Kommentar
„Wir brauchen keine psychisch kranken Seelsorger!“

Seit Kindertagen an hatte ich mich danach gesehnt: Ich wollte Pfarrer werden – und war dazu bereit, ein langes Studium in Kauf zu nehmen, um meinem Traumberuf endlich näherzukommen. Zweifelsohne: Ich war ein angepasster Christ, der der kirchlichen Lehre wenig entgegenzusetzen hatte. Viel eher befolgte ich die Verkündigung von oben, war überzeugt davon, dass Christus gelebt hatte, gestorben und auferstanden war. Und der Glaube daran, dass der liebe Gott mich dazu berufen hatte, in seinen Dienst einzutreten, er beflügelte mich, spätestens nach der Konfirmation in der örtlichen Gemeinde engagiert auszuhelfen.

Lange Zeit war dieser freiwillige Dienst willkommen, denn auch in der Kirche suchte man händeringend nach Ehrenamtlichen, die Andachten gestalteten, die Kirche putzten oder den Kindergottesdienst betreuten. Alles lief glatt – bis zu dem Augenblick, der nicht nur mein Leben veränderte, sondern der mir in Sachen Toleranz der Kirche völlig neue Einsichten lehrte: Plötzlich war ich mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert, die meinen Alltag fortan für viele Jahre prägen sollte – und die dazu geeignet war, mich in meiner religiösen Standhaftigkeit zu erschüttern.

Es war der Moment, als ich mir von der Kirche Rückhalt erwartet hätte. Denn wo sonst sollte man in solchen Augenblicken der inneren Unruhe Trost und Geborgenheit finden, wenn nicht in der eigenen Kirche! Schon die Bibel lehrt uns, dass wir mit denen tolerant umgehen sollen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Und so kam ich mir in jenen Tag dann auch vor: Psychisch krank zu sein, das bedeutete, schlagartig auf viele Freundschaften verzichten zu müssen – und von all jenen, mit denen man über Jahre gute Kontakte pflegte, unverhofft zur Seite geschoben zu werden.

So war es naheliegend, dass ich das seelsorgerliche Gespräch suchte. Ich erhoffte mir, dass man mir Zuspruch signalisierte, auch in schwierigen Stunden für mich da zu sein. Dass ich in Gottes Händen Halt finden würde. Und dass ich meine Religionsgemeinschaft, die mit Fürsorge und Vergebung wirbt, auch – und gerade – dann als verlässlichen Partner erleben würde, wenn meine Stimmung Achterbahn fuhr. Doch zu den unterstützenden Worten kam es erst gar nicht: „Wir brauchen keine psychisch kranken Seelsorger“, schallte es mir von Seiten eines einflussreichen Pfarrers entgegen.

Ich traute meinen Ohren nicht! Diskriminierung war ich aus dem sozialen Umfeld ja bereits gewohnt – aber dass man mir von Seiten der Kirche eine derart ausgrenzende Aussage unmittelbar ins Gesicht schlug, damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Es war seit langem bekannt, dass ich anstrebte, Theologe zu werden. Sollte ich dafür allein deshalb nicht mehr geeignet sein, weil ich in der Pubertät psychische Probleme entwickelte? In großer Enttäuschung zog ich mich zunächst zurück, fügte mich der pauschalen Äußerung des Geistlichen – und entschloss mich, meinem Berufswunsch nun erst einmal abzuschwören.

Mehr als 15 Jahre später bin ich froh, dass ich kein Pfarrer geworden bin. Mittlerweile ist nicht nur der Glaube an einen schöpferischen oder gar eingreifenden Gott geschwunden. Viel eher reift in mir die Überzeugung, dass die damalige Aussage eines Kirchenfunktionärs symptomatisch anzusehen ist. Hat die Kirche also ein Problem mit jenen, die „anders“ sind? Der Umgang mit denen, die nicht der Idealvorstellung eines von Gott geschaffenen Ebenbildes entsprechen, sie scheinen das christliche Weltbild vor eine große Herausforderung zu stellen. Noch immer existiert die Meinung unter vielen Gläubigen, kranke Menschen seien an ihrem Leiden selbst schuld, hätten zu wenig gebetet oder den Draht zum Herrn schlichtweg verloren.

Wie ein Aussätziger, ein „schwarzes Schaf“ – so fühlte ich mich, als ich nicht nur vom Pfarrer höchstpersönlich die Abfuhr bekam, was mein Theologiestudium anging. Dass sich manch ein Mitchrist sprichwörtlich das Maul darüber zerriss, welch arme Seele ich doch sei – das entsetzte mich gleichermaßen. Respekt, Toleranz und Wertschätzung – von diesen humanistischen Werten war man unter den treuen Kirchgängern weit entfernt. Stattdessen wechselte man bewusst die Straßenseite, verweigerte jegliches „Guten Tag“ und ließ stattdessen Gerüchte streuen, wonach ich homosexuell sei.

Christen und der Umgang mit Leid – dieses eigenwillige Thema verursacht regelmäßige Kirchenaustritte von Menschen, die nicht verstehen können, wie Gott so etwas zulassen kann. Psychisch krank zu sein, das kommt dort nicht gut an, wo die Welt nach außen hin in Ordnung zu sein scheint. Die Kirche verschließt die Augen vor manch einer Lebenswirklichkeit der Gläubigen – und zementiert damit ihr Image des Ewiggestrigen. Sie will sich nicht damit abfinden, dass seelische Not zum Dasein dazugehören kann. Die Angst ist größer, wonach die „Freiheit eines Christenmenschen“ die Allmacht Gottes übersteigen könnte.

Und nicht zuletzt spielt die Konfrontation mit der eigenen Zerbrechlichkeit eine Rolle: Psychische Erkrankung ist mehr denn je ein gesamtgesellschaftliches Tabu, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass sie auch uns heimsuchen kann. Die Erkenntnis, dass selbst ein Gott nicht verhindern wird, wonach wir im Zweifel mit der eigenen seelischen Not zurechtkommen müssen, sie kann den gläubigen Christen in seinen Grundfesten erschüttern. Gerade die seelische Gesundheit, sie steht aus Sicht vieler Christen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Rigorosität im Glauben. Wer zweifelt, der schwächelt.

Psychische Erkrankung, sie scheint in der Kirche nur bedingt Platz zu haben. Trotz mancher Beteuerung, gerade für die Ausgegrenzten da zu sein, macht der Klerus einen weiten Bogen um diejenigen, die auf Seelsorge dringend angewiesen wären. Und nicht nur das: Christen aus allen Schichten zeigen offenkundig besondere Berührungsängste mit psychisch Kranken. Solange die Kirche eine Begegnung mit Betroffenen auf Augenhöhe zu umgehen scheint, wird auch die Reflexion des eigenen, nicht selten stigmatisierenden Verhaltens ausbleiben. Die Kirche gibt kein gutes Bild ab, was ihren Umgang mit Minderheiten angeht. Nächstenliebe geht anders…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Konstanz. „Immer mehr Menschen leiden unter einer stressbedingten Depression, die ihren Ursprung nicht selten im Job findet.“ – Diese klare Aussage trifft der Leiter der Selbsthilfeinitiative Zwänge, Phobien und Depressionen im Kreis Konstanz, Dennis Riehle. „Die Nachfrage nach niederschwelliger Unterstützung von Menschen in depressiven Lebenslagen hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Dabei beobachte ich zusehends, dass Flexibilität, ständige Erreichbarkeit und ein System, in dem Leih- und Zeitarbeit zum Alltag der Beschäftigten dazugehören, zu einer wachsenden Anfälligkeit für Depressionserkrankungen führt“.

Oftmals versteckten sich Betroffene heute hinter dem Begriff des „BurnOut“. Tatsächlich sei in vielen Fällen aber eine handfeste Depression die Ursache für die Beschwerden, die von Antriebsmangel über Perspektivlosigkeit, Freudlosigkeit, Gefühlsarmut, sozialen Rückzug, Gedankenkreisen bis hin zu Einschränkungen im Selbstwertgefühl und in der Leistungsbereitschaft reichten: „Depressionen können bis zur völligen Isolation führen; Betroffene sind in manchen Fällen nicht einmal mehr in der Lage, den alltäglichen Aufgaben wie dem Einkaufen, der Körperpflege oder dem Arztbesuch nachzugehen“, berichtet der 33-Jährige, der selbst an schweren depressiven Episoden erkrankt ist.

