Gedanken zur Jahreslosung 2018

Umsonst! Was gibt es heute noch umsonst? In einer kommerzialisierten Gesellschaft ist Zeit Geld, da schenkt niemand freiwillig etwas her. So denken wir zumindest. Auch denen, die da in der Ferne dürsten, wir wollen ihnen so gerne helfen – und doch sind wir weit weg. Was wollen wir tun angesichts von Armut und Not, von Hunger und Durst? Auch in unserem Land leben Menschen auf der Straße, haben kein Dach über dem Kopf. Umsonst ein Stück abgeben vom Reichtum, den wir mit uns herumtragen. Einmal nicht darauf schauen, was es uns kostet. Vor allem nicht abwerten, den Anderen nicht beurteilen, ihn verantwortlich machen für seine Lage. Nein, ihn annehmen. Teilhabenlassen diejenigen, die ausgeschlossen sind. Die am Rande der Gesellschaft stehen. Die ausgegrenzt sind, obwohl sie Rechte haben.

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“. Gott spricht zu uns in der Offenbarung, in der Jahreslosung 2018. Er will den Dürstenden zu trinken geben. Doch nein, nicht nur das. Er will spenden das lebendige Wasser. Das uns wieder auferstehen lässt von der Qual des Alltags, von der Mühsal unseres Lebens, von den existenziellen und den materiellen Fragen. Wasser – wir können nicht ohne leben. Und wer sich vorstellt, wie es ist, das erste Mal im Jahr ins Freibad zu gehen, das kühle Nass zu spüren, zu erleben, dass Wasser trägt, der wird um seine Bedeutung wissen. Und wer nach einem langen Ausdauerlauf mit ausgetrockneter Kehle endlich wieder ein wenig Flüssigkeit aufnimmt, der ist dankbar für den Wohlgenuss.

Vom lebendigen Wasser nehmen zu dürfen, ohne eine Gegenleistung. Weil Wasser uns allen gehört. Es ist für das menschliche Überleben elementar. Jeder von uns sollte genug davon abbekommen, doch leider ist die Realität eine andere. Dabei steht das Wasser im Bibelvers nicht nur stellvertretend, sondern symbolisch. Mit Wasser werden wir getauft, weil wir damit eine Zugehörigkeit zum Leib Christi ausdrücken können. Weil Wasser uns deutlich macht, dass wir nur mit ihm überleben können – genauso, wie mit der Hoffnung und Zuversicht auf Jesus selbst. Auch die Taufe wird uns geschenkt. Wir müssen nichts zu tun, sondern wir dürfen allein empfangen. Das ist die Zusicherung Gottes: Er lässt uns nicht allein, auch nicht in der Wüste, wenn wir zu verdorren drohen.

Die Jahreslosung ermutigt uns, uns wieder einmal bewusst zu sehnen nach dem erfrischenden Wasser. Das Kostbare wertzuschätzen. Gottes Schöpfung nicht für selbstverständlich anzunehmen. Und viel mehr noch: Wieder einmal Lebendigkeit zu tanken, indem wir in Jesus Christus aufgehen. In seiner Nachfolge. Vitalität erlangen wir nicht nur durch reichliches Trinken, sondern insbesondere, uns an Wort und Tat des Herrn zu laben. Wenn wir die Schrift lesen und die Verkündigung hören, dann wird uns nicht länger mangeln. Jeden Körperteil empfinden, uns selbst wahrnehmen, achtsam sein mit uns, uns eigens Zeit geben. Wasser ist in einigen Teilen der Erde Luxus – sind auch wir vorsichtig und umsichtig mit dem, was so selbstverständlich aus den Hähnen fließt.

Sogar Psalm 23 führt uns zu frischem Wasser: Gott lässt es uns gutgehen, er sorgt für uns. Auch für die, die dürsten. Denn ihre trockenen Lippen werden durch seine Botschaft benetzt sein. Nein, nicht im physischen Sinne, aber im geistlichen. Darum sind wir angehalten, uns für unseren Nächsten einzusetzen, der nach Anerkennung, nach Zuwendung, nach Unterstützung sucht. Gehen wir hin zu ihm, ohne dafür etwas zu verlangen. Auch Gott tut es umsonst. Lassen wir ihn Anteil haben an seiner Verheißung auf ein ewiges Dasein, wenn, ja wenn wir es annehmen, das Geschenk der Lebendigkeit. Christus hat es uns vorgemacht: Nicht der, der im Überfluss ist, sondern der seine Existenz dahingeben würde für seinen Glauben, für seine Mitmenschen, der wird schlussendlich das Jenseits empfangen.

Entbehrung üben – und danach den Durst löschen. Welch ein wohltuender Gedanke! Wenn Gott uns an der Quelle des lebendigen Wassers trinken lässt, ganz umsonst, dann ist das eine Aufforderung und Verantwortung zugleich. Wir sollen niemandem das Gut der Herrlichkeit vorenthalten. Wir sollen die schmecken lassen, die Orientierung verloren haben. Diejenigen mit der Güte Gottes bedenken, die gierig sind nach den letzten Vorräten. Die nur sich im Sinn haben, wenn sich die Flasche leert. Sie werden es sein, die Jesu Frieden am nötigsten haben. Mögen Bäche und Flüsse sprudeln für die, die selbstlos sind. Das Himmelreich wird ihnen nahe sein – denn sie versorgen die, die noch immer dürsten, auch mit dem letzten Rest. Mit dem Kelch des Heils, mit dem Wasser des Lebens. Gott schenkt uns dieses Hier und Jetzt, völlig umsonst!

