Leserbrief
zu „Ehe für alle ist ein Neuanfang der Debatte“, FAZ vom 2. Juli 2017

Es war eine respektvolle Debatte im Deutschen Bundestag, wie man sie sich öfter einmal wünschen würde. Denn jeder wusste: Auch wenn man für die „Ehe für alle“ war, so musste man gerade bei Gewissensentscheidungen die persönlichen Beweggründe des Anderen für ein eventuelles Nein zumindest würdigen. Ich bin als Homosexueller gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Und nein, diese Einstellung leitet sich nicht aus dem zweckgebundenen Denken ab, das viele Kritiker einer „Ehe für alle“ vorbringen, denn das Kinderkriegen allein kann kein ethischer Wert einer Beziehung sein.

Niemand bestreitet, dass Prinzipien des Zwischenmenschlichen ohne jeglichen Abstrich auch in einer Verbindung aus Mann und Mann oder Frau und Frau gelebt werden können. Das Grundgesetz schützt eine Institution, die sich nicht ausschließlich durch das Versprechen zum Einstehen füreinander definiert. Es billigt dieser einzigartigen Konstellation der naturgeschaffenen Unterschiedlichkeit, die sich sexuell, aber auch in der Gegensätzlichkeit geschlechtlicher Eigenschaften klassisch ergänzt, eine Position zu, die auch für mich als Schwulen verstehbar privilegiert erscheint.

Die positive Betonung des Wertes der Ehe bedeutet nicht gleichzeitig die Diskriminierung anderer Lebensformen. Ich fühle mich nicht benachteiligt, wenn einem Miteinander, das sich über die Maße vervollkommnet, noch weitere, abseits der allseits gültigen und universellen Menschenrechte hinaus gehende Grundrechte zugesprochen werden, die mir zwar eine Entbehrung abverlangen, mich in meiner Würde aber nicht schlechter stellen. Gleichstellung kann nur dort gelingen, wo auch Vergleichbares gegenübersteht. Hat die Natur mit unterschiedlichen Geschlechtern nur aus Zufall heraus eine Verschiedenheit der Menschen geschaffen, ohne damit aber einen Sinn zu verbinden? Gleichzeitig sind es die Besonderheiten der Evolution, die uns bereichern. So ist es mit der Homosexualität auch. Denn es ist nicht abnorm, dass sich gleichsam Frauen und Männer untereinander anziehen, sondern eine Variante der Liebe, die vollwertig ist.

Die Ehe zwischen Mann und Frau ist keine Auserwählung, sondern die Hinnahme der bloßen Erkenntnis, dass sich in vielen verschiedenen Bereichen das Korrelat zwischen zwei unterschiedlichen Geschlechtern als offenkundig idealistisch erweist, über den Schatz der gelebten Solidarität, wie sie unter allen Menschen praktiziert werden kann, aber keine Aussage trifft.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„WOBAK muss günstige Wohnungen bauen – Teure Litzelstetter Wünsche nicht finanzierbar“, Presseinformation der SPD Konstanz vom 30. Juni 2017

Nicht nur ich setze mich seit Beginn an dafür ein, dass die Stadt Konstanz, auch der Gemeinderat Konstanz, endlich die Herausforderung der Zukunft für Litzelstetten erkennen möge, nämlich wohnortnahe Versorgung für pflegebedürftige Menschen in einen gemischten Wohnbau, der auch Raum für sozial Schwächere schafft, zu integrieren.

Das ist also wahrlich kein Sonderwunsch des Ortschaftsrates, der jetzt plötzlich auftaucht, sondern er wird sogar von Vertretern aus den Reihen der hiesigen Zivilgesellschaft seit längerem vertreten, die in den Ort möglicherweise mehr Einblick haben dürfte als der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der WOBAK. Wenn Herr Weber als Sozialdemokrat hochbetagte Menschen mit dem Ziel, auch im Alter vor Ort bleiben und sich gegebenenfalls betreuen lassen zu können, gegen jene ausspielt, die zweifelsohne händeringend nach Wohnraum suchen, dann sagt das doch Einiges über den sozialen Weitblick der Partei, für die er wohl spricht.

