Kommentar

Kürzlich saß ich im Bus. An der örtlichen Flüchtlingsunterkunft stiegen zwei junge Asylsuchende ein, die sich vor mich setzten und schräg gegenüber einer Mutter mit ihrem Kind Platz nahmen. Der Junge starrte die beiden etwa 20-Jährigen an und flüsterte dann: „Mama, wieso haben die eigentlich so coole Smartphones und geile Jacken?“. Die Antwort der sichtlich überforderten Frau fiel einigermaßen fatal aus: „Das sind eben Asylanten“. Damit schien ihr Sohn aber noch nicht zufrieden gewesen zu sein: „Kriegen die denn mehr Geld als wir oder warum können die sich das leisten?“, bohrte er nach. Und es konnte kaum schlimmer kommen: „Wir kriegen nur ‚Hartz IV‘, aber die kriegen alles, was sie wollen“…

Solche Situationen habe ich in den letzten Monaten desöfteren erlebt. Und ich sorge mich im Augenblick darum, wie es um den sozialen Zusammenhalt in unserem Land steht. Nein, da kommen wir mit Argumenten kaum weiter: „Handys bekommt doch heute jeder nachgeschmissen“, „Die brauchen die eben, um in ihre Heimat zu telefonieren“, „Die Kleider sehen doch nur so chic aus, das sind in Wirklichkeit alles alte Kleiderspenden, die echt nichts taugen“. Ja, das mag richtig sein, doch ändert es die Wahrnehmung, die offenbar gerade eher schwächer gestellte Bürger haben, wenn sie von solchen Eindrücken eingeholt werden, wonach der Staat und die Gesellschaft die Ärmsten verschieden behandeln und untereinander gar ausspielen würden?

Man könnte es nun damit abtun, dass sich hier eine unnötige Neiddebatte auftut. Niemand muss hungern. Alle bekommen ihre Leistungen. Punkt. Doch so einfach lässt sich eine Volksseele nicht beruhigen, wenn sie erst einmal kocht. Ich bezweifle, ob es klug war, dass die SPD einen Aktionsplan forderte, der jetzt auch gezielt die deutschen Sozialhilfeempfänger unterstützen sollte. War nicht das sogar ein Eingeständnis dafür, dass an der Vermutung etwas dran sein könnte, Flüchtlinge seien gegenüber einheimischen Bedürftigen möglicherweise doch bessergestellt? Ich kenne diese Anschuldigungen. Seit eineinhalb Jahrzehnten engagiere ich mich ehrenamtlich. Hunderte Menschen habe ich erlebt, die die Tiefen unseres Sozialsystems kennenlernen mussten. Und es war schwierig, Bereitwillige zu finden, die sich weiter um diejenigen kümmern, die tägliche Hilfe benötigen.

Kürzlich gründete sich hier ein Kreis von Freiwilligen für die Flüchtlingsarbeit. In kürzester Zeit waren Dutzende Anmeldungen von Engagierten eingegangen, die sich für die Asylsuchenden im Ort einsetzten wollten. Irgendwie kam ich mir komisch vor: Über Jahre blieb ich alleingelassen mit einem riesigen Aufwand an Arbeit für sozial Schwache – auch unter ihnen waren bereits ausländische Hilfesuchende. Doch es fand kaum jemand Zeit und Interesse, ihnen unter die Arme zu greifen. Und plötzlich strömen alle aus ihren Häusern, entdecken ihren Helfergeist und leisten bereits so viel, dass manch ein Flüchtling davon spricht, es bliebe gar keine Möglichkeit mehr für eine Privatsphäre. Die Befriedigung des eigenen Egos so einiger selbsternannter Flüchtlingsbegleiter, die später einmal selbstverliebt behaupten können, auch sie wären dabei gewesen in dieser Krise und hätten mit angepackt, sie kränkt nicht nur jene, die lange vor 2015 darauf gewartet haben, dass auch ihnen die Hand gereicht wird. Sie ärgert auch die, die beständig mit anpacken und deren Engagement vor lauter Hype um die Flüchtlingshilfe keine Beachtung findet.

„Wir brauchen Hilfe für die Asylsuchenden – und wir brauchen Hilfe für die Deutschen“. So vernahm ich dieser Tage wieder eine politische Forderung. Nein, wir brauchen Unterstützung für jeden, der bedürftig ist! Es sind nicht diejenigen, die nun aufzeigen, wie in der Außenwahrnehmung die Eifersucht zwischen zwei Lagern wächst, die die Schwächsten letztlich spalten. Viel eher sind es die, die zunächst verschwiegen haben, dass das Empfinden von Unterschiedlichkeit, möglicherweise gar gefühlter Ungerechtigkeit überhaupt existiert und ernst zu nehmen wäre – und die nun eilig versuchen, mit Maßnahmenprogrammen Flickschusterei zu betreiben. Es geht nicht um ein Smartphone und auch nicht um die Lederjacke. Aber es geht darum, dass all jene, die auf Leistungen des Staates angewiesen sind, auch wahrnehmbar in die gleiche Ausgangslage versetzt werden. Das betrifft nicht nur die finanzielle und materielle Hilfe, sondern auch den zivilgesellschaftlichen Beistand.

Und da wird Kritik an den Parteien rasch auch zu einer Kritik an uns allen: Wir müssen uns fragen lassen, warum wir erst in der größten Flüchtlingswelle seit Jahrzehnten erkennen, dass zwischenmenschliches Engagement gebraucht wird. Gerade, wenn nun die Zahlen an Asylsuchenden zurückgehen, ziehen sich viele Helfer wieder in ihr wohlig warmes Schneckenhaus zurück – getreu dem Motto: Aufgabe erledigt. Nein, die Herausforderungen bestehen jeden Tag neu. Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas Gutes zu tun. Dabei erwartet niemand einen derartigen Einsatz, wie er in den letzten Wochen und Monaten erbracht wurde. Es geht auch nicht darum, wie von Wespen gestochen die Welt verbessern zu wollen. Allein das Signal, dass Deutschland für all seine Bürger da ist, in und außerhalb von Krisenzeiten, würde schon genügen, um manch Unzufriedenheit von sich nicht nur zum Schein zurückgesetzt verstandenen Teilen unserer Gemeinschaft vorzubeugen.