„In unserer Leistungsgesellschaft, in der wir auf ein Höher, Weiter, Schneller setzen, verlieren nicht wenige Menschen den Anschluss. Wenn die Arbeit über den Kopf wächst, Probleme mit dem Chef oder den Kollegen hinzukommen oder die Lust am Beruf generell verlorengegangen ist, dann meldet sich unsere Psyche häufig mit Depressionen zu Wort“, erklärt Riehle, der aus der täglichen Begegnung mit Betroffenen von unterschiedlichsten Fallkonstellationen erzählt: „Da geht es nicht nur um den Manager, dem die Puste ausgeht. Vielmehr trifft es heutzutage den Beschäftigten an der Kasse des Discounters nebenan, der mit der Monotonie seiner Beschäftigung nicht mehr klarkommt und den hierarchischen Strukturen des Erwerbslebens nicht länger gewachsen zu sein scheint“.

„Betriebliches Gesundheitsmanagement spielt deshalb eine entscheidende Rolle in der Prophylaxe psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz. Nicht umsonst nehmen die Fehlzeiten aufgrund seelischer Leiden einen immer größeren Stellenwert in der politischen Debatte ein. Dennoch scheint mir viel zu wenig für die Betroffenen getan zu werden, um frühzeitig erkennen und handeln zu können: Depressionen bedürfen einer raschen Diagnose, die Therapie sollte keinesfalls hinausgezögert werden“, so Riehle, der weiterhin eine große Scham im Umgang mit der Thematik ausmacht: „Die Betroffenen quälen sich oftmals viel zu lange mit der Erkrankung herum, ehe sie sich Angehörigen, Kollegen oder einem Therapeuten zuwenden. Dabei stehen die Erfolgsaussichten auf eine zügige Linderung der Symptome umso besser, je eher mit der Behandlung der Depression begonnen wird“.

Um die Depression am Arbeitsplatz gar nicht erst salonfähig zu machen, rät Riehle nicht nur zu Maßnahmen der Entschleunigung, sondern auch zu gezielten Schulungen, in denen die Mitarbeiter für den Umgang mit seelischen Erkrankungen sensibilisiert werden: „Gleichsam helfen Angebote wie Entspannungsübungen, Seminare zur Stärkung des Selbstwertgefühls und Workshops, die anregen, den Arbeitsalltag besser zu strukturieren, Aufgaben klar zu umreißen und Grenzen zu ziehen“. Letztlich komme es am Ende auf eine Atmosphäre an, in der mit Depressionen offen umgegangen werden könne: „Ein verständnisvoller und nachsichtiger Vorgesetzter macht es den Betroffenen leichter, Hilfe auch wirklich anzunehmen. Und nicht zuletzt resultiert aus einer rechtzeitigen Therapie auch eine ‚Win-Win-Situation‘ für alle Seiten: Ein baldiger Behandlungserfolg erhöht die Chancen, Rückfälle zu vermeiden“.

Die Selbsthilfeinitiative zu Depressionen im Kreis Konstanz bietet Betroffenen und Angehörigen Beratung aus Laiensicht: „Wir sind zwar keine Fachpersonen im eigentlichen Sinn; durch die jahrelange Erfahrung mit der eigenen Erkrankung sind wir jedoch zu Experten aus der Perspektive des Patienten geworden und können entsprechend niederschwellig und vertrauensvoll auf die Fragen, Sorgen und Nöte der Betroffenen eingehen, die oftmals noch gar nicht fassen können, selbst von einer psychischen Erkrankung heimgesucht worden zu sein“. Riehle steht Hilfesuchenden bei, die ergänzend zur Psychotherapie und einer etwaigen medikamentösen Behandlung Kontakt zu Gleichgesinnten finden möchten: „In Zeiten, in denen das Gesundheitswesen immer weniger Zeit für Psychoedukation, Information und Aufklärung bereithält, kommt der Selbsthilfe eine entscheidende Aufgabe zu: Sie schließt Lücken dort, wo Ärzte und Therapeuten an die Grenzen ihrer Kapazität stoßen“.

Dabei wolle und könne die Selbsthilfe das professionelle Angebot aber keinesfalls ersetzen: „Wir verstehen uns als Partner im breiten Spektrum der Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige. Gleichsam sind wir auch bereit, Unternehmen in ihrem Ansinnen zu begleiten, ein Klima der Toleranz und des Respekts gegenüber erkrankten Mitarbeitern zu schaffen. Das Ziel der Entstigmatisierung der Betroffenen und ihres Krankheitsbildes hat dabei oberste Priorität“. Die Selbsthilfeinitiative berate kostenfrei und unabhängig, stelle Kontakt zu anderen Erkrankten her und helfe beispielsweise bei der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz: „Daneben beantworten wir nicht nur Fragen zum alltäglichen Umgang mit der Depression, ihren Auslösern und möglichen Behandlungen. Wir bieten darüber hinaus Auskunft in sozialen Belangen, beispielsweise, wenn es um den Arbeitsplatz, die Wiedereingliederung oder eine mögliche Schwerbehinderung geht“.

Kontakt zur Selbsthilfeinitiative über Mail: info@zwang-phobie-depression.de und per Tel.: 07531/955401.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Heute erreichte mich wieder eine Anfrage: Dieses Mal war es eine Werbeagentur, die auf der Webseite unserer Selbsthilfegruppe gerne den Werbebanner einer Fernschule publiziert hätte. Gegen ein sattes Honorar natürlich! Ähnlich erging es mir erst vor ein paar Tagen, als sich der Vertreter einer Gesundheitsfirma bei mir meldete und anbot, in einer unserer nächsten Zusammenkünfte ihr neuestes Produkt vorstellen zu wollen – angeblich helfe es gut gegen jegliche Form von Angst. Und vor ungefähr drei Wochen klingelte der Vertreter einer Fachzeitschrift bei mir; ich könne für unsere Gruppe das Abonnement zu einem ganz besonders günstigen Preis erwerben.

Die Vereinnahmung der Selbsthilfe durch Unternehmen, sie zieht immer weitere Kreise. Dabei stört die Firmen auch nicht der geschützte Rahmen einer Gruppe, in der Menschen in schwierigsten Lebenslagen nach Hilfe suchen. Vielmehr geht es um Profit und den angeblichen Wunsch, uns etwas Gutes tun zu wollen. Doch am Ende bedeutet das aufdringliche Verhalten, dass nicht nur die Gruppenleiter einen beständigen Mehraufwand in der Abwehr von Werbetreibenden und Lobbyistenvertretern zu bewältigen haben. Auch die Unabhängigkeit der Selbsthilfe gerät in Gefahr, denn die Anreize, sich kaufen zu lassen, sie sind groß.

Von der Politik erhoffe ich mir, dass sie die Förderung der Selbsthilfe nicht weiter verkompliziert. Denn nur, solange wir als Ehrenamtliche auf die offiziellen Gelder der Krankenkassen vertrauen können, können wir mit Standhaftigkeit den Angeboten widerstehen, die uns die freie Wirtschaft unterbreitet. Selbsthilfe, sie möge auch weiterhin vom Einfluss derjenigen befreit bleiben, die mit der Notlage von Menschen Gewinne erzielen möchten. Ich wünsche mir, dass wir als freiwillig Engagierte Rückgrat zeigen, nicht den aussichtsreichen Geldgeschenken ganzer Branchen zu verfallen, sondern Protest zeigen gegen jene, die zivilgesellschaftlichen Einsatz füreinander für Eigenzwecke skrupellos auszunutzen bereit sind.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Der evangelische Sachbuchautor Dennis Riehle (aktueller Buchtitel: „Freier Glaube – Gedanken über Zweifel, Fragen und Widersprüche des Christseins“) hat die Kirche verlassen. Wie der 33-Jährige am Montag (11.03.2019) mitteilte, habe er vor dem Standesamt Konstanz seinen Austritt aus der Religionsgemeinschaft vollzogen. Riehle, der bereits seit Konfirmationszeiten an in der Jugend- und Gemeindearbeit ehrenamtlich engagiert war, begründete seinen Rückzug aus der Evangelischen Landeskirche Badens mit „erheblichen Zweifeln im eigenen Gottesglauben“. Zudem habe es ihm an Wärme und Geborgenheit in der Kirche gefehlt, die Möglichkeit, sich neu zu partizipieren, sei ausgeblieben.

