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Kommentar
zu Aussagen von Winfried Kretschmann (Grüne) und dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (ebd.) über homo- und heterosexuelle Ehe und Familie

Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Balmer (Bündnis 90/Die Grünen) ist in Kritik geraten, nachdem er Worte des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) verteidigt hatte. Letzterer hatte sich in einem Zeitungsartikel missverständlich ausgedrückt, als er über die Ehe zwischen Mann und Frau und der homosexuellen Lebenspartnerschaft sprach. Palmer unterstrich auch gegenüber innerparteilichen Angriffen das Recht darauf, die heterosexuelle Ehe weiterhin als prädestiniert zu verstehen. Dagegen war der Aufschrei groß, besonders aus der „queeren“ Community, die befürchtete, Kretschmann und sein Tübinger Parteikollege behandelten Schwule und Lesben in einer Partnerschaft nicht gleich wie die in einer heterosexuellen Verbindung.

Zunächst: Ich bin homosexuell. Und ich habe damit vielleicht das Recht, mich in dieser Frage auch offenherziger äußern zu können – vor allem auch gegenüber meiner eigenen „Lobby“, die ich aber nicht als eine solche betrachte. Ich kann gut für mich alleine sprechen. Und das meistens anders als die, die meinen, Sprachrohr für die Schwulen und Lesben in Deutschland sein zu müssen. Ein „Grüner“, der in Bezug auf Homosexualität eigentliche Selbstverständlichkeiten äußert, die aber möglicherweise in den Ohren derjenigen, die sich als Verfechter der Rechte der LSBTTIQ-Bewegung ansehen, auf große Empörung stoßen, ist ein natürlicher Dorn im Auge von Parteimitgliedern, gerade solcher, die sich selbst als schwul oder lesbisch bezeichnen. Denn: „Grün“ zu sein, das heißt, nicht nur Gleichberechtigung zu leben, sondern Menschen, denen Außenstehende eine scheinbare Benachteiligung zuordnen, zu verteidigen.

Ich muss sagen: Ich fühle mich in Deutschland kaum diskriminiert. Eher wegen meines Übergewichts als aufgrund meiner sexuellen Orientierung. Denn Stigmatisierungen sind etwas Subjektives. Auch in Fragen, in denen scheinbare Fakten auf dem Tisch liegen, wie im Rechtswesen. Sicher, wenn Äpfel und Birnen unterschiedlich behandelt werden, kann man das verstehen. Von Grund auf sind wir aber alle zunächst einmal Äpfel – denn wir sind alle Menschen. Aber gut, dass von „Cox Orange“ bis „Jonagold“ so viele Sorten dabei sind! Manche schmecken dann als Apfelsaft besser, andere weniger. Das macht niemanden davon minderwertig, doch jeder bringt eine andere Eigenschaft mit sich. Und dafür steht jedem der passende Respekt zu.

Nein, kaum jemand dürfte sich die Homosexualität ausgesucht haben. Aber ist es deshalb ungerecht, dass Schwule und Lesben keine Kinder zeugen können? Nein, es ist natürlich. Ich käme auch nicht auf die Idee, mich darüber zu beschweren, dass ein Leichtathlet die Olympia-Medaillen abräumen kann, während ich nur mit Mühe an den „Bundesjugendspielen“ teilgenommen habe – und wahrscheinlich nie Aussicht auf ein eigenes Gold haben werde. Ich kann mich grämen, es bringt mir aber nichts. Und solch ich deshalb dem Sprinter den verdienten Applaus für seine Leistung verweigern, nur, weil ich diese nicht erreichen kann? Steckt hinter den Vorwürfen, Heterosexuelle wären besser gestellt, vielleicht der Neid darum, nicht so „vollkommen“ zu sein? Wenn ja, wäre es aber ein Phänomen, was nicht nur in der Frage der Würdigung der Familie bei Homosexuellen oft vorkommt: Ein konstruiertes Empfinden der Ausgrenzung, aus der einfachen Gleichung: Wenn jemand bevorzug wird, muss ein Anderer benachteiligt sein. Doch das ist keinesfalls so. Warum tun wir uns so schwer mit einer positiven Wertschätzung, ohne gleichzeitig eine Minderbehandlung andernorts zu vermuten?

Ich beobachte bei Schwulen und Lesben häufig einen Aktionismus: Mehr Rechte! Dass dabei die Gleichstellung so weit fortgeschritten ist wie kaum in einem anderen Land, interessiert nicht. Sarkastisch stelle ich fest, dass manche LSBTTIQ erst dann zufrieden sind, wenn sie Heterosexuelle in deren Rechten überholt haben. Vielleicht hat es einen psychologischen Hintergrund, dass sich Homosexuelle mit einer Selbstzufriedenheit offenbar schwer tun. Eine beständiges Unruhigsein und nach dem nächsten Nachteil suchen. Dabei müssen wir doch dankbar sein, dass unsere Gesellschaft so pluralistisch ist. Dass es in unserem Land eben auch so viele Heterosexuelle gibt, die uns unsere Zukunft sichern. Und nein, das bedeutet nicht, Schwule und Lesben würden dies nicht tun – aber auf anderem Weg, der ist ebenso anerkennungsvoll, doch mindert das nicht die Bedeutung der Familie aus Mann und Frau, die Kinder auf die Welt bringt, ganz natürlich und ohne den Anspruch, dadurch „besser“ zu sein als homosexuelle Menschen. Mir tut es nicht weh, wenn ich diese Anstrengung der Heterosexuellen würdige – denn ich bin selbstbewusst genug, um darin nicht eine Ablehnung meiner Lebensleistungen zu sehen.