Denn die oben laut gewordene Resignation, „die sind Flüchtlinge, denen geht es sowieso besser“, ist in Wahrheit lediglich eine Abwandlung einer seit langem bestehenden Verdrossenheit gegenüber „denen da oben“. Das Vorurteil, Politik kümmere sich „stets um alle Anderen, aber nie um mich“, hat seinen Ursprung tatsächlich oft in der Nichtbeachtung von Gruppen, denen eine einflussreiche Lobby fehlt. Bestärkt durch den Umstand, dass hinter Asyl suchenden Menschen derzeit ein riesiger Rückhalt zu finden ist, wächst die Apathie bei jenen an, die in den vergangenen 15 Jahren ohnehin heftige Einschnitte hinnehmen mussten – und sich dadurch nicht ganz grundlos als Melkkuh der Nation sehen. Während gerade Rentner, Beamte und Unternehmer auf ständige Fürsprecher hoffen können, weil sie finanzstarke Verbände auf ihrer Seite wissen, wird der ALG II-Empfänger von kaum jemandem als potenzieller Wahlentscheider wahrgenommen. Der Gleichheitsgrundsatz unserer Verfassung würde strapaziert, täten wir Anderes. Doch wollen wir den sozialen Frieden sichern, kommen wir um exakt das nicht herum…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

„Welche Kulturpolitik braucht Konstanz?“, so wurde noch am 22. Februar im Stadttheater diskutiert. Dass ein Konzept dringend nötig ist, zeigen die aktuellen Debatten um das „Scala“-Kino. Die juristische Herausforderung, was möglich ist, ist die eine Seite. Das eindeutige politische Bekenntnis zu einer Innenstadt, die nicht rein ökonomisiert werden, sondern auch kulturell erhalten bleiben soll, ist die andere. Und daran fehlte es in den letzten Wochen doch sehr.

Man zog sich allein auf die Diskussion um Verträge, Baurecht und Schadensersatz zurück, ohne aber auf die genannte Frage einzugehen: Ja, welche Politik muss in der Stadt betrieben werden, um nicht nur Kulturfreunde weiterhin an Konstanz zu binden, sondern für alle Bürger und Gäste ein Pflaster zu schaffen, auf dem sich nicht Shopping-Center an Drogeriemarkt reiht?

Auch wenn derzeit um das „Scala“ gekämpft wird, streitet die Bevölkerung für weitaus mehr: Wie kann städteplanerisch so agiert werden, dass derartige Szenen wie jetzt auf der Marktstätte schon im Vorhinein verhindert werden? Welche Impulse sollten gesetzt werden, dass die Denkmäler in unserer Altstadt nicht weiteren Investoren in die Hände fallen? Und welche Akzente sind Verwaltung und Rat eigentlich bereit, zu setzen, wenn es um konkrete kulturelle Förderung geht?

Im Moment wirkt die Stadtspitze nämlich recht hilflos. Vielleicht auch deshalb, weil sie peinlich feststellen musste, dass Kulturpolitik mehr ist, als jährlich Gelder dafür bereitzustellen?

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zum Mandats-Verzicht von Politik-Professor Seibel

Rein rechtlich kann Prof. Seibel kein Vorwurf gemacht werden. Er hat einen der Gründe vorgebracht, die die Gemeindeordnung für eine Ablehnung einer ehrenamtlichen Tätigkeit im Stadtrat vorsieht. Zwar musste das Gremium befinden, ob der Grund überzeugend vorgebracht wurde, an der Argumentation des Politikwissenschaftlers gibt es aber sicherlich nichts zu deuteln.

Allerdings bleibt neben dem juristischen Kleinklein auch eine gesellschaftliche Verantwortung, die mit dem Augenblick der Aufstellung zum Kandidaten für die Kommunalwahl beginnt. Letztlich muss jeder Bürger bereits mit dem Entschluss hierzu in Betracht ziehen, auch gewählt zu werden. Die Floskel, man habe nicht damit gerechnet, vom hinteren Listenplatz in den Bereich der Ersatzkandidaten gewählt zu werden, die möglicherweise als Nachrücker in Frage kommen, sollte gerade jemandem vom Fach nicht über die Lippen kommen.

Denn gerade das hiesige Wahlrecht bringt durch das Recht zum Panaschieren und Kumulieren immer wieder Überraschungen hervor, auf die man gefasst sein muss. Ob ein Grund vorliegt, ein Amt dann nicht antreten zu können, weiß man gerade bei beruflichen Aspekten doch eigentlich weit im Voraus – besonders dann, wenn man auf eine einigermaßen erfolgreiche Professorenstelle blicken kann.

Was Seibel also vorzuhalten ist: Möglicherweise hat er schon mit der Willenserklärung zur Kandidatur seine Verpflichtung als Bürger zum Verantwortungsbewusstsein (§ 17 Abs. 1 Gemeindeordnung) nicht sonderlich ernst genommen. Das wäre in seiner Position natürlich eine Form der Respektlosigkeit gegenüber dem wichtigen demokratischen Element des Gemeinderates.

Ich kann so auch die Irritation bei den Konstanzer Stadträten über Seibels Ablehnung nachvollziehen. Und ehrlicherweise hätte ich einer so anerkannten Persönlichkeit doch mehr Weitsicht bei seinen Entscheidungen zugetraut. Nun geht es um Schadensbegrenzung: Wie wäre es damit, einen Fehler einzugestehen? Das brächte einem Hochschullehrer sicherlich neue Anerkennung…

[Dennis Riehle]

Leserbrief

Mich überrascht das mediale und gesellschaftliche Erstaunen, aber auch das der hiesigen und gleichsam der österreichischen Politik über das Ergebnis bei den Bundespräsidentenwahlen.

