Leserbrief

Erst hatte kaum jemand etwas darüber gewusst, dass überhaupt eine Arbeitsgruppe eingesetzt wurde, die Leitlinien für die Bürgerbeteiligung erarbeiten soll. Dann herrschte keine nachvollziehbare und begründete Transparenz über deren Besetzung. Schlussendlich tagte sie über Monate hinter verschlossenen Türen. Und plötzlich liegt der fertige Entwurf vor, dem der Gemeinderat zustimmen soll. So vermittelte sich zumindest der Eindruck über die letztendliche Entstehung eines Papiers, dessen wirklich entscheidenden Inhalten dann auch noch die nötige Zustimmung verweigert wird.

Wenn nicht einmal Bürgergemeinschaften ein Recht darauf erhalten sollen, eine verbindliche Partizipation anzuregen, muss man sich durchaus fragen, wie ernst es tatsächlich mit dem Willen nach einer Einbeziehung der Bevölkerung in wichtige Fragen des örtlichen Geschehens gemeint war.

Vielleicht wäre es unter diesen Umständen ehrlicher gewesen, Verwaltung und offenbar auch Teile des Stadtrates hätten von Beginn an festgehalten, dass sie keine Mitsprache der Konstanzer wünschen. Dann hätte jeder Einzelne gewusst, woran er ist – und wo er bei der nächsten Wahl sein Kreuz setzen soll.

Das Resultat einer nahezu wertlosen Richtungsvorgabe nun, vor allem aber das Verfahren seines Zustandekommens, ist nicht nur peinlich für die Kommunalpolitik, sondern es zeugt auch von einem Veräppeln der gesamten Öffentlichkeit.

[Dennis Riehle]

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Gastkommentar

Vor über zehn Jahren begann ich mit meinem ehrenamtlichen Engagement in der Selbsthilfe. Eigentlich ist ein solcher Zeitraum in einer gefühlt immer schnelleren Entwicklung kaum eine große Distanz. Doch wenn ich dieser Tage eine Bestandsaufnahme vornehme über das, was sich in der Bewegung getan hat, die nicht erst seit den 1960er-Jahren durch die Zusammenkunft von Menschen in ähnlichen Lebenssituationen einen besonderen Stellenwert in der niederschwelligen Selbstverantwortung für die persönlichen Probleme eingenommen hat, bin ich ernüchtert. Von Jahr zu Jahr gestaltete es sich schwieriger, diejenigen für die Selbsthilfe zu begeistern, die noch kurze Zeit davor von der Kraft der Selbsthilfearbeit schwärmten. Die Epoche einer zunehmenden Individualisierung hatte sich nicht nur in der Gesellschaft spürbar breit gemacht. Auch die Idee, dass der Austausch über die eigenen Tiefen und besonders die Erfolge ein wechselseitiges Profitieren ist, war offenbar verkümmert. Denn nicht selten hörte ich doch plötzlich diesen Standpunkt aus Egoismus, vielleicht aber auch Angst: „Was soll ich mich da hinsetzen, damit die anderen was davon haben und ich dennoch nichts mitnehmen kann!“.

Aber nicht nur die Fokussierung auf die eigenen Gewinne haben der Selbsthilfe schwer zugesetzt. Der Vormarsch an digitalen Kontakten macht zunichte, was über Jahrzehnte in freiwilliger Arbeit von vielen Betroffenen und Angehörigen errichtet wurde. Heute trifft man sich nicht mehr persönlich, in dem mit vielen Vorurteilen besetzten und in den Köpfen der Allgemeinheit weiterhin omnipräsenten Stuhlkreis. Auch immer mehr Selbsthilfeorganisationen bieten stattdessen die virtuelle Selbsthilfegruppe an. Im Videochat tauscht man sich scheinbar ebenso gut aus wie dort, wo man früher noch Auge in Auge miteinander sprechen, auf Körperhaltungen eingehen, Emotionen spüren und auf Gefühle des Anderen adäquat eingehen konnte. Für eine Gruppe wie meine, in der auch Soziale Phobien das Thema waren, ist solch eine Entwicklung der wahrhaftige Dolchstoß. Denn waren wir nicht genau dafür angetreten? Dafür, die Menschen aus ihren vier Wänden wieder zurück in die Realität zu holen? Zunächst über den Weg des bewusst geschützt gewählten Außenrahmens einer Gruppe, die an Orten zusammenkommt, an denen es anonymisiert machbar war, später dann auch mit gemeinsamen Ausflügen in die Welt dieses für viele Erkrankte so beängstigenden pulsierenden Lebens? Dabei ist dieser Prozess, sich wieder verstärkt in die Privatsphäre zurückzuziehen, mit dem Trend zur Entsolidarisierung problemlos in Verbindung zu setzen.