Gehen wir im kommenden Jahr bewusster mit uns um. Und mit dem Wasser. Denn wir haben nur diese eine Erde. Und dieses einzige Leben. Es hilft uns nicht, wenn wir raffen, während Andere entbehren müssen. Und doch werden wir die Ungerechtigkeiten in dieser Welt nicht vollständig ausräumen können. Auch nicht, wenn wir manche Geste, manches gute Wort und manch hilfreiche Tat einfach so verrichten, umsonst. Und doch können wir im Kleinen dazu beitragen, dass Lebendigkeit nicht nur uns erreicht. Sprechen wir über das Diesseits des Herrn, über seinen Trost, seine Ermutigung. Saugen wir sie in uns auf, wie ein Glas Wasser an einem heißen Tag. Und geben wir sie weiter. Erfahrbar wird Gott durch das bedingungslose Geben. Setzen wir ein Zeichen. Ein paar Tropfen genügen schon…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

Noch wenige Tage bis zum Heiligabend. Da fragt man sich: Habe ich schon alle Geschenke gekauft? Ist das Weihnachtsmenü in trockenen Tüchern? Der Baum bereits geschmückt? Dabei ermutigt uns die Adventszeit doch zu einer ganz anderen Frage: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“, so schrieb Paul Gerhardt 1653. Ja, wie gehen wir zu auf diesen kleinen Jesus, der da in der Krippe liegt, so hilflos, so zurückhaltend, so wie wir es waren, als wir auf die Welt gekommen sind.

Wir feiern ein Ende des anonymen Gottes. Er ist nicht mehr allein die „höhere Macht“, die wir nicht greifen können. Sondern er wird personalisiert. In Jesus Christus, als einem von uns. Er ist in Windeln gewickelt, liegt zwischen Heu und Stroh, in einer Krippe im Stall. Nichts deutet darauf hin, dass er etwas Göttliches an sich hat. Doch die Engel verkünden es bald – und auch der „Stern über Bethlehem“ macht deutlich: Da geschieht etwas Besonderes. Das ist mehr als eine „normale Geburt“. Gott wird Mensch.

Er wird fassbar, tritt heraus aus dem hellen Antlitz, das uns blendet. Aus der Allmacht, die so riesig erscheint, dass sie uns fast erdrückt. Er kommt hernieder auf die Erde. Er betritt irdischen Boden – und macht uns deutlich: Gott ist Mensch. In jedem von uns steckt Gott. Jesus symbolisiert die Menschwerdung Gottes. Und deshalb müssen wir uns nur umschauen: Überall um uns herum ist Gott. In unserem Nächsten, ob links, ob rechts. Auch wenn wir dann gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum stehen, „wo zwei oder drei“ im Namen Jesu zusammenkommen. Gehen wir also wachen Blickes durch die Welt, dann können wir Gott ständig erkennen.

Und wie beantworten wir nun die Frage nach dem Empfangen und Begegnen? Georg Weissel gibt uns um 1642 eine Antwort darauf, wie wir uns dem „König der Ehre“ nähern können: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Aber was bedeutet das konkret? Unser Herz öffnen, Zugewandtheit und Liebe schenken. Frieden geben, Respekt zollen, Wertschätzung und Anerkennung. Nicht nur diesem Gottessohn gegenüber, sondern im Blick auf alle Menschen. Die kleinen Gesten des Alltages, sie sind es, die wir gerade jetzt im Advent oft vergessen, wenn uns der Weihnachtsstress übermannt.

Achten wir etwas mehr auf das Menschliche. Behandeln wir Andere so, wie wir selbst behandelt werden möchten. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, so steht es in Matthäus 25,40. Du und ich, wir wollen leben. Und wir dürfen leben. Das macht Weihnachten uns klar, denn mit der Geburt Jesu, da feiern wir das Leben. Das Geschenk, das Gott uns gemacht hat. Er wird lebendig – und er macht uns lebendig. Lassen wir uns anfassen von neuer Kraft, tanken wir auf über die Feiertage, in der Besinnung auf das Wesentliche.

Denn das hiesige Leben ist endlich. Im Hier und Jetzt, da sollten wir genießen. Und wir sollten an die denken, die es nicht so gut haben. Die auf die Ankunft Jesu in tiefer Armut warten. Und wir sollten uns ein Beispiel nehmen an denen, die Hoffnung haben, trotz Krankheit, trotz Schicksalsschlag, trotz Krieg und Gewalt. Sie ermutigen uns, dass es weitergeht. Darauf vertrauen wir, weil wir die Aussicht auf Gottes Gnade haben: „Er ist gerecht, ein Helfer wert Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit. All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat. (EG 1, Strophe 2)“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

Da sitze ich – und nehme mir kurz Zeit, um diesen Text zu schreiben. Ich bin dankbar, dass das Telefon gerade nicht klingelt und keine neue Mail in meinem Postfach angekommen ist. Denn über die Wintermonate, da ist die Nachfrage groß – die Nachfrage von Menschen mit seelischen Erkrankungen, die nach Hilfe suchen. Als Selbsthilfegruppenleiter scheine ich eine der niederschwelligsten Zugangswege zu irgendeiner Form von Unterstützung zu sein, die in großer Not zumindest einen Rat geben kann. Wo finde ich den nächsten Therapeuten? Wie lange muss ich auf einen Therapieplatz warten? Woher kommen meine Depressionen? Wie gehe ich mit meinen Angehörigen um, die nicht nachvollziehen können, dass ich krank bin? Und welche Behandlung hat Ihnen geholfen, um wieder fit zu werden?

