Leserbrief zu
„Wer bestimmt, was Kinder lernen?“, FAZ vom 23.07.2017

Die staatliche Aufgabe zur Bildung junger Menschen versus des Rechts der Eltern auf Erziehung: Bei der Frage, was Kinder in der Schule lernen sollen, prallen zwei Grundrechte aufeinander. Und es bleibt die stetige Frage nach der Ausgewogenheit, um nicht nur die Pflicht des Bildungsauftrages zu erfüllen, sondern auch die weltanschauliche Orientierung der Erziehenden zu respektieren. Denn bereits 1978 hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG 47,46 = NJW 1978, 807) die besondere Stellung der Eltern in der Mitsprache von Bildungsinhalten unterstrichen, gerade im Sexualkundeunterricht.

Die Proteste von heute sind also keinesfalls hysterische Ängste von Vätern und Müttern, die sich über manch Botschaft Bildungsplans empören. Viel eher ist es ihr gutes Recht, darauf hinzuweisen, dass Politik nicht über die Köpfe von Eltern hinweg entscheiden darf, was in der Schule gelehrt wird. Das Miteinander beider Seiten wurde auch in einem Urteil 2015 wieder bestätigt (1 BvR 2388/11) – und gerade das fehlt, wenn Lehrpläne vorgesetzt werden, die ganz bewusst polarisieren sollen und eben keine Rücksicht auf religiöse Empfindungen nehmen, die gleichsam verfassungsrechtlich geschützt daher ausreichend gewürdigt werden müssen. Der Unterricht muss zwar offen sein für verschiedene Wertvorstellungen, so die Richter. Doch Indoktrination und eine Einseitigkeit in der Vermittlung von sexueller Identität, Orientierung oder Neigung darf es dabei nicht geben.

Ja, das Darbringen der unterschiedlichen Lebensformen ist zulässig, nicht aber die Wertung einer einzigen oder das Besserstellen einer anderen. Und doch wird in einer Zeit, in der der Druck von Lobbyismus der Homosexuellenverbände mit ihrem Einfluss auf die Bildung immer größer wird, der Protest von Eltern hiergegen stärker. Das ist legitim und überaus verständlich. Denn als Schwuler bin ich nicht mehr wert als ein Heterosexueller. Ich bin auch nichts Besonderes, was im Unterricht einer außergewöhnlichen Aufmerksamkeit bedürfte. Und ich zeichne mich auch nicht durch extravagante Sexualpraktiken oder die besondere Lust am Kennenlernen des gleichen Geschlechtes aus, die mir manches Schulbuch andichten möchte oder mich gar zum Ausprobieren anregt, weil es gar so aufregend erscheint, das „andere Ufer“ kennenzulernen.

Erziehung verpflichtet uns zur Neutralität, da wir unseren Kinder in erster Linie Selbstständigkeit und Eigenverantwortung beibringen sollen, die Welt nicht nur durch die Augen derer zu sehen, die meinen, was das Beste für sie sei. Viel eher möchten wir doch darauf vertrauen, dass sich unsere Kleinsten ihr eigenes Bild machen. Daher ist Zurückhaltung geboten, was immer wir ihnen auch lehren. Das sage ich besonders als Homosexueller, vor allem aber als Mensch.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Israel fordert Todesstrafe für Attentäter“, ZEIT vom 28.07.2017

Nein, es ist kein Antijudaismus, wenn ich mit großer Traurigkeit feststellen muss, dass Israel seit einigen Monaten und Jahren einen Weg weg von der Rechtsstaatlichkeit nimmt. Da geht es nicht um die Zuschreibung von Feindbildern, um das Drängen in eine Opfer- und Täter-Rolle, nicht um das Aufwiegen der Verbrechen auf beiden Seiten zwischen Israelis und Palästinensern.

So, wie wir den Terror von Islamisten verurteilen müssen, so entsetzt stelle ich jetzt fest: Israel verlässt mehr und mehr den Boden der Demokratie. Es ist dieses Vorzeigeland im Nahen Osten, auf das wir unsere Hoffnung setzen, weil es in Sachen Fortschritt, in Sachen Menschenrechten und Wertevorstellungen so vorbildlich war. Und nun will der Premier die Todesstrafe wieder aktivieren, fordert das Volk indirekt eine Aufhebung der Gewaltenteilung, wenn Urteile gegen eigene Soldaten nicht gefallen, die Palästinenser brutal ermordet haben, scheint die Pressefreiheit offen mit Füßen getreten, wenn kritische Blicke auf das Vorgehen Israels in den besetzten Gebieten als Antisemitismus gebrandmarkt werden.

Dass gleichsam Attentäter mit Messern auf Juden zugehen, den Tempelberg stürmen oder Siedler töten, das ist durch nichts zu relativieren. Doch dürfen wir von einem Land, das sich modern gibt und als Teil der Weltgemeinschaft im 21. Jahrhundert verankert ist, nicht verlangen, dass es Abschied nimmt vom biblischen „Auge um Auge“?

[Dennis Riehle]

Liebe „Freie Demokraten“,

die FDP ist wieder im Aufwind. Nach Jahren in der außerparlamentarischen Opposition scheint sie auf Bundesebene eine reelle Chance zu haben, dem nächsten Bundestag anzugehören.

