Leserbrief zum
Gastbeitrag von FDP-Präsidiumsmitglied Dr. Marco Buschmann, FAZ vom 29.11.2017

Marco Buschmann hat recht, wenn er die Politik der Kanzlerin als wenig entscheidungsfreudig ansieht. Er zeigt klar auf, in welchen elementaren Fragen sich die „Jamaika“-Sondierer nur auf einen Minimalkompromiss geeinigt haben, der nicht einmal seinen Namen verdiente.

Denn es ist richtig, dass nach einem Konsens der eindeutige Auftrag für alle Beteiligten erkennbar sein muss. Das war er offenbar bei schwierigen Themen in den Verhandlungen von Schwarz, Gelb und Grün aber nicht. Tatsächlich führen viele Wege nach Rom – und in einer Regierung darf nicht nur das Ziel feststehen. Vielmehr muss geregelt sein, wie man es gemeinsam erreichen will.

Nur dadurch zeichnet sich schlussendlich ein Bündnis aus: Welche Handschrift trägt das Miteinander, ist es gezeichnet von bürgerlich-rechtskonservativer, ökologisch-linkssozialer oder programmatisch-mittiger Politik? Die Richtung blieb bis zum Schluss im Nebulösen. Dabei hätte man nach vier Wochen durchaus erwarten können, dass sich die Akteure zumindest auf den Grundtenor einer etwaigen Koalition verständigt haben.

Merkel lässt ihre Partner, aber auch die eigene Partei im vielsagenden Nichts zurück – die Interpretation jedes Einzelnen bleibt. Das ist keine Führung, sondern die Hoffnung, dass sich schon alles von selbst regeln wird. Auf solch eine heikle Mission lässt sich niemand gerne ein. Und es war gut so, dass die FDP den Absprung geschafft hat.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Schon bald feiern wir wieder 1. Advent. „Ankunft“, dieses Wort hat für mich in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung gewonnen. Ich bin wieder angekommen, zurück in der evangelischen Kirche. Doch es geht nicht in erster Linie um die Institution. Viel eher bin ich wieder angekommen bei Gott. Nach fünf Jahren Abkehr vom christlichen Glauben, aber einem stetigen Ringen mit den existenziellen Fragen des Lebens, habe ich wieder Heimat gefunden. Die Kirche hat mir die Türen geöffnet und mich willkommen geheißen. Obwohl und gerade, weil ich manches Mal über sie geflucht habe, weil mich zwischenmenschliche Enttäuschungen hadern ließen und weil ich ernstlich gefragt habe „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, gerade deshalb scheint mich die Kirche mit offenen Armen begrüßt zu haben.

So empfand ich es zumindest. Sie würdigte die Ehrlichkeit, mit der ich um die „Theodizée“-Frage gerungen habe. Sie anerkannte, dass ich mich verlassen gefühlt hatte, von Gott, von der Kirche, von meinen Mitgläubigen. Und sie respektierte, dass ich eine Auszeit brauchte, um meine Gedanken, meinen Glauben neu ordnen zu können. Und dieser Tage frage ich mich, ob ich das alles schon abgeschlossen habe, ob ich wirklich um meinen Willen, meine Überzeugung und meine Seele weiß. Ob ich in mir aufgeräumt habe, alles sortiert ist, wenn ich mich in den nächsten Wochen auf das Kommen des Herrn vorbereite. Da rollt eine gewaltige Aufgabe auf uns zu, so singen wir bereits: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu’r Herz zum Tempel zubereit‘, heißt es im ersten Lied des Gesangbuchs, bei Georg Weissel 1642.

Ja, ist denn mein Herz wirklich schon so weit, dass ich Türen und Tore bedenkenlos für ihn öffnen kann? In den letzten Wochen des Jahres sieht es bei Vielen von uns nicht danach aus, als wäre alles geregelt. Im Gegenteil. Wir hasten dem nach, was noch zu tun ist, um den Jahresabschluss zurechtzubiegen. Nebenbei sollen noch Geschenke gekauft, Weihnachtsfeiern gefeiert und Postkarten geschrieben werden. Zweifelsfrei, wenn uns ein Gast ins Haus steht, dann wird es schon einmal hektisch. Doch für Gottes Sohn, da müssen wir nicht staubwischen, die Gläser nicht polieren, die Kleidung nicht bügeln. Viel eher müssen wir bereit sein, uns seiner Ankunft zu stellen. Und noch mehr: Wir dürfen bereit sein, ihn in unser Leben zu lassen. Doch was braucht es dafür, dass wir uns in Losgelöstheit zurücklehnen können, seine Gnade anzunehmen?

