Kommentar

Sexuelle Vielfalt soll heute möglichst früh ansetzen. Das zeigte nicht zuletzt der Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg, der in der Schule bereits die Bandbreite aller nur denkbaren Konstellationen des geschlechtlichen Zusammenlebens als gleichwertig vermitteln will. Kinder sollen am besten bereits im Kindergarten die ersten Erfahrungen sammeln, um sich in der Welt des alles Machbaren zu orientieren. Sie dürfen sich ausprobieren, um die verschiedensten sexuellen Orientierungen und Neigungen kennenzulernen. Was noch vor einiger Zeit in der Pubertät stattfand, soll heute offenbar schon im Vorschulalter abgeschlossen sein. Der Eindruck trügt nicht, wenn man vermutet, dass es dabei gewünscht ist, nicht mehr „normal“ zu sein – eben gerade nicht die natürliche Form des Miteinander aus männlichem und weiblichem Geschlecht zu entdecken, sondern viel eher durch das „Spielen“ mit allen Ausdrucksformen dorthin gedrängt zu werden, wo der Gender Mainstream die Erwachsenen der Zukunft haben möchte – unter „queeren“ Menschen.

Ein interessantes Symposium zu diesem Thema veranstaltete der Bundesverband der „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO). Unter dem Titel „Vielfalt statt Einfalt – Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ diskutierten Fachleute über die Fragestellung, wie die Pädagogik der Moderne auf die unterschiedlichen Interessen der Kleinsten eingehen kann. Bezeichnend in der Dokumentation über die Veranstaltung: Offenbar gehen die Experten wie selbstverständlich davon aus, dass Kinder heute bereits wissen, ob sie homo-, bi-, transsexuell sind – oder, was in der gesamten Niederschrift allerdings nur bescheiden dargestellt wird, möglicherweise sich doch erlauben, den traditionell heterosexuellen Weg einzuschlagen. Erzieher und Lehrer sollen Rücksicht auf die Gefühle und die Befindlichkeiten von Jugendlichen mit ihren verschiedenen sexuellen Orientierungen und Neigungen, mit ihrem Geschlecht und ihrer Identität nehmen. Dass sie erst einmal bei dieser sensiblen Suche nach der eigenen sexuellen Persönlichkeit unterstützt werden müssten, darauf kommt niemand. Scheinbar mit dem Tag der Geburt ist für die AWO festgelegt, ob ein Kind schwul sein wird oder sich möglicherweise als Transvestit outen möchte.

Wichtiger als die Hilfe bei der Selbstfindung ist die Stärkung gegen die Anfeindungen der Umwelt, glaubt das Symposium. Denn immerhin seien „queere“ Jugendliche deutlich häufiger von Gewalt, Ausgrenzung und seelischen Problemen bedroht. Über die Ursache schweigt man sich dabei aus – Schuld ist immer die Außenwelt. Dass gerade der Zwang zur frühzeitigen Sexualisierung den größten Schaden anrichtet, verschweigen die Fachpersonen. Wer „alles“ sein kann, verirrt sich. Nicht das Mobbing wegen des Andersseins, sondern das beklemmende Gefühl, mit sich und der Unklarheit über das eigene „Ich“ überfordert zu sein, ist Ausschlag gebendes Kriterium für psychische Krisen. Und daran trägt vor allem der Drang zur „Geschlechtervielfalt“ seine Verantwortung. Denn er ist eben keine Freiheit, sondern schränkt die Rechte der Kinder auf eine unabhängige Entwicklung massiv ein. Ja, Jugendliche sollen selbst entscheiden können, wen sie lieben. Aber dann lassen wir sie bitte auch frei darüber befinden und beeinflussen sie nicht durch genderisierte Vorlieben nach Offenheit und Grenzenlosigkeit in alle Richtungen. Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wann sie sich versuchen möchten. Auch bisher funktionierte das problemlos – ohne Sexualkunde im Kindergarten und geschlechterneutrale Lehrmaterialien. Niemand wurde durch Mann und Frau in der Textaufgabe verstört. Und es war kein Weltuntergang, wenn ein Kind auch mit 10 Jahren noch nicht wusste, wen es liebt. Wer meint, Vorgaben über den Weg machen zu müssen, den Jugendliche vollkommen selbstständig einschlagen, nimmt den Heranwachsenden ihre wohlverdiente Kindheit. Und dass sich heute ganze Symposien darum bemühen, „sexuelle Vielfalt“ unter Jugendlichen zu lenken, ist abstoßend.

Besonders amüsant, aber gleichsam erschreckend sind in diesem Zusammenhang auch die Handlungsempfehlungen der AWO an die Lehrkräfte: Nicht nur, dass sie ihr gesamtes Tun auf eine sexualisierte Pädagogik ausrichten sollen und damit nur noch wenig Spielraum für die eigentlichen Inhalte bleibt, die Kindergarten und Schule vermitteln sollten. Erzieher dürften bei der Vielzahl an Anweisungen aus dem Nachdenken gar nicht mehr herauskommen, um nicht in ein „Fettnäpfchen“ zu treten. Denn auch die Sprache muss stimmen. Wer zu einer Gruppenarbeit aufruft, solle nicht mehr nach Mädchen und Jungen einteilen, sondern viel eher sagen: „Alle, die Perlenarmbänder machen wollen, kommen bitte zu mir!“. Und nach den Unisex-Toiletten dürfte es bald auch Umkleidekabinen für alle geben. Denn es wird empfohlen, nicht mehr nach Jungs und Mädchen zu unterscheiden, sondern: „Alle, die die Jungsumkleide nutzen wollen, gehen bitte dort nach rechts!“. Doch was sagen eigentlich die Jungs, die vielleicht ungestört unter sich sein möchten? Selbstbestimmungsrechte kollidieren dort, wo sie jene des Anderen einschränken. Daran denkt bei der AWO wohl keiner. Und überhaupt: Was wäre, würde man hier andersherum formulieren? Darf dann künftig jeder in die Mädchenumkleide, der sie nutzen will? Dass daraufhin unter manchen Eltern berechtigterweise der Teufel los wäre, scheint egal. Hauptsache, die Geschlechtervielfalt wurde eingehalten. Der Ratschlag der Experten heißt: „Nutzen Sie inklusive Formulierungen“.

