Riehle, Dennis_Presse_150x150

Kommentar

Bei jedem „Wahl-o-Mat“ taucht die Frage wieder auf: Sollen Hartz IV-Empfängern auch weiterhin Leistungen gestrichen werden, wenn sie Jobangebote nicht annehmen? Und jedes Mal beschleicht mich der Eindruck, als sei ich einer der wenigen Nutzer, der hier ein „Nein“ ankreuzt. Denn „Leistung muss sich wieder lohnen“, so klingt es zumindest in unserer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Dass der eigentliche Wahlspruch zu einer Partei gehört, die noch vor kurzem in den Tiefen der Umfragen verschwunden war, stört dabei nicht. Das angebliche Gerechtigkeitsempfinden der Menschen drängt dazu: Wer nicht arbeitet, muss bluten!

Eigentlich wollten Gerhard Schröder und seine rot-grüne Bundesregierung mit der Agenda 2010 dazu beitragen, dass Arbeitslose wieder mehr eigene Anstrengung unternehmen, um zurück in das Berufsleben zu kommen. Was aus seiner „Hartz IV“-Reform wurde, bestaunen die „Jobcenter“ bis heute: Mehr Menschen denn je verharren in der Langzeitarbeitslosigkeit und werden durch fragwürdige Beschäftigungen so lange qualifiziert, bis auch ihren Beratern nichts mehr einfällt. Viele von ihnen wirken dabei wie geschundene Tiere, die eigentlich schon am Boden liegen, auf die man aber nochmals eindrischt – weil man von Gesetzeswegen eben dazu verdammt ist. Eine „Kundin“ des „Jobcenters“ berichtete mir kürzlich, es komme ihr so vor, als seien die Mitarbeiter auf dem „Amt“ mittlerweile zu Sadisten verkommen. Sie fänden Gefallen daran, Leistungen immer weiter zu streichen und mit Sachgutscheinen zu gängeln. Natürlich stünden sie auch unter dem Druck ihrer Vorgesetzten, zu sparen. Aber: Wo bliebe denn da der Respekt vor der Integrität der Hilfesuchenden? – Ja, das frage ich mich auch. Ich unterstelle: Die wenigsten Menschen wollen arbeitslos sein. Keinen geordneten Alltag zu haben, keine Aufgabe zu finden, nicht gebraucht zu werden – das ist nicht im Sinne eines gesunden Lebens. Und doch sind weiterhin Millionen Deutsche ohne einen Job! Und angesichts von Industrialisierung und demografischem Wandel dürften wir ohnehin befürchten, dass sich die Situation auf unserem Arbeitsmarkt – sollte er nicht grundlegend verändert werden – wieder anspannt.

Im Blick auf die Zukunft von Arbeit stellt sich nämlich eine grundlegende Frage, die schon jetzt für das ethische Verständnis vom Umgang mit Menschen ohne Beschäftigung elementar ist: Werden wir die Arbeitskraft im heutigen Sinne künftig überhaupt noch brauchen? Und wenn nicht, was wird aus den Personen, die hinter all diesen Arbeitsplätzen stehen? Wer versorgt sie? Wer garantiert ihre Existenz? Diese Gedanken führen unweigerlich zu einer These, die auch dieser Tage schon gilt: Grundsätzlich muss jedem von uns das Überleben gesichert sein, das besagt schon unser Grundgesetz im ersten Artikel, der eine Würde zusichert, die unantastbar, die bedingungslos von Geburt an ist. Um Mensch zu sein, müssen wir nichts leisten – auch wenn uns das die neoliberale Philosophie des ständigen Wachstums suggerieren möchte. Versucht man nämlich allen Populismus aus der Debatte zu nehmen, kommen wir auch ohne Bibel zu dem Schluss, dass eigentlich für jeden auf der Welt genug da sein müsste. Es mangelt an der Verteilungsgerechtigkeit – bei einem Überfluss an einer menschlich gesteuerten Mehr-Klassen-Gesellschaft. So wenig, dass dem ALG II-Empfänger von seinen paar hundert Euro auch noch etwas genommen werden müsste, haben wir nicht. Wir tun dies nur aus Rache, aus Bestrafung heraus – im Rechtsdeutsch „Sanktion“ genannt –, da wir meinen: Wer faul ist, der müsse auch büßen für das morgendliche Aufstehen der Fleißigen, die sich abschuften.

Doch dabei geht es gar nicht um die Frage von Reichtümern: Wer wohlhabend sein möchte, der soll und darf sich gern darum bemühen. Aber es ist ein Unterschied, ob sich ein Manager mit einigen weiteren Verträgen zusätzliche Unsummen sichert – oder ob derjenige, der für einen Euro Stundenlohn in brütender Hitze ackern soll, plötzlich von Essens- und Kleidermarken auskommen muss, weil er solche Arbeitsbedingungen für unzumutbar ablehnt. Nein, man muss nicht jede Form von Beschäftigung annehmen, um auf die Solidarität der Gemeinschaft setzen zu können. So viel, dass es zum Leben reicht, muss jedem gegeben sein – und dafür genügen die Vermögen, gerade in unserer westlichen Hemisphäre, allemal. Ich weiß nicht, ob ich an dieser Stelle mein Plädoyer für die Abschaffung der Sanktionierungen gegenüber Sozialleistungsempfängern mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen verbinden soll. Ich bin überzeugt: Würden wir unsere vielen Hilfeleistungen zusammenstampfen und daraus eine monatliche Sicherung an jeden Bürger machen, sparten wir allein in der Bürokratie viel Geld. Was bringt es uns – neben der Befriedigung menschlicher Triebe –, wenn wir den Schwächsten, die aus Krankheit oder Behinderung nicht mehr arbeiten können oder die aus berechtigten Gründen einen Job ablehnen, der in unseren Breiten im Jahr 2016 nicht mehr mit einer würdigen Beschäftigung vergleichbar ist, noch den einzelnen Cent streitig machen?

Werden künftig Maschinen und Computer viele der heute noch von Menschen verrichteten Arbeiten übernehmen, müssen wir sowieso überlegen, wie wir dennoch eine Versorgung der Bevölkerung gewährleisten. Vergessen wird bei allen Ängsten vor der Zukunft, dass diese modernen Techniken uns auch Umsatz bringen werden, aus dem wir Rendite schöpfen können. Das, was wir heute an Arbeitskraft investieren, wird dann vielerorts nicht mehr nötig sein. Einen Ertrag gibt es aber doch. Und sogleich dürfte der Kampf um die gerechte Ausschüttung dieses Gewinns beginnen. Da könnte ein pauschales Grundeinkommen für jeden durchaus eine sinnvolle Lösung sein, die am wenigsten Unfrieden schafft. Denn jeder, der mehr will, kann sich das erarbeiten. Aber niemand müsste mehr um das Nötigste bangen. Was viele Kritiker als den „Himmel hier auf Erden“ amüsiert abtun, wird andernorts erprobt. Und doch ist auch das „BGE“ nicht ausgereift, wie Sozialwissenschaftler warnen. Nach ihrer Ansicht ist es nicht damit getan, mit der „Gießkanne“ ein Grundeinkommen zu verteilen, ohne dabei die wirklichen Bedürfnisse der besonders Schwachen zu berücksichtigen. Während bei Vielverdienern das Grundeinkommen steuerlich verrechnet werden könnte, um somit unnötige „Geschenke“ zu vermeiden, fehlte es mit dem Konzept des Pauschalen gerade jenen, die durch hohe Gesundheitskosten, Aufwendungen für den Lebensunterhalt oder durch Barrieren im Alltag zusätzliche Unterstützung bräuchten, an der Bedarfsorientierung von sozialen Leistungen.