Dass Mann und Frau füreinander bestimmt sind, dafür muss ich nicht erst in die Bibel blicken. Diese Überzeugung ist auch überhaupt nicht rückwärtsgewandt. Vielleicht „konservativ“ im ursprünglichen Wortsinne. Denn ich schaue auf die Wurzeln unserer Evolution, meinetwegen auch der Schöpfung. Und wenn ich im Biologie-Unterricht aufgepasst habe, dann ist mir bewusst, wie die beiden Geschlechter auch sexuell „stimmig“ sind. Ich gebe zu, dieses Gefühl habe ich bei Homosexuellen nicht immer. Diese Ergänzung, die Mann und Frau darstellen, ist eine andere als bei Mann und Mann – oder Frau und Frau. Man könnte durchaus denken, dass sich hierbei jemand etwas gedacht hat. Und doch bleibt mir dann die Erkenntnis, dass die Homosexualität zu uns Menschen (und Tieren) gehört – und wir nicht alle als asexuelle Wesen geschaffen wurden. So blicke ich ohne einen Groll dankbar zu all jenen, die gerade in der heutigen Zeit die Herausforderung einer natürlichen Schwangerschaft und Geburt, einer leiblichen Kindschaft und der Erziehung auf sich nehmen und das „traditionelle“ Bild einer Familie leben. Die Schlacht um die Studien hilft nicht bei der Frage, wo dem Wohl des Kindes am ehesten Genüge getragen wird. Und da braucht es auch keine soziologischen Erörterungen, um aus dem Gang der Geschichte zu wissen, dass Verbundenheit zur seelischen und körperlichen Heimat von Beginn an ein überaus beitragender Faktor für eine unbeschwerte Entwicklung ist. Viele Kinder brauchen Liebe von Dritten, diese Aufgabe ist nicht weniger wichtig, also beginnen wir auch hier nicht mit dem Aufwiegen, wer die „stärkeren“ Rechte hat.

Ich breche mir keinerlei „Zacken aus der Krone“, wenn ich auch in unseren Gesetzen zum Ausdruck bringe, dass der Beitrag der heterosexuellen Elternschaft für unsere Gesellschaft Würdigung erhalten muss. Viel eher ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass auch ich meinen Anteil leiste, dass wir uns fortentwickeln. In steuerlichen Aspekten, in sozialen Leistungen für die, die nicht nur sich Träume erfüllen, sondern mit einer „klassischen“ Familie und ihrem Nachwuchs eine Stabilität in dieses Land bringen. Wer darüber hinaus wünscht, ebenso beitragen zu wollen, dem können wir mithilfe der Medizin Horizonte schaffen – auch, wenn wir homosexuell sind. Aber wieso sollen wir nicht fördern, was gleichsam ohne Technik geht? Nur um der anscheinenden „Gleichberechtigung“ willen, die nur eine solche wird, wenn wir eine Definition aus unserer persönlichen Warte heraus anlegen? Es ist doch keine Frage, dass wir denjenigen Schwulen und Lesben, die sich erhoffen, auch „gleichgestellt“ in ihrem Sinne zu sein, die Möglichkeiten der Wissenschaft zu eröffnen. Einen Anspruch darauf, den kann ich aber wahrlich nicht erkennen. Denn „Gleichmacherei“ wäre das falsche, auch in der Betrachtung der Ehe. Nicht das Prinzip kann hier entscheiden, sondern das besondere Gut eines Rechtsschutzes, der über die Menschenrechte hinausgeht – und damit niemandem etwas von seinem grundlegenden Status der Würde als Einzelner nimmt…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Ein Selbstmord in einer Gefängniszelle – das ist nichts Außergewöhnliches, auch nicht in Deutschland, leider! Und doch ist die Empörung nun groß: Der Terrorverdächtige Al-Bakr konnte sich in der Leipziger Justizvollzugsanstalt das Leben nehmen – und das nur kurze Zeit nach seiner Festnahme durch Landsleute, die er selbst als Mittäter beschuldigte. Die Fassungslosigkeit aber ist heuchlerisch: Nein, es geht den Kritikern nicht darum, dass ein offenkundig suizidaler Mensch – und ja, auch ein dem geplanten Terror Angeprangerter ist ein Mensch – nicht davon abgehalten werden konnte, sich umzubringen, nicht geholfen wurde, sein Leben zu bewahren. Man trauert eher um die Informationen, die man von ihm nun nicht mehr bekommen kann, zu Hintermännern, Hintergründen und Zusammenhängen seines Handelns und desjenigen anderer Terrorhelfer.

Da reißt jemand die Deckenlampen herunter, schafft sich – bildlich gesehen – einen Galgen. Die Steckdosen werden manipuliert. Ein Hungerstreik beginnt. Und dem Anstaltsleiter fällt nichts Anderes ein, als festzustellen, dass der Gefangene doch auffallend ruhig war, keinerlei emotionalen Ausbrüche zeigte und ganz normal wirkte – und man seine plötzlichen Aggressionen deshalb auch als „Vandalismus“ deutete. Wahrscheinlich hätte ein Blinder mehr gesehen bei solch eindeutigen Auffälligkeiten, die aber offenbar nicht einmal eine herbeigezogene Psychologin werten konnte. Da fragt man sich durchaus, ob Gutachter ausreichend für solch schwierige Aufgaben der Beurteilung des seelischen Zustandes von gefährdeten Persönlichkeiten geschult sind, wenn es eine Haftrichterin brauchte, um zu erkennen, was mit Al-Bakr los ist. Doch ihre mahnenden Worte blieben bei der sächsischen Justiz offenbar ohne Gehör.

Grotesk wirkt da auch die Aussage der Gewerkschaft der Strafvollzugsbeamten, die feststellt, dass sich Selbstmorde langfristig nicht verhindern lassen. Wie zynisch! Für mich deuten solch desinteressierten Feststellungen auf ein Weltbild, in dem Gefängnisse offenbar als Verwahranstalten gesehen werden, in denen man darauf hofft, dass die Insassen ihren Aufenthalt hoffentlich überleben – damit es keine Aufruhr gibt, wie jetzt. Doch dieses Denken kommt scheinbar vielen Bürgern entgegen, für die Straftäter anscheinend generell den Rand der Gesellschaft darstellen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – und wenn sich einer etwas antut, Pech gehabt! So kann man nämlich auch zahlreiche Kommentare deuten, die nach dem Tod von Al-Bakr kursieren, und die den Tenor tragen, es sei nicht schade um ihn. Wie verroht muss eine Gemeinschaft sein, wenn sie nicht die Tragik eines Selbstmordes in den Mittelpunkt stellt, sondern sich eher darum bemüht, wie viel Ballast eigentlich so ein Gefangener für die Allgemeinheit darstellt. Irgendwie windet man sich immer um Verantwortung: Entweder hat man Glück, ein Straftäter macht nicht von sich reden und kostet wenig Geld – und wenn er doch Schlagzeilen produziert, war man hilflos dagegen.