Ich mache es so, wie es die Kirche getan hat, als sie mich zurücknahm. Unvoreingenommen, zugeneigt, vertraut sein. Tatsächlich bemerkte ich aber auch bei ihr eine gewisse Unsicherheit. Denn als ich mich langsam heranwagte, wieder einzutreten, da arbeitete ich mich vorsichtig bis zu meiner Heimatgemeinde vor, tastete den Weg ab und erkannte bei vielen Menschen, mit denen ich aus früheren Zeiten in der Kirche noch eng verbunden war, eine gewisse Zurückhaltung. „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir“ – Paul Gerhardt dichtete so 1653. Und es ist wirklich nicht einfach, sich auf jemanden vorzubereiten, mit dem aus ganz verständlichen Gründen Berührungsängste bestehen. Mit Jesus ist es genauso. Da kommt ein König, er zieht bei uns ein – und wir wissen eigentlich nicht, was wir ihm bieten können. Plätzchen, Glühwein, ein paar Nüsse?

Die Kirche hat mir Zuwendung geboten. Sie schenkte mir ein offenes Ohr, sie würdigte meine Bedenken, meine Furcht, meine Unrast. Aber sie ermutigte mich auch in meiner Neugier, in meinem Herzblut, in meiner Leidenschaft für den Glauben. Christus als der, mit dem wir über unser Zweifeln, über unsere Unzufriedenheit mit dem Leid der Welt ins Gespräch kommen können. Mit dem wir aber auch dankbar beten können für all das, was uns Gutes getan wird. An Trost, an Liebe, an Fürsorge. Geben wir auch Jesus die Chance, ihn anzuhören. Ihn seine Botschaft vortragen zu lassen. Seine Verkündigung auf uns wirken zu lassen. Drehen wir uns nicht weg, weil wir beschämt sind, weil wir erzürnt sind, weil in der Vergangenheit mit ihm nicht alles so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Vielleicht hat er uns in entscheidenden Stunden gefehlt, war zurückhaltend, als wir ihn besonders gebraucht hätten.

Christus kommt in unsere Herzen, um Vergebung zu leben. Um Frieden zu stiften. Er ist der Friedefürst. Und er will uns versöhnen. Ich habe mich in diesem Jahr mit der Kirche versöhnt. Und nicht nur deshalb habe ich das Gefühl, dass ich gut auf die Ankunft des Gottessohnes vorbereitet bin. Denn ich habe versucht, auch andernorts Versöhnung zu suchen. Sei es mit manch einem Freund, mit dem schon seit längerem Stillschweigen herrschte. Mit manch einer Entscheidung, die ich getroffen habe, mit der ich im Nachhinein aber nicht zufrieden war. Oder auch mit meinem Leben ganz allgemein. Neue Gelassenheit zu finden, das täte uns auch in den Adventswochen gut. Innerlich brodelnde Konflikte aufzutun und sie zu lösen, zumindest, es zu versuchen. Nein, das kann nicht sofort gelingen. Und Jesus nimmt es uns auch nicht übel, wenn wir eben noch nicht völlig frei sind bei seiner Ankunft. Wenn wir noch nicht fertig sind, unser Chaos entwirrt zu haben.

Mit Christi Geburt beginnt ein neues Leben. Und auch uns soll dieser Geburtstag eine Mahnung sein: Starten wir hinein in ein unbelastetes Verhältnis mit uns selbst. Machen wir uns los von Schuld und Pein, indem wir selbst verzeihen. Seien wir umsichtig mit uns – und mit Anderen. Setzen wir uns nicht unter Druck, weil wir uns verantwortlich fühlen für die Weihnachtsgans, den Tannenbaumschmuck, die Krippe. Darauf kommt es nicht an. „Sein Zepter ist Barmherzigkeit“, so schreibt es Weissel in Strophe 2. Gott ist nachsichtig mit uns, doch er lädt uns ein, die Adventszeit auch dafür zu nutzen, unser Seelenheil zu finden. Endlich einen Schlussstrich zu ziehen unter manch eine Vergangenheit. All das kann nur funktionieren, wenn wir gleichzeitig auch unsere Geste des Vergebens üben. Sich Zeit nehmen, um nachzudenken, wo vielleicht ein zwischenmenschlicher Kontakt noch gekittet werden kann.

