslaufen, die die meisten Pflegebedürftigen ja auch favorisieren. Unter dem Aspekt zunehmender neurodegenerativer Erkrankungen im Alter wird sich dann aber auch die Frage stellen, ob das heimische Umfeld diese Anforderungen erfüllen kann. Schon jetzt klagen Angehörige zu Recht über die schiere Unüberwindbarkeit der Herausforderungen, beispielsweise bei ambulanter Betreuung Demenzkranker.

Gerade bei niedrigeren Pflegestufen wird es aber einen Paradigmenwechsel, nicht nur auf dem Papier und in den Köpfen, brauchen. Der Ausbau der ambulanten Versorgung, die wohl zunehmend auch um einen niederschwelligen Anteil ergänzt wird, benötigt neben strukturellen Überlegungen auch ausreichend Werbung, Aufklärung und Information, um zu verinnerlichen, dass im Zeitalter des demografischen Wandels das Pflegeheim nicht mehr „erste Wahl“ ist.

Daneben müssen die Überlegungen für andere Pflegeformen fortgesetzt werden – auch abseits der viel gepriesenen Wohngemeinschaften. Weitere Mittelwege zwischen stationär und ambulant dürften die Lösung sein, dezentral und trotzdem sicher, fürsorgend und leistungsstark. Das Brainstorming braucht neue Dynamik, unter Einbeziehung breiter Bevölkerungsschichten. Denn schließlich wird es uns auch alle irgendwann betreffen…

[Dennis Riehle]

Kommentar zu den Geheimabsprachen der baden-württembergischen Landesregierung

Die Antwort der „Grünen“ auf das Bekanntwerden der Geheimabsprachen der Koalition mit der CDU sind heuchlerisch. Es sei auch in anderen Regierungen gängig, dass man sich über Projekte abseits der vereinbarten Zielsetzungen verständige, hieß es.

Das mag sein. Doch nur, weil Andere bei Rot über die Ampel fahren, darf ich es ihnen nicht gleichtun – und wird aus einem Vergehen kein Freifahrtsschein für unmoralisches Taktieren.

Dieser Vorfall ist ein schwerer Schaden für die Demokratie. Denn der Bürger hat ein Recht darauf, transparent zu erfahren, was mit seinem Steuergeld passiert.

Gerade die „Grünen“, die sich noch in der Koalition mit der SPD stets für Durchsichtigkeit ihres Handelns feiern ließen, haben wesentliche Ideale ihrer eigenen Philosophie verraten.

Es ist bezeichnend, wie einfach eine 180-Grad-Wendung vollzogen werden kann, wenn nur der passende Partner gegenübersitzt.

Dass man es bei der CDU mit Ehrlichkeit ebenfalls nicht immer ganz so ernst nimmt, zeigen die ersten Tage der Regierungszeit zwischen Sparzwang und Mitarbeitersegen für die eigenen Ministerien.

Eigentlich wäre es schon jetzt geboten, den ersten Untersuchungsausschuss einzusetzen. Doch wie soll eine derartige Mauschelei dann erst fünf Jahre überstehen?

[Dennis Riehle]

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Pressemitteilung

Der Deutsche Presserat hat die Beschwerde des Selbsthilfegruppenleiters Dennis Riehle (Konstanz) zurückgewiesen, mit welcher der gelernte Journalist einen Artikel aus „Stern Online“ vom 16. März 2016 (http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/germanwings-absturz–eltern-ueber-andreas-lubitz—verzeihen—wir-nicht–6748766.html) kritisiert hatte. Im Beitrag ging es um den Absturz der „Germanwings“-Maschine in den Französischen Alpen und die Rolle des Co-Piloten, der die Maschine wohl absichtlich in die Felswand lenkte. Der offenbar psychisch kranke Kapitän war zuvor in medizinischer Behandlung gewesen, nach dem Unglück waren zahlreiche persönliche Angaben über ihn, sein Leiden und Auszüge aus seiner Krankenakte öffentlich geworden.

Auch der vorliegende Bericht ging auf die psychische Störung ein. Unter anderem wurde dem behandelnden Psychiater der Vorwurf unterbreitet, er habe dem Piloten ein „Antidepressivum mit Nebenwirkungen“ verschrieben. Konkret ging es um das Präparat „Mirtazapin“. Riehle bemängelte, dass mit dieser Darstellung eine unnötige Verunsicherung unter Betroffenen erzeugt werde. Man wisse, dass Psychopharmaka begleitende, unerwünschte Wirkungen mit sich brächten. „Was sollen Anwender von ‚Mirtazapin‘ jetzt denken? Dass die Nebenwirkungen des von ihnen genutzten Wirkstoffs besonders schlimm sind?“, fragt Riehle, der selbst an seelischen Störungen leidet und das Präparat ebenfalls eine Zeit lang einnahm.