Zwar hatten Meinungsforschungsinstitute ein Kopf-an-Kopf – Rennen vorhergesagt; betrachtet man die Entwicklung in der politischen Landschaft der Alpenrepublik über die vergangenen Jahre, konnte der Sieg von Norbert Hofer aber nicht beeindrucken.

Denn schon weit vor der „Flüchtlingskrise“ war die FPÖ in Richtung „Volkspartei“ unterwegs, Resultate bei vergangenen Landtagswahlen zeigen dies. In Österreich geht es um weit mehr als die Frage nach Migration.

Von der Großen Koalition hört man abseits der Rochaden bei den ÖVP-Ministern kaum noch etwas, die inhaltliche Arbeit scheint schon seit längerem zum Erliegen gekommen zu sen. Dabei wäre eine Reform im Sozialsystem dringender denn je, die Arbeitslosigkeit ist für mitteleuropäische Verhältnisse enorm, das Bildungssystem zeigt immense Defizite, die Haushaltslage ist prekär.

Es wundert kaum, dass sich die Freiheitlichen besonders in der Arbeiterschaft verfestigt haben, dort sind die Ängste vor der Zukunft enorm. Und die Regierung dürfte weiter entfernt von den Menschen sein, als sie es wahrhaben will. Ihr fehlen die Projekte, die Innovation, der Mut zur Veränderung. Da ist ein Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten attraktiv, der im Zweifel harte Einschnitte wagen würde.

Insofern war der Ausgang der Wahl ein Triumph mit Ansage. Und die Sprachlosigkeit der „20 Prozent-Etablierten“ danach belegt nochmals die Naivität von Faymanns Truppe gegenüber seinem Volk.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Nach der Veröffentlichung des Lehrschreibens von Papst Franziskus gab es viel Aufschrei: Manche Kircheninitiative war begeistert von den „Reformen“, die der Pontifex angestoßen haben soll. Viele Kritiker sahen dagegen eher eine riesige Enttäuschung über die minimalen Zugeständnisse an die Ortskirchen, die nun im Einzelfall darüber entscheiden sollen, wie mit Christen in angeblicher Sünde umgegangen werden darf. Dazu gehören die Homosexuellen, die die katholische Kirche im Jahr 2016 nun tatsächlich bereits als Menschen ansieht, denen man Respekt und Würde zuzugestehen habe. Es sind aber gleichermaßen auch die Wiederverheirateten, die durch ihre Scheidung eigentlich jedes Recht verwirkt haben, am Sakrament der Kommunion teilzunehmen, die im Mittelpunkt von „Amoris Laetitia“ stehen.

Während sich gerade bei Schwulen und Lesben abzeichnete, dass Franziskus keine revolutionären Änderungen in der katholischen Lehre einleiten würde, wird von den deutschen Bischöfen aber die Ermächtigung, wonach der Priester der Gemeinde künftig selbst abwägen kann, ob er wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie zulässt, als großer Fortschritt bewertet. Man gehe nun auf die Menschen zu, beschäftige sich mit ihren Lebensgeschichten, wird argumentiert. Dass die Entscheidung dagegen einen weiteren, massiven Einschnitt in die Privatsphäre der Gläubigen bedeutet, blieb in allem Freudentaumel der Theologen völlig unbeachtet. Bischöfe und Kardinäle legten die Wegweisung des Papstes ganz im Sinne des Machtbestrebens der Kirche aus, die schon bald ganz besonderes Interesse an den alltäglichen Gewohnheiten ihrer Schäfchen entwickeln dürfte.

Denn der Ortspfarrer möchte künftig wissen, warum eine Ehe zu Bruch gegangen, wer der neue Liebhaber und welche Buße das Gemeindemitglied zu tun bereit ist. Denn erst dann kann der Abtrünnige wieder in den Kreis der Teilnahmeberechtigten am „Leib Christi“ aufgenommen werden. Die Schuldfrage für eine Scheidung solle geklärt werden, führte ein ranghoher Geistlicher in seinen kommentierenden Worten aus. In Deutschland dachte man früher auch so. Da suchten Richter danach, wer verantwortlich für das Ehe-Aus ist, um dem „Angeklagten“ die Scheidungskosten aufbrummen zu können. Die Kirche macht dieses Prinzip wieder hoffähig – und untermauert einmal mehr ihre Rückwärtsgewandtheit. Viel schlimmer aber: Was geht sie es an, mit wem ich es im Bett treibe? Warum ich mich getrennt habe? Und ob meine Kinder vielleicht einen bleibenden Schaden von dem Entzweien unserer Elternschaft davon tragen?

Um eine Hostie zu bekommen, soll man sein Intimstes offenlegen? Das ist Erpressung – auch wenn ich mir nur schwer vorstellen will, wie solch eine Oblate derart verlockend sein kann, dass ich dafür einem unbekannten Mann in Gewändern mein Herz ausschütte. Und mit der biblischen Lehre hat es schon gar nichts zu tun. Bei Jesus musste sich niemand rechtfertigen, um am Abendmahl teilnehmen zu können, im Gegenteil. Abseits der Frage, wer nun Sünder ist oder nicht, waren alle eingeladen – und gerade deshalb sind sie willkommen gewesen, weil sie alle nicht unfehlbar waren. Gnade und Barmherzigkeit versteht sich da nicht als das bemitleidende Herabbücken zu dem Schuldiggewordenen, sondern Annahme eines Jeden, unabhängig seiner Vorgeschichte. Reumütig müsse sich der Gläubige zeigen, seine Verfehlungen aufarbeiten. Wenn meine Ehe gescheitert ist, rede ich vielleicht mit einem Therapeuten darüber, aber nicht mit dem Pfarrer von nebenan!