Diese und andere Fragen reihen sich seit Wochen aneinander. Und natürlich versuche ich, jede einzelne mit großer Sorgfalt zu beantworten. Dabei ist es nicht nur meine Wahrnehmung, sondern auch meine eigene Statistik, die mir sagt: Jedes Jahr wird der Ansturm größer. Besonders viel Bedarf an Hilfe besteht über die dunklen Tage hinweg, in denen die Menschen zum Grübeln neigen – oder sich im Weihnachtsstress das BurnOut ankündigt. Das ist die Hochphase für Ehrenamtliche wie mich, die es sich aus eigener Betroffenheit zur Aufgabe gemacht haben, denjenigen zur Seite zu stehen, denen 50 Minuten Psychotherapie pro Woche nicht genügen, die auf der Suche nach jenen sind, die sich aus der eigenen Erfahrung mit dem Gefühl auskennen, seelisch plötzlich leer und ausgelaugt zu sein.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Auch im 21. Jahrhundert erlebe ich es fast täglich, dass ich selbst schräg von der Seite angesehen werde, dass ich aberwitzige Kommentare über die Ursachen psychischer Erkrankungen zu hören bekomme oder dass man mir und allen Anderen, die mit seelischen Konflikten zu ringen haben, Empfehlungen austeilt, wie es uns denn besser gehen könnte. Die Einen sagen, man müsste mehr Sport treiben, die Anderen denken, es würde helfen, sich gesünder zu ernähren. Die Dritten meinen, psychisch Kranke hätten zu oft gesündigt und die Vierten empfehlen, öfter ans Licht zu gehen. Wenn denn alles so einfach wäre, unsere Gesellschaft würde vor seelischer Gesundheit nur so strotzen.

Die erst kürzlich veröffentlichte Studie über den Wissensstand der Deutschen in Bezug auf Depressionen hat uns den dringenden Auftrag an die Hand gegeben, die Sensibilisierung für das Thema psychischer Leiden noch viel stärker voranzutreiben. Regelmäßig spreche ich vor Schulklassen und referiere ihnen meine persönliche Geschichte. Denn das, so zeigt es sich immer wieder, beeindruckt mehr als Information und Fakten darüber, was es denn bedeutet, seelisch krank zu sein. Die Erfahrbarkeit im Alltag, dass Menschen mit psychischen Handicaps ganz normal sein können, sie hinterlässt bleibende Spuren – nicht nur bei den Jugendlichen. Wir brauchen mehr Menschen, die über das Tabu sprechen, ein bisschen „verrückt“ zu sein.

Denn auch wenn mir immer wieder versichert wird, dass die Bevölkerung heute doch schon viel offener über die „Volkskrankheit Depression“ spreche, so spüre ich, dass sich solch eine Toleranz vor allem gegenüber dem Theoretischen zeigt. Sobald wir auf Menschen treffen, die tatsächlich nicht mehr aus dem Bett kommen, weil sie den ganzen Tag an die Wand starren, ihr Körper zu schwer ist, um aufstehen zu können, sie keinerlei Grund sehen, überhaupt noch in den Tag zu starten und jedwede Perspektive für ihr Leben verloren haben, dann beginnen sich die Vorurteile in unserem Kopf zu drehen: Ist er nicht einfach nur zu faul? Spielt er nicht nur etwas vor, simuliert er, um nicht zur Arbeit gehen zu müssen, sich vor dem Alltag drücken zu können?

Die Berührungsängste sind groß, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was wir uns selbst gar nicht vorstellen können. Natürlich hat jeder von uns schon sein Tief erlebt, Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Doch wie ist das, wenn man vor Angst über Monate hinaus die eigene Wohnung nicht mehr verlässt? Wenn man wie angekettet die Decke über den Kopf zieht und jegliches Gefühl für alles und jeden verloren hat? Wenn man merkwürdige Dinge tut, sich dauernd wäscht, ständig kontrolliert, wenn man Dinge sieht, die für Andere nicht da sind? Wenn Stimmen flüstern und die Wahrnehmung nicht verfliegt, permanent beobachtet oder verfolgt zu werden? Vielleicht machen wir es uns manches Mal zu leicht, wenn wir nicht wissen, wie wir mit Menschen umgehen sollen, die eben „anders“ sind.