Wenn wir die Vorbereitung auf die Ankunft Jesu dafür verwenden, Versöhnung zu leben, dann können wir ganz gewiss sein, dass alles bereitet ist. Setzen wir Zeichen des Friedens in unserem eigenen, kleinen Kreis, damit Friede werde hier auf Erden. Ich fühle mich erleichtert, dass ich 2017 einen solchen Schritt getan habe. Und nein, ich bin noch lange nicht am Ziel. Doch ich bin mir sicher, mir bleibt noch Zeit. Denn Christus kommt stets neu zu uns – eben auch dann, wenn wir uns gerade nicht bewusst auf ihn einlassen. Manchmal als ungebetener Gast, manchmal aber als freudige Überraschung. Und immer wieder bringt er diese Ermutigung mit sich: Vergebt einander, wie auch er vergeben hat! Diese Worte sollen uns begleiten – ob im Advent oder dann, wenn die Tannen schon wieder auf der Straße landen. Gelegenheit für Liebe ist jederzeit. Vertrauen wir darauf, dass Gott sie uns schenkt.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zum
Denkmalschutz für die Geschwister-Scholl-Schule, SÜDKURIER Konstanz vom 24. und 25. November 2017

Denkmal, laut Duden ein Bau, der „über eine frühere Kultur Zeugnis ablegt“ – er ist definierbar. Wir sind es gewohnt, lediglich solche künstlerischen Schöpfungen zu hofieren, denen wir subjektive Ästhetik, Schönheit und Anmutung nachsagen. Doch wer weiß, was die Nachwelt tatsächlich interessiert?

Die Geschwister-Scholl-Schule erinnert in eindrücklicher Weise an den Zweckbau der 1970er-Jahre, der den Brutalismus nochmals in seiner eindrücklichsten Form widerspiegelt. Er belegt, zu welchen für die Mehrheit der Menschen abstoßenden Baustilen man bereit war, nur, um der Faszination für die Materialien Ausdruck zu verleihen. Sichtbeton, der nach Le Corbusier in seinem rohen Zustand die Klarheit der Konstruktion abbildet, er wirkt auf mich faszinierend.

Denn allein auf Formalität ausgerichtetes Bauen, es drückt aus, wie man noch vor einem halben Jahrhundert dachte, wie das Lebensgefühl in kalten und kahlen Fassaden spürbar wurde: Eindeutigkeit in der Lesbarkeit des Objekts, schnelles Vorankommen in der Gestaltung, pure Beachtung für die Funktionalität. Aus der Schlichtheit, dem gewaltigen Einpflocken eines massiven Volumens, entsteht eine denkwürdige Botschaft, die es in dieser Form aus meiner Sicht durchaus zu erhalten gilt: Wir gedenken Zeiten, in denen man raschen Neubau brauchte, weil nicht nur die Nachfrage nach Schulräumen davon galoppierte.

Wir erinnern an künstlerische Ergüsse, die zügig auf dem Papier und einfach umsetzbar sein mussten, weil der wirtschaftliche Aufschwung drängte. Und wir bewahren den Gedanken an eine Stilepoche, die durch ihre gnadenlose Transparenz Zeiten offenbart, in denen die Eile schlichtweg Hässlichkeit gebot.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Ankündigungen aus den Parteien, das Werbeverbot für die Abtreibung nach § 219 StGB abschaffen zu wollen, kommentiert der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bekenntnistreue Christen – Konstanz mit eindeutigen Worten: „Gerade denen, die mit Schwangerschaftsabbrüchen Geld verdienen, muss es verboten bleiben, für eine Beendigung von Leben zu werben“ sagt Dennis Riehle, der hinzufügt: „Ein Arzt, der selbst Abtreibungen vornimmt, kann nicht objektiv über den Schwangerschaftsabbruch informieren. Natürlich brauchen Frauen im äußersten Falle, wenn nach Recht und Gesetz alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, sie von diesem Schritt abzubringen, Aufklärung über die Abtreibung, das Vorgehen, die Folgen und Konsequenzen. Solche Informationen sachlich vorzutragen kann dem aber nicht gelingen, der von einem solchen Verfahren auch noch profitiert“.