Die Abschaffung des „Normalen“ mögen Viele als Errungenschaft ansehen. Wir reißen damit aber den Leuchtturm ein, der in einer ohnehin komplexen Welt eine Richtschnur dessen war, was gerade für diejenigen auf der Suche überlebenswichtig ist: Orientierung. Wer eine Reise plant, beginnt auch selten Jahre zuvor mit dem Kofferpacken. Welch Bevormundung und Überbehütung ist es, wenn wir den Jüngsten schon „Angebote“ zur sexuellen Identitätsfindung machen, aus denen sie wählen können! Wie wenig Vertrauen haben wir in sie, wenn wir nicht einmal darauf warten können, welche Erfahrungen und Entdeckungen, welche Erlebnisse und Eindrücke sie in der Pubertät sammeln und gewinnen! Es ist allein unsere Ungeduld, die uns antreibt, unsere Selbstsucht nach Verwirklichung, die wir nun durch das Bedrängen unserer Kinder zu kompensieren versuchen. Wüssten die Kleinsten, welch Gedanken wir uns um sie, ihre sexuelle Identität, Neigung und Vorlieben machen würden, hielten uns sicher einige von ihnen für völlig verqueert…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

Zweifelsohne lässt sich aus den Vorschlägen von Oberbürgermeister Uli Burchardt eine gewisse Richtung ablesen, die dahin deutet, dass der Gemeinderat einerseits Verantwortung abgeben, andererseits aber mit mehr Aufwandsentschädigung zu diesem Machtverzicht hingelockt werden soll.

Man kann mutmaßen, welche Beweggründe den OB zu diesen Anträgen treiben, sicherlich weiß auch er darum, dass Volksherrschaft nicht immer einfach ist – und gerade auf örtlicher Ebene anstrengend sein kann. Doch das ist keine Rechtfertigung, den ohnehin begrenzten Einfluss des legislativ-exekutiven Vermittlers „Gemeinderat“ zu beschneiden.

Gerade im kommunalpolitischen Prozess ist die Stimme des Bürgers wichtiger denn je. Nirgendwo sonst sind die Menschen derart direkt von Entscheidungen betroffen wie in der eigenen Stadt. Daher brauchen sie gerade dort auch ein kraftvolles Mitspracherecht. Und bei den mangelhaften Möglichkeiten der Partizipation in einem repräsentativen System ist jeder Versuch, dem Gemeinderat Befugnisse zu nehmen, ein Angriff auf den Souverän.

Wenn sich Burchardt um zu viel Arbeit für sich und seine Räte sorgt, dann braucht es Strukturreformen, aber keine zweifelhaften Anreize, dem Gremium mit Geld seine Bedeutung zu nehmen. Das wäre nämlich nicht nur eine suggestive Manipulation der Mandatsträger, sondern auch ein demokratisch höchst bedenklicher Schritt.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

Schon fast selbstverständlich gaben sich CDU-Landeschef Strobl, FDP-Spitzenkandidat Rülke und – etwas leiser – CDU-Herausforderer Wolf nach den verfestigten Ergebnissen aus der Landtagswahl der Auffassung hin, wonach die CDU den Regierungsauftrag erhalten habe. Man strebe die sogenannte „Deutschland-Koalition“ aus Schwarz, Rot und Gelb an, war zu hören.

Doch ob nicht Ministerpräsident Kretschmann nun an der Reihe sei, entgegneten die etwas verdutzten Journalisten. Nein, schließlich habe „Grün“ vor fünf Jahren auch nur mit 24 Prozent die Regierung gebildet, meint die FDP. Kretschmann erwiderte daraufhin, dass aber auch er damals der Sieger gewesen sei.

Ist die stärkste Kraft automatisch Gewinner – oder nicht doch eher die, die am deutlichsten zulegen konnte? Die CDU dürfte auf großes Unverständnis mit ihrem Ansinnen stoßen, an dem beliebten Ministerpräsident der Grünen vorbei eine Koalition bilden zu wollen. Denn wenngleich es 2011 noch eine Definitionssache war, wer denn nun die Wahl gewonnen hat, ist es dieses Mal eindeutig: „Bündnis 90/Die Grünen“ sind nicht nur stärkste Kraft, sie haben auch hinzugewinnen können. Beides erfüllen die Christdemokraten nicht.

Deshalb wäre es ein klarer Verrat am Souverän, nach den eindeutigen Machtverhältnissen 2016 an den Zahlen zu deuteln. Und sowohl CDU als auch SPD würden ihr nächstes Debakel erleben, wenn sie den Schlag ins Kontor nicht verstanden hätten.

Und a propos FDP: Selten hat man einen derart störrischen Kandidaten wie Herrn Rülke gesehen. Wie ein kleines Kind, bockig und zu nichts bereit. Er wirkte gar so abgehoben, dass sich selbst der Landesvorsitzende sichtbar für den Frontmann schämen musste…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Sieht man die Landtagswahl in Baden-Württemberg aus dem Blickwinkel säkularer Interessen, muss man eine krachende Niederlage attestieren: Mit dem haushohen Sieg der „Grünen“ sind die Positionen von Freidenkern, Atheisten und Konfessionsfreien keineswegs gestärkt worden. Zwar nahm man die „Grünen“ bislang stets als tolerante Partei wahr; im „Ländle“ sind sie aber mehr denn je geprägt von den christlichen Werten und stehen den maroden Positionen der Vorgängerregierung aus Schwarz-Gelb in kaum etwas nach. Und auch wenn einzelne humanistische Verbände in den vergangenen Jahren der rot-grünen Koalition bemerkt haben, dass sich das Gesprächsklima mit der Politik besserte, resultierte daraus nur wenig Greifbares. Die Lockerung der Tanzverbote an den Feiertagen fiel geringfügig aus, an den wesentlichen Grundzügen einer konfessionell orientierten Schulpolitik rüttelte auch unter Kretschmann niemand. Im Gegenteil: Der beliebte Ministerpräsident machte aus seiner religiösen Prägung kaum einen Hehl. Dazu brauchte es nicht einmal seine Offenbarung, regelmäßig für die Kanzlerin zu beten. Und als Ergebnis aus den Wahlprüfsteinen vor der Landtagswahl ergab sich ebenso, dass die „Grünen“ an einem christlich dominierten Baden-Württemberg festhalten wollen. Allerhöchstens ein Nebeneinander der verschiedenen Weltanschauungen, aber keinesfalls weniger Religion, so scheint ihre Devise.

