Kommentar

Ich kann mich noch gut erinnern: Ganz bewusst engagierte ich mich im Alter von 16 Jahren zum ersten Mal ehrenamtlich. Damals mit großer Euphorie, stelle ich 17 Jahre später fest, dass das Ehrenamt auch weiterhin eine sinnstiftende Tätigkeit ist, die aber mancherorts zu einem wahren Lückenfüller zu verkommen zu sein scheint, der insbesondere das fehlende staatliche Handeln ersetzt.

Beim Thema des Freiwilligendienstes scheiden sich ohnehin die Geister. Während auf der einen Seite immer wieder neu betont wird, dass unser Gemeinwesen nicht ohne das Bürgerschaftliche Engagement funktionieren würde, verteufeln die Anderen die Ausbeutung der Ehrenamtlichen für ein bisschen „Ehre“, von der man sich aber nur selten etwas kaufen kann. Doch warum engagiert man sich ehrenamtlich, wenn der Ertrag so gering scheint?

Natürlich ist es die Anerkennung, die antreibt. Aber nicht nur sie. Viele geben mit dem, was sie leisten, etwas zurück. Denn nicht selten war es ein Ehrenamtlicher, der uns selbst schon einmal geholfen hat. Ein Dank an die Zivilgesellschaft, er ist zweifelsfrei ein hehrer Beweggrund, um sich in Form eines Freiwilligendienstes erkenntlich zu zeigen. Ablenkung, Spaß oder das Gemeinschaftsgefühl mögen andere Antriebe sein, um sich unentgeltlich einzubringen.

Doch das Ehrenamt hat sich gewandelt. Waren die Aufgaben, die freiwillige Helfer lange Zeit übernommen haben, ausschließlich auf Bereiche ausgerichtet, die hauptamtliche Kräfte von ihrer Art und Weise nicht übernehmen konnten, wurde das Ehrenamt zunehmend zu einem Arbeitsbereich, den besonders der Staat nicht mehr übernehmen wollte. Denn der Verlass auf die Ehrenamtlichen, er scheint groß.

Millionen Deutsche bringen sich Tag für Tag ein, weil sie etwas Gutes tun möchten. Und dieses ambitionierte Ziel ist an sich auch niemandem zu verdenken. Doch was geschieht, wenn sich eine Gesellschaft zunehmend auf die freiwilligen Helfer stützt, statt Hauptamtlichkeit dort einzufordern, wo Staat, Wirtschaft und Vereine ihrer Verantwortung nachkommen und den Dienst am Menschen fair entlohnen sollten?

Um kein falsches Bild aufkommen zu lassen: Ich bringe mich auch heute noch gerne für meinen Nächsten ein. Doch ich weiß auch, dass der soziale Zusammenhalt, die kulturelle Vielfalt und die sportliche Lebendigkeit ohne das Ehrenamt nicht im Entferntesten derart ausgeprägt wäre, wie wir es heute erfahren dürfen. Man könnte daraus die Floskel vieler Politiker ableiten, die dem Ehrenamt immer wieder neu attestiert, es würde die Gesellschaft „zusammenhalten“.

Man könnte aber auch schlichtweg feststellen: Über die Jahre hinweg hat sich der Staat immer weiter aus seinen Pflichten entbunden, sodass ein wesentlicher Anteil gesellschaftlicher Vielfalt heute nur noch durch das Ehrenamt am Leben gehalten wird. Der Freiwilligendienst als Erste-Hilfe-Maßnahme für krankende staatliche Strukturen? Tatsächlich greift man ohne große Umschweife auf das Ehrenamt zurück, wenn das soziale Dasein irgendwo gefährdet scheint.

Und das Bewusstsein der Deutschen, es ist derart auf Hilfsbereitschaft ausgelegt, dass sich im Zweifel rasch jemand finden lässt, der „für umme“ dort einspringt, wo Not an Mann ist. Doch ist der Wille zum Ehrenamt heute tatsächlich noch derselbe wie vor zehn Jahren? Ich selbst nehme eine zunehmend kritische Stimmung wahr, die auch mir schon die Frage eingebracht hat, weshalb ich mich in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität noch für Gottes Lohn aufopfere.