Nach Aussagen Riehles sei der Schwangerschaftsabbruch keine „Dienstleistung“ wie andere, für die man werben müsse. „Beratungsstellen, die nichts mit der Abtreibung zu tun haben, können die einzig unbeeinflussten Informationsgeber über den Schwangerschaftsabbruch sein. Außerdem gibt es ausreichend andere Möglichkeiten, als sich von demjenigen unterrichten zu lassen, der einen Vermögensvorteil von der Abtreibung hat. Es braucht daher keine Werbung durch Mediziner, die selbst Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, weil Abtreibungen nichts sind, was es anzupreisen, sondern zu verhindern gilt“. Riehle fordert Ärzte stattdessen auf, für das Leben einzutreten: „Das Selbstbestimmungsrecht der Frau kommt dort an die Grenzen, wo die Freiheit einer werdenden Mutter auf die Rechte eines heranwachsenden Menschen trifft. Mediziner sollten – wie die Gesellschaft im Gesamten – Schwangeren beistehen, damit sie überhaupt keinen Grund zur Abtreibung sehen. Wer sich heute für die Werbung zum Schwangerschaftsabbruch durch Abtreibung vornehmende Ärzte einsetzt, der untermauert die ethisch-moralische Korrektheit des Abbruchs eines werdenden Lebens, der in Deutschland nur ausnahmsweise straffrei bleibt“.

Riehle fordert insgesamt eine völlig andere Debattenkultur: „Dass sich politische Parteien vor den Karren derer spannen lassen, die allein das Recht der Frau auf ihren eigenen Körper hochhalten und die Abtreibung zu einer völlig normalen Alltagsdienstleistung verkommen lassen, ist Ausdruck einer Verrohung der Sitten in unserem Land. Wir müssen uns allesamt fragen, welchen Wert das werdende Leben für uns noch hat“.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Kubicki schließt Rechtsschwenk seiner Partei aus“, ZEIT vom 22. November 2017

Die Vision, wonach die FDP die Entwicklung der französischen Bewegung „En marche“ nehmen sollte, ist eine heikle Wunschvorstellung. Ich kann Wolfgang Kubicki zwar verstehen, der sich vom jungen Esprit des französischen Präsidenten anstecken lässt. Doch hinter der Fassade von Macrons Partei bröckelt es erheblich. Die Anwürfe eines monarchischen Führungsstils wiegen ebenso schwer wie die der mangelhaften demokratischen Strukturen innerhalb der noch recht neuen politischen Kraft, die einer altgedienten und erfahrenen FDP nicht unbedingt zum Vorbild dienen sollte.

Denn wenngleich wir neuen Schwung benötigen, mit neuem Elan die Probleme dieses Landes angehen müssen, so sollten wir unterscheiden: Mut zur Veränderung erwächst nicht aus den Einzelinteressen eines Präsidenten, sondern aus der Vielfalt an guten Ideen verschiedenster Mitstreiter. Sie fehlen im Elysées. Und auch inhaltlich passt es nicht: Ob die Europa-Pläne von Macron tatsächlich wegweisend für die Freien Demokraten sind, wage ich bei der momentanen Ausrichtung der Liberalen zu bezweifeln. Denn wenngleich wir auf mehr Miteinander in der EU setzen, wollen wir doch keine Vergemeinschaftung von Staaten, die in ihrer Unterschiedlichkeit, in ihrer jeweiligen Individualität so einzigartig sind.

Dieses Credo liberaler Politik, es passt genauso wenig zu Deutschland wie die harte Haltung gegenüber den Sozialpartnern Macrons, die er brüskiert und mit harter Hand seine Durchsetzungskraft spüren lässt. Deutschland tut gut an seinem Miteinander mit Gewerkschaften und dem Klientel aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ein königliches Durchregieren, das hat die Bundesrepublik nicht nötig. Und auch die FDP sollte sich von solchen Allmachtsphantasien nicht beeindrucken lassen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Schwarz-Gelb in NRW will Fahrkarte für Bedürftige abschaffen“, stern.de vom 23.11.2017

Das Vorhaben der schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, das Bahnticket für Bedürftige abzuschaffen, dürfte besonders der FDP nicht gut bekommen. Nachdem viele Wähler gehofft hatten, die Liberalen würden sich im Zuge ihrer Neuaufstellung nach vier Jahren Auszeit aus dem Bundestag von ihrem „Soziale-Kälte“-Image verabschieden, schlägt die Partei gemeinsam mit der CDU in die Kerbe ein, die man lange Zeit von den Freien Demokraten gewohnt war, die aber gleichsam dazu geführt hatte, dass sie von einem Teil der potenziellen Wählerschaft aus gesellschaftlich ärmeren Schichten nicht unterstützt wurde.