Ich glaube den „Freien Demokraten“ zweifelsohne, dass sie an sich gearbeitet haben. Und ich bin auch überzeugt, dass sie sich breiter aufstellen, neben dem alleinigen wirtschaftsliberalen Schwerpunkt in die Themen Bildung, Grundrechte oder Digitalisierung investieren möchten. Doch hat die Partei auch etwas an ihrem Image geändert? An der teilweise problematischen Herabwürdigung von Menschen, die dem Ideal des Höher, Weiter und Schneller nicht entsprechen können?

In der „ZEIT“ vom 10.07.2017 wird dem Bundesvorsitzenden der Wortlaut zugeschrieben, er wünsche sich für Deutschland „Topforscher“, aber „keine Desperados aus dem Maghreb“. Die Liberalen beziehen sich explizit auf ein humanistisches Weltbild. Sie stehen auf dem Boden unserer Verfassung, die in Artikel 1 die Würde jedes Menschen als unantastbar ansieht. Passt das zusammen mit einem derart abfälligen und diskriminierenden Duktus, der Personen aus einem bestimmten Kulturkreis pauschalisierend abschreibt als diejenigen, die dem Wortursprung nach „verzweifelt“ sind ob ihrer eigenen Lage?

Mich erinnern diese Worte an die „spätrömische Dekadenz“ oder die „Schlecker-Frauen“. Die FDP hat offenbar Schwierigkeiten damit, Menschen in ihrer persönlichen Situation ernst zu nehmen, Sensibilität für Lebensgeschichten zu zeigen, die nicht so verlaufen, wie es manch neoliberaler Perfektionismus vorschreibt. Die Annahme, jeder könne sich in seiner eigenen Freiheit zu Erfolg und Leistung motivieren, ist zu kurz gedacht. Gerade wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind es, die oftmals solch einen Weg versperren. Das war bei „Schlecker“ ebenso wie nun bei den Menschen aus Nordafrika, die nicht zuletzt aufgrund einer europäischen Überlegenheit in Armut und Kriminalität abgedrängt werden – was gleichermaßen nicht rechtfertigt, letztere in unsere Breiten tragen zu können.

Nein, niemand wird widersprechen, dass wir unterscheiden müssen: Menschen, die auf der Flucht sind – und dafür nachvollziehbare Begründungen vorweisen können. Und Einwanderer, die qualifiziert sind und Deutschland mit ihrem Können bereichern. Es geht vielmehr um die deutlich erkennbare Grundeinstellung, die durch Äußerungen wie die des Herrn Linder offenbar geworden ist. Welchen Respekt bringe ich jedem Einzelnen gegenüber zum Ausdruck, völlig unabhängig des Erreichten, seiner sozialen Schicht oder seiner momentanen Lebenslage. Wir können nicht alle aufnehmen, aber wir sollten sensibel sein für das, was schief läuft in dieser Welt. Lindners Worte klingen von „oben herab“, dabei müssen wir uns die Frage stellen, ob der Wunsch nach Wohlstand denn nicht zumindest verständlich ist – und was wir aus Sicht eines reichen Landes, das eben nicht nur allein aufgrund von Leistung dazu geworden ist, sondern auch natürliche Rahmenbedingungen, politische Stabilität oder Frieden positiv für sich verbucht, tun können, um die Menschen im Maghreb eben nicht zurückzulassen.

Ja, wir sollten sie befähigen, das ist die Formulierung der Liberalen, das Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Dass das aber nicht immer möglich ist, das zeigen die vielen Geschichten von arbeitslosen Menschen, von Bürgern, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung völlig unverschuldet in Armut und Ausgrenzung geraten sind. Das hat dann nichts mit einem Verfall von Werten, mit einer um sich greifenden Trägheit zu tun, Menschen sind nicht auf Faulheit aus, sie brauchen Beschäftigung. Daher ist es fatal, generalisierend etwas Anderslautendes zu unterstellen. Es wirkt arrogant und gar überheblich, aus einer Position heraus zu urteilen, die nicht befähigt, einzelne Schicksale zu beurteilen. Der Staat hat neben der Schaffung von Arbeitsplätzen auch die Fürsorge für diejenigen zu unterstützen, die in einem Solidarsystem den rechtmäßigen Anspruch auf Teilhabe besitzen – gleichermaßen ist er aber auch angehalten, seiner internationalen Verantwortung nachzukommen, dort zu ertüchtigen, wo Not herrscht. Abwertungen und sprachliche Entgleisung helfen da nicht viel, sondern lassen mich eher traurig zurück: Hat die FDP sich wirklich geändert?

Beste Grüße

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Inka Bause leidet an ungewöhnlicher Zwangsstörung“, „KÖLNER EXPRESS“ vom 17.07.2017

Ungewöhnlich ist die „Zwangsstörung“ von Inka Bause wahrlich nicht. Das Meiden von Ritzen auf dem Boden, das Überspringen von Bodenplatten oder das Nutzen jeder zweiten oder dritten Stufe einer Treppe – diese manches Mal gar magisch anmutenden „Angewohnheiten“, die sich durch ihre Ritualisierung zu einer erheblichen Beeinträchtigung im Alltag auswirken können, sind eine häufige Zwangshandlung, die allerdings tatsächlich in der Dominanz der Wasch- oder Kontrollzwänge in der öffentlichen Wahrnehmung nicht selten untergehen. Und auch, dass die „Bauer sucht Frau“-Moderatorin gerade unter Stress an ihren Zwängen leidet, ist eher „normal“ als ungewöhnlich.