Ehrenamtlicher zu sein, das ist im Jahre 2018 keinesfalls so einfach wie noch damals, als ich mit meinem Engagement begann. Vereine und Verbände tun sich sichtlich schwer damit, heute noch Freiwillige zu finden, die sich in den Dienst der guten Sache stellen. Auch wenn der Zweck noch so würdevoll erscheint, er heiligt offenbar nicht mehr das Mittel, bedenkenlos nach dem nächst besten Freiwilligen zu greifen, von denen gerade der sozialen Branche immer weniger Menschen zur Verfügung stehen dürften.

Da kämpfen Vereine mit abstrusen Ideen darum, neue „Ehrenamtliche“ zu gewinnen, die durch Aufwandsentschädigungen mittlerweile nicht selten höher entlohnt werden als ihre hauptamtlichen Kollegen. Ein Wettbewerb um die Freiwilligen hat begonnen, in Zeiten des Fachkräftemangels kann und muss man offenbar umdenken. Verlierer scheinen dabei diejenigen zu sein, die ihre Arbeit tatsächlich noch um der Ehre willen tun.

Sie werden zerrieben im Kampf um die schönsten Stellen, die auf dem Markt der Freiwilligkeit dargeboten werden. Ehrenamtliche, die ihren Namen noch verdienen, gelten zunehmend als die Belächelten. Und immer mehr von ihnen schultern eine wachsende Last an Verantwortlichkeit auf ihren Schultern. Gerade dort, wo soziale Hilfsbereitschaft vonnöten ist, fühlen sich nicht wenige Engagierte immer öfter allein gelassen mit der Fülle an Aufgaben, die ihnen ganz selbstverständlich übertragen werden.

Ich kenne es aus eigener Erfahrung: Während der Hauptamtliche ins Wochenende startet, beginnt die „Bereitschaft“ der Ehrenamtlichen. „Dafür haben wir doch unsere Freiwilligen“, heißt es dann lapidar. Freiwilligkeit wird degradiert zu einem Hilfsjob, in den sich viele Ehrenamtliche aus Gründen ihres Helfer-Syndroms drängen lassen, ohne für ihre eigenen Rechte, für die Würde ihres Schaffens aufzubegehren.

Es ist gleichsam die breite Gesellschaft, die das Ehrenamt heutzutage als allzu selbstredend verkennt. Sie nutzt freiwillige Strukturen dort aus, wo es dem eigenen Zwecke dienlich sein kann. Kaum noch eine Anerkennung für den, der beim Vereinsfest hinter dem Tresen steht. Kaum noch Respekt für den Trainer der Fußballmannschaft, der jedes Wochenende am Platz mitfiebert. Kaum noch Wertschätzung für den Zuhörer, der dem Ratsuchenden nach Feierabend noch sein Ohr leiht.

Eine Mentalität der Selbstbedienung, auch sie gefährdet das Ehrenamt in seinen Grundfesten. Denn während wir Ehrenamt erwarten, scheint die Bereitschaft, völlig umsonst für eine Aufgabe einzustehen, langsam aber sicher abzunehmen. Dass der Staat nicht bereit ist, dort in die Bresche zu springen, wo sich die Freiwilligkeit aus der Fläche zurückzieht, davon wird man bei der Naivität manch eines Politikers ausgehen können, der noch immer daran glaubt, den Sozialstaat auf den Füßen der Freiwilligkeit aufbauen zu können.

Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wenn eine Generation an Ehrenamtlichen „ausbrennt“ – nicht umsonst stehen „BurnOut“-Seminare in Vereinen hoch im Kurs. Der Lobbyismus für den Freiwilligendienst, er scheint nur vordergründig wirklich zu funktionieren. Viel zu sehr setzt die Politik auf ein „Weiter so“ bei der Bereitschaft der Deutschen, bei Bedarf auch fortan für nichts und wieder nichts ehrenamtlich einzustehen.

Dass das Image der Ehrenamtlichkeit wankt, ein Wettkampf um die höheren Aufwandsentschädigungen die Freiwilligkeit zu zerstören droht, ein Denken der Selbstverständlichkeit den Mut der Ehrenamtlichen schmälert und ein Rückzug des Sozialstaates immer mehr Ballast auf den potenziell weniger werdenden Freiwilligen ablädt – all das sollte in einer ehrlichen Diskussion um die Zukunft des Ehrenamtes nicht außer Acht gelassen werden.