Denn die Ansagen in Nordrhein-Westfalen wirken wieder ähnlich wie die der „spätrömischen Dekadenz“, wie das Kommunikationsdebakel um die „Schlecker-Frauen“ oder die Aussagen von Partei-Chef Lindner über Arbeitslose im vergangenen Wahlkampf, die allesamt den Eindruck der Klientelpartei erhärten. Nein, ich bin bereit, solche Fehltritte aus der Vergangenheit nachzusehen. Doch leider scheinen die Liberalen nicht wirklich dazulernen zu wollen – und provozieren auch dieses Mal einen Sturm der Entrüstung darüber, dass gerade bei den sozial Schwächsten wieder gespart werden soll.

Man möchte der FDP fast raten, sich nochmals intensiver mit Marketing und Öffentlichkeitsarbeit zu befassen, denn all der Respekt, der auf Bundesebene für ihr Rückgrat beim Beenden der „Jamaika“-Sondierungen erwachsen war, droht in ungeschickten Vorstößen wie dem aus NRW vollends unterzugehen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Innehalten am Buß- und Bettag“, SÜDDEUTSCHE vom 22.11.2017

Es ist bedauerlich, dass Feiertage heute nur noch eine Bedeutung zu haben scheinen, wenn wir an ihnen „frei“ haben. Dabei ist der Buß- und Bettag in einer Gesellschaft, in der Egoismus und Überheblichkeit wohl nicht nur gefühlt deutlich zugenommen haben, von großer Bedeutung. In Zeiten, in denen wir uns selbst als unantastbar ansehen, was braucht es da noch Buße?

Gerade, weil wir so überzeugt von uns sind, ist die Aufforderung zum Nachdenken so wichtig. Es geht diesem Gedenktag gerade nicht um Strafe, sondern um das befreiende Gefühl der Reue. Wir alle sind nicht fern von Sünde, wir schleppen sie nur oft ganz unbemerkt mit uns. Meinen, dass sie uns nichts anhaben könne, weil der Mensch als das höchste Wesen sich nicht zu entschuldigen braucht für seine Fehltritte. Dabei vergessen wir aber unsere Nächsten, die, denen wir oftmals wehgetan haben, die wir ungerecht behandelt haben, an denen wir vielleicht sogar schuldig geworden sind.

In einer Epoche der Ellenbogen scheint auch das Viele nicht zu beeindrucken, was unsere Gegenüber denken, fühlen, empfinden. Und doch werden wir irgendwann wieder auf sie treffen, werden wir angewiesen sein auf die Hilfe derer, die wir heute links liegen lassen. Deshalb lohnt es sich, um ehrliche Vergebung zu bitten und dafür zu beten, dass auch Gott uns die schweren Bürden nimmt, die wir oftmals erst dann spüren, wenn sie uns bereits zu erdrücken drohen.

Es ist ein barmherziges Gefühl der Entlastung, des neuen Freiseins, wenn wir zu verzeihen bereit sind und gleichzeitig um Verzeihung ansuchen dürfen. Das zwischenmenschliche Ringen um Fairness, nicht um Genugtuung, es ist heilsam für alle Seelen, die es verstanden haben, loszulassen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Erfahrungsbericht

Sechs oder sieben Jahre lang, ich kann es nicht mehr genau sagen, trug ich dieses Geheimnis mit mir umher. Dass ich Zwänge hatte, das wusste zu diesem Zeitpunkt nur mein allerengstes Familienumfeld. Denn das konnte ich nicht an der Nase herumführen. Allein der Wasser- und Seifenverbrauch hatte irgendwann ans Tageslicht geführt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und dass ich Waschzwänge, Kontrollzwänge, Zählzwänge, später auch schwere Zwangsgedanken hatte. Doch über meine Eltern hinaus, da konnte und wollte ich es niemandem anvertrauen. Mein Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut war es damals, dem ich mich anschließend öffnete. Auf dem wöchentlichen Weg in seine Praxis legte ich einen Spießrutenlauf zurück. Denn hinter jedem Fenster im hier so beschaulichen Dorf lauerte manch neugieriger Mitbürger, der sich dafür interessierte, was ein ungefähr 14-Jähriger denn bei einem „Seelenklempner“ wollte. Ich hatte es bereits mitbekommen, dass man sich das Maul zerriss, dass man munkelte und spekulierte. Allein in der Schule, da fühlte ich mich sicher. Denn da war ich weitgehend symptomfrei – und entsprechend mutmaßte wohl kaum jemand etwas davon, dass ich „zwängelte“.

