Leserkommentar

Wer in diesen Tagen die Medien von einer Aufstellungsversammlungen ausschließt, der begeht eigentlich einen politischen Selbstmord.

Es ist nur schwer vorstellbar, welchen anderen Grund DIE LINKE im Kreis Konstanz gehabt haben soll, die Presse nicht einzuladen, als eben den gleichen wie die AfD im Land. Befürchtete man Kampfkandidaturen? Oder Ausfälligkeiten der teilnehmenden Mitglieder? Von denen die Öffentlichkeit am besten nichts mitbekommen sollte?

Wenn ja, so hat man nun das völlige Gegenteil von dem erreicht, was wohl am liebsten gewesen wäre. Die Phantasien der Beobachter von außen sprießen nun – und aus einer nichtssagenden Pressemitteilung erkennt der Interessierte nur einige aneinandergereihte Forderungen, die auf diese Art keine glaubwürdigen Wahlversprechen sind, sondern eben doch nur reine Utopien bleiben.

Es fehlt der Blick auf den Kandidaten, die Erklärungen darüber, wie er seine ambitionierten und nicht sonderlich neuen Ziele finanzieren und erreichen möchte. Mit plakativen Visionen lässt sich keine Wahl gewinnen, das zeigte schon die Leier über ständige Steuersenkung der FDP. Und überhaupt: Die Journalisten hatten durch ihre Abwesenheit bei der linken Zusammenkunft nicht einmal die Möglichkeit, Fragen zu stellen, beispielsweise, warum mit einem Kandidat in das Rennen gezogen wird, der schon einmal bei den Landtagswahlen antrat – und nur relativ gesehen einen Erfolg errang.

Vielleicht gibt es gute Argumente dafür, dass man sich schützen wollte, doch keiner hat sie erfahren dürfen. Nominierungsveranstaltungen sind bereits ein Teil der Wahl. Und in einer Demokratie müssen sie transparent und für jeden zugänglich sein, um dem Bürger auch Gewissheit darüber zu verschaffen, dass derjenige, den man auf dem Stimmzettel ankreuzen möchte, ordnungsgemäß dazu berechtigt worden ist.
Blindes Vertrauens, darauf kann in der heutigen Zeit niemand mehr hoffen, auch nicht DIE LINKE…

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Kürzlich stand ich am Bahnhof und wartete auf meinen Zug. Neben mich stellte sich plötzlich eine junge Frau, die nicht glücklich aussah. Ich meinte, auch eine Träne gesehen zu haben. Man spürte wahrlich ihre Sorgen, und so drehte sie sich augenblicklich zu mir um und sprach mich an: „Sind Sie ein gläubiger Mensch?“. Eine merkwürdige Frage auf einem morgendlich dunkel erscheinenden Bahnhof im kalten November, grau war es und ungemütlich. Und dann über den Glauben zu sprechen, ist das nicht ein bisschen waghalsig? Zwischen zwei Unbekannten, die froren und eigentlich hofften, dass die Ansage bald ertönen möge? Ich zögerte mit meiner Antwort nicht nur deshalb, sondern vor allem auch, weil ich nicht genau wusste, was ich sagen sollte. Bin ich denn ein gläubiger Mensch? „Ja, doch. Ich denke schon“, gab ich an, denn ohne irgendeine Art eines Glaubens wäre es doch kaum möglich, überhaupt auf dieser Welt zu existieren.

„Wissen Sie, bald ist ja der 1. Advent. Und dann heißt es doch, wir müssen auf die Ankunft des Herrn vorbereitet und freudig sein. Aber das bin ich nicht. Alleinerziehend, ein Kind, eine zu kleine Wohnung, ‚Hartz IV‘, seit über einem Jahr keinen Job, entmutigt und beschämt, dass ich meinem Sohn überhaupt nichts bieten kann. Und dann soll ich auch noch Christus bei mir empfangen?“. Eine halbe Lebensgeschichte, um 5.20 Uhr an einem Montag, zwischen dem Getränkeautomaten und einer Sitzbank. Auf einem Bahnsteig in kühler und feuchter Morgenluft. Und daneben eine theologische Frage, die mich nicht nur berührte, weil ich mir eigentlich dieselben Gedanken schon vor einigen Wochen gemacht habe, sondern weil sie mit einer so spürbaren Erwartung in meine Richtung gestellt worden ist.

Paul Gerhardt formulierte in einem seiner vielen Liedtexte: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“ (EG 11,1). Ja, wie lasse ich mich denn darauf ein, dass da solch ein König bei mir einziehen will? Ein irdischer Herrscher, der würde nicht einmal daran denken, bei mir vorbeizukommen. Aber auch, wenn es ein ganz normaler Gast wäre, ich würde doch zumindest die Wohnung wieder einmal in Ordnung bringen. Aufräumen und Staubsaugen, Wischen und ordentlich Polieren. Aber wenn es nun ein Würdenträger ist? Ein irdischer König, der würde wahrlich eine saubere, eine vergoldete, eine blitzblank funkelnde Wohnung erwarten. Wenn ich dann mit meinem kleinen Heim so weit gekommen wäre, dass vom Boden gegessen werden kann, dann könnte ich mir auch vorstellen, diesem Aufruf wirklich zu folgen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit“.