Jedoch sollte auch nicht jede Verhaltensweise, die uns merkwürdig vorkommt, sogleich als eine Zwangserkrankung eingeordnet werden. Leidensdruck und Ausmaß des „Tics“ spielen dabei eine wesentliche Rolle – und nicht allein um neuer Schlagzeilen willen sollten Menschen pauschal einer psychischen Störung verdächtigt werden, nur, weil sie in manch einer Situation anders reagieren, als man es gewohnt ist. Inka Bause scheint sich bewusst zu einem Bekenntnis zu ihrer Zwangserkrankung entschieden zu haben – und das ist überaus begrüßenswert. Denn solche Vorbilder ermutigen auch jene Betroffene, die sich noch unsicher sind ob ihrer Symptomatik, mögliche Zwangshandlungen (oder auch Zwangsgedanken) nicht nur in der Eigenwahrnehmung und Selbsteinschätzung zu beurteilen, sondern dafür professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Das Ziel einer jeden Berichterstattung zum Thema muss daher die Hilfestellung sein, Menschen in einer vergleichbaren Lage Anlaufstellen wie Selbsthilfegruppen, psychologische Beratungsstellen oder Psychotherapeuten an die Hand zu geben. Für die Zukunft wäre es deshalb schön, Hintergründe der Erkrankung und Kontaktdaten von Betroffenenverbänden noch ausführlicher darzustellen und es nicht allein bei der Sensationsmeldung über die Zwangsstörung eines Promis zu belassen…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Der Deutsche Presserat sieht keinen Anlass für eine Sanktionierung des Kommentars „Gegner des Kreuzes sind intellektuell überfordert“, den „WELT Online“ am 21. Mai 2017 zur Diskussion um den Neubau des Stadtschlosses von Berlin veröffentlicht hatte. Der Autor hatte darin „Grüne“ und Linksfraktion im Bundestag angegriffen, weil diese infrage gestellt hatten, ob ein Kreuz auf dem Stadtschloss das richtige Signal in der heutigen Zeit sein könne. Der Konstanzer Journalist Dennis Riehle hatte den Presserat daraufhin um Prüfung des Beitrages in der Online-Ausgabe der Zeitung gebeten, da er eine pauschale Verurteilung von Gegnern des Kreuzes sah, die über die Grenzen der Meinungsfreiheit hinausginge. Immerhin, so bemängelte der Beschwerdeführer, sei mit der Zuschreibung einer „intellektuellen Überforderung“ eine Begrifflichkeit verwendet worden, die „der Kinder- und Jugendlichen-Psychologie“ entstamme und „eine Unzulänglichkeit in der Reifeentwicklung deutlich“ mache. Somit ergebe sich „eine allegorisch anmutende Herabsetzung einer Personengruppe, für die es allerdings keinen rationalen Grund abseits der Mutmaßung, die ‚doppelte Bestimmung des neuen Berliner Schlosses‘ überwiege die Intellektualität dergleichen, gibt“.

Anders als in Sachtexten müssten in Meinungsbeiträgen zwar großzügigere Maßstäbe für die Abwägung zwischen den einzelnen Freiheitsrechten angelegt werden. Dennoch scheine im vorliegenden Fall eine offenkundige Übertretung der Meinungsfreiheit auf der einen Seite zulasten der Persönlichkeitsrechte andererseits vorzuliegen. Die Formulierungen seien zumindest subjektiv als Beleidigung anzusehen, immerhin ergebe sich für den Leser kein anderer Zweck. Und auch wenn sich der Text nur auf „manche Zeitgenossen“ beziehe, so würden diese in der Überschrift doch mittelbar umschrieben und gleichsam personifiziert. Nachdem sich die Herabwürdigung nicht in einem Kontext wiederfinde, der in seiner Gesamtheit eine satirische, offensichtlich metaphorisch gehaltene Ausrichtung aufweist, müsse eine Schmähung angenommen werden, die nicht in Einklang mit den Ziffern 9 und 10 des Pressekodexes stehe.

Der Presserat folgte dieser Argumentation allerdings nicht. Eine Verletzung presseethischer Grundsätze liege nicht vor, es handele sich viel eher um eine Meinungsäußerung, weise der Kommentar doch nur darauf hin, wonach die Gegner des Kreuzes „nicht verstünden, dass der Neubau [des Stadtschlosses, Anm. d. A.] eine doppelte Bestimmung habe“. Eine Ehrverletzung sei nicht zu erkennen, viel eher sei die Äußerung des Kommentators nach Ansicht des Presserates zulässig. Man folgte damit auch nicht dem Verdacht des Beschwerdeführers, wonach der Beitrag eine derart tendenziöse Ausrichtung verfolge, die die legitime Inanspruchnahme eines politischen Standpunktes durch einen Journalisten deutlich übersteige und eine ganze Gesellschaftsgruppe, die sich aus weltanschaulichen Gründen für eine andere Position in der Streitfrage eingesetzt habe, stigmatisiere.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Lesermeinung

Es ist wirklich schade, dass Wolfgang Bosbach zum Ende des politischen Engagements im Bundestag solch ein Bild hinterlässt: Gerade er, der über Jahrzehnte erfahren ist in der Medienlandschaft und im Umgang mit dem politischen Gegner, hätte ein dickeres Fell beweisen müssen, als es darum ging, manche Frotzeleien in der Gesprächsrunde bei „Maischberger“ auszuhalten.