[Dennis Riehle]

Kommentar
zur Werbeaktion der „Identitären Bewegung“ in der Konstanzer Altstadt

Wäre ein Verbot der Verteilaktion durch die „Identitäre Bewegung“ der richtige Weg gewesen? Ja, zweifelsohne hätte die Stadtverwaltung ein Zeichen setzen können. Doch durfte und sollte sie das überhaupt? Man könnte den Standpunkt einnehmen, dass das, was die „IB“ mit ihrem völkischen Gesinnungsgut verbreitet, nichts mit Meinung zu tun hat – und daher auch nicht unter die Meinungs-Freiheit fällt. Doch machen wir es uns damit nicht allzu leicht? Verschließen wir mit einer Untersagung solcher Aktionen wie der auf der Marktstätte nicht einfach die Augen vor einer offenkundig bedeutsamen Herausforderung, nämlich der Tatsache, dass in unserer Bevölkerung „ethnokulturelle“ Gedanken herumgeistern, die dazu in der Lage sind, rassistische Ressentiments auf das Übelste zu bedienen, und wohl auch unter jungen Bürgern Anklang finden?

Ich bin der Überzeugung: Mit einer Ablehnung dieser Aktion hätten wir das Problem lediglich aus unserem Sinn verloren. Im Untergrund würde es weiter wabern. Als Demokraten sind wir stattdessen dazu aufgerufen, uns auch mit diesen Parolen einer Bewegung zu konfrontieren, die wir auf das Schärfste ablehnen. Denn nur so können wir Ambitionen wie denen der „IB“ die Stirn bieten. Wir sollten offen dafür sein, zu erfahren, was gerade diese jungen Menschen bewegt, die sich einer solchen Bewegung anschließen. Das Gespräch suchen, auch wenn unsere Argumente vielleicht nicht ankommen mögen. Und im Zweifel landet das Flugblatt der „Identitären“ am Ende demonstrativ im Papierkorb.

Ich möchte mir später einmal nicht vorwerfen lassen, dass ich von all dieser Gesinnung nichts gewusst habe. Demokratie in all ihren Extremen zu akzeptieren, das bedeutet auch, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die fernab eines hinnehmbaren Spektrums liegen. Protest und Widerstand einzulegen, wo wir am liebsten weggucken würden. Nein, die Stadtverwaltung hat es sich in ihren Abwägungen deutlich zu einfach gemacht. Doch ich bin trotzdem froh, dass die Aktion stattfinden konnte. Nicht deshalb, weil ich es gerne sehe, wenn sich nationales Gedankengut verbreitet, sondern weil ich fest daran glaube, dass wir es nur dann eindämmen können, wenn wir um seine Existenz wissen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Schinnenburg: Brauchen kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene“, 20.06.2018

Ja, es ist richtig: Bei einer Legalisierung von Cannabis kann der Staat auf Steuereinnahmen hoffen. Und Konsumenten werden nicht länger in den Schwarzmarkt gedrängt.

Doch bei all diesen positiven Auswirkungen einer Entkriminalisierung der Droge müssen wir uns der schwerwiegenden Nachteile bewusst werden: Welch gefährliche Botschaft geht von einer Legalisierung aus, wenn wir Cannabis künftig als gesellschaftsfähig deklarieren?

Die massiven Auswirkungen auf die Gesundheit, sie werden bei einer Lockerung der Verbotspolitik gegenüber Drogen ins Abseits gedrängt. Wie bereits beim Rauchen und dem Konsum von Alkohol vergessen die Menschen die Gefahr von Abhängigkeit und langfristigen Schäden, wenn ihnen gleichzeitig die Chance suggeriert wird, mit dem Griff zu Cannabis Probleme kurzerhand leichter lösen zu können. Drogen sind keine Alternative – und dürfen nicht zu einer solchen stilisiert werden.

Es ist ethisch zutiefst verwerflich, nach Steuereinnahmen zu gieren und dabei die Unversehrtheit der menschlichen Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Der Konsum von Drogen muss in unserem Land auch weiterhin verfolgt werden.

Dabei geht es nicht um die Kriminalisierung des Cannabis-Konsumenten, sondern um ein deutliches Zeichen des Schutzauftrages des Staates gegenüber seinen Bürgern: Wir können nicht tolerieren, dass Drogen salonfähig werden, wenn wir gleichsam um ihr gefährliches Potenzial wissen.

