Leserbrief
zu „Politische Gegner schießen sich auf Schulz ein“, FAZ vom 26. Juni 2017

Die Reaktionen aus der CDU zeigen, dass Martin Schulz mit seinem Vorwurf, die Union verhalte sich arrogant, vollkommen recht hatte. Von oben herab kanzelt Armin Laschet den Sozialdemokraten ab, wiederum ohne einen Hauch von Inhalt zu verbreiten. Generalsekretär Tauber gibt den Moralapostel und will belehren, was Demokraten sich an den Kopf werfen dürfen – und was eben nicht.

Verblendet von der Macht meint die CDU, fest im Sattel zu sitzen, hat es bis zum Zeitpunkt ihrer Kritik nicht einmal nötig, mit irgendeinem Programm in die Offensive gehen zu müssen. Und merkwürdigerweise stört das viele Deutsche gar nicht. In Phasen, in denen es dem Land auf den ersten Blick gut zu gehen scheint, wird die ohnehin geringe Reformbereitschaft in der Bevölkerung durch eine Zufriedenheit des Moments noch gemindert.

So, wie die Politik die Weitsicht verloren hat, denken sogar die Wähler nur noch kurzfristig. Wenngleich auch die SPD keine tatsächlichen Zukunftspläne vorgelegt hat, wäre eine Wechselstimmung aber allein aus Gründen des aristokratischen Wirkens der Kanzlerinnenpartei und des komatösen Zustandes unserer Republik dringend nötig.

[Dennis Riehle]

Leserbrief

Nein, die Rechte von Schwulen und Lesben sind mir keinesfalls egal. Denn ich bin selbst homosexuell. Aber gibt es im Wahlkampf 2017 tatsächlich nichts Wichtigeres als die Frage nach der „Ehe für alle“? Nun scheint sogar die Kanzlerin ein Thema gefunden zu haben, zu dem sie sich zu äußern bereit ist.

Wenngleich wiederum vage, so rückt auch Angela Merkel eine weiterhin als Minderheit anzusehende Gesellschaftsgruppe in den Mittelpunkt, die durch eine selbsternannte Lobby seit Jahren auf die Benachteiligung der eigenen Klientel hinweist und versucht, sich mit manch narzisstischem Einfordern von größtmöglichem Mitleid ins Gedächtnis von Politik und Gesellschaft zu rufen.

Zweifelsohne ist eine ernsthafte Debatte schon seit langem überfällig und eine Gewissensabstimmung im Bundestag zwingend, aber so sollte die „Ehe für alle“ ein Thema für die Tagespolitik bleiben, nicht für eine Auseinandersetzung vor der Bundestagswahl herangezogen werden, in der wir – mit Verlaub – doch vor weitaus schwierigen Fragen stehen als der, ob auch Homosexuelle, die in Deutschland wahrlich nicht über eine ernsthafte Diskriminierung sprechen können – zumindest nicht von einer, die es ohne einige Provokationen aus den eigenen Reihen vielleicht so nicht einmal gäbe – heiraten dürfen.

Die Gefahr besteht, dass solch eine Diskussion nun denen gelegen kommt, die sich ohnehin um programmatische Aussagen zur Zukunft von Arbeit, Rente und sozialer Sicherung in einer digitalisierten Welt drücken. Denn im Alter wollen schließlich auch Schwule und Lesben abgesichert sein – ob nun verpartnert oder eben getraut.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Nein, ich bin nicht generell gegen touristische Attraktionen. Und nein, natürlich läge es mir fern, die Bedeutung von Anziehungspunkten für Gäste als wichtigen Beitrag zur Förderung der Gastfreundlichkeit und ganz besonders des Umsatzes für die Fremdenverkehrswirtschaft herunterzuspielen. Doch was mit dem „Bodenseeforum“ im Großen möglich ist, das geht auch im Kleinen. Litzelstetten macht vor, wie ansteckend diese Krankheit sein kann, diese Angst vor den wirklich wichtigen Themen, die dazu führt, dass sich die Wohlstandsgesellschaft von dem ablenken muss, worauf wir mit sehenden Augen zurasen. Und was könnte unsere Aufmerksamkeit besser mitnehmen in das Land der Träume und des Nonsens als Spielereien, die der Bevölkerung suggerieren, man sei kreativ und vor allem aktiv, ohne dabei aber irgendeinen Punkt angesprochen zu haben, der mit sozialer und ökologischer, mit sinnvoll anmutender Nachhaltigkeit zu tun hat.