Letztlich resultiert wesentlich ein Gedanke aus den Überlegungen, wie wir heute und morgen garantieren, dass es keine Bittsteller mehr in unserem Land braucht, die sich unter dem Wert ihres Menschseins verkaufen, ja, betteln müssen, um wenigstens da sein zu dürfen: Wir benötigen einerseits ein neues Verständnis von Gerechtigkeit, das sich nicht mehr ausschließlich am Faktor „Leistung“ orientiert, sondern sie zunächst als gleichberechtigte Teilhabe an den Ressourcen sieht, auf die wir alle schon allein durch unsere Anwesenheit Anspruch haben. Denn für sie hat zunächst einmal niemand etwas geleistet, sie wurden uns gegeben – und es gibt keinen Grund, anzunehmen, weshalb sich daran der Eine mehr, der Andere aber weniger bereichern dürfte. Die Ideologie des „Stärkeren“ haben wir glücklicherweise überwunden. Und selbstverständlich darf es sich lohnen, Leistung zu erbringen. Doch jeder nach seiner Façon. Wenn wir verstehen, dass Arbeit nicht dazu da ist, Erfolge zu erzielen und sich darüber zu beweisen, dann wird deutlich, dass Beschäftigung vor allem sinnstiftende Eigenschaften im Miteinander hat, die Anreiz genug sind, ihr auch nachzugehen. Wir geben und nehmen – ohne Druck, aber im Wissen um gemeinschaftliche Partizipation, von der jeder nach seiner unterschiedlichen Erfordernis profitiert und abgibt. Die Annahme, eine bestimmte Bevölkerungsschicht lebe mit den Händen im Schoß vollends dekadent vor sich hin, ist eine üble Unterstellung. Niemand wird auf Dauer glücklich ohne Ablenkung, ohne Vision und ohne Bestimmung. Die freie Persönlichkeitsentwicklung müsste eigentlich jenen entgegenkommen, die sich bis heute einer paritätisch ausgestalteten Sozialpolitik widersetzen. Dem Bild eines liberalen Humanismus entspricht es gleichsam gar nicht, Menschen das Mindeste vorzuenthalten. Daher: Existenzielle Sicherheit ist kein Grundrecht, das wir zugestehen. Es ist ein Menschenrecht, das universell Geltung besitzt. Ohne Sanktion. Ohne Gängelung. Gerecht verteilt.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Wiederkehrend sind die Klarstellungen: Die Bibel definiert die „praktizierte Homosexualität“ als verwerfliches Fehlverhalten! Erst dieser Tage hat beispielsweise die einflussreiche Beratungsorganisation „Weißes Kreuz“ eine neuerliche Stellungnahme veröffentlich und formuliert unter der Überschrift „Homosexualität und Schriftverständnis“ die Sichtweise des Vorstandes der Fachgesellschaft des Diakonischen Werkes für sexualethische Fragestellungen nochmals nachdrücklich, wonach biblische Texte genau diese angewendete Homosexualität als Sünde einstuften.

Jene offenbare Tatsache wird kontinuierlich in den Raum geworfen, ohne, dass für solch eine Behauptung überhaupt exegetische Belege geliefert würden. Wo ist denn nun der Nachweis für die Verwerflichkeit solch einer „praktizierten Homosexualität“ in der Bibel? Ich kann ihn jedenfalls nicht finden – und beginne bei der oftmals zitierten Stelle aus Levitikus (18 und 20), aus der ich viel lese, aber nichts von „Homosexualität“. Neben einem Knaben solle man nicht liegen wie neben einer Frau, heißt es in den hebräischen Ursprungstexten. Und betrachtet man den Kontext, weist dieser schließlich darauf hin, um welches berechtigte Verbot es sich hier dreht: es richtet sich nicht gegen gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern, sondern gegen ausgelebte Pädophilie.

Hangelt man sich weiter zu Genesis 19, zur Erzählung von Sodom und Gomorrha, dann lernen wir dort aus Vers 5, dass es um den Vorwurf einer Vergewaltigung geht, in gemeinschaftlicher Absicht. Von einvernehmlichem Sex unter homo- oder heterosexuellen Menschen ist hier keine Rede, viel eher von Verführung und Sodomie. Wer behauptet, darin das gewöhnliche schwul-lesbische Sexualverhalten des Mannes oder der Frau ablesen zu können, betreibt kein „Schriftverständnis“, sondern willkürliche Diskriminierung der übelsten Art und Weise. Auch in Richter 19 wird eindeutig von einer „Schandtat“ erzählt, die einer Person angetan werden soll. Wieder ist es der Übergriff gegenüber einem Wehrlosen, der für Aufsehen sorgt. Und wer gar auf 1. und 2. Samuel abzielt, findet viel eher die Fürsprache für Natürlichkeit einer Liebe unter Männern – zwischen David und „seinem“ Jonathan.

Auch das Neue Testament bleibt im Blick auf „Beweise“ für eine Missachtung der „praktizierten Homosexualität“ wenig aussagekräftig. Markus 7 spricht – wie viele andere Bibelstellen – generell von der „Unzucht“, geht aber keineswegs auf die gleichgeschlechtliche Sexualität ein. Markus 10 verurteilt die Untreue im Blick auf das Eheversprechen und das anschließende Umgehen desgleichen. Bei Matthäus 5 fokussiert der Autor die Versuchung, im Anklang an das paradiesische Geschehen, allerdings eher im Blick auf die sexuelle Hingabe. Im 8. Kapitel widmet sich das Evangelium wiederum eindeutig und völlig interpretationsleer der Päderastie. Und eine generelle Ausbeutung und Schändung von Menschen wird im 1. Korintherbrief thematisiert, wiederum exemplarisch gegenüber den (männlichen) Kindern.

Weit und breit fehlt es also an den stets vielbesagten Textbelegen. Wer also praktizierte Homosexualität mithilfe der Bibel als Sünde verurteilt, der rückt Schwule und Lesben in die Nähe von Übergriffigen, von Straftätern und von Wollüstigen. Und das ist nichts Anderes als Hetze. Das ist das Bedienen von Vorurteilen, billig und polemisch zugleich. Denn dass die „Heilige Schrift“ zu Recht eine ausufernde Sexualpraxis kritisiert, ein gewaltsames Vereinnahmen eines Menschen für die eigenen sexuellen Triebe, ist vollkommen losgelöst von der Art der homo- oder heteroerotischen Beziehung. Rücksichtslose Befriedigung, das Herabwürdigen des Gegenübers zum Objekt ist sündhaft – egal, ob ich Mann oder Frau, mein „Partner“ männlich oder weiblich ist.

Wenn sich eifrige Christen an der Sexuallehre der Bibel abarbeiten möchten, dann wäre zu wünschen, dass sie öfter einmal ihre Stimme zu diesen Fehlentwicklungen erheben würden: Nicht die praktizierte Homosexualität ist das „Problem“ unserer Zeit, es ist vielmehr eine Schande, dass sowohl katholische wie protestantische Kreise jeglicher Couleur lieber Schwule und Lesben pauschal in eine bestimmte Ecke rücken, statt die allgemeine Verrohung und Sexualisierung in unserer Gesellschaft zum zentralen Thema zu machen. Es braucht keine „Gnade“ gegenüber angeblich „sündigen“ Homosexuellen, die nichts Anderes wollen, als sich zu lieben. Viel eher bedarf es mahnender Worte gegenüber allen Menschen, die ihr sexuelles Leben nicht mehr verantwortlich, sondern rücksichtlos „praktizieren“.