Die eigenen Sorgen haben stetigen Vorrang – dieser Gedanke zeigt auch, dass die Szene trotz umfangreicher Aufklärungsarbeit noch immer nicht vermitteln konnte, dass Selbst-Hilfe nur bedingt etwas mit der Überlegung gemein hat, die sprichwörtlich in „Hilf‘ dir selbst, dann hilft die Gott“ ihren Ausdruck findet. Mit Gleichbetroffenen die Erfahrungen auszutauschen, das tut nicht nur deshalb gut, weil man ein Gespür dafür bekommt, wie heilsam eigentlich die Hilfe für den Anderen ist. Vielmehr wird derjenige, dem man sich zu öffnen bereit ist, ebenso mit seinen Aufs und Abs im eigenen Leben eine Unterstützung, hat er doch vielleicht das erlebt, was auch mir in meiner Situation eine Linderung bringen könnte. Diese Philosophie scheint zu wenig vermittelt worden zu sein, wenn es nun darum geht, es sich auf der Couch daheim gemütlich zu machen und dort darauf zu warten, dass die Hilfe durch den Laptop kommen möge – um gleichzeitig noch darauf abzuzielen, dass dabei ausschließlich der persönliche Nutzen herausspringt. Wie sehr sich ängstliche Symptome, die bei nahezu jeder Krankheit in irgendeiner Art und Weise eine Rolle spielen, durch eine solche Haltung verfestigen, musste ich bei mehreren Betroffenen miterleben, die sich bei mir nach einer Gruppe erkundigten, dann jedoch nie bei einem Treffen aufgetaucht sind – und stattdessen in regelmäßigen Abständen erneut ihre Mails schickten und letztlich attestierten, dass sie sich mittlerweile gar nicht mehr vor die Türe trauten. Und das, zu ihrem großen Erstaunen, obwohl sie doch wöchentlich an einer Chat-Gruppe teilnahmen. Eine Moderation gab es nicht – und so endeten die dortigen Gespräche entweder beim „geilsten“ Burger einer großen „Fast Food“-Kette oder im selbstmitleidigen Tränensee, den über die Kamera niemand so wirklich trocknen kann.

Kann der Leidensdruck wirklich groß sein, wenn man mit seiner Erkrankung so lax umgeht? Wahrscheinlich ist es eher die Hilflosigkeit vieler Menschen, wie sie mit den Umwälzungen der Moderne verfahren sollten. Nicht anders kann ich mir auch die Ergebnisse aus Befragungen erklären, die ich über einige Monate vorgenommen habe, nachdem ich bei meinen Gruppentreffen trotz einer ständigen Nachfrage plötzlich alleine dasaß – und durchaus an meinem Engagement zweifelte. Bei 34 Mail- und Telefonkontakten innerhalb von vier Wochen, von denen sich 27 nach einer Selbsthilfegruppe zunächst erkundigten, dann aber doch zu zögern begannen, als es um eine konkrete Teilnahme gehen sollte, fragten schlussendlich immerhin 21, ob es denn nicht auch online ein Angebot gebe, das man in Anspruch nehmen könne. Auf den Einwand, warum man nicht an einem persönlichen Treffen interessiert sei, waren immerhin 13 ehrlich und gaben an, dass sie nicht zuverlässig seien, um regelmäßig zu einer Zusammenkunft zu kommen. Von allen Kontaktsuchenden meinten nach einer Information darüber, was eigentlich eine Selbsthilfegruppe sei, doch 23: „Was habe ich davon, wenn ich da dabei bin?“. Und 29 stellen am Ende fest, dass sie eigentlich nur eine Frage hätten – um dann aber doch anzufügen, ob sie denn nochmals anrufen oder schreiben könnten. Selbsthilfe – und vor allem ihre Ehrenamtlichen begeben sich durch solche Standpunkte zunehmend in die Situation des Gemischtwarenladens, eine Dienstleistung, die mit der eigentlichen Ideen eines wirklichen „Gebens und Nehmens“ nicht mehr allzu viele Gemeinsamkeiten hat.