Schon jetzt ist bei Alkohol und Zigaretten der Geist aus der Flasche, den niemand mehr einfangen kann. Wollen wir uns tatsächlich zumuten, einen breitflächigen Akzent der Sorglosigkeit zu setzen, sehenden Auges auf die Mauer zuzurasen?

[Dennis Riehle]

Kommentar

Wie hältst du es mit der Forderung nach offenen Grenzen? In einem Gespräch begegnete mir kürzlich dieses Thema – und ehrlich gestanden, hatte ich mir bis zu diesem Moment gar keine Gedanken darüber gemacht, wo ich mich in einer die Tagespolitik momentan stark bestimmenden Gretchenfrage denn tatsächlich positioniere. Da fordert ein CSU-Bundesinnenminister, Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen. Da lässt sich die Bundeskanzlerin auf das Platzen eines 63-Punkte-Plans ein, weil sie europäisches vor nationalem Recht sieht. Und da diskutiert vor allem die Partei DIE LINKE mit teils markigen Worten darüber, ob wir durchlässige oder eher abgeschottete Grenzlinien entlang der Bundesrepublik ziehen sollten.

„Offene Grenzen“ – es hört sich so schön an. Wir öffnen Deutschland für jeden Flüchtling, der bei uns Schutz suchen will. Ich bin zweifelsohne dafür, dass unser Staat Verantwortung übernehmen muss. Und ich halte gar nichts vom Argument „Wir können doch nicht die ganze Welt retten“. Denn theoretische Planspiele helfen uns im Augenblick nicht weiter. Und so steht auch nicht der halbe Erdball vor Europas Toren und bittet um Einlass. Die Flüchtlingszahlen sind gerade deshalb gesunken, weil wir endlich davon ausgehen sollten, dass Flucht nicht zur Lieblingsbeschäftigung ganzer Kulturkreise gehört. Menschen verlassen ihre Heimat nur sehr ungern – und sie tun das in den allermeisten Fällen aus größter Not heraus. Was spricht also dagegen, diesen Hilfesuchenden unsere Grenzen zu öffnen?

Ja, zur Realpolitik gehört zweifelsohne auch, dass unser „System“, von der Verwaltung bis zur sozialen Sicherung, vor allem aber auch unser gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht unendlich strapazierbar sind. Migration ist eine uralte Erscheinung. Und doch ist kein Erdteil darauf angelegt, mehr Menschen zu beherbergen als strategisch machbar. Allerdings müssen wir eingestehen: Die willkürlichen Grenzen nach unten und oben, die manch ein Unionspolitiker zieht, sind wahrlich kein Anhaltspunkt für die Belastbarkeit unseres Staates. Wir haben schon weitaus mehr gestemmt, da braucht es keine bemitleidenswerten Limitierungen, kein Aufheulen, wenn ein paar tausend Menschen mehr oder weniger in die Republik strömen. Gleichzeitig brauchen wir einen Überblick, wer zu uns kommt. Diese Mindestanforderung halte ich für zwingend, weil es dieser Tage auch zur Wahrheit gehört, dass nicht jeder Flüchtling, der bei uns um Asyl bittet, nur positive Ansinnen verfolgt.

Ich bin jedoch völlig dagegen, dass wir uns verbarrikadieren. Deutschland ist ein weltoffenes Land, das in vielerlei Perspektive Glück hat: Wir leben in einem gefestigten Europa, wir können im Moment auf stabile Klimaverhältnisse bauen, wir sind wirtschaftlich stark. Alles Gründe, die dafür sprechen, den nicht nur erarbeiteten Wohlstand auch mit Anderen zu teilen. Viele Gegebenheiten basieren auf reinem Zufall. Warum also sollten wir uns arrogant, besserwissend und notorisch erhaben zurückziehen und diejenigen abweisen, die mit uns in dieser einen Welt leben – und auch ein Stück Anteil haben wollen an dem, was uns Deutschen nicht rein selbstverständlich zusteht? Es ist klar: Wir brauchen gewisse Regeln, um ein Miteinander der Völker strukturieren zu können. Würden ganze Massen auf diesem Erdball auf die Idee kommen, ins heiß ersehnte Land der Glückseligkeit auszuwandern, natürlich kämen wir an den Punkt, an dem nichts mehr geht.