Riehle war bereits 2012 aus der Kirche ausgetreten, kehrte nach einer Auszeit in der säkularen Szene 2017 aber wieder in die evangelische Kirche zurück, da er „Hoffnung hatte, dass es doch einen Gott geben könnte“. Besonders die Frage des Leides in der Welt, aber auch der fehlende Zuspruch von Mitchristen in schwierigen Lebenssituationen habe ihn in seiner Entscheidung bestärkt, dieses Mal „endgültig und ohne Rückfahrkarte“ die Kirche zu verlassen, in der er seit Kindesbeinen an sogar Pfarrer werden wollte. „Wenn mir jedoch gesagt wird, dass ich aufgrund meiner psychischen Erkrankung nicht als Seelsorger taugen würde“, dann verletze das nicht nur. „Es zeigt auch die Falschheit mancher Christen, die ihr Sonntagskleid am Montag wieder ablegen“.

Seine eigene gesundheitliche Situation habe ihn schließlich dazu bewogen, einem Gott abzuschwören: „Die Theodizée-Frage, die Frage nach der ungerechten Verteilung von Krankheit, Armut und Schicksalsschlägen, sie ließ mich nicht mehr los. Warum sollte uns ein Schöpfergott immer wieder stolpern und fallen, danach wieder aufstehen und weitergehen lassen? Das alles nur, um seine Allmacht unter Beweis zu stellen? Zwar hat er uns laut 1. Buch Mose die Fähigkeit geschenkt, zwischen gut und böse unterscheiden zu können. Dass seine Liebe aber so weit geht, des Menschen Freiheit auch dann nicht zu bremsen, wenn wir uns gegenseitig in Krieg und Gewalt die Köpfe einschlagen, das kann und will ich nicht verstehen“, so Riehle, der außerdem sagt: „Wenn ich ein Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen kann oder die Reaktion Gottes auf mein Vaterunser ausbleibt, dann muss ich mir ehrlicherweise eingestehen, nicht mehr der richtigen Institution anzugehören“. Zu viele Menschen blieben heute in der Kirche Mitglied, weil sie um ihren sozialen Status fürchteten. „Dabei macht es doch keinen Sinn, einem Verein zuzusprechen, dessen Leitbild ich nicht einmal mehr unterschreiben würde“.

Er habe der Kirche so manchen Fehler verziehen, „auch damals, als es um die Frage ging, ob ich homosexuell sein könnte“. Statt Rückhalt und Bestätigung habe er Ausgrenzung und Rückweisung erfahren. „Das gab es in humanistischen Kreisen nicht“, attestiert Riehle, sagt aber auch: „Der Atheismus sollte sich weniger auf ein Glaubens-Bashing konzentrieren, sondern viel eher die positive Botschaft seiner eigenen Lehre an Mann und Frau bringen“. Riehle, der bis 2016 Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“ war, kann freidenkerischem Gedankengut mittlerweile viel Sympathie abgewinnen: „Auf die Fähigkeiten des Menschen zu vertrauen und die Werte der Aufklärung hochzuhalten, das lohnt sich in jedem Fall“. Heute gehe es „im Markt der Weltanschauungsgemeinschaften“ darum, mit Inhalten zu punkten. „Ich meine, da hat der Humanismus gute Chancen, von sich überzeugen zu können“, meint der Konstanzer, der ergänzt: „Wir brauchen die institutionelle Verankerung der Konfessionsfreien heute mehr denn je“.

Nach seinem Rückzug aus der Kirche möchte sich Riehle erneut der konfessionsfreien Szene zuwenden: „Ich habe einen Schlussstrich unter meine Zeit in der Kirche gezogen. Fortan möchte ich mich damit beschäftigen, die Arbeit der Glaubensgemeinschaften von außen kritisch zu begleiten, mich für Toleranz, Offenheit und Freiheit stark zu machen und gleichsam daran mitarbeiten, dass es Konfessionsfreie leichter haben, in der Gesellschaft Fuß zu fassen“. Als ehemals gläubiger Christ könne er sicher manch hilfreiche Perspektive aus Kirche und Gottesglaube einbringen, so Riehle, die dazu geeignet sei, den Diskurs um die individuell passende Weltanschauung zu bereichern. „Daneben werde ich meine berufliche Qualifikation als PR-Fachkraft sicher dazu nutzen, für den Humanismus zu werben“. Und nicht zuletzt wolle er auch sein politisches Handeln fortan ganz ausdrücklich von fortschrittlichen Tugenden bestimmen lassen, so der 33-Jährige abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Konstanz. Die Zahl der Menschen mit einer Glaukomerkrankung, die im Landkreis Konstanz Unterstützung bei der örtlichen Selbsthilfegruppe suchen, steigt beständig an. Dies berichtet der zuständige Gruppenleiter Dennis Riehle, der aktuell Bilanz zieht: „Knapp zehn Jahre, nachdem die ersten Gedanken zu einer Glaukom-Initiative in der hiesigen Region reiften, verzeichnen wir eine kontinuierliche Nachfrage von Betroffenen und Angehörigen“. So schildert der 33-Jährige, der selbst an einem „Grünen Star“ erkrankt ist, dass die regelmäßigen Kontakte zu anderen Patienten in den letzten Monaten sogar noch leicht zugenommen hätten. „Es vergeht kaum eine Woche, in der es keine Anfragen gibt“, sagt Riehle, der festhält: „Ich bin froh, wenn sich die Menschen informieren“.

Denn es gebe viele Fragen zum Glaukom, berichtet der Gruppenleiter, dem es am Herzen liegt, aus der eigenen Erfahrung weiterhelfen zu können: „Die notwendigste Aufklärung leistet der Augenarzt. Doch darüber hinaus suchen viele Betroffene Rat bei der Selbsthilfe, weil sie gerade nach der Diagnosestellung erst einmal geschockt sind“, meint Riehle, der noch viele Vorurteile über den „Grünen Star“ im Umlauf sieht: „Auch wenn das Glaukom zu den häufigsten Erblindungsursachen gehört, muss zunächst niemand befürchten, das Augenlicht zu verlieren. Gerade, wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt wird, kann ihr Verlauf überaus positiv beeinflusst werden“.

Zudem wunderten sich gerade junge Patienten über eine allfällige Diagnose „Glaukom“: „Während der ‚Graue Star‘ eher eine typische Alterserkrankung ist, kann der ‚Grüne Star‘ eigentlich jeden treffen“. Schließlich sei das Problem eines erhöhten Augeninnendrucks, auf den das Glaukom zurückzuführen sei, nicht vom Alter abhängig. „Durch verschiedenste Ursachen steigt der Druck auf den Sehnerv, dessen Fasern durch die Einwirkung dauerhaft geschädigt werden. Seien es nun ein zu hoher Blutdruck, eine starke Kurzsichtigkeit oder degenerative Veränderungen beim Abfluss des Kammerwassers – Risikofaktoren und Ursachen sind nicht an das Alter gebunden, weshalb das Glaukom bereits in Kindesjahren auftreten kann“.

Zunehmende Bedeutung käme auch dem „Normaldruckglaukom“ zu, bei welchem die Nervenfasern trotz eines normalen Augeninnendrucks langsam untergingen. „Gemein ist den Glaukomerkrankungen die teils starke Beeinträchtigung des Gesichtsfeldes, die von den Betroffenen trotz ihrer Ausprägung oft erst sehr spät erkannt würde. „Daher appellieren wir an die Vorsorgeuntersuchung, denn nur so lässt sich ein ‚Grüner Star‘ rechtzeitig entdecken – und behandeln“. Und die Möglichkeiten der Therapie seien heute vielfältig, so Riehle: „Von einer ausschließlichen Tropfbehandlung über Laseroperationen bis hin zum klassischen chirurgischen Eingriff reicht die Palette“.

