Kommentar

Donald Trump hat um Gottes Beistand für die Opfer und die Hinterbliebenen des Massakers in Las Vegas gebeten. Er hoffe auf Gnade für die Verstorbenen, aber auch darauf, dass die Gebete für die Angehörigen erhört würden. So oder so ähnlich äußerte sich der Präsident der USA bereits in der Vergangenheit, doch selten hatte man eine derartige „Predigt“ als direkte Ansprache an das amerikanische Volk von ihm gehört. Ja, man weiß um die enge Verbindung Trumps gerade mit dem evangelikalen Spektrum der Christen, unter denen sich viele Konservative, auch Rechtspopulisten befinden, denen es um weit mehr geht als um das Dasein Gottes in schweren Zeiten. Für sie tragen Schwule an Katastrophen wie den Hurrikans der vergangenen Wochen Schuld und sind Abtreibungsbefürworter verantwortlich für Erdbeben oder ähnliche Unglücke, die man irgendwie auf den Hass Gottes über die Unmoral der Menschen zurückführen könnte.

Doch was hat es tatsächlich auf sich, wenn Trump in so schweren Zeiten nach einer menschgemachten Tragödie ungeahnten Ausmaßes mit Gottes Zuwendung argumentiert? Ist es Balsam auf die Seele derer, die danach lechzen, im Präsidenten eine gottesgleiche Figur der Erlösung erkennen zu wollen? Sind es leere Worthülsen, die zwar pathetisch klingen mögen, die Dramatik der Lage aber nicht erfassen und statt Trost zu geben noch mehr Gräben aufreißen? Oder geht es nicht einfach um die laxen Waffengesetze, die man nun in Frage stellen sollte? Und nicht zuletzt: Warum muss denn überhaupt ein Gott dafür einstehen, wenn ein offenbar recht isolierter älterer Mann mit tiefster Präzision ein Blutbad vorbereitet, aus Verbitterung, aus Wut, aus Verzweiflung über Schulden, über die Gesellschaft, über den Luxus, das durch nichts zu rechtfertigen ist, für das der Schütze allein die Last trägt, die er nun über hunderte Menschen gebracht hat, die trauern, die ihre Wunden auskurieren und die sich nicht mehr auf die Straße wagen, weil sie das Vertrauen in die Öffentlichkeit verloren haben?

„Unfriede herrscht auf der Erde“, so dichtete 1977 Zofia Jasnota und verwies darauf, dass wir es sind, die viel von dem Leid, das wir ertragen müssen, selbst verschuldet haben. Warum lässt Gott das zu, fragen sich Gläubige in aller Welt, wenn sie sprachlos vor den Bildern sitzen, die aus Nevada kommen und fassungslos zurücklassen, weil niemand begreifen kann, wie eine einzelne Person derartige Grenzen zu überschreiten vermag, keinerlei Skrupel mehr zu empfinden scheint – und wir, wir rufen nach Gott, denn nahezu beschämt werden wir ganz klein nach solchen Nachrichten, spüren wir doch auch, dass es eben nicht die höhere Macht ist, die in diesem Moment herangezogen werden und auf die man seine Verärgerung abladen kann. „In jedem Menschen selbst herrschen Unrast und Unruh‘ ohne Ende“, heißt es in Strophe 2 des Kirchenliedes, die etwas Wahres in sich trägt. Nein, nicht, dass jeder von uns zum Massenmörder würde, doch dass wir als intelligente Lebewesen zu Handlungen in der Lage sind, ganz generell, die uns im Nachhinein erschüttert über unsere eigene Spezies sein lässt, das ist keine wirkliche Neuigkeit.