Doch warum tun wir so, als stünden wir bereits vor dem Kollaps? Mit Warnleuchten und hektischem Gerede versuchen Manche, uns eine Situation einzubläuen, die sich bei gelassenem Hinsehen ganz anders zeigt. Deutschland hat keinen Grund, sich hinter Mauern zu verstecken. Da ist noch deutlich Luft nach oben. Und von diesem Faktum sollten sich auch die nicht abbringen lassen, die derzeit gegen manch ein rechtspopulistisches Gedankengut ankämpfen müssen, das salonfähig zu werden scheint. „Offene Grenzen“ bedeuten nicht, dass wir die Kontrolle über das abgeben, was an unseren Außenstellen passiert. Viel eher heißt Offenheit, dass wir uns nicht wegducken vor der Verpflichtung, Menschen nicht nur unabhängig ihrer Herkunft und ihrer Ethnie, sondern vor allem aufgrund ihrer Not bei uns aufzunehmen. Und dabei sollten wir ehrlich mit uns sein: Wie weit fassen wir den Begriff dieses Schutzbedürfnisses, den viele Politiker unter anderem mit der Schaffung einer Floskel vom „sicheren Herkunftsland“ zu unterwandern versuchen?

Nein, natürlich können wir nicht jeden Erdenbürger in Deutschland aufnehmen. Doch niemand verlangt das von uns. Deshalb ist eine Diskussion darüber obsolet. Wir debattieren viel eher, ob wir an unseren Grenzen Humanität walten lassen und denen Aussicht auf Unterkunft bieten, die mit berechtigten Interessen einen langen Weg auf sich genommen haben, um keinesfalls freiwillig bei uns anzuklopfen. „Offene Grenzen“ heißen, dass wir denen ein faires Angebot zur rechtsstaatlichen Prüfung ihres Asylantrages machen, die an Deutschlands, an Europas Außenstreifen um Einlass bitten. Wir geben dabei das Heft des Handelns nicht von uns, wir ziehen uns aber auch nicht aus Gründen des Selbstbetrugs aus der Verantwortung zurück, weil wir uns vorgaukeln, das Fass stünde kurz vor dem Überlaufen. Es ist eine neue Art der Bequemlichkeit, weltverschwörerisch auf die Tränendrüse zu drücken, doch allein Trittbrettfahrer fallen auf die Kunst des Scheins herein, der mit dem tatsächlichen Sein der Flüchtlingspolitik so gar nichts gemein hat.

Wenn wir uns darauf verständigen, dass wir im Augenblick nicht vor dem Untergang des Abendlandes stehen, dann wäre schon viel gewonnen. Denn dann könnten wir mit kühlem Kopf attestieren, dass der Ansturm aus 2015 vorbei ist, der uns organisatorisch, sicher aber nicht menschlich an den Rande manchen Bankrotts in Ämtern und Behörden geführt hat – und dass wir heute keinen Anlass dafür haben, protektionistisch zu agieren und zu agitieren. „Offene Grenzen“, wir schicken niemanden voreilig zurück, sondern wir garantieren, uns jedem Anliegen penibel zu widmen. Wer im Hier und Jetzt nach einer präventiven Abschottung ruft, der tut dies allein auf Basis der Ängste von jenen, die wir im Trubel der letzten Jahre nicht mitgenommen haben. Derjenigen, die ihre eigene Umwelt zum Maßstab aller Dinge machen, ohne zuzugestehen, dass Viele von uns auf einem ziemlich hohen Niveau jammern. Keine Frage: „Offene Grenzen“ erfordern Anstrengung. Wer sie durch dekliniert, der muss für gesellschaftliche Integrität, Sicherheit, Versorgung und Prosperität gleichermaßen sorgen. Doch von welch hohem Ross wird so manch ein Deutscher steigen müssen, der aus Eigennutz und Schwermut die Aufnahmebereitschaft unseres Landes gegenüber denen verneint, die Weltenbürger sind, genau, wie du und ich?