Doch der Leidensdruck stieg. In der Öffentlichkeit riss ich mich nach Möglichkeit zusammen, nichts von meinen Eigenheiten nach außen durchdringen zu lassen. Während ich gleichsam mit einem zweiten Outing über meine sexuelle Orientierung haderte, sollte das erste kurz bevorstehen: Wie dankbar war ich über die Anfrage eines Fernsehsenders, der damals – über die DGZ vermittelt – auf mich zukam und nach einem Protagonisten für einen Beitrag in einem täglichen RTL-Magazin suchte. Ich selbst musste nicht lange mit mir ringen, bis ich innerlich zugesagt hatte. Überzeugen musste ich noch meine Mutter, die anfangs keineswegs so begeistert war wie ich. Warum ich denn mit solch einem offensiven Schritt meine Krankheit publik machen wollte, fragte sie mich. Doch für mich war klar: Nur mit einer „Schocktherapie“ konnten diejenigen, die sich in meinem Umfeld die schlimmsten Gedanken über den Gesundheitszustand des „kleinen Dennis“ machten, beruhigt werden. Ich war fest davon überzeugt, dass es mir helfen würde, endlich reinen Tisch zu machen – und das die besänftigt würden, die in ihrem Bedürfnis nach neuen Informationen die tollsten Gerüchte in die Welt setzten.

Dreharbeiten sind nicht einfach, gerade nicht im Lebensumfeld. Denn sie zogen in einer Ortschaft mit 4000 Einwohnern, in der eben doch fast jeder jeden kennt, wiederum Blicke auf sich. „Freuen Sie sich doch daran, dass ich unser schönes Dorf in die Medien bringe“, reagierte ich auf all jene, denen fast die Augen aus dem Gesicht fielen: „Herr Riehle, was machen Sie denn mit dem Fernsehen hier?“. Mich wunderte, dass keiner dabei war, der seine Angehörigen grüßen wollte, so erstaunt klammerten sich Manche an Kamera und Scheinwerfer, die mich einen Tag fast jede Minute und bei jedem Schritt begleiteten. Das Resultat aber war gut. Kurz nach der Ausstrahlung stand das Telefon nicht mehr still. Und ich hatte damit gerechnet, dass ich nun einige Freundschaften verlieren würde. Denn theoretisch wusste nun die ganze Nation, dass ich Zwänge hatte. Und wer will schon gern mit jemandem befreundet sein, der eigentlich kaum noch Zeit findet für Partys, für lockere Stunden im Freien, für Hobbys und Freizeit mit Gleichaltrigen – weil er stattdessen die Pflastersteine auf den Straßen zählte, die Hände wusch, bis sie blutig waren oder der in seinem Kopf Gedanken darüber hin und her kreisen ließ, ob es denn für einen friedliebenden Menschen wie mich möglich sei, jemanden mit einem Messer zu verletzten.

Doch nein, die Reaktionen waren ganz andere: Für meinen Mut, meine Courage und meine Ehrlichkeit gratulierten mir nicht nur Klassenkameraden, sondern auch Nachbarn und die, die noch Wochen zuvor hinter dem Fenster standen und damit liebäugelten, was ich beim Psychologen suchte. Irgendwie war mir das schon ziemlich peinlich, denn ich hatte es vor allem für die getan, die sich ebenso einsam fühlten mit ihren Zwängen, die kein Vertrauen finden konnten in Bezugspersonen, am Arbeitsplatz oder in ihrem Privatleben. Ihnen wollte ich Kraft schenken – wenngleich ich wusste, dass mein Weg keinesfalls Vorbild sein kann für die, die noch selbst mit der Annahme der eigenen Krankheit rangen. Und auch heute würde ich niemandem „empfehlen“, die große Bühne für sein Bekenntnis zu Zwängen zu suchen. Solch ein Schritt muss aus dem Innersten kommen und kann kein Selbstläufer sein. Er muss gewollt werden – und er braucht Standfestigkeit. Denn es gibt bei all den Menschen, die engagierten Auftritte gegenüber der Öffentlichkeit zu würdigen wissen, auch jene, die darauf mit Häme und Spott reagieren. Dass ich seit jeher transparent mit meinen Zwängen umgegangen bin, das hat mir viel Respekt, aber eben auch viel Anfeindung entgegengebracht. Das muss man aushalten. Und das ist in einer Gesellschaft, in der psychische Krankheit noch immer verpönt scheint, nicht immer leicht.