Suizide könne man nicht vorbeugen, so rechtfertigen sich die zuständigen Mitarbeitervertreter in den Justizvollzugsanstalten. Es ist zweifelsohne richtig, dass nicht alle Anzeichen erkannt werden können, die ein Sterbewilliger mitbringt. Und doch ist es eine Form der vollkommenen Überheblichkeit, der moralischen Egozentrik, wenn man per se nicht einmal bereit ist, sich mit Motiven von Selbstmordabsichten auseinanderzusetzen. Es zeigt, wie selbst manche derjenigen, die auf Gefangene aufpassen sollen, die ihnen zum Schutz unterstellt sind, über ihre Befohlenen denken: Ablehnend und nicht wertig genug, um sich überhaupt mit ihren Sorgen zu befassen. Denn Haft ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Das soll sie sicher auch nicht sein. Aber wollen wir Gefängnisse als eine prosperierende Brutstätte für suizidale Gedanken? Die Systemfrage stellt sich, wieder einmal aufgekommen durch einen besonders prominenten Fall. Welche Würde lassen wir Menschen zukommen, die straffällig oder dessen verdächtig wurden? Ist sie wirklich unteilbar, für alle, wie es uns die Verfassung in Artikel 1 vorschreibt? Und behandeln wir jeden gleich, egal, ob Gewalttäter oder den mit der reinen Weste?

Haftanstalten sind leider nicht das, was sie unserem demokratischen Verständnis des Rechtsstaates gemäß eigentlich sein sollten: Statt Aussichten auf die Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen, nähren sie häufig Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Man könnte meinen, das sei die passende Strafe. Doch möchten wir, statt auf Resozialisierung zu setzen, wirklich lieber Achsel zuckend dabei zusehen, wie sich hinter Gittern tiefe seelische Abgründe auftun – wenn sie nicht schon existieren –, und gar noch ermutigen, einem Leben in solch einem Umfeld ein schnelles Ende zu setzen? Al-Bakr wollte vielen Menschen hierzulande ebenso den Tod bringen. Ist es deshalb weniger verwerflich, ihn sich unbeobachtet strangulieren zu lassen? Ist es gar gerecht? Wir diskutieren die falschen Schlussfolgerungen aus dem aktuellen Ereignis, machen uns keine Gedanken, wie wichtig Therapie in der Haft ist, welch Defizite in der medizinischen Versorgung in unseren Gefängnissen bestehen und ob es überhaupt förderlich sein kann, den Freiheitsentzug in seiner bisherigen Form auch weiterhin als sinnvollstes Mittel der Strafe zu betrachten.

Dass die Mehrheit bei uns noch nicht für solche Differenzierungen offen ist, zeigen die vielen Reaktionen, ganz stellvertretend die der Gewerkschaft der Polizei. Sie kommt mit ihrer üblichen Forderung um die Ecke: Videoüberwachung in den Zellen sei jetzt erforderlich, meint sie. Dass aber auch Gefangene ein Recht auf Privatsphäre haben – und selbst dann, wenn sie als suizidal gelten – dürfte sich aus dem Grundgesetz bereits ableiten. Daher fragt man sich, warum nicht die bereits existierenden Maßnahmen angewendet werden, ehe wieder einmal Aktionismus aufgeboten wird: Sitzwachen sind ein adäquates Mittel, um Gefangenen in schwierigen Momenten eine Aufsicht an die Seite zu stellen, die schneller eingreifen kann, als eine Auszubildende, die Al-Bakr mehr zufällig gefunden hat. Doch auch hier gilt: Warum sollen Menschen mit Selbstmordabsichten nur beobachtet, ein Suizid durch Eingreifen erst „kurz vor zwölf“ verhindert werden? Kaum jemand debattiert diese heikle Frage. Vielleicht ist es zu früh, denn nun muss erst einmal ins Bewusstsein dringen, welch wunde Stellen durch den Tod des Terrorverdächtigen getroffen wurden. Nein, nicht allein deshalb, um seine Pläne aufzudecken, und auch nicht, um zu fragen, ob er als Kleinkrimineller statt als potenzieller Massenmörder behandelt wurde, braucht es Aufklärung. Viel eher darum, was uns ein Leben abseits jeglicher Zuschreibungen bedeutet…

[Dennis Riehle]

Kommentar
Viele Verlierer

Eine traumhafte Einschaltquote, einige anerkennende Schlagzeilen und Lob für den Mut des „Ersten“ – so wird das TV-Event gefeiert, das die ARD in Kooperation mit dem Schweizer und Österreichischen Fernsehen am 17. Oktober 2016 zur besten Sendezeit ausstrahlte. Ein Ereignis, bei dem die Zuschauer aufgefordert waren, über weitaus mehr abzustimmen als beim klassischen „Telefon-Voting“, bei dem man ansonsten eher Küchengeräte und Autos gewinnen kann. Dieses Mal war es der Erkenntnisgewinn, den man versprach – und der in unterschiedlichster Form auch eintrat. „Terror – Ihr Urteil“ war aber keinesfalls das Highlight, auf das man gespannt sein durfte. Vielleicht sogar eher ein Tiefpunkt in der Fernsehlandschaft, aus dem man die Einsicht ziehen sollte: Nicht noch einmal!

Gespannt wartete auch ich auf den Zeitpunkt, als es zum Moment kam, als der Vorsitzende Richter die Verantwortung in die Hände des Zuschauers gab. Als Schöffe sollte man sich nun beteiligen, das Urteil über den angeklagten Piloten zu sprechen, der knapp eineinhalb Stunden in einem Gerichtsprozess dargestellt wurde: Szenisch zwar einseitig, inhaltlich aber oftmals rechtsphilosophisch beanspruchend, wurde der Bürger am Bildschirm mit allerlei theoretischen Konstrukten vertraut gemacht, die eigentlich so etwas Praktisches in sich trugen – das menschliche Leben. Wie sollte man sich einem Vorfall auch nähern, der wörtlich gesehen „aus der Luft gegriffen“ wurde, die gekaperte und gut besetzte „Luthansa“-Maschine, die auf die gefüllte Münchner „Allianz-Arena“ zurast – und letztlich durch die „Courage“ eines Bundeswehrangehörigen in der Luft zerreißt.