Eine Tendenz ist dagegen klar: Das Bedürfnis nach einer individuellen – aber eben nicht mehr kollektiven – Stütze wird in einem Miteinander des fortdauernden Rückzugs immer größer. Verzeichnete ich vor einigen Jahren pro Jahr noch 200 Kontakte, sind es heute mehr als 500. Da wird aus einem Selbsthilfegruppenleiter ein Zuhörer, ein Wegweiser und ein Hoffnungsträger, der über Kommunikationsmittel die Resultate einer Entwicklung auffangen muss, die er eigens nie gewollt hat. Und doch fühle auch ich mich machtlos, wenn es darum geht, wie sich die Selbsthilfe heute selbst helfen kann. Natürlich versuchen wir, mit der Zeit zu gehen und auch das auszuprobieren, was uns in der Dynamik eines transhumanistischen Denkens an Chancen, aber eben auch an Risiko aufgebrummt wird. Da entstehen interaktive Webseiten und ansprechende „Tools“ für die jungen Menschen, da werden „Apps“ bereitgestellt, die die Seele trösten sollen, „QR-Codes“ auf Plakaten wie in der Unternehmenswerbung oder das Forum, das die Nöte genauso ernst nehmen soll wie eben der Freund oder der Partner. Bei aller Entpersonalisierung wird deutlich: Ist die Selbsthilfe tatsächlich mit dieser Vision über unsere Gegenwart und unsere Zukunft kompatibel? Ist sie nicht auch ein Opfer des Verlustes an Empathie, an Menschlichkeit und wachsender Einsamkeit? Und muss sie hinnehmen, dass solche Tatsachen nun geschaffen wurden – oder ist sie nicht sogar verpflichtet dazu, diese Veränderung kritisch zu betrachten?

Sie war besonders stark in Zeiten um 1968. Sie kennt also Umbrüche und weiß, wie es gerade in derartigen Augenblicken einer reflektierten Kraft bedarf. Denn sie ist wahrlich nicht nur mit Ideologien beschäftigt, sondern auch mit pragmatischen Problemen. In meiner Arbeit wird mir stets neu deutlich, wie sehr sich an der Selbsthilfe auch ein Zeitgeist widerspiegelt, den die Politik kreiert: Da fange ich auf, was im Gesundheitswesen immer schiefer läuft. Die wenigen Minuten beim Therapeuten, die nicht reichen, um zumindest das Grundproblem näher zu erklären. Die monatelangen Wartezeiten bis zu einem Termin beim Facharzt. Der Hausarzt, der eigentlich glücklich ist, am Wochenende das Handy klingeln zu lassen. Oder die frühzeitige Entlassung aus der Klinik, weil die Pauschale doch schon verbraucht ist. Im Zweifel sind es wieder diese Freiwilligen, die ihre Ohren öffnen, wenn die öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr lauscht. Das soll Ehrenamt eigentlich nicht sein – und doch fehlt es auch der Selbsthilfe heute an einem gesunden Bewusstsein. Sie muss sich wahrlich nicht unter ihrem Wert verkaufen. Vielleicht ist das die Lehre aus einer spürbaren Zäsur einer Bewegung, die nicht umsonst auf Traditionen setzen darf. Nein, wir brauchen keine Bemutterung und auch keine Versuche, die Selbsthilfe wiederzubeleben. Viel eher sollten wir uns auf unsere Kernkompetenz besinnen: Die Hilfe für uns, aber viel eher auch für Andere. Denn daraus ziehen wir – und eben nicht der Einzelne – unseren kräftigsten Nutzen. Wo es denn geht, natürlich am besten in der Gruppe und mit leibhaftigen Teilnehmern. Und daneben immer dort, wo wir diesem Ideal letztlich noch am allernächsten kommen…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Polen diskutiert seit einiger Zeit, auch in Italien und Spanien ist die Thematik immer wieder in der gesellschaftlichen Debatte präsent. In Deutschland allerdings, da schweigt nicht nur die Politik darüber, weil offenbar die Mehrheit der Menschen denkt, die momentane Regelung sei vollkommen hinreichend. Schwangerschaftsabbrüche scheinen in unserem Land ein Tabu zu sein, täglich werden Kinder abgetrieben, es hat sich eine Situation eingerichtet, in der man glauben mag, es funktioniere alles „wie am Schnürchen“. Dass aber mit jedem „Fall“, wie es gern von manchen Gynäkologen genannt wird, mindestens zwei Leben zerstört werden, das geht in einem Miteinander, das die Selbstbestimmung der Frau über den Grundsatz der Würde eines jeden Menschen – eben auch des Ungeborenen – stellt, völlig unter. Und das soll es auch. Denn wie können wir anders mit einem Zustand umgehen, der der Natürlichkeit derart widerspricht wie der künstliche Eingriff in das Heranwachsen eines Kindes, mit der Konsequenz, es zu töten, als ihn schlussendlich aus Scham und Schuld nur noch zu verdrängen?