Betrachten wir nun die möglichen Koalitionsvarianten, kann aus den milden Fortschritten in Sachen Religionspolitik der letzten Jahr nun wieder nur ein Rückschritt resultieren: Findet sich ein Bündnis aus Grünen und CDU, dann kommen zwei bekennende Christen zusammen, die sich zumindest in der Frage der Bedeutung des Glaubens einig sein dürften. Kretschmann und Wolf vertreten teils konservative Forderungen aus ihrem religiösen Bekenntnis heraus. Wolf ist beständiger Teilnehmer am „Blutritt“ in Weingarten, einer katholischen Prozession mit tiefgläubiger Bedeutung. Kretschmann unterstrich immer wieder, wie sehr sein Handeln durch sein Gottvertrauen geprägt sei. Als Ministerpräsident war er beständiger Gast bei den Bischöfen und lud vor allem Kirchenvertreter bei wichtigen Fragen zum Bildungsplan oder dem Bündnis für Toleranz und Vielfalt zu sich ins Staatsministerium ein.

Entscheidet man sich dagegen für die sogenannte „Deutschland-Koalition“, so würde die CDU den Ministerpräsidenten stellen und in Sachen Religionspolitik zurück in die Tradition von Teufel, Oettinger und Mappus fallen, die nie einen Zweifel daran ließen, dass Baden-Württemberg in der Ehrfurcht vor dem Höchsten zu regieren sei. Und auch die Koalitionspartner würden hieran nichts ändern können – und wollen: Lediglich die schwache SPD, die in einer solchen Regierung angesichts ihres desaströsen Ergebnisses in der Bedeutungslosigkeit versinken würde, hatte im Vorfeld auf entsprechende Wahlprüfsteine eine geringfügige Bereitschaft zu mehr Säkularismus erkennen lassen. Doch selbst, wenn sie hierbei auch zu konkreten politischen Taten bereit wäre, wird sie nun zunächst mit sich selbst befasst sein und allenfalls Projekte ansteuern, mit denen sie sich in der Breite profilieren kann. Und die FDP: Sie gab sich trotz des Kapitels „Liberaler Humanismus“ in ihrem Parteiprogramm vor der Wahl als die nahezu bewahrendste Kraft, wenn es um die Frage ging, an der Vormacht der Kirchen etwas zu ändern. Auffallend störrisch lehnte sie kategorisch alles ab, was in Richtung mehr Offenheit zur gesellschaftlichen Realität, nämlich der zunehmenden Konfessionslosigkeit, gehen könnte. Die Liberalen scheinen ohnehin die Blockierer der neuen Legislatur: Aus ihrem Tief scheinen sie nichts gelernt zu haben, tritt Spitzenkandidat Rülke mit seinen bescheidenen acht Prozent doch derart selbstbewusst auf, dass es auf seine Parteifreunde fast peinlich wirkt. Einer „Ampel-Koalition“ verweigert er sich, was letztlich die einzige Alternative gewesen wäre, unter der säkulare Forderungen möglicherweise die Chance auf Anklang gehabt hätten.

Der fulminante Einzug der AfD ins Parlament wird zu keinen Vorteilen für Anliegen aus der Ecke der Konfessionsfreien und freidenkerischen Atheisten führen. Zwar verspricht die „Alternative für Deutschland“ eine fortdauernde Islamkritik. Sie hat aber wenig mit einer Religionskritik im eigentlichen Sinne zu tun. Hinter ihr verbergen sich Ressentiments gegenüber fremden Kulturen, nicht das Beanstanden des Religiösen ist ihr Thema. Und bei genauerem Hinsehen ist die AfD gerade auch in Baden-Württemberg in Wahrheit durchsetzt von einer Vielzahl fundamentaler Christen, die oftmals aus der evangelikalen und streng katholischen Überzeugung heraus zu dieser Protestpartei gewechselt sind. Es finden sich Funktionäre der ehemaligen Kleinstparteien AUF („Arbeit, Umwelt, Familie – Christen für Deutschland“) und PBC („Partei Bibeltreuer Christen“), die heute zum „Bündnis C“ verschmolzen sind und in diesem Prozess zahlreiche Anhänger an die AfD verloren haben. Die AfD gilt als Bewahrer des christlichen Abendlandes – und hat nichts mit dem Eintreten für säkulare Interessen zu tun.

Die einzige Hoffnung hätte bei DIE LINKE gelegen, die im Vorfeld zumindest in Wahlprüfsteinen deutliche Sympathien für die Anliegen aus der humanistischen Perspektive erkennen ließ. Auch wenn sich in ihren Reihen verschiedene Bewegungen auftun, die einerseits mit den Kirchen kokettieren, andererseits noch ihre Richtung im Umgang mit dem Glauben suchen, gibt es eigene innerparteiliche Arbeitsgemeinschaften, die ernsthaft über ein vernünftiges Miteinander der Religionen nachdenken. So hätte DIE LINKE ein Hoffnungsschimmer sein können – auch wenn sie lediglich als eine Oppositionspartei in den Landtag eingezogen wäre. Und die „Piraten“? Ihnen kann man zweifelsfrei eine große Offenheit gegenüber aufklärerischen Anliegen attestieren, interne Gruppierungen befassen sich mit Humanismus, Säkularismus und Laizismus – doch erreichte die Partei flächendeckend kaum mehr als ein Prozent der Stimmen. Ausschließlich als außerparlamentarische Opposition kommen beide letztgenannten also in Betracht, um der neuen Regierung Baden-Württembergs – wie immer sie auch aussehen mag – in Sachen Grundrecht auf Religions-Freiheit kritisch auf die Finger zu schauen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Glosse

Entrüstet zeigte sich die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer über das Programm der „Alternative für Deutschland“. Rückwärtsgewandt, veraltet. Tatsächlich stehe da doch drin, Mütter sollten sich um ihre Kinder kümmern! Ja, ein Skandal! In Zeiten der Selbstbestimmung der Frau von einer Mutter zu verlangen, sich bis zum 3. Lebensjahr um das aufwachsende Kind zu mühen, ist tatsächlich ein enormer Einschnitt in die Freiheit der Emanzipierten! Wie könne man es nur ablehnen, Tagesbetreuung für „U3“ auszubauen – und damit die Frauen wieder zurück an den Herd zu verbannen, ihnen zu verweigern, arbeiten zu gehen! Das kenne man von Wahlplakaten der CDU und SPD aus den 70er-Jahren. Was damals gut war, muss heute „bäh“ sein!

Das Vertrauen der Regierenden in ihre eigene Politik scheint groß zu sein, wenn sie offenbar glauben, Frauen würden nach einer Auszeit für die Erziehung nicht mehr zurück in den Arbeitsmarkt finden. Nein, nicht die immer größeren Investitionen in Kindertagesstätten, sondern die Entlastung der Frauen, die sich bewusst eine Pause nehmen, um für ihr Kind da zu sein, wäre ein Signal dieser Tage, in dem wir nur noch auf Leistung aus sind. Gebären – und danach zurück an den Schreibtisch. Was aus den Kindern wird, ist dabei egal. „Ich“, das ist das neue Stichwort. Ein Baby in die Welt gesetzt – um den Rest kümmert sich dann schon der Staat. Dass wir bereits heute die ersten Folgen dieser Entfremdung von Müttern gegenüber ihren Kindern sehen, ist eine Tatsache, wenn man sich die wachsenden seelischen Nöte von Jugendlichen ansieht. Hilflosigkeit in Entscheidungen, Überforderungen mit dem Alltag.