Wie sollte man also entscheiden, bei einem Fallbeispiel, das doch viel Abstraktionsvermögen abverlangte und trotz des Versuchs, realistisch dargestellt worden zu sein, an die Grenzen dessen kam, was sich der Fernsehabendzuseher ausmalen konnte. Über achtzig Minuten versuchten wenige Zeugen, die beiden Positionen darzulegen – vom Vorgesetzten des Tornado-Fliegers bis zur Angehörigen, die in der Airline ihren Ehemann verlor. Schauspielerisch sicher eine gute Leistung – und doch blieb alles unwirklich. Und man kann sich vielleicht jetzt besser vorstellen, warum es gegen Pläne so großen Widerstand gibt, spektakuläre Gerichtsverfahren künftig im Fernsehen übertragen zu wollen. Denn der Zuschauer bleibt nicht nur Beobachter, so war es gewollt. Eine Stimmung entwickelte sich, nicht nur im TV, sondern wohl auch an den Geräten zuhause.

Und dann war es so weit: Nach den Plädoyers der Aufruf, im Internet oder über Telefon für „Schuldig“ oder „Nicht schuldig“ zu entscheiden. Was dagegen wohl nicht nur ich erlebte: Dauerndes Besetztzeichen, eine tote Leitung – und beim Ausweichen auf das Netz eine beständige Fehlermeldung, wonach die „Voting-Seite“ momentan nicht aufzurufen wäre. Trotz massiver Probleme beim Abstimmungsprozess vermeldete Frank Plasberg in seiner anschließenden Diskussionsrunde den überwältigenden Freispruch. Weit über 80 Prozent hatten sich für den Piloten eingesetzt. Merkwürdig, dass Österreich bis auf die Kommastelle genau denselben Wert veröffentlichte. Die ersten Mutmaßungen konnten sich auftun: War hier ein bestimmtes Ergebnis gewollt?

Die Frage am nächsten Morgen fiel ganz anders aus, als sich das die Fernsehmacher gewünscht hätten: Deutschland diskutiert nicht darüber, was Kampfpilot Koch hätte machen dürfen. Sondern die Republik schüttelt den Kopf über eine offenbar unfähige Redaktion, die trotz wochenlangen Vorlaufs, großspuriger Ankündigungen dieses Fernsehereignisses und dem Bewusstsein, dass mit einem großen Ansturm an Abstimmenden zu rechnen sein dürfte, nicht in der Lage war, einen reibungslosen Ablauf des Votings gewährleisten zu können. In Zeiten, in denen die Medien sich ihrer digitalen Fähigkeiten rühmen, war solch eine Blamage nicht nur peinlich, sondern möglicherweise auch verheerend in der inhaltlichen Aussagekraft dieses Versuchs.

Und noch viel schlimmer: Auch am kommenden Tag prahlt die „tagesschau“ auf ihrer Webseite noch immer mit einem Ergebnis, bei dem man mittlerweile ganz erhebliche Zweifel an seinem Zustandekommen haben muss. Zwar war auch in den Theateraufführungen des Stücks in der Vergangenheit die Zahl derjenigen, die den Hauptakteur als Schuldigen verurteilt sehen wollten, in der Minderheit. Doch ob diese Eindeutigkeit tatsächlich der Wahrheit entspricht, muss nun zumindest beim Fernsehevent hinterfragt werden. Die Kritiker, die es im Vorfeld bereits zur Genüge gab, erhalten nun unverhofft neue Argumente, warum die ARD mit diesem Sendungsformat einen Reinfall erlebt.

Denn das Experiment brachte auch darüber hinaus große Sprengkraft mit sich. Die Initiatoren der Klage über das Luftsicherheitsgesetz, die 2006 vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt wurde und mit dem Urteil endete, Deutschland dürfe im Falle einer entführten Maschine, die eine viel größere Anzahl an Menschen bedroht als die der Passagiere, nicht abschießen, äußerten bereits vor Ausstrahlung des Films ihre Zweifel, ob es sinnvoll sein könne, das Thema jetzt nochmals aufzugreifen – und einen Gerichtsentscheid der Hüter über das Grundgesetz durch das Fernsehvolk bewerten zu lassen. Nicht umsonst gab es scharfe Worte, bei solch einer Konstruktion entscheide letztlich das Gewissen, die Moral – aber eben nicht der objektive Richter, der sich von den Emotionen eines Florian David Fitz unbeeindruckt zeigt.

Tatsächlich konnte, so machte es auch die Theologin Bahr in der anschließenden Runde „Hart aber fair“ deutlich, nicht erwartet werden, auf diesem Wege zu einem rechtlich argumentativen Urteil zu kommen. Die Dimensionen im Abwägen von einigen Dutzenden gegen einige Zehntauende Leben waren für den Normalsterblichen, der sich nicht auf ein Jurastudium oder die Lektüre von Kants und seiner Kollegen Werke berufen konnte, nur schwer zu greifen. Dass hier ein quantitatives Entscheiden –des Plädierens für ein „kleineres Übel“, wie es der Verteidiger sagte – Vorrang haben würde, war eigentlich schon im Vorfeld klar geworden. Da würde der Grundsatz der Verfassungsrichter, dass kein Leben gegen ein anderes aufgewogen werden könne, nicht zählen – und so kam es auch.

War der Versuch, auf diesem Wege ein Stimmungsbild einzuholen, fahrlässig? War es vielleicht ein Abend, an dem Polemik und Populismus gefördert wurden? Ja, der Begriff der „Volksjustiz“ fiel – und tatsächlich erinnerte ich mich einige Momente an den „Wutbürger“. Nicht, dass es hier Parallelen gäbe. Aber da war nun Gelegenheit, vom Sessel aus seine Emotionen zum Ausdruck zu bringen, ganz bequem, ohne sich auf Montagsdemonstrationen die Kälte antun zu müssen. Nein, ich unterstelle der Fernsehrepublik nicht, dass sie sich keine ernsthaften Gedanken gemacht hat. Im Gegenteil: Wahrscheinlich sind wir zu sehr von unseren Denkmustern geleitet, so klang es auch im Prozess an. Es ist nicht Alltag, was dort verhandelt wurde, kein Nachbarschaftsstreit, bei dem wir uns unsere Meinung einfacher bilden könnten. Selbst die Richter waren in der Bredouille bei einer Fragestellung, die im Augenblick vollkommen fiktiv wirkt.