Dürfen wir unsere Tür aber auch öffnen, wenn es in unserer Wohnung vielleicht einmal unaufgeräumt geblieben sein sollte? Wenn sie zu klein ist, wenn es vielleicht keinen Protz und Prunk darin zu finden gibt? Und dürfen wir das Tor in unser Leben auch dann ausbreiten, wenn es darin wie auf einer Achterbahn zugehen sollte? Wenn wir vor vielen Scherben stehen, wenn wir nicht weiter wissen? Wenn wir uns schlecht fühlen, wenn wir Angst vor den nächsten Rechnungen, dem anstehenden Termin beim Amt, dem Geburtstag unseres Kindes haben, weil das Geld nicht einmal für ein ordentliches Geschenk ausreichen wird? In einer Gesellschaft, von der wir immer wieder hören, sie habe einen großen Wohlstand erzielt, ist es für die Abgehängten eine dauernde Anstrengung, ihre oftmals als eigenes Versagen wahrgenommene Lebenssituation zu verstecken und sich jeden Tag neu durch die Anforderungen zu ringen, die für ein bloßes Existieren an sie gerichtet werden.

Jesus schaut nicht darauf, ob unsere Böden auch tatsächlich frei sind von allem Schmutz – egal, ob die seelischen, die realen oder auch die geistlichen. Viel eher anerkennt er, dass weder eine Wohnung, noch ein Leben wirklich perfekt laufen kann – und auch nicht sollte. Er selbst weiß, dass die Auslieferung an die Gesellschaft eine vernichtende und gleichzeitig aber auch stärker machende Erfahrung sein kann. „Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los, ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß und hebst mich hoch zu Ehren, und schenkst mir großes Gut, das sich nicht läßt verzehren, wie irdisch Reichtum tut“ (EG 11,4)“. Der nun ankommende Heiland, er setzt nicht auf das Vergängliche, er kommt, um uns zu trösten. Er will uns neue Kraft schenken, gerade auch dann, wenn es das Leben einmal nicht gut mit uns meinen sollte. Und er zieht ganz unvoreingenommen bei uns ein, als ein Kind in der Krippe, als ein König, dem es nicht um seine Krone geht.

„Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt. Sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsere Not zum End er bringt, deshalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat“ (EG 1,2). Die Züge haben jetzt Einfahrt, die Wege der jungen Dame und der meinige, sie trennen sich, nachdem ich ihr noch diesen Vers von Georg Weissel auf ihre Tour durch den Advent mitgegeben habe. Doch wie empfangen wir ihn nun, diesen König in der Krippe liegend? So, wie auch er auf uns zukommen wird: Er nimmt uns an, denn er ist einer von uns. Von jedem, der sein Herz für Menschlichkeit zugänglich machen will, der hinsieht, wenn es Anderen große Mühen und Unwägbarkeiten abverlangt, durch den steinigen Alltag zu ziehen. Der Zeit gibt, wenn offene Ohren oder auch eine zupackende Hand gebraucht werden sollten. Derjenige vergrößert nicht nur seinen eigenen, nicht-materiellen Reichtum, sondern auch die Armut nebenan. Wie bereiten wir uns vor, auf die Ankunft von Gottes Sohn? Am besten durch das Wiederentdecken der Nächstenliebe…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung

Eine Demokratie sollte von einer gewissen Dynamik leben. Eine Mehrheit der Deutschen möchte Angela Merkel zum vierten Mal als Kanzlerin des Landes. Was unseren Breiten nachgesagt wird, das ist der Wunsch nach Beständigkeit.

Aber was verliert ein politisches System, wenn es offenkundig nicht mehr für den Wechsel bereit sein will? Und welches Armutszeugnis ist es auch für die CDU, wenn es keine Alternative mehr zu einer einzelnen Person im Amt des Vorsitzenden und des Regierungschefs gibt?

Merkel war recht selbstherrlich, wenn sie die Verantwortung über Jahre schleifen ließ, die geeigneten Nachfolger zu stärken. In der Partei scheint man sich weiterhin blind auf eine trügerische Kontinuität zu verlassen, statt gerade in diesen Epochen, in denen Umwälzungen immer geballter auf uns zukommen, nicht nur auf Ruhe in den eigenen Reihen und außerhalb der Vertrauten, sondern eben auch auf eine gewisse Bereitschaft zum Agieren in der Republik selbst zu setzen.

Wo waren die Innovationen, die von der CDU-Chefin in den vergangenen Jahren ausgingen? Außer Verlässlichkeit schien man nichts von ihr zu hören. Wie abhängig macht sich eine politische Kraft, wenn sie sich nur noch auf einen Star, der schon fast abgöttisch verehrt wird, ausrichtet! Das hat wahrlich autokratische Züge. Nicht, dass sich Frau Merkel zu solch einer Figur macht.

Ihre Anhänger und ein Großteil der Bevölkerung erklären sie zur unverzichtbaren Eminenz, die allerdings Umsichtigkeit beweisen könnte, würde sie die Christdemokraten zu Veränderung zwingen.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Die Klatsche war deutlich. Ministerpräsident Kretschmann hatte sich mit Leidenschaft gegen die Forderung nach einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer ausgesprochen – auch wenn sie nur für „Superreiche“ gelten möge. Er argumentierte mit Erfahrungen aus seinem Bundesland, die ihm verdeutlichten, dass eine derartig zusätzliche Abgabe nicht nur der Wirtschaft schaden könne, sondern auch dem Standort Deutschland, als angenehmer Alterswohnsitz für Millionäre. Die Anhäufung von immer mehr Profiten ohne eine Besteuerung, das wollte die grüne Mehrheit nicht, die Delegierten votierten für Trittin und seine Mitstreiter. Und auch bei der Sanktionierung von „Hartz IV“-Empfänger gab es eine klare Linie gegen den „Realo-Flügel“.