Ich kann jeden verstehen, der eben nicht versteht, was es heißt, psychisch krank zu sein. Das voreilige Mitgefühl, man könne sich schon gut in meine Lage versetzen, es wirkt nicht nur unpassend, sondern es relativiert ein Leiden, in das sich nur Wenige tatsächlich hineinversetzen können. Denn nicht jede Psychose ist gleich, nicht jede Angst der anderen ähnlich. Deshalb ermutige ich nicht, den Versuch zu unternehmen, jemandem mit einer seelischen Erkrankung nachempfinden zu können. Es genügt allein der Respekt vor der Tatsache, dass jemand lädiert ist, der von Wahnvorstellungen, Depressionen oder Phobien geplagt ist – und dass er sich das nicht alles nur einbildet, sondern solch eine Krankheit genauso ernst zu nehmen ist wie ein Herzinfarkt oder ein Knochenbruch.

In einem Jahrzehnt, in dem der Leistungsdruck mehr wird, das Ideal des immer Weiter, Schneller, Höher zum Maßstab aller Dinge geworden ist, da müssen wir uns nicht wundern, dass manch eine Seele zu streiken beginnt. Ich bin überzeugt, dass gesellschaftliche Zwänge und ein transhumanistisches Credo, wir könnten über uns selbst hinauswachsen, erheblich dazu beitragen, dass sich bei unseren Psychiatern Einer nach dem Nächsten die Klinke in die Hand gibt. Dass Einiges der psychischen Krankheiten in unserer Bevölkerung hausgemacht ist, das sollte uns zu denken geben. Nicht nur, wie wir uns gegenüber denen verhalten, die seelisch kapituliert haben. Sondern auch, ob wir uns nicht an der eigenen Nase packen sollten, wenn wir besserwisserisch über die urteilen, deren Psyche streikt.

Denn die meisten Betroffenen, die den Kontakt zu mir suchen, sie geben zu, dass sie nie damit gerechnet hätten, selbst einmal psychisch krank zu werden. Es kann jeden treffen, das sollte uns bewusst sein. Und gleichzeitig sollten wir wissen, dass wir mit einem gesellschaftlichen Umdenken dazu beitragen könnten, Entschleunigung, Achtsamkeit und Besonnenheit in Arbeitsleben, Medienkonsum und Freizeit zu bringen. Das ist kein Allheilmittel gegen Depressionen oder Ängste, aber ein erster Schritt. Die Ehrlichkeit, nicht über den seelischen Zustand des Gegenübers befinden zu können, ihm aber Wertschätzung dadurch entgegenzubringen, dass ich seine Nöte anerkenne. Eigentlich sollten diese Wünsche selbstverständlich sein, sie sind es aber eben nicht. Psychische Erkrankungen führen weiterhin ein Schattendasein. Und die Stigmatisierung ist ein Alltagsgeschäft. Wie schön wäre es, wenn es künftig weniger florieren würde…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Kann und soll eine Psychotherapie über Videochats oder per Telefon ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ersetzen? In Zeiten, in denen diese Frage durch immer neue Angebote auf dem Markt stetig aktueller wird, tun sich auch Patientenvertreter schwer mit einer endgültigen Einschätzung. Und nicht nur die: Auch in den Selbsthilfegruppen des Landes sind die neuen Formate der Psychotherapie Gesprächsthema, wie Gruppenleiter Dennis Riehle bestätigt. Er ist für die Selbsthilfe zu Zwängen, Ängsten und Depressionen im Landkreis Konstanz zuständig und berichtet von reger Diskussion über die Möglichkeit, die Psychotherapie künftig über verschlüsselte Dienste per Kamera und Bildschirm wahrzunehmen.

„Es zieht sich ein Riss durch die Betroffenen in unseren Gruppen. Gerade Patienten, die schon seit Monaten auf einen Therapieplatz warten, sind eher offen für eine digitale Psychotherapie. Andere wiederum lehnen solche Methoden grundwegs ab, fürchten sie sich doch vor fehlenden Interventionsmöglichkeiten, der unzureichenden Empathie oder einem ausbleibenden Vertrauensverhältnis, denn Viele nehmen die Kommunikation über Online-Medien noch immer als ungeschützten Rahmen wahr“, so Riehle. „Ich selbst sehe das Argument, dass digitale Psychotherapie gerade auf dem Land ein guter Ersatz sein könne, als schwierig an. Denn eigentlich müssten wir erwarten können, dass flächendeckend ambulante Psychotherapie in einer zumutbaren Erreichbarkeit gewährleistet ist. Wenn wir nun vermehrt auf Online-Psychotherapie setzen, dann nehmen wir auch die Politik aus der Verantwortung, einen Versorgungsauftrag sicherzustellen“.

Als Ersatz kann sich Riehle eine Psychotherapie über Videochat nicht ausmalen: „Auch per Telefon fehlt mir das Gefühl, meine Seele unmittelbar ausschütten zu können, sich in die Augen sehend die Reaktionen des Therapeuten wahrzunehmen. Es ist gleichsam die Empfindung nach Sicherheit, die mir online zu kurz käme. Dabei geht es nicht nur um den Datenschutz, der über die lange Leitung anfällig wird für äußere Eingriffe. Bei einem Therapeuten ankommen zu können, das gelingt nur bedingt, wenn man ihn allein auf der Leinwand verzögert mitverfolgen kann“. Zudem sieht der Gruppenleiter die Hürden für die Inanspruchnahme einer Online-Psychotherapie noch als viel zu hoch: „Auch wenn Studien die Wirksamkeit bestätigen, derzeit ist der Gedanke, wonach digitale Hilfestellung eine Variante darstellen kann, selbst im Gesundheitswesen nicht angekommen. Überdies scheint man sich generell schwer damit zu tun, auch diagnostisch über die Online-Medien tätig werden zu wollen. Ich denke, es braucht einerseits noch viel Zeit, andererseits zunächst den Anspruch, die digitale Psychotherapie als Ergänzung, nicht aber als Ersatz anzusehen“, so Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu „Sizilianischer Priester segnet Handys“, „Süddeutsche“ vom 11.12.2017