Sind solche Vorhaben wie ein „Tele-Voting“ über „Schuld“ somit nicht immer zum Scheitern verurteilt? Natürlich wissen wir nun, wie Deutschland abgestimmt hat – oder eben auch nicht. Doch darf uns das in einem Rechtsstaat überhaupt interessieren? Wie die Volksseele kocht? In einer Demokratie ist es wichtig, wenn wir erfahren, welche Parteien am nächsten Sonntag bei der Bundestagswahl gewinnen würden. Doch ist die Gewaltenteilung nicht auch deshalb so wichtig, damit der einfache Bürger sich in dieses sensible Gebiet der Justiz gerade nicht einmischt? Bei Urteilen über Freispruch oder eine lebenslange Haft geht es nicht um ein Spiel, bei dem einige Tasten gedrückt werden und das Resultat aus der Maschine hüpft. Da geht es um das Schicksal von Einzelnen.

Selbst wenn es alles eine Show war, so halte ich sie für schwierig. Wenn wir uns nicht einmal darauf verlassen können, dass die verkündeten Zahlen auch wirklich echt sind, wurde dieses Experiment zu einem grenzwertigen Event, mit dem – wie es ein Talkgast sich wünschte – die Politik aufgefordert werden soll, das Thema des Handelns im Katastrophenfall neuerlich anzugehen. Und man kann nur hoffen, dass sie sich dabei nicht von den nahezu lobbyistisch anmutenden Werten dieser Fernsehabstimmung beeindrucken lässt. Denn darin liegt die größte Gefahr: Volkes Wille macht sich auf banalem Wege viel Luft – da half der Versuch des Reflektierens durch die anschließende Debatte nicht. Die fast schon DDR-Verhältnisse erreichende Mehrheit derjenigen, die Koch als unschuldig sah, erkannte sich in ihrer Perspektive bestärkt, dass der Abschuss eines Flugzeuges gerechtfertigt ist, wenn er Tausende rettet.

Nicht nur die Frage, wo denn die Grenze liegt, an der solch eine Rechnung „aufgeht“, blieb unbeantwortet. Auch das Denkmuster des Piloten fand seine Schwellen dort, wo es um sein Verhalten geht, wenn Frau und Kinder an Bord gewesen wären. Ohnehin blieben viele Ungereimtheiten, die in solch einem inszenierten Prozess niemals ausreichend beantwortet werden könnten – und er deshalb schon nicht repräsentativ sein darf. Dass ein Pilot eigenmächtig handelt, dass ein Flugzeug eher abgeschossen statt ein bedrohtes Stadion geräumt wird und dass ein Angehöriger des Militär seinen Eid auf umständliche Art zu interpretieren versucht – für mich sprach all dies im Zweifel gegen den Angeklagten. Meine Stimme wurde ich allerdings nicht los – wer weiß, wie viele Andere ebenso nicht. Und so bleiben an diesem Abend viele Verlierer zurück – die ARD und ihre Technik, der Rechtsstaat mit seiner Objektivität und ein Fernsehpublikum, das ausgenutzt wurde, auf unredliche Weise Richter zu spielen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

BESCHWERDE wegen des möglichen Verstoßes gegen den Pressekodex
„Junge Freiheit“ (online) vom 10. Oktober 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Beitrag „Linke im Realitätsstreß“, veröffentlicht in „Junge Freiheit (online)“ am 10. Oktober 2016 (https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2016/linke-im-realitaetsstress/), verstößt nach meiner Auffassung in Teilen gegen den Pressekodex. Entsprechend lege ich Beschwerde ein. Ein Ausdruck des Artikels („Screenshot“) ist beigefügt.

Begründung:

„Junge Freiheit“ (online) publizierte oben genannten Beitrag als Kommentar. Wenngleich dieser journalistischen Textform mehr Freiheiten zustehen als beispielsweise einem Sachbericht, sind auch in einem solchen Standpunkt Grenzen der Meinungsfreiheit zu achten, unter denen der Pressekodex gleichsam Anwendung findet. Entsprechend bemängele ich bereits den ersten Satz des Textes, in welchem das Wort der „Schutzsuchenden“ offenkundig bewusst in Anführungszeichen gesetzt wurde. Die Fluchtursachen von Asylsuchenden werden hierdurch pauschal in Frage gestellt, der Autor bezweifelt scheinbar generell, dass Menschen aus Gründen der Gewalt, Verfolgung oder des Krieges zu uns kommen und diese stattdessen nur vorschieben.

Derartige Unterstellungen kommen einer Diskriminierung nach Ziffer 12 Pressekodex gleich. Ich untermauere diesen Verdacht dem Beispiel der offenbar ebenso explizit getroffenen Betonung der „angeblichen“ Traumatisierung, die wiederum die Skepsis an den Angaben der Asylsuchenden – dieses Mal an deren seelischen Zustand – verdeutlicht und mithilfe derer der Autor ihnen mögliche Falschaussagen vorwirft, ohne dafür Belege vorzuweisen.

Fragwürdig auch, was der Autor mit der „sexuellen Not“ ausdrücken möchte. Die Suggestion beim Leser dürfte dahingehend ausfallen, dass Flüchtlinge generell einen sexuellen Drang mitbringen, möglicherweise gar biologisch darauf ausgerichtet sind, und der nun hier am „Frauenvolk“ ausgelebt werden muss. Damit dürften geschickt gedankliche Verbindungen zu Ereignissen wie in der Silvesternacht in Köln oder zu anderen sexuellen Übergriffen hergestellt und Vorurteile bestärkt werden. Einer ganzen ethnischen Gruppe wird eine potenzielle Sexualisierung unterstellt, was einer Diskriminierung einerseits (Ziffer 12 Pressekodex), aber auch einer Missachtung ihrer Ehre (Ziffer 9 Pressekodex) gleichkommt.