Dass die Entscheidungen wirklich sinnvoll gewesen sind, zeigten die gleichzeitig bekannt gewordenen Pläne des Bundesfinanzministers, der wieder einmal deutlich machte, warum Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden war. Oberflächlich scheint es auch in Deutschland keine Wechselstimmung zu geben, Angela Merkel gilt als unumstößlicher Fels. Doch hier wie dort brodelt es in der Tiefe des Wutbürgers. Aktuelle Studien zeigen: Eine von Politikern gefühlt noch so vernünftige Programmatik erreicht die Menschen nicht mehr. Offenbar wird vielen Parteien überhaupt nicht klar, dass sie die Bevölkerung abhängen, wenn sie in der Finanzkrise den Steuerzahler für Fehler der Ökonomie heranziehen und – anscheinend daraus überhaupt nichts gelernt – nun Autobahnen teilprivatisieren wollen, um Banken und Versicherern noch mehr Geld aus Taschen der Allgemeinheit in den Rachen zu stecken.

Die CSU hat es angekündigt: Das Ziel des kommenden Wahlkampfes ist die Verhinderung einer „linken“ Mehrheit. Es steht ein klassischer Lagerwahlkampf bevor. Und das scheint angesichts der trügerischen Stille unter einer Kanzlerin, die müde in ihrer Führung wirkt, auch tatsächlich notwendig. Die „Grünen“ haben einen klaren Akzent gesetzt und offenbar einen feinfühligeren Riecher gezeigt als ihr Parteikollege aus Stuttgart, dem nach diesem Aufritt wohl endgültig ein Wechsel zu den Christdemokraten nahegelegt werden muss.

[Dennis Riehle]

Riehle, Dennis_Presse_150x150

Kommentar
zum Entscheid des Bundestags über die Forschung an demenkranken Menschen

Es ist ein zweischneidiges Schwert in der Diskussion über mögliche Medikamententests an derzeitigen Demenzkranken. Da ich als junger Mensch bereits mit einem hohen Risiko und ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung anders auf die Debatte blicke als vielleicht Altersgenossen, frage ich mich, wie ich mich entscheiden würde. Ähnlich wie bei meinem Ringen über das persönliche Ausfüllen des Organspendeausweises, so sehe ich die Notwendigkeit, dass Menschen geholfen werden kann – auch wenn ich keinen Nutzen mehr habe. Neues Wissen über die Demenz, das mag dem Betroffenen nicht mehr zugutekommen, aber es ist im Augenblick die einzige Chance, valide Informationen für die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Ursachenforschung und Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen zu gewinnen. Und doch bin ich kein Versuchslabor – das unterscheidet die aktuelle Fragestellung auch von der der Organspende. Die Testung an lebenden Menschen, es kommen schwierige Erinnerungen in die Köpfe. Gerade auch, wenn es die Psychiatrie betrifft, werden Gedanken an die unerträglichen Misshandlungen von Patienten wach, die manches Bild von der Behandlung seelisch Kranker noch bis heute prägen.

Ich kann den früheren Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hüppe, bestens verstehen, wenn er von einem „Dammbruch“ spricht. Wie wird das mit anderen Erkrankungen sein, bei denen die Menschen ebenso zum Zeitpunkt des medizinischen Versuchs vielleicht nicht mehr in der Lage sind, einzuwilligen? Kann es wirklich ausreichen, hypothetisch für solch einen Test bereit zu sein und dies Jahre oder Jahrzehnte zuvor schriftlich zu erklären? Auch hier liegt die große Herausforderung des neuen Gesetzestextes: Wie kann gewährleistet werden, dass der Patient letztlich nur den Versuchen unterzogen wird, denen er einst zustimmte? Wie wenig haltbar die Formulierungen in solchen Vereinbarungen sind, zeigt das momentane Urteil des Bundesgerichtshofes über hunderttausende Patientenverfügungen, die plötzlich ungültig geworden sind. Wie kann hier Rechtssicherheit gewährt werden? Wie wird garantiert, dass eine fachkundige Aufklärung und ein entsprechend medizinischer und psychologischer Beistand bei der Erklärung über solch eine Teilnahme an Tests gewahrt bleibt? Und wie sicher ist es, dass unter solchen Versuchen nicht auch menschenunwürdige Bedingungen, Nebenwirkungen oder sonstige Reaktionen eintreten, die wir nicht mehr für ethisch vertretbar ansehen?