Als ehemaliges Mitglied der Evangelischen Kirche, im gemeindlicher, seelsorgender und verkündender Arbeit, aber auch als früheres Mitglied im „Weißen Kreuz“ und gleichsam als homosexuell veranlagter Mensch bin ich irritiert darüber, dass immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen wird, welches Schriftverständnis zu gelten habe. Da helfen auch nicht die nachgeschobenen Bibelstellen, die von Barmherzigkeit und Vergebung, von Gnade und von Gottes Fürsorge sprechen – denn wenngleich wir alle Sünder sind und in der Güte des Herrn seine Annahme erfahren mögen, ist das beständige Etikettieren der „praktizierten Homosexualität“ ein Beweis für Ausgrenzung. Ich komme mir vor, als würde eine selbsternannte Obrigkeit mit dem Finger auf mich zeigen. Wer gibt dem Weißen Kreuz e.V. und anderen das Recht, zu urteilen? Ja, bedingungslos soll die Liebe Gottes sein. Und ich habe kein Problem damit, als Sünder vor ihm zu stehen und um Nachsicht für meine Fehler zu bitten. Aber ich erkläre mich nicht zum Missetäter, wenn ich einfach nur „l(i)ebe“…

Erläuterung (zu Levitikus 18 und 20 und der Übersetzung „Knabe“):
Eigentlich würde man hebräisch wohl traditionellerweise von „yeled“ oder „na’ar“ ausgehen, wenn es um den „Jungen“ oder „Knaben“ geht. Diese Worte findet man an besagter Stelle nicht. Die Lutherbibel von 1912, aber auch der modernisierte Text übersetzen dort aber dennoch mit „Knabe“, für mein Verständnis richtigerweise aus dem Kontext heraus. Denn mir ist das ursprüngliche „zachár“ im Zuge meiner hebräischen Arbeit als „das junge Männliche“ begegnet, als „das Maskulinum“, vor allem aber eher zoologisch gesehen. Schlussendlich scheint die Vokabel des Ursprungstextes hier insgesamt irgendwie nicht passend und stark interpretationsbedürftig, weshalb es darum wohl auch so viel Streit gibt. Sagen wir so: Aus meinem sprachlichen Verständnis macht im vorliegenden Zusammenhang der „Knabe“ den größten Sinn.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Magazin „stern“ veröffentlichte am 16.03.2016 in seiner Online-Ausgabe unter http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/germanwings-absturz–eltern-ueber-andreas-lubitz—verzeihen—wir-nicht–6748766.html den Artikel „Die Kirche verzeiht. Wir nicht.“, der nach meinem Verständnis gegen den Pressekodex verstößt. Entsprechend bringe ich eine Beschwerde vor. Ein Ausdruck des Artikels ist beigefügt.

Begründung:

Neben der Ankündigung des Magazins, in seiner gedruckten Ausgabe auf die „umfangreiche Krankenakte“ des Co-Piloten der „Germanwings“-Maschine einzugehen – welche ich wiederum bereits bei einem anderen Medium als Verstoß gegen anprangerte und in einer gesonderten Beschwerde vorbrachte –, ist in vorliegendem Fall besonders dieser letzte Absatz des Beitrages Gegenstand der Kritik.

Die Aussage der Online-Redaktion „Sie [die Ärzte, Anm. d. A.] … verschrieben ein Antidepressivum mit Nebenwirkungen“ zeugt zunächst von großer Unwissenheit der Autoren. Es ist allgemein bekannt, dass ein Medikament immer Nebenwirkungen aufweist, da sonst kein Wirkungsmechanismus möglich wäre (vgl. hierzu Kuschinsky, Gustav in: Mutschler Arzneimittelwirkungen, 9. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, S. 91). Die Feststellung der „stern“-Redaktion verunsichert damit Patienten unnötig, suggeriert sie doch, es gäbe Psychopharmaka mit und ohne Nebenwirkungen, was offenkundig als nachweislich falsch zu betrachten sein dürfte.

Daneben formuliert der Artikel „Es [das Medikament „Mirtazapin“, Anm. d. A.] erhöht nachweislich das Suizidrisiko“. Diese offenbare Tatsachenbeschreibung muss ebenso als ungenau zurückgewiesen werden. Nebenwirkungen werden als „mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen“ verstanden (vgl. beispielsweise Laux, G. / Dietmaier, O.: Psychopharmaka: Übersichtlich und verständlich. Springer, 9. Auflage. Heidelberg: 2013, S. 81). Sie sind also lediglich als eine Kann-Erscheinung zu verstehen, deren Eintritt mit einem abgestuften Risiko denkbar ist. Nach Diskussion unter Betroffenen unserer Selbsthilfeinitiative kamen langjährige Anwender des Präparats „Mirtazapin“, zu denen auch ich gehöre, zu der Auffassung, dass die generalisierte Aussage über dieses Medikament, wie sie der „stern“ betreibt, aus praktischer Erfahrung nicht haltbar ist. Wie viele andere Psychopharmaka kann auch „Mirtazapin“ das Suizidrisiko erhöhen, muss aber nicht. Die Irritation und Verängstigung durch „stern“ gegenüber denjenigen, die dieses Medikament nutzen, ist entsprechend als unverantwortlich anzusehen.

Beide vorgenannten Umstände bringen mich zu dem Ergebnis, eine Verletzung von Ziffer 2 und Ziffer 14 Pressekodex anzunehmen, die einerseits die Sorgfaltspflicht in der Recherche einfordern sowie hervorgehoben in der Medizin-Berichterstattung „eine unangemessene sensationelle Darstellung“ verbieten, „die unbegründete Hoffnungen oder Befürchtungen beim Leser wecken könnte“.

Der entsprechende Vorwurf des Magazins an den Psychiater, wonach dieser haftbar für das Verschreiben des Medikaments an einen wissentlich im Pilotendienst stehenden Patienten gemacht werden sollte, ist unter der Maßgabe, dass der Artikel keinerlei Angabe darüber liefert, ob der Erkrankte damals über etwaige unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufgeklärt wurde (womit sich der Arzt wohl konform mit der bisherigen Rechtsprechung [BGH VI ZR 289/03 vom 15.03.2005] verhalten hätte und dem Credo des „mündigen Patienten“ – als welcher auch der Co-Pilot betrachtet werden müsste, wenn er ausschließlich an einer, wie der „stern“ selbst beschreibt, depressiven Erkrankung litt – Folge geleistet würde), als insgesamt unnötige Aufstachelung gegenüber einer ganzen Berufsgruppe anzusehen, weswegen hier ein Verstoß in Bezug auf Richtlinie 13.1 – der Vorverurteilung – sowie gegen den Schutz der Ehre des Arztes und seiner Zunft – Ziffer 9 – vermutet werden kann.

Im Übrigen sehe ich Aussagen über die sterblichen Überreste des Co-Piloten, ebenso, wie die generelle Absicht zur Offenlegung der Krankengeschichte im eklatanten Widerspruch zu mehreren Ziffern des Pressekodexes, wie ich sie bereits in der Beschwerde vom 7. März 2016 deutlich machte. Auch der „stern“ hat nach meinem Dafürhalten in aller Abwägung des öffentlichen Interesses zu diesem die Bundesrepublik zweifelsohne bewegenden Fall (siehe meine Argumentation in o.g. Beschwerde) Richtlinie 8.6 (Berichterstattung über Erkrankungen), Richtlinie 8.7 (Berichterstattung über Selbsttötung), Ziffer 1 (Achtung der Menschenwürde – auch die Würde des/r Toten!) und Richtlinie 4.2 (Berichterstattung bei schutzbedürftigen Personen – auch derjenigen, die sich nicht mehr äußern können!) tangiert.
Ob darüber hinaus in der Aufarbeitung, die auch der „stern“ mit den ersten Absätzen des vorliegenden Artikels in sensationeller Weise betreibt, der Opferschutz (und besonders der der Angehörigen in ihrer Gesamtheit) – Richtlinie 8.2 – gewahrt bleibt, steht im Ermessen des Presserates.