Gleich drei Frauen suchten mich in den letzten Monaten auf, sie wollten eine unabhängige Beratung, abseits der Anlaufstellen von staatlicher oder institutioneller Trägerschaft. Es ging ihnen nicht darum, eine Bescheinigung zu bekommen oder Auskunft auf Fragen zu geben, die stets dieselben in solch einem Gespräch sind, das obligatorisch wird, wenn die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch dann auch ansteht. Sie hatten ernsthafte Zweifel. Ihnen war das Ringen anzusehen, das sie offenkundig schon über mehrere Wochen mit sich herumgetragen hatten. Erschrocken zeigte ich mich nicht nur ob der Sprache: „Ich wollte halt ein Kind machen. Und dann ist es eben auf einmal passiert. Mir war ja nicht klar, dass das so schnell gehen würde. Jetzt soll es weg“. Einen Menschen „machen“? Ein Embryo „weg“ werfen, loswerden? Und bei einer Frau mit über 20 Jahren die Verwunderung darüber, dass es „schnell“ gehen kann mit einem Kind? Selten wurde mir so deutlich, dass unsere Gesellschaft offenkundig auf der ganzen Breite versagt hat.

Wer einen winzigen Hauch von Aufklärung und Bildung erlebt hat, dem müsste deutlich geworden sein, dass bei jedem neuen Geschlechtsverkehr wieder ein Kind „gemacht“ werden könnte. Dass dieser Gedanke aber untergeht, wenn man – wie mir die andere junge Frau berichtete – „Rudelverkehr“ hat, mag dann allerdings doch nicht verwundern. Wieso sollte er aber auch – immerhin gibt es die Medizin, die heute für fast jedes „Problem“ eine Lösung findet. Und als solches sehen es wohl immer mehr Frauen an, wenn sie schwanger werden. Der Zeitpunkt passt nicht, die Karriere geht vor oder der Mann schlägt sie grün und blau, wenn er von dem Kind erfährt – als ob er nicht auch wüsste, wie das funktioniert, mit Samen und Eizelle. Man würde noch ein gewisses Verständnis aufbringen können, wären wir nicht in einem Zeitalter, das dabei hilft, die Zeugung eines Kindes zu steuern. Schlimm genug, dass wir offenbar die Sexualität zu einer derartigen Alltagsangelegenheit verkommen lassen haben, dass diese Steuerung sich nicht mehr durch ganz übliche Enthaltsamkeit regeln lässt. Da sitzt mir eine erwachsene Dame gegenüber, die überrascht ist, dass sie nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr schwanger geworden ist – und nun aus lauter Verwirrung fragt: „Die können das doch absaugen?“.

Mittlerweile wissen durch die Sexualpolitik der Länder unsere Kindergartenkinder, wie das mit der Zweisamkeit aus Frau und Mann ist. Und doch sind die Frauen im Selbstbewusstsein dessen, dass sie das alleinige Recht darüber haben, was in ihrem Bauch zu geschehen hat, der Überzeugung, dass Schwangerschaftsabbrüche eine Selbstverständlichkeit seien, auf die ein verlässlicher Anspruch bestehen müsse. Nein, das weibliche Geschlecht ist eben keine „Gebärmaschine“, in der nebenbei die Kinder „produziert“ und bei Bedarf eben auch wieder zerstört werden können. Unter welchem Wert verkauft sich die Frau von heute, wenn sie sich auf ein solches Bild reduzieren lässt? Wenn sie selbst nicht mehr in der Lage scheint, die Bedeutung für unsere Gesellschaft einzuschätzen. Kinderkriegen – das ist nur vordergründig eine Privatsache. In Wirklichkeit trägt jede werdende Mutter eine ganz erhebliche Verantwortung für unsere Zukunft. Deshalb kann es auch nicht sein, dass wir einfach nur zusehen, wie Schwangerschaften zu einem Versuchslabor degradiert werden. Sie sind kein Spielfeld, man kann damit nicht experimentieren, weil es jedes Mal um mehr geht als um die Frage, ob das Kind in diesem Moment auch gelegen kommen würde.

