Zwischenruf

Schon bald feiern wir wieder 1. Advent. „Ankunft“, dieses Wort hat für mich in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung gewonnen. Ich bin wieder angekommen, zurück in der evangelischen Kirche. Doch es geht nicht in erster Linie um die Institution. Viel eher bin ich wieder angekommen bei Gott. Nach fünf Jahren Abkehr vom christlichen Glauben, aber einem stetigen Ringen mit den existenziellen Fragen des Lebens, habe ich wieder Heimat gefunden. Die Kirche hat mir die Türen geöffnet und mich willkommen geheißen. Obwohl und gerade, weil ich manches Mal über sie geflucht habe, weil mich zwischenmenschliche Enttäuschungen hadern ließen und weil ich ernstlich gefragt habe „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, gerade deshalb scheint mich die Kirche mit offenen Armen begrüßt zu haben.

So empfand ich es zumindest. Sie würdigte die Ehrlichkeit, mit der ich um die „Theodizée“-Frage gerungen habe. Sie anerkannte, dass ich mich verlassen gefühlt hatte, von Gott, von der Kirche, von meinen Mitgläubigen. Und sie respektierte, dass ich eine Auszeit brauchte, um meine Gedanken, meinen Glauben neu ordnen zu können. Und dieser Tage frage ich mich, ob ich das alles schon abgeschlossen habe, ob ich wirklich um meinen Willen, meine Überzeugung und meine Seele weiß. Ob ich in mir aufgeräumt habe, alles sortiert ist, wenn ich mich in den nächsten Wochen auf das Kommen des Herrn vorbereite. Da rollt eine gewaltige Aufgabe auf uns zu, so singen wir bereits: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu’r Herz zum Tempel zubereit‘, heißt es im ersten Lied des Gesangbuchs, bei Georg Weissel 1642.

Ja, ist denn mein Herz wirklich schon so weit, dass ich Türen und Tore bedenkenlos für ihn öffnen kann? In den letzten Wochen des Jahres sieht es bei Vielen von uns nicht danach aus, als wäre alles geregelt. Im Gegenteil. Wir hasten dem nach, was noch zu tun ist, um den Jahresabschluss zurechtzubiegen. Nebenbei sollen noch Geschenke gekauft, Weihnachtsfeiern gefeiert und Postkarten geschrieben werden. Zweifelsfrei, wenn uns ein Gast ins Haus steht, dann wird es schon einmal hektisch. Doch für Gottes Sohn, da müssen wir nicht staubwischen, die Gläser nicht polieren, die Kleidung nicht bügeln. Viel eher müssen wir bereit sein, uns seiner Ankunft zu stellen. Und noch mehr: Wir dürfen bereit sein, ihn in unser Leben zu lassen. Doch was braucht es dafür, dass wir uns in Losgelöstheit zurücklehnen können, seine Gnade anzunehmen?

Ich mache es so, wie es die Kirche getan hat, als sie mich zurücknahm. Unvoreingenommen, zugeneigt, vertraut sein. Tatsächlich bemerkte ich aber auch bei ihr eine gewisse Unsicherheit. Denn als ich mich langsam heranwagte, wieder einzutreten, da arbeitete ich mich vorsichtig bis zu meiner Heimatgemeinde vor, tastete den Weg ab und erkannte bei vielen Menschen, mit denen ich aus früheren Zeiten in der Kirche noch eng verbunden war, eine gewisse Zurückhaltung. „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir“ – Paul Gerhardt dichtete so 1653. Und es ist wirklich nicht einfach, sich auf jemanden vorzubereiten, mit dem aus ganz verständlichen Gründen Berührungsängste bestehen. Mit Jesus ist es genauso. Da kommt ein König, er zieht bei uns ein – und wir wissen eigentlich nicht, was wir ihm bieten können. Plätzchen, Glühwein, ein paar Nüsse?

