Leserbrief zu
„Wie glaubwürdig ist Hankas Verhalten?“, 19.01.2017, „BUNTE“

Wir kennen Hanka Rackwitz kaum – und doch wurde die Fernsehnation zu wahren Hobby-Psychologen, als die „Verrückte“, wie sie sich selbst verkauft hatte und bereits im Vorfeld oftmals bezeichnet worden war, den Weg auf den australischen Kontinent suchte, um mit anderen „Promis“ die Prüfungen zu bestehen, die die Zuschauer begeistert verfolgten, und letztendlich einen Nachfolger von Desirée Nick, Maren Gilzer oder Joey Heindle wählten. Viele warfen ihr vor, sie spiele ihre Zwänge nur. Und so deutete man in den Wohnzimmern jede Bewegung von Rackwitz, studierte ihre Interviews noch vor Einzug ins Camp und befragte manch ein Online-Lexikon danach, was denn eine „Zwangsstörung“ überhaupt sei. Denn schlussendlich trifft man solch eine Situation nur selten an, in der sich eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit mit ihren seelischen Problemen der breiten Öffentlichkeit stellt. Und so waren Häme und Spott dem Respekt und der Anerkennung gegenübergestellt, neugierig schienen alle – und gewisse Personengruppen zitterten vor einer völligen Fehldarstellung der Erkrankung bis hin zu einer absoluten Verharmlosung oder Übertreibung eines Störungsbildes, das die Meisten mit „Händewaschen“ oder „Ritzen zählen“ assoziieren dürften. Schließlich wurde das, was sich rund um das „Dschungel-Camp“ 2017 abgespielt hat, ein Einblick in Vorurteile, mit denen Menschen mit einer Zwangserkrankung umgehen müssen. Aber auch in die Prozesse hinein, wie solche Meinungen entstehen und vielleicht gar noch in falsche Richtungen gelenkt und damit schaden können.

Nachdem ich selbst seit knapp 20 Jahren mit einer Zwangskrankheit beladen bin, wirkten die Verhaltensweisen von Hanka Rackwitz auf mich nicht sonderlich gespielt. Gleichermaßen irritierte mich ihr Vorgehen. Der Genuss von tierischen Genitalien als Konfrontationstherapie gegen das Putzen und Ordnen? Ich gebe zu: Im Gegensatz zur Wissenschaft war ich noch nie ein Freund von Expositionen, vom Therapieansatz, Zwänge durch das gezielte Auseinandersetzen mit den Angst auslösenden Situationen provozierend und überwindend bewältigen und gleichsam auch beherrschen zu wollen. Dafür sind Zwänge für mich zu komplex, als dass ich ihnen alleine durch eine Symptombehandlung begegnen möchte. Doch meine Sicht ist hier nicht repräsentativ, daher mag Rackwitz mit ihrer Entscheidung durchaus Anhänger finden. Viel eher störte mich der inszeniert wirkende und – erwartungsgemäß – medial ausgenutzte Gang in Richtung Australien. Er war es, der unnatürlich daher kam. Als öffentlichkeitswirksamer Versuch, durch größtmögliche Aufmerksamkeit den Blick nicht nur auf sich, sondern auch auf eine Erkrankung zu lenken, die durchaus einen Fokus braucht, war Rackwitz‘ Vorgehen eher unglücklich gewählt. Denn sie erwies der Zwangsstörung und vielen Betroffenen einen Bärendienst: Letztlich war es nämlich nicht nur ein Einblick in die Krankheit, sondern ein im falschen Rahmen inszeniert daherkommendes Präsentieren einer Dramatik, der es an Authentizität fehlte.

Was mich stutzig werden ließ, waren die raschen Erfolge von Hanka Rackwitz. Zweifelsohne wirkt das „Flooding“ rasch, also die massierte Spiegelung des eigenen Verhaltens an den Reizen wie potenziellen „Bakterien“, „Keimen“ oder quer gelegten Bleistiften. Doch dass innerhalb von Tagen nicht nur eine Stimmung derartig umschlägt, sondern auch Zwänge schwächer zu werden scheinen, die nach Angaben von Rackwitz zuvor ihren Alltag ausgestalteten, das überraschte doch. Zwar kann das neue Umfeld einen bedeutenden Einfluss gehabt haben, Stresssituationen sind aber eigentlich eher für eine Verstärkung des Zwangsverhaltens bekannt. So mögen Patienten vielleicht falsche Hoffnungen entwickelt haben über den Fortgang ihrer eigenen Erkrankung – ohne abschließend klären zu können, was bei Hanka Rackwitz letztendlich „echt“ war und vielleicht eben nur „schauspielend“ gewesen ist. Denn nicht umsonst sprechen viele Betroffene von lebenslangen Begleitern, wenn sie ihre Zwänge einschätzen. Das müssen sie nicht sein – und vor allem nicht derart ausgeprägt, dass sie dauerhaft die Genussfähigkeit im Dasein einschränken. Und doch mag dann ein Tenor der raschen Linderung im Urwald nicht die passende und vor allem auch nicht ehrliche Antwort auf die Qual sein, die mittlerweile mehrere Millionen Deutsche in unterschiedlichem Ausmaß mit sich schleppen.

