Kommentar

Ich kann mich noch gut erinnern: Ganz bewusst engagierte ich mich im Alter von 16 Jahren zum ersten Mal ehrenamtlich. Damals mit großer Euphorie, stelle ich 17 Jahre später fest, dass das Ehrenamt auch weiterhin eine sinnstiftende Tätigkeit ist, die aber mancherorts zu einem wahren Lückenfüller zu verkommen zu sein scheint, der insbesondere das fehlende staatliche Handeln ersetzt.

Beim Thema des Freiwilligendienstes scheiden sich ohnehin die Geister. Während auf der einen Seite immer wieder neu betont wird, dass unser Gemeinwesen nicht ohne das Bürgerschaftliche Engagement funktionieren würde, verteufeln die Anderen die Ausbeutung der Ehrenamtlichen für ein bisschen „Ehre“, von der man sich aber nur selten etwas kaufen kann. Doch warum engagiert man sich ehrenamtlich, wenn der Ertrag so gering scheint?

Natürlich ist es die Anerkennung, die antreibt. Aber nicht nur sie. Viele geben mit dem, was sie leisten, etwas zurück. Denn nicht selten war es ein Ehrenamtlicher, der uns selbst schon einmal geholfen hat. Ein Dank an die Zivilgesellschaft, er ist zweifelsfrei ein hehrer Beweggrund, um sich in Form eines Freiwilligendienstes erkenntlich zu zeigen. Ablenkung, Spaß oder das Gemeinschaftsgefühl mögen andere Antriebe sein, um sich unentgeltlich einzubringen.

Doch das Ehrenamt hat sich gewandelt. Waren die Aufgaben, die freiwillige Helfer lange Zeit übernommen haben, ausschließlich auf Bereiche ausgerichtet, die hauptamtliche Kräfte von ihrer Art und Weise nicht übernehmen konnten, wurde das Ehrenamt zunehmend zu einem Arbeitsbereich, den besonders der Staat nicht mehr übernehmen wollte. Denn der Verlass auf die Ehrenamtlichen, er scheint groß.

Millionen Deutsche bringen sich Tag für Tag ein, weil sie etwas Gutes tun möchten. Und dieses ambitionierte Ziel ist an sich auch niemandem zu verdenken. Doch was geschieht, wenn sich eine Gesellschaft zunehmend auf die freiwilligen Helfer stützt, statt Hauptamtlichkeit dort einzufordern, wo Staat, Wirtschaft und Vereine ihrer Verantwortung nachkommen und den Dienst am Menschen fair entlohnen sollten?

Um kein falsches Bild aufkommen zu lassen: Ich bringe mich auch heute noch gerne für meinen Nächsten ein. Doch ich weiß auch, dass der soziale Zusammenhalt, die kulturelle Vielfalt und die sportliche Lebendigkeit ohne das Ehrenamt nicht im Entferntesten derart ausgeprägt wäre, wie wir es heute erfahren dürfen. Man könnte daraus die Floskel vieler Politiker ableiten, die dem Ehrenamt immer wieder neu attestiert, es würde die Gesellschaft „zusammenhalten“.

Man könnte aber auch schlichtweg feststellen: Über die Jahre hinweg hat sich der Staat immer weiter aus seinen Pflichten entbunden, sodass ein wesentlicher Anteil gesellschaftlicher Vielfalt heute nur noch durch das Ehrenamt am Leben gehalten wird. Der Freiwilligendienst als Erste-Hilfe-Maßnahme für krankende staatliche Strukturen? Tatsächlich greift man ohne große Umschweife auf das Ehrenamt zurück, wenn das soziale Dasein irgendwo gefährdet scheint.

Und das Bewusstsein der Deutschen, es ist derart auf Hilfsbereitschaft ausgelegt, dass sich im Zweifel rasch jemand finden lässt, der „für umme“ dort einspringt, wo Not an Mann ist. Doch ist der Wille zum Ehrenamt heute tatsächlich noch derselbe wie vor zehn Jahren? Ich selbst nehme eine zunehmend kritische Stimmung wahr, die auch mir schon die Frage eingebracht hat, weshalb ich mich in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität noch für Gottes Lohn aufopfere.

Ehrenamtlicher zu sein, das ist im Jahre 2018 keinesfalls so einfach wie noch damals, als ich mit meinem Engagement begann. Vereine und Verbände tun sich sichtlich schwer damit, heute noch Freiwillige zu finden, die sich in den Dienst der guten Sache stellen. Auch wenn der Zweck noch so würdevoll erscheint, er heiligt offenbar nicht mehr das Mittel, bedenkenlos nach dem nächst besten Freiwilligen zu greifen, von denen gerade der sozialen Branche immer weniger Menschen zur Verfügung stehen dürften.

Da kämpfen Vereine mit abstrusen Ideen darum, neue „Ehrenamtliche“ zu gewinnen, die durch Aufwandsentschädigungen mittlerweile nicht selten höher entlohnt werden als ihre hauptamtlichen Kollegen. Ein Wettbewerb um die Freiwilligen hat begonnen, in Zeiten des Fachkräftemangels kann und muss man offenbar umdenken. Verlierer scheinen dabei diejenigen zu sein, die ihre Arbeit tatsächlich noch um der Ehre willen tun.

Sie werden zerrieben im Kampf um die schönsten Stellen, die auf dem Markt der Freiwilligkeit dargeboten werden. Ehrenamtliche, die ihren Namen noch verdienen, gelten zunehmend als die Belächelten. Und immer mehr von ihnen schultern eine wachsende Last an Verantwortlichkeit auf ihren Schultern. Gerade dort, wo soziale Hilfsbereitschaft vonnöten ist, fühlen sich nicht wenige Engagierte immer öfter allein gelassen mit der Fülle an Aufgaben, die ihnen ganz selbstverständlich übertragen werden.