Weber mag vielleicht die Situation der Kernstadt kennen, aber sie lässt sich nicht ohne Weiteres auf die Vororte übertragen. Er sollte nochmals die Zahlen ansehen, die uns Statistiker zur Bevölkerungsentwicklung für den Teilort schon vor Jahren präsentiert haben. Überhaupt überrascht das plötzliche Interesse für ein Bauprojekt in der Peripherie, die nicht immer diese Aufmerksamkeit des Stadtrates genießt. Webers einseitige Stellungnahme blendet überdies vollends aus, dass die WOBAK nicht sonderlich fair mit den Bürgern in Litzelstetten umgegangen ist. Wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, dann waren es die Forderungen aus Richtung der Wohnungsbaugesellschaft selbst, die für sich sprechen.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf zu:
„Warum der Chef der britischen Liberaldemokraten zurücktritt“, FAZ vom 14.6.2017

Christsein und liberal. Geht das denn wirklich nicht? Glaubt man dem ehemaligen Vorsitzenden der Liberaldemokraten im Vereinigten Königreich, dann stellt es einen Konflikt mit dem eigenen Gewissen, mit dem Glauben dar, wenn mal als überzeugter Christ politisch liberal agieren möchte. Er selbst trat zurück, weil er die Positionen seiner Partei nicht mehr mit den Überzeugungen des Christentums vereinbaren konnte. Gesellschaftliche, familienpolitische und innenpolitische Fragen dürften es gewesen sein, die das Ringen in Farron ausgelöst haben, der stets als integerer Politiker galt – und dessen Rückzug genau deshalb auch für Schlagzeilen sorgte. Denn es war ihm keinesfalls leicht gefallen, sich aus der Politik zurückzuziehen, war er doch ein begnadeter Redner mit klaren Standpunkten, der gleichzeitig beliebt und dem Volk in seiner Art und seinen Ansichten stets nahe gewesen ist. Doch wie verhält man sich als Christ, wenn die Partei die völlige Gleichstellung von Schwulen und Lesben fordert, biblische Überlieferungen aber darauf hindeuten, dass ausgelebte Homosexualität Sünde sein könnte? Oder das Verständnis von Familie dem 21. Jahrhundert angepasst werden soll, obwohl Vater, Mutter und Kind das jahrtausendealte Bild unserer christlichen Vorstellung des familiären Zusammenhalts prägen? Was tun, wenn die emanzipierte Frau nicht erst in 2017 einfordert, ihre Freiheit auch dadurch praktizieren zu wollen, über eine Schwangerschaft und deren Verlauf alleine entscheiden zu dürfen, obwohl doch gilt: „Du sollst nicht töten“? Welche Lösung findet sich, wenn die Ehe zerrüttet ist, wir uns aber an das Gebot gebunden fühlen, sie nicht zu brechen? Wie bewerten wir das Selbstbestimmungsrecht auf Drogenkonsum, Sterbehilfe oder Präimplantationsdiagnostik beim gleichzeitigen Wissen um Gottes Schöpfung, also auch uns Menschen, die wir schützen sollen?

Im Jahr des Reformationsjubiläums steht das Thema voll im Mittelpunkt: „Von der Freiheit eines Christenmenschen…“, so formulierte es Luther in seiner Schrift, die die Mündigkeit jedes Einzelnen betont. Schon früh gibt die Bibel Auskunft darüber, was Gott den von ihm geschaffenen Wesen so zutraut. Der Mensch wisse nämlich von frühem Zeitpunkt an bereits, „was gut und böse ist“ (1. Mose 3,22). Ja, es ist wahrlich eine Frage unseres eigenen Glaubens, der Theologie, der wir nahe stehen. Für bibeltreue Christen bleibt uneingeschränkt deutlich, dass wir wortwörtlich verstehen müssen, was uns die Bücher vorgeben. Interpretationsspielraum bleibt dabei nicht. Und auch beim Reformator Luther denken wir eigentlich nicht daran, Abstriche vom Wort Gottes machen zu dürfen. Denn darauf sollen wir uns nach seiner Meinung ja immer wieder neu zurückbesinnen – und uns eben nicht lenken lassen von einem „Mainstream“, der uns abbringt von der Lektüre der „Heiligen Schrift“. Aber Luther war keinesfalls ein Gegner der Exegese, er stellte viel eher die Vernunft eines jeden Christen in den Vordergrund. Er bescheinigte den Menschen von damals wie heute, dass sie sich nicht beirren lassen sollen von Dogmatik einerseits, von populistischem Geschrei auf der anderen Seite. Er attestierte uns ein gesundes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, aus der Schrift heraus deuten zu können, was Gott uns sagen möchte – und wie wir in unserem ganz individuellen Leben mit dem umgehen, was uns da auf den Weg mitgegeben wird. Mit seinen Übersetzungen brachte er uns in die Lage, nicht mehr abhängig zu sein von dem, was uns gepredigt wird – sondern Predigten als kritischen Anstoß für das eigene Denken zu verstehen. Nicht das zu übernehmen, was uns von der Kanzel herab „eingetrichtert“ wird, die Heiligkeit liegt nicht in der Unantastbarkeit der Kirche und der Gelehrten, sondern in der Freiheit, uns ein eigenständiges Bild von ethischen Fragen unseres Alltages zu machen.