„Im Zweifel würde ich es mir auch selbst rausschlagen“, diese Worte erschrecken nicht nur, sie machen viel eher deutlich, wie groß scheinbar der Hilfebedarf besonders für junge Frauen ist, die gegen ein heranwachsendes Baby in ihrem Bauch ein autoaggressives Verhalten entwickeln, das sich nur stellvertretend an das Kind richtet. Die psychosoziale Not in unserem Land wird oft verkannt. Und sie trifft auf eine ethisch, auf eine religiöse Verrohung, die uns lehrt, das der Mensch alleiniger Mittelpunkt und damit „Gott“ über das eigene und wohl auch über fremdes Leben im Heranwachsen wurde. Die Ankunft des Kindes, sie wird nicht nur in der Vorweihnachtszeit von den Christen vorbereitet. Die Freude über das Neue ist in vielen Familien mittlerweile verloschen. Nicht nur ein Egoismus im heutigen Wirtschaftszeitalter, das den Beruf zum eigentlichen Sinnbild für eine gelingende Existenz erklärt, lässt die Mutterschaft eher zu einer Nebensache werden. Auch die politische Würdigung der Familie trägt erheblich dazu bei, dass das Geschenk eines Kinders keinen Würdigung mehr erhält. Die Dankbarkeit für etwas, was manch emotionsloser Mitstreiter der Evolutionstheorie nur noch als Zufallsprodukt ansieht, hat auch deshalb bei uns keinen Raum mehr, weil wir glauben, die Welt einfach selbst retten zu können – denn wir bestimmen heute die flexiblen Werte, die keine Kontinuität mehr kennen, sondern zum „Vorteil“ der jeweiligen Anforderung angepasst werden können.

Es ist aber die Aufgabe von uns allen, diesen Mythos eines angeblichen Feminismus auszuräumen: Nein, Abtreibung ist kein Beweis für die Überlegenheit des Menschen über die Natur. Sie ist eine Unterordnung unter die Faszination des Menschwerdens, das wir mit Gewalt nur deshalb unterbrechen wollen, weil wir uns in unserer Unfähigkeit für ein Staunen so angeblich stark fühlen. Kinder zu bekommen, das ist eine bewusste Entscheidung, die eben kein Alltag sein darf. Nur, wenn wir das Unglaubliche an der Besonderheit, an der Einzigartigkeit und an der Schönheit der Verschmelzung von Mann und Frau im nicht routinierten, sondern jedes Mal erfüllenden Sex respektieren, wird sich auch die Sicht auf die Schwangerschaft wieder verändern können. Gott ist Kind geworden – und das unter ärmlichsten Bedingungen. Das sollten wir bei aller Unwägbarkeit, die manche Frau bei uns vor der Geburt ihres Kindes plagt, ins Gedächtnis rufen. Die Ausrede, man habe nicht darüber nachgedacht, wozu ein Seitensprung tatsächlich führen kann, ist ebenso zynisch wie diese Argumentation, der „Klumpen“ könne ja problemlos aus dem Unterleib „herausgerissen“ werden. Nicht nur der Bauch, nicht nur die Mutter, sondern vor allem der Embryo ist das hilflose Opfer einer mittlerweile zur unternehmerisch daherkommenden Praxis der Abtreibung, die enorme Folgen mit sich bringt. Wie viele Frauen saßen nach dem Schwangerschaftsabbruch bei mir, mit unbändigen Selbstvorwürfen. Und das Grundproblem, das sich hinter der nicht selten vollkommen überhasteten Entscheidung versteckt, war nie gelöst – ganz im Gegenteil.