Es sind noch viele Details ungeklärt. Die Abwägung der menschlichen Integrität eines Einzelnen und eines Gewinns für Viele mag auf den ersten Blick leicht fallen. Kürzlich erst diskutierte Deutschland, wie es urteilen würde, wenn ein Pilot ein Flugzeug abschießen würde, das Entführer in die Richtung eines voll besetzten Stadions lenkte. Angeblich würde sich die Nation hier für das Leben der Mehrheit einsetzen und die der Minderheit einfach aufgeben. Doch so kann unsere Moral, unsere Justiz und auch unser Gewissen nicht argumentieren. Artikel 1 des Grundgesetzes sieht die Menschenwürde für jedes Individuum als unantastbar an. Wahrscheinlich auch, wenn dadurch viele Andere einen Nachteil haben. Ein Fundament in unserem Rechtsstaat ist auch das von Verhältnismäßigkeit. Natürlich winkt die Aussicht auf Heilung für die Nachwelt. Doch ist dieser Mehrnutzen tatsächlich schwerwiegender als die Unversehrtheit des Demenzkranken von heute, der eben auch einen Anspruch darauf hat, dass ihm nicht zusätzliches Leid zugefügt wird? Das Bestreben nach Linderung von Alterserkrankungen, ich bin mir nicht immer sicher, ob hinter dem Engagement allein auch dieser Zweck steht. Ist es tatsächlich ausschließlich ein eventueller Nutzen für die Betroffenen der nächsten Generation – oder nicht auch für manches Pharmaunternehmen, für den Gewinn der Forschungsanstalten und das Selbstbewusstsein hierfür ausgewählter Wissenschaftler? Steckt hinter diesem Drang, unseren Körper, unseren Geist, die Existenz im Gesamten, immer weiter zu „transformieren“, zum perfekten Menschen, denn wirklich Selbstlosigkeit – oder nicht auch der Profit für Wenige?

Vielleicht kranken wir gar nicht an dieser Demenz, sondern daran, dass wir es nicht akzeptieren können, als Lebewesen auch vergänglich zu sein. Für niemanden ist es eine schöne Erfahrung, die Symptome dieser unheilbaren Störung durchleben zu müssen. Gehört aber nicht genau das zu unserem Leben, die Herausforderung der verschiedensten Tiefen in unserer persönlichen Biografie? Die Perspektive auf die möglichen Erfolge im Kampf gegen die Demenz, können sie tatsächlich rechtfertigen, dass wir uns am lebenden Objekt mit Arzneimitteln ausprobieren? Ich erinnere mich, wie groß der Aufschrei war, als bekannt wurde, dass in Tübingen an Affen weiterhin Versuche unternommen würden, Tierschützer klagten die Verantwortlichen öffentlich an. Ist es nicht nachvollziehbar, dass nun die Lebensschützer gleichfalls protestieren? Man könnte entgegenhalten, ob meine Meinung dieselbe wäre, wenn es um Krebs ginge. Ich weiß es nicht. Und ich bin froh, dass sich die Frage derzeitig nicht stellt. Aber ich weiß im Moment, dass ich das Menschsein vielleicht ganz anders verstehe als die scheinbare Mehrheitsbevölkerung. Nicht als Zufallsprodukt einer Evolution, das sich nun selbst helfen muss, um einen Idealzustand in völliger Vollkommenheit zu erreichen, um die Fehler der Natur in ihrem Prozess der vergangenen Millionen Jahre wettzumachen. Annahme ist für mich keinesfalls eine Unterwerfung, im Gegenteil. Aus vielen Erfahrungen mit schwerer Krankheit und Behinderung weiß ich: Nehme ich mein Leben auch mit den Hindernissen an, die mir gelegt sind, dann habe ich tatsächlich die Chance, mich zu beweisen. Und vor allem wachse ich dabei. Ich spüre Ecken und Kanten – und im Zweifel eben auch eine dementielle Erkrankung.

Vielleicht ist es auch von Bedeutung, welchen Eindruck wir von diesem Krankheitsbild haben, das offenbar noch immer große Angst auslöst. Wer Menschen mit Demenzen begleitet hat, der wird eines Besseren belehrt. Ja, es ist nicht nur tragisch, sondern oftmals auch kaum zu ertragen, was aus fitten Personen wird, die plötzlich um Worte ringen, ihre Motorik verändern und in ihrem Wesen völlig gegensätzlich zu ihrer ursprünglichen Art gereizt werden oder sich einfach nur gehen lassen. Doch wie wunderbar ist das Lachen mit ihnen, über alte Zeiten, die oftmals noch lange im Gedächtnis sind. Oder auch die Selbstironie über die eigenen Defizite. Da gibt es Freude an diesen kleinen Dingen des Alltäglichen, die die Meisten bei all den „Smartphones“ nicht erst entdecken würden. Und da gibt es auch Traurigkeit, weil die Depression als ein Symptom die Stimmung drückt – nicht selten im Unterbewusstsein das Wissen um den eigenen Verfall. Doch wie stark wird in diesen Augenblicken das Miteinander, ob mit einer Pflegeperson, mit den Angehörigen und Freunden, mit Fremden. Da wachsen neuen Emotionen, eine ganz andere Seite des Menschen, die man noch nie kannte – und auch tiefe Bindungen, die dabei helfen, mit der Zeit Abschied zu nehmen. Nicht wenige Menschen berichten mir in meiner ehrenamtlichen Arbeit dann aber, dass es vor allem diese Jahre waren, die das eigentliche Leben ausgemacht haben. Denn es waren Jahre, die zwischenmenschlich intensiv gewesen sind. Buntes und eben auch Blasses, aber genau so, wie man sich unser irdisches Dasein vorstellt. Demenz ist eine wirklich große Anstrengung für alle Seiten – aber sie ist nicht allein das, was uns oftmals medial und in der Öffentlichkeit vermittelt wird.