Natürlich mag es auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, die angebliche Einordnung der Bibel, die gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr als ein „Gräuel“ bezeichnet – und die Vorstellung eines dritten Jahrtausends, in dem wir weiter sind mit unseren Sichtweisen. Und heute richtet sich der Blickwinkel auf die Frage, ob es tatsächlich das ist, was uns Gott sagen will: Kann Nähe zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts eine Sünde sein, wenn wir das Gebot der Liebe des Höchsten aus den Evangelien den Büchern Mose gegenüberstellen? Oder was meinen Verse wie 3. Mose 18,22 tatsächlich? Liberale Politik zu betreiben, das bedeutet, Menschen zu aufgeklärten Akteuren zu machen, die ihre Umwelt in größtmöglicher Verantwortung gestalten. Es passt nicht mit einem liberalen Christsein zusammen, auf die zu schauen, die den Moralapostel spielen möchten. Die Bibel ist nicht dazu gedacht, dass wir unseren Verstand ausschalten. Glaube heißt nicht, das Hirn zu deaktivieren – und blind und gleichzeitig taub das entgegenzunehmen, was uns in die Hände gelegt wird. Auch Misstrauen gehört zu einem Verständnis freien Christentums. Inbegriffen ist dabei stets die Weitsicht auf Zusammenhänge. Aussagen aus ihnen herauszureißen, das befördert Polemik. Denn Zitate sind plakative Momente, taugen aber nicht für rationales Erfassen eines Kontextes. Das Leben ist nicht einfach, es ist viel zu komplex, um es mit einzelnen Standpunkten beschreiben zu dürfen. Und so ist auch der Beischlaf von homosexuellen Menschen, wie Levitikus ihn formuliert, nur dann als Sünde anzusehen, wenn wir missachten, dass die ursprüngliche Übersetzung aus dem Hebräischen eher auf einen „Knaben“ hindeutet statt auf einen Mann, neben dem ein Mann nicht liegen soll. Denn das 18. Kapitel des 3. Buches Mose ist eine Verurteilung von ausuferndem Sexualverkehr, von Prostitution und dem Geschlechtsakt mit Kindern, in die die verantwortungsvoll ausgelebte Liebe zwischen zwei Männern oder Frauen nicht passt.