In der vergangenen Ortschaftsratssitzung ging es wesentlich um den Blick. Um den Blick auf den See, auf den Wald, auf die Natur und die Umgebung. Ein Aussichtsturm über die Wipfel am hoch gelegenen Grillplatz, eine Aussichtsplattform am Ufer mit direkter Ausrichtung auf das nicht sichtbare Weltkulturerbe, die Pfahlbaureste unter Wasser, und um einen Aussichtsplatz mit einer Trockenmauer auf dem Purren, von dem aus man eben in die Weite gucken kann. Ob das alles mit dem Naturschutz vereinbar ist, man muss es prüfen. Hätte man auch zuerst tun können, aber dann wären die frischen Ideen vielleicht nicht mehr so warm gewesen wie gerade jetzt, als der Ortschaftsrat wiederentdeckte, was schon seit Jahren immer wieder debattiert wird: Wie kann sich der Teilort wappnen für die Zuströme von Gäste, die nur darauf warten, endlich hier, in diesem Dorf mit seinem noch immer umstrittenen Blick auf die Blumeninsel, dort, wo schon seit Jahren über einen Steg mit Schiffsverkehr und früher gar über ein schwimmendes Hotel diskutiert wurde, Aussicht wagen zu können? Als hätten wir nichts Anderes zu tun…

Zweifelsohne, man merkt wieder etwas von dem „Professorendorf“ (dabei sind es Professoren hier, die – ohne Ironie – die sinnvollsten Vorschläge für unseren Ort einbringen und anpacken, statt zu philosophieren), das nicht teilzuhaben scheint an den Nöten derer, die schon heute spüren, wie schwierig es überhaupt ist, einen Platz in der Dorfgemeinschaft zu finden. Dass Litzelstetten in den statischen Erhebungen den größten Anteil aller Hochbetagten unter allen Stadtteilen haben wird, wenn wir vorausschauen, man nahm es vor einigen Jahren zur Kenntnis. Lieber befasste man sich aber damit, ob Gäste und Einheimische auch einen schönen Ausblick haben, als sich damit auseinanderzusetzen, wie die über 80-, 90-Jährigen fortan im Ort leben und versorgt werden. Da debattiert man eben besser darüber, wie hoch ein Turm werden muss, um die Bäume zu übertrumpfen und den Weitblick genießen zu können, als sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn das mittlere Alterssegment, die 40-Jährigen, künftig im Ort nur noch Mangelware ist. Oder man berechnet, wo ein Aussichtspunkt am See liegen müsste, um Mainau, Uhldingen und die Birnau gleichzeitig erblicken zu können, anstatt zu überlegen, wie wir jungen Familien ein attraktives Lebensumfeld bieten können, das über eine elitäre Stimmung unter den Menschen hinausgeht. Statt darauf zu bauen, wie in 10 oder 20 Jahren Synergien des Miteinanders, des Bürgerschaftlichen Engagements für die Dynamik eines Ortes, der nicht zum „Schlafdorf“ werden möchte, genutzt werden können, sind es Schilder, Gaupen und Busverbindungen, die stundenlangen Raum in unseren Sitzungen einnehmen.

Nein, wir können den Demografischen Wandel nicht ändern. Aber: Wir können uns darauf vorbereiten. Wir können versuchen, seine Auswirkungen abzufedern. Und wir können entgegenwirken, wenn wir denn wollten. Möglicherweise ist es die Größe der Herausforderung, die das Gremium des Ortschaftsrates abschreckt, das Thema endlich in die Hand zu nehmen. Da ist es wahrlich angenehmer, über die Aussicht zu debattieren und sich zu bemühen, Litzelstetten künftig wenigstens als ein Highlight für Touristen zu erhalten. Schade wäre, wenn sie dann zwar die Alpen erblicken könnten, aber nicht einmal mehr eine Flasche zu trinken kaufen könnten. Bedauerlich auch, wenn Gäste mit ihrem Blick über den Linzgau schweifen, während sich ein paar Meter weiter ältere Menschen in ihren zweihundert Quadratmeter großen Häusern nicht mehr zurecht finden – und sich keiner um den Pflegedienst bemüht hat. Und ernüchternd auch, wenn Familien von außerhalb die Stockwerke des Aussichtsbaus erklimmen, während Familien innerhalb suchen, wo denn die nächste Schule ist – aber keine finden.

Ist es naiv – oder ist es dasselbe Denken wie in der „großen“ Politik, wo das Ringen um Lösungen nicht über die vier Jahre einer Legislaturperiode hinausgeht? Niemand fordert, dass ein Rat mit Menschen, die sich in ihrer Freizeit für ihr Dorf engagieren, ein Allheilmittel parat hat. Und doch dürfte es auch etwas mit ihrem Eid zu tun haben und verpflichten, sich um das Wohle des Ortes zu kümmern, wenn es darum geht, das Umfeld nicht nur schöner, nicht nur wohlfühlender zu gestalten. Es geht wesentlich darum, Litzelstetten zukunftsfähig zu machen – und das vornehmlich für die, die dort wohnen. Und wenn wir das erreicht haben, dann können wir uns auch gern noch um Anderes streiten, um die Aussicht beispielsweise…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. sucht noch Neubürger aus dem Teilort, die Interesse daran haben, mit alteingesessenen Mitbürgern das Dorf kennenzulernen. Das Projekt, das aufgrund der großen Zahl an Studierenden, jungen Familien, aber auch Menschen, die Litzelstetten als ihren neuen Lebensmittelpunkt entdeckt haben, vom Schriftführer des Vereins, Dennis Riehle, initiiert wurde, soll Patenschaften zwischen „Ureinwohnern“ und neu nach Litzelstetten Gezogenen fördern. Insbesondere geht es darum, dass jene, die schon lange vor Ort wohnen, den in jüngerer Vergangenheit ins Dorf gekommenen Bürgern Informationen über Ansprechpartner, Infrastruktur und Nahversorgung, Behörden und öffentliche Einrichtungen, Geschäfte, Freizeitmöglichkeiten, Vereinsleben oder Eigenarten Litzelstettens geben, gemeinsam Veranstaltungen besuchen oder auch Freundschaften ausbilden.