Die vorliegenden Zitate aus einem verlinkten Artikel bleiben bei der Betrachtung außen vor. Viel eher ergeben sich die anstößigen Stellen aus den eigenen Worten des Kommentators. Er arbeitet dabei unzureichend heraus, dass sich sein Beitrag offenbar auf Einzelfälle in Leipzig bezieht. Statt einer Differenzierung streckt sich durch den Text viel eher der Tenor einer Frauenfeindlichkeit des „afrikanisch-orientalischen Jungmannens“ im Allgemeinen, ist doch eine Individualisierung und Begrenzung auf die tatsächlich geschilderten Beispiele ausgeblieben.

Insofern liegt unter Abwägung der Verhältnismäßigkeiten von Meinungsfreiheit und den genannten Ziffern des Pressekodexes für mein Verständnis ein eindeutiger Verstoß gegen die presseethischen Vorgaben vor, weshalb ich um eine Prüfung des Beitrages bitte.

Ich verbleibe mit Dank
und bestem Gruß

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Leserbrief
zur Ankündigung der SPD, einen Untersuchungsausschuss zu den Nebenabsprachen der baden-württembergischen Regierungskoalition nicht zu unterstützen

Es sei nicht das richtige Instrument, so argumentiert die SPD, wenn es um ihre Ablehnung eines Untersuchungsausschusses zu den Nebenabsprachen der baden-württembergischen Regierungskoalition geht. Man fragt sich, weshalb die Partei ihrer Oppositionsrolle noch immer nicht gewachsen zu sein scheint, immerhin hatte sie doch ausreichend Zeit, sich in dieser neuen Funktion einzufinden. Derzeit kommt sie auch weiterhin wie dieser unterwürfige, kleine Bruder ihres früheren Partners daher, ihre Zähne scheinen stumpf, der Wille zu Verantwortung gering. Die Aufgabe der Opposition ist nun einmal die schonungslose Aufklärung dessen, was nicht transparent ist. Dafür braucht es Mut. Und schließlich ist sie der Anwalt der Wähler, sie hat zu kontrollieren, was die Regierenden in ihrer Überheblichkeit aus Macht und Egoismus am Bürger vorbei beschließen. Dass die Sozialdemokraten Ehrerbietung erbringen, statt Offenheit einzufordern, mag daran liegen, dass auch sie nicht immer diejenigen gewesen sind, die Nachvollziehbarkeit großgeschrieben haben. Und auch wenn man das Instrument des Untersuchungsausschusses nicht überstrapazieren soll, weil es das letzte Mittel der Opposition bleibt, um Klarheiten zu erlangen, täte Rückgrat der geschrumpften SPD besonders gut. Gerade unter dem Gespenst von Ausschüssen über den Linksextremismus und Islamismus, auf die die AfD besteht, wäre es ein klares Zeichen, ein Gremium einzusetzen, das sich tatsächlich mit einer realistischen Gefahr auseinandersetzt – nämlich der der Verschleierung politischer Absprachen.

[Dennis Riehle]

Logo Nachbarschaftshilfe

Pressenotiz
Die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. teilt mit:

Personen, die die Nachbarschaftshilfe unserer Helferinnen in Anspruch nehmen, fragen desöfteren danach, ob die dafür aufgewendeten Ausgaben durch die Pflegeversicherung übernommen werden. Gemäß § 45b SGB XI sind niederschwellige Betreuungs- und Entlastungsleistungen hierfür gedacht. Nachdem diese jedoch das professionalisierte Ehrenamt ansprechen, erfüllt die Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. diese Vorgaben nicht. So müssen die Kosten für den Dienst der Helferinnen privat getragen werden.

Es besteht jedoch die Möglichkeit, in Ausnahmefällen durch einen Antrag bei der zuständigen Pflegekasse eine teilweise Erstattung zu erlangen, gerade dann, wenn es sich um Leistungen handelt, die der Pflege ähnlichen Charakter haben. Hierfür trifft die Kasse jeweilige Einzelfallentscheidungen, sodass keine pauschale Aussage möglich ist, ob Ausgaben letztlich auch tatsächlich getragen werden. Im Zweifel sollten Sie formlose Anträge mit der passenden Begründung an die jeweilige Pflegeversicherung stellen.

Hierbei kann die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. unterstützen. Ihr Leiter, Dennis Riehle, ist vorzugsweise per Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de und per Post (Martin-Schleyer-Str. 27), alternativ in Ausnahmen auch per Tel.: 07531/955401, zu erreichen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Nach dem Beschluss, die „Humanistische Alternative Bodensee“ aufzulösen, haben sich einige Interessierte zusammengefunden, um das Projekt unter einer anderen Zielsetzung fortzuführen. Als „Humanistischer Arbeitskreis Bodensee“ soll der Schwerpunkt des Zusammenschlusses künftig stärker auf inhaltlicher Arbeit liegen. Sprecher Dennis Riehle erklärt: „Wir fokussieren uns auf die Erarbeitung von Texten, Beratung von Menschen in Glaubenskonflikten und die Förderung des Dialogs, statt mit Mühen um die Ausrichtung von Informationsveranstaltungen, Stammtischen oder Events zu ringen. Es wurde viel Zeit und Kraft in Projekte investiert, die wir besser in Aufklärungsarbeit hätten setzen sollen. Außerdem hat sich unter den Aktiven die Tendenz zu einem christlichen Humanismus kristallisiert, was nicht bedeutet, dass wir uns vom Säkularen abwenden würden, aber den Dialog suchen wollen, auch kritisch, gleichsam zu allen Seiten“.

Die Abkürzung „HABO“ und das Logo bleiben erhalten, die Initiative versteht sich jedoch nun eher als Plattform für die Erarbeitung von Diskursen, die Erörterung der Gottesfrage und die Bedeutung der Religion auf Politik und das kulturelle Leben. „Wir verurteilen weder Gläubige noch diejenigen, die sich von der Kirche oder Religion abgewendet haben. Wir unterstreichen ausdrücklich das Recht auf säkulare Weltanschauungen und fordern nachdrücklich die Gleichberechtigung derer, die sich atheistisch, freidenkerisch oder konfessionsfrei orientieren. Gleichzeitig wollen wir das Gespräch zwischen den Meinungen nicht abreißen lassen, sondern den gegenseitigen Respekt fördern und zum Verständnis aufrufen – ohne dabei alles für jeden nachvollziehbar zu machen“, so Riehle.