Ich bitte entsprechend um Prüfung des Artikels und verbleibe
mit freundlichen Grüßen

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Pressenotiz

Im sechsten Jahr seines Bestehens steuert der amtliche Litzelstetter Newsletter auf 500 Empfänger zu. Der monatlich erscheinende elektronische Rundbrief informiert die Bürger über das Geschehen im Teilort und versorgt sie mit Nachrichten aus der Kernstadt sowie der Region. Er ergänzt damit das wöchentlich gedruckte Mitteilungsblatt und berichtet hintergründig für diejenigen, die sich zusätzlich auch über die neuen Medien unterrichten lassen möchten.

Der kostenlose Newsletter war im Rahmen eines Gesamtkonzeptes zur Öffentlichkeitsarbeit im Jahr 2009/2010 entwickelt worden und wird mittlerweile regelmäßig von Dennis Riehle erstellt, der diese Aufgabe ehrenamtlich für die Ortsverwaltung wahrnimmt. Besonderen Zuwachs verzeichnet Riehle bei Abonnenten aus der Innenstadt, aber auch von immer mehr Litzelstettern selbst, die sich jeweils zum Monatsende auf den aktuellen Stand über Wissenswertes aus Ortschaftsrat, Rathaus und dem gesellschaftlichen Leben bringen lassen.

Im Newsletter und im Litzelstetter Ortschaftsportal werden nach redaktioneller Prüfung auch Beiträge von Institutionen, Organisationen, Vereinen, Parteien und Initiativen veröffentlicht, gewerbliche und kommerzielle Texte dagegen an das Bürgerportal „Bodanbürger“ weitergegeben. Alle Einsendungen sind an redaktion@konstanz-litzelstetten.de zu richten. Bei Bedarf gibt es darüber auch Hilfestellung für die Formulierung von Artikeln. Das gebührenfreie Abonnement des Newsletters ist unter www.konstanz-litzelstetten-mainau.de > „Blättle und Newsletter“ möglich.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Scharfe Kritik an FOCUS-Berichterstattung über Atheisten

Atheisten mussten sich in der letzten Zeit immer wieder viel gefallen lassen: Da wurden sie in die Nähe von PEGIDA und anderen Rechtsradikalen gerückt, am nächsten Tag sind sie plötzlich die gewissenlosen Mörder im Fernsehen, von denen ein Stereotyp gezeichnet wird, das weit über alle Grenzen der Meinungsfreiheit hinauszugehen scheint. Als neues Feindbild scheint die nicht-gläubigen Menschen nun auch der FOCUS auserkoren zu haben. Aus einer Studie aus den USA, die Spiritualität und Konfliktfähigkeit untersuchte, machte die Redaktion einen Artikel mit der wenig schmeichelhaften Titelzeile „Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben“ – und veröffentlichte einen Artikel am 25. März 2016 (http://www.focus.de/gesundheit/videos/glaube-ist-im-gehirn-verankert-was-atheisten-mit-psychopathen-gemeinsam-haben_id_5386211.html).

Gegen diese Berichterstattung hat der Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO), Dennis Riehle, nun Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht. Er sieht gleich mehrere Verstöße gegen die Richtlinien des Pressekodexes und bezieht sich unter anderem auch auf das Diskriminierungsverbot. In seinen Ausführungen begründet er seine Eingabe unter anderem wie folgt: „Die Präsentation der Erhebungen wäre nach offenkundiger Durchsicht des Textes auch ohne die Verbindung vom ‚Ungläubigen‘ zum ‚psychopathisch‘ Erkrankten möglich gewesen. Die Parabel scheint hier allein zum Zwecke der Sensationsberichterstattung (Ziffer 11.1) missbraucht worden zu sein, ist doch eine weitergehende Aussagekraft über die bloße Etikettierung hinweg nicht erkennbar – und der Betroffene (hier: der Atheist) zum alleinigen Objekt von Darstellung verkommen“.

Riehle ist ebenso der Auffassung, dass FOCUS journalistisch nicht sauber gearbeitet hat: „Unklar bleibt im Artikel, ob die Konklusion, wonach Atheisten angeblich in ihren hirnfunktionellen Schemata mit denen von ‚Psychopathen‘ übereinstimmen, von der Redaktion getroffen wurde – oder ob diese tatsächlich aus der genannten Studie entnommen ist. Ein Link zur Erhebung reicht für den Leser nicht aus, um diese wesentliche Frage abschließend zu beantworten. Insofern fehlen bedeutende Angaben zur Studie, die laut Richtlinie 2.1 Pressekodex zu nennen gewesen wären. Es muss damit zunächst der Verdacht bleiben, dass FOCUS entweder eine Schlussfolgerung wider besseren Wissens um ihre diskriminierende Tragweite übernommen hat, oder diese selbst formulierte – und dabei nicht darauf achtete, einen Terminus für den zumindest fragwürdigen Verweis zu wählen, der keine derart abwertende Bedeutung mit sich gebracht hätte. Insgesamt wäre die Redaktion aufgefordert gewesen, solche Studienergebnisse unter dem Gebot der Sorgfältigkeit abzuwägen, um schlussendlich entscheiden zu müssen, ob eine derartige Analogie in der Form diesen Artikels überhaupt wahrheitsgetreu (Ziffer 2 Pressekodex) hätte wiedergegeben werden können – ohne dabei gegen ethische Richtlinien zu verstoßen“.

Warum sich der FOCUS letztlich auf derart spaltende Äußerungen einlässt, bleibt für den Beschwerdeführer unklar: „Die dramaturgische Gegenüberstellung des Atheisten mit ‚Psychopathen‘ ist provozierend geeignet, die Weltanschauung einer bestimmten Personengruppe zu schmähen. Dem Artikel ist es nämlich nicht gelungen, die Ähnlichkeiten in den emotionalen und kognitiven Eigenschaften der Personengruppen zu isolieren. Viel eher trägt vor allem die Überschrift dazu bei, ihre jeweilige Gesamtpersönlichkeit in unmittelbare Nähe zueinander zu rücken – und damit den nicht gläubigen Menschen mit seiner vollständigen Überzeugung als pathologisch zu brandmarken. Besondere Gewichtung erhält der Vorwurf darüber hinaus in der Wortwahl des ‚Psychopathen‘: Diese heute außerhalb der Fachwelt als abwertend und gar als Schimpfwort und Beleidigung anzusehende Bezeichnung (vgl. hierzu Hartwich, P.; Wing, J.K.: Sozialpsychiatrie. Springer-Verlag. Berlin/Heidelberg:2013. S. 42) intensiviert das ursprüngliche Sinnbild nochmals: Es wäre eine Vielzahl anderer Vokabeln möglich gewesen, hätte man darauf achten wollen, sowohl weder die atheistische Bevölkerung, noch die ‚psychopathische‘ Bevölkerung durch die Konfrontation mit einem derartigen Attribut schlichtweg diskriminieren zu wollen (Ziffer 12 Pressekodex)“.