Was zu kurz kam, das waren die Hintergründe einer solchen Störung. Manch einer verniedlichte die Probleme von Hanka Rackwitz als „Tics“. Dabei sind Zwänge mehr als ein paar Marotten, die sich ab und zu einmal zu Wort melden. Eine Zwangserkrankung nimmt Lebenszeit, als Erkrankte haben wir aber in vielen Momenten der Betroffenheit nur mehr oder weniger die volle Macht, über sie mitzubestimmen. Aus Unwissenheit ließen Andere aus der „Neurose“ der Zwänge eine „Psychose“ werden – was sie eben gerade nicht ist. Zwar sind die Grenzen in wenigen Fällen fließend, sicher aber nicht bei Rackwitz‘ Waschen und Reinigen. Denn eigentlich sind Menschen mit Zwängen von ihrem Handeln nicht überzeugt, sie zweifeln in alle Richtungen. Das ist der Kern der Erkrankung. Und so lange sie keine Gewissheit haben, ihr Tun sei richtig und sinnvoll, so lange sind sie davon entfernt, in eine wahnhafte Welt abzudriften – und entsprechend als „Schizophrene“ stigmatisiert zu werden. Auch half die Biografie von Rackwitz nicht weiter, ihre Emotionen wirkten durch die „Scheinwerfer-Situation“ nicht selten aufgesetzt. Ihre Teilnahme am „Dschungelcamp“ schien ein Ausdruck einer großen Hilflosigkeit. Und das vereint sie mit den vielen anderen Betroffenen. Daraus aber abzuleiten, dass ein kulinarischer, geografischer und kultureller Schock das richtige Mittel für die Bekämpfung der eigenen Zwänge ist, wäre fahrlässig. Denn die Therapieauswahl muss individuell geschehen, hängt maßgeblich auch von möglichen Ursachen, systemischen oder psychodynamischen Faktoren ab. Wenn aber die Botschaft von Hanka Rackwitz ausgegangen sein sollte, überhaupt aufzustehen und das Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen, statt es von einem unsichtbaren Gegenüber bestimmen zu lassen, dann hat sich ihr Engagement gelohnt…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Zweifelsohne: So richtig glücklich war das alles nicht. Da verharren die „Grünen“ bereits in harter Kritik, mit manch einem Vorschlag realitätsfern völlig allein auf weiter Flur zu stehen, und plötzlich kommt aus dem Nichts eine Parlamentariern hervor, der die Schwerkranken in unseren Spitälern und Pflegeheimen eingefallen sind. Eine wuchtige Zurückweisung erfuhr sie mit ihrer Forderung, „Sexualassistentinnen“ durch die Krankenkassen bezahlen zu lassen. Vielleicht war es nicht ganz klug, mit solch einer ausgereiften Überlegung, die aus den Niederlanden und Amerika stammt und dort erfolgreich praktiziert wurde, so unverhohlen in die Tür zu platzen. Denn: Deutschland ist anders.

Zunächst einmal: Ich finde es gut, dass in Wochen, in denen von CDU bis Linkspartei offenbar alle nur noch über die „Innere Sicherheit“ debattieren und ihre schon fast psychotisch anmutenden Überbietungswettbewerbe in noch mehr Maßnahmen und Verschärfungen omnipräsent auf fast allen Kanälen austragen, endlich wieder einmal der Fokus auf einen Schwerpunkt gelenkt wurde, der realistisch ist, der nicht aus dem Wahn der Ängste heraus entsteht, sondern aus einem Problem heraus, das wir hierzulande gern verschweigen. Denn obwohl wir so tun, als wären wir aufgeklärt, sind die Deutschen zumindest in der öffentlichen Diskussion noch immer ziemlich verklemmt, wenn es um dieses Thema mit den drei Buchstaben geht…

So war von verschiedensten Seiten schon nach kurzer Zeit Empörung zu vernehmen, ohne, dass überhaupt einmal intensiver darüber nachgedacht wurde, um was es eigentlich geht: Ist es tatsächlich verwerflich, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie ältere Menschen, Kranke oder Behinderte fühlen? Macht uns der Vorstoß der Abgeordneten nicht eher darauf aufmerksam, dass wir eine ganze Gesellschaftsgruppe vergessen haben? Denn was glauben wir denn, was mit denen passiert, die bettlägerig werden, die oftmals ohnehin abgeschoben scheinen in den Zimmern der Heime? Aus den Augen, aus dem Sinn? Nur, weil ein Mensch sich vielleicht nicht mehr so gut bewegen kann, psychische Leiden erdulden muss oder kognitiv eingeschränkt scheint, heißt das doch nicht, dass sich damit automatisch seine Empfindungen abstellen!

Doch leider scheint eine nicht geringe Minderheit ganz anders zu denken, wohl auch manche Politiker, die die Überlegungen reflexartig zurückweisen, mit moralischen Bedenken, die eher vorgeschoben als wirklich fundiert sind. Es sind Menschen in Gefängnissen, in Psychiatrien, in Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen und auch Altenheimen, an die wir im besten Falle noch denken, aber ihnen nur selten die Würde zukommen lassen, die sie verdient haben – nämlich dieselbe wie uns selbst. Wenn Oma in ihrem Bett dahin vegetiert, sind manche dankbar, wenn sie nicht viel von ihr hören. Doch gerade ältere Menschen leiden darunter, dass sie nicht mehr als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt werden. Für Behinderte und Kranke gilt gleichermaßen, dass sie zwar existieren, aber nicht wirklich leben dürfen. Das ist nicht unbedingt ein Fehler des Systems, sondern von uns allen, die wir noch immer nicht so genau wissen, was wir denn mit „denen“ anfangen sollen, die irgendwie nicht in das Bild des Agilen, des Vitalen, des Funktionierenden passen wollen.