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Theurer-Gastbeitrag: Die Antwort auf Trump ist eine gemeinsame Wirtschaftspolitik“, Tagesspiegel Online vom 07.06.2018

Michael Theurer hat recht: Wir brauchen eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, um auf die Provokationen Donald Trumps antworten zu können. Doch die Einlassungen des neuen Botschafters der Amerikaner in Deutschland zeigen noch mehr: Vor allem politisch dürfen wir uns in Europa nicht auseinander dividieren lassen. Denn einer Stärkung des Konservativismus‘, wie ihn sich die Trump-Administration vorstellt, kann nur durch eine besonnene Politik der Mitte entgegengetreten werden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass wir zurückfallen in die Zeit der Nationalstaaten, denn auch wirtschaftlich kann sich der europäische Binnenmarkt nur dann als Pendant auf Augenhöhe verstehen, wenn wir die Vielfalt ökonomischer Leistungen im Euroraum addieren. Der Einzelne wird von der Übermacht des amerikanischen Marktes überrannt. So weit darf es nicht kommen. Wenn wir auf „America First“ eine adäquate Reaktion geben wollen, dann muss sie heißen: „Mehr Europa“.

Vielstaaterei, das mag sich US-Präsident Trump für unseren Kontinent wünschen, denn ein gestärktes Europa ist für ihn der weitaus schwierigere Partner als ein alleiniges Deutschland, Frankreich oder Italien. Die geeinte Stimme unserer europäischen Nationen, sie kann dem lautstarken Gepolter Washingtons die Stirn bieten. Gerade jetzt, wenn in Europa manche Regierung vor großen Herausforderungen steht, braucht es den Zusammenhalt umso mehr.

Wir stehen füreinander ein, weil wir um den Gewinn der Gemeinschaft wissen. Das ist der größte Trumpf, den wir gegenüber der Abschottungspolitik Trumps in der Tasche haben. Mögen sich die Europäer des Geschenks der Union bewusst sein, stets kritisch und nach Verbesserungen fragend, selbstbewusst und demokratisch niemals müde.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„EU: Sperrklausel gegen deutsche Kleinstparteien“, FAZ.de vom 07.06.2018

Kleinstparteien bereichern die Parlamente. Zumindest gibt es auf europäischer Ebene weiterhin keinen Grund, politische Kleinparteien am Einzug in die Volksvertretung zu hindern. Und obwohl das Bundesverfassungsgericht bei seiner Urteilsverkündung über die 3 % – Sperrklausel forderte, dass es belegbare Argumente geben müsse, wonach die Funktionsweise des Europaparlaments durch den Einzug von Kleinstparteien gefährdet sein könnte, um die Existenz einer Sperrklausel zu rechtfertigen, setzte sich nun die Initiative der Großkoalitionäre aus CDU, CSU und SPD bei den EU-Staaten durch: Ab 2024, spätestens, soll es Piraten, Freien Wählern oder ÖDP neuerlich verweigert bleiben, den Sprung ins Europaparlament zu schaffen.

Mit diesem Schachzug, der jeglicher Grundlage entbehrt, nehmen die „Volksparteien“ ihren Mitkonkurrenten die Chancengleichheit. Und nicht nur das: Bürgern, die anderer Meinung sind, wird das Mitspracherecht verwehrt. Aus geschichtlichen Gründen müssen jene Wähler, die nicht den „etablierten“ Parteien ihr Vertrauen schenken wollen, schon auf nationaler Ebene darauf verzichten, dass ihre gewählte Kraft in den Bundestag einziehen kann. Auch „ein paar“ tausend Stimmen sind Grund genug, Anspruch auf einen Sitz in einem Parlament zu erheben.

Wer sich um die „wenigen“ Wähler nicht schert, der missachtet die Demokratie. Eine Sperrklausel mag unliebsame politische Kräfte vom Parlamentarismus fernhalten. Der Kollateralschaden für dieses Vorgehen ist jedoch immens: Ernsthaft an Politik interessierten Wählern wird die Perspektive genommen, mit ihrem Kreuz auf dem Wahlzettel tatsächlich etwas verändern zu können. Verdrossenheit am politischen Geschehen wird verschärft, die Ermutigung zum Protest steigt. Man kann Wählern von Kleinstparteien nur dazu animieren, sich von Sperrklauseln nicht irritieren zu lassen: Auch außerhalb der Parlamente wird Geschichte geschrieben!