Jeden Tag erreichen uns neue skurrile Meldungen aus der Welt der Moderne und des Mainstreams. Wie die, dass ein italienischer Pfarrer jetzt auch Handys segnen will. Dabei gibt uns die Bibel klare Anweisungen zum Handauflegen: Der Segen ist in erster Linie personalisiert, auf den Menschen gerichtet. 1. Mose 12,2 ist ein Beispiel hierfür.

Aber schon unsere reine Vernunft macht klar: Am „Smartphone“ gibt es nichts zu segnen. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen süchtig nach ihrem Mobiltelefon werden, sind die Endgeräte eher ein großer Fluch für alle, denen ein Leben abseits der virtuellen Welt noch etwas bedeutet. Mit dem Segen setzen wir ein Zeichen, wir heißen etwas gut.

Das scheint nicht zu der Kritikfähigkeit zu passen, der sich ein Smartphone ausgesetzt sehen muss. Gott bejaht nichts, was uns abbringt von der Zentrierung auf sein Wirken und Tun. Selbst manch einem Pfarrer würde heute neben dem Zölibat auch die Enthaltsamkeit vom eigenen Handy guttun. Denn nichts führt so sehr in Versuchung wie der ständig wachsende Drang hin zum Kommunizieren, Surfen, Recherchieren.

Der Konsum des Digitalen, er läuft dem Gebot der Ruhe und Besinnung zuwider, das wir verlernt haben ernst zu nehmen. Selbst wenn mein Smartphone heute Apps zum Beten und Bibellesen anbietet, nichts kann das bewusste Einlassen auf das Studium der Heiligen Schrift, auf den direkten Kontakt zum Schöpfer, ersetzen. Deshalb dürfen wir nicht unterstützen, was zur Sünde verleitet. Ein Segen für Handys ist absurd!

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Bochumer Theologe widerspricht Papst“, „Merkur“ vom 11.12.2017

Die Versuchung, wir begegnen ihr bereits im Garten Eden. Wir bitten im Vaterunser, dass Gott uns vor der Sünde bewahrt. Dass er uns nicht irdischen Prüfungen aussetzt, die uns vom rechten Weg abkommen lassen. Wir beten genau das, weil wir mit unserer Vernunft nicht begreifen können, welch heilsamen Zweck Gott mit seinem Reiz verfolgt.

Gerade, weil er uns in Freiheit leben lässt, will er sich unserer Loyalität sicher sein. Das ist kein Misstrauen Gottes den Menschen gegenüber, sondern viel eher eine Stärkung unseres eigenen Glaubens, unserer Persönlichkeit. Denn wir selbst wissen um das Verführerische im Leben, das nicht immer im Einklang steht mit den Gesetzen und Lehren des Christentums.

Da kann es uns nur zugutekommen, wenn Gott uns immer wieder testet, uns herausfordert und unseren Widerstand gegen das Verlockende kräftigt. Wer in Versuchung führt, der muss keinen arglistigen Hintergedanken besitzen, im Gegenteil. Wer uns „lehrt zu halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,20), der macht aus uns mündige und selbstbewusste Gläubige. Dass wir dafür beten, Gott möge es mit der Versuchung nicht übertreiben, das ist menschlich.

Und doch wissen wir, dass wir ihm vertrauen können, dem liebenden Vater, der prüft und segnet zugleich. Er wird es richten, selbst wenn wir in die Falle tappen. Denn wie er seinem Sohn vergeben hat, so wird er auch uns die Sünde verzeihen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Nicht selten hat die Politik das Problem, wonach sie dem Willen des Volkes hinterherhinkt. Bei der Frage nach der Weiterentwicklung Europas hat man allerdings den Eindruck, Martin Schulz oder Michael Theurer überholten die Wähler in ihren Forderungen nach einem dezentralen und föderalen Bundesstaat bei weitem. Europa droht das Auseinanderbrechen – und Sozialdemokraten oder FDP haben keine anderen Gedanken, als aus der EU ein gemeinsames Verfassungskonstrukt zu bilden.

Ein „Vollparlament“ soll künftig über die Belange Europas bestimmen – wie die nationalen Interessen dabei gewahrt bleiben sollen, ist fraglich. In Zeiten, in denen tiefe Abgründe zwischen West- und Osteuropa einerseits, zwischen den wirtschaftlich starken und den ökonomisch schwächelnden Staaten andererseits offenbar werden, heißt das Credo, jedes einzelne Land sollte sich zunächst konsolidieren. Die unterschiedlichen Wertevorstellungen, die unter anderem in der Flüchtlingskrise zutage traten, können nicht einfach weggewischt werden.