Stattdessen konnte Mama Karriere machen. Und sie ist gleichberechtigt. Dass damit die natürliche Rollenverteilung wegdiskutiert wird, scheint gerade diejenigen, die immer wieder auf ihr „Frausein“ beharren, wenig zu stören. Das Alleinstellungsmerkmal, wonach das weibliche Geschlecht es ist, das Geschenk der Geburt überhaupt erst herbeizuführen, wird nicht mehr gewürdigt, sondern eher als Laster abgetan. Kinderkriegen zur alleinigen Nachwuchssicherung, der später einmal die Rente absichern dürfte. Denn Zeit, um sich mit diesem wertvollen Wunder des Kindes zu beschäftigen, mit ihm die Augenblicke des Heranwachsens zu verbringen, ihn bei seinen ersten Schritten und Worten beobachten zu dürfen, Erfahrungen mit ihm zu sammeln, ihm die Welt zu erklären und sie aus seiner Sicht neu zu entdecken, Wissen zu schenken und Verantwortung dafür zu übernehmen, was aus ihm wird, gibt es nicht mehr. Wahrscheinlich wäre das auch alles emotional nur vollens überbewertet…

„Was mein Gatte darf, das will ich auch können“. Wahrscheinlich liegt es an den Schmerzen, weshalb noch selten ein Mann sich darüber beklagte, warum die Gleichberechtigung nicht auch die Gebärfähigkeit des männlichen Geschlechts einfordert. Vertauschte Rollen, Willkür nach menschlichem Willen. Ordnungen zu überwinden, das steckt heute wohl hinter diesem so programmatischen Begriff einer „Reform“. Dagegen ist das Festhalten an Bewährtem eine überwundene Zumutung, der man mit Risiko begegnet – das Kind wird’s schon schaukeln. Ohnehin: Was rechts klingt, ist schlecht. Mir schien es so, als hätte Malu Dreyer kaum darüber nachgedacht, was sie im Interview von sich gegeben hatte. Es klang danach, als wäre es auswendig gelernt. Wie eine pauschale Schmähschrift an allem, was nicht in ein genderisiertes Weltbild passt. Die Gesellschaft polarisiert sich – und leider zu Lasten der Kleinsten…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Nein, ich bin kein Anhänger der AfD. Und gerade, weil ich den Wahlkampf der Partei hier in Baden-Württemberg erlebt habe, weiß ich auch, warum sie mir nicht sympathisch sein kann. Dafür brauchte ich gar nicht erst den unerträglichen Ausspruch der Frauke Petry zum potenziellen Einsatz gegen Flüchtlinge an unseren Grenzen. Und doch frage ich mich, ob jede Forderung, die von der „Alternative für Deutschland“ kommt, per se schlecht sein muss. So ergeht es mir gerade auch mit dem neuen Schwerpunkt, den die Partei in ihrem Programm verstärkt in den Mittelpunkt rücken und damit die bisherigen Lieblingsthemen der Euro-Krise und des Flüchtlingszustroms eher in den Hintergrund drängen will.

Der SPIEGEL berichtete über interne Mails, in denen vor allem die Vize-Chefin Beatrix von Storch, die mit ihren Aussagen in einem sozialen Netzwerk über den Schusswaffengebrauch gegen Frauen und Kinder, die in Deutschland „illegal“ Asyl suchen, ebenso für große Empörung sorgte, dafür warb, die Islamkritik zum neuen inhaltlichen Mittelpunkt der Partei zu machen. Doch ist es tatsächlich verwerflich, wenn man feststellt, dass Minarette und Muezzin ein Herrschaftssymbol sind – und damit gegen eine tolerante Gesellschaft stehen? Wenn man attestiert, dass da zwei Kulturen aufeinanderprallen, wenn sich ein aufgeklärtes Christentum und ein eher nach Macht strebender, politisierter Islam in Deutschland treffen? Ist man Rassist, wenn man zumindest Zweifel daran hat, ob wesentliche Teile des praktizierten Islams mit dem demokratischen Verständnis von Religions-, Meinungs- und Glaubensfreiheit vereinbar sind?

Ist Islamkritik zukünftig verpönt, weil sie von der AfD betrieben und damit möglicherweise auch von rechtsradikalen Kräften missbraucht wird? Noch weiß niemand genau, wie die Partei ihre Kritik formulieren wird. Aus den bisherigen Erfahrungen kann man aber erahnen, dass sie recht pauschal ausfallen wird. Und genau darin liegt die Herausforderung, aber auch Chance für diejenigen, die ebenso Sorge vor einem politischen Islam in Deutschland haben, aber nicht zu einer generellen Verurteilung einer Religion ausholen wollen. Differenziertheit kennt die AfD nicht. Deshalb muss man sie ihr entgegensetzen. Und das darf – und muss – gerade auch beim Thema „Islamkritik“ geschehen. Denn Zurückhaltung nur aus der Vorsicht heraus, den Petrys, den Höckes, den von Storchs und den Gaulands nicht in die Hände zu spielen, wäre falsch.

Denn mindestens genauso gefährlich wie eine extreme Hetze ist auch ein Schönreden: Nein, nicht jeder Muslim hat ein verachtenswertes Frauenbild. Und nicht jeder Muslim fordert für Homosexuelle die Todesstrafe. Und nicht alle rufen zum Krieg gegen die Ungläubigen auf. Doch es gibt eben genau auch diese Muslime, die solche Einstellungen vertreten, weil sie sich der Schriften ihrer Religion bedienen, ohne sie zu hinterfragen. Und man muss kein Wahrsager sein, um zu erkennen, dass derartige Ideologien auch nach Deutschland getragen werden. Zurecht weisen selbst Gelehrte aus den islamischen Ländern – wie kürzlich erst der Künstler „Adonis“ – darauf hin, dass der Islam als Religion nicht reformierbar scheint und keine Aufklärung helfen wird, wie sie es beispielsweise beim Christentum tat. Viel eher ist der Islam auf Absolutheit ausgelegt – und dass sich nicht alle Muslime daran halten, liegt allein an dem Umstand, dass sie mit menschlichen Werten in Kontakt kamen, die die Dogmen relativierten.