„Ich bin selbst ein Bürger, der seit Geburt hier lebt. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer es ist, in die gewachsenen Strukturen des Ortes Einblicke zu gewinnen oder an der Dorfgemeinschaft teilzuhaben, wenn man noch völlig fremd ist. Dabei hat es Litzelstetten dringend nötig, die immer stärker sichtbaren Parallelgesellschaften aus ‚Alten‘ und ‚Neuen‘ zu vereinen, denn angesichts des Demografischen Wandels ist ein starker sozialer Zusammenhalt nötig, um den Ort lebendig zu halten“, so Riehle.

Für das Vorhaben der „Neubürger-Patenschaften“ hatten sich bereits mehrere Interessierte gemeldet, die seit langem in Litzelstetten leben und die sich bereit erklärt hatten, aktuell hier her gezogene Mitbürger im Dorf an ihre „Hand zu nehmen“. Wie sich die Patenschaft ausgestaltet, entscheidet das Tandem jeweils selbst. Der Verein unterstützt bei der Vermittlung und ist Kontaktperson für alle Teilnehmer am ehrenamtlichen Projekt. So können sich vor allem frisch gebackene Mitbewohner aus Litzelstetten, die sich gern austauschen würden, Fragen zum Ort haben oder einfach Anschluss an die Dorfgemeinschaft suchen, bei Dennis Riehle (Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de, Tel.: 07531/955401) melden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Schirmherrschaft der Stuttgarter Prälatin für den CSD, „ideaSpektrum“ 24/2017

Müssen Geistliche eine Parade unterstützen, die ersichtlich vielen Werten des christlichen Glaubens zuwiderläuft? Ich bin homosexuell, aber ich würde nie von einem Pfarrer, einer Prälatin oder einem Bischof verlangen, dass er sich wohlwollend zum CSD äußert – ich tue es auch nicht. Denn dort geht es nicht mehr um das, was einst gefordert wurde: Es geht nicht um die Gleichberechtigung, es geht allein um Macht. Der Wunsch, die Erwartung, man müsse als Schwuler oder Lesbe in Deutschland mehr fordern dürfen als Andere, verträgt sich nicht mit einem christlichen Menschenbild, das jeden gleich ansieht.

Die Selbstverständlichkeit, auf immer neue Rechte zu dringen, die eine durch Selbstmitleid auffallende „Community“ vorbringt, deren Repräsentanz sich sicher nicht durch die Teilnehmerzahl und deren Auftritten beim „Christopher Street Day“ messen lässt, ist eine Anbiederung. Ich bin sofort für eine Demonstration zu haben, bei der es darum geht, jedem Individuum seine Würde zuzusprechen. Ob hetero-, homo-, bi- oder transsexuell, das spielt dabei keine Rolle. Denn die Annahme als ein Wesen Gottes, sie obliegt mir nicht nur aufgrund der Lehre, sondern vor allem wegen meiner Überzeugung des Wertes von jedem Einzelnen als Teil der Schöpfung.

Aber nein, es ist kein Protest mehr für Anerkennung, sondern die Erpressung der Gesellschaft, einen Lebensentwurf billigen zu müssen, der nicht herausfordert, sondern jede Moral ad absurdum führt. Die Sexualisierung des Seins, wie sie auf dem CSD heutzutage plakativ zur Schau getragen wird, sie ist eine bewusste Zumutung für die, die sich nicht nur ob ihres Christseins an der Perversion der Liebe stören. Denn wer die schwul-lesbische „Welt“ kennt, der weiß um erbarmungslose Durchsetzung von respektlosen Oberflächlichkeiten ohne Rücksicht auf die Nebenwirkungen. Das Wesen des heutigen CSD widerspricht den Zielen homosexueller Menschen.