Nur, weil die sexuelle Leistungsfähigkeit mit dem Alter nachlässt, heißt das nicht, dass gleichzeitig auch Sehnsüchte verschwinden. Wir können religiös argumentieren, wie bei allen Formen von bezahlten Dienstleistungen rund um die Sexualität, dass es ethisch fragwürdig sei, allein auf Basis von den Resten des Testosterons und Östrogens eine Dame oder einen Herren zu rechtfertigen, der ans Bett kommt mit dem Ziel, wieder ein Stück Normalität zurückzugeben. Denn selbst der liebe Gott wird sich etwas dabei gedacht haben, weshalb er sexuelle Begierde nicht auf Knopfdruck abstellt – wenn wir zu alt werden, krank sind oder beeinträchtigt. Reduzieren wir nicht vielleicht eher ganz hausgemacht aus wirtschaftlichen, persönlichen oder sozialen Gründen einen Besuch im Bordell oder eben auch die Befriedigung des natürlichen Sexualtriebes mithilfe einer von der Krankenkasse finanzierten Assistenz auf eine Sache zwischen zwei völlig Unbekannten, vorurteilhaft und arrogant?

Ein Fehler in dieser wie in anderen Diskussionen ist die Fokussierung auf die Sache, auf den „Sex“ als Verhalten. Wir alleine bestimmen, was wir daraus machen – und schon allein dort beginnt die Eigenverantwortung, die ich im Respekt vor unserem Grundgesetz jedem zubilligen will. Wir können das Miteinander mit einer Sexualassistenz zu einem rein körperlichen Zweck nutzen, dann ist das genauso gut oder schlecht wie bei jedem Anderen auch. Wir können aber auch davon ausgehen, dass gerade Menschen, die alleine sind, die sich verlassen fühlen und die sich spüren möchten, nicht allein auf diese Art der Befriedigung setzen. Ihre Not ist nicht die der körperlichen Enthaltsamkeit, sondern der Nähe, vielleicht auch der Liebe – und sei es nur bei einer einzelnen Begegnung mit jemandem, der darauf geschult ist, auf genau diese Menschenrechte einzugehen.

Nein, zweifelsohne kann eine Sexualassistenz keine Einsamkeit heilen, kann kein Ersatz sein für Angehörige, die sich nicht blicken lassen. Sie wird auch nicht darüber hinweg helfen, dass es nicht mehr die Zärtlichkeiten des Ehemanns, der Tochter oder der Mutter sind, die wir erfahren dürfen. Aber wird sie im empathischen Sinne gestaltet, so kann sie zumindest Bedeutung wiedergeben. Das Sein in einem Alltag, der eben doch oftmals grau ist, der auch durch Geschlechtsverkehr nicht wieder aufhellen wird, wird wieder erlebbar. Es ist eine Frage unseres Verständnisses vom Umgang mit denen, die wir nicht mehr für „voll nehmen“, es ist ein Spiegel für unsere Gesellschaft, den die grüne Abgeordnete uns da vor die Nase hält. Aus Angst davor, dass wir unser bisheriges Versagen erkennen könnten, blenden wir rasch aus. Ein typisches Phänomen in Zeiten, in denen man nur noch glaubt, was man sich selbst vorgelogen hat.

Und ob so etwas wie eine Sexualassistenz die Krankenkassen bezahlen sollte? Nun ja, sicher war es unpassend, mit einer doch polarisierenden Idee derart unverhofft ins neue Jahr zu gehen. Vielleicht braucht es zunächst die grundsätzliche Diskussion darüber, wie es denn aussieht mit unserem Weltbild über die alten, kranken und behinderten Menschen in unserer Gesellschaft. Denn wahrscheinlich müssten sich viele verschämt eingestehen, dass dort seit langem Rechte verletzt werden. Ein Recht auf Sex? Nein, aber ein Recht auf Selbstbestimmung, zu dem auch gehört, den Wunsch nach sexueller Nähe artikulieren zu dürfen – und ihn dann auch erfüllt zu bekommen, wenn keine andere Möglichkeit als durch eine Assistenz besteht. Denn der „Trieb“ – der dieser Tage besonders wieder durch Meldungen aus den Großstädten besetzt wird, wo sich Frauen vor manch wild gewordener Horde in Sicherheit bringen müssen – ist zunächst einmal etwas, was zu uns gehört. Das ist nicht verwerflich, das ist nicht „bäh“ und schon keineswegs etwas, was man verstecken, unterdrücken oder zu verhindern versuchen muss, nur, weil man von der Leistungsgesellschaft nicht mehr auf dem „Schirm“ wahrgenommen wird. Und warum gestehen wir das, was wir als scheinbar „Gesunde“ uns zubilligen, nicht auch denen zu, die den gleichen Wunsch haben wie wir: Mensch zu sein…

[Dennis Riehle]

Petitionslaut:

Der Landtag von Baden-Württemberg möge beschließen, das zuständige Ministerium mit einer langfristigen Planung der stationären Versorgung zu beauftragen und den Krankenhausplan aus 2010 im Blick auf die neuesten Prognosen zu aktualisieren.

Begründung:

Der baden-württembergische Sozialminister hat in Aussagen Anfang 2017 darauf hingewiesen, dass sich mehrere Dutzend Krankenhäuser im Land auf Dauer nicht halten lassen. Viel eher gehe er von einer Zentralisierung und Professionalisierung von Einrichtungen aus. Dies hat jedoch zur Folge, dass gerade im ländlichen Raum und in kleineren Städten ein Mangel an Kliniken droht, die eine rasche Grundversorgung leisten könnten.