Ich kenne es aus eigener Erfahrung: Während der Hauptamtliche ins Wochenende startet, beginnt die „Bereitschaft“ der Ehrenamtlichen. „Dafür haben wir doch unsere Freiwilligen“, heißt es dann lapidar. Freiwilligkeit wird degradiert zu einem Hilfsjob, in den sich viele Ehrenamtliche aus Gründen ihres Helfer-Syndroms drängen lassen, ohne für ihre eigenen Rechte, für die Würde ihres Schaffens aufzubegehren.

Es ist gleichsam die breite Gesellschaft, die das Ehrenamt heutzutage als allzu selbstredend verkennt. Sie nutzt freiwillige Strukturen dort aus, wo es dem eigenen Zwecke dienlich sein kann. Kaum noch eine Anerkennung für den, der beim Vereinsfest hinter dem Tresen steht. Kaum noch Respekt für den Trainer der Fußballmannschaft, der jedes Wochenende am Platz mitfiebert. Kaum noch Wertschätzung für den Zuhörer, der dem Ratsuchenden nach Feierabend noch sein Ohr leiht.

Eine Mentalität der Selbstbedienung, auch sie gefährdet das Ehrenamt in seinen Grundfesten. Denn während wir Ehrenamt erwarten, scheint die Bereitschaft, völlig umsonst für eine Aufgabe einzustehen, langsam aber sicher abzunehmen. Dass der Staat nicht bereit ist, dort in die Bresche zu springen, wo sich die Freiwilligkeit aus der Fläche zurückzieht, davon wird man bei der Naivität manch eines Politikers ausgehen können, der noch immer daran glaubt, den Sozialstaat auf den Füßen der Freiwilligkeit aufbauen zu können.

Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wenn eine Generation an Ehrenamtlichen „ausbrennt“ – nicht umsonst stehen „BurnOut“-Seminare in Vereinen hoch im Kurs. Der Lobbyismus für den Freiwilligendienst, er scheint nur vordergründig wirklich zu funktionieren. Viel zu sehr setzt die Politik auf ein „Weiter so“ bei der Bereitschaft der Deutschen, bei Bedarf auch fortan für nichts und wieder nichts ehrenamtlich einzustehen.

Dass das Image der Ehrenamtlichkeit wankt, ein Wettkampf um die höheren Aufwandsentschädigungen die Freiwilligkeit zu zerstören droht, ein Denken der Selbstverständlichkeit den Mut der Ehrenamtlichen schmälert und ein Rückzug des Sozialstaates immer mehr Ballast auf den potenziell weniger werdenden Freiwilligen ablädt – all das sollte in einer ehrlichen Diskussion um die Zukunft des Ehrenamtes nicht außer Acht gelassen werden.

[Dennis Riehle]

Kommentar
zur Werbeaktion der „Identitären Bewegung“ in der Konstanzer Altstadt

Wäre ein Verbot der Verteilaktion durch die „Identitäre Bewegung“ der richtige Weg gewesen? Ja, zweifelsohne hätte die Stadtverwaltung ein Zeichen setzen können. Doch durfte und sollte sie das überhaupt? Man könnte den Standpunkt einnehmen, dass das, was die „IB“ mit ihrem völkischen Gesinnungsgut verbreitet, nichts mit Meinung zu tun hat – und daher auch nicht unter die Meinungs-Freiheit fällt. Doch machen wir es uns damit nicht allzu leicht? Verschließen wir mit einer Untersagung solcher Aktionen wie der auf der Marktstätte nicht einfach die Augen vor einer offenkundig bedeutsamen Herausforderung, nämlich der Tatsache, dass in unserer Bevölkerung „ethnokulturelle“ Gedanken herumgeistern, die dazu in der Lage sind, rassistische Ressentiments auf das Übelste zu bedienen, und wohl auch unter jungen Bürgern Anklang finden?

Ich bin der Überzeugung: Mit einer Ablehnung dieser Aktion hätten wir das Problem lediglich aus unserem Sinn verloren. Im Untergrund würde es weiter wabern. Als Demokraten sind wir stattdessen dazu aufgerufen, uns auch mit diesen Parolen einer Bewegung zu konfrontieren, die wir auf das Schärfste ablehnen. Denn nur so können wir Ambitionen wie denen der „IB“ die Stirn bieten. Wir sollten offen dafür sein, zu erfahren, was gerade diese jungen Menschen bewegt, die sich einer solchen Bewegung anschließen. Das Gespräch suchen, auch wenn unsere Argumente vielleicht nicht ankommen mögen. Und im Zweifel landet das Flugblatt der „Identitären“ am Ende demonstrativ im Papierkorb.

Ich möchte mir später einmal nicht vorwerfen lassen, dass ich von all dieser Gesinnung nichts gewusst habe. Demokratie in all ihren Extremen zu akzeptieren, das bedeutet auch, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die fernab eines hinnehmbaren Spektrums liegen. Protest und Widerstand einzulegen, wo wir am liebsten weggucken würden. Nein, die Stadtverwaltung hat es sich in ihren Abwägungen deutlich zu einfach gemacht. Doch ich bin trotzdem froh, dass die Aktion stattfinden konnte. Nicht deshalb, weil ich es gerne sehe, wenn sich nationales Gedankengut verbreitet, sondern weil ich fest daran glaube, dass wir es nur dann eindämmen können, wenn wir um seine Existenz wissen.

[Dennis Riehle]