Auf mich wirkt diese „Szene“ oft ohne Geist und Verstand, manch Praktik, die so narzisstisch daherkommt wie die Verherrlichung der sexuellen Orientierung selbst. Nein, viele Homosexuelle wollen eben gerade nicht Teil unseres Miteinanders sein, sondern sich derart offensichtlich abgrenzen, dass auch Theologen auffallen müsste, wie fern deren Ansinnen von dem ist, was wir als verantwortungsvolle und „Mainstream-freie“, besonders im Lutherjahr auf die Wurzeln unseres Glaubens bekennende Christen vertreten.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe weist aufgrund der derzeit langen Wartezeiten auf die Begutachtung durch den „Medizinischen Dienst der Krankenkassen“ (MDK) im Rahmen der Feststellung auf Pflegebedürftigkeit darauf hin, dass Antragssteller und ihre Angehörigen die Zeit nutzen sollten, um sich auf den Besuch des MDK vorzubereiten. „Seit der Pflegereform zum Jahreswechsel gibt es einen immensen Ansturm auf die Pflegekassen. Viele hoffen nun auf eine Einordnung in die Pflegegrade – oder eine Höherstufung. Das führt zu Verzögerungen in der Bearbeitung, weshalb man das Warten keinesfalls ungenutzt lassen sollte und stattdessen helfen kann, das spätere Begutachtungs- und Entscheidungsverfahren zu vereinfachen“, sagt Dennis Riehle, Leiter der Sozial- und Pflegesprechstunde.

Sie gibt Tipps, was im Vorfeld der Begutachtung bereits erledigt werden kann, um es den Mitarbeitern des MDK (beziehungsweise gleichwertigen Diensten, die durch die Private Pflegeversicherung beauftragt werden) die Arbeit zu erleichtern und damit rascher zu einem Ergebnis zu kommen. „Auch kann man sich bereits vorab informieren, welche Pflegeleistungen im Zweifel die sinnvollsten für die ganz persönliche Situation sind. Denn jeder Pflegebedürftige braucht andere Unterstützung, entsprechend sollte man gemeinsam mit Angehörigen, aber auch mit Dienstleistern sprechen, welche Hilfestellung im individuellen Fall die richtige ist“, meint Riehle. „Wir haben ein Informationsblatt zusammengestellt, das Hinweise für die Vorbereitung der Begutachtung zusammenfasst. Und weitere, die die unterschiedlichen Pflegeleistungen erklären, wenn es darum geht, den Bedarf für sich persönlich zu ermitteln“.

„Manche Pflegekassen übernehmen auch Leistungen der Nachbarschaftshilfe“, erklärt Riehle. Hierzu hat der Verein ebenso eine Zusammenfassung erstellt, wie ein Antrag aussehen kann. „Das ist eine Einzelfallentscheidung der jeweiligen Kasse, besonders bei den privaten Pflegeversicherern bestehen bessere Möglichkeiten, man sollte aber generell versuchen, zumindest Zuschüsse für die Angebote von niederschwelligen Dienstleistern wie unserem Verein zu erhalten“. Insgesamt haben sich nach der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade und dem daraus resultierenden, veränderten Begutachtungsverfahren viele Fragen ergeben, wobei das System nach Meinung Riehles den Bedürfnissen der Menschen nun eher entspricht und sie nicht mehr allein auf Minuten reduziert werden. „Trotz des großen Andrangs ist zu raten, einen Antrag auf Pflegeleistungen zu stellen, wenn ein Unterstützungsbedarf durch körperliche, psychische oder kognitive Einschränkungen besteht“. Die Sozial- und Pflegesprechstunde berät unverbindlich als ehrenamtliche Erstberatung über Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de, Post: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz. Beratungswünsche können unter Angabe von Post- oder Mail-Adresse auch auf dem Anrufbeantworter unter 07531/955401 hinterlassen werden.

[Dennis Riehle]

Leserreaktion
zu „Wozu noch von der Kanzel predigen?“, „pro medienmagazin“ 3/2017

Als im ZDF die ersten Fernsehgottesdienste übertragen wurden, stellte man sich die Fragen erstmalig: Kann solch ein Gottesdienst den Besuch der Kirche am Sonntag ersetzen? Wie geht das eigentlich, Segen über die Bildschirm? Abendmahl an der Mattscheibe? Sündenvergebung durch die Röhre? Jahrzehnte später werden diese Überlegungen wieder aktuell. Mittlerweile sind Fernsehgottesdienste ein Bestandteil des geistlichen Lebens in Deutschland geworden. Und jetzt soll das alles auch über die sozialen Medien klappen? Ich bin dankbar dafür, dass es die Angebote wie den sonntäglichen Gottesdienst im ZDF oder andere spirituelle Sendungen wie das „Wort zum Sonntag“ gibt. Gerade für Menschen, die nicht mehr die Möglichkeit haben, die Kirche zu erreichen, ist auf diese Art und Weise Gemeinschaft möglich. Denn es geht ja nicht um die materielle Teilhabe im Sinne dessen, dass wir für das Spüren von Gottes Gegenwart den sakralen Raum benötigten. Dass Atmosphäre und Gemeinschaftsgefühl auch über Satelliten übertragen werden kann, dafür bedurfte es nicht einmal der Erfindung des TVs.