Jasnota hofft auf den Frieden Gottes, „nicht so, wie ihn die Welt euch gibt“, so lautet es im Kehrvers. Die Zuversicht darauf, dass Gott solche Taten zwar nicht verhindert, aber zumindest beisteht, wenn es darum geht, nun zusammen zu halten und zu erkennen, dass wir selbst in den Augenblicken größter Not nicht alleine sind, sondern dass wir Blut spenden, einen Verwundeten in unserem Auto ins Krankenhaus fahren, eine Kerze anzünden, innehalten und uns an den Händen nehmen, um zu verarbeiten, was einer von uns da angerichtet hat, diese Hoffnung ist begründet. Denn sie fußt auf der Vision, dass wir mündige Wesen sind, die ein Gott nicht länger vor den eigenen Fehltritten schützen muss. Glaubten wir einem strengen Theismus, dann müssten wir wahrlich fragen, ob Gottes Allmacht denn nicht groß genug ist, um Vorkommnisse wie das in Las Vegas zu verhindern. Die Vorstellung, dass Gott unsere Hirne lenkt und uns von Ideen abbringt, die beim Attentäter aus den USA nun offenbar bis zur Gänze gereift und dann in die Realität umgesetzt wurden, das ist gleichsam eine merkwürdige Ansicht über die Größe eines Schöpfers, der seine Ebenbilder ja eigentlich in die Freiheit entlassen hat, wie die Schrift im Römerbrief, Kapitel 6, Vers 7, oder im 1. Korintherbrief bei Kapitel 9, Vers 19 sagt.

Ernst Hansen übersetzte 1970 das Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ ins Deutsche. In Strophe 1 verweist der Titel mit der Zeile „Frei sind wir, ja zu sagen oder nein“ auf die neutestamentarische Botschaft des vernünftigen Christenmenschen, der im Mittelpunkt Luthers Reformation steht. Gott will nicht bevormunden – und er praktiziert diese Zurückhaltung gnadenlos. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn in der Konsequenz greift er auch bei den schlimmsten Fehltritten nicht ein, die die Menschen begehen. Wie aber soll das Liebe sein, fragt sich der Außenstehende, der mit der Wahnsinnstat von Las Vegas auch die Gottesfrage an sich stellt: Wofür braucht es diesen Herrscher denn überhaupt, wenn er gerade dann nicht da ist, wenn man ihn bräuchte? Zurückfragen muss man an dieser Stelle: War Gott wirklich nicht da, als die Schüsse auf das Konzertgelände fielen? Als die unzähligen Salven zu hören waren und die Menschen sich gegenseitig zu Boden rissen, um irgendwie geschützt zu sein vor dem Kugelhagel? Man muss eine strenge Theologie, eine kerzengerade Exegese verfolgen, wenn man die Logik durchhalten möchte, wonach Gott sich den Menschen gerade dadurch offenbart, dass er nicht eingreift in den Momenten, in denen wir auf ihn angewiesen wären.

Er lässt die Menschen ihre Sünden ausbaden. Und das nicht, weil er herzlos ist. Sondern weil er deutlich machen will, dass die Freiheit des Christenmenschen so weit geht, dass Gott uns zutraut, diese Welt nach unserem Ermessen und mit unserer Tragweite auch ohne seine Hilfe hinreichend selbst zu gestalten und zu lenken. Ja, wenn wir frei sein möchten, dann bedarf es dafür auch einer gewissen Entschiedenheit. Dann können wir Gott nicht dafür verantwortlich machen, was wir selbst anstellen, aber wir dürfen, ja, wir müssen ihn sogar um sein Erbarmen bitten, um aus dem zu lernen, was wir an Tragik und Traurigkeit vorfinden. Wer A will, muss auch B sagen. Für uns ist die Watte nicht vorgesehen, in der wir uns ein Leben lang einkuscheln können, wie es vielleicht in unseren ersten Jahren auf dieser Erde möglich ist. Denn wir sind auf den Boden der Tatsachen gestellt, um Eigenverantwortung zu üben. Das wird schon im Garten Eden deutlich. Wer Anderes möchte, der glaubt an den netten, alten Mann mit Rauschebart auf der Wolke. Auch dieses Bild ist zulässig, vielleicht hilft es uns gar, wenn wir in diesen Tagen nicht wissen, wohin mit all dem Schmerz. Doch für die Wirklichkeit wäre es eine Ausflucht zu denken, wir könnten uns allzeit auf einen „Airbag“ stützen, der uns eben nicht erwachsen werden lässt.