Die Politik kann keine Einheit dort erzwingen, wo die Menschen noch nicht bereit sind für den nächsten Schritt der Annäherung. Nahezu utopisch wirken die Ideale, die sich an den Vorschlägen des französischen Präsidenten orientieren – und die schlussendlich doch nur auf Eigennutz gemünzt sind. Sie als Maßstab und Ziel für die Europäische Union anzusehen, ist mutig – und heikel zugleich. Denn schweißt sich ein Staatenbund zu schnell zusammen, so ist die Gefahr des Scheiterns nicht weit.

Ungeduld hilft politischen Prozessen wenig, gesellschaftlichen Entwicklungen schadet übereiltes Tempo umso mehr. Wieder einmal heißt es, die Ohren und Augen offenzuhalten für das, was der Bürger sagt – ich glaube nicht, dass Theurer und Schulz eine Mehrheit bekämen…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Gerade unter dem Aspekt der derzeitigen Debatte über eine Abschaffung oder Liberalisierung des § 219a StGB sind die neuesten Daten über stattgehabte Abtreibungen in Deutschland ein Warnsignal. Im bisherigen Jahresverlauf 2017 ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche demnach gestiegen. „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass sich wieder mehr Frauen dazu entscheiden, ihr Kind abzutreiben. Es ist keine Normalität, es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau vorgeschoben wird, um werdendes Leben zu töten. Wir wissen um die Nöte, die angehende Mütter im Ringen um ihre Schwangerschaft austragen. Doch unser Bemühen darf nicht nachlassen, mit allen Möglichkeiten der Unterstützung, Förderung und Hilfe beiseite zu stehen, damit das bewusste Einstehen für das Kind am Ende siegt“, sagt Dennis Riehle, Sprecher der Bekenntnistreuen Christen – Konstanz.

„Die neueste Statistik fällt in eine Zeit, in der Parteien darüber diskutieren, die Werbung für den Schwangerschaftsabbruch zu erleichtern – und damit lediglich denen einen Gefallen zu tun, die wirtschaftlich von Abtreibungen profitieren. Wir dürfen die Beendigung einer Schwangerschaft nicht als gewöhnliche Dienstleistung ansehen, sondern müssen so oft wie möglich verhindern, dass es zu diesem Schritt kommt. Dazu sollten auch Ärzte verpflichtet werden, statt ihnen das Recht einzuräumen, auch noch im Sinne der Abtreibung einseitig informieren zu dürfen. Eine Änderung des § 219a StGB wäre eine verheerende Botschaft gegenüber all jenen Müttern, die aus größter Verunsicherung mit dem Gedanken an einen Schwangerschaftsabbruch spielen. Denn sie würde die zwar straffreie, aber moralisch noch immer höchst anstößige Abtreibung gesellschaftsfähiger machen“, so Riehle.

Der Sprecher der Bekenntnistreuen Christen – Konstanz spricht sich anstelle einer Entschärfung des entsprechenden Paragrafen für mehr Investitionen in unabhängige Beratung durch Fachstellen aus, die ergebnisoffen zur Seite stehen. Auch müssten die finanziellen wie personellen Angebote für Frauen, die sich trotz Angst vor der kommenden Mutterschaft für ein Kind aussprechen, deutlich ausgebaut werden. Das gelte insbesondere für Alleinerziehende, aber auch Familien in wirtschaftlich prekären Situationen. „Abtreibungen sind gerade in einer Wohlstandsgesellschaft ein verwerflicher Zustand, denn es gibt nur in den seltensten Ausnahmefällen Gründe, einen Schwangerschaftsabbruch zu rechtfertigen. Frauen werden in der Regel nicht gegen ihren Willen schwanger, sie wissen um die Konsequenz, die Geschlechtsverkehr haben kann. Deshalb kann es auch keine Ausrede geben, ein Kind ‚passe‘ derzeit nicht in die Lebensplanung. Solch eine Denkweise ist geprägt von großem Egoismus und wenig Verantwortungsbewusstsein“, schlussfolgert Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

„Glyphosat verbieten!“ – so, oder so ähnlich riefen die Demonstranten vor und nach der Entscheidung um das umstrittene Pflanzenschutzmittel. Und „Minister Schmidt muss zurücktreten!“. Zwei Forderungen, denen nach dem Eklat um das deutsche „Ja“ zur Verlängerung der Zulassung von Glyphosat durch die Europäische Union mit Petitionen Ausdruck verliehen wurde. Doch nicht nur das. Zu beiden Fragestellungen sollte es Volksentscheide, Bürgerbegehren geben. Lobbyorganisationen wollten das Thema, das die Nation in zwei Lager zu spalten schien – in Gegner und Befürworter, aber auch in die, die gut informiert waren und jene, die mit der Sache überhaupt nichts zu tun haben wollten – vom Souverän abstimmen lassen.