„Besonders zu den Behandlungsoptionen haben die Betroffenen Fragen“, schildert Dennis Riehle aus den Gesprächen mit Erkrankten. „Gerade an einem sensiblen Organ wie dem Auge will sich niemand sofort unter das Messer legen. Da ist die Suche nach Alternativen groß“. So helfe vielfach eine zweite Meinung, die er einzuholen rät. „Letztlich sind es aber auch ganz praktische Anliegen, mit denen ich konfrontiert werde: Wie tropfe ich mein Auge richtig? Wie gehe ich mit meinem veränderten Gesichtsfeld um? Habe ich Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis? Benötige ich schon einen Blindenstock? – All das bewegt die Menschen, wenn sie mit einem nicht selten hohen Leidensdruck an mich herantreten“, berichtet Riehle, der mit seiner eigenen Glaukomerkrankung gut umzugehen weiß: „Viele der Ängste, die sich anfänglich einstellen, lösen sich in Luft auf, sobald man über die Erfahrungen mit anderen Betroffenen in Austausch kommen kann“.

Derzeit fänden keine Gruppentreffen der Selbsthilfeinitiative statt, weil viele Betroffene sich nicht an einen festen Zusammenschluss binden wollten. „Wir beobachten im Selbsthilfewesen ohnehin einen Wandel: Die einstigen Selbsthilfegruppen wandern ins Web ab; dort trifft man sich in Chats und Foren“. Der individuelle Beratungsbedarf bleibt aber dennoch bestehen, weshalb auch die hohe Nachfrage nach Informationen nichts Ungewöhnliches sei, berichtet Riehle: „Die beratende Selbsthilfe wird immer mehr an Bedeutung gewinnen, daran müssen sich die Ehrenamtlichen anpassen“, sagt der Konstanzer, der seit fast 15 Jahren im Selbsthilfewesen aktiv ist. Für das Angebot der hiesigen Glaukomselbsthilfe bedeutet dies, auch künftig ansprechbar zu sein: „Mir macht mein freiwilliges Engagement große Freude – und wenn davon Andere profitieren können, ist das ein doppelter Gewinn“, meint Riehle.

Betroffene, Angehörige und Interessierte erreichen die Glaukomselbsthilfe im Landkreis Konstanz unter Tel.: 07531/955401 beziehungsweise per Mail über: kontakt@glaukomselbsthilfe.de.

[Dennis Riehle]

In der breiten Vielfalt an Meldungen, die uns täglich über die Nachrichtenkanäle erreicht, geht so manche Neuigkeit unter, die einerseits für Aufsehen, andererseits aber auch für großflächige Auswirkungen auf unseren Alltag sorgen könnte, würde man ihr entsprechende Beachtung schenken. Ähnlich ergeht es wohl einem Urteil des Bundesgerichtshofes, das zwar in der Sache wenig Aufsehen erregend sein dürfte, das in der Praxis aber vor allem in Deutschlands Rathäusern für großes Kopfzerbrechen sorgen wird: Es geht um die Frage, welche Rechte der Staat hat, wenn er in die Rolle eines berichterstattenden Mediums zu schlüpfen versucht – beispielsweise, indem er ein kostenloses Amtsblatt verteilt, wie es auch in Konstanz geschieht.

Einem jahrelangen Rechtsstreit wurde nun ein höchstrichterliches Urteil entgegengesetzt: Das Landgericht in Ellwangen und das Oberlandesgericht in Stuttgart hatten sich bereits mit der Frage beschäftigt, wie weit sich Medien und Staat zu distanzieren haben, um den grundgesetzlichen Ansprüchen einer Staatsferne der Presse Genüge zu tragen. Dieses abzuleitende Gebot aus Artikel 5 Abs. 1 Satz 2 GG garantiert nicht nur der schreibenden Zunft die Freiheit in ihrem Tun; es sichert ihr auch zu, sich auf die Regeln des Marktes verlassen zu dürfen, welche unter anderem in § 3a des „Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb“ (UWG) festgeschrieben sind.

Presseähnliche Amtsblätter: Verstoß gegen „Marktverhaltensregelung“

Demnach gilt, dass rechtswidrig derjenige handelt, der „einer gesetzlichen Vorschrift zuwiderhandelt, die auch dazu bestimmt ist, im Interesse der Marktteilnehmer das Marktverhalten zu regeln, und der Verstoß geeignet ist, die Interessen von Verbrauchern, sonstigen Marktteilnehmern oder Mitbewerbern spürbar zu beeinträchtigen“ (ebd.). Seine Interessen spürbar beeinträchtigt sah offenbar ein privates Verlagsunternehmen, das sich gegen die große Kreisstadt Crailsheim zur Wehr setzte – und nun auch vor den Bundesrichtern Recht bekam. In ihrem Urteil mit Aktenzeichen I ZR 112/17 vom 20.12.2018 erklärten diese zusammenfassend, dass die öffentliche Hand nicht die Aufgabe der Presse wahrnehmen darf. Viel eher schützen Grundgesetz und UWG die Presse vor Mitbewerbern aus den deutschen Rathäusern, die in ihren eigenen Medien versuchen, das Tagesgeschehen aus der Gemeinde zeitungsähnlich an den Mann zu bringen.

Konkret ging es um folgenden Sachverhalt: Die Stadt Crailsheim lässt seit 1968 ein kommunales Amtsblatt drucken. Dieses „Stadtblatt“ enthält neben einem amtlichen auch einen redaktionellen sowie einen Anzeigenteil – wobei die Stadt den redaktionellen Abschnitt selbst betreut. Zunächst erfolgte der Verkauf über ein Abonnement und im Einzelhandel, nach einem Beschluss des Stadtrates aus dem Jahr 2015 verteilt die Gemeinde ihr Produkt seit Anfang 2016 kostenlos an 17.000 Haushalte. Was zunächst wie eine Selbstverständlichkeit klingt und in vielen Städten des Landes ähnliche Routine sein dürfte, stellt laut Bundesgerichtshof (BGH) aber einen Verstoß gegen eine „Marktverhaltensregelung“ dar, sprich: Eine Gemeinde darf den freien Markt der Presse nicht dadurch irritieren, dass sie selbst zum Akteur der berichtenden Zunft wird und einen Kreislauf behindert, der gerade in Zeiten eines sich wandelnden Konsums an Presseerzeugnissen immer sensibler und umkämpfter wird.

Kommunen sind keine Medien!

Im aktuellen Fall hat der BGH die Gemeinde nun zur Unterlassung der Verteilung seines „Stadtblattes“ verpflichtet, denn die kostenlose Ausgabe eines solchen Amtsblattes im Bezirk des privaten Verlagsunternehmens kann aufgrund der Staatsferne der Presse nicht rechtmäßig sein. Kommunen dürften demnach nicht die Aufgabe der Medien übernehmen – und im redaktionellen Sinne über das Gemeindeleben berichten. Andernfalls würde der Staat in den Wettbewerb privater Verlage und Co. eingreifen, seine besondere Stellung ausnutzen und den freien Markt beschneiden, was gerade unter dem Aspekt der Trennung zwischen Medien und öffentlicher Hand verfassungsrechtlich unzulässig wäre.

Auch wenn den Kommunen ein Selbstverwaltungsrecht zukommt, das sie laut den meisten Gemeindeordnungen dazu verpflichtet, die Bürgerinnen und Bürger über gemeindepolitische Themen zu unterrichten, so unterliegt dies dem grundgesetzlichen Anspruch der Presse, auf dem Gebiet der redaktionellen Berichterstattung eine hoheitliche Monopolstellung einzunehmen. Den Kommunen ist es also fortan untersagt, über Nachrichten aus dem Gemeindeleben zu berichten, die nicht unmittelbar ihr eigenes Verwaltungshandeln betreffen. Kurz gesagt: Eine Gemeinde darf zwar über die Ergebnisse der letzten Stadtratssitzung unterrichten, nicht aber über die Mitgliederversammlung des ortsansässigen Kleintierzüchtervereins.