Denn wie oft wollen wir unsere Kleinsten per Kindersicherung davor bewahren, sich Brandblasen an der heißen Herdplatte einzufangen, bis sie schließlich zur eigenen Erkenntnis gelangen, dass Feuer auch gefährlich sein kann? Ja, die Menschen scheinen offenkundig allzu naiv in ihrer Überzeugung von sich selbst. Doch sie müssen eingestehen, dass in einer Welt der Gemeinschaft auch viel Leiden entstehen kann. Und dass dieses nicht per se schlecht sein muss, auch wenn wir uns fragen, welche Ausmaße Gewalt und Terror noch nehmen können. Denn wer hinfällt, der muss auch herausfinden, wie das Aufstehen gelingt. Diese Herausforderung ist nicht nur lebensnotwendig, sie ist auch eine Bereicherung in all der Verbitterung und dem Aufschreien inmitten von Las Vegas und weit darüber hinaus. Immerhin lässt sie uns stark werden und immun für manch Katastrophe, auf die wir keinen Einfluss haben. Sie hilft uns, gewappnet zu sein für das Umgehen mit der eigenen, kleinen Welt an Schicksalen, aber auch mit den großen Einschlägen, vor denen wir auch in Zukunft nicht sicher sein werden. Dass wir nach den Szenen wie aus einem Horrorfilm nicht verzagt haben, sondern im Gebet füreinander eingestanden sind, ist eine der Offenbarungen Gottes, die deutlich machen: Er ist da! In den Gesten des Trostes, in der Nächstenliebe nach den vielen Schüssen, in jedem guten Wort, dass wir den Verletzten und Angehörigen spenden. Denn das ist der Unterschied zu denen, die Gottes Existenz in solchen Augenblicken am liebsten in Frage stellen möchten: Er lässt uns nicht liegen, wir bleiben bei ihm nicht auf dem Boden zurück, sondern er gibt uns Kraft, um für uns und unser Gegenüber da zu sein.

Nur so können wir umgehen mit den Schrecken von Nevada. Jasnota führt zudem an, Gott möge „uns selber den Frieden“ geben. Damit ist viel gesagt. Wir müssen bei uns beginnen, wenn wir solche Bilder wie die in Las Vegas verhindern möchten. Denn keiner ist geschützt vor einer ausweglosen Situation, in der wir auf dumme Gedanken kommen. Die müssen bei weitem nicht derart grausam sein wie die des Mörders in den USA. Und doch ist Gottes Appell in diesen Stunden eindeutig: Sorgt mehr füreinander! Achtet auf euch und auf euren Nachbarn. Isoliert niemanden und lasst keinen zurück in seinem Elend, in seinem Tunnel und seiner Einbahnstraße aus Armut, Verlusten oder psychischer Verirrung. Gott hilft uns dabei, indem er uns Perspektiven vermittelt. Weisheit und Mut gibt er uns, das hat Irmgard Spiecker 1980 gedichtet. Mut, um Liebe zu schenken, so heißt es in der dritten Strophe. Sie brauchen wir jetzt mehr denn je. Weisheit für „die vielen kleinen Schritte“ (Strophe 4), die nötig sein werden, um das verkraften zu können, was der 64-Jährige hinterlassen hat. Es ist Umsicht gefragt, auch wenn wir in uns einen tiefen Groll hegen. Wir brauchen Mut, um „die Not um uns zu sehen“ (Strophe 2), damit künftig weniger Menschen in eine Situation kommen, in der sie jeglichen Verstand verlieren. Es sind nicht die großen Worte und populistischen Gesten, die nun Raum finden dürfen. Wir sollen für die Wahrheit einstehen, heißt es in Strophe 2. Und zu ihr gehört es auch, uns selbst an der Nase zu fassen. Nicht, weil wir lebensmüde sind, im Gegenteil… – weil uns Gott in die Welt gestellt hat, um Verantwortung zu übernehmen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Gedankenimpuls

Man kommt mit einer großen Euphorie: Nachdem ich aus einer menschlichen Enttäuschung heraus, aus einer empfundenen, wohl aber auch realistischen Ausgrenzung in der Kirche aufgrund einer vermuteten Homosexualität und einer tatsächlichen psychischen Erkrankung, aber auch aus der „Theodizée“-Frage, die mein Gottesbild wanken ließ, und einer generellen Skepsis gegenüber christlichen Vorstellungen von Auferstehung, Jungfrauengeburt oder Ewiges Leben, die sich durch das nicht mehr Mitsprechenkönnen des Glaubensbekenntnisses im Gottesdienst geäußert hatte, nach Jahren des umfassenden Engagements für die Kirche dieselbige verlassen hatte, war der Austritt ein gefühlter Abwurf von Ballast, von einer jahrelangen Kasteiung, von der Empfindung, in einer Glaubensgemeinschaft zum Außenseiter geworden zu sein, ohne dafür je einen Anlass geliefert zu haben – der dastand, ohne jetzt mit seinen Fragen jemanden löchern zu können.