Doch es wird keinesfalls garantiert sein, dass sich alle zu uns kommenden Muslime so offen zeigen. Deshalb ist nicht nur Skepsis angebracht, sondern auch eine klare Grenzziehung erforderlich: Multi-Kulti hat dort ein Ende, wo unser Grundgesetz missachtet wird. Und wenn eine Moschee nicht für den Glauben, sondern für die Radikalisierung zweckentfremdet wird, muss man das nicht nur kritisieren, sondern verbieten. Und dann hat das wenig mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, sondern viel eher etwas mit der Verpflichtung, unsere Verfassung zu schützen und zu ermöglichen, dass diejenigen, die friedlich zusammenleben wollen, auch künftig in Vielfalt bei uns willkommen sind. Ja, wir müssen auch gemäßigte Muslime vor ihren fanatischen Glaubensbrüdern bewahren – weibliche Muslime, die von Misshandlung berichten, oder schwule Muslime, die gefoltert wurden. Diese Aufgabe dürfen wir aber nicht der AfD überlassen, weshalb es heute wichtiger denn je ist, eine verantwortungsvolle Islamkritik zu betreiben, die denen den Wind aus den Segeln nimmt, die nur zum Eigennutz polarisieren wollen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Erfahrungsbericht

„Normal?“ – „Nein, nicht normal, nur Normaldruck!“ – „Normaler Druck? Aber das ist doch gut!“… Tja, so kann man aneinander vorbeireden, dachte ich mir im Nachhinein, als ich vor acht Jahren erstmals meine Diagnose hörte. Was soll ich denn auch denken, wenn alles „normal“ ist. Nun, normal war nur mein Augeninnendruck. Der Sehnerv sah aber gar nicht danach aus, als laste auf ihm lediglich ein Wert von 13 mmHg, schränkte meine Augenärztin dann plötzlich ein. „Sie haben ein Normaldruck-Glaukom!“. Das musste man mir erst einmal erklären: Ich hatte doch immer davon gehört, dass der „Grüne Star“ aus einem zu hohen Druck resultiere. Wie sollte es dann möglich sein, dass ich bei normalem Wert doch ein Glaukom habe?

Ja, es ist eher die Minderheit der Glaukomkranken, die diese Diagnose erhält, schränkte die Medizinerin ein. Und so ganz sicher sei sie sich auch noch nicht. Aber so, wie mein Sehnerv erscheine, könne es eigentlich nur ein fortgeschrittenes Glaukom sein. Woran sie das festmache, wollte ich noch wissen, denn so ganz traute ich dieser Sache nicht – zumal ich jemand bin, der schon damals reichlich mit „seltenen“ Erkrankungen „gesegnet“ war. Und nun schon wieder eine? Die Exkavation sei beeindruckend, das sehe man nicht oft. Was meinte sie? „Ach, Entschuldigung, das ist die Aushöhlung des Sehnervenkopfes“, erläuterte sie beim nochmaligen Blick in meine Augen.

„Wir werden ein OCT machen und dann erhalten Sie drucksenkende Augentropfen!“. Bis ich erfahren hatte, dass ein OCT eine dreidimensionale Aufnahme von meinem Sehnerv liefert, war mir noch durch den Kopf gegangen, warum ich bei normalem Druck denn nun solche Augentropfen einnehmen sollte. „Damit wir den Druck noch etwas weiter senken können. Denn bei Ihnen genügt offenbar der jetzige normale Druck, Ihren Sehnerven weiter zu schädigen. Deshalb ist es gut, wenn wir ihn zusätzlich entlasten“. Das schien mir schlüssig – und die 20 Euro, die ich für die Glaukomvorsorge gezahlt hatte, hatten sich wohl ausgezahlt. Dennoch wusste ich damals noch nicht, dass die Odyssee hin zur abschließenden Diagnose noch ein langer Weg sein würde.

Denn nur einige Termine später – die Aufnahmen des OCT lagen ebenso vor wie Messungen der Hornhautdicke, deren Krümmung, die neusten Werte zu Sehstärke und Sehschärfe und die Erkenntnis, dass sich die Gefäße im Auge merkwürdig „schlängelten“ – kam die Ernüchterung: „Sicher bin ich mir bei Ihnen nicht. Ich würde Sie gern an der Spezialambulanz der Uniklinik vorstellen“. War es also doch nichts mit dem Glaukom? Nach erneuten Untersuchungen bei den Experten, Vermessungen von Nervenfaserrandsaum, Bildgebungen und Ableitungen von Potenzialen zur Bestimmung der Übertragungsgeschwindigkeiten zwischen Nerven und Gehirn wurde ich zu einem dreitägigen Druckprofil stationär aufgenommen, das zunächst Gewissheit zu bringen schien: „Wir sind uns sicher, dass Sie unter einem Normaldruckglaukom leiden“.

Einigermaßen entspannt lehnte ich mich dann zurück, war ich doch überzeugt, dass mit meinen Augentropfen ein weiterer Fortschritt des „Grünen Stars“ verhindert werden könnte – wenngleich die Behandlung des Normaldruckglaukoms deutlich schwieriger war als die eines „gewöhnlichen“. Das merkte ich rasch, als ich eines Tages ein von rechts kommendes Auto nur spät erkannte. Als ob sich eine schwarze Mondsichel von der Seite ins Auge geschoben hatte, so kam es mir vor. Gesichtsfeldmessungen waren bislang unauffällig verlaufen, dieses Mal war es aber anders. Die Augenärztin stellte fest, dass die Papillenatrophie, der Abbau der Eintrittsstelle des Sehnerves in das Auge, sich zügig weiterentwickelt hatte. „Sowohl temporal, aber auch nasal erkenne ich deutliche Gesichtsfeldeinschränkungen“. Ja, in beiden Augen war sowohl zur Nase, als auch nach außen mein Gesichtsfeld eingeengt, ich hatte es selbst bemerkt.

Beobachten war dann die Devise – doch die halbkreisförmigen Ausfälle beim Sehen wurden mehr. Und meiner Ärztin schienen nun auch die Erklärungen auszugehen. Sie gehe weiterhin davon aus, dass das Glaukom fortgeschritten sei, wünsche sich aber bei meinen vielfältigen Begleiterkrankungen eine Vorstellung in einer Neuroophthalmologie. Die Spezialisten dort sind fokussiert auf Störungen im Spannungsfeld der Neurologie und Augenheilkunde. Auch sie vergewisserten sich nochmals – und ja, die Gesichtsfeldeinengungen waren konzentrisch geworden und deutlich progredient, sie schritten also voran. Ich nahm es mittlerweile wie den bekannten „Tunnelblick“ wahr und konnte meinerseits nur beitragen, dass meine Unsicherheit im Alltag größer wurde.