Woher nimmt sich die Kirche das Recht, von mir eine Offenlegung meiner Beweggründe über Scheidung und Wiederverheiratung zu verlangen? Nur, damit ich an diesem „Heil“ aus der Verheißung eines „Auferstandenen“ teilhaben darf? Anmaßung, das konnte Rom schon immer. Und nein, es hat nichts mit Zugewandtheit zu den Menschen zu tun, wenn Franziskus nun den Freifahrtsschein erteilt, wonach gerade der im Zölibat lebende Priester den Coach für zerbrochene Liebesbeziehungen spielen darf. Viel eher ist es der Versuch, die Kirche noch tiefer in das Innerste der Persönlichkeit der Mitglieder vordringen zu lassen. Da wird mit Gefühlen gespielt, es wird mit der Rückkehr in die Gemeinschaft gelockt, während die Bedingung gestellt bleibt, sich emotional zu entblößen. Für mich hat das bereits sektenhafte Züge. Was ist das für ein Menschenbild, jemanden in einer gesellschaftlich leider noch immer oftmals verpönten Situation noch damit zu gängeln, sozialen Halt nur im Gegenzug zur moralischen Selbstbestrafung zu gewähren?

Früher zahlte man seine Taler, um die Sünden loszuwerden. Heute verkauft man seine ganze Seele an die Kirche, um wieder dazugehören zu dürfen. Da will sie wissen, ob wir auch keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe haben, ob wir unzulässigerweise verhüten, ob wir auch ausreichend Kinder in die Welt setzen, nach dem Versprechen auf ewige Treue auch bis zum Lebensende zusammenbleiben – und wenn nicht, wer von beiden den Partner und die Kinder sitzen ließ, in wen man sich neuerlich verguckt hat und ob man in der zweiten Ehe auch weiterhin bereut und Selbstgeißelung dafür verübt, die erste Beziehung leichtfertig aufs Spiel gesetzt zu haben. Denn dass es tatsächlich Gründe geben mag, eine Zweisamkeit zu beenden, ist für die Kirche eigentlich unvorstellbar. Einmal versprochen, nie mehr gebrochen. Denn ob bei Enthaltsamkeit, Familienführung und Ja-Wort – die Erwartungen der selbsternannten Instanz in Sachen Lebensfragen sind idealisiert, haben mit dem Menschsein aber nichts zu tun. Wie fernab ihr normatives Mahnen vom Lebemann aus der „Heiligen Schrift“ ist, gesteht sie natürlich nicht ein.

Rom macht es eigentlich alles noch schlimmer: Da soll ein Fortschritt verkauft werden, der in Wahrheit noch mehr bevormundet als es die Zementierung der jahrhundertealten Traditionen ohnehin schon tut. Nein, auch Franziskus will keinen Wandel. Die Abgabe von Kompetenzen an die Kirchen vor Ort ist ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit, umwandert zu sein von einer erzkonservativen Lobby, die es selbst dem Oberhaupt der Katholiken nicht erlaubt, eigenmächtig zu handeln und vielleicht tatsächlich einmal aufzuräumen mit beweihräucherten Dogmen früher Zeiten. Dass die Entfremdung von den Gläubigen wächst, ist hierbei keine wirkliche Neuigkeit. Vielleicht eher, dass nun auch diejenigen Gläubigen ins Grübeln kommen könnten, die bisher noch aus schlechtem Gewissen in den Reihen des Hirten verblieben – weil „man“ eben schon seit Urzeiten zur Kirche gehört. Denn wer möchte tatsächlich, dass irgendwann Hochwürden höchstpersönlich zu „Big Brother“ im heimischen Schlafzimmer mutiert?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Wie beantrage ich eigentlich einen Schwerbehindertenausweis? Was muss ich bei der Antragsstellung beachten? Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen, damit ich Erfolg habe? Die ehrenamtliche Sozial- und Pflegesprechstunde unter Leitung von Dennis Riehle (Konstanz) hat ein Informationsblatt veröffentlicht, das wichtige Tipps gibt, wenn ein Antrag auf Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft gestellt werden soll. Zusammen mit einer verständlichen Präsentation weist sie damit in die wesentlichen Details ein, die für das Verständnis rund um die „Schwerbehinderung“ von Bedeutung sind. Denn viele Menschen, die eigentlich Anrecht auf die Zuerkennung hätten, wissen nichts davon oder trauen sich aus Scham nicht, ein entsprechendes Formular auszufüllen.

Die Ratschläge umfassen Formulierungshilfen und weisen auf häufige Versäumnisse von Antragsstellern hin, die zu Ablehnungen führen können. Überdies erklärt die mehrseitige Ausführung, welche Merkzeichen als mögliche Nachteilsausgleiche für den Einzelnen in Frage kommen. Auch gibt sie Antworten auf vielfache Unsicherheiten, wenn es um Arztbriefe, Belege und das Verfahren der Begutachtung geht. Riehle erläutert dazu: „Natürlich ist auch mit den Hinweisen aus unseren Unterlagen nicht garantiert, wie die Prüfung ausgeht. Immerhin können aber durch Einhalten von Regeln langwierige Nachfragen durch das Amt verhindert und damit der gesamte Prozess beschleunigt werden“.

Das Informationsblatt zur Antragsstellung sowie die Präsentation mit allen Ausführungen, was Schwerbehinderung eigentlich ist, dass neben körperlichen auch seelische und kognitive Erkrankungen und Behinderungen sie bedingen können, wie sie festgestellt wird, welche Rechte und Ansprüche damit verbunden sind und wer Aussicht auf eine positive Feststellung hat, sind kostenlos erhältlich bei der Sozial- und Pflegesprechstunde – Kontakt vorrangig über Mail: sprechstunde@Soziales-Pflege.de, alternativ per Tel.: 07531/955401 (AB). Dennis Riehle unterstützt im Zweifel zudem beim Einreichen des Antrages.