Dünnhäutig und aufgekratzt wirkte er, ideologisch doch ziemlich einseitig und durchaus naiv, die Polizei blind zu verteidigen – und Demonstranten und Krawallmacher nicht differenziert genug voneinander zu trennen. Er wusste sicherlich um die Gesprächspartner – und welche Argumentationslinie die „linken“ Gäste in der Sendung verfolgen würden.

Der sonst so souveräne Politiker der CDU, er wirkte eher wie das eingeschnappte Kind, aber nicht wie ein gestandener „Polit-Profi“, der nun eine Frage selbst provoziert hat: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit erhobenem Haupt die große Bühne der aktiven Karriere zu verlassen?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Zwischenruf

Man muss sich lange zurückerinnern, dass die politische Parteienlandschaft so aussah wie im Augenblick. Ein wahres Loch ist auf der linken Seite entstanden, nach rechts gerutscht sind alle – außer DIE LINKE. Die CDU überholt sich jeden Tag selbst, in der Verschärfung von Überwachung, in der Rigorosität von Abschiebungen und Abschottung, in der Aushöhlung unser aller Privatsphäre. Und bezüglich der Steuern, da würde sie gern dort noch etwas mehr entlasten, wo das Geld doch ohnehin schon ziemlich locker sitzt. Bei der FDP, da gab man sich zwar einen neuen Anstrich, setzt im Kern aber doch auf die „alten“ Themen, mit neuen Schwerpunkten, in der neoliberalen Ausrichtung aber unverändert zu dem, was die Wähler bei der vergangenen Bundestagswahl mit einem Rausschmiss aus dem Parlament quittiert hatten. „Grüne“ himmeln ihre Realopolitiker in Baden-Württemberg an und beweisen einmal mehr, dass sie in der Mitte stehen wollen, bei den Gebildeten und Besserverdienenden. Und die SPD – sie hatte so gut angefangen, landet aber nun als Bettvorleger bei den Reichen und Einflussreichen, die die Sozialdemokraten davon angebracht haben, den einstigen Kurs des Kahlschlags in der Sozialpolitik zu überdenken.

Selten hatten es Parteien so einfach, sich im linken Spektrum richtig breit zu machen. Denn alleinige Umfragen, wonach bis zu vier Fünftel der Deutschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden seien, spiegeln noch wahrlich kein Bild darüber, wie gerecht Deutschland denn tatsächlich empfunden wird. Während gerade die Liberalen weiterhin darauf setzen, eine Chancengerechtigkeit zu erwirken, ist es die SPD, von der man anfangs gehofft hatte, sie kehre nach über zehn Jahren des eigenen Fehlers in den „Hartz-Reformen“ wieder dorthin zurück, wo sie eigentlich herkam. Aus der Mitte der arbeitenden Gesellschaft, in der eben niemand sanktioniert wird, weil er einen Termin versäumt hat. Stattdessen holte man sich den Kanzler des „ALG II“ auf den Programmparteitag, ließ sich Martin Schulz, der anfangs tatsächlich wie ein soziales Gewissen der Partei erschien, von seinen Stellvertretern in Fragen der Steuern auf ein Minimum an Reformen zügeln – damit gewinnt man nicht einmal einen Blumentopf, schon gar nicht aber eine Wahl.

Und die „Grünen“? Sie huldigen ihrem einzigen Ministerpräsidenten derart, dass sie sich keine wirklich linke Politik zutrauen. Die Kräfte in der Partei, die soziale Themen in den Mittelpunkt rücken wollen, werden von denen aus dem „Ländle“ zurückgedrängt. Einerseits funkt Stuttgart dazwischen und mäkelt über die Beschlüsse des eigenen Parteitages, andererseits wirkt man ohnehin schon zerstrittener denn je, denn die Flügelkämpfe lassen sich kaum noch verbergen. Und wieder besteht bei den Deutschen die Angst, der erhobene Zeigefinger der „Grünen“ wolle nach dem Fleisch nun auch das Auto verbieten. Wenngleich man das wohl anders gemeint hat, so wurde es schlecht kommuniziert: Das Aus für den Verbrennungsmotor soll nicht das Ende für das Auto und die Produktion desgleichen bedeuten. Viel eher rufen Katrin Göring-Eckardt und ihre Kollegen Deutschland als neuen Standort für Elektromobilität aus. Doch irgendwie interessiert das kaum jemanden. Und ja, man kann die Zukunft zweifelsohne an der Ökologie deklinieren. Rutschen die Bündnisgrünen damit aber nicht wieder in die Falle, in die sie ohnehin schon allzu oft getappt sind? Eine Partei für das höhere Bildungsbürgertum, sie erreicht die nicht, denen die Ableitung aller Problemstellungen aus Klimawandel und Umweltschutz zu abstrakt erscheint. Keine klaren Aussagen zu den Sozialreformen, die sie während ihrer Regierungsbeteiligung unter Gerhard Schröder mitgetragen hat – und die bis heute zu einer Spaltung in der Gesellschaft beitragen. Stattdessen ein Gerangel darüber, wie viel Einfluss man dem erfolgreichen Landesvater aus dem Südwesten in der Programmatik wirklich einräumen will – und ob die Demokratie der Partei es auch aushalten kann, Boris Palmer als Mahner in der Flüchtlingspolitik zuzulassen.