Auffallend war, dass sich die Dicke der Nervenfasern über Jahre nur geringfügig verändert hatte. Das machte auch den Oberarzt stutzig, der noch einige Untersuchungen im Dunkeln ansetzte, um Schäden an der Netzhaut auszuschließen. Doch auch sie brachten ihn nicht weiter, der Chefarzt musste ran. „Das ist kein Glaukom, am ehesten ist das ein Papillenkolobom“, war seine vorläufige Einschätzung – und für mich war die Verwirrung komplett. Sieben Jahre nach Erstdiagnose wurde der „Grüne Star“ in Zweifel gezogen. Konnte das wirklich sein? Zumal: Wäre solch eine angeborene Spaltung des Sehnerveneintritts nicht schon vorher aufgefallen? Immerhin hatten mich ja eine Menge Augenärzte begutachtet. Und wie sollte so eine feststehende Deformation dann fortschreitende Gesichtsfeldausfälle auslösen können?

Viele Fragen blieben offen – und das bis heute. Während eine Riege an Augenärztin die Annahme der genetischen Fehlbildung nur schwer nachvollziehen vermag, geht es der anderen nicht gut bei der Diagnose des Glaukoms. Was nimmt ein Patient aus solch einer fachlichen Verschiedenheit mit auf den Weg? Pragmatisch setzte sich meine behandelnde Medizinerin dafür ein: „Tropfen Sie weiter! Falsch machen können Sie damit auf jeden Fall nichts“. Wenigstens scheint sich das Gesichtsfeld derzeit beruhigt zu haben – und ich damit auch. Seit einigen Monaten verblieb es bei den bereits bestehenden Einschränkungen, mit denen ich nun mithilfe einer „Krankengymnastin für die Augen“ (Orthoptistin) im normalen Leben umzugehen versuche. Denn bei allem Leidensweg auf der Suche nach einer abschließenden Beurteilung können wir darauf stolz sein: Moderne Unterstützung macht es zumindest leichter, auch mit dem Skurrilsten zurechtzukommen…

Kontakt:
[Dennis Riehle]
Selbsthilfe Glaukom und Papillenkolobom
kontakt@glaukomselbsthilfe.de

Kommentar

Viele der großen Nichtregierungsorganisationen scheinen momentan in schwierigem Fahrwasser unterwegs zu sein. Man erinnere sich beispielsweise an die globalisierungskritische Vereinigung „attac“, der vor kurzem endgültig die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde. Oder aber auch an „Amnesty International“, die Menschenrechtsorganisation, die sich immer wieder den Vorwurf fehlender demokratischer Strukturen gefallen lassen muss. Dass gerade die fehlende Mitsprache in wachsenden Verbänden ein wesentlicher Grund dafür ist, im Zweifel auch bei den Mitgliederzahlen federn lassen zu müssen, kennen vor allem die Parteien als ein Phänomen, das nicht unbedingt neu ist. Dass es aber zunehmend auch diejenigen Organisationen betrifft, die eigentlich mehr denn je auf die Freiwilligen an der Basis angewiesen sind, erstaunt einerseits, scheint andererseits aber auch eine logische Folge einer falschen Akzentuierung zu sein.

„attac“ musste sich beispielsweise durch das Finanzamt vorwerfen lassen, seinen Fokus mittlerweile zu sehr auf politische Arbeit zu richten, die in Deutschland eben nicht als gemeinnützig gilt. Zwar mag man den Entscheid der Behörde auch kritisch betrachten, wäre eigentlich bereits aber der Hinweis darauf, dass man der Organisation, die ebenso durch den CDU-Politiker Geißler wie durch spektakuläre Protestaktionen am Finanzplatz Frankfurt bekannt ist, die Steuerprivilegien entziehen wird, ein Warnzeichen gewesen. Aus meiner eigenen Erfahrung während der Zeit meiner Mitgliedschaft weiß ich, wie sehr „attac“ von seinem eigentlichen Ziel der Globalisierungskritik abgerückt war und sich in nahezu allen politischen Bereichen zu betätigen versuchte. So wollte man Einfluss auf die Gesundheitspolitik, die Rüstungspolitik und die Sozialpolitik nehmen – zumeist unter dem Vorwand, gegen Privatisierung und Internationalismus einzustehen.

Dass dabei aber viele Entscheidungen offenbar an der Mitgliedschaft vorbei getroffen wurden, wird dann klar, wenn man das verzweigte Netz von „attac“ genauer studiert. Dutzende Verteiler verschiedenster Arbeitsgruppen, die zumeist nur von einigen wenigen Personen befüllt und überblickt werden – zumeist von denjenigen aus dem „attac“-Rat, also von Funktionären der Organisation – kennzeichnen sich durch nicht selten populistische und polemische Propaganda, die nicht zum Dialog einlädt, sondern als gesetzt daherkommt. Der Umgangston ist rau, Kritik unerwünscht. Zirkel aus Aktiven, die eher auf große öffentlichkeitswirksame Kampagnen und Events statt auf eine solide Argumentation setzen, bestimmen die Gangart des gesamten Vereins. Für Neueinsteiger ist es kaum möglich, in die elitären Kreise vorzudringen und sich mit eigenen Ideen zu positionieren. Zu dominiert sind die Gremien von alt eingesessenen Amtsinhabern, die nicht an ihren Stühlen rütteln lassen und immun sind gegen Ratschläge, die Orientierung zu überdenken.

„Amnesty“ hat es dabei noch schwerer: Hier scheint – trotz deutscher Sektion – die wesentliche Federführung vom zentralen Sekretariat auszugehen, das die Marschrichtung vorgibt. Grundsatzfragen entscheiden die Obersten – und diktieren diese dann an die Vertreter in den einzelnen Ländern. Zwar sollte man meinen, dass Menschenrechte universell die gleichen sind. Doch sie treffen auf Wertefragen, die kulturell und regional unterschiedlich sind – und nicht jeder Staat ist bei Aufklärung und Toleranz in der Moderne angekommen. So war es nicht verwunderlich, dass es bei den Themen „Abtreibung“ und „Sexarbeit“ aktuell heiß her ging, als sich nicht nur intern zahlreiche Mitglieder empörten, die Auffassung der Generalsekretärin werde dem Verein aufoktroyiert, obwohl in solch grundsätzlichen Angelegenheiten Gesprächsbedarf vor Ort bestehe. Wer sich zu einem weltweiten Player aufspielt, der verliert leicht die Bodenhaftung. Unklare Finanzen und absurde Ablösen für ehemalige Spitzenposten in NGOs – das kennt man normalerweise nur aus Großunternehmen. Kein Wunder, dass viel Vertrauen in derartige Riesen verloren geht, die nicht mehr die inhaltliche Arbeit, sondern ihren Drang nach Aufmerksam in den Mittelpunkt des Engagements stellen.