Der Krankenhausplan 2010 für Baden-Württemberg garantiert jedoch diese Versorgung trotz einer „Konzentration“ dergleichen auch weiterhin (Kapitel 4.5). Gleichzeitig geht eine Vielzahl von Rechtsprechungen in der gesamten Bundesrepublik von einer maximal Entfernung von 40 Kilometern, in dichter besiedelten Bundesländern gar von höchstens 20 Kilometern bis zum nächsten Krankenhaus aus.

Aus den momentanen Äußerungen der Landesregierung wird nicht ersichtlich, wie sie diese Anforderungen auch künftig erfüllen möchte, wie sie dem „Kliniksterben“ ihrerseits entgegenzutreten versucht, wie eine stationäre Grundversorgung auch im Ländlichen Raum gesichert bleiben könnte und ob die eher wartenden Äußerungen ihres Ministers als hinreichend für die Herausforderung anzusehen sind, die der Deutsche Ethikrat beispielsweise mit Sorge betrachtet und befürchtet, dass die gesundheitliche Versorgung dem Kosten- und Zeitdruck verfallen wird.

Insofern wird erbeten, dass der Landtag von Baden-Württemberg eine entsprechende Konzeption von der Landesregierung zur Gewährleistung der stationären Versorgung in Baden-Württemberg auch in der Zukunft einfordert und im Zweifel den aus 2010 stammenden Krankenhausplan im Bezug auf die Präsenz von Krankenhäusern in der Fläche nochmals konkretisiert.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

Ein großer Teil der Bewohner Israels muss scheinbar auch weiterhin in einer großen Angst leben. Denn anders kann man die menschenverachtenden Einlassungen vieler Einwohner auf den Straßen nach dem Urteil gegen den Soldaten, der einem Palästinenser in den Kopf schoss, obwohl dieser schon am Boden gelegen hat, nicht erklären.

Terroristen brutal zu töten, sie zu „neutralisieren“ – auch dann, wenn sie bereits wehrlos sind, das hat narzisstische, wenn nicht gar schon sadistische Züge. Es fällt schwer, hier allein nationalistische und rechte Gesinnung für solch ein Gedankengut verantwortlich zu machen.

Viel eher ist es eine Perspektive des stets bedrängten und gleichsam verfolgten Volkes, das sich schon fast wahnhaft eine Generalvollmacht zuspricht, die nicht mehr mit internationalen Vereinbarungen übereinkommen kann. Gleichzeitig verspielt Israel mit den Worten seines Premierministers die Position als einziger Rechtsstaat in der Region, die stolz machen sollte. Aber nicht, wenn Gerichte ihre Urteile sprechen, damit sie später von Politikern durch eine Begnadigung wieder aufgehoben werden.

Der Richter sah keinen Fall von Notwehr, auch das vorliegende Video lässt keinen Schluss auf eine Gefahr des „Angreifers“ zu, wie der israelische Soldat es als Grund für seine Aktion vorgebracht hat. Nach westlichem Verständnis war der Schuldspruch zwingend, um Willkür zu unterbinden und auch Angehörigen des Militärs aufzuzeigen, dass selbst sie grundlegenden ethischen Standards folgen müssen, um Glaubwürdigkeit zu wahren.

Man kann nur hoffen, dass die Bilder wütender Anhänger von Azaria nicht die Mehrheitsmeinung im Land wiedergeben.

[Dennis Riehle]

Pressenotiz

Konstanz. Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat Stellung genommen zu einer Eingabe des Konstanzer Journalisten Dennis Riehle, der das Parlament aufgefordert hatte, sogenannte „Hochzeiten auf den ersten Blick“ zu unterbinden. Riehle verwies auf entsprechende Fernsehserien, in denen sich zwei unbekannte Menschen erst vor dem Traualtar begegnen, ohne sich zuvor je gesehen zu haben – um anschließend umgehend zu heiraten.

Riehle sah damit das hohe Gut der Ehe, das im Grundgesetz geschützt ist, angetastet. Immerhin bestehe bei solch einer Form der Eheschließung eine erhöhte Gefahr, dass es zu frühzeitigen Scheidungen kommen könnte – und dass die Beziehung nicht mit der nötigen Vorbereitung eingegangen wird. Der Respekt vor der Ehe verbiete einen übereilten und medial forcierten Entschluss in einer solch wichtigen Lebensfrage. Riehle verwies entsprechend darauf, dass der Staat durch Art. 6 GG die Möglichkeiten besitze, in die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen derart einzugreifen, dass alles Nötige dafür getan würde, die lebenslange Ehe nach § 1353 BGB auch zu unterstützen.

Das zuständige Referat des Petitionsausschuss teilt die Kritik an den Fernsehsendungen dieser Art: „Es ist fragwürdig, ob Eheschließungen, als wissenschaftliches Experiment getarnt, medientauglich verwertet werden sollen“. Zudem betont es nochmals: „Die Ehe ist […] als staatliche Institution von tragender Bedeutung und verpflichtet zu gegenseitiger Verantwortung. Sie steht daher unter dem Schutz des Staates“.

Allerdings sieht der Petitionsausschuss keine Möglichkeit, Heiratswillige in volljährigem Alter zu einer Phase des Kennenlernerns zu verpflichten, ehe das Eheversprechen nach reiflicher Überlegung dann abgegeben wird: „Auch unter dem Schutz des Staates steht allerdings das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen, in das zu stark eingegriffen würde, wenn eine gesetzlich verpflichtende Mindestverlobungszeit als Voraussetzung für das Eingehen der Ehe bestünde“.