Man habe sich aus Erfahrungen in der Vergangenheit auch darauf geeinigt, christliche Wurzeln mit humanistischen Anschauungen zu verbinden, aber nicht, ohne dabei reflektierte Exegese zu betreiben: „ Nach unserer Meinung ist auch der Humanismus zu einer Selbstkritik verpflichtet und darf den Menschen nicht nur in seinen Freiheiten fördern, sondern muss ihn auch vor Übermut und Selbstüberschätzung bewahren. Wir distanzieren uns daher von der Idealisierung des antiken Humanismus, folgen eher den Ansichten eines sozialen Menschlichseins, das die Solidarität vor den Egoismus stellt. Sich individuell entwickeln zu dürfen und dabei auch seinen Glauben frei zu formulieren, gehört für uns ebenso zu einem verantwortungsvollen Humanismus wie die Auseinandersetzung mit den ethischen Herausforderungen der Moderne, die dem Menschen zwar viel ermöglicht, aber nicht immer zum Wohle Aller dienlich erscheint. Daher sehen wir die Verbindung mit christlichen Wertevorstellungen als eine passende Kombination, wenngleich sie nicht immer auf Gegenliebe stößt“.

Die Kontaktdaten der HABO sind auch weiterhin dieselben (Web: www.humanisten-bodensee.de, Mail: sprecher@humanisten-bodensee.de), man wolle jedoch nicht mehr zwingend unter dem Druck stehen, ständig wachsen zu müssen oder Sprachrohr für alle Humanisten am Bodensee zu sein. „Wir freuen uns über jeden, der mit uns diskutieren will, der bei uns mitarbeiten möchte, aber vollkommen unverbindlich, ohne Zwang dazu, eine prosperierende Initiative sein zu müssen“ formuliert der HABO-Sprecher abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung
Selbsthilfegruppe ermutigt zur Weltwoche der Seelischen Gesundheit

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe für Zwänge, Phobien, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz blickt zur Weltwoche der seelischen Gesundheit auf aktuelle Herausforderungen für alle Akteure, die sich um die Belange von Menschen mit psychischen Leiden kümmern. Ihr Leiter, Dennis Riehle, sieht vor allem die Verantwortung gegenüber den Traumata der Asylsuchenden als zentrale Aufgabe, die momentan die Helfenden befasst.

„In diesem Jahr richten wir unser Augenmerk besonders auf die Menschen, die aus Krisengebieten zu uns geflüchtet sind. Sie tragen nicht selten einen für uns nicht fassbaren Ballast auf ihrer Seele. Auch die Selbsthilfeangebote sind Anlaufstelle, wenn es darum geht, eine niederschwellige Unterstützung zu leisten und dabei zu helfen, die passenden Versorgungsstrukturen zu suchen. Wir hoffen, dass die kürzlich in ihrem Nutzen bestärkte ‚Systemische Therapie‘ alsbald zur Kassenleistung wird, denn sie kann besonders dieser Personengruppe wirkliche Chancen auf Linderung der seelischen Nöte bringen“, so Riehle.

„Nicht nur Flüchtlinge profitieren daneben von neuen Lotsenfunktionen, wie sie in Baden-Württemberg die Informations-, Beratungs- und Beschwerdestellen (IBB) in Psychiatrie und Psychotherapie besitzen. Durch die gemischte Besetzung, auch mit Betroffenen, sind die eine wichtige Ergänzung, die Aufmerksamkeit bedarf. Und auch die zunehmende Bedeutung der Sozial- und Gemeindepsychiatrischen Dienste mitsamt dem Ausbau ihrer Strukturen ist für Menschen mit seelischen Problemen eine gute Entwicklung, die es positiv hervorzuheben gilt“.

Der Gruppenleiter sieht allerdings noch ganz andere gesellschaftliche Probleme: „Sorge bereiten uns die zunehmenden Abhängigkeiten durch das mediale und vor allem digitale Zeitalter. Das Verhalten nicht nur von jungen Menschen hat mittlerweile einen Suchtcharakter erreicht, der für die seelische Gesundheit nicht förderlich sein kann. Der Anstieg an Anfragen von Eltern, die ihre Kinder kaum noch vom ‚Smartphone‘ trennen können, beunruhigt dabei besonders. Denn die soziale Isolation ist nicht selten Ausgangspunkt für einen Rückzug in eine Parallelwelt, die Meldungen über depressive Kinder ist erschreckend hoch“.

Allerdings gibt es laut Riehle auch ermutigende Perspektiven: „Nach den Querelen um das Entgelt für die Leistungen der stationären psychiatrischen Pflege und Versorgung scheinen sich Verbesserungen abzuzeichnen, die insgesamt hoffen lassen, dass der Arbeit der dort Tätigen endlich der nötige Respekt zugeht und die Patienten nicht noch stärker zu ‚Fällen‘ werden, sondern in ihrer individuellen Problematik gewürdigt werden können. Gleichwohl dürfen wir nicht allein die prekäre Situation der wachsenden Zahl an Betroffenen verwalten, sondern müssen Ursachen bekämpfen. Und dabei spielt unsere veränderte Philosophie von Egoismus, Leistung und Schnelllebigkeit eine Rolle, die krankt macht. Insofern beginnen die Maßnahmen bereis bei einem adäquaten Betrieblichen Gesundheitsmanagement, das seinen Fokus auch auf ein Gleichgewicht aus Körper und Seele legt, gleichsam aber auch in der Sensibilisierung und Aufklärung über psychische Erkrankungen und Maßnahmen der Vorsorge, am besten bereits in den Schulen“, so der selbst Betroffene 31-Jährige.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Pokémon Go in der Kirche: Das geht gar nicht, findet der Pfarrer“, SÜDKURIER Konstanz vom 4.10.2016