Und doch will ich Gottesdienste, die über die Medien zu uns gebracht werden, keinesfalls überbewerten. Sie sind eine Ergänzung, aber eben kein Ersatz für das Miteinander, das wir erfahren dürfen, wenn wir uns leibhaftig zum Singen, zum Beten und zum Hören zusammenfinden. Denn auch den Kranken oder den Einsamen wird mithilfe eines regelmäßigen Hausbesuches oder des Feierns von Andachten, vielleicht gar der Eucharistie im persönlichen Wohnumfeld die zwischenmenschliche Begegnung, durch die sich Jesus im Besonderen offenbart, ganz bewusst zuteil. Setzen wir allein auf die Übertragung durch das Wirken des Heiligen Geistes, reduzieren wir in der Trinität die Bedeutung des Zusammenseins, wo „zwei oder drei“ in Jesu Namen versammelt sind, auf die allein spirituelle Ebene. Doch erlebbar wird Christus eben erst in unserem Nächsten, Mimik, Gestik oder gar Empfindungen erfassen wir nicht hinreichend über eine Kamera. So ist es gerade das fehlende Erwidern, die einseitige Kommunikation, wenn ich Gottesdienste nur noch konsumiere, statt zu partizipieren. Denn natürlich kann ich sie für mich nutzen, auch dann bereits, wenn ich sie nur empfange. Sie sind Kraftquelle, doch wo bleibt mein Beitrag an die Gemeinschaft, wenn ich in der Stille ganz zurückgezogen ohne Resonanz mein Dasein friste, ohne diese Echos meiner Mitbrüder und Schwestern, die ich brauche, um wirklich im Glauben wachsen zu können?

Abgesehen von einer stetigen Isolation, die soziale Medien bereits heute über unsere Gesellschaft bringen, trägt jede zusätzliche Verlagerung von Realität in die Virtualität auch zu einer Vereinsamung bei. Zweifelsohne: Gerade für Menschen, die in den Glauben zurückkehren wollen, die vielleicht zweifeln oder gar erst in die Kirche „einsteigen“ möchten, ist es eine sinnvolle Möglichkeit, den Weg in das Miteinander hinein durch das Kennenlernen von Predigten und Gottesdiensten ganz niederschwellig per „Social Media“ zu erleichtern. Und ja, auch für den kurzen Impuls zwischendurch kann ein seelsorgerliches Wort hilfreich sein, für den Alltag, in dem wir geistige Nahrung benötigen. Nicht nur junge Menschen lassen sich über das Web viel eher erreichen als über den klassischen Weg der Mission. Und doch wäre es vermessen, uns allein darauf zu fokussieren, das Heil im Zeitgeist zu suchen. Sehen wir die digitalen Plattformen eher als ein Werkzeug, Menschen an Kirche und Glaube heranzuführen – und um sie in ihrem Alltag zu begleiten. Nehmen wir mit diesen Hilfsmitteln aber nicht den Höhepunkten unseres Gemeindelebens ihren wertvollen Glanz. Denn dafür sind sie zu kostbar, in ihrer direkten, natürlichen und vor allem kabellosen Einzigartigkeit.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Gedanken zum Reformationsjubiläum

Warum bin ich evangelisch? Im Jahr des Reformationsjubiläums und einige Wochen nach meinem Wiedereintritt in die Kirche stelle ich mir diese Frage viel bewusster als früher. Da war ich „hinein geboren“ in den Protestantismus, hatte zwar mit der Konfirmation nochmals „Ja“ gesagt zu meiner Konfession. Aber hatte ich mir wirklich tiefgehende Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, gerade dieser Strömung des Christentums anzugehören? Viele Kirchenzugehörige unterscheiden heute kaum noch, ob sie am Sonntag nun in dieses oder jenes Gebäude gehen. Und im Alltag ist das auch völlig richtig: Wir leben in der Gesellschaft als Menschen, nicht als religiöse Objekte, die sich aufgrund ihres Glaubens abgrenzen – mit Worten und Gesten oder gar gewaltsamem Handeln. In Nordirland war und ist das beispielsweise anders. Man muss nicht einmal den islamistischen Terror unserer Tage bemühen, um zu sehen, dass der Respekt vor dem friedlichen Ausleben der Religion zu einem nötigen, aber keinesfalls selbstverständlichen Wert des eigenen Bekenntnisses gehört.