Christian Lindner fiel in den vergangenen Monaten mehrfach mit seiner harten Linie gegenüber Flüchtlingen auf. Aus der FDP klangen ähnlich scharfe Worte wie aus der CSU, wenn es um Ausgrenzung, Rückführung und Sperrung von Fluchtrouten geht. Daneben verkünden die Liberalen zwar, sie hätten aus ihrer Abwahl aus dem Bundestag gelernt und wollten sich nicht mehr auf die „Steuersenkungspartei“ reduzieren lassen. An ihrer sozialen Kälte hat sich allerdings nichts geändert. Denn Ergebnisgerechtigkeit zählt bei den „Freien Demokraten“ ebenso wenig wie der Blick auf die, die unverschuldet in Not geraten sind. Privatisierungen und weitere Erleichterungen für Unternehmen, die FDP bleibt ihrem Kurs einer Klientelpartei treu, auch wenn sie im bürgerlichen Lager die einzige Kraft ist, die wenigstens die Achtung der Grundrechte noch im Blick behält. Und obwohl man bei den Liberalen zwar von der Digitalisierung philosophiert, dekliniert man deren Voranschreiten nicht bis zu den endgültigen Folgen für unsere Gesellschaft durch. Denn überall dort, wo künftig Arbeitsplätze von Computern übernommen werden, müssen die Profite in die Sicherung des Sozialwesens fließen, nicht in die Vermögen der Firmen. Welche Chancen in diesem Wandel für die Menschen stecken, das beantwortet keine der antretenden Parteien ausreichend. Das Festhalten an den bisherigen Systemen lässt uns stattdessen schon bald bis 70 oder 72 arbeiten, hört man auf die CDU. Und statt aus den Gewinnen einer digitalisierten Wirtschaft eine Grundsicherung für alle zu ermöglichen, wollen die Christkonservativen sogar an der Zweiklassenmedizin festhalten. Fortschritt nur für einige, ein roter Faden zieht sich wieder entlang der alten Lager aus „Schwarz-Gelb“ und „Rot-Rot-Grün“.

DIE LINKE ist im Augenblick die Partei mit den pointiertesten Forderungen. Gerade sie ist es, die nun die Möglichkeit nutzen könnte, aus dem offenbaren Einheitsbrei, der sich 2017 nochmals verdichtet hat, auszubrechen. Auch wenn es weiterhin recht ungeschickt bleibt, sich so unklar über die Bereitschaft zur Teilhabe an einer Regierung zu äußern, wäre sie es, die klare Angebote bezüglich der Gerechtigkeitsfrage macht. Die Sozialdemokraten überschreiben ihren Wahlkampf zwar damit, können diese Zuschreibung aber nicht legitimieren – denn mit Kleinkariertheit wurde noch nie gepunktet. Blickt man allein auf das Atmosphärische, so müsste das Potenzial für eine wirklich linke Politik höher sein. Vorbehalte sind ebenso wie eingefahrene Muster noch immer mitverantwortlich dafür, dass das eigentlich uns alle bewegende Thema dieser Dekade so stiefmütterlich behandelt wird. Denn gerade in Zeiten des Aufschwungs merken wir besonders, wie ungerecht es bei uns zugeht. Das Schicksal von Flüchtlingen und manch Diskussion, die nun über ihr Schicksal geführt wird, stellen die Frage in einen noch viel größeren Zusammenhang: Wie fair geht es auf dieser Erde zu? Und ja, auch ich habe die Utopie, es könne Weltfrieden herrschen. Solange sich aber nicht einmal die Mehrheit Deutschlands Parteien auf eine grundlegende ethische Verantwortung besinnen kann, wenn es um Verteidigungspolitik geht, brauchen wir zumindest diese linken Impulse aus Radikalität und Deutlichkeit für ein Ende von Rüstung und kriegerischer Auseinandersetzung,

Die Chancen für linke Konzepte werden momentan übertönt von der innenpolitischen Debatte, einer Scheindebatte um Sicherheit, die sich viele Deutsche im gefühlsbetonten Denken aus der Einschränkung der Freiheitsrechte heraus ersehnen. Dabei gibt es nicht wenige Menschen, denen klar ist, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem Autounfall zu sterben, viel größer ist als die, von einem Terroranschlag getötet zu werden. Und gerade für sie braucht es Angebote, ihren so unpopulistischen Wünschen nach einer Stärkung von Polizei und bewährter Hilfsmittel im Kampf gegen Kriminalität und Gewalt Vortritt zu lassen, statt in den täglichen Gesang des „Mehr“ einzustimmen. Man hätte es kaum glauben können, dass Linke doch irgendwann einmal für ihre Rückbesinnung auf das Realistische, auf das Angemessene gelobt werden. Denn wer spricht in unserem Land noch offen aus, dass es zum Himmel stinkt, wenn allein Geld arbeitet – und Wohlstand denen bringt, die dafür kaum einen Finger krumm gemacht haben? „Neid“ wird dann gleich unterstellt, außer man befindet sich am Stammtisch. Dabei ist es das Empfinden von Bürgern nicht nur am Rande unserer Gesellschaft. Die Wahrnehmung einer Teilung in das Reiche und das Arme, sie wird totgeschwiegen unter den Parteien, die den Fortschritt neu definiert haben – als ein „Weiter so“ für die, die sich keine Teilhabe an den monetären, materiellen und digitalen Renditen des 21. Jahrhunderts leisten können. Und als ein Kissen für diejenigen, die schon in der Hängematte der Vermehrung liegen. Wer weiß, vielleicht ist es trendig, auch von den durch Bürokratie so „belasteten“ mittleren und großen Unternehmen, ganz gewiss aber von den Milliardären ein neues Gewissen abzuverlangen. Stimmen für ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt es ja sogar von denen, die davon eigentlich gar nicht profitieren. Linkes Denken scheint zumindest fruchtbaren Boden finden zu können. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen danach auf die Suche gehen, nicht nur in der Wahlkabine…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu „Kirchen bewerten ‚Ehe für alle‘ unterschiedlich“, „epd“