Jedem von uns stellt sich entsprechend die verantwortungsvolle Fähigkeit anheim, selbst zu beurteilen: Überschreite ich gegebenenfalls doch eher die Grenzen der Ethik, um nach einer potenziellen Behandlung für Demenzpatienten suchen zu dürfen? Oder respektiere ich die Würde derjenigen, die dafür im Zweifel hinhalten müssten – mit der Folge, dass ich vielleicht auch in Zukunft nicht derart helfen kann, wie ich mir das erträume? Möglicherweise vertraue ich aber auch darauf, dass sich irgendwann die Gelegenheit ergibt, ohne den Test am lebenden Menschen die Erkenntnisse zu gewinnen, die ich letztlich brauchen würde. Hoffnung bedarf es auch jetzt, nachdem der Bundestag entschieden hat, dass Klarheiten geschaffen werden, dass verbindliche Erklärungen für diejenigen ermöglicht werden, die sich im gesunden Zustand darauf einlassen möchten, bei einer Demenz für die Forschung einzutreten. Aufklärung und Begleitung sind wesentlich, um diesen heiklen Prozess so rechtssicher wie nur denkbar zu gestalten – und Verlässlichkeit in Zeiten, in denen es schwieriger wird, auf Verfügungen überzeugt zu bauen…

[Dennis Riehle]

Leserbrief

Das Positionspapier verschiedener junger Unionsabgeordneter zur Rente macht mich sprachlos. Wie fern der Realitäten haben die Vertreter ihre Argumente formuliert, wenn sie sich damit abgeben wollen, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln? Gerade zukünftig gilt der Zusammenhang, den die Parlamentarier hier offenbar unterstellen noch viel weniger: Älter zu sein, das heißt nicht gleichzeitig, auch länger arbeitsfähig bleiben zu können. Wenn nicht gleichzeitig medizinische Fortschritte das Wohlbefinden der Menschen unterstützen, dann arbeiten bereits morgen demente, von Arthrose geplagte und nahe am Herzinfarkt stehende Arbeiter auf dem Bau, in der Fabrik oder auch in der Verwaltung.

Wieso koppelt man nicht eher an die jeweilige Belastung des Berufs, wo sind die Modelle des Flexibelseins? Wo bleiben Komponenten wie die Gesundheit in den Forderungen der Abgeordneten ? Warum setzt man wesentlich auf eine Anhebung des Renteneintrittsalters? Wo ist die Berücksichtigung einer veränderten Arbeitswelt, der Digitalisierung, die Erwerbsleben und damit auch Rentenfinanzierung wesentlich beeinflussen wird? Wieso wollen die jungen Politiker ausschließlich Mittel- und Unterschicht belasten, zeigen sich kritisch bei der Einbeziehung der Selbstständigen in die Rentenkasse, Beamte bleiben ohnehin verschont und eine Beteiligung der Gutverdienenden durch einen Steueranteil an der gesetzlichen Altersabsicherung ist sowieso vollkommen tabu?

Es werden auch sie selbst sein, die Jungen heute, die solche Pläne schlucken müssen. Statt Selbstbewusstsein unterwerfen sich die Abgeordneten dem Lobbyismus. Was solch eine eindimensionale Politik mit Generationengerechtigkeit zu tun hat, das verstehe ich wirklich nicht.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Laizismus ist in Frankreich so deutlich festgeschrieben wie kaum in einer anderen Nation. Die Verfassung sieht die klare Trennung von Kirche und Staat vor – und ist damit viel weiter als die anderer westlicher Länder, in denen nicht einmal von Säkularismus zu lesen ist. Doch wie weit darf diese eigentlich gnadenlose Distanz zwischen dem irdischen und dem klerikalen und geistlichen Leben gehen, wie weit muss sie sogar gehen, wenn man sie befolgt? Das musste ein Pariser Gericht entscheiden, nachdem Vorinstanzen sich uneinig darüber waren, ob in einem Vorort der Hauptstadt eine Weihnachtskrippe im Rathaus aufgestellt werden darf. Die jetzige Entscheidung scheint ein Kompromiss: Eine Krippe ja, aber ohne religiösen Bezug. Viel eher müsse sie so gestaltet sein, dass ein kultureller Hintergrund zu vermuten sei, nicht aber ein christliches Bekenntnis.

Kann solch ein Spagat gelingen – und ist er überhaupt sinnvoll? Betrachtet man heute viele Weihnachtskrippen, so dürften viele von ihnen die Vorgaben des Gerichts bereits erfüllen. Die Interpretationen gehen so weit, dass von Hirten oder Eseln, schon gar nicht von Maria, Josef und Jesus überhaupt etwas zu erkennen ist. Von den Kirchen werden solche Kunstobjekte verpönt, haben sie nur noch bedingt etwas mit der Weihnachtsgeschichte aus der Bibel zu tun. Und das kann ich wiederum verstehen. Aber ist es nicht gerade das, was die Richter auch einforderten? Wozu braucht man eine Krippe, wenn vom Anlass, für den sie eigentlich einsteht, nichts mehr zu erkennen ist? Und wäre es nicht konsequenter, dann auch vollständig auf sie zu verzichten, wenn man das Gebot vom laizistischen Staat wirklich ernst nimmt?

Es erinnert mich ein bisschen an die Verrenkungen, die derzeit aufgrund des Reformationsjubiläums versucht werden. Da wird einem kirchlichen Ereignis durch ein möglichst langes Deuteln eine historische Bedeutung aufgedrückt, um den Staat daran zu beteiligen – ohne aber gleichzeitig dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, man schmiege sich noch stärker an die Religion heran als bisher bereits. Weihnachtskrippen, die so lange bearbeitet werden, bis sie säkular sind? Kann ein solcher Dialog zwischen privatem Glauben und öffentlicher Einrichtung überhaupt funktionieren? Und ist damit nicht auch das Gebot von Religionsfreiheit verletzt, das zugestehen sollte, religiöse Darstellungen in ihrem Rahmen als solche unangetastet zu lassen? Überschreitet es nicht gerade diese Grenze des Laizismus, wenn ein christliches Symbol zum kulturellen Schmuckstück fast „verstaatlicht“ werden soll? Es mag nett sein, wenn das Rathaus durch eine Neuschöpfung verschönert wird, hinter der jeder sofort doch die Krippenszene aus Bethlehem erkennt, aber eigentlich nicht daran denken darf. Logisch ist es nicht!