Es sei vollkommen unnötig gewesen, so Riehle, diese Details zu publizieren. Sie seien lediglich aus Gründen der Sensationsberichterstattung geeignet, veröffentlicht zu werden. „Ansonsten schüren sie nur Angst und haben für den Laien keinen Mehrwert an Information“. Der Presserat sieht auch in der Darstellung, dass besonders das Suizidrisiko als Nebenwirkung hervorgehoben werde, keinen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht. Immerhin sei diese Tatsache für Kinder und Jugendliche belegt – und daher für den vorliegenden Fall „von Relevanz“. Man könne nicht ablesen, dass die Nebenwirkung in jedem Anwendungsfall auftrete, argumentiert der Presserat. Damit rechtfertige er laut Riehle auch eine mögliche Missinterpretation durch Laien

Dass der behandelnde Arzt an den Pranger gestellt werde – und damit eine Berufsgruppe diskriminiert ist, erkennt der Presserat ebenso nicht. Riehle argumentiert stattdessen, dass es fraglich sei, ob das Erwachsenenalters des Patienten dem Psychiater in der Abwägung der Anwendung eines Psychopharmakums nicht Recht gegeben hat und er damit keinesfalls hätte absehen müssen, dass es zu solchen Folgen wie dem Verhalten des Piloten kommen würde – auch unter Berücksichtigung dieses Berufsbildes. Es sei deshalb presseethisch nur schwer nachvollziehbar, welcher Ansporn bestanden haben sollte, den Arzt derart zu beschuldigen, als ein falsch verstandenes öffentliches Interesse, das letztlich nur dient, aufzustacheln.

„Ich sehe durchaus, dass es dem Deutschen Presserat an Feingefühl fehlt, wenn es um solch heikle Themen geht. Ich würde mir aber wünschen, dass er dann Experten hinzuzieht, die bei der Beurteilung derartig herausfordernder Fragestellungen helfen und bei der Beurteilung zur Seite stehen. Denn es ist fatal, wenn die Pressefreiheit im Sinne dessen missverstanden wird, dass Journalisten keine Verantwortung bei ihrer Berichterstattung hätten. Im Gegenteil: Gerade, weil wir in unserem Land diese Offenheit haben, braucht es eine besonders kritisch Kontrollinstanz, die auch mehrdeutige Aussagen auf ihre möglichen Auswirkungen auf bestimmte Lesergruppen fachkundig hinterfragt“, so Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.
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Pressemitteilung

Der Deutsche Presserat hat zwei Beschwerden über Artikel abgewiesen, in denen Konfessionsfreie Gegenstand der Berichterstattung waren. Der Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO), Dennis Riehle, hatte die beiden Berichte zur Prüfung vorgebracht, da er den Redakteuren eine Verletzung ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht vorwarf.

Konkret ging es um den Beitrag „Männlich, über 50, verheiratet, konfessionslos“ aus „SPIEGEL Online“ vom 31. Januar 2016 (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pegida-wer-geht-zu-den-demos-und-warum-gehen-sie-auf-die-strasse-a-1074028.html), in welchem das Magazin aus einer Studie des „Göttinger Instituts für Demokratieforschung“ zitierte. Riehle, selbst gelernter Journalist, warf den Autoren eine plakative Übernahme von einzelnen Aussagen der Erhebung vor, um damit ein Vorurteile schürendes Bild von einem stereotypen Teilnehmer der sogenannten „Pegida“-Demonstrationen zu zeichnen. Unter anderem konkretisierte Riehle seine Anschuldigung mit der verkürzten Übernahme von Eigenschaften in die Überschrift des Artikels, die dazu in der Lage sei, religionsfreie Menschen als Anhänger der rechtspopulistischen Bewegung zu generalisieren und sie dadurch zu diskriminieren. Riehle hielt SPIEGEL vor, Angaben aus der ohnehin wissenschaftlich fragwürdigen Studie unreflektiert übernommen zu haben, ohne dabei nötige Differenzierungen und ursächliche Hinterfragungen der Ergebnisse anzustellen.

Der Presserat dagegen will im Artikel ausreichende „wissenschaftliche Auswertungen“ erkannt haben, „die sich auf die Konfession bezogen“. Entsprechend sei es „gerechtfertigt, diesen Aspekt in die Überschrift aufzunehmen“. Riehle vermag von diesen „Auswertungen“ nicht allzu viel erkennen, eine kritische Auseinandersetzung mit den Resultaten der Studie sehe für ihn anders aus. „Überdies rechtfertigt all das keine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Prädikaten. Nimmt man die Überschrift des Artikels, so passt sie auf Millionen Deutsche. Und sie werden durch den Titel des SPIEGELS plötzlich alle zu ‚Pegida‘-Anhängern. Das kann kein seriöser Journalismus sein“, meint Riehle.