Zunächst: Ich wende mich aufgrund meiner eigenen Homosexualität eindeutig gegen die Ablehnung von Schwulen und Lesben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Die Annahme jedes Menschen nach Lev 19,18 beinhaltet nicht gleichzeitig das Gutheißen seines Handelns. Deshalb sind wir angehalten, gerade in christlichen Kreisen eine deutliche Differenzierung vorzunehmen: Natürlich gehört jeder Homosexuelle in die Gemeinschaft Christi, genauso selbstverständlich wie der Straffällige, der „Fremde“, der Kranke, der „Andersartige“. Die für mich zunächst nicht als veränderbar geltende sexuelle Orientierung ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das ich als gottgegeben ansehe und es deshalb im besten Sinne von 1. Mose 1,27 keinen Grund zur Ausgrenzung gibt. Andererseits bin ich als Homosexueller erschüttert darüber, wie Schwule und Lesben – gerade ihre selbsternannten Lobbyisten – unser Bild in der Öffentlichkeit zu prägen versuchen und damit einen Eindruck entwickeln, der den homosexuellen Lebensstil vollständig verzerrt. Wer einen CSD als repräsentativ für das Verhalten Homosexueller ansieht, der muss zweifelsfrei verstört sein über eine Sexualisierung, die nach meiner persönlichen Erfahrung weit über die der Mehrheitsgesellschaft hinausgeht – obwohl sie uns dort ja bereits oft nur noch Kopf schüttelnd zurücklässt. Und natürlich kann ich jeden verstehen, der ob der Präsentation von Schwulen und Lesben auf ihren Paraden Bedenken daran hat, inwieweit Homosexuelle unter solchen Umständen wirklich „Eltern“ sein können.

Gleichsam frage ich mich: Wissen wir wirklich, was beispielsweise in Lev 18,22 gemeint ist? Muss ich als homosexueller Mensch enthaltsam leben? Oder geht es nicht auch in Lev 20,13 viel eher darum, den verantwortungsvollen Sexualverkehr vor dem verwerflichen Akt zwischen „Knaben“ und „Frauen“ zu verurteilen, um wilde Triebe zu brandmarken, vor denen auch 1. Thess 4,3 ff. warnt? Ich tue mir schwer in der Frage, ob diese oder andere Bibelstellen die Zuordnung „praktizierter“ Homosexualität als „Sünde“ denn tatsächlich zulassen. Auch wenn meine theologische Auslegung eher einem liberalen Verständnis der Exegese entspricht, liegt für mich ein ganz entscheidender Faktor im Bewusstsein über mein Verhalten. Eigenschaften und Charakterzüge können für mich aus diesem Grunde per se nicht sündhaft sein, wohl aber das Ausüben einer Überzeugung unter der Maßgabe, dass ich damit absichtlich gegen das verstoße, was „böse“ ist (vgl. 1. Mose 3,22). So kann praktizierte Sexualität sowohl zwischen Mann und Mann, Frau und Frau, aber eben auch Mann und Frau Sünde sein (vgl. 1. Kor 6,18), an der Geschlechtlichkeit der Beteiligten würde ich die Frage nicht festmachen wollen. Wegweisend sollte der Respekt des Gegenübers im Sexualverkehr bleiben, um die Beurteilung einer etwaigen Sündhaftigkeit beurteilen zu können, gleichsam Ziel und Zweck desgleichen, Status der Personen und der moralgesellschaftliche Zusammenhang, in dem er ausgeübt wird.

Und auf die Frage der „Ehe“ hat dies nach meinem Ermessen zunächst keinen Einfluss. Zweifelsohne scheinen biblische Vorschriften zum „Sex vor der Ehe“ auch auf ein partnerschaftliches Miteinander von Homosexuellen anwendbar (1. Kor 7,3f.), was jedoch keine Gleichstellung der Lebensgemeinschaft mit der Ehe bedeutet (Mt 19,6). Denn die Institution des sich ergänzenden Zusammenwirkens von Mann und Frau, das nicht allein auf seinen „Nutzen“ zur „Produktion“ von Nachwuchs (ja, leider wird in diesen Tagen auch eine Wortwahl salonfähig, die die Herrlichkeit von Gottes Schöpfung wahrlich mit Füßen zu treten scheint) ausgerichtet ist, hebt sich von der alleinigen Verpflichtung des Einstehens füreinander noch deutlich ab. Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter (Gen 1, 27), die auch abseits der Fähigkeit zur Zeugung von Kindern ihren Ausdruck im Korrelat der verschiedenen Wesensmerkmale und einer sich offenkundig bereits an der Fügung der aufeinander abgestimmten Körpereigenschaften zeigenden Idealisierung dieses menschlichen Pendants findet, ist das „Tüpfelchen auf dem i“, was wiederum nichts darüber aussagt, ob ein „i“ nicht auch ohne „Tüpfelchen“ in Würde und im Wert vollends gleichwertig ist. Das verdeutlicht auch, ohne gleichzeitige Abwertung eines anderen Miteinanders, Hebr 13,4f.!