[Dennis Riehle]

Neue Konzepte

Die angespannte Situation an Pflegeplätzen im Hegau ist gerade für den peripheren Raum keine Seltenheit. Stadt und Landkreis Konstanz haben bereits auf die Entwicklung reagiert, die sich durch den Demografischen Wandel und die steigende Lebenserwartung bei Zunahme von Alterserkrankungen ergibt.

Mit einer umsichtigen Sozialplanung ist es gerade jetzt erst in der hiesigen Region gelungen, den Gedanken von alternativen Wohnformen im Alter zu zementieren. Dezentrale Pflege-WGs sind nach Ansicht von Experten eine Möglichkeit, dem großen Bedarf an betreuten Unterkünften für pflegebedürftige Menschen zu begegnen.

Nein, sie ersetzen das Pflegeheim nicht. Aber wir werden ohnehin vor die Herausforderung gestellt werden, ob künftig eine vollstationäre Pflege noch so häufig nötig und sinnvoll sein wird wie heute. Denn auch ethisch bleiben wir angehalten, den Gedanken von „ambulant vor stationär“ zu festigen.

Und da sind Varianten wie eine Wohngemeinschaft eine nicht nur für die psychische Gesundheit und die soziale Interaktion förderliche Option, sondern auch eine, die Ältere nicht von der Umwelt separiert, sondern im eigenen Umfeld belässt – was die meisten Menschen schon vor Beginn einer Pflegebedürftigkeit als die beste Lösung ansehen.

Daher rate ich, statt einer alleinigen Fokussierung auf den Mangel an Plätzen in Pflegeheimen den Blick auch auf den Wandel im Verständnis der praktischen Pflege zu legen. Dafür braucht es Wohnraum und Mutige, die sich auf solche Projekte einlassen.

Konkurrieren können WGs mit den oft durch langwierige Bauzeiten und hohe Auflagen aufwändig zu errichtenden Pflegeheimen allemal. Und selbst wenn ihre Umsetzung nicht von heute auf morgen gelingt, zeigen die vorliegenden Konzepte der Verwaltung, dass man dort auf gutem Wege ist, nicht in eingefahrenen Mustern zu verharren.

[Dennis Riehle]

Kommentar zur Diskussion um „Designer-Babys“

Ja, irgendwie ist es verletzend. Ständig lesen wir davon, wie vehement sich unsere Gesellschaft „perfekte“ Menschen wünscht. Besonders dann, wenn man nicht den Eindruck gewinnt, „perfekt“ zu sein, kann solch eine Haltung schnell einmal zermürben. Vor kurzem fragte ich meine Mutter: „Hättest du mich auch auf Gendefekte untersuchen lassen ? Und wenn du damals schon gewusst hättest, dass ich die Erkrankungen und Behinderungen haben würde, die ich nun heute mit mir herumschleppe, hättest du mich dann dennoch gewollt?“. Eigentlich war die Frage unnötig, denn ich kenne meine Mutter. Und sie liebt mich. So, wie ich bin. Aber ihre Antwort verblüffte mich doch: „Für mich bist du perfekt!“. Damit war eigentlich alles gesagt. Zumindest von ihrer Seite. Dass es in unserem Land offenbar ganz anders aussieht, erleben wir an den fortdauernden Diskussionen darüber, wie es die Wissenschaft erreichen könnte, baldmöglichst alle angeborenen Krankheiten, Behinderungen und ungewollten Haarfarben, Körpergrößen und Gewichtsklassen zu verhindern. Der Traum von einem Baby kommt dann zur Welt, ohne Ecken und ohne Kanten.

Unter dem Vorwand, Eltern wollten ihren Kindern kein Leid zumuten, wird die Forschung vorangetrieben, möglichst in oder gar noch vor dem Mutterleib darauf Einfluss zu nehmen, was das Neugeborene später einmal haben soll – und was eben nicht. Stellen wir uns vor, welche psychischen Auswirkungen das auf die Kleinen haben wird, spätestens, wenn der Zeitpunkt kommt, an dem sie selbst über sich bestimmen möchten. Da wurde ein Sohn oder eine Tochter geschaffen, nach Wunsch der Eltern. Man muss sich nicht einmal vorstellen, was ist, wenn der Vater braune, die Mutter aber lieber blaue Augen gehabt hätte. Viel eher wird ein Ebenbild ausgemalt, von dem sich das Kind später nur noch schwer lösen kann. Was heute schon zu Problemen führt, wird dann als ein nahezu kaum möglicher Abnabelungsprozess zu mangelndem Selbstbewusstsein und fehlender Eigenverantwortung führen. Zudem wissen wir bereits jetzt, welche Folgen solch Modelmaße auf die Persönlichkeit haben können. Ein idealisierter Stereotyp, der geschliffen ist – und dabei nicht nur langweilig bleibt, sondern vor allem unselbstständig.

Das wird auch daran liegen, dass Erfahrungen fehlen. Denn wodurch werden wir stark? Durch die Niederlagen in unserem Leben. Wobei ich weder Krankheit, noch eine Behinderung so bezeichnen würde. Ja, eine Herausforderung sind sie. Das merke ich jeden Tag neu. Meine Gene verstehe ich nicht, ich weiß nur, dass sie nicht so funktionieren wie bei anderen Menschen. Gut, ich hätte mir durchaus andere Merkmale gewünscht, um mich abzugrenzen. Aber glücklicherweise habe ich die auch. Denn meine Mutter hat der Natur freien Lauf gelassen – wie groß, wie schwer ich werde, wie ich aussehe, welche Eigenschaften ich habe. Und davon habe ich, so sagte sie, doch einige gute. Das liege auch daran, dass ich etwas „durchgemacht“ habe. Zweifelsohne: Erkrankungen sind nicht immer einfach. Sie verlangen uns viel Durchhaltevermögen ab – und sie bringen auch diesen Leidensdruck mit, den die Moderne der künftigen Generation ersparen will. Doch woher nimmt sie dann ihre Kraft, durchzuhalten? Wer schon einmal im Tief gewesen ist, der weiß einerseits um die Tränen, um die Fragen des „Warums“, um die Bitterkeit von Hilflosigkeit und Perspektivlosigkeit. Aber eben auch um dieses Gefühl, wie wertvoll es ist, weiterzumachen.