Nein, ich will an dieser Stelle nicht inhaltlich auf die Debatte zu Glyphosat eingehen. Dazu fehlt mir das nötige Hintergrundwissen – und außerdem geht es mir um etwas Anderes: die direkte Demokratie. Als Paradebeispiel sollte der Streit um das Pestizid gelten, als gerade im Angesicht neuer Sondierungsgespräche für eine künftige Bundesregierung das Plebiszit zu einem Dauerbrenner erhoben wurde. Dabei ist es gerade nicht geeignet, um sich für mehr Mitsprache des Volkes einzusetzen. Denn die Reaktionen auf den Glyphosat-Konflikt machen deutlich: Volksbegehren sind anfällig für Populismus. Da bestimmen Beliebigkeit und Tagesform, wohin der Wähler sein Kreuz setzen würde. Gerade bei Sachthemen, die in einer direkten Fragestellung dem Bürger zum Entscheid vorgelegt würden, fehlt es an der notwendigen Abfederung polemischer Argumente.

In der repräsentativen Demokratie bestimmen wir Vertreter, die in oftmals langwierig und träge erscheinenden Abwägungsprozessen zu einer Meinung kommen, die nicht immer dem entspricht, was sich der Souverän wünschen würde. Und doch sind die Ergebnisse ausgewogener als in einem System wie in der Schweiz, das exemplarisch belegt, zu welchen Auswüchsen direkte Demokratie fähig ist: Als eine Initiative sich vornahm, die Stimme für die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Alpenrepublik zu erheben, da wäre es fast so weit gekommen. Es fehlte nicht viel – und die Schweizer hätten votiert. Gerade bei solch heiklen Themen, die polarisieren, ist die Gefahr groß, dass der Bürger ohne Weitsicht agiert. Da wird Stammtischparolen Vorschub geleistet, die zuvor kaum überdacht, sondern aus dem Bauch heraus entschieden werden. Denn wer macht sich die Mühe, sich bei der Vielzahl der politischen Entscheidungen, die man schlussendlich an die Urne bringen könnte, tief in das jeweilige Thema einzuarbeiten?

Die zurückgehende Wahlbeteiligung wird häufig auf „Wahlmüdigkeit“ geschoben. Angeblich, weil „die da oben“ sowieso immer anders handeln, als sie es im Wahlkampf versprochen hatten. Vielleicht ist der Deutsche aber einfach auch genügsam und weiß das, was es zu entscheiden gilt, bei den Abgeordneten in guten Händen. Im Zweifel sprechen „die Anderen“ eben für mich mit. Man verlässt sich darauf, dass die Mehrheit ihr Wahlrecht schon ausüben wird – und bleibt stattdessen am Sonntagmorgen lieber im Bett. „Die machen doch sowieso, was sie wollen“, vielleicht hört man diesen Satz in der Eidgenossenschaft seltener. Doch bei unseren Nachbarn ist die Verdrossenheit über die immer wiederkehrenden Wahlgänge mindestens genauso groß wie die Unlust bei uns, alle vier Jahre einen Stimmzettel auszufüllen. Dafür können wir sicher sein, dass bei uns Gesetze verabschiedet werden, die zuvor intensiv von Experten geprüft, um die gerungen wurde, die hunderte Mal verändert worden sind, bis sie schlussendlich dem Berufspolitiker zum Votum vorgelegt werden.

Wir alle sind nicht in der Lage, uns als Laien in jedem fachspezifischen Thema derart auszukennen, als dass wir ernsthaft darüber abstimmen könnten. Wer hätte beim Thema „Glyphosat“ schon all die Studien gelesen, die immer wieder diskutiert wurden, von denen aber niemand so genau weiß, was in ihnen eigentlich geschrieben steht. Und warum sollte Minister Schmidt zurücktreten, nur, weil es das pöbelnde Volk vielleicht so entschieden hätte? Was wäre das für ein Chaos, wenn wir auch noch über Personalien befinden würden. Jede Woche würde sich das Kabinett umbilden, denn zufrieden sind wir alle nie. Wir dürfen nicht den Fehler machen, auf das verlockende Angebot, dem Volk mehr Rechte zu geben, hereinzufallen. Denn die Forderung wird meist von den Rändern des politischen Spektrums aufgetan, weil man dort darauf hofft, dass Volksentscheide im Zweifel ganz zum persönlichen Zwecke ausgehen. Dass sich der unzufriedene Wutbürger endlich Gehör verschaffen kann und letztlich nicht mehr über ein Sachanliegen votiert, sondern in eine beliebige Fragestellung all seine aufgestauten Emotionen hineinsteckt, darauf setzen die, denen die direkte Demokratie allein für den Eigennutz opportun erscheint.

Nein, ich würde es mir nicht zutrauen, über „Glyphosat“ eine Position abzugeben. Sie wäre nicht gefestigt auf Grundlage der Fakten, weil ich die nämlich gar nicht kenne. Und ich könnte sie mir – selbst, wenn ich es wollte – nicht über drei, vier Wochen vor einer Volksabstimmung aneignen. Unser Alltag ist nicht darauf ausgerichtet, dass wir in die Rolle derer schlüpfen, die Politik täglich professionell betreiben. Natürlich wünschen wir uns alle, dass unser Land möglichst so gelenkt wird, wie wir uns das vorstellen. Doch manchmal ist es richtig und gut, dass es anders läuft. Dann, wenn beispielsweise internationale Verträge, ethische Bedenken oder die Rechtsprechung im Wege stehen, dann darf sich nicht der Volkswille durchsetzen, der uns im Zweifel um Jahrzehnte zurückwirft. So wäre es bei einem positiven Votum für die Todesstrafe in der Schweiz gewesen. Menschenrechtlich wäre man auf eine Ebene mit den USA gestellt worden – und das nur, weil möglicherweise eine Mehrheit einer kleinen Minderheit, die überhaupt ihre Stimme erhoben hat, so befand.