Insgesamt bewertet Riehle die steigende Zahl an Verunglimpfungen gegen Konfessionsfreie als Ergebnis eines gesellschaftlichen und rechtlichen Ungleichgewichts: „Während der Aufschrei groß ist, wenn an Christen nur ein Haar gekrümmt wird, scheint es fast schon vorbildlich und mutig, gegen Atheisten zu wettern. Denn offenkundig ist es selbst in Medien, Politik und Bevölkerung selbstverständlich, bei Kritik an Katholiken und Protestanten mit der Keule der Religionsfreiheit zu mahnen, dabei aber zu vergessen, dass eben gerade auch jene ohne ein religiöses Bekenntnis darauf gleichermaßen Anspruch haben. Scheinbar fühlt man sich in der angeblichen Mehrheit der Gläubigen stark, um auf die ‚Ungläubigen‘ eindreschen zu können. Da verhält sich manche Presse nicht weniger heuchlerisch als Abgeordnete, die gegen die Verfolgung von Christen in der ganzen Welt protestieren, aber den Mund nicht aufbekommen, wenn im eigenen Land verantwortungslos gegen Andersdenkende agitiert wird“, so der HABO-Sprecher abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

Und wieder gibt es neue Zahlen: Die Austrittswelle setzt sich kontinuierlich fort, immer mehr Gläubige verlassen die Kirchen. So ergaben es auch die aktuellen Erhebungen, die ein düsteres Bild zeichnen. Vor allem die evangelische Seite muss zunehmend stark federn lassen – doch ihre Reaktion darauf scheint genauso bezeichnend wie die Ursachen für diese Bewegung, die ähnlich dramatisch ist wie nach der Wende.

Ich selbst gehörte 2012 auch dazu: Ich verließ die Kirche aus unterschiedlichen Antrieben heraus. Wollte ich noch Jahre davor ein Theologie-Studium beginnen, das mir von Würdenträgern des Klerus ausgeredet wurde, hatte ich aus schwerer Krankheit derartige Zweifel am Gottesglauben entwickelt, dass ich das Bekenntnis nicht mehr mitsprechen konnte, das sonntags die Christen vereint. Im Gegensatz zu anderen, denen es ebenso geht, die aber aus Tradition in der Kirche bleiben, war für mich damit die Grundlage für die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft genommen.

Gern hätte ich mich darüber ausgetauscht und mir neue Kraft geben lassen. Auch bei der Frage, wie man die Wunden heilen könnte, die mir durch die Ausgrenzung aufgrund meiner psychischen Belastung und vermeintlich sexuellen Orientierung in der Gemeinde zuteilwurden, hätte ich mich offen für Vergebung gezeigt. Es gab nur einige Außenstehende, die mich annahmen und mich ermutigten, man könnte die Kirche nur verändern, wenn man ihr auch weiterhin angehöre. Doch ich spürte, dass die Unbequemen wohl nur störten.

In meiner früheren badischen Landeskirche stieß ich sowohl vor, aber auch nach meinem Austritt auf vollständige Interessenlosigkeit. Kontakte zum Dekanat oder Gemeinden blieben einseitig, auf meine Fragen und Kritik ging kaum jemand ein. Und als ich mich entschlossen hatte, als ursprünglich tief gläubiger Christ den Schritt zu gehen, den ich mir nie hatte vorstellen können, blieb ich wiederum alleine: Nach meinem Austritt ließ man mich ziehen. Bemühungen, das Gespräch zu suchen oder nach Gründen zu fragen? – Fehlanzeige.

Nein, es sind eben nicht nur die Kirchensteuern oder der „Abfall“ vom Glauben, weshalb Menschen, die einst in ihrer christlichen Zugehörigkeit Sinn gefunden hatten, das Weite suchen. Aus vielen Begegnungen mit anderen Konfessionsfreien weiß ich, dass es der Eindruck ist, wonach die Selbstgerechtigkeit der Kirche keinen Platz mehr für die Seelsorge lässt. Es ist kein Raum mehr für Widerspruch, für Not, für das Ringen mit Überzeugungen. Wenn es kompliziert wird, lässt man die „Schäfchen“ eher laufen. In vollem Bewusstsein, dass die Kirche so an die Wand fahren wird, trägt sie selbst maßgebliche Verantwortung für die Tendenzen ihres Zusammenschrumpfens.

Da helfen auch nicht neumodische Formen von Gottesdiensten, das trendige Ausformulieren biblischer Schriften, die Events am Sonntagnachmittag für alle, die ausschlafen wollen. Für mein Verständnis ist es nicht der Zeitgeist, der die Kirche in die Krise stürzt. Es ist viel eher ihre eigene Naivität und ihr Anspruch, dass nicht sie sich sorgen muss, sondern die Hoffnungslosen schon aus eigenen Stücken zu ihr kommen werden. Ja, sie muss sich anstrengen. Aber nicht dadurch, dass sie „cool“ sein will. Sie muss wieder lernen, auf die Suchenden zuzugehen, sie nicht im Stich zu lassen – und im Zweifel fragen: „Können wir nochmal drüber reden?“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

So richtig wohl war es dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof nicht. Wie sollte er mit solch einem Fall umgehen? Eine offenbar an Alzheimer erkrankte Dame hatte aus Angst davor, dass ihr Geld Einbrechern zum Opfer fallen würde, große Summen Bargeld zerschnitten und versteckt. Doch wer sollte nun für den Schaden aufkommen? Geregelt ist, dass die Europäische Zentralbank den Bundesbanken Vorgaben macht, wann Geldscheine umgetauscht werden können. Und auch die Nationalbanken geben sich Richtlinien. Konnte aber bei dieser Frau von „Vorsatz“ gesprochen werden? Und wie solle man mit der Maßgabe umgehen, dass Scheine eigentlich nur dann umgetauscht werden, wenn sie nicht vollständig zerstört sind?

Das Urteil soll nun schriftlich ergehen, denn die Richter waren sichtbar berührt von dieser Geschichte. Ist sie doch aber kein Einzelfall – und steht sie doch maßgeblich für weitaus mehr als den finanziellen Schaden, der entstanden ist. Denn so, wie auch die Juristen wohl am liebsten weggeschaut hätten, tut es auch die Bevölkerung: Demenzerkrankungen sind trotz ihrer Omnipräsenz weiterhin ein heikles Thema, ein mehr oder minder bewusstes Tabu, mit dem Viele von uns nicht so richtig wissen, wie sie damit im Alltag umgehen sollen. Da helfen auch Filme, die versuchen, die Krankheit auf eine lustige und gleichsam nachdrückliche Art und Weise darzustellen, nur bedingt. Denn eigentlich sind wir beschämt über unsere Ohnmacht.

Aber das müsste so nicht sein: Wer Menschen mit Demenzerkrankungen kennt, der lernt rasch, wie ihr Leben tickt. Eben gerade nicht so, wie wir es von unserem gewohnt sind. Da läuft tatsächlich Vieles anders im Kopf – und doch sitzt uns weiterhin ein Individuum mit Emotionen, mit Gedanken und Bedürfnissen gegenüber, das eine uneingeschränkte Würde besitzt. Und so wäre es falsch, aus peinlicher Bescheidenheit manches Verhalten einfach schmunzelnd abzutun und es allein der Krankheit unterzuordnen. Und gleichsam ist es aber auch nicht richtig, wenn wir Maßstäbe anlegen, die für uns „normal“ sind. Welche Form von Demenz auch immer – sie ist eine schwerwiegende körperliche und seelische Einschränkung. Und sie krempelt nicht nur das Dasein des Betroffenen, sondern mindestens ebenso das der Angehörigen um.