Mittlerweile suche ich nicht mehr die Scheinwerfer, auch wenn die Erfahrung, Zwänge ein Stück weit alltagstauglicher zu machen, für mich eine große Zufriedenheit brachte. Schnell wird man in der Presse des 21. Jahrhunderts „verheizt“, und das soll nicht Sinn der Sache sein. Neben der eigenen Bewältigung meiner Krankheit, neben dem langen Prozess der Akzeptanz einer seelischen Beeinträchtigung in meinem Leben stand vor allem der Wunsch, Zwangserkrankungen bekannter und anerkannter zu machen, im Vordergrund jeglicher öffentlichen Betätigung. Denn ich weiß aus den vielen Kontakten mit Gleichbetroffenen, wie schwer sich viele von ihnen bereits damit tun, sich selbst ein psychisches Problem einzugestehen. Wie soll dann ein Preisgeben solch eines Persönlichkeitsmerkmales, das wir nicht als uns zugehörig hinnehmen müssen, aber zu dem es sich zu bekennen lohnt, auf wirklich fruchtbaren Boden fallen, wenn die Angst vor Ablehnung und Rückweisung sehr viel stärker ist als die Aussicht auf diesen befreienden Moment, in dem wir uns nicht mehr verstecken müssen, sondern in dem der Ballast abfällt mit all den Ausreden, all dem Rückzug und all der Verheimlichung, die man über Jahre und Jahrzehnte praktizierte? Es war ein Moment der tiefen Dankbarkeit gegenüber mir selbst, dass ich den Schritt gewagt hatte, aus dem Korsett der Verschlossenheit zu entfliehen. Und ich wünsche das Gefühl jedem – und sei es nur gegenüber dem Partner, dem Vater oder dem Freund, all das anzuvertrauen, was man an Zwanghaftem jeden Tag neu auf seinem Buckel trägt.

Heute ist mir die Arbeit dort wichtig, wo ich selbst einst begonnen hatte, mich langsam mit meinem Geheimnis vorzuarbeiten: In Schulen ist die Notwendigkeit der Aufklärung über Zwangsstörungen dringend geboten. Das merke ich immer wieder aufs Neue, wenn ich einzelne Unterrichtsstunden oder ganze Projekttage mit denen gestalte, die seelischer Gesundheit einerseits so unvoreingenommen, andererseits mit so vielen Vorurteilen behaftet begegnen. Gerade, weil ich selbst vermisst habe, dass an unserer Schule über die Möglichkeit von psychischen Problemen gesprochen wurde, setze ich mich jetzt dafür ein, dass wir möglichst schon in der Jugend ein Gespür dafür entwickeln, was es bedeutet, „anders“ zu sein. Die Faszination gegenüber „Zwängen“ ist groß, das erfahre ich jedes Mal wieder. Nicht nur, weil jeder von uns mit vorübergehenden Tics und Marotten etwas anfangen kann, sondern weil sich Jugendliche von heute glücklicherweise oftmals trauen, ein eigenes Bild über die Lebenswirklichkeit zu erlangen, fällt es zunehmend leichter, auch jene für das Thema zu gewinnen, die auf der anderen Seite mit größtmöglichen Stereotypen des „psychisch Kranken“ in den täglichen Meldungen auf „Facebook“ und Co. konfrontiert werden. Doch gerade denen, die heute und künftig an Zwängen erkranken, sind wir es schuldig, die Atmosphäre des Angenommenseins zu stärken. Es gibt viele Gelegenheiten, das beginnt mit Toleranz im Kleinen. Und doch können wir mit ein bisschen Offenheit so viel bewirken…

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Rechtliche Regelungen für Oberstufe an Gemeinschaftsschulen“, Schwäbisches Tagblatt vom 23.11.2017

Die sich hinziehende Diskussion um die gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen zeigt die grundsätzliche Überflüssigkeit dieses Schultypus. Wer eine vernünftige Vorbereitung auf das Studium möchte, der sollte auch weiterhin auf eine qualifizierte Vorbildung der Studienanwärter ab Klasse 5 setzen, die am ehesten im altgedienten Gymnasium umgesetzt werden kann.