Ich kann mir heute eine direkte Demokratie nicht mehr vorstellen. Lange Zeit war ich glühender Anhänger, doch die Erfahrungen lehren, dass der unmittelbare Weg nicht immer der passende ist. Manchmal braucht es Umwege, Dämpfer und Rückschläge, wenn es um das Voranbringen von Gesetzen und Entscheidungen geht. Die repräsentative Demokratie nimmt die Emotion aus dem Votum, das der Bürger schlussendlich für all seinen Unmut missbrauchen könnte. Und ich schließe mich dabei nicht aus: Wir alle sind anfällig dafür, im Zweifel eher das Gefühl sprechen zu lassen. Dort, wo Politik Zeit braucht, da können vernünftige Ergebnisse erwachsen. Voreilige Entschlüsse, die sonntags in der Wahlkabine getroffen werden, sie sind kaum vorbereitet, wenig überdacht und oftmals nicht verhältnismäßig. Man mag mir vorwerfen, dass ich ein negatives Bild vom Stimmbürger hätte. Ja, ich traue es dem Volk nicht zu, besonnen zu entscheiden. Auch unsere Politiker tun das manchmal nicht. Und doch ist mein Vertrauen in ein System mit Netz und doppeltem Boden größer als in das, in dem wir uns als Wähler wie auf einer Spielwiese austoben können.

Viel eher müssen wir in unseren Tagen auf eine mitberatende Bürgerbeteiligung setzen, vor allem in den Kommunen. Das Interesse und die Bereitschaft, sich mit einem politischen Thema auseinanderzusetzen, ist besonders groß, wenn es um eine Fragestellung aus dem unmittelbaren Umfeld geht. Da müssen die Zuständigen gezwungen werden, die Argumente des Bürgers anzuhören. Da muss Transparenz herrschen gegenüber dem Souverän. Da braucht es Möglichkeiten, seine Gedanken, Konzepte und Überlegungen einbringen zu können. Nein, wir finden nicht als Einzelne die Lösung. Das übernehmen die, denen wir zutrauen, mit Verstand und Überlegtheit erst dann zu entscheiden, wenn die Positionen gewälzt und die Vor- und Nachteile abgewogen wurden. Eine repräsentative Demokratie mit Elementen der direkten Mitsprache, dieses Konstrukt gilt mir gerade nach dem lauten Kreischen rund um Glyphosat als die beste Option. Wir nehmen dem Bürger Verantwortung, geben ihm aber die Chance, partizipieren zu können. Solch ein Modell hat sich bewährt – und wir sollten es nicht um der Forderung von Rechtsaußen willen einfach so über Bord werfen…

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Theater als sonntägliche Alternative zur Kirche“, SÜDKURIER Konstanz vom 02.12.2017

Ganz ohne Glauben wird keiner von uns können. Denn immerhin ist auch der Nihilist überzeugt von etwas – vom Nichts. Ob nun gläubiger Christ, Buddhist, Jude oder Muslim, ob Humanist, Atheist oder Freidenker: Wir alle wissen mehr oder weniger um eine Sinnhaftigkeit für unser Leben, die sich allerdings bei jedem aus einer anderen Ursache speist.

Natürlich braucht es am Sonntag keinen Gottesdienst – und selbstverständlich ist es legitim, stattdessen ins Theater zu gehen. Entscheidend bleibt doch, was wir ganz individuell für uns als hilfreich, tragend, ermutigend ansehen. Das kann der Glaube an eine höhere Macht sein, an den Schutz und die Barmherzigkeit eines Gottes, dem man mit festen Ritualen, Schriften und Lehren zugewandt die Hoffnung auf Halt entgegenbringt – und daraus die Kraft schöpft, auch den ein oder anderen Tiefschlag zu überstehen.

Doch was wäre unsere hochgehaltene Religionsfreiheit, wenn sie nicht auch das Zwischenmenschliche, die Ethik und die Werte des Miteinanders, zu würdigen und als Grundlage des Seins zu würdigen wüsste? Auch sie kann den Zweck erfüllen, den wir alle suchen – bewusst oder unbewusst.

Und schlussendlich ist gleichsam die Haltung, unser Dasein sei als Nebenprodukt der Evolution nur dazu da, um geboren zu werden, zu leben und zu sterben, ein Modell des Glaubens, der zwar ohne Hintergedanken, ohne Grund zu bleiben scheint, der aber verdeutlicht: 70, 80, 90 Jahre irdische Existenz sollten wir nutzen, in der Eigenverantwortlichkeit vor uns selbst, nicht gezwungen, sie vor dem Transzendenten zu rechtfertigen, sondern sie wertzuschätzen als Möglichkeit, etwas verändern zu können.

Dieses Ziel kann uns so schnell niemand streitig machen – der Christ hat den Auftrag dazu, der Humanist macht es aus festem Willen und der Zweifelnde will sich die Chance nicht entgehen lassen…

[Dennis Riehle]

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