Weggucken und darauf hoffen, dass alles vorüber geht, das hilft wahrlich nicht. Im Umgang mit den Erkrankten müssen wir Entscheidungen treffen – so, wie auch die hessischen Richter. Doch wir sind dabei aufgefordert, menschliches Verständnis und gleichsam für jeden von uns notwendig erarbeitetes Hintergrundwissen in unsere Abwägungen einzubeziehen, Mitleid ist kein passender Ratgeber. Denn auch Demenzkranke wollen ernst genommen werden. Der verniedlichende Vergleich mit einem heranwachsenden Kind mag zwar in der Außenwahrnehmung zutreffen. Doch jeder an Alzheimer leidende Mensch kommt aus einem meist langen Leben, in dem er Herr seiner Sinne war und Eigenverantwortung getragen hat. Hier sind wir aufgerufen, anders zu agieren als bei jemandem, der seine Mündigkeit noch gar nicht erreicht hat.

Hinter vielen psychischen Symptomen der Demenzerkrankung steckt Angst. Sie ist Ausdruck des Bewusstseins darüber, dass uns die Kraft über uns selbst entgleitet. Gerade in den Anfängen dieses oftmals lang andauernden Prozesses empfindet der Betroffene zutiefst, wie er von seinen bislang gewohnten kognitiven, motorischen und funktionalen Fähigkeiten plötzlich und nicht selten rasant verlassen wird. Die Persönlichkeit ändert sich schlagartig. Das, was bisher vertraut war, wird plötzlich fremd. Und das, was man fest in Händen hielt, gerät auf einmal aus allen Fugen. Dass solch ein Wandel nicht spurlos an gestandenen Personen vorübergeht, ist eine Tatsache, die auch Außenstehende begreifen müssen, wenn sie sich hilflos fühlen im Miteinander.

Der Spagat zwischen Würdigung der besonderen Situation und dem Versuch, ein Weiterleben mit möglichst viel Gewohnheit zu ermöglichen, ist eine Herausforderung ungeahnten Ausmaßes. Und dafür die ausgeglichene Mitte zu finden, dabei kann auch Justitia nicht unterstützen. Dabei dient uns allein die Praxis, an der wir am besten teilhaben können, wenn wir uns nicht verunsichert umdrehen, sondern interessiert und mutig auf Menschen mit Demenz zugehen, die uns täglich begegnen – wenn wir denn wollen. Im Angesicht dessen, dass die Dringlichkeit zur Auseinandersetzung mit altersbedingten Erkrankungen beständig wachsen dürfte, sind wir besser heute als morgen angehalten, die Welt einmal mit anderen Augen wahrzunehmen…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Selbsthilfeinitiative zu Zwangsstörungen, Phobien, psychosomatischen Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz hat im Februar 2016 die bislang höchste Zahl an Anfragen seit Beginn ihrer Aufzeichnungen registriert. Neben 99 Mail-Anfragen gingen 58 Telefonanrufe beim Leiter Dennis Riehle ein, der den Trend seit längerem beobachtet: „Wir hatten eine beständig steigende Nachfrage, doch immer wieder mit Schwankungen. Die aktuellen Zahlen sind allerdings die eindrucksvollsten, die ich in über zehn Jahren meiner Arbeit erlebt habe“.

Gliedert man nach Krankheitsbildern, so führt die Depression als Grund, weshalb sich Menschen an Riehle gewandt: „Zu diesem Krankheitsbild meldeten sich rund 40 Prozent der Hilfesuchenden, ob Betroffene oder Angehörige. Gefolgt von Zwangsstörungen mit 35 Prozent. Angststörungen waren in etwa 15 Prozent der Fälle Ausschlag gebend, bei knapp 10 Prozent waren es psychosomatische Krankheitsbilder. Die Kontakte kamen dabei zu rund 70 Prozent aus dem Landkreis Konstanz und den umliegenden Landkreisen, auch aus der angrenzenden Schweiz. 30 Prozent aus dem restlichen deutschen Bundesgebiet“.

Die Ursache für den fortwährenden Anstieg des Bedürfnisses nach Kontakt zur individualisierten Selbsthilfe sieht Riehle in verschiedenen Erklärungen: „Einerseits nimmt kaum noch jemand regelmäßig an Gruppentreffen teil, weil Vieles über die neuen Medien einfacher ist. Andererseits möchten die Menschen punktgenaue Unterstützung für ihr eigenes Anliegen, ohne sich dabei mit denen von anderen Betroffenen auseinandersetzen zu müssen. Damit wird der eigentliche Kerngedanke der Selbsthilfe ad absurdum geführt – und es ergeben sich Trends, die auch ich als Aktiver in der ehrenamtlichen Arbeit berücksichtigen muss. Deshalb habe ich seit einiger Zeit vermehrt auf die Mailberatung und das Angebot telefonischer Kontaktaufnahme umgestellt“.

Dass gerade bei den seelischen Erkrankungen die Dimensionen derart steigen, beurteilt Riehle differenziert: „Wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir lediglich behaupteten, dass die Menschen dauernd psychisch kränker würden. Zweifelsohne sind bei den neurotischen, phobischen und Belastungsstörungen, die stark auf äußere Einflüsse reagieren, sicherlich Zunahmen der Krankheitszahlen zu beobachten. Da tun komplexe Lebenssituationen, Stress am Arbeitsplatz und genereller Leistungsdruck ihr Übriges. Vielmehr müssen wir aber glücklicherweise auch attestieren, dass sich Betroffene seit einigen Jahren viel schneller als früher niederschwellige Hilfe suchen, weil die Stigmatisierung der psychischen Krankheiten ganz langsam abnimmt“.

Dadurch sieht Riehle auch Herausforderungen für die Hilfeleistenden: „Wir müssen insgesamt aufpassen, dass wir das Versorgungssystem nicht überlasten. Und dabei spreche ich von professionellen wie von freiwilligen Kräften. Bedauerlicherweise sind die Folgen eines ‚kosteneffizienteren‘ Gesundheitswesens schon heute für die stationären, niedergelassenen und ehrenamtlichen Unterstützer spürbar. Kürzere Verweildauern im Krankenhaus führen zu häufigeren Ansprüchen auf ambulante Hilfe, obwohl die Zahl der Psychotherapie-Plätze ohnehin deutlich zu niedrig ist. Zudem hat bisher die neue gesetzliche Regelung eines besseren Aufnahme- und Entlassmanagements noch nicht gegriffen. Obwohl die kommunale Bedarfsplanung hervorragend ist, sind es Bundesgesetze, die an der Realität leider umfassend vorbeigehen. Als Resultat landen viele Betroffene dann als ‚Übergangslösung‘ bei der Selbsthilfe. Eigentlich können wir diese Aufgabe aber nicht übernehmen, sondern ergänzend zu den Hauptamtlichen wirken. Doch alleine lassen wollen wir die Menschen auch nicht“, so Riehle abschließend, der als selbst Betroffener entsprechende Erfahrungen teilen kann.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Vor allem für die protestantischen Christen ist es der höchste Feiertag im Kirchenjahr: Ostern ist wie kein anderes Ereignis mit einer wundersamen Bedeutung verbunden – und hat eine entsprechend große Aussagekraft für die Gläubigen. Nur für die Gläubigen? Nein, ich denke, wir können vom Osterfest alle etwas lernen. Dazu braucht es nicht zwingend ein christliches Bekenntnis, sondern lediglich ein wenig Verständnis für das menschliche Leben. Und vielleicht ist es gut, wenn sich nicht nur Christen mindestens einmal im Jahr Zeit dafür nehmen, sich der Botschaft bewusst zu werden, die von diesen biblischen Tagen auszugehen vermag.