Zeitungsverlage künftig im Vorteil

Was bedeutet das nun für die betroffenen Städte? Gerade die Gemeinden, die ihre kostenlosen Amtsblätter mit redaktionellen Inhalten füllen, müssen künftig genau abwägen, was rechtlich erlaubt ist. Zwar bleiben amtliche Bekanntmachungen legitim, doch die bisherige Vorgehensweise, sich Themen aus dem öffentlichen Leben zu bedienen, ist nun tabu. Über Geschehnisse aus Sport, Kultur und Kunst, aus Vereinen und Bürgergemeinschaften, aus politischen Gruppierungen und Kirchen, aus Ehrenamt und Unternehmen darf nur noch dann berichtet werden, wenn die Meldung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Handeln von Gemeinderat und Stadtverwaltung steht. Besonders kritisch wird die Lage dann, wenn die Aufmachung der Verlautbarungen auch noch der der Presse nahekommt, wenn Schreibstil und Wortwahl journalistisch aufgemacht wirken, wenn Bilder und Illustrationen Pressefotos ähnlich sehen oder wenn Infokästen, Überschriften und Teilabsätze denen eines professionellen Zeitungsartikels zum Verwechseln gleich sind.

Auch in Konstanz wird man mit den öffentlichen Publikationen fortan sensibler umgehen müssen. Zu klären bleibt beispielsweise, ob die Statuten für das hiesige Amtsblatt völlig neu überarbeitet und angepasst werden müssen – in der Frage, wie viel Inhalt abseits der reinen Verwaltungsmeldungen noch sein darf und wie Berichte dargeboten werden, die sich vielleicht nicht unmittelbar kategorisieren lassen. Jedenfalls bedeutet die Entscheidung des Bundesgerichtshofs eine Mehrarbeit für die Pressestellen und Redaktionen der Gemeinden, die ihre Amtsblätter nun akribisch dahingehend zu überprüfen haben, ob im Einzelfall eine Überschreitung der eigenen Kompetenzen vorliegt. Mit dem Beschluss des BGH sind Zeitungsverlage klar im Vorteil, wenn sie ihre Interessen in Sachen Hoheitsrechte über die redaktionelle Berichterstattung verletzt sehen.

Unmittelbare Folgen der Entscheidung schon heute absehbar

Je näher ein Artikel eines Amtsblattes künftig der Schreibe und der Aufmachung eines Beitrages kommt, der gleichzeitig in der freien Presse hätte veröffentlicht werden können, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass seine Verbreitung über den kostenlosen Kanal der kommunalen Verlautbarungen irregulär ist. Ziel des Urteils ist eine Stärkung der Medien, deren Kernkompetenz die Information ihrer Leserinnen und Leser ist – die Kommunen müssen zurückstecken, weil für sie die Unterrichtung der Bevölkerung nur ein Zubrot sein kann. Amtsblätter, die bislang manche Lücken mit Berichten aus der zivilgesellschaftlichen Landschaft ihrer Gemeinde gefüllt hatten, müssen nun umdenken. Die Bürger werden fortan wieder stärker auf die Presse, aber auch auf die zunehmende Zahl freier Blogs und Nachrichtenportale setzen müssen – die Gefahr, auf “Fake News“ hereinzufallen, könnte damit steigen. Die städtischen Medien als bequeme und zuverlässige Quelle kommunaler Nachrichten zu sehen, diese Zeit scheint jetzt vorbei.

Für die Medien ist die Entscheidung des BGH eine Bestätigung für ihre unantastbare Position in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Die Bedeutung und qualitative Wertschätzung der journalistischen Arbeit könnte an Fahrt gewinnen, das Ansehen redaktionellen Wirkens steigen. Zwar waren die Berichte aus den Gemeinden Garanten für die Wahrheit, doch zukünftig hat es die Presse wieder selbst in der Hand, sich für ihre Seriosität ins Zeug zu legen. Folgen hat das Urteil bereits: Der Newsletter aus Litzelstetten, der von Seiten der Ortsverwaltung herausgegeben wurde, ist nach dem Urteil eingestellt worden. „Da unser Newsletter jedoch genau davon gelebt hat, das öffentliche Geschehen in Litzelstetten und der Kernstadt in all seinen Facetten abzubilden, sehen wir uns gezwungen, ihn nach knapp 100 Ausgaben im neunten Jahr seiner Erscheinung einzustellen“, hieß es in einer Verlautbarung. Wie sich der Newsletter der Stadt Konstanz verändern wird, der ebenfalls eine kostenlose Publikation von Seiten der Kommune darstellt, wird spätestens dann deutlich werden, wenn das Urteil in seinem Wortlaut vorliegt. Genauso, was aus den Mitteilungsblättern der Ortsteile wird, die zwar nicht kostenfrei verteilt werden, aber dennoch mit „kirchlichen Nachrichten“, dem „Vereinsgeschehen“ und einem „redaktionellen Teil“ Hauptangriffspunkt des Urteils sein könnten. Und nicht zuletzt sind es die Webseiten von Stadt und Stadtteilen, die die „Pressemitteilungen“ der Gemeinde bislang großzügig publizierten – und sie dabei weniger scharf trennten, ob nun medienähnlich oder nicht –, die nun abzuwägen haben: Wer auf der sicheren Seite sein will, lässt manche Medienverlautbarung künftig eher unter den Tisch fallen. Zum Nachsehen derjenigen, die damit ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt worden wären.

Urteil stärkt die Verantwortung der Presse

Letztendlich ruft das Urteil Gewinner und Verlierer auf den Plan, hat es wie jede Entscheidung doch seine Vor- und Nachteile. Wo sich die Presse als Sieger sieht, da wird es besonders für die, über die die Gemeinden künftig nicht mehr berichten dürften, eng: So konnten beispielsweise Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement bisher darauf bauen, in den Verlautbarungen der Kommunen ein Sprachrohr zu finden – gerade auch dann, wenn sich die Medien nicht für ihr Tun interessiert hatten. Entsprechend wächst mit dem Urteil auch die Verantwortung der Presse: Selbst wenn sie in ihrem Wirken frei und unabhängig ist, wird ihr die Aufgabe zukommen, das Gemeindeleben noch viel stärker als bisher abzubilden. Den zivilgesellschaftlichen Themen muss mehr Platz eingeräumt werden, die Leserschaft wird sicher verlangen, den niedrigschwelligen Sachberichten größeres Gewicht zu geben. Die Entscheidung aus Karlsruhe dürfte für eine Menge Interpretationsspielraum sorgen – und damit eine kontroverse Debatte darüber anstoßen, ob die Medien tatsächlich ihren Ansprüchen gerecht werden, das Alleinstellungsmerkmal redaktioneller Berichterstattung nicht nur aus moralischen, sondern auch aus rechtlichen Gesichtspunkten mit Verpflichtungsbewusstsein auszufüllen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Psychiatrie denken? Gummizellen, Zwangsjacken, Medikamentencocktails? Ja, die Krankenhäuser für seelische Gesundheit haben es nicht einfach – auch nicht in unseren Tagen, in denen wir viel weiter sind als zu Zeiten dunkler Geschichte, als Psychiatrien noch der Ort waren, von denen aus psychisch kranke Menschen abtransportiert wurden. Und doch redet über dieses tabuisierte Thema auch heute noch kaum jemand. Die Psychiatrien im Land scheinen, ähnlich wie die Gefängnisse, vor sich hin zu existieren; dabei spielen sich hinter ihren Mauern viele Leidensgeschichten ab – und der Rest der Welt reagiert allerhöchstens mit Abneigung, Interessenlosigkeit und Vorurteilen.