Viele meiner Charaktermerkmale hätte ich heute nicht, wäre mein Leben wie eine Linie verlaufen. Ich könnte mich nicht aus tiefstem Herzen freuen, aber auch nicht mit anderen mitspüren. Ich wäre nicht so gelassen, würde mich nicht an so vielen Kleinigkeiten freuen, wäre wohl viel oberflächlicher, kaum einfühlsam und könnte nicht zuhören. Krankheit formt – und sie gibt uns überhaupt erst eine Struktur. An ihr kann man anstoßen, an ihr feilt man täglich weiter. Man darf sich an ihr reiben und sie macht uns einzigartig. Da werden wir nicht zusammengesetzt wie aus dem Baukasten, sondern die Kurven malt unser lebendiges und praktisches Auf und Ab. Ja, Behinderungen hinterlassen einen Makel. Doch warum maßen wir uns an, diesen mit einer ständig negativen Konnotation zu versehen? Das, was ich als Freude empfinde, muss für mein Gegenüber noch lange keine sein – und umgekehrt. Weshalb soll ein Kind mit einer Trisomie also nicht glücklich sein? Nur, weil wir davon überzeugt sind, dass es nicht glücklich sein kann, nicht glücklich sein darf – weil es eben nicht so ist, wie wir uns das erhoffen? Welch Egoismus steckt hinter einem solchen Denken, bei dem wir immer nur von uns selbst ausgehen! Ein Leben im Rollstuhl ist schwierig – aber ist es deshalb nicht lebenswert? Jeder wird es anders betrachten – und schon gar, wenn wir der Rennläufer auf zwei gesunden Beinen sind.

Sobald wir meinen, wir müssten Babys designen, um ihnen ein gesundes Aufwachsen zu garantieren, dann maßen wir uns nicht nur an, in die Integrität des noch Ungeborenen – das aber bereits zum Zeitpunkt unseres Manipulierens ein Recht auf Selbstbestimmung hat – einzugreifen. Wir meinen auch, beurteilen zu können, wie es ist, mit bestimmten Beeinträchtigungen existieren zu können. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – ja, die eines Embryos, und auch die jedes einzelnen Menschen mit Behinderung, Krankheit und all den persönlichen Details, die uns prägen. Eltern überschreiten Grenzen, wenn sie versuchen, ein vermeintlich „perfektes“ Leben für ihre Kinder zu wollen. Es ist nicht „das Beste“ für die Kleinsten, wenn sie als sterile Barbie-Puppe auf die Welt kommen. Viel eher drücken sich Mama und Papa mit der Entscheidung für ein Baby nach eigenen Wünschen vor der Aufgabe, es mit den notwendigen Fertigkeiten auszustatten, Leid er-tragen zu können. Wer früh genug auch einmal im Dreck spielt, baut sich einen Schutz gegen Keime und Bakterien auf. Und wer mit den Lasten des Daseins hadert, der entwickelt Kräfte, auch andere Hürden zu meistern.

Jeder von uns ist unterschiedlich. Das macht die Vielfalt aus, die unser Leben erst abwechslungsreich werden lässt. Ich will nicht unterstellen, dass derjenige, der für eine scheinbare Gesundheit seiner Nachkommen eintritt, den Wert eines Menschen mit Krankheit, Behinderung und Andersartigkeit anzweifelt. Es macht aber stutzig, wenn krampfhaft versucht wird, mit dem eigenen Kind von etwas abheben zu wollen – von der bemitleidenswerten Härte, die der mit Handicap auf sich nehmen musste, vielleicht? Wenn es etwas gibt, was mich richtig wütend macht, dann ist es der herabschauende Blick – getreu dem Motto „Ach, du armes Ding“. Denn ich bin alles Andere als „arm“, viel eher „reich“ an Überzeugung, dass Lebendigkeit nicht an Erkrankung oder Handicap, nicht an Augenfarbe oder Armlänge ausgemacht werden kann. Wie viele Menschen mit Schicksalsschlägen sind an ihren Abgründen gewachsen – sie waren meist die, die am erfülltesten in der Gesellschaft wirkten. Wie schön wäre doch ein Miteinander, in der nicht die Oberflächlichkeit derer gewinnt, die als selbsternannte Retter dastehen wollen, sondern die Zuversicht derjenigen, die darauf vertrauen, dass nicht alles gut ist, was der Mensch macht…

[Dennis Riehle]

Kommentar
Umgang mit Homosexuellen in Baden-Württemberg: Handreichungen des Lesben-und Schwulenverbandes für die Koalitionsverhandlungen zwischen Grün und Schwarz

Der LSVD in Baden-Württemberg ließ es sich nicht nehmen: Nachdem sich abzeichnet, dass Grüne und CDU in ihren Koalitionsverhandlungen vorankommen, bangt der Schwulen- und Lesbenverband um das, was in der vergangenen grün-roten Legislaturperiode für Homosexuelle erzielt worden war. Ganz vorne dabei: der Bildungsplan. Die Christdemokraten hatten ihm damals heftig kritisiert und wollten nicht, dass im Lehrplan festgeschrieben wird, wonach Schülerinnen und Schülern im „Ländle“ im Unterricht ganz praktisch mit der Selbstverständlichkeit gleichgeschlechtlichen Zusammenlebens konfrontiert werden. Bis heute demonstrieren die Gegner des Vorhabens, weil sie befürchten, die klassische Ehe und Familie könnte mit der neuen Ausrichtung der Erziehung abgewertet werden. Dagegen haben sich lautstark und auch schon handgreiflich gewordene Befürworter dafür eingesetzt, dass mit dem Bildungsplan lediglich das umgesetzt werden soll, was eigentlich „normal“ ist – Toleranz gegenüber allen Lebensweisen.