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Der ehemalige Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO), Dennis Riehle, ist in die evangelische Kirche zurückgekehrt. Zu seinem Wiedereintritt wurde er in seiner Heimatgemeinde in Litzelstetten im Rahmen eines Gottesdienstes begrüßt. Der 32-Jährige hatte 2012 die Kirche verlassen und anschließend den Zusammenschluss säkular orientierter Menschen gegründet, der sich unter anderem für kirchenkritische Beiträge im Veranstaltungsprogramm des Konstanzer Konziljubiläums stark machte. Den Wiedereintritt begründet Riehle mit den Erfahrungen in der atheistischen Szene, die ihn in den letzten Jahren geprägt hätten.

„Ich war zu keinem Zeitpunkt dem Glauben fern, aber zwischenmenschliche Erfahrungen in der Kirche, auch manch eine Lehrmeinung und Dogmatik, gleichsam wie die Frage nach der Anwesenheit Gottes in schwierigen Augenblicken und die Zweifel an Überlieferungen wie der Auferstehung oder der Jungfräulichkeit Marias waren Gründe, die mich entfernt hatten von der christlichen Überzeugung, nicht aber von dem Respekt gegenüber der friedlichen Weltanschauung des Einzelnen“, so Riehle, der mit dem „Evolutionären Humanismus“ durch die Erlebnisse in fünf Jahren der Zugehörigkeit zu mehreren säkularen Organisationen hart ins Gericht geht: „Wenn sie ehrlich sind, kommen auch Atheisten nicht ohne einen Glauben aus. Und wer meint, nur auf Tatsachen setzen zu können, der verkennt die Begrenztheit des menschlichen Verstandes. Unter vielen Humanisten herrscht eine emotionale Kälte, die sich auf das alleinige Vertrauen auf Technik, Digitalisierung und die Vernunft begründen lassen dürfte. Besonders entsetzt hat mich das oftmals arrogante Verhalten, zu meinen, sich mit dem Berufen auf die wissenschaftliche Wahrheit über die Unantastbarkeit des Glaubens Andersdenkender hinwegsetzen zu können“.

Riehle bemängelt auch die fehlenden Antworten der Atheisten: „Evolution, das beeindruckt heute kaum noch, weil sie gerade dort den Menschen nicht entgegenkommt, wo sie Sehnsüchte verspüren. Und die alleinige Kritik an der Religion, das ist kein gesellschaftliches Konzept, sondern lediglich der Beleg für die Leere der ganz eigenen Überzeugung. So könnte ich ganze Vorträge halten und Bücher über die Erfahrungen bei den Säkularen verfassen“. Warum Riehle gerade jetzt in die Kirche zurückgekehrt ist, weiß er nicht genau: „Ich habe es vermisst, über meinen Glauben streiten zu können. Es geht nicht darum, Lösungen für die Probleme zu finden, die uns alle plagen. Leid und Unfriede sind eben nicht mit dem Bild des gütigen Gottes vereinbar. Ich habe deshalb auch lange mit mir gerungen, um zu einer neuen Sichtweise auf seine Allmacht finden zu können. Die Freiheit des verantwortungsvollen Christen ist dabei in den Mittelpunkt gerückt. Und mit dieser Erkenntnis, aber auch der Bereitschaft zu vergeben und einen Neustart mit der Kirche zusammen zu wagen, war dann ein Wiedereintritt möglich“.

Die HABO hat sich mittlerweile aufgelöst. Riehle will sich aber dennoch auch fortan weltanschaulich engagieren. Insbesondere möchte er den Dialog von Menschen unterschiedlichen Glaubens fördern, innerhalb und außerhalb der Kirche. „Ich bin ein liberaler Christ, aber dennoch habe ich einige konservative Standpunkte. Und so geht es sicherlich Vielen. Jeder bringt seine Gemeinsamkeiten mit anderen, mehr und weniger gläubigen Menschen mit, aber auch Unterschiede. Das macht es spannend – und im neugieren Austausch lassen sich viele Vorurteile entkräften, aber gleichsam andere Sichtweisen entdecken und möglicherweise gar Erklärungen finden, die bei eigenen Zweifeln weiterbringen. Verständnis füreinander aufzubringen, ohne seine eigene Identität aufzugeben, das müsste doch das Ziel jedes Menschen sein, der ein friedliches Miteinander befürwortet“, meint Riehle – und überlegt bereits, welche Projekte sich mit diesem Credo verwirklichen lassen.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Muss sich der Bodanrück nun ernsthafte Sorgen machen? Der SÜDKURIER hat ihn herabgestuft. Nicht mehr auf der ersten Seite eines gesonderten Teils erschien plötzlich die Rubrik um die Konstanzer Vororte, Allensbachs und der Reichenau, sondern untergeordnet im Konstanzer Lokalteil – also dort, wo man auch früher die Meldungen suchen musste, die der Tageszeitung offenbar nicht wichtig genug erschienen, um ihnen einen eigenen Platz zuzubilligen. Denn nein, es ist wahrlich kein übertriebenes Profilierungsbedürfnis, auch kein abgrenzendes Verhalten, wenn Menschen auf dem Bodanrück mit einem gesunden Selbstbewusstsein feststellen, dass ihre Uhren noch ein wenig anders ticken als die in der Stadt.