Ich gebe zu: Ich war erst kürzlich in der Psychiatrie. Eine akute Krise hatte es nötig gemacht, dass ich mich auf eigenen Wunsch in ein psychiatrisches Krankenhaus einweisen ließ. Und ja, auch ich hatte noch manche Horrorbilder vor mir. Fixierungen, Isolationen und Spritzen – all das geisterte in meinem Kopf. Und zweifelsohne: In Ausnahmefällen sind solche Szenarien auch heute noch gängig. Aber stimmt das negative Werturteil, das viele Menschen von Psychiatrien mit sich herumführen, tatsächlich auch weiterhin? Wenn wir uns beispielsweise im Internet umsehen und die Bewertungen über manch eine psychiatrische Klinik lesen, dann erscheint all das eher mittelalterlich, was dort von den Zuständen auf einzelnen Stationen berichtet wird. Jedoch beginnen wir schon hier, zu Trennendes zu vermischen und aus der zu differenzierenden Vielfältigkeit ein Schwarz-Weiß zu machen.

Täglicher Balanceakt auf dem ethischen Drahtseil

Zunächst einmal wird man zwischen geschlossenen und offenen Abteilungen unterscheiden müssen. Schon die Natur der Sache birgt es in sich, dass Menschen, die auf engem Raum in psychisch höchst prekären Situationen miteinander untergebracht sind, mit teils großer Resignation, mit Hoffnungslosigkeit und Wut reagieren können. Die verschiedenen Krankheiten bergen das Risiko in sich, dass wir ungehalten sind, dass wir unsere gute Kinderstube vergessen. Auch gehört es nicht selten zu den Erkrankungen an sich, dass Aggression, ein gestörtes Normenverhalten und ein ausgeschaltetes Respektempfinden zu einer großen Herausforderung für Mitpatienten und Pflegeteam werden. Nein, psychisch Kranke sind keinesfalls selbst daran schuld, dass Psychiatrie oftmals überreagiert – und entsprechend schnell in den negativen Schlagzeilen wieder auftaucht. Viel eher hilft das Verstehen der Gemengelage, manche Reaktion besser nachvollziehen zu können.

Denn selbst wenn wir von den Experten Professionalität im Umgang mit psychisch Kranken erwarten, so sind sie doch auch nur Menschen, denen oftmals die Hände gebunden scheinen. Das sollte in einer modernen Psychiatrie kein Thema mehr sein, doch wie kaum ein anderer Ort sind ihre Einrichtungen zu jeder Stunde neu mit derart tiefgreifenden Abwägungen konfrontiert, dass der Balanceakt auf dem ethischen Drahtseil am Ende wohl ohnehin nur schiefgehen kann – zumindest aus Sicht des Betrachters von außen, der eher nach Sensationen und Skandalen hascht, aber nicht an einer realistischen Einschätzung der jeweiligen Psychiatrie interessiert ist. So mag man verstehen, dass manche Akteure aus dem Psychiatriewesen mittlerweile eher abwinkend reagieren, wenn man sie auf die zahlreichen Negativwertungen anspricht, die in der Öffentlichkeit kursieren.

„Hier geht es besser zu als gedacht“

Ich habe meinen Aufenthalt in den allermeisten Bereichen als überaus hilfreich erlebt. Ganz anders, als ich ihn mir zu Beginn vorgestellt hatte. Ich traf auf Menschen mit teils beklemmenden Lebensgeschichten, die trotz und gerade wegen ihrer Lage eine Bereicherung für das gemeinschaftliche Miteinander waren. Ich erlebte eine personell gut besetzte Station, Pflegerinnen und Pfleger waren derart engagiert, dass ich nur selten Klagen untereinander oder von Seiten meiner Mitpatienten vernahm. Auch andere Patienten bescheinigten mir: „Hier geht es besser zu, als ich dachte“. Deshalb muss für die geleistete Arbeit, die das Pflegepersonal tagtäglich vollbringt, auch an dieser Stelle wieder einmal eine Lanze gebrochen werden: Nicht nur in den Altersheimen und somatischen Krankenhäusern der Republik wird trotz manch angespannter Personalsituation Großartiges gestemmt. Nicht nur in der Vergütung sollten wir unsere Wertschätzung zum Ausdruck bringen – auch der Ruf der Pflegenden, er darf nicht unter den Fehltritten Einzelner leiden!

Und dann sind da die Therapeuten: Motiviert, fachkundig und akribisch – so habe ich sie jedenfalls erlebt. Kein Anschein davon, dass sie ihr allzeit selbiges Programm wieder und wieder herunterleiern. Viel eher nahm ich wissenschaftlich auf dem neuesten Stand der Kenntnisse befindliche Psychologinnen wahr, die versucht haben, die Psychodynamik meines Leidens aus verschiedenen Blickwinkeln zu verstehen, mir Diagnosen zu erklären und mit mir gemeinsam an Lösungen meiner Probleme zu arbeiten, die so gar nichts von Brechstange und Zwang, aber sehr viel von Mitgefühl und Anteilnahme hatten. Sprich: Psychiatrie geht auch soft. Man muss es – beiderseitig – nur wollen! Und dann war da noch die Musiktherapie, ohne Leistungsdruck, sondern mit Freude am Ausdruckzeigen von Gefühlen, am Instrument und beim Zuhören leiser Klänge. Die Ergotherapie, in der Kochen lernte. Die Bewegungstherapie, in der es nicht um den sportlichen Erfolg ging, sondern um die bei psychischen Erkrankungen doch so wichtige Aktivierung. Und die Gruppengespräche, in denen nicht nur Psychoedukation betrieben und über Krankheiten und ihre Hintergründe informiert wurde, sondern in denen vor allem Raum war für manchen Klinikkoller, der sich auch bei mir nach etwa drei Wochen erstmalig einstellte.

Medikamente: „Weniger ist mehr!“

Und dann das leidige Thema der Medikamente: Da sollen es die Reinigungskräfte sein, die den Patienten die Arzneien verabreichen – glaubt man manchem Kommentar auf einschlägigen Internetseiten. Wie mit Globuli, Placebo und Lutschtabletten zusammen, so leichtfertig soll in der Psychiatrie mit höchst abhängig machenden Tabletten umgegangen werden. Ich selbst habe das ganz anders wahrgenommen. Mit einer Vielzahl an Medikamenten gekommen, war es Ansinnen und Ziel von Ärzteschaft und Therapeuten, diese deutlich zu reduzieren. Ein langsames Ausschleichen, ein behutsames Achtgeben auf Wechsel- und Nebenwirkungen, ein Einbeziehen neurologischer und internistischer Krankheitsbilder – all das klingt nach purer Chemie, mit der versucht werden sollte, den Patienten mundtot zu machen. Stattdessen wurde ich angehört, wurde mir aufgezeigt, welche Alternativen es auf dem Markt der Psychopharmaka so gibt – und wie ich es vielleicht schaffen könnte, mit deutlich abgespeckter Medikamentenliste zurechtzukommen. Getreu dem Motto: „Weniger ist mehr!“.

Und nicht zuletzt meine Mitpatienten: Viele von ihnen wiesen bereits ganze Karrieren an Psychiatrieerfahrung auf. Für sie war es eine Selbstverständlichkeit, dass ein Krankenhauszimmer in der Psychiatrie so gar nicht anders aussieht als das in der Klinik, in der wir uns vom gebrochenen Arm erholen. Für sie war es auch ganz normal, dass wir über suizidale Ängste gesprochen haben – denn sie zu verschweigen, das ist nur etwas für die „Gesellschaft draußen“, sagte mir ein Kollege. Wir waren eine Truppe, mit der man viel Spaß haben konnte. Und so haben wir auch viel gelacht – mit Pflegern und Therapeuten zusammen. Kein Anschein, als sei man ständig nur „psycho“. Viel eher war es auch ganz legitim, dass über den ständigen Wechsel der Patienten zwischen geschlossenem und offenem Bereich der Psychiatrie ohne vorgehaltene Hand geredet wurde. Ich habe Lebensgeschichten gehört, die mich teils tief berührt haben. Denn oftmals ging es um ganze Existenzen, schließlich bleibt eine seelische Erkrankung oftmals auch nicht ohne sozialpsychiatrische Not: Da wissen manche Mitpatienten nicht, wo sie nach der Entlassung übernachten sollen. Da kommen Betroffene direkt aus der Obdachlosigkeit oder aus der Alkoholabhängigkeit, in der Sehnsucht, endlich wieder Tritt fassen zu können. Da gehen einige Erkrankte in der Bürokratie des Sozialstaates unter – und haben dennoch keinen Euro, um sich ein paar Zigaretten kaufen zu können. Wie gut, dass es hierfür einen Sozialdienst gab, der sich für seine Klienten ins Zeug legte!