Nun veröffentlichte der LSVD Handreichungen für die Koalitionspartner. Im Zweifel könnte man das Papier auch einfach als Forderungskatalog an die Verhandlungspartner sehen. Und vor allem der CDU wird vorgeworfen, sie könnte das, was an Offenheit gegenüber Schwulen und Lesben durch die bisherige Regierung erreicht wurde, wieder rückgängig machen. In dem Schreiben finden sich altbekannte Standpunkte – zusammengefasst: mehr Rechte, mehr Aufmerksamkeit, mehr Einfluss für Homosexuelle in Baden-Württemberg. Dass eine Interessengruppierung derart direkt in Koalitionsverhandlungen eingreift, das ist mir neu. Ja, vor den Wahlen erheben die unterschiedlichsten Klientele Anspruch darauf, gehört zu werden und in Wahlprogrammen zu Wort zu kommen. Sie ringen den Parteien Versprechungen ab, von denen nach der Wahl verständlicherweise nur noch einige übrig bleiben können.

Warum ereilt mich neuerlich der Eindruck, der LSVD wolle sich hier wichtig tun? Um etwas durchzusetzen, muss man manches Mal auch hartnäckig sein. Mittlerweile ist es aber mehr: Der Verband nervt. Auch ich gehe nicht mit allem konform, was die CDU so fordert. Aber ich habe doch das Vertrauen, dass die demokratischen Parteien in Deutschland wesentliche Inhalte unseres Grundgesetzes kennen. Damit schließt sich für mich auch aus, dass der „schwarze“ Gesprächspartner nun die Würde der Homosexuellen abschaffen will. Worum sorgt sich der LSVD mit seiner penetrant aufdrängenden Art eigentlich? Dass man einen Bildungsplan bemängeln kann, das ist in einem freien Land völlig legitim. Niemand nimmt Schwulen und Lesben dadurch ihre Menschenrechte, wenn darauf hingewiesen wird, dass die Ehe aus Mann und Frau eben weiterhin die mehrheitliche Form des Miteinanders in Deutschland ist – und entsprechend auch so im Unterricht behandelt werden sollte. Damit werden homosexuelle Paare nicht schlechter gestellt, sondern lediglich Realitäten abgebildet.

Überhaupt scheint mir der LSVD doch ein verzerrtes Bild von unserer Gesellschaft zu haben: Die Tränendrüse, auf die die Lobbyisten gern einmal drücken, nehme ich ihnen nicht ab. Ich bin auch schwul, aber ich habe noch nie erfahren, dass ich deshalb in unserer Bundesrepublik ernstlich meiner grundlegenden Rechte beschnitten wurde. Ich wurde nicht geschlagen, nicht beschimpft und nicht ausgegrenzt. Und ich lebe auf dem Land, in einem konservativen Dorf. Es hängt wohl stets auch davon ab, wie sehr ich mich beeinflussen lasse: Mir kommt die schwul-lesbische Bewegung häufig so vor, als würde sie sich bewusst in eine Opferrolle begeben, um damit dramatisch auf ihre Benachteiligung hinweisen zu wollen. Und dieses Vorgehen versucht sie auch ihren Anhängern zu vermitteln. Doch Opfer sind Homosexuelle bei uns nur noch selten. Dass sie nicht heiraten dürfen, das kann man als Diskriminierung ansehen. Man kann aber auch schlichtweg feststellen, dass unsere Verfassung die heterosexuelle Ehe aus einem bestimmten Grund unter Schutz gestellt hat. Und ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich Respekt vor Schwulen und Lesben auch bereits vor meinem „Coming-Out“ hatte – ohne, dass die Textaufgabe in meinem Mathebuch zwei Männer abbildete.

Dass wir einen Geist brauchen, der Homosexuelle in der Mitte unserer Aller willkommen heißt, ist keine Frage. Doch erreichen wir solch eine Stimmung, wenn wir uns ständig in den Vordergrund drängen, nochmals die Keule der Gleichberechtigung schwingen und wiederum feststellen, wie schlecht es uns doch geht? Glaubwürdig werden wir dadurch nicht. Und ich schäme mich für solch ein Verhalten. Denn es ist peinlich, sich gegenüber der Bevölkerung als diejenigen zu präsentieren, die angeblich hinten an stehen müssen, aber gleichzeitig selbst nicht in der Lage sind, moralische Ansprüche an sich zu formulieren – und einzuhalten! Grün und Schwarz brauchen jetzt Ruhe, um in einer schwierigen Situation zu einer stabilen Regierungsbildung zu finden. Da sind Zwischenrufe einzelner Gruppierungen nicht hilfreich, sondern verantwortungslos. Ich bin überzeugt: Kretschmann, Strobl und Wolf brauchen keine Nachhilfe dabei, wie sie verantwortungsvoll mit allen Bürgern umgehen – auch mit Schwulen und Lesben!

[Dennis Riehle]

Kommentar zur Causa „Jan Böhmermann“

Ich gebe zu: Jan Böhmermann war für mich noch nie ein Sympathieträger. Aber das will er auch nicht sein. Er möchte provozieren. Und das tut er seit langem in scharfzüngiger Weise. Schon bisher empfand ich seine Art von „Satire“ teilweise überaus grenzwertig, aber im Zuge des Hinweises auf Kunst-, Meinungs- und Medienfreiheit galt auch für mich: Im Zweifel für den Angeklagten. Doch dieses Mal hat Böhmermann wohl nicht nur für mich den Bogen überspannt. Mit seinem Gedicht zu Erdogan schaffte er es zwar in die Schlagzeilen – das wollte er wahrscheinlich auch. Doch ob die Aktion dieses Mal so rühmlich ausgeht, wie sich Böhmermann das wohl erhoffte, wage ich zu bezweifeln. In jedem Fall ist das momentane Schauspiel ein klassischer Beweis für eine abstumpfende Gesellschaft. Das solidarische „Deutschland pro Böhmermann“ kann man nur dann verstehen, wenn man sich vor Augen hält, dass heute jeder alles darf. Freiheit für jeden, für alles, jederzeit. Rücksichtnahme? Fehlanzeige! Doch wäre die Parteinahme für den Moderator ähnlich ausgefallen, hätte er statt Erdogan vielleicht Angela Merkel als Feindbild ausgewählt?