Ich gebe zu: Die Auferstehung Jesu war für mich ein wesentlicher Grund, von meinem christlichen Glauben abzufallen. Ich kann mir nicht vorstellen, was dort geschrieben steht, von einem weggerollten Stein und einem leeren Grab. Möglicherweise war Jesus gar nicht „tot“, wäre es durch wissenschaftliche Belege doch gut denkbar, dass er trotz der schweren Verletzungen, die er durch die zweifelsohne glaubwürdige Kreuzigung, die für „Straftäter“ damals ja gängig war, erlitten hatte, „nur“ das Bewusstsein verlor. Den Tod wirklich feststellen, das war zu den damaligen Zeiten schwierig. Aber spielt das letztlich für die Parabel überhaupt eine Rolle, die uns diese „Heilige Schrift“ – ob wir sie nun als Gottes Wort oder als Märchenbuch verstehen – vermitteln will?

Für mich ist die Lebensgeschichte von Jesus beeindruckend. Ich glaube nicht an seine Wunder, ich glaube auch nicht daran, dass er ein „auserwählter Sohn“ war. Aber sicherlich war er jemand, der mitreißen konnte, der zu predigen wusste und der Menschen in seinen Bann ziehen konnte. Und ich meine, er hat damit nichts Schlechtes getan, im Gegenteil. Hoffnung mag etwas für die Seele sein, das ist nichts für Vernunft und Rationalität. Und doch brauchen wir Emotionen und Gefühle, Perspektiven und verlässliche Parameter, um zu überleben. Der Mensch ist eben doch nicht nur Fleisch allein, um auch mit diesem Vergleich wieder religiös zu werden.

Jesus hat während der Ostertage in kurzer Zeit das durchschritten, wovon unser Leben ständig geprägt ist: Höhen und Tiefen. Dort, wo er das Kreuz getragen hat, lasten auch auf uns tägliche Sorgen, Ängste, Nöte. Und selbst derjenige, der nicht an Gott glaubt, fragt sich manches Mal, warum er so verlassen dasteht. Wenn wir uns alleine vorkommen, zurückgesetzt und mit der Schwere der vielen Anforderungen übermannt, dann ringen auch wir. Da verschwindet Vertrauen – in uns selbst, in unsere Mitmenschen, bei Manchen eben auch in Gott. Wie oft kam auch ich mir schon so ausgeliefert vor, dass ich überzeugt war, man habe sich gegen mich verschworen. Doch genau dann ächze auch ich: Woher kommt mir die Hilfe, die ich bräuchte?

In Gott erwarte ich sie nicht mehr. Dazu wurde ich zu oft von ihm enttäuscht. Bei mir erwächst sie dann eher aus dem Wissen heraus, dass ich auch schon diverse andere Situationen gemeistert habe. Es ist also die Gewissheit auf eine Wendung. Biblisch gesehen vollzieht sich diese an Ostern durch ein Wunder. Hängen wir die Latte nicht ganz so hoch, so ist es zumindest die Aussicht auf bessere Zeiten. Wer schon einmal tiefe seelische Krisen überstanden hat, der weiß, dass der schwarze Tunnel lang sein kann – länger als der zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Doch die Erfahrung, dass sich dann auch wieder Licht auftut, ist tatsächlich ein wundersames Erlebnis, auch wenn dieses wenig mit überirdischen Mächten zu tun hat.

Sich bewusst zu machen, dass die Kraft gegen unser Verzagen dadurch entsteht, in den schwierigsten Momenten auf sich selbst setzen zu können – das ist für mich wahrer Humanismus. Und gleichzeitig lehrte mich diese Einsicht die Moral der Ostererzählungen. Anzunehmen, dass zur menschlichen Existenz auch das Leid gehört, ist eine Mahnung und Aufforderung zugleich. Denn in einer Zeit, in der wir versuchen, möglichst viel davon von uns fernzuhalten, ist es ein Wagnis, uns solche Tiefschläge auch zuzumuten. Wenn wir bestrebt sind, uns nicht länger mit Schmerz und anderen bedrückenden Gefühlen konfrontieren zu wollen, sind wir auch nicht gerüstet für die „Auferstehung“, für das Spüren von Lebendigkeit.

Manchmal kann es wirklich ganz aufbauend sein, sich zwischenzeitlich mal wieder klar darüber zu werden, wie wertvoll unser Dasein eigentlich ist. Uns trotz menschlichem Egoismus eine gewisse Demut anzueignen. Nicht, weil wir uns einem Gott unterordnen müssten, sondern weil solch eine Einstellung neue Gelassenheit gibt, eben gerade mit den Niederlagen umzugehen, Schicksale anzunehmen und daraus Trost zu entwickeln. Denn egal, ob wir am Karfreitag bedächtig sind oder tanzen wollen, kommt für jeden unter uns wieder derjenige Zeitpunkt, an dem wir wirklich gefordert sind. Und wie gern erinnern wir uns dann daran, am Ostersonntag den Gottesdienst besucht – oder eben auch den Schokoladen-Hasen verdrückt zu haben…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Kürzlich ging ein Aufschrei durch die Republik: Ein erst 13-Jähriger hatte einen Freund offenbar beim Spielen getötet. Nie zuvor war der Täter auffällig gewesen, für den schrecklichen Vorfall gab es zunächst keine Erklärung. Ohne die Ermittlungen abzuwarten, ließen die Reaktionen aus einigen gesellschaftlichen und politischen Kreisen nicht lange auf sich warten: Die Strafmündigkeit von derzeit 14 Jahren müsse herabgesetzt werden, damit künftig auch jüngere Täter wie der jetzige strafrechtlich verfolgt werden könnten. Ähnlich ein Jahr nach dem „Germanwings“-Absturz: Mit wilden Zuschreibungen an den Co-Piloten vom „Massenmörder“ bis hin zu „Wir werden nie verzeihen“ machten sich nicht nur Angehörige der Opfer ihrer Wut Luft. Oder auch, als neulich wieder Daten über Übergriffe auf Polizeibeamte öffentlich wurden – das Rufen nach härteren Strafen war die prompte Antwort aus dem zumeist bürgerlich-konservativen bis hin zu rechtsradikalen Lager.

Reflexartig sind viele von uns mit der Justiz unzufrieden: Zu harmlos sei sie, würde sich zu sehr an den Tätern orientieren. Ich halte entgegen: Unsere Rechtsstaatlichkeit baut vornehmlich auf dem Prinzip der Balance auf. Und sie besagt, dass es nicht nur gegenüber den Opfern, sondern auch gegenüber den Verursachern gerecht zugehen muss. Da ist kein Platz für Populismus. Nicht umsonst ist Justitia blind und mahnt zur unabhängigen Entscheidung. Zurufen aus welchen Ecken auch immer darf sie nicht nachgeben, denn Demokratie würde sich erpressbar machen, wenn diejenige der drei Gewalten, die letztlich über alle Entscheidungen wachen muss, auf Befindlichkeiten der Öffentlichkeit eingehen würde. Schon viel zu oft mussten wir den Eindruck gewinnen, dass Urteile von Wünschen der einzelnen Beteiligten oder aber auch der medialen Berichterstattung geprägt waren. Da darf es keine Versuchung geben, sich Polemik hinzuwerfen.