Ein anderes Beispiel ist die Bürgerrechtsorganisation „Mehr Demokratie e.V.“: Bei ihrem Einsatz für mehr Partizipation verwundert es besonders, dass auch sie immer weniger Wert darauf legt, gemeinschaftlich zu Positionen zu gelangen. Die interne Debatte wird dominiert von einseitiger Meinungsvorgabe, unabhängig – wie der Verein es vorgibt – ist er dabei gerade in politischer Hinsicht überhaupt nicht mehr. Auch hier sind es merkwürdige Vernetzungen bis hin zu einem tief in die Parteien und Parlamente reichenden Lobbyismus, der wichtiger scheint als die Beschäftigung mit den Interessen der Mitgliederschaft. Wer dazu stößt, wundert sich zunächst einmal über scharfe Kommunikation untereinander, aber auch über eher plakative Werbemaßnahmen als Transparenz. Und gerade die kürzliche Vergabe der „Demokratie-Gurke“ – die wiederkehrende „Auszeichnung“ an Städte, die sich als besonders fern von Bürgerbeteiligung verhalten haben – kommt für Außenstehende völlig überraschend. Einen Entscheid über diese öffentlichkeitswirksame Prämierung hatte es unter den Anhängern des Vereins nicht gegeben. Mitreden – unerwünscht! So hinterließ diese auf Teamfähigkeit getrimmte Organisation den Eindruck einer wenig für ihren Namen sprechenden Struktur und Vorgehensweise abseits des fehlenden ernstlichen Willens, als Gemeinschaft aufzutreten.

An all diesen drei exemplarischen Institutionen wird ein Trend ersichtlich, der nicht nur für das Bürgerschaftliche Engagement bedrohlich ist, sondern auch der Hoffnung in die Zivilgesellschaft einen Dämpfer verpasst. Denn vertrauten bislang viele Menschen darauf, dass Nichtregierungsorganisationen als tatsächliches Korrektiv gesamtgesellschaftliche Anliegen vertreten, muss man sich gerade bei den auf immer weiteren Mitgliederwachstum und Einfluss ausgerichteten Verbänden doch fragen, ob sie nicht langfristig zu einer ersehenen Runde der Nesthocker werden, die sich eher mit sich beschäftigen, als die Welt wirklich voranzubringen. Manchmal ist kleiner eben doch feiner, das gilt wohl gerade für Vereine, denen ihr Herzensanliegen tatsächlich noch mehr bedeutet als die Selbstdarstellung und jedweder Machterhalt. Die Gefahr, dass NGOs bei einem „Weiter so“ langsam, aber sicher ihr „N“ aufs Spiel setzen, weil sie sich in nichts mehr von der Eingesessenheit manchen Regierungshandelns unterscheiden, ist jedenfalls real. In einer komplexer werdenden Hemisphäre kein gutes Signal…

[Dennis Riehle]

Erwiderung zum Interview des SPIEGEL: „Bereute Mutterschaft“
(http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/regretting-motherhood-interview-mit-mutter-und-tochter-a-1081413.html)

Traurig und befreit zugleich, so beschreiben Frauen sich oftmals nach einem Schwangerschaftsabbruch. „Traurig“, weil sie ein werdendes Kind abgetrieben und ihm die Chance auf das Leben genommen haben. Schuldgefühle müssten es hier wohl trefflicher sein, betrachtet man die Schilderungen über schwere psychische Belastungen nach der Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen. Nicht selten sind es tiefste Depressionen, von denen Frauen berichten, die das Gefühl von „Befreiung“ überdecken. Ohnehin: „Befreit“ wovon? Von einem Kind? Nein, Frauen nehmen sich als „befreit“ war, weil ihnen mit einer Abtreibung die Konfrontation mit ihrer eigenen Lebensführung erspart wird. Doch Wegrennen vor Problemen war noch nie ein guter Ratgeber…

Unsere Gesellschaft krankt. Sie sieht Kinder als Last an. Ja, das ist pervers. Und der erste Denkfehler in einer Ideologie des Egoismus, die in einer Welt aus immer neuen Freiheiten umgreift. Da lässt man etwas „wegmachen“, wenn es gerade nicht in die Zeit passt. Welche Konsequenzen das hat, dass man hier ein Leben auslöscht, ist zweitrangig. Immerhin wird solch ein Verhalten ja auch nicht bestraft, wenngleich es rechtswidrig ist. Es geht darum, dass „ich“ mich wohlfühle und über meinen eigenen Körper bestimmen kann. Ein neues Gefühl von Macht, das in Tagen hinkenden Selbstbewusstseins Vieler eine „erfüllende“ Erfahrung sein mag.

Doch es ist nicht damit getan: Ein kurzer Eingriff – und dann ist das „Problem“ gelöst, so möchten es vielleicht viele ursprünglich werdende Mütter glauben. Ein Kind ist aber kein Pickel, den man schnell einmal zwischendurch entfernt und dann vergisst. Mit einem Schwangerschaftsabbruch ist der Tod eines sich entwickelnden Menschen verbunden. Verlust und Trauer sind dann allgegenwärtig – obwohl und gerade, weil man dieses Lebewesen noch nicht gekannt hat. Die Verantwortung für das Sterben zu übernehmen ist eine hohe Bürde. Und das gilt besonders dann, wenn dem Baby noch im Mutterleibe die Aussicht auf eine Zukunft genommen wird. Dort ist die Verbindung zwischen Mutter und herannahendem Kind am engsten. Nach der Abtreibung fehlt etwas – körperlich und seelisch.

Da ist es nicht mit „Traurigkeit“ getan. Schwangerschaftsabbrüche wiegen weit schwerer. Und nein, es ist nicht die Aufgabe der Außenstehenden, zu verurteilen – aber durchaus bewusst zu machen, dass hinter dem Trend „Ich mach‘ mir ein Kind“ noch eine zweite Perversion steckt. Das Wissen darum, dass es die Abtreibung gibt, ist gerade für erstmalig Mutter Werdende ein scheinbarer Freifahrtsschein. Ihnen ist nicht klar, was eine Abtreibung tatsächlich bedeutet. Und entsprechend wird wilder denn je die eigene Befriedigung gesucht – ein Schelm, wer hier wiederum an den Egotrip der Moderne denkt. Sex kennt keine Grenzen, denn im Zweifel kann ja alles wieder „rückgängig“ gemacht werden.