Ein verlegener Entscheid des Gerichts, der sich nicht für eine klare Position aussprechen konnte. Natürlich kann man mit viel Deutungsvielfalt schlussendlich versuchen, aus einer abstrakten Weihnachtskrippe auch die gesellschaftliche Botschaft des Christfestes abzulesen, die für jeden Menschen von Bedeutung sein mag. Aber warum stellen wir in Rathäusern dann nicht das aus, was uns allen, ob Atheisten, Christen, Juden oder Muslimen, etwas gibt – nämlich abseits unseres religiösen Bekenntnisses, ein staatliches Symbol mit humanistischem Hintergrund, der über die Weltanschauungsgemeinschaften hinaus die friedliebenden und demokratisch denkenden Menschen verbindet? Warum religiöse Symbole wie die Krippe, die die Christen in ihren Kirchen doch gern in ihrer ursprünglichen Form aufstellen und auch anbeten können, ohne sie krampfhaft verunstalten zu müssen, damit Religion dorthin gepresst wird, wo sie nicht hingehört – in die öffentlichen Strukturen?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Nicht alles, was geht, ist auch gut“, ProKOMPAKT 44/2016, Seite 5

Nicht jede Vision, die möglich erscheint, ist gleichermaßen sinnvoll. Ob es nun die medizinischen Fertigkeiten sind, die zum Schwangerschaftsabbruch verhelfen, beim „Designen“ unserer Babys oder zur Zeugung von Nachwuchs mit wem und wie ich es gern möchte. Auch beim Traum dieses Transhumanismus zu einer „Vervollkommnung“ des Menschen mit Wissenschaft, Technik und Forschung gilt immer: Uns steht eine gewisse Demut gut zu Gesicht. Egal, ob wir Atheisten oder Freidenker sind, die meinen, die gesellschaftliche Ethik und unsere Moral reformieren zu können: Sich selbst einzureden, das Höchste zu sein, bedeutet noch lange nicht, sich auch tatsächlich auf den Stuhl eines Gottes erheben zu können, an den man nicht glauben möchte. Der so liebenswert und von jedem Zustimmung erfahrene Humanismus überschätzt sich nämlich in verschiedenster Hinsicht. Während ihm einerseits ein inhaltliches Konzept seiner Überzeugungen fehlt, wenn sich die Welt nur um den persönlichen Profit dreht, bleibt er im Begreifen von Umwelt, aber auch des Universums, relativ einsam.

Natürlich könnten wir schon morgen alle Drogen freigeben, uns zu neuen Höchstleistungen hinpushen oder mit Medikamenten versuchen, Künstlichkeit in unser Leben zu bringen – weil wir dazu fähig wären. Doch wo ist die Vernunft, die Fromm so propagierte, und die eigentlich hochgehalten wird, wenn sich die Humanisten zu Wort melden? Schon heute hat der Staat Probleme, die Auswüchse zu regulieren, die wir in der Vergangenheit zugelassen haben. Die Süchte, die scheinbare Gewöhnung an das Recht von Frauen zur Abtreibung oder auch das Klonen zeigen die Resultate unserer eigenen Überheblichkeit. Wir müssen uns als Menschen offenkundig vor uns selbst schützen. Denn wie sonst sollen wir verhindern, dass Sterbehilfe nicht künftig zur gängigen Praxis für jeden wird, der zwischendurch auf einmal keine Lust mehr zum Leben hat – oder dass wir uns alsbald im Wochentakt verheiraten und wieder scheiden lassen, nur, weil wir auf Treue keinen Bock mehr haben? Anarchien verliefen bisher meist im Sande, ihnen fehlt es auch an Reife. Und so erscheint mir im Augenblick auch die Bewegung, die sich fortschrittlich, emanzipiert, liberal ansieht: Kindisch – und von der Phantasie besessen, dass ohne Verbote doch alles viel besser läuft.