Und wenn die richtende Dame mit ihrer Waage in den Händen auf die Verhältnismäßigkeit aufmerksam macht, dann hat das wenig mit Nachsicht zu tun. Viel eher steht diese Mahnung für ein vernunftmäßiges Abwägen in allen Prozessen. Und so bleibt es eine Frage von Rationalität, Kinder unter 14 Jahren nicht zu verurteilen, sondern ihnen zu helfen. Weder ihre Einsichtsfähigkeit ist derart gewährleistet, dass Bestrafung überhaupt Sinn ergeben würde. Noch wäre hier ausreichend gesichert, dass man die offenkundig tiefliegenden Ursachen erkunden und dem ja gerade erst am Anfang eines Lebens stehenden Menschen irgendwann eine Zukunft ohne Vorbelastung garantieren könnte. Gegner einer solchen Haltung würden nun erwidern, auch das Opfer habe kein Leben mehr vor sich, es ist tot. Man fragt sich nur: Was hätten wir davon, wenn auch der Täter nun mit größter Härte bestraft würde? Allein unsere Sehnsucht nach Rache würde befriedigt, denn Gerechtigkeit wäre keinesfalls hergestellt. Sie ist als subjektives Empfinden ohnehin kein guter Gradmesser, müsste für objektive Maßstäbe doch davon ausgegangen werden, dass Vergleichbarkeit besteht. Solange aber Außenstehende Richter sind, wird sich Rechtschaffenheit nur bis zu einer normierten, nicht aber differenzierten Ebene durchsetzen lassen.

Um in unseren menschlichen Grenzen überhaupt urteilen zu können, ist es gleichsam nötig, Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört die natürliche Voraussetzung, wonach vor Gericht alle gleich sind. Doch ist das heute wirklich so? Greift ein Demonstrant einen Polizisten an, so soll er nach Meinung mancher Politiker scharf bestraft werden. Schlägt ein Polizist im Einsatz zu, wird dies im besten Falle milde abgetan, so zeigen es die Erfahrungen. Ist eine Körperverletzung deshalb schwerwiegender zu beurteilen, weil sie an einem Beamten begangen wurde? Und warum kommt es gerade dann, wenn der Verdacht einer Straftat „im Amt“ aufkommt, so häufig zu Einstellungen von Verfahren? Möglicherweise ist unser Rechtssystem schon heute viel zu anfällig für den klientelhaften Einfluss diverser Gruppierungen. Da wird wuchtig argumentiert, warum die gleiche Tat an unterschiedlichen Personen bei gleichen Umständen auch zu verschiedenen Urteilen führen soll. Dort, wo sonst das Drücken auf die Tränendrüse als unredliche Maßnahme der Verteidigung bemängelt wird, wird Psychologie plötzlich zum Wegweiser für Strafzumessungen.

Dass man aber nur auf die Seele blickt, wenn es um die eigenen Belange geht, zeigt auch die Tatsache, dass Gnadenlosigkeit gegenüber den Anderen bis heute Konjunktur hat. Bei schwersten Verbrechen bricht gerade aus den extremen Nischen rechtsaußen die Forderung nach der Rückkehr der Todesstrafe auf. In der Schweiz war man kurz davor, ein Referendum über die Wiedereinführung zu starten. Doch mehr als das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ können die Befürworter nicht an Begründung liefern, wenn es darum geht, weshalb wir sie denn wieder bräuchten. Vergeltung und die zur Schaustellung von der Macht des Staates – mehr als ein selbstgerechtes Beweisen von Stärke ist es nicht, denn wer sich langfristig am Tod eines Anderen ergötzt, hat die Weltordnung eines aufeinander angewiesenen Miteinanders nicht verstanden. Man muss nicht einmal die Diskussion bemühen, ob es dem Staat – und schon gar nicht Opfern oder sonstigen Dritten – überhaupt zustünde, einen Täter auf diese Art und Weise zu richten, ohne dabei nicht in willkürliche Besessenheit nach egozentrischer Überheblichkeit zu verfallen. Denn selten hat man Hinterbliebene oder Geschädigte von Straftaten gesehen, die durch das größtmögliche Strafmaß für ihre Peiniger eine dauerhafte Zufriedenheit verspürten. Den Schmerz nimmt eine Verurteilung nicht, er kann nur aufgearbeitet werden.

Und so trägt sowohl die Opfer, aber auch die Täter der Gedanke von Reue viel mehr. Es ist niemandem abzuverlangen, nach einer Straftat zu verzeihen. Und jeder benötigt seine eigene Zeit, um möglicherweise ein Fehlverhalten des Gegenübers zu vergeben. Manches Mal gelingt es auch gar nicht. Und gleichsam sind es gerade diejenigen Täter, die im Strafvollzug durch Unterstützung zur Einsicht gelangen, für ihre Verantwortung einzustehen, die am Ende die besten Aussichten auf eine Resozialisierung haben. Sie haben es verdient, dass ihr Versuch um Entschuldigung zumindest angehört wird. Wer versteht, wie es zu einer Tat gekommen ist und wer gleichzeitig in die Lage versetzt wird, Ursachen hierfür herauszufinden und an ihrer Beseitigung zu arbeiten, der kann überzeugend auf die zugehen, denen durch sein Handeln schreckliches an Leid zuteilwurde. Opfer-Täter-Ausgleiche, aber vor allem die intensive psychotherapeutische, sozialpädagogische und medizinische Betreuung sind daher ein wesentlicher Schritt, um neue Straftaten zu verhindern, viel eher aber, um Rechtsfrieden zu schaffen. Und ja, auch wenn es manch Hardliner nicht gern hört: Auch im Gefängnis und vor Gericht gelten die universellen Menschenrechte. In einer Demokratie besteht der unabänderliche Anspruch auf humane Behandlung, auf gesundheitliche und soziale Unversehrtheit – eben auch hinter Gittern. Und nein, da wird nicht der, der straffällig wurde, auch noch umsorgt, sondern da werden Standards realisiert, die wir aus Werten der Aufklärung errungen haben.

Nicht das Pauschale trägt unser Rechtssystem, aber auch nicht die Gefühle. Viel eher sind wir in Justiz und Strafvollzug heute mehr denn je darauf angewiesen, aus Pflicht zur Menschlichkeit mit Unbefangenheit eine konstruktive Zukunft für alle Beteiligten zu entwickeln. Dass Täter die Rechte des Opfers missachtet und oftmals gar zerstört haben, ist nicht zu rechtfertigen. Aber es steht uns nicht zu, die eines anderen nun ebenso zu nehmen. Humanität ist manches Mal schwer auszuhalten – und trotzdem ist sie nötig, um eben gerade nicht denen Platz zu lassen, die am lautesten schreien und für sich proklamieren, die Welt zu richten. Nein, nicht Emotion oder auch Streit sollten uns in unseren Forderungen an die Justiz und ihre Urteile prägen, sondern die Bereitschaft, daran zu arbeiten, auch weiterhin Gerechtigkeit zu fördern. Dazu gehört eine Reform des Strafvollzuges, die auch denjenigen Perspektiven eröffnet, die wieder Teil der Gesellschaft werden können und wollen. Dazu gehört aber auch eine veränderte gesellschaftliche Einstellung zu dem, worüber heute meist nur dann gesprochen wird, wenn Hetze und Verurteilung auf den Plan rücken: Straftaten gehören zu unserer Realität – und auch bei notwendiger und weiter zu ermunternden Prävention wird es sie immer geben. Deshalb braucht es Fürsprecher, die sich gegen opportunistische Erregung stellen, wenn es darum geht, die scheinbare Aufrichtigkeit der Justiz für sich zu vereinnahmen…

[Dennis Riehle]