Wir begegnen uns täglich auf der Straße, Protestanten und Katholiken. Doch da ist – leider – unser Glaube nur selten ein Thema. Er ist in unseren Breiten Privatsache. Und ja, das ist auch zunächst einmal nicht verwunderlich. Zumindest befürworte auch ich eine öffentliche Trennung von Kirche und Staat, was gleichsam jedoch nicht bedeutet, dass wir nicht untereinander von unseren persönlichen Überzeugungen sprechen und auch darüber streiten dürfen. Wir müssen sogar, um sie vital halten zu können – und damit unseren „aufgeschreckten Seelen“, wie Dietrich Bonhoeffer es in seinem bekannten Kirchenlied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ schreibt, wieder das „Heil“ zugutekommt, das wir nötiger denn je haben. Evangelischsein, das heißt auch heute noch, zu protestieren. Zurück zu den Wurzeln der Kirche, die nach Meinung Luthers im 16. Jahrhundert völlig abgekommen war von dem, was ihre eigentliche Bestimmung war. Wenn sich Religion verselbstständigt, dann entfernt sie sich auch von Verbindlichkeiten. Kirchenfürsten bestimmen die Lehre nach ihrem Willen, vor allem aber zum Eigennutz. So war es damals, als man die Angst der Menschen ausnutzte, als viele Gläubige noch nicht in die Lage versetzt waren, sich ein eigenes Bild zu machen.

Heute ist das anders – und doch vergessen Politiker und Theologen auch im 21. Jahrhundert noch, dass wir mittlerweile mündig geworden sind, uns selbst eine Meinung zu bilden. Protestantismus heißt für mich ganz besonders, mich nicht lenken zu lassen von Befindlichkeiten – in keinerlei Richtung. Die Freiheit des Christenmenschen, sich nicht durch einen Lobbyismus beirren zu lassen, sondern allein durch die Fundamente meines Glaubens, meiner Weltanschauung geleitet zu werden, nicht immer leicht in Zeiten, in denen „Mainstream“ herrscht. Da verliert sich die eine Seite im Kleinklein der Geschlechterdebatte und löst natürliche Gegebenheiten aus ihren Verankerungen heraus, allein aus dem Grunde eines Gefühls von Benachteiligung und einem falsch verstanden Selbstbewusstsein, das sich über Verankerungen erhebt, die über Jahrtausende gültig waren. Und statt sich mit den ethischen Konsequenzen zu befassen, die solch eine Ideologie mit sich bringt, wissen wir irgendwann nicht mehr, wie viele * wir in unseren Texten noch setzen sollen, damit wir den Wünschen aller Menschen und Mensch*innen gerecht werden. Da ist aber auf der anderen Seite auch ein Populismus, der Ängste dort schürt, wo zunächst Nüchternheit gefragt wäre. Wir sind konfrontiert mit einer Weltlage, in der wir angehalten sind, bedacht mit Veränderungen umzugehen. Ob in der evolutionären Ordnung ein multikulturelles Zusammenleben so gedacht war, wie es heute mancherorts propagiert wird, weiß ich nicht.

Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass wir Verantwortung tragen und nicht wegschauen dürfen vor der Not, die in aller Welt herrscht. Doch Reformation bedeutet auch hier, sich auf Ursachen zu besinnen, statt ständiger Symptombewältigung nachzueilen. Dass wir in Deutschland Fachkräfte benötigen, dass wir einen „Demografischen Wandel“ erleben, all das ist keine evolutionäre Entwicklung. Viel eher haben wir über Jahrzehnte vernachlässigt, die Bedeutung der Familie zu stärken und dafür zu sorgen, dass die Freude über das Leben auch Ausdruck in einer stabilen Geburtenraten findet. Und natürlich müssen wir uns fragen, ob es nicht sinnvoller ist, Afrika zu befähigen, für die dort lebenden Menschen eine Zukunft zu gestalten, die lebenswert ist – statt Flüchtlinge auf die gefährliche Route über das Mittelmeer zu schicken.

Über das Jubiläum des Thesenanschlags zu predigen, das bedeutet sicher nicht, einen utopischen Frieden für uns alle zu verkünden – auch wenn uns die Bibel dazu anhält. Denn auch das sagt sie uns: Es geht nicht um ein naives Einstehen für die Beliebigkeit. Jesus macht klare Forderungen auf, die uns dabei helfen sollen, für unseren Glauben einzustehen. Reformation heißt auch, den Versuchungen der Moderne zu widerstehen. Ja, um evangelisch zu sein, muss man gleichsam mutig sein. Wir sind mehr denn je für Technik, Wissenschaft und Digitalisierung anfällig, vertrauen den menschgemachten Wahrheiten mehr als den gottgegebenen. Dabei merken wir schon jetzt, wie uns unser Narzissmus einholt und wir Opfer des eigenen Transhumanismus werden. Nein, Reformation bedeutet nicht, rückständig zu sein, sondern den Boden unter den Füßen zu spüren. Ich bin evangelisch geworden, weil ich die Einfachheit liebe – aber nur dort, wo es um das Wesentliche geht. Gleichzeitig mache ich mir es nicht leicht, wenn simple Lösungen doch so naheliegend erscheinen. Das alles ist keine Abwertung gegenüber anderen Konfessionen oder Religionen. Viel eher muss jede von ihnen ihre Alleinstellungsmerkmale definieren, um bestehen zu können, sich im besten Sinne zu positionieren, aber gleichsam dialogfähig zu bleiben – genau dort, wo es um unsere gemeinsamen Überzeugungen geht, zumindest unter denen, die die Achtung vor ihrem Nächsten, unabhängig des Glaubens, noch nicht verloren haben.