Riehle hofft dennoch, dass sich die Menschen künftig eingehender überlegen, ob sie ihre Ehe im Rahmen sogenannter „Sozialexperimente“ eingehen möchten, die ihnen kaum Chancen lassen, ihren Partner von Grund auf lieben zu lernen, sondern das Eingehen einer dauerhaften Bindung zu einem Spiel verkommen lassen, bei dem es um Mut und ein Ausprobieren, aber nicht um eine wirklich ernsthafte Verpflichtung geht.

[Dennis Riehle]

Leserreaktion zu
„Psychiatrie tritt auf der Stelle“, „ÄrzteZeitung“, 28. Dezember 2016 (http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/article/926708/60-jahre-stillstand-psychiatrische-therapie-tritt-stelle.html)

Ist die Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten in ihren Ansätzen von Behandlung und Therapie nicht weitergekommen? Das meint zumindest aktuell die „ÄrzteZeitung“ in einem Kommentar – und bezieht sich mit ihrer Meinung auf die Ergebnisse des Jahreskongresses der „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychosomatik, Psychotherapie und Nervenheilkunde“ (DGPPN) in 2016. Demnach sei es nicht gelungen, über die bereits seit langem angewendeten Wirkstoffgruppen hinaus passende Medikamente für Patienten zu finden, die mit den „neuen“ und „alten“ Psychopharmaka nicht vorankämen. Keine medizinische Disziplin trete derartig auf der Stelle wie die Psychiatrie, so der Tenor des Autors.

Schon allein dieser Vergleich scheint unpassend. Ja, auch die Psychiatrie gehört zu den medizinischen Fachrichtungen. Doch kann man sie wirklich der Orthopädie, der Hals-Nasen-Ohren – Heilkunde oder der Gynäkologie gegenüberstellen? In keinem Bereich der Medizin scheinen die praktizierenden Ärzte mit derartig vielen unsichtbaren Zusammenhängen konfrontiert wie bei der Behandlung von psychiatrischen Leiden. Nicht nur Hirnprozesse, endokrines Geschehen, neurologische Einflüsse und internistische Schwankungen spielen eine Rolle, sondern vor allem das Unsichtbare der Seele. Denn die Psychiatrie kommt heute nicht mehr ohne psychotherapeutische Betrachtung aus – ein enormer Fortschritt im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten. Sie versteht den Menschen – im Gegensatz zu manch anderer Fachrichtung – nicht allein als ein biologisches Objekt, das empirisch auf Behandlungen reagiert. Im Dogma ist sie damit den meisten medizinischen Disziplinen voraus.

Dass die Medikamente weiterhin auf die bekannten Wirkstoffklassen beschränkt bleiben und insbesondere Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer als wichtigste Antidepressiva neben den modernen Neuroleptika nicht all den Patienten helfen können, das liegt letztlich ganz in der Natur der Sache. Denn trotz einer großen Vielfalt an Arzneimitteln dieser Gruppen ist nicht nur das Ansprechen auf die individuelle Symptomatik, die bei Krankheiten außerhalb des psychiatrischen Spektrums nie derartig zielgenau angegangen werden muss wie eben den Psychosen, Depressionen oder auch Persönlichkeitsstörungen, sondern auch die Nebenwirkungsrate weiterhin so komplex, dass man sich mit einem Wettbewerb um den fortschrittlichsten Fachbereich der Medizin schwer tut, wenn die Ausgangslage für ihre denkbaren Erfolge dann doch so unterschiedlich scheint.

Es ist der Psychiatrie recht unfair gegenüber, sie als eine Disziplin im absoluten Stillstand wahrzunehmen. In keiner waren die Reformen derart enorm, von der Hilflosigkeit der Zwangsmaßnahmen über das bloße Austesten von willkürlichen Substanzen zu einer in den Wechselwirkungen überschaubar gewordenen, für viele Patienten über Jahre große Erleichterungen bringenden und symptomatisch lindernden Behandlung, die abwägt und keinesfalls eindimensional bleibt. Der Anspruch, die Psychiatrie möge heilen, möge ursächliche Therapien bieten, um die Abhängigkeit von einer pharmakologischen Dauerbehandlung abzulösen durch eine schonendere, die Stoffwechselprozesse des Gehirns noch stärker berücksichtigende Begleitung, ist berechtigt, aber auch halbherzig. Zweifelsohne stößt die Psychiatrie auch heute noch an ihre Grenzen. Doch kaum eine Disziplin wird gleichsam derart stiefmütterlich behandelt wie sie.

Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Medizin selbst fristet sie noch immer in ihrem Mauseloch unter verschiedensten Vorurteilen, wird nicht ernst genommen und manches Mal auch als überflüssig betrachtet. Wenn sich solch eine Einstellung auch auf die Forschung übertragen sollte, erklärt sich eine gewisse Stagnation im weiteren Vorankommen der Psychiatrie. Faktisch ist sie aber nicht allein auf eine nicht wachsende Bandbreite an Medikamenten aus den bekannten Kategorien angewiesen. In der Selbsthilfearbeit bin ich eher überrascht darüber, wie vielseitig die Psychiater heute Diagnostik betreiben – und damit Ursprünge psychiatrischer Krankheiten finden, die über lange Zeit unbeachtet blieben. Ob die Testung der Funktion endokriner Drüsen, Blutuntersuchungen auf Vitamine und Hormone, aber auch die Klärung möglicher humangenetischer oder immunologischer Ursachen – all das gehört bei den meisten Psychiatern heute neben bildgebenden Verfahren, radiologisch-interventionellen Methoden und einem neuropsychiatrischen Konsil zur Vielfalt von Erkennung und Behandlung.