Wer in die Kirche kommt, der sollte dies aus einem bestimmten Antrieb tun: Gotteshäuser sind Orte der Besinnung. Menschen kommen dort zusammen, um ihren Glauben zu leben. Zweifelsohne strahlen sie somit auch Vitalität aus, weshalb es falsch wäre, Abwechslung, Freude oder Spaß aus ihnen zu verbannen. Doch sie sind keinesfalls dafür gedacht, sie für das reine Vergnügen zu entweihen. Ich tue mir schwer, bei „Pokémon Go“ irgendeinen Zusammenhang zu dem religiösen Bekenntnis zu finden, für das eine Kirche steht. Im Gegenteil: Sie soll unsere Gedanken zentrieren, uns nicht ablenken. Jeder bringt seine Gottesfurcht anders zum Ausdruck, sicher aber nicht dadurch, ein Gebetshaus für eine virtuelle Welt zu missbrauchen. Gerade ein Spiel, das auf Kampf, Kommerz und Erobern ausgerichtet ist, entspricht dem typischen Bild des Götzendienstes. Ein Pfarrer, der seine Sehenswürdigkeit davor bewahrt, handelt verantwortungsvoll. Denn er hat die wesentliche Verpflichtung gegenüber jenen, die den Zweck der Kirche würdigen und sich in ihr sammeln wollen. Ruhe zu finden, das ist in der heutigen Zeit nicht einfach, daher lobe ich Herrn Rudiger dafür, dass er denen Heimat bietet, die im Hier und Jetzt lebendig sind. Es ist Aufgabe der Kirchen, nicht alles zu tolerieren, sondern den Menschen auch Grenzen aufzuzeigen, zu deren eigenem Schutz. Und bei allen Versuchen der Übertragung des Biblischen in die heutige Zeit habe ich meine Zweifel, ob sich Jesus gern von magischen Fantasiewesen hätte jagen lassen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Ihnen wurde aus Litzelstetten eine Unterschriftenliste übergeben, die sich auf den ersten Blick für den Erhalt des Blickes auf den See an der Straße „Im Loh“ einzusetzen vermag. Mehrere hundert Unterzeichner sollen das Anliegen unterstützt haben, davon viele auch aus Litzelstetten.

Ich bin mir nicht sicher, ob alle, die unterschrieben haben, auch tatsächlich den Einleitungstext zur Unterschriftenliste gelesen haben – oder allein auf den Titel blickten. Denn wenn man die Zeilen unter der Überschrift ansieht, so kommen doch Zweifel, ob hier nicht zumindest unterschwellig Ressentiments bedient werden, die möglicherweise gerade in unserer Gesellschaft latent fortbestehen.

„Anschlussunterkünfte mit Seeblick für Flüchtlinge“ sollen dort entstehen, so der Wortlaut, der fragen lässt: Dürfen Flüchtlinge denn keine Seesicht haben? Ist der Blick auf den See nicht für alle da? Warum muss man solch eine Selbstverständlichkeit derart ausdrücklich erwähnen, wenn man damit nicht gleichzeitig Asylsuchende zu Menschen mit weniger Rechten, als zweitklassig, degradieren will? Ich bin mir nicht sicher, ob die Bürger diese Passage vielleicht nicht wahrgenommen haben – oder einfach unterzeichnet haben, was in großen Lettern als Forderung über allem steht. Dennoch will ich bezweifeln, dass eine solche Unterschriftenliste nicht doch auch ein gewisser Ausdruck von Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen ist, die unter dem Deckmantel des Protests gegen eine Bebauung des Gewanns „Vordere Lohäcker“ formuliert werden.

Insofern hätte ich mir Ihrerseits bei der Entgegennahme, spätestens aber danach, ein Statement gewünscht, denn ich meine, solch eine Aktion sollte auch vonseiten der Politik nicht ohne Widerspruch bleiben – wenngleich die Initiatoren vielleicht in erster Linie tatsächlich die Haltung der Stadtverwaltung und des Gemeinderates vertreten, wonach die Grünfläche an besagter Stelle erhalten werden soll. Denn dass wir offenbar auch weiterhin mit ganz erheblichen Vorbehalten konfrontiert sind, wenn es um die Unterbringung von Asylsuchenden und ihre Anerkennung als gleichwertige Mitmenschen geht, zeigt sich nicht nur an Äußerungen wie auf dieser Unterschriftenliste. Angst, Missgunst, Neid – das gesellschaftliche Klima ist keineswegs allein auf Willkommenskultur ausgerichtet. Viel eher steigen die Erwartungen an die Flüchtlinge – und die Sorge um das Abgehängtwerden ist groß (wenngleich es in Litzelstetten keine Befürchtungen um existenzielle Nachteile, sondern vor Wohlstandsverlust sein dürfte). Ich meine, wir brauchen noch mehr Anstrengungen in der Transparenz, beispielsweise auch, wie die Verteilung von Flüchtlingen letztendlich gesamtkonzeptionell im Ort ganz konkret aussehen soll. Und auch in der Begegnung: Oftmals wissen die Menschen nicht einmal, wenn in der Nachbarschaft Asylsuchende einziehen. Integration kann aber nur gelingen, wenn man übereinander auch informiert ist.

Im Übrigen hadere ich, dass der Eindruck, die Position der Unterschriftensammler könnte mehrheitsfähig sein, zutreffend ist. Ob sich alle Litzelstetter eine Meinung zu dieser Thematik gebildet haben, ich weiß es nicht. Zweifelsohne wird der gegenteilige Standpunkt des Ortschaftsrates von vielen Menschen nicht nachvollzogen – dies aber auch, weil die seit langem andauernde Diskussion um dieses Gebiet und die Argumentation des Rates nur bedingt bekannt sein dürfte. Trotz allem gilt, dass der Ortschaftsrat nicht umsonst laut Gemeindeordnung ein Vorschlagsrecht besitzt, ist er doch das den hiesigen Bürger am Nächsten gelegene Gremium, das die Besonderheiten vor Ort am besten einordnen kann. Und in einer repräsentativen Demokratie gilt, dass die Organe auch dann Legitimation besitzen, wenn sie einmal nicht die Ansicht der Bevölkerung vertreten. Insofern bleibt nur der Appell, den Ortschaftsrat anzuhören, sich mit seinen Zielen auseinanderzusetzen und ihn in Wertschätzung des demokratischen Miteinanders auch entsprechend ernst zu nehmen.

Mit diesem Wunsch grüße ich Sie

Ihr

[Dennis Riehle]