Reformation ist die Rückbesinnung auf das Bewährte. In einem Hamsterrad der Erneuerungen überschlagen wir uns mit Vorschlägen, wie das Leben angeblich noch viel angenehmer gestaltet werden kann. Rücksicht auf Verluste scheint dabei niemand zu nehmen, denn das Leiden des Egoismus grassiert in den letzten Jahrzehnten immer stärker. Dass aus meinem Wohlbefinden ein Nachteil für Andere entstehen könnte, das sehen wir nicht nur an Beispielen wie der Präimplantationsdiagnostik oder dem Schwangerschaftsabbruch. Wie lange war es selbstverständlich, die Verantwortung für das zu übernehmen, wovor man steht. Und auch früher war es nicht immer leicht, mit den Herausforderungen umzugehen, die die Behinderung eines Kindes oder überhaupt die Geburt eines Babys für eine Mutter mit sich bringt. Doch da dachten wir noch nicht immer allein an uns, sondern auch daran, dass wir in einem Lauf der Geschichte unseren Platz haben – mit Verpflichtungen und Chancen. Heute sind es „Unfälle“, die da im Bett passieren. Da zeigen sich 30-Jährige überrascht, dass aus einem Beischlaf auch ein neues Leben hervorgehen kann. Wie konnte das nur geschehen, fragen sich aufgeklärte Frauen, die andernorts für die Emanzipation kämpfen. Das Prinzip des „Egalseins“, das alleine den Spaßfaktor in den Mittelpunkt stellt, lässt uns völlig abstumpfen für die Aufgaben, die wir in einer Gemeinschaft innehaben. Es geht eben nicht nur um das eigene Vorankommen, Reformation betont auch die Bedeutung des Zusammenhaltes, den wir über „Skype“ erfahren, sondern viel eher am Sonntag im Gottesdienst.

Ja, es mag durchaus „uncool“ sein, Protestantismus wieder mit Nachhaltigkeit zu praktizieren. Nicht den Trieben verfallen, wenn es darum geht, einen „One Night Stand“ zu haben. Auf ein „Smartphone“ zu verzichten und dabei das Risiko in Kauf zu nehmen, von „WhatsApp“ und seinen virtuellen Freunden abgeschnitten zu sein. Nicht blindlinks in Ideen einwilligen, wenn wir mit den Taliban auf der Isomatte Friedenspfeifen rauchen sollen. Für evangelische Christen ist die Passionszeit eine der wichtigsten im Kirchenjahr. Sie mahnt uns zum Verzicht. Wie langweilig in einer Welt, in der wir doch alles im Überfluss haben. Ja, doch genau in diesen sieben Wochen kann man lernen, was Reformation wirklich bedeutet. Wir fokussieren uns auf das, was uns tatsächlich erfüllt. Das ist nämlich nicht „Facebook“, das uns eher stresst als wirklich weiterhilft. Evangelisch zu sein, das kann auch Schlichtheit bedeuten, aber keinesfalls einen Verlust. Im Gegenteil. Wer sich von Manchem trennt, der kann einen großen Gewinn erhoffen. Der Ballast des Willkürlichen, des Trendigen, des Gängigen – und vor allem des Materiellen. Wer ihn abwirft, der hat mehr Raum für Weitsicht. Luther brauchte die Bibel, mehr nicht. Nun gut, so weit will ich nicht gehen. Aber nur ein bisschen von diesem Geist, er würde manch Fantastereien auf den Boden der Tatsachen zurückbringen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Petition an den Landtag von Baden-Württemberg
§ 17 Abs. 1 GemO Baden-Württemberg

Petitionslaut:

Der Landtag von Baden-Württemberg möge aufgrund der Androhung rechtlicher Schritte gegen einen Konstanzer Gemeinderat durch den zuständigen Oberbürgermeister in Bezug auf dessen Veröffentlichung eines satirischen Meinungsbeitrages Konsequenzen ziehen, indem
§ 17 Abs. 1 GemO hinsichtlich der Treuepflicht von Gemeinderäten konkretisiert wird.

Begründung:

Nach Medienberichten (siehe Anhang) und im „Podcast“ über die Gemeinderatssitzung auf http://www.konstanz.de/rathaus/01825/08653/08656/index.html einsehbar, hat der Oberbürgermeister von Konstanz in einer Gemeinderatsitzung einem Gemeinderat, der ein Online-Nachrichtenportal betreibt, angedroht, rechtliche Konsequenzen aus der Veröffentlichung eines Beitrages zu ziehen, in welchem der Gemeinderat auf satirische Art und Weise vermeldet habe, das Konstanzer „Bodenseeforum“ würde an ein Möbellager verkauft (siehe Anhang). Obwohl der Inhalt dieser Meldung derart abwegig erschien und gleichzeitig auch in der Rubrik „schräg und schrill“ veröffentlicht wurde, in der sich augenscheinlich nur Falschmeldungen befinden, soll die Nachricht bei Investoren und Gästen des Veranstaltungshauses für derartige Irritationen gesorgt haben, dass die Stadt dadurch erheblich geschädigt worden sei.