Viele fragen: Warum darf er nicht, wenn doch die Kollegen des NDR mit ihrem Song über den türkischen Staatspräsidenten in Deutschland keinen Ärger für ihre Form der Kritik befürchten müssen und dafür sogar aus höchsten Kreisen in Schutz genommen werden? Tucholsky war es, der 1919 davon sprach, dass Satire „alles“ dürfe. Nein, da hatte er unrecht. Zumindest in unserem heutigen demokratischen Rechtsstaat kann solch eine pauschale Aussage nicht mehr gelten. Denn wo kämen wir mit diesem Denken hin? Dann müssten wir die Paragrafen zu Beleidigung und übler Nachrede auch abschaffen, könnten wir im Zweifel doch alles Anstößige unter dem Deckmantel der „Kunst“ für legitim erklären. Und was für eine Gesellschaft wäre das, in der jeder nach Belieben mit Worten aufeinander einhauen würde?

Böhmermann stellte seine Aussagen unter den Titel der „Schmähkritik“. Dünnes Eis, wie ich finde. Denn seine Worte waren weitaus mehr. Der Unterschied zu „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ aus der ARD ist recht eindeutig: Hatte man dort das politische Handeln, die Denkweise, die Weltanschauung und die Überzeugungen des türkischen Staatsoberhauptes angeprangert, überschritt Böhmermann eine Grenze, die für mich als Leitlinie bei aller Satire gilt: die persönliche Integrität. Sie ist unantastbar, denn die Ehre eines Menschen schützt nicht nur der Pressekodex, sondern auch das Grundgesetz. Und in der Abwägung dominiert für mich Artikel 1 den vielzitierten Artikel 5. Respekt vor einer Persönlichkeit zu haben, das bedeutet nicht, ihr Wirken oder ihren Charakter gutzuheißen, aber ihre menschliche Unversehrtheit zu achten. Das hat Böhmermann leider bist heute nicht verstanden. Überspitzung ja, Beleidigung nein – eigentlich ist das recht einfach.

Und nicht nur, dass Witze über Geschlechtsteile und Ziegen niveaulos sind. Im Gedicht von „Neo Magazin Royale“ wird ein Mensch in seinen unabänderlichen, evolutionär bedingten Eigenschaften angegriffen, die nichts mit dem zu tun haben, was eigentlich Gegenstand der Kritik ist. Es mag für Böhmermann lustig sein, sich solche weichen Ziele bei seiner Denunziation auszusuchen. Mir zeigt seine Art von Humor eher, dass er offenkundig nicht zu seriöser Satire in der Lage ist und möglicherweise die inhaltliche Auseinandersetzung mit Erdogan auf künstlerische Art und Weise scheut – oder nicht beherrscht. Eigentlich ein Armutszeugnis für ihn – und das ZDF. Immerhin werden Beleidigungen nicht dadurch besser, dass man ihnen die Ankündigung voranstellt, nun etwas Verbotenes zu sagen. Und aus etwas Illegitimen wird dadurch auch keine Satire. Sie muss als solche erkennbar sein, sie ist definiert, sie hat Grenzen. Die kennt eigentlich auch Jan Böhmermann. Und wenn er sie bewusst überschreitet, muss er mit den Konsequenzen rechnen. Seine Reaktion, er verliere den Glauben an alles, wovon er bisher überzeugt war, wirkt da nur noch heuchlerischer.

Denn auch wenn ich viele Ansichten des türkischen Präsidenten, sein Vorgehen und sein Agieren nicht akzeptieren kann, hat er als Mensch eine Würde – wie jeder von uns. Das mag uns gefallen oder nicht, aber das ist in unserem Land Standard. Und daran haben wir uns zu halten – denn in der Bundesrepublik können wir stolz darauf sein, dass es anders zugeht als in der Türkei. Da müssen uns nicht auch noch der Rechtsbrüchigkeit dort anzubiedern versuchen. Denn mit seiner Uneinsichtigkeit erweist Böhmermann Erdogan einen Bärendienst: Letztlich zeigt der selbsternannte Schmähkritiker, dass er auch nicht besser ist als jemand, der Gesetze am Bosporus zu brechen vermag. Einen Spiegel vorzuhalten, das geht anders. Dafür muss man sich nicht auf die gleiche Ebene herunter beugen, sondern aufrichtig bleiben. Und nichts wirkt unglaubwürdiger, als wenn jetzt darauf verwiesen wird, dass Böhmermann sein Gedicht gerade deshalb unter den Vorbehalt stellte, sein Schmähen wäre rechtswidrig, weil er daraus den Anspruch an Satire ableiten wolle. Denn welche Absicht sollte er sonst verfolgen, als mit seinen Worten „bewusst zu verletzen“, um die Kanzlerin zu zitieren, wenn er sie gezielt und in aller Breite ausformuliert?

Und das „Zweite Deutsche Fernsehen“ hat zwar letztlich richtig entschieden, mit der Entfernung des Beitrags ein klares Zeichen zu setzen, an dem sich künftig auch andere Künstler orientieren können. Letztlich muss sich der Sender aber strukturelle Fragen gefallen lassen: Wie ist es möglich, dass der Redakteur, der die Ausgabe des Magazins abnahm, solch einen Text durchwinkte? Fehlen die einheitlichen Vorgaben? Muss künftig die Kontrolle anders organisiert werden? Wieso wird die Sendung zunächst ausgestrahlt – und muss dann komplett und später teilweise wieder aus der „Mediathek“ genommen werden? Peinliche Zustände, die man in Mainz nun aufarbeiten muss…

[Dennis Riehle]