Keinen Stempel der Rückschrittigkeit

Mich bewegten die Schicksale meiner Mitpatienten unheimlich. Gerade, weil ich viele Freundschaften gefunden habe und den sozialen Kontakt besonders genoss, fällt mein Urteil über meinen persönlichen Psychiatrie-Aufenthalt überaus zufriedenstellend aus. Die positive Darstellung kann und will aber keinesfalls repräsentativ sein. Auch ich hatte Einiges zu bemängeln, von den Räumlichkeiten, über die Ausstattung bis hin zur Hygiene beispielsweise. Manches davon ist hausgemacht, Anderes wiederum eher ein Resultat von Erkrankungen, die eben ihre Eigenarten mit sich bringen. Für mich krankt das psychiatrische System viel öfter an seiner Hardware; die Software, sie scheint intakter als noch vor einigen Jahren und Jahrzehnten. Ich halte entsprechend nichts davon, der Psychiatrie einen Stempel der Rückschrittigkeit aufzuoktroyieren. Vielleicht rühren einige Vorwürfe gegen das psychiatrische Gesundheitswesen viel eher aus einem persönlichen Groll heraus, daher, dass noch „offene Rechnungen“ beglichen werden müssen. Und auch, weil das Angepasstsein nicht unbedingt zum Naturell einer seelischen Krankheit gehört, muss manche subjektive Wahrnehmung über die „Irrenanstalt“ unter kritischen Vorzeichen gesehen werden.

Mir ist es deshalb wichtig, einerseits Verständnis zu erwecken für die allseitige Situation: Menschen in psychischen Ausnahmesituation reagieren anders, als es die Mehrheit von uns „im Normalfall“ erwarten würde. Da werden Regeln über Bord geworfen, gelten Moral und Anstand nicht – und doch hat all das nicht unbedingt etwas mit einem schlechten Elternhaus zu tun. In der Krankheitsphase müssen wir Rücksicht nehmen auf die ganz persönliche Situation des Einzelnen, der übermannt wird von der Intensität seiner Symptome. Da zieht er rasch eine ganze Station mit in den Bann des schlechten Rufs – auch dann, wenn sich Angestellte und das Haus die größte Mühe geben, gegen ein vernichtendes Image anzukämpfen. Ich will andererseits auch nicht verhehlen, dass viele Psychiatrien nicht in der Lage oder willens sind, entsprechende Investitionen aufzubringen, um ihren Aufgaben adäquat nachzukommen. Oftmals fehlt es zudem an politischer Aufmerksamkeit, denn die Förderung von psychiatrischen Krankenhäusern gehört sicher nicht zu den Lieblingsausgaben eines Finanzpolitikers. Doch wenn wir wegkommen möchten vom Ruf der „Verwahranstalten“, dann müssen wir Geld in die Hand nehmen.

Unterschied zwischen Werturteil und realer Machbarkeit

Nahezu in jeder Region Deutschlands liegt ein psychiatrisches Krankenhaus in oder in der Nähe größerer Städte. Für Außenstehende ist es dennoch schwierig, Einblick in ein Krankenhaus zu bekommen, das relativ intensiv abgeschottet erscheint. Doch diese Abkoppelung von der Außenwelt, sie hat keinesfalls etwas damit zu tun, dass eine Klinik etwas zu verbergen hätte – im Gegenteil. Ich kenne kaum eine andere Einrichtung, die von derart vielen Aufsichten, Kontrolleuren und Ombudsstellen heimgesucht wird, wie die Psychiatrie. Regelmäßig wird geprüft – und die Bemühungen von Geschäftsführung, Ärzteschaft und Mitarbeitern, die selbstgesetzten Standards und Kodexe einzuhalten, sind groß. Bei meinem aktuellen Klinikaufenthalt las ich auch von einem mittlerweile vielerorts gängigen Leitbild, im Zwang der Gesundheitswirtschaft ein ökonomisches, ökologisches, aber vor allem menschliches Ziel der eigenen Arbeit zu formulieren. Der respektvolle Umgang mit Mensch und Umwelt, er soll gelebt werden. Und nach meinem Dafürhalten schlossen sich im Falle der örtlichen Einrichtung auch die meisten Mitarbeiter diesem Grundkonsens an, der es eigentlich verbietet, eine Psychiatrie der Vergangenheit einfach weiter zu verwalten.

Aber wie passt das alles zusammen mit den teils massiven Anwürfen, die auch gegen das hiesige Krankenhaus im Web kursieren? Zweifelsohne ist Psychiatrie kein Wunschkonzert. Die Erwartungshaltung von Patienten ist je nach Ausmaß der Erkrankung eine ganz andere als die der Therapeuten und Mediziner. Da treffen Welten aufeinander, was Anspruch und reale Machbarkeit angeht. Das, was Betroffene in Augenblicken ihrer Erkrankung gerne verwirklicht sähen, ist oftmals schlicht nicht zu bewerkstelligen. Darüber hinaus gilt: Meinungen haben keinen Anspruch auf einen unbedingten Wahrheitsgehalt. Sie sind richtigerweise Eindrücke und Momentaufnahmen, aus Einzelfällen kann und darf nicht unmittelbar auf systemische und systematische Fehler geschlossen werden. Natürlich kann und sollte die Psychiatrie eine Menge dafür tun, dass Missstände abgestellt werden. Aber kann ich ihr die Schuld dafür geben, wenn sich ein Mitpatient in der Psychose quer über die Essensausgabe übergibt, neben die Toilette uriniert oder die halbe Zimmereinrichtung zertrümmert? Nein, solche Situationen spiegeln das menschliche Leben wider. Dagegen können wir nur bedingt etwas tun und Prophylaxe betreiben, ohne allzu sehr die Integrität des Individuums zu beschneiden.

Enge Räume, wenig Personal…

Viel eher müssen wir reaktionsfreudig sein, ohne über die Stränge zu schlagen. Da kann und darf die Antwort nicht lauten, Menschen allein deshalb ruhig zu stellen, weil sie „gerade nicht in den Kram passen“, nicht „auf Linie sind“. Ein adäquater Reinigungsdienst ist manches Mal die bessere Lösung als der Griff ins Pillendöschen. Und auch ein wenig Gelassenheit stünde uns nicht schlecht, anstatt mit permanenter Aufgeregtheit nach Veränderungen zu rufen. Keine Frage, nicht nur die örtliche Psychiatrie ist verbesserungswürdig. Das wissen die Verantwortlichen selbst am besten genug. Sie muss auch stets anpassungsfähig bleiben, denn nur so lässt sich gewährleisten, dass aus Fehlern gelernt wird. Doch es wäre falsch, der Psychiatrie per se einen Stillstand zu bescheinigen. Hier vor Ort wird viel getan, beispielsweise gegen ein Problem, das vielen Einrichtungen gemein ist: Der Vorwurf des Aneinanderpferchens von Patienten, er muss rasch angegangen werden. Die Politik ist dabei gefragt, denn in Zeiten, in denen vor allem die stressbedingten psychischen Erkrankungen an immer neuem Gewicht zulegen, braucht es mehr Platz für die Betreuung von seelisch Leidenden. Nein, das ist kein Plädoyer, die wachsende Zahl seelisch Kranker einfach hinzunehmen. Vorbeugung täte uns richtig gut – beim Arbeitsschutz angefangen. Doch solange wir am Ist-Zustand nichts ändern können, bleibt lediglich das Resümee: Machen wir uns bewusst, dass Psychiatrien Krankenhäuser sind, in denen Menschen würdig behandelt und untergebracht werden wollen – das ist bereits ein guter Anfang.