Gerade die jüngere Vergangenheit hat bewiesen, dass man auch zwischen Allensbach und Litzelstetten Schlagzeilen produzieren kann – und diese eigentlich nicht geeignet sind, unter ferner liefen unterzugehen. Natürlich ist man von der Mainau bis nach Dettingen ein Teil der Stadt Konstanz – und die wiederkehrende Frage nach der Identität der Teilorte würde wohl auch die Mehrheit heute, anders noch als zu Zeiten der Eingemeindungen, als sich das Meinungsbild nicht einheitlich darstellte, mit Überzeugung zugunsten der Zugehörigkeit zu Konstanz beantworten. Doch ist es nicht legitim, dass man auf dem Land bei aller Urbanisierung den Wunsch verspürt, den Charakter des Umlandes hochzuhalten – und damit einen im positivsten Sinne gehaltenen Gegenpol zum Leben und dem Geschehen in der Stadt zu bilden?

Diese Idee steckte eigentlich hinter dem Gedanken, als der SÜDKURIER sich entschieden hatte, der Eigenständigkeit der Gemeinden Allensbach und Reichenau, aber auch dem weiterhin bestehenden Wesen von Unterschiedlichkeit in der Einheit der Stadt Konstanz Rechnung zu tragen und dem Bodanrück eine eigene Titelseite im vierten Buch des SÜDKURIERS zuzugestehen. Daher überraschte jetzt auch, weshalb es wohl plötzlich eine „Rolle rückwärts“ gab. Gerade Allensbach und Reichenau lassen sich sicherlich nicht gerne von Konstanz vereinnahmen – und hatten damals besonders darauf gedrängt, endlich die Bedeutung zugemessen zu bekommen, die sie als unabhängige Verwaltungseinheiten auch haben. Immerhin sagt die Sortierung einer Zeitung auch etwas darüber aus, welche Wichtigkeit den einzelnen Ortschaften und Gemeinden durch die Redaktion zugestanden wird.

Gerade auf dem Land, aber auch in kleinen Gemeinden haben Vereine, bürgerschaftliches Engagement und aus städtischer Sicht bedeutungslosen Veränderungen noch einen viel größeren Einfluss auf den Alltag der Menschen. Da lebt die Dorfgemeinschaft von der Solidarität und will sich bewusst nicht auf die Anonymisierung einlassen, die in der Stadt voranschreitet und dort durch manch unpersönliche Infrastruktur und künstlich erzeugte Sozialgemeinschaft kompensiert wird. In der Peripherie ist man stolz darauf, was der Einzelne leistet und als Beitrag in das Miteinander einbringt. Weniger die großen Skandale sind es, die hier polarisieren, es sind die kleinen Probleme von rückläufiger Nahversorgung bis hin zur Größe des Neubaus um die Ecke, die uns beeindrucken – aber vor allem auch die erfreulichen Ereignisse von Ideen und Projekten, die dem Ländlichen Raum in Zeiten, in denen sein Image nicht immer das beste zu sein scheint, Hoffnung geben.

Meldungen aus der Region abseits des kernstädtischen Geschehens haben gleichsam ihren Wert, um einen angemessenen Platz und damit die passende Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie auch in Epochen verdient haben, in denen wir die großen Sensationen erhaschen wollen. Dabei sind es nicht immer die Nachrichten mit den größten Aufregern, die die nachhaltigsten Wirkungen hinterlassen. Emotionen können auch durch die ganz ruhigen Geschichten angesprochen werden, die nicht durch ihre Lautstärke überzeugen, sondern durch die Faszination darüber, was ganz nebenbei jeden Tag bei uns in Bewegung scheint, ohne, dass man es eigentlich auf dem Titelblatt vermuten würde. Genau diese Chance wollte der SÜDKURIER doch geben, über all das berichten, was am Rande von Konstanz, auf dem Bodanrück in seinen Ortschaften und eigenständigen Gemeinden so selbstverständlich erscheint – und nun in den Mittelpunkt gerückt werden sollte.

Es wäre schade, wenn der hiesigen Zeitung nun die Puste ausgehen sollte, den Stellenwert solcher oftmals eher als „weich“ wahrgenommener und in einigen Journalistenkreisen verpönter „Storys“ auch fortan hochzuhalten und sie viel eher wieder in der Vielzahl der Zeilen des Konstanzer Lokalteils unterzubringen. Gleichermaßen freuen sich die „Bodanbürger“ über einen ungeahnten Zuspruch für ihren Kurs, der darin bestärkt, dem Bodanrück eine eigene Stimme zu geben.

[Dennis Riehle]