Hätte Gott gewusst, wie ernst seine Geschöpfe die ihnen übertragene Verantwortung im Wissen um Gut und Böse (1. Mose 3,22) genommen haben, wäre nicht klar, ob es mit der Selbstbestimmung je so weit gekommen wäre. Die Demut des Einzelnen, sie setzt meist erst dann ein, wenn es schon zu spät ist. Auch bei einer der drei von mir beratenen Frauen. Ihre Sorgen habe ich angenommen, ihre Position aber nicht. Es wäre ein falsches Mitleid gewesen, ich hätte mich eingelassen auf das Vertauschen von Wirkung und Ursache, auf ein Bitten, meine Moral so zu verbiegen, dass mein Gegenüber das zu hören bekommt, wonach sie suchte. Ich kann nicht zwingen, das will ich auch nicht. Ich kann lediglich überzeugen. Zum Zeitpunkt des ersten Monats war sie offenkundig nicht bereit dazu, wenige Wochen danach erlebte ich eine in tiefe Trauer gestürzte junge Dame, die ihr Kind verloren hatte, durch einen Schwangerschaftsabbruch, der keinen plausiblen Grund hatte. Das hatte sie jetzt ebenfalls begriffen – und ich fragte mich, ob ich die Erkenntnis als Drama oder einen Gewinn einordnen sollte, wenn sie nun feststellte: „Das war ja ein Leben!“. Die Probleme, die jetzt auf die Frau zukommen dürften, waren vielfach schwerwiegender als jene, die zu ihrem Entschluss geführt hatten. Und erneut stehe ich vor der Schlussfolgerung, dass solche Tragödien nicht einfach hinnehmbar sind. Vielleicht ist die bevorstehende Adventszeit ein neuer Grund, sich einzusetzen, in der Hoffnung auf diese Worte: „Euch ist ein Kindlein heut‘ gebor‘n, von einer Jungfrau auserkor‘n, ein Kindelein so zart und fein, das soll eu’r Freud‘ und Wonne sein“ (Luther 1535, Syntax geändert).

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Am Sonntag vor dem 1. Advent, am letzten Sonntag im Kirchenjahr, da begehen die Kirchen im Land den Totensonntag, den Ewigkeitssonntag. Geprägt vom geistlichen Gedenken an die Verstorbenen des vergangenen Jahres, schließen die christlichen Konfessionen damit vor ihrem „Neujahr“ – um innerhalb von einer Woche aus tiefer Traurigkeit in die gespannte Erwartung auf die Ankunft von Jesus Christus in einem Monat überzugehen. Die Vorfreude denkt sich mit dem beginnenden Treiben auf den Weihnachtsmärkten und der heißen Phase für das Geschenkekaufen für den Heiligabend.

Eigentlich klingt das alles ziemlich religiös. Doch der Totensonntag ist mittlerweile weit mehr. Eine Woche nach dem Volkstrauertag wird es immer öfter auch bei uns ganz selbstverständlich, diesen Gedenktag zu verstaatlichen. Und nicht nur das: Selbst die säkulare Szene erkennt den Ewigkeitssonntag als eine Gelegenheit zur Erinnerung an die Toten. Viele humanistische Kreise bieten gar eigene Veranstaltungen an, um im weltlichen Rahmen von denjenigen Abschied zu nehmen, die innerhalb des letzten Jahres verstorben sind. Wie es heute Zeremonien zu Taufe, Konfirmation oder im Sterbefall auch für diejenigen gibt, die keiner religiösen Gemeinschaft angehören, so scheint die Tendenz deutlich zuzunehmen, die kirchlichen Rituale nachahmen zu müssen. Willkommensfeiern, Jugendweihe, Abschiedsfeiern – mehr als Wortneuschöpfungen verbirgt sich dahinter wohl kaum.

Doch ist das wirklich nötig? Und vor allem in dieser Art und Weise? Müssen Humanisten am Totensonntag der Toten gedenken, weil es die Christen eben auch tun? Oder gerade trotz dieses kirchlichen Gedenktages? Fördert eine freidenkerische Bewegung damit nicht eher die Selbstverständlichkeit, wonach religiöse Feiertage auch für jene Bedeutung gewinnen, die eigentlich völlig fern von Konfessionen sind? Generell tut sich im Verhältnis zwischen Kirche und Staat immer wieder die Frage auf, ob von Seiten der säkularen Interessen ein oppositionelles Dasein oder aber ein Miteinander versucht werden muss. Erreicht man, den Konfessionen ihre scheinbare Omnipräsenz im Alltag der Menschen dadurch zu entreißen, ihre Praxis lediglich zu kopieren – oder mit ganz anderen Akzenten zu verdeutlichen, dass man auch ohne christliche Vorlage eine eigene Weltanschauung darstellen kann, die nicht die Grundlage der Kirchen bedarf, um selbstständig eine Philosophie zu erarbeiten?