Auch im zweiten Fall bemängelt der HABO-Sprecher den Presserat: Im Artikel von „WELT Online“ des 22. Februar 2016 mit der Überschrift „Keine Vorbilder, keine Religion – und Angst“ (http://www.welt.de/politik/deutschland/article152522538/Keine-Vorbilder-keine-Religion-und-Angst.html) hatte die Zeitung das Interview mit Sozialwissenschaftler Frank Richter abgedruckt, der dazu Stellung nahm, wie es zum Fremdenhass in Sachsen kommt. Riehle warf den Redakteuren vor, auch hier einen Titel gewählt zu haben, der Persönlichkeitseigenschaften willkürlich aneinanderreiht – und daraus denjenigen Typus an Mensch abbildet, der Häuser anzündet oder Flüchtlinge angreift. Und wesentliches Merkmal sei dabei wiederum die Konfessionslosigkeit, mit deren missbräuchlicher Verwendung eine ganze soziale Gruppe zu Tätern stigmatisiert werde.

Der Presserat hielt auch hier wiederum entgegen: „Überschriften dürfen plakativ und zusammenfassend sein, solange sie vom Text gedeckt sind“. Riehle sieht in der presseethischen Verantwortung allerdings die Freiheit des Journalismus dort begrenzt, wo Titel von Beiträgen irreführend sein oder mehrdeutig verstanden werden können. „Die Überschrift ist der Hingucker eines Artikels. Entsprechend erhält sie die größte Aufmerksamkeit. Und auch wenn die Headline entsprechend kurz sein soll, muss sie als Zusammenfassung des Inhalts sachgerecht formuliert werden. Das wahllose Zusammensuchen von Bausteinen für eine möglichst sensationelle Überschrift hat nichts mit ordentlicher Recherche zu tun“, so Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die „tagesschau“ des 10. Juli 2016 (Hauptausgabe, 20:00 Uhr) berichtete an nicht prominenter Stelle mit einem lediglich kurzen durch das Off moderierten Beitrag von den Ausschreitungen in Berlin-Friedrichshain in der Nacht auf den 10. Juli 2016.

Im Text wurde nach meinem Vernehmen nicht deutlich gesprochen, von wem die Gewalt ausging. Nahezu alle Medien, auch Politiker und wohl gleichsam die Polizei, hatten von Beginn an verdeutlicht, dass es sich um linksradikale Täter handelte, die durch ihre örtliche Herkunft, ihre inhaltlichen Aussagen und ihre scheinbare Bekanntheit entsprechend eindeutig zu identifizieren waren. Es gab also keinerlei Zweifel daran, dass die Angriffe aus dieser Szene stammten, die schon seit Monaten mit Feuern an Autos, Randale gegenüber Häusern und Pöbeleien in den Straßen ganze Viertel tyrannisieren.

Zwar sprachen Sie von der Motivation der Randalierenden, die sich gegen die Räumung eines Hauses wehren wollten, unterließen aber auch hierbei erneut die Erwähnung der weltanschaulichen Orientierung dieser Gruppierungen. Zudem fehlte es für das Gesamtverständnis des Zuschauers an weitergehenden Details über das Ausmaß der Störungen bereits in den vergangenen Monaten, die für die Hauptstadt nicht nur zu einem sozialen und wirtschaftlichen, sondern auch zu einem Image-Problem geworden sind.

Weshalb der Thematik nicht ein Reporter-Beitrag zugestanden wurde, der dem Thema mehr Raum zugestanden hätte, bleibt gerade auch beim Blick auf andere Fernsehsender einigermaßen unverständlich. Die Gewichtung in der benannten Sendung wäre anders möglich gewesen, um wesentliche Hintergründe von Kurzmeldungen auslassen zu müssen.

Man könnte entsprechend den Vorwurf einer bewussten Unterdrückung der wichtigen Information über die Gesinnung der Täter im Rahmen des „Mainstream“-Journalismus erheben. Viel wesentlicher erscheint mir jedoch, dass durch die Unvollständigkeit der dargebotenen Berichterstattung auch die Sorgfaltspflicht vernachlässigt wurde, die § 10 Abs. 1 RStV aber verlangt.

Immerhin ist auch das Verschweigen einer Tatsache geeignet, ein diskriminierungsfreies Miteinander zu stören, wenn nämlich eine unzureichende Angabe derartig großen Spielraum für Spekulationen über die politisch-weltanschauliche Motivation eines Vorgangs lässt, dass sich verschiedene Gruppen unschuldig als Täter angesprochen fühlen. Ich sehe also auch einen Verstoß gegen § 41 Abs. 1 (Programmgrundsätze) des Rundfunkstaatsvertrages.

Entsprechend bringe ich Beschwerde nach § 13 NDR-Staatsvertrag ein.

Freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

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