Ein anderes Problem, das mittlerweile die gesamte Republik betrifft, ist das der abwandernden Ärzte, Pfleger und Therapeuten: Hier braucht es dringender denn je eine Antwort. Wie können wir attraktive und wettbewerbsfähige Bedingungen bieten, um die Fachleute bei uns zu halten? Nach außen hin funktioniert die Versorgung gut, im Hintergrund, so ist zu erfahren, schwelt dieser Konflikt aber ganz erheblich. Da wird immer häufiger auf Personal aus Osteuropa gesetzt, logische Schwierigkeiten sind damit längst offenbar geworden. Es bedarf einer praktischen Antwort auf Abwanderungswünsche hiesiger Fachkräfte, statt ständig am Versorgungsschlüssel selbst schrauben zu wollen. Wenngleich ich selbst nicht erfahren musste, dass die Psychiatrie voller Ärzte ist, die kein Deutsch verstehen, so wurde auch mir während meines Aufenthaltes deutlich, wie glücklich wir sein können, dass das Krankenhaus seine medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Ressourcen noch immer halbwegs decken kann. Wie lange man sich aber mit FSJlern, Pflegehelfern und Krankenpflegeschülern über Wasser wird halten können, das steht in den Sternen…

Psychiatrische Projektideen gesucht

Abschließend bleibt jenseits der äußeren Makulatur die Gretchenfrage, die Psychiatrie-Erfahrene, Wissenschaftler, Politik und Klinikbetreiber gleichsam in Rage bringt: Kann eine Hilfestellung für psychisch kranke Menschen à la Krankenhaus-Modell überhaupt funktionieren? Gerade die örtliche Psychiatrie ist durch seine wegweisenden Projekte wie die Soteria-Station ein Leuchtturm in der Weiterentwicklung der Psychiatrie. Der Gedanke der fürsorgenden Gemeinschaft, er kann ganz offenbar gelingen. Wo Menschen in einer sich selbstversorgenden Unität zusammenwohnen, sind Konflikte seltener, ist die Atmosphäre gelöster, scheinen Therapien mehr Wirkung zu zeigen. Es ist lobenswert, dass sich immer mehr Psychiatrien darüber hinaus für die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen öffnen. Und auch das Zusammenwirken mit Projektpartnern, beispielsweise aus der Arbeitswelt, nimmt vielerorts prägende Gestalt an. Ich erinnere mich daran, wie die hiesige Psychiatrie erst kürzlich für dieses fortschrittliche Denken gewürdigt und ihr Ansinnen des „Supported Employment“ geehrt wurde.

Psychiatrie der Neuzeit kümmert sich nämlich umfassend um die Gesundheit des Menschen, gerade, weil seelische Erkrankung nie als Diagnose allein gesehen werden darf. Sie unterstützt das Wohl des Einzelnen, in Wohnung, Arbeit und sozialem Kontext eine Stütze für das Gelingen psychischer Zufriedenheit zu finden. Und sie verfolgt alternative Ansätze, die vom stationären Setting Abstand nehmen: Von Akut-Tageskliniken über stationsäquivalente Hausbesuche bis hin zum Sozialpsychiatrischen Dienst gehen die Ideen in verschiedene Richtungen, um dem Patienten auch ambulant so lange wie möglich eine Unterstützung bieten zu können – und Drehtüreffekte zu vermeiden, die gerade durch eine wachsende Pauschalisierung im Entgeltsystem für die (psychiatrischen) Krankenhäuser immer neue Nahrung finden.

Gemeinsam gegen Defizite protestieren!

Nicht zuletzt braucht es eine Grundsatzdebatte, eine faire Diskussionskultur über die Psychiatrie, die keinesfalls das Unrecht vertuscht, das vielen Erfahrenen in den unterschiedlichsten Einrichtungen dieses Landes zuteilwurde. Wir brauchen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Berichten über negative Erfahrungen in der Psychiatrie, müssen in großer Ehrfurcht vor den möglichen Verletzungen der Menschenwürde die Konsistenz dieser Erzählungen zum Anlass nehmen, Psychiatrie zu einem Ort weiterzuentwickeln, der vor immer größere Herausforderungen gestellt wird: Dafür bedarf es ehrlicher Kritik, mithilfe derer wir nicht nur anprangern, sondern möglichst konstruktiv an der Erarbeitung von Lösungsvorschlägen mitarbeiten sollten. Dass hierzu oftmals das Miteinander fehlt, ist ein trauriger Umstand, dem Psychiatrie-Erfahrene (ob beruflich oder privat) und Interessierte nur mit einer geeinten Stimme entgegentreten können.

Ich halte nichts von einem allgemeinen Psychiatrie-Bashing, einem Draufhauen auf dieses medizinische Spezialgebiet, das noch immer ein vorurteilhaftes Dasein fristet. Wir brauchen Möglichkeiten, um dann zu intervenieren, wenn Krisen nicht mehr alleine gelöst werden können. Dem Gedanken der vollständigen Anarchie, in welcher wir Menschen in psychisch hilflosen Krisensituationen sich überlassen, nur, um dem Prinzip der Selbstbestimmung des Einzelnen gerecht zu werden, kann ich nichts abgewinnen. Wir tragen gleichsam Verantwortung füreinander, was nicht nur bedeutet, denjenigen zu helfen, die Hilfe suchen – sondern auch jenen, die im eigenen und im Interessen der Mitmenschen Hilfe bekommen sollten. Denn ich reagiere als jemand, der selbst schon viele seelische Krisen durchlebt hat, mit großem Unverständnis darauf, wenn wir aus grundsätzlicher Abneigung gegenüber der Psychiatrie diejenigen von Unterstützung ausschließen wollen, die wir mit einem falsch verstandenen Freiheitsverständnis bevormunden möchten.

Psychiatrie muss weg vom Hardliner-Image…

Das heißt nicht, dass wir keinesfalls „anders“, gar „verrückter“ sein dürfen als der Durchschnitt – ganz im Gegenteil. Psychiatrie muss umsichtig sein. Sie darf keinesfalls überreagieren und in Zeiten, in denen wir eher dazu neigen, ein normales Verhalten frühzeitig zu pathologisieren, den Gesunden vorschnell vereinnahmen. Doch sie muss auch vorsorgend reagieren – um diejenigen zu schützen, die ihre Schutzbedürftigkeit nicht mehr selbst einschätzen können. Und sie trägt eine Verantwortung gegenüber der Gesamtgesellschaft, die wiederum ein Recht darauf hat, in Sicherheit zu leben. Nein, die Mär von der angeblichen Gewalttätigkeit psychisch Kranker, sie heult immer dann auf, wenn ein scheinbar seelisch verwirrter Mensch für ein grausames Verbrechen verantwortlich gemacht wird. In Wahrheit sind psychisch Kranke keinesfalls ein Risiko für ihre Umwelt, denn wir dürfen nicht jede menschliche Ausnahmesituation sogleich zur seelischen Krankheit aufstilisieren. Und doch gehört es zur Ehrlichkeit hinzu, dass manches Mal die Unversehrtheit der Anderen höher wiegt als die Freiheit des Einzelnen.

Genau für solche Momente braucht die Psychiatrie aber eine Zukunft, die sanftmütiger mit den Patienten umgeht. Ob nun in Fragen der medikamentösen Behandlung – oder in Sachen der therapeutischen Unterbringung. Die Bedeutung der Patientenverfügung wird in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielen. Wir müssen die Rechte der psychisch Kranken stärken, über ihre eigenen Bedürfnisse mitentscheiden zu können. Ich beobachte die Szenerie eines sich abzeichnenden Booms der Betreuungsverfügungen über die Köpfe von seelisch Erkrankten hinweg mit großer Sorge. Und gleichsam darf nicht nur für die Pflege gelten: „Ambulant vor stationär!“. Berücksichtigen wir die vielen guten Ansätze einer wohnortnahen Versorgung und nehmen wir Umwege in Kauf, die manch eine Behandlung oder Therapie aufwändiger, teurer und auch langwieriger werden lassen, können wir darauf verzichten, einen Patienten lediglich zu sedieren. Die pharmakologische Keule, sie lässt die Psychiatrie bis heute ihr Hardliner-Image nicht loswerden. Gerade deshalb bin ich dankbar über die eigenen Erfahrungen wie die meinige, die mir gezeigt hat: Psychiatrie kann ein Ort sein, zu dem man Zutrauen haben darf. Es wäre schön, wenn davon auch Andere berichten würden…

[Dennis Riehle]