Die Gleichmacherei der Schüler, sie motiviert niemanden, nimmt aber die Chancen, wonach sich jeder seinen Ressourcen, seinem Können und seinen Visionen und Fähigkeiten entsprechend entwickeln kann, ohne dabei Rücksicht auf die zu nehmen, die schulisch stärker oder schwächer sind. Das Entfalten der Persönlichkeit, sie gelingt dort, wo wir den Schülern maßgeschneiderte Förderung einerseits, Herausforderung andererseits bieten.

Im Mischmasch der Gemeinschaftsschule verlieren wir die Potenziale derer, die mehr könnten – und überfordern die, die mehr Rücksichtnahme bräuchten. Ein Festhalten an der ursprünglichen Dreigliederung der weiterführenden Schulen kommt der Realität der menschlichen Unterschiedlichkeit am nächsten, sie schließt aber gleichzeitig auch nicht aus, dass wir selbst in den bewährten Schulformen Veränderungen bräuchten.

Gerade, wenn wir jedem Kind die bestmögliche Allgemeinbildung zukommen lassen wollen, dann bedarf es eines zeitgemäßen Unterrichts, einer Spitzenausstattung unserer Schulen und einer exzellenten pädagogischen wie fachlichen Qualifikation des Lehrpersonals. Statt sich mit Feinheiten wie dem Fremdsprachenunterricht zu befassen, wäre es an der Zeit, dass die grün-schwarze Regierungskonstellation endlich diese grundlegenden Reformen anpackt und sich dafür zumindest für ein in finanzieller Hinsicht geprägtes Aufweichen des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern aussprechen würde.

Denn in Sachen Bildung haben wir schon über viel zu viele Jahre den Anschluss versäumt, jetzt ist Zeit für die großen Würfe, statt im Justieren von Stellschrauben im Kleinklein zu verharren.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Zu viele Wohnungen im Gewerbegebiet“, SÜDKURIER Konstanz vom 22.11.2017

Kein Drama, aber durchaus ein Rückschlag für die Stadt. Denn ihre Politik, den Unterlohn zum Gewerbegebiet zu erklären, geht nicht mehr auf. Das Gericht hat eine Zäsur gesetzt. Mit dem Richterspruch geht eine Ära der klaren Trennung zwischen Gewerbe- und Wohngebiet in Konstanz zu Ende.

Und obwohl man sich in der Verwaltung wohl erhofft hatte, im Unterlohn auf absehbare Zeit wieder ein prosperierendes Industriegebiet zu etablieren, so muss man nun eingestehen: Wir können es uns nicht leisten, ungenutzte Flächen oder gar Räumlichkeiten nur deshalb offen zu halten, weil wir den Traum der wachsenden Wirtschaft in Konstanz nicht aufgeben möchten. Unser Stadtgebiet wandelt sich – und das ist gut so. Denn wir müssen stets dafür bereit sein, uns neuen Gegebenheiten, neuer Nachfrage anzupassen.

Wenn das Angebot an Wohnraum theoretisch vorgehalten werden kann, dann darf es nicht deshalb versagt werden, weil wir strikt an einer Baunutzung festhalten, die offenbar nicht einmal mehr vor der Justiz Bestand hat. Gerade einer Stadt, die mit dem „Handlungsprogramm Wohnen“ doch bestens darum weiß, wie angespannt der Wohnungsmarkt ist, sollte man die Freude über dieses Urteil aus dem Gesicht ablesen können. Denn welche Perspektiven eröffnen sich dadurch zur Weiterentwicklung von weiten Teilen unseres Gewerbegebietes!

Die FDP fordert sicher nicht nur aus Klientelpolitik für die Eigentümer, die beharrliche Spaltung zwischen Industrie- und Wohngebiet aufzulösen, sondern weil sie verstanden hat, welches Potenzial für die Wohnungspolitik in einem liberaleren Vorgehen bei der Raumnutzung liegt, das nun richterlich bestätigt wurde. Heutzutage brauchen wir jeden Quadratmeter an Wohnfläche, egal, wo er zu finden ist. Schade, dass nicht die Stadt selbst darum gerungen hat, neuen Wohnraum zu erschließen – eine vertane Chance…

[Dennis Riehle]