Und ja, natürlich gibt es Fragestellungen, bei denen auch der liberale Christ zu dem Ergebnis kommen kann, dass Wurzeln nicht aufgegeben werden dürfen. Freiheitlich zu sein bedeutet keinesfalls, sich anzupassen. Im Gegenteil. Viel eher ist es die gewissenhafte Überzeugung, die auch Positionen legitimiert, welche eine Mehrheit aus Christen, die sich als „frei“ bezeichnen würden, nicht teilt. Liberalismus lässt die Vielfalt der Gedanken und Meinungen zu, solange sie sich auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Argumenten, Gefühlen und unseren Grundsätzen beruft. Freiheit bedeutet eben nicht, willkürlich werden zu dürfen. Stattdessen ist der freie Christ derjenige, auf dem die meiste Last mit seinem Glauben liegt. Denn er ringt wiederkehrend mit sich, prüft, wie Gott es gemeint haben kann. Es mag parteipolitische Gründe geben, sich wegen seines Glaubens mit den eigenen Anhängern zu überwerfen. Aber es kann nie einen Grund geben, sich aufgrund seines Glaubens überhaupt nicht politisch zu betätigen. Und es ist wahrlich schade, wenn Farron als Parteivorsitzender offenkundig den Eindruck gewonnen hatte, dass manch konservative Ansicht bei den Liberaldemokraten nicht respektiert wird. Gerade, weil auch diese Tugend zum Freiheitlichsein dazugehört, ist es eigentlich eine Frage an die Parteikollegen des sich bewusst als Christ bekennenden Politikers wert, weshalb freiheitlich denkende Demokraten in Großbritannien ihren Vorsitzenden nicht stärker gestützt haben, als dieser offenbar in den scheinbaren Widerspruch aus Liberalismus einerseits, praktizierendem Christ andererseits hinein rutschte. Natürlich kann ich als freier Christ, aber eben auch als freiheitlicher Politiker gegen das Recht auf Abtreibung sein, wenn ich die Verhältnismäßigkeit wahre und begründe, warum ich die Förderung junger Familien der oftmals voreiligen Entscheidung auf einen Schwangerschaftsabbruch aus Verzweiflung, Angst vor der Zukunft und der Not und Panik heraus vorziehe. Besonders deshalb, weil sich liberale Christen ihre Entscheidungen nicht einfach machen, müssten sie in der Politik geschätzt sein. Wer Freiheit allein auf den Freiraum beschränkt, den der Mensch theoretisch hat, um sich zu entfalten, der hat die biblischen Worte gerade nicht verstanden. Wir wissen, „was gut und böse ist“. Das bedeutet auch, dass wir uns selbstkritisch hinterfragen müssen, ob alles, was machbar ist, auch sinnvoll sein kann. Demut steht dem liberalen Christen ebenso gut wie dem freiheitlichen Politiker, auch gegenüber Haltungen der eigenen Partei, ob zum Allheilmittel der freien Marktwirtschaft, dem Verständnis von Ergebnisgerechtigkeit oder zum monetären Vermögen dieser Tage.

Freies Christsein heißt, seinen Glauben wiederkehrend zu spiegeln. Und ja, allzu oft begeben wir uns mit solch einer „Sisyphos-Arbeit“ in einen Spagat aus Geradlinigkeit und Emotionalität. Beides schließt sich aber nicht aus. Wer die Bibel liest, beginnt meist ganz unweigerlich zu assoziieren. Dazu ist das „Buch der Bücher“ nach einem liberalen Verständnis christlichen Bekenntnisses auch gedacht. Nein, Beliebigkeit ist das wahrlich nicht. Denn Zweifel haben nichts mit Schwäche zu tun. Fundamente zu besitzen heißt gleichsam eben auch nicht, auf ihnen nicht ein Weltbild zu bauen, das uns Gott offenbar zu errichten auch wahrlich zutraut. Wer gleichzeitig eigenes Vertrauen in seinen Glauben hat, der übersteht Anfeindungen. Immerhin kann er sich rechtfertigen, wenngleich es gar nicht nötig scheint. Es wäre zu einfach zu sagen, dass unser Glaube allein „das ist, was wir daraus machen“. Aber wir sind die, die das „Heft des Handelns in der Hand haben“. Ein theistischer Gott, von dem wir als Christen überzeugt sind, weist uns unseren (politischen) Weg. Doch er greift nur dann ein, wenn es auch tatsächlich nötig ist. Ob für eine Korrektur, als Trost oder als Bestätigung. In den kleinen Zeichen des Alltags offenbart er uns, ob wir eine Richtungsentscheidung treffen müssen. Und ob wir an unserem Kurs etwas ändern sollten. Sein Wort, es ist nur bedingt „in Stein gemeißelt“. Wie hilflos wären wir ohne Orientierung, die uns die Bibel zweifelsohne gibt. Aber wie starr wären wir angesichts der sich täglich wandelnden Herausforderungen, wenn wir Worte nicht lebendig werden ließen. Freies Christsein bedeutet Vitalität in die verschiedensten Richtungen, besonders aber in die der Deutung. Ich wünschte mir, auch Farron hätte sich auf Gottes Gunst für ihn und jeden von uns einlassen können. Denn unser biblischer Vater, er scheint doch fest davon überzeugt zu sein, dass Freiheit uns nicht zu größeren Sündern macht, als wir es ohnehin schon sind, sondern zu seinen Ebenbildern, die Erfahrungen sammeln, dabei auch Fehltritte machen dürfen, aber schlussendlich nicht an Lehre, sondern an seinen, unseren Ethos gebunden sind…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.