Dieses Verhalten des Gemeinderates widerspreche damit dem Eid, Schaden von der Gemeinde abzuwenden, aber auch der allgemeinen „Treuepflicht“, den die einschlägige Literatur aus § 17 Abs. 1 GemO Baden-Württemberg ableitet.

Die Vorgehensweise des Oberbürgermeisters ist als überaus kritisch zu bewerten. Denn die „Treuepflicht beinhaltet […] keine Einschränkung der freien Meinungsäußerung“ (Waibel, Gerhard: Gemeindeverfassungsrecht Baden-Württemberg. W. Kohlhammer Verlag, 2007. S. 101).

Die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit umfasst auch satirische Darstellungen. Der Gemeinderat musste bei Veröffentlichung seines Artikels davon ausgehen, dass dieser allein durch seinen Wesensgehalt nicht als Wahrheit angesehen werden kann. Für einen Verkauf des „Bodenseeforums“ gibt es keinerlei Anzeichen, gerade die angesprochenen Investoren erführen sicherlich nicht durch eine Online-Plattform von solch einem Vorgang, würde er der Realität entsprechen. Daher konnte der Gemeinderat bestens Wissens und Gewissens davon ausgehen, dass der Meinungsbeitrag als Falschmeldung erkannt und entsprechend interpretiert wird. Ein etwaiger Schaden, der der Stadt entstanden sein soll, ist damit sicherlich nicht durch eine Pflichtverletzung des Gemeinderats zu begründen.

Viel eher zeigt das vorliegende Beispiel auf, dass § 17 Abs. 1 GemO Baden-Württemberg in seiner jetzigen Form unzureichend in seiner Formulierung erscheint, wenn er doch recht willkürlich eingesetzt wird, um politisch engagierte Bürger in ihren Grundrechten beschneiden zu wollen. Konkret ist der Schutz der Meinungsfreiheit an entsprechender Stelle in die Gemeindeordnung aufzunehmen, um die Unantastbarkeit dieses hohen Gutes unserer Verfassung der Treuepflicht der Gemeinderäte als überwiegend gegenüberzustellen.

Insofern möge der Landtag von Baden-Württemberg den Vorgang aus Konstanz zum Anlass nehmen, eine erläuternde Ergänzung der Gemeindeordnung in § 17 einzufügen.

Freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu den Berichterstattungen über die Unterbrechung der Veranstaltung „Rock am Ring“ und den Anschlag in London, SÜDKURIER vom 6. Juni 2017

Nein, der Terror hat nichts mit dem Islam zu tun. Aber er hat etwas mit dem extremistischen Islam zu tun. Der Bürgermeister von London macht es sich etwas zu einfach, wenn er als Muslim darauf hinweist, dass das, was die Angreifer auch abseits seiner Stadt mit ihren Taten verfolgen, nicht in seinem Namen geschehe. Ich glaube ihm zweifelsfrei, dass sein Islam nicht gewaltsam ist.

Doch es ist eben auch nur eine von vielen an persönlichen Interpretationen dieser Religion, die der Politiker für sich beansprucht. Eine andere Auslegung haben die Terroristen. Und doch beziehen sie sich – zumindest nach eigenen Angaben – auf dieselbe Grundlage wie die Millionen Muslime, die kopfschüttelnd zusehen, wenn wieder eine Bombe explodiert. Auf den Koran, auf die Lehren mancher Glaubensführer verweisen die Radikalisierten. Der Veranstalter von „Rock am Ring“ hat völlig recht, wenn er die Versuche von muslimischen Gläubigen, sich von den Anschlägen und Androhungen zu distanzieren, als unzureichend ansieht.

Ich frage mich, was ich tun würde, wenn ich einer Religion angehörte, auf die sich in der heutigen Zeit, im 21. Jahrhundert, noch immer „Krieger Gottes“ berufen. Eine schonungslose Auseinandersetzung mit den Fundamenten meiner Weltanschauungsgemeinschaft wäre für mich die logische Konsequenz. Die Anhänger von IS oder „Al Kaida“ als „Irre“ zu bezeichnen, das genügt eben nicht. Denn solch eine Denkweise führt zu kurz, weil sie verdrängt, welch grausames Potenzial in einer Religion stecken kann – übrigens auch im Christentum, im Judentum, im Hinduismus etc., und verhindert, die Ursachen einer fehlgeleiteten Deutungshoheit offenzulegen.

Der Terrorismus hat erkennbare Wurzeln, die gilt es herauszuarbeiten und klar auszusprechen. Nur so kann effektiv gegen ihn vorgegangen werden. Und diese Aufgabe erwarte ich von Muslimen – und jeder friedliebende von ihnen kann sich dabei der Unterstützung Andersgläubiger gewiss sein.

[Dennis Riehle]