Gemeinsam mit der Psychotherapie, die sich ebenfalls gerade in diesem Jahrzehnt wieder weiterentwickelt, ist durch die Psychiatrie vielen Betroffenen zumindest eine Remission ihrer Beschwerden zuteil geworden. Aus eigenem Antrieb heraus erlebe ich Mediziner, die nicht nur Pharmakotherapie bis zuletzt ausreizen, um Menschen zu helfen, sondern interdisziplinär arbeiten. Dass dabei manches Mal noch immer die alleine Ruhigstellung als das einzige Mittel zur Unterdrückung von Symptomen in Frage kommt, ist kein befriedigender Zustand. Das weiß auch die Zunft selbst. Und trotzdem macht man es sich zu leicht, die Psychiatrie selbst mit all ihren Mitwirkenden als auf dem Stand tretenden Fachbereich zu deklassifizieren. Viel eher erwarte ich den Einsatz dafür, dass die Disziplin weiter aus ihrem Schattendasein geholt wird, finanzielle und personelle Anerkennung für die weitere Erforschung neuer Behandlungsansätze erhält und ihrem Wandel in den vergangenen Jahrzehnten eine Wertschätzung zugesprochen wird, den besonders jene zu würdigen wissen, die als Patienten erstmals mit einer gewaltfreien Psychiatrie aufwuchsen…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu den Leserbriefen vom 21. Dezember 2016 („Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert…“) und vom 24. Dezember 2016 („Ohne Gott geht es mindestens so gut…“), BVZ.de

Gott ließ seinen Sohn am Kreuz sterben. Aber damit war noch nicht Ende. Christen glauben an die Auferstehung. Ohne sie wäre diese Religion nicht denkbar. Daher war die Aussage des Bischofs richtig: „Gott will nicht den Tod“.

Und die Frage, warum er die Opfer von Terror und Gewalt nicht rettet, findet sich theologisch schon im Buch Genesis 3,22 begründet: Gott übergibt den Menschen die Verantwortung für ihr Handeln. Das heißt nicht, dass er sich zurückziehen würde. Doch er offenbart sich nicht dort, wo wir es gern hätten.

Er will, dass wir mündig werden, dass wir erwachsen sind. Und da passt es nicht, dass er immer dann sein Sprungtuch öffnet, wenn wir unfähig zum Frieden sind. Und letztendlich macht er auch deutlich, dass das Leben nicht alles ist. Dass wir vergänglich sind.

Er lässt uns nicht sterben, weil er daran seinen Gefallen finden würde. Sondern weil er die Freiheit seiner Ebenbilder so liebt. Das ist schwer nachzuvollziehen. Aber niemand sagt, dass Glaube einfach sei…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Die Deutsche Gesellschaft für „Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ hat aktuell auf die zunehmende Bedeutung religiöser Überzeugungen in der Therapie psychischer Krankheiten hingewiesen. Die Gesellschaft bemängelte, dass noch nicht hinreichend erforscht sei, welche Rolle religiöse und spirituelle Ansichten in der Behandlung seelischer Erkrankungen spielten. So könnten sie einerseits Ressource sein, andererseits aber auch zu einem Teil des Krankheitsbildes werden. Ob in Form von Halluzination, von zwanghaftem Verhalten oder als Angststörung – Religion wird nicht nur aus Sicht der Experten zu einem immer wichtigeren Thema in der Psychotherapie.

Zwar schöpfen viele Menschen ihre Kraft aus einem Glauben, der ihnen andererseits aber auch im Zweifel alle Hoffnungen nehmen kann. Denn in der Regel sind es beängstigende Bilder, in denen Religion in psychischen Leiden ihren Ausdruck findet. Ob es die Furcht vor einem strafenden Gott, vor bösen Geistern oder auch der Hölle sein mag – sobald sich Menschen solchen Drohkulissen unterworfen haben, nutzt die Psyche die Hilflosigkeit schamlos aus. Denn es sind gerade die instabilen Persönlichkeiten, die anfällig sind für solche Entgleisung. Dabei gehen Seele und Glaube eine wechselseitige und sich nicht selten gar bedingende Liaison ein, bei der das weltliche Heil in den Augen des Betroffenen nicht unerheblich von der Gnade eines Schöpfers, eines Engels oder eines Heiligen abhängt. Frohwerden allein durch die Überzeugung von einem Sicherheitsnetz namens Jesus Christus, dem man narzisstisch nachsagt, er sei allein für mich gestorben – oftmals kann dies nur begründet liegen in einer Selbstaufgabe, die tatsächlich Therapie bedarf.

Aus meiner eigenen Selbsthilfearbeit sind mir zahlreiche Personen bekannt, die sich über Jahre in einer Welt der Verfolgung, der Unterdrückung und der Bedrohung befanden. Zumindest ihr Kopf verpflichtete sie dazu, Gott und Göttern regelmäßig zu dienen, um Fegefeuer und Sündenstrafen auch tatsächlich zu entgehen. Mehrere hundert Mal am Tag das „Vaterunser“, um Zahlen zu erreichen, die eher satanistisch statt göttlich anmuteten. Stunden an Bibellektüre, selbstverletzende Auspeitschungen oder das Abschreiben der Schriften – und trotzdem Stimmen, die sich als Erzengel Michael oder Mutter Maria persönlich ausgaben und merkwürdigerweise nie zufrieden mit dem waren, was die demütig Ergebenen für sie leisteten. Religiöse Vereinnahmung stand im Verdacht, gesunde Menschen zu Psychotikern zu machen, oftmals mit entsprechend streng gläubigen Gemeinden im Hintergrund, aber immer im Würgegriff einer höheren Macht.