Ja, wir haben die alleinige Gewalt über unseren Körper und über unseren Geist. Nicht alles davon ist zu jeder Zeit intakt. Genau für diese Augenblicke gibt es aber Regeln. Denn schließlich sollten diejenigen, die vorhalten, im Sinne von (Mit-)Menschlichkeit zu agieren, doch ihrem Namen nach bereits Anhänger des Lebens sein. Der Gedanke, wir können damit verfahren, wie es uns gefällt, mag richtig klingen. Ab und zu ist dieses hoch entwickelte Individuum offenbar aber anscheinend außerstande, sein Handeln zu überblicken. Die Konsequenzen könnten vernichtend sein. Und spätestens dann hilft nur noch der suchende Blick: „Lieber Gott, hilf mir, aus meiner Begrenztheit klug zu werden!“.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Er war der „Übervater“, hatte Zustimmungswerte, an die nicht einmal Erwin Teufel oder Lothar Späth herankamen. Das „Ländle“ hatte es gewagt, den ersten Grünen zu einem Ministerpräsident zu machen. Und das in Baden-Württemberg, nach jahrzehntelanger CDU-Herrschaft. Wie war es möglich geworden? Mittlerweile kann man sich erklären, wie solch ein Phänomen zustande kam. Nein, nicht die Wähler sind sozialer, ökologischer, liberaler geworden. Sie wählten eigentlich das, was sie eben schon immer gewählt haben. Nur hatten ihre verlässlichen und gleichsam vertrauen Inhalte und Personen jetzt eine andere Farbe. Denn thematisch blieb fast alles beim Alten. Einzig und allein wollte man nicht mehr diese unsympathischen und in Skandale verwickelten Kandidaten der CDU. Gut, dass ein Grüner sich bereit erklärt hatte, die Aufgabe der Wahrung christlich-demokratischer Werte fortzuführen. Zwar unter neuer Bezeichnung – mittlerweile aber sogar „Kiwi“. Allerdings sachlich eher rückschrittig, statt irgendeine Form an Aufbruch.

In der aktuellen Wahlperiode glänzten schon kurze Zeit nach der Vereidigung der grün-schwarzen Koalition die ersten Minister mit der Forderung nach Abschaffung der unter grün-roter Führung beschlossenen Gesetze im Bereich Familien oder auch Wirtschaft mit ihrer Distanz zu allem, was neu gemacht wurde. Nach mehreren Wochen war der erste Paukenschlag laut geworden – Geheimabsprachen der Regierung über Millionen, am Bürger vorbei. Normal sei das, entgegneten beide Koalitionspartner. Was war geblieben von einem Ministerpräsidenten, der durch seine gemächliche Sprache, sein ruhiges Auftreten und seine stets besonnene Haltung zum Liebling der Nation geworden ist? Anfangs energisch eingetreten für Bürgerbeteiligung und Transparenz, nun konfrontiert mit dem Vorwurf, in den eigenen Reihen am Volk entlang zu regieren. Und in Sachen Schulpolitik, Innenpolitik und Finanzpolitik ganz auf der Linie der CDU, die sich aufspielt, als hätte sie die Wahlen selbst auch noch haushoch gewonnen.

Kretschmann und sein Stellvertreter Strobl verstehen sich offenbar so gut, dass man beide zwischen den Posten – und ihren Parteien – hin und her schieben kann. Der Landesverband von „Bündnis 90/Die Grünen“ stützte ihren Winfried auch aus Gründen der Macht im Bundesrat. Und nicht zuletzt gab es noch konservativere als den Ministerpräsidenten, den Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, beispielsweise, auf den man das Augenmerk und alle Kritik richtete. Im Bund hielt man sich mit Anfeindungen gegenüber den baden-württembergischen Kollegen zurück, konnte es doch kaum ein besseres Marketing als einen soliden Politiker geben, dem die Menschen lange Zeit vertrauten. Bundesvorsitzender Özdemir setzte sich ebenso für seine Heimat und das Aushängeschild dort ein, auch wenn der Wind von Co-Chefin Peters immer stärker wurde. Denn man ahnte in Berlin offenkundig, dass der immer weiter nach rechts abdriftende Kretschmann zwar in Baden-Württemberg weiterhin große Zustimmung erhalten würde, es der Partei aber auf Bundesebene schwer machen dürfte. Schließlich will ein offenbar „schwarzer“ für eine grüne Bewegung nicht passen – zumal dann nicht, wenn Bundestagswahlen anstehen.

Und so ist der Kragen geplatzt durch einen Auftritt von Kretschmann in der ARD, in der er in für Politiker gänzlich ungewöhnlicher Art und Weise schwelgte. Seine Leidenschaft für die politischen Erfolge der Bundeskanzlerin überbrachte er derart schleimig, dass darauf auch die letzten Befürworter seines grün-schwarzen Kurses auszurutschen vermochten. Eine Anbiederung, wie man sie nicht einmal aus den Reihen der CDU kennt, überkam Kretschmann gegenüber Angela Merkel. Seine Unterstützung für ihre neuerliche Kanzlerschaft war so eklatant, dass kaum jemand versteht, wie ein grüner Politiker noch vor dem Wahlkampf eine solch eindeutige Aussage für den politischen Gegner im Bund tätigen kann. Während das Ringen um eine rot-rot-grüne Koalition in vollem Gange ist, prescht nun der fast verliebt wirkende Kretschmann vor und macht mit seinen Worten den Weg frei: Entweder für ein schwarz-grünes oder ein Bündnis ohne die „Grünen“. Beide Optionen dürften nicht das Wahlziel sein. Und das weiß Winfried Kretschmann. Taktisch ist es nur schwer erklärbar, was sich der Ministerpräsident hierbei denkt. Man kann es höchstens als egozentrische Selbstdarstellung werten, wenn er sich mit seiner Einzelmeinung medial so in Pose rückt.