Weil es Verhütung und den Schwangerschaftsabbruch gibt – und beides in der Welt der liberalen Grenzenlosigkeit als „gängig“ dargestellt wird –, kommt erst der Spaß, dann das Denken. Man muss sich fragen, ob in unseren Breiten die Aufklärung massenhaft versagte, wenn die Entrüstung nach dem schnellen „Quickie“ am nächsten Morgen groß ist. Überrascht, dass man nun schwanger sein könne, tun viele Frauen ihr eigentlich verantwortungsloses Verhalten als einen „Unfall“ ab – genauso, wie das Kind, das sich aus diesem „One Night Stand“ ergibt. „Ich wollte gar nicht Mutter werden“, werden viele Frauen vor einer Abtreibung zitiert. Verwundert frage ich mich: Wer hat sie denn dazu gezwungen?

Glücklicherweise können bei uns in fast allen Fällen Frauen selbst darüber befinden, ob und wann sie schwanger werden wollen. Und würde Sexualität nicht länger als ein „Spiel“ begriffen, sondern wieder dorthin zurückgeführt, wo sie herkommt – nämlich aus dem Verantwortungsbewusstsein, Geschlechtsverkehr als wertvollen, erfüllenden und treuen Ausdruck von Hingabe statt Anbiederung zu verstehen – passierten solche „Kollateralschäden“ wie eine Schwangerschaft nicht, sondern wären Ergebnis eines gewollten, von Liebe getragenen und damit eben auch überzeugten Ergänzens zweier Menschen, die sich in Würde auf das Geschenk der Verschmelzung und der bereichernden Zeugung von Nachwuchs einlassen.

Wie verroht manche Einstellung in unserer Bevölkerung ist, zeigt der Umstand, dass Frauen nach dem Schwangerschaftsabbruch von feministischen und genderisierten Organisationen als „Opfer“ dargestellt werden, als „Buhfrauen“ unter dem Kreuzfeuer der herzlosen Lebensrechtler. Angefeindet und bedrängt fühlten sie sich – vor und nach der Abtreibung. Dabei ist es mit der Begleitung der Frauen durch solche Vereine nicht weit her. Viel eher fordern sie teilweise noch immer, die verpflichtende Beratung vor dem Schwangerschaftsabbruch abzuschaffen – und Frauen damit vollkommen alleine zu lassen mit der durchaus anerkennenswert schwierigen Lage, in der sie oft stecken, aber eben zumeist nicht unverschuldet.

Denn nicht die Schwangerschaft ist es, die diese Ausweglosigkeit verursacht. Es ist in der Regel die Überforderung mit dem eigenen Alltag. Und die resultiert nicht selten aus dem Lebensstil, der wiederum zur Ellenbogen-Gesellschaft passt: „Ich bin mir selbst der Nächste“, hören wir heute immer öfter. Die Auswahl an immer neuen Möglichkeiten und Chancen treibt uns einerseits in den ideellen Reichtum, lässt uns materiell aber schnell alt aussehen und legt uns emotional brach. Wenn wir abstumpfen, lassen wir uns auf „Experimente“ ein, deren Tragweite ein mündiger Bürger eigentlich erkennen sollte. Doch die Erkenntnis, dass eine Schwangerschaft kein „Projekt“, sondern eine Lebensaufgabe ist – und entsprechender Weitsicht bedarf, ob alle Begleitumstände dazu passen und eine Entscheidung von reiflicher Abstimmung mit mir und allen Beteiligten getragen wird –, scheint sich häufig zu spät oder gar nicht einzustellen.

Ja, wir müssen Frauen in Situationen der Hilflosigkeit stützen, ihnen beratend zur Seite stehen, ihnen Angebote unterbreiten, um mit ihren Sorgen nicht alleine dazustehen. Aber nein, wir dürfen unsere Position nicht lockern, wenn es um die Frage geht, Schwangerschaftsabbrüche noch weiter zu liberalisieren. Denn damit würden wir nicht nur die Identität des Wertebewusstseins preiseben, sondern der gesellschaftlichen Debatte neuen Raum lassen, das ungeborene Leben zum Spielball des Ausprobierens zu degradieren. Es braucht mehr denn je diejenigen, die sich nicht beirren lassen von angeblichen Mitleidstendenzen. Wir tun werdenden Müttern und denen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben, nichts Gutes, wenn wir ein falsch verstandenes Verständnis der Nachsicht kundtun. Uns allen, aber besonders den Frauen ist allein durch die Wahrheit und die Ehrlichkeit geholfen, dass Abtreibung nicht „normal“ und auch keines „befreiend“ ist…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu den innerstädtischen Flüchtlingshelferkreisen in Konstanz

In den letzten Wochen wurde immer wieder klar, dass die Flüchtlingshelfer selbst überfordert sind. Mit dem großen Andrang an unterschiedlichster Hilfsbereitschaft haben sie nicht gerechnet.

Und so war es offenkundig dem negativen Beigeschmack dieser großen Welle an Offenheit zu verdanken, dass viele Bereitwillige keine Reaktion auf ihre Bekundung zur Mitarbeit erhielten – und entsprechend enttäuscht von der ehrenamtlichen Hilfe absahen. Gerade bei manch einem der innerstädtischen Konstanzer Vereine zur Flüchtlingsunterstützung blieben wohl zahlreiche Anfragen liegen, weshalb nach außen der Eindruck entstehen konnte, man wähle sich die Freiwilligen gezielt aus.

Tatsächlich fand eine gewisse Selektion statt: Bevorzugt schienen die zu werden, die ein Smartphone vorweisen konnten, zur ständigen Erreichbarkeit. Und die, die bereits fertige Konzepte mitbrachten oder in den Startlöchern standen, umgehend in der nächsten Unterkunft eingesetzt zu werden. Da wurde aufgerufen und nochmals appelliert, man brauche weitere Kräfte – während diejenigen, die sich gemeldet hatten, sehnsüchtig auf Antwort warteten.

Oder ging es vielleicht tatsächlich darum, „genehme“ Flüchtlingshelfer zu finden? Solche, die eventuell politisch oder im bisherigen Tun „unbefleckt“ sind? Falls ja, wäre das ein schlechtes Signal an die die zivilgesellschaftliche Helferbewegung.

Denn wer weiß, wie lange Luxus noch anhalten dürfte, sich seine Mitstreiter aussuchen zu können…

[Dennis Riehle]