Die Kirche hat mir Zuwendung geboten. Sie schenkte mir ein offenes Ohr, sie würdigte meine Bedenken, meine Furcht, meine Unrast. Aber sie ermutigte mich auch in meiner Neugier, in meinem Herzblut, in meiner Leidenschaft für den Glauben. Christus als der, mit dem wir über unser Zweifeln, über unsere Unzufriedenheit mit dem Leid der Welt ins Gespräch kommen können. Mit dem wir aber auch dankbar beten können für all das, was uns Gutes getan wird. An Trost, an Liebe, an Fürsorge. Geben wir auch Jesus die Chance, ihn anzuhören. Ihn seine Botschaft vortragen zu lassen. Seine Verkündigung auf uns wirken zu lassen. Drehen wir uns nicht weg, weil wir beschämt sind, weil wir erzürnt sind, weil in der Vergangenheit mit ihm nicht alles so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Vielleicht hat er uns in entscheidenden Stunden gefehlt, war zurückhaltend, als wir ihn besonders gebraucht hätten.

Christus kommt in unsere Herzen, um Vergebung zu leben. Um Frieden zu stiften. Er ist der Friedefürst. Und er will uns versöhnen. Ich habe mich in diesem Jahr mit der Kirche versöhnt. Und nicht nur deshalb habe ich das Gefühl, dass ich gut auf die Ankunft des Gottessohnes vorbereitet bin. Denn ich habe versucht, auch andernorts Versöhnung zu suchen. Sei es mit manch einem Freund, mit dem schon seit längerem Stillschweigen herrschte. Mit manch einer Entscheidung, die ich getroffen habe, mit der ich im Nachhinein aber nicht zufrieden war. Oder auch mit meinem Leben ganz allgemein. Neue Gelassenheit zu finden, das täte uns auch in den Adventswochen gut. Innerlich brodelnde Konflikte aufzutun und sie zu lösen, zumindest, es zu versuchen. Nein, das kann nicht sofort gelingen. Und Jesus nimmt es uns auch nicht übel, wenn wir eben noch nicht völlig frei sind bei seiner Ankunft. Wenn wir noch nicht fertig sind, unser Chaos entwirrt zu haben.

Mit Christi Geburt beginnt ein neues Leben. Und auch uns soll dieser Geburtstag eine Mahnung sein: Starten wir hinein in ein unbelastetes Verhältnis mit uns selbst. Machen wir uns los von Schuld und Pein, indem wir selbst verzeihen. Seien wir umsichtig mit uns – und mit Anderen. Setzen wir uns nicht unter Druck, weil wir uns verantwortlich fühlen für die Weihnachtsgans, den Tannenbaumschmuck, die Krippe. Darauf kommt es nicht an. „Sein Zepter ist Barmherzigkeit“, so schreibt es Weissel in Strophe 2. Gott ist nachsichtig mit uns, doch er lädt uns ein, die Adventszeit auch dafür zu nutzen, unser Seelenheil zu finden. Endlich einen Schlussstrich zu ziehen unter manch eine Vergangenheit. All das kann nur funktionieren, wenn wir gleichzeitig auch unsere Geste des Vergebens üben. Sich Zeit nehmen, um nachzudenken, wo vielleicht ein zwischenmenschlicher Kontakt noch gekittet werden kann.

Wenn wir die Vorbereitung auf die Ankunft Jesu dafür verwenden, Versöhnung zu leben, dann können wir ganz gewiss sein, dass alles bereitet ist. Setzen wir Zeichen des Friedens in unserem eigenen, kleinen Kreis, damit Friede werde hier auf Erden. Ich fühle mich erleichtert, dass ich 2017 einen solchen Schritt getan habe. Und nein, ich bin noch lange nicht am Ziel. Doch ich bin mir sicher, mir bleibt noch Zeit. Denn Christus kommt stets neu zu uns – eben auch dann, wenn wir uns gerade nicht bewusst auf ihn einlassen. Manchmal als ungebetener Gast, manchmal aber als freudige Überraschung. Und immer wieder bringt er diese Ermutigung mit sich: Vergebt einander, wie auch er vergeben hat! Diese Worte sollen uns begleiten – ob im Advent oder dann, wenn die Tannen schon wieder auf der Straße landen. Gelegenheit für Liebe ist jederzeit. Vertrauen wir darauf, dass Gott sie uns schenkt.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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