Die „Grüne Jugend“ reagierte sofort und machte deutlich, dass Kretschmann mit diesem Alleingang nun endgültig über das Ziel hinausgeschossen habe. Wird es jetzt eng für den Politikern mit dem deutlichen Dialekt und der schwäbischen Gemütlichkeit? Zumindest könnte sich die Isolation innerhalb der eigenen Partei verstärken. Kretschmann dürfte allerdings auch keinerlei Ambitionen haben, bei den „Grünen“ noch weiter aufzusteigen. Unklar war bereits, ob er die gesamte Wahlperiode sein Amt ausübt. Entsprechend sollten ihn die Angriffe kalt lassen. Denn immerhin scheinen die Baden-Württemberger durch ihren fast unfehlbar geltenden Landesvater derart in Trance geredet worden zu sein, dass kaum jemand bemerkt, wie das Land abseits vom Koalitionsvertrag regiert wird – sollten die magnetischen Kräfte von rechts weiter zunehmen und die Vereinnahmung des Grünen durch die Christdemokraten auch noch die letzten Reste des Revoluzzers Kretschmann, den er in seiner ersten Amtszeit gab, aufgefressen haben. Für das Land bedeutet dies einen Rückfall in christlich-wertkonservative Angepasstheit, neoliberales Gedankentum und eine Vetterleswirtschaft auf der großen Bühne…

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Er ist heute kaum noch in unserer Gesellschaft und dem alltäglichen Leben präsent. Nur noch in einem Bundesland wird er als Feiertag begangen. Er wirkt altmodisch, denn mit seiner Bezeichnung kann in der Sprache der Moderne kaum noch ein Mensch etwas anfangen. Je jünger, umso unbekannter bleibt er in den Kalendern stehen: Der Buß- und Bettag als protestantisches Fest wirkt mit seinem Namen völlig fern dem Zeitgeist, in dem es als normal gilt, nicht an sich selbst zu zweifeln. Wir sind derart von unserer Persönlichkeit, unserem Wirken und dem Denken überzeugt, dass es unattraktiv geworden ist, kritisch mit sich zu sein. Wieso sollten wir auch? In einer Welt, in der das Ego das Miteinander bestimmt, braucht es keinen Schritt zurück von unserer eigenverliebten Positionierung in der Mitte allen Seins. In einem säkularen Zusammenhang betrachten wir uns als das Zentrum. Wir überhöhen uns – und verlieren den Blick auf die Fehlerhaftigkeit, ja, die Zerbrechlichkeit unserer Existenz.

Buße tun, das ist keinesfalls etwas aus der Vergangenheit. Es gehört damals wie in diesen Tagen zur Größe eines jeden Einzelnen, sich seiner Schuld bewusst zu werden. Das heißt nicht, sich verdammen zu müssen – im Gegenteil. Nur derjenige, der zur Buße bereit ist, der kann seine Sündhaftigkeit auch annehmen. Sie ist kein Grund für irgendeine Scham. Sie macht lediglich deutlich: Ja, wir sind nicht vollkommen. wir sind eben nicht die Mitte des Universums, wir sind keinesfalls diejenigen, die über alle Entwicklungen bestimmen können. Wir sind menschliche Wesen, klein im Vergleich zu dieser Weite des Alls, aber in der Verantwortung zur Gestaltung, wenn wir mit dieser Gewissheit demütig umgehen. Aus unseren Sünden kann die Stärke zu neuem, völlig gesunden Selbstbewusstsein erwachsen. Wenn wir durch den Prozess einer ernsthaften und überzeugten Bußfertigkeit gehen, erlernen wir, wie wichtig es ist, Sünde anzunehmen. Als eine Zäsur im positivsten Sinne. Wir werden auf unsere Verletzlichkeit hingewiesen und können uns reinigen – nicht nur von dem, was wir gestern und heute verfehlt haben. Das Anerkennen einer Zerbrechlichkeit und das Erlernen neuer Werte für ein offenherziges Hinarbeiten auf ein besseres Leben – an diese Chance erinnert uns der Buß- und Bettag.

Doch dieses bessere Leben, in dem wir achtsamer sind mit uns und vor allem auch mit unseren Nächsten, in dem wir nicht bewusst und vorsätzlich verletzten, weil wir unseren eigenen Stolz mit Nachdrücklichkeit verteidigen wollen, das gibt es nicht umsonst. Neben der Buße steht auch das Gebet im Mittelpunkt der Erinnerung an diesen Feiertag. Wir müssen uns klar werden, ob wir denn überhaupt bereit sein möchten, mehr Mitmenschlichkeit statt Kleinkriege austragen. Wollen wir wirklich diesen Gedanken eines kontextfreien „Auge um Auge“ zurücklassen und statt Rache eher auf Sühne und neuen Frieden vertrauen? Der Buß- und Bettag verlangt uns Vieles ab: Wir gehen mit uns ins Gericht – und entscheiden wieder neu, ob wir am bisherigen Lebensstil, an unserer Moral etwas ändern können. Und wir bitten darum, dass Gott uns dabei helfen möge. Denn ohne sein Zutun wird es schwer, ein anderer Mensch zu werden. In der Sammlung hin zu seiner Gnade hoffen wir darauf, dass unsere Buße nicht vollkommen umsonst sein möge, sondern Hilfe bei der Weiterentwicklung. So wird es nicht allein unsere Anstrengung sein, die darüber entscheidet, wie es mit seiner und unserer Vergebung steht. Unser Gebet ist auch ein Bekenntnis dazu, sich Gottes Barmherzigkeit zu stellen und uns auf die Gnade einzulassen. Der Buß- und Bettag verbindet Innehalten und frische Zuversicht gleichermaßen. Ohne diese Parabel wäre er auch nicht möglich. Denn Gott lässt uns mit unserem Ringen über uns selbst nicht allein. Viel eher gibt er die Gelegenheit, Buße und Gebet wiederzuentdecken. Der 16.11.2016 – somit auch ein Tag, der zum Ausprobieren aufruft…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.