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Psychotherapeuten: Eltern sollten Kleinkinder selbst betreuen“, idea.de vom 29.05.2018

Wo erlernt ein Kleinkind Toleranz? Wie steckt es seine Freiheiten ab? Und wie gehen die Kleinsten mit Konflikten um? Viele Erwachsene sehen die Kita-Gruppe als ausreichend soziales Gefüge an, in dem sich Kinder zu selbstbewussten Individuen entwickeln können. In der Hand von Erziehern vermuten die Eltern ihre Jüngsten in den besten Händen, bildet die Betreuungsstätte doch heute so eine Art „Ersatz-Familie“.

Aber Ehrlichkeit, Nähe und Feingefühl, sie offenbaren sich erst dann authentisch, wenn sie von den leibhaftigen Eltern gelebt und ihren Kindern mit Liebe angeboten und anerzogen werden. Das sich Durchsetzen in der Gruppe, es beginnt in der Schule früh genug. Wollen wir unsere Kinder noch zeitiger zu Narzissten ausbilden, denen es am nötigen Respekt einerseits, am zwingenden Raum zum Ausleben von Gefühlen, Emotionen, Rechten und Pflichten andererseits fehlt?

Psychische Auffälligkeiten sind keine Überraschung, wenn wir die Bindung zu unseren Kindern krampfhaft zu unterbinden versuchen, ihnen die Wärme der Eltern, den Rat und Tadel von Vater und Mutter vorenthalten. Wer sich allein darauf verlässt, Kinder durch Dritte erziehen zu lassen, gibt nicht nur Verantwortung ab. Wir riskieren mit einem zeitgeistigen Klima des Betreutwerdens auch die Gefahr, dass Kinder um Jahre in ihrer Reifung zurückfallen.

Der Start in ein gesundes Dasein, ihm fehlt es an Lebenspraxis und -erfahrung für die Kleinen, die später einmal wehmütig fragen dürften, warum sich die Eltern dieser wichtigen Aufgabe entzogen haben: Lassen wir es nicht zu, dass sich Vater und Mutter im Druck von beruflichem und wirtschaftlichem Erfolg die Erziehung ihrer eigenen Kinder nicht mehr leisten können. Machen wir uns stark auch für eine monetäre Anerkennung der Familienarbeit!

[Dennis Riehle]

Kommentar

Abtreibungen wären nicht nötig, würden wir verantwortungsvoll mit unserer Sexualität umgehen. In Zeiten, in denen wir den Geschlechtsverkehr zu einem Ausleben von Trieben, Spaß und ungezügelter Lust verkommen lassen, wundert es kaum, dass sich selbst die aufgeklärte Frau am Tag danach über die „Folgen“ des zweigeschlechtlichen Miteinanders wundert. Deshalb beginnt das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper mit der Verpflichtung, den Geschlechtsverkehr umsichtig zu gestalten.

Dazu gehören nicht nur Verhütungsmethoden, sondern vor allem die Reduktion des Sexualaktes auf bewusste Momente, denn „Sex“ ist zweifelsfrei etwas Besonderes, etwas nicht Alltägliches, dem wir mit Respekt und Würde begegnen sollten. Finden wir zurück zu einem maßvollen, der Tragweite des Aktes angemessenen Umgang mit dem Geschlechtsverkehr, huldigen wir der Entbehrung und der Enthaltsamkeit, die das Ausleben von Sexualität zu etwas Einzigartigem macht. So wird auch der Kindeswunsch wieder zu dem, was er ist: eines der wertvollsten Güter menschlichen Daseins.

Nur in den seltensten Fällen werden Frauen in unseren Breiten ungewollt schwanger. Sie sind die Planer ihrer Zukunftsgestaltung. Diese Eigenverantwortung gilt es hochzuhalten, die Verpflichtung, eine Schwangerschaft nicht als unliebsame Konsequenz des Aktes, sondern als das größtmögliche Geschenk für eine Frau anzunehmen – all das ist Ausdruck der Freiheit über den eigenen Körper, über das persönliche Leben.

Deshalb braucht der Sexualverkehr nicht nur Planung und Bewusstsein, sondern Sensibilität für das Hier und Jetzt einer Frau. Im Ausdruck der Leidenschaft, da offenbart sich die Bereitwilligkeit für Nachwuchs, die nicht zur Unzeit kommen kann, solange wir demütig, aber gleichsam selbstbewusst das Heft des Handelns gegenüber dem eigenen Sexualleben in den Händen halten.