Tatsächlich ist in diesen Fällen der Ansatz für eine Psychotherapie schwierig: Soll sie versuchen, die eigenen Glaubenssätze wieder auf ein verträgliches Niveau, auf einen kritischen Glauben zurückführen? Ober bedarf es gar das Ziel einer humanistischen Orientierung, als die Hinwendung zum Menschen allein, der all das zurückzulassen vermag, was sich an religiösem Ballast, möglicherweise aber auch an Halt angesammelt hatte? Viel hängt vom Wunsch des Patienten ab. Viel, aber nicht alles. Denn allzu oft befinden sich Betroffene durch ihre Erkrankung in einer Situation, in der eine rationale Entscheidung nicht möglich ist. Der Mut eines Therapeuten, sich dann im Zweifel auf eine 180-Grad–Wende einzulassen, also die Absicht zu verfolgen, einen Patienten tatsächlich zu säkularisieren, ist kein einfacher Schritt. Denn nein, Psychotherapie ist keine Teufelsaustreibung. Aber sie bedarf manches Mal auch einer Konsequenz, die dem Außenstehenden nicht „menschlich“ erscheint – gerade dann nicht, wenn wir auf den freien Willen eines Jeden abzielen. Die Frage, wie viel Freiheit nötig ist, um Leiden zu mindern, ist also nicht nur hier eine philosophische.

Um Abstand von tief sitzender Selbstkasteiung zu gewinnen, braucht es nicht selten die Hinführung zu einer Gottlosigkeit. Denn erst sie macht klar, dass sich Religion oftmals über Jahre zu einem Stellvertreter für unbearbeitete Emotionen, Persönlichkeitsdefizite oder systemische Konfliktszenarien entwickelt hat. Ekstase in einem oftmals radikal konservativen Glauben hilft lange Zeit wie eine echte Droge: Sie betäubt Probleme, ehe sie schlussendlich zu kaum noch einzufangenden Folgeschäden führt. Auch hier ist es der strikte und gnadenlose Entzug, der von Betroffenen meist erst dann als sinnvoll eingestanden wird, wenn es lebensbedrohlich wird – oder aber die Reißleine durch Andere gezogen wird, die die nötige Konfrontation mit der Symptomatik, eine Auseinandersetzung mit den Wurzeln der eigentlichen Nöte und ein Verlernen des meist edukativen und meist auch ekklesischen Verhaltens. Gerade bei Ausformungen extremer Glaubensüberzeugung braucht es kein falsches Verständnis von Toleranz gegenüber Religionen – erst recht nicht, wenn sie krank machen.

Es wird auch in der Psychotherapie oftmals zu lange abgewartet, bis religiöse Einflüsse als tatsächlich gefährlich anerkannt werden. Denn es ist nicht ein differenzierter Glaube, der liberal ist gegenüber sich und denen, die ihn als Stützte betrachten. Es sind die sektenhaften Ausartungen, die eigentlich auch jedem Therapeuten offenkundig werden müssten. Doch wahrhaftig ist es selbst bei den Fachleuten ein Respekt, der keiner sein dürfte, welcher schlussendlich Durchbrüche in der Psychotherapie verhindert: Wir müssen einen Glauben anerkennen, nicht aber religiöse Indoktrinationen, die dem Menschen keinerlei Mehrwert erbringen, sondern ihn zerstören können. Dabei wären die ersten Ansätze ziemlich einfach, um diesen an jener Stelle richtigerweise als einen Wahn zu bezeichnenden Einfluss von spirituellen Überzeugungen zu demaskieren: Die Affirmation des Menschen muss für den Therapeuten an oberster Stelle stehen. Nicht das Dulden einer Ingewahrsamnahme der Persönlichkeit eines Patienten aus Gründen religiöser Achtung.

Erst, wenn die Seele wieder befreit scheint von einem Schleier spiritueller Umgarnung, kann die Aufarbeitung dessen beginnen, was sich hinter diesem Nebel verbirgt. Um an den Kompost unseres Lebens zu kommen, müssen wir ab und an graben und all das aussortieren, was stinkt. Nur dann wird deutlich, wo es wirklich fault. Denn in der Regel ist nicht die religiöse Überzeugung das wirkliche Problem, sie kaschiert lediglich, wo unsere Wunden bluten. Doch erst, wenn Selbstbewusstsein gestärkt, Traumata bearbeitet, die Persönlichkeit wieder aufgerichtet und das Menschseins abseits von Abhängigkeiten garantiert scheint, kann tatsächlich auch die Heilung beginnen, die die beste Prävention gegen die Anfälligkeit zu neuem Aberglauben ist…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief
zu „Deutsche wollen mehr Videoüberwachung“, „Badische Zeitung“ vom 27. Dezember 2016

Zumindest teilweise haben Attentäter mit ihren Angriffen schon gewonnen, wie es die Reaktionen auf die Vorkommnisse in Berlin deutlich machen: Statt unsere Freiheit zu leben, lassen wir es zu, dass sie nach und nach eingeschränkt wird. Man könnte sogar den Eindruck gewinnen, als hätte es nie Datenschutz gegeben, so einfach wird er dieser Tage über Bord geschmissen. Zwar geben in der genannten Umfrage eine Mehrheit der Deutschen an, sie wünsche sich mehr Videoüberwachung. Wenn wir in unseren Straßen und Plätzen dann aber von allen Seiten angestarrt werden, wird sich erneut die Frage stellen, ob wir nicht eher kapituliert haben vor einer Angst, die immer wieder neu dramatisiert wird, wenn Anschläge uns zu verunsichern versucht haben.