Wir debattieren auch darüber, ob eine humanistische Überzeugung überhaupt eine Ritualhaftigkeit braucht, um sich zu etablieren. Doch definieren wir uns als soziale Wesen nicht gerade durch das Zusammenkommen in Gemeinschaft, durch das Praktizieren einer verlässlichen Tradition, durch das Teilen unserer Emotionen zu besonderen Anlässen, die eine Zäsur in unserem Leben markieren? Viele sagen, man könne auch gut alleine durch den Alltag gehen. Letztlich scheint diese Meinung in den vergangenen Jahren zuzunehmen, weshalb die Abwägung von immer größerer Bedeutung wird. Doch völlig egal, wie man sich hierbei entscheidet, würde sich eine eigene und unabhängige Kreativität der säkularen Bewegung für eine Kultur des Trauerns, des Gedenkens und des Feierns anbieten, statt den Ideen hinterher zu rennen, die die Kirchen überlegen für sich proklamieren. Humanistisches Selbstbewusstsein zeigt sich nicht dadurch, wie anspruchsvoll wir am Totensonntag unsere eigene Gedenkfeier auszurichten in der Lage sind. Viel eher durch eine Auseinandersetzung damit, wie Trauer abseits von kirchlicher Zeremonie und ihrer Bedeutung verstanden werden kann und schlussendlich auch autonom umsetzbar ist.

Manchmal fehlt es in säkularen Kreisen an Mut für bewusst eigenes Denken. Kürzlich erst haben wir gelesen, wie ein humanistischer Landesverband auf eine Aktion der Kirchen Antworten gefunden hat, die eigenen Glaubenssätze auf einen Bierdeckel kurz zusammenzufassen. Heraus kamen dabei allgemeinverbindliche Aussagen, die wahrscheinlich jeder unterschreiben würde, der an Menschenrechte, Demokratie und Freiheit festzuhalten bereit wäre. Es fehlte an Konsistenz der aufgeschriebenen Schlagworte, weil auch hier auf die Religion lediglich re-agiert wurde. Daher eignet sich nicht nur der diesjährige Ewigkeitssonntag für einen Appell an alle, die nicht nur ein Abbild von einer hiesigen Religion sein wollen: Hetzen wir nicht den Kirchen und ihren Visionen hinterher, nehmen wir uns Zeit, gemeinsam über stichhaltige und authentisch bleibende Eigenkreationen nachzudenken, statt wie Getriebene zu erscheinen. Wir haben es nicht nötig, in unseren Überzeugungen, unseren Werten und unseren Riten nur Duplikate zu sein. Wir haben das Zeug zu einem ehrlichen Original!

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung

Wenn es am schönsten ist, dann soll man am besten gehen. So sagt es das Sprichwort. Doch wie oft erleben wir in diesen Tagen, dass gerade Menschen in herausragender Stellung noch rasch ihre Gewinne mitnehmen, ehe sie dann von der Bildfläche plötzlich verschwinden.

Bei Sportlern, deren „Gehalt“ wir als einfache Bürger seit langem nicht mehr nachvollziehen können und das mit einem ursprünglichen Gerechtigkeitsbegriff kaum noch vereinbar ist, erwarten wir eigentlich eine besondere Sensibilität im Blick auf ihren Umgang mit dem, was ihnen durch ihre Position möglich wurde.

Geld, Ruhm und auch Ehre an einem Zenit des Erfolges einfach einzupacken, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was das für ein Team bedeuten könnte, mit dem man über Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet hat, ohne an die Fans zu denken, die regelmäßig mitfieberten, und ohne einen geregelten Ablauf für das Ausscheiden aus einer Karriere zu finden, ist verantwortungslos.

Die Taschen sind gefüllt, nach mir dann die Sintflut. Nico Rosbergs Verhalten mag für ihn ganz persönlich noch verständlich sein. Viel eher ist es aber ein Abbild einer gesellschaftlichen Veränderung: An erster Stelle, da stehe ich mit meinem Profit, mit meinen Wünschen, mit meinen Befindlichkeiten.

Auch heute noch nennt man so etwas schlichtweg den Höhepunkt einer Dekadenz ohne jegliche Scham und in grenzenloser Selbstverliebtheit!

[Dennis Riehle]