Die Entscheidung für einen neuen Erdenbürger, sie sollte stets mit Bedacht gefällt werden. Es ist ethisch höchst verwerflich, wenn wir die Zeugung eines Kindes zu einem „Spiel“ degradieren, bei dem jeder Schritt beliebig rückgängig gemacht werden kann. Die Idee des Lebens ist zu wertvoll, als dass ich in einen bewusst eingeleiteten Prozess nach Gutdünken eingreifen und ihn durch die Freiheit menschlichen Handelns in Form der Abtreibung jederzeit zerstören kann.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Das Konstanzer Gefängnis hat Platz für 62 Häftlinge“, SÜDKURIER vom 23.05.2018

Die Überfüllung unserer Gefängnisse, sie ist Ausdruck einer verfehlten Politik der letzten Jahre. Denn auch wenn die Zahl der Straftaten zurückgeht, war abzusehen, dass die Auslastung der Justizvollzugsanstalten an ihre Grenzen kommen würde.

Dafür hätte es nur ein wenig Weitsicht und Feingespür im zuständigen Ministerium gebraucht, in dem man sich neuerdings offenbar eher für Europa und Tourismus interessiert, als in der Frage der Hafteinrichtungen auf lange Perspektive zu denken und zu planen. Wenngleich Investitionen in solche Projekte bei der Bevölkerung auf wenig Verständnis treffen mögen, so ist es nach Erfindung der Menschenrechte eine grundlegende Aufgabe jeder Demokratie, mit ihren Häftlingen und den Bediensteten, die in unseren Gefängnissen arbeiten, würdig umzugehen.

Denn gerade dort zeigt sich, wie ernst es eine Gesellschaft mit ihrer Verantwortung gegenüber jedermann nimmt, auch mit denen, die Schuld auf sich geladen haben. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir im 21. Jahrhundert noch immer keine Reform des Justizvollzugs auf den Weg bringen konnten. Dass Menschen im Gefängnis psychisch auffällig werden, das verwundert niemanden, der sich vor Augen hält, dass unsere Haftanstalten unter den geltenden Bedingungen wenig Hoffnung auf Alltag und Zukunft bieten können.

Nicht nur in Konstanz scheint die Lage prekär, denn statt Resozialisierung droht uns der innere Kontakt zu vielen Häftlingen verloren zu gehen. Keine gute Aussicht für die Zeit danach!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Veröffentlichung der Kriminalstatistik 2017, SÜDKURIER vom 09.05.2018

Da verkündet der Bundesinnenminister einen deutlichen Rückgang der Kriminalität und den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung – und die Unionsfraktion hat nichts Besseres zu tun, als weitere Einschnitte in die Freiheitsrechte der Menschen zu fordern.

Es wäre jetzt an der Zeit, endlich einmal den Fuß vom Gaspedal der immer neuen Verschärfungen zu nehmen und wieder Vernunft einkehren zu lassen. Unser Verfassungsstaat sieht insbesondere auch den Erforderlichkeitsgrundsatz als wesentliches Merkmal der Verhältnismäßigkeit.

Wer in einem Aktionismus aus purer Leidenschaft für weniger Grundrechte im Land die Sicherheit allein daran festmacht, wie viele Ermittlungsbefugnisse unsere Polizei besitzt, der setzt auf Quantität statt Qualität. Die aktuellen Zahlen machen deutlich: Mit einer guten Präsenz an Sicherheitskräften im öffentlichen Raum stärken wir den Kampf gegen Verbrechen und Vergehen, genauso, wie mit nachhaltiger Prävention und einem Abbau sozialer Klüfte.

Der Drang zum Überwachungsstaat, er ist Ausdruck offensichtlichen Populismus‘, den gerade die CSU dieser Tage wieder besonders zu bemühen versucht. Im Wahlkampf scheinen Vernunft und Verstand ausgesetzt, es wird Zeit, dass die wirklichen Probleme des Alltags der Menschen angegangen werden. Wem nutzt es, wenn wir auf Schritt und Tritt durchleuchtet, unsere DNA gemustert oder Fingerabdrücke gespeichert werden, wir gleichsam aber ohne Wohnung auf der Straße stehen, der Lohn nicht zum Leben reicht und den Kindern ein Betreuungsplatz fehlt?

In Sachen Sicherheit sind wir auf gutem Weg, es gibt keinen Anlass, noch einen Gang zuzulegen.

[Dennis Riehle]