Denn die Meinung, Videokameras würden unser Gefühl von Sicherheit erhöhen, gilt nur solange, wie wir die Tatsachen beiseiteschieben: Amri wurde gefilmt, das Attentat aber nicht verhindert – und seine Identifikation erfolgte wohl maßgeblich über Fingerabdrücke, nicht über Gesichtserkennung. Was hilft uns Überwachung, wenn der Terrorist dann lächelnd ins Objektiv winkt, stolz, wie manch einer auch auf seinem Radarbild? Mehr Kameras nehmen uns Freiheiten, sie befördern aber den Narzissmus von Straftätern.

Quer durch Europa wurde der Verdächtige gefilmt, es brauchte italienische Polizisten, um ihn zu bremsen. Und trotzdem schwadroniert auch ein baden-württembergischer Innenminister, er könne nicht verstehen, weshalb man die Möglichkeiten von massenhafter Überwachung im öffentlichen Raum nicht nutze. Nein, nicht nur, weil ich mich erst recht unwohl fühle, wenn überall die Linse auf mich gerichtet wird, sondern auch, weil es den Staat nichts angeht, wo ich einkaufe, wann ich ins Kino gehe oder wo ich meine Freunde treffe, lehne ich eine pauschale Verdächtigung des gesamten Volkes ab.

Was passiert, wenn solche Aufzeichnungen in die Hände von Unternehmen geraten, die nur so auf Profile neuer Kunden warten? Wer garantiert, dass die Gesichtserkennung mich nicht mit meinen Doppelgängern verwechselt? Und warum konnten Städte wie London, die voll sind von Überwachungskameras, keinen kausalen Zusammenhang zu einer steigenden Aufklärungsquote an Verbrechen herstellen? Wieder einmal gilt: Nicht der, der am lautesten nach neuen Gesetzen schreit, dürfte im Recht sein. Sondern der, der sich zunächst fragt, warum die bestehenden und nachweislich völlig ausreichenden Gesetze nicht genutzt wurden, um eine Flucht durch mehrere Länder zu verhindern.

Auch Technik kann letztendlich immer nur so gut sein wie die, die sie anzuwenden in der Lage sein müssen. Und ehe wir letzteres nicht erreicht haben, helfen uns auch keine „Big Brother“-Mentalitäten weiter…

[Dennis Riehle]

Pressenotiz

Konstanz. Der deutsche Presserat hat die Zeitung „Junge Freiheit“ neuerlich wegen diskriminierender Äußerungen über die Sinti und Roma kritisiert. Im Beschwerdeverfahren über einen Artikel des Mediums erging ein „Hinweis“ als schwächstes Mittel der Sanktion, der zuständige Beschwerdeausschuss folgte der Argumentation des Beschwerdeführers, des Journalisten Dennis Riehle (Konstanz). Dieser hatte einen Beitrag vom 29. Juni 2016 mit der Überschrift „EU-Kommission fordert mehr Geld für Zigeuner-Integration“ vor den Presserat gebracht, weil er einen Verstoß gegen den Pressekodex sah.

Riehle hatte formuliert: „Im Artikel verwendet der Redakteur mehrfach die Begrifflichkeit des ‚Zigeuners‘. Als Bezeichnung für das Volk der Sinti und Roma hat diese Zuschreibung mittlerweile im deutschen Journalismus seine Gebrauchsfähigkeit verloren, da sie in der Lage ist, zu diskriminieren. Entsprechend findet sie kaum noch Verwendung. […] Gerade [ihre] Doppeldeutigkeit, eben nicht nur ursprünglich auch eine Volksgruppe zu bezeichnen, sondern heute vor allem alltagssprachlich zur Abwertung von Menschen im Sinne umherziehender Gruppen, meist wohnsitzlos und plündernd, genutzt zu werden, bringt Sinti und Roma zwangsläufig mit diesen Eigenschaften in Verbindung. […] Sie ist aufgrund ihrer historischen Bedeutung und der bis heute in der Umgangssprache gezielt stigmatisierend verwendeten Dimension in der Lage, gegenüber einer ethnischen Gruppe Vorurteile zu schüren. Entsprechend scheint auch der Titel plakativ mit dem Synonym gestaltet worden zu sein. ‚Mehr Geld für die Integration der Zigeuner‘ dürfte redaktionell als populistische Widersprüchlichkeit fungieren, die in das Bild der demonstrativen Nutzung des Begriffs passt und den Eindruck verstärkt, als sei hier bewusst gegen Ziffer 12 Pressekodex verstoßen worden“.

Der Beschwerdeausschuss übernahm diese Perspektive und unterstrich, dass die „Diskrepanz zwischen offiziell zitierten Äußerungen der EU-Kommission (‚Roma‘) und der Formulierung der Redaktion (‚Zigeuner‘) […] eine diskriminierende Wirkung [entfaltet], die nicht mit Ziffer 12 des Pressekodex vereinbar ist“. Entsprechend sah der Presserat die Beschwerde Riehles als begründet an und verhängte einen „Hinweis“ gegenüber der „Jungen Freiheit“. Bereits in der Vergangenheit hatte der Konstanzer Journalist gegen die Zeitung in einem ähnlichen Fall eine Beschwerde beim Presserat eingereicht, die damals eine „Rüge“, die stärkste und zur Veröffentlichung verpflichtende Sanktionsmaßnahme, ergeben hatte.

[Dennis Riehle]

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