Da kam die Abwendung gerade richtig: Ich war frei von den Verletzungen und Erfahrungen, die ich gemacht hatte, konnte mein Leben nun wieder neu ausloten – und wollte dies auch. Denn ohne eine sinnstiftende Weltanschauung war für mich eine Existenz gar nicht möglich. „Nihilismus“ eine Utopie, die sich manch ein Mensch vielleicht wünschen würde, die aber in Wahrheit doch nicht einmal denkbar erscheint. Dafür aber der „Atheismus“, der sich ein Dasein ohne Gott vorstellte, allein auf den Humanismus besonnen, auf die Werte der Aufklärung, auf Ethik und Moral der Vernunft, vor allem aber des Verstandes, die auch abseits eines Schöpfers und eines Lenkers lebbar erschienen. Die Überzeugung, dass die Erde aus einer Aneinanderreihungen der Entwicklungen, gleichzeitig aber auch aus Zufällen einer Evolution entstand, die in einem Urknall oder noch davor ihren Anfang fand – und die sich mitsamt des Universums immer weiter auszudehnen vermochte.

Eigentlich war es stimmig – und ich hoffte, in den von mir recherchierten Organisationen, die sich der säkularen Bewegung zuordneten, entsprechende Mitstreiter zu finden, die einer solchen Ideologie ebenfalls anhingen. Und so kam es auch: Vor allem der „neue Atheismus“ war vertreten, eine moderne Form der Radikalität, die ich rasch spüren musste. Denn es hatte gleichsam etwas Trennendes, wenn die schief beäugt wurden, die aus einer Religionsgemeinschaft in diese Vereinigungen wechselten, jene aber als die „wirklichen“ Atheisten angesehen wurden, die von Geburt an nie etwas mit Kirche zu tun hatten. Es fühlte sich ähnlich an wie damals, als mir deutlich gemacht wurde, dass Homosexuelle keinen Segen empfangen dürften – und psychisch kranke Seelsorger nicht in der Kirche willkommen seien, weshalb man mir von einem Theologie-Studium abriet. Genau so war es nun auch, mittelalterliches Dividieren in Gut und Böse.

Und ja, die Parallelen würden sich in der Folge noch an vielen anderen Beispielen offenbaren, denn von Menschlichkeit hatte man in den auf Humanismus gründenden Organisationen, in der Weltanschauung des Atheismus bisher offenkundig wenig gehört, als man mich „prüfte“, wie nah ich denn der Kirche tatsächlich noch stünde – und befand: zu nahe. Die Ablehnung war spürbar, unter den Vereinsmitgliedern galt ich nicht als einer von ihnen, hatte ich über Jahre Konfirmandenarbeit geleitet, Andachten gestaltet, im Gottesdienst musiziert – und war damit von diesem Virus, von der „Krankheit“ der Religion, befallen, die ich wohl nicht mehr loszuwerden schien und gegen die es auch keine Medizin geben sollte. Wer einmal Christ war, der blieb es auch. Diese These ist ja nicht falsch, endet doch die Zugehörigkeit zu einer Religion nicht mit dem Kirchenaustritt. Und dennoch: Wie wollte die säkulare „Szene“ eigentlich überleben, wenn sie die Tür nicht für die öffnete, von denen gerade Massen in ihre Richtung strömten?

Selten zuvor waren die Austrittszahlen aus den Kirchen so groß – und damit die Chance, die Enttäuschten in den atheistischen Kreisen aufzunehmen, riesig. Doch was bereits stutzig machen sollte, das war der Umstand, dass die humanistischen Organisationen in Deutschland keinen bedeutsamen Zulauf verbuchen konnten. Lag es möglicherweise an dieser inneren Ablehnung eines „harten Kerns“ an Atheisten, die in ihrer Auslegung der Evolutionsgeschichte strikt waren und keine Zweifel an den Deutungen zuließen, dass Materie, Teilchen und später die Affen Teil und Vorläufer von uns gewesen sind? Kaum ein Christ wollte so etwas bezweifeln, doch nicht einmal, wenn man Zweifel an der Religion und Interesse für den Atheismus mitbrachte, war man scheinbar willkommen bei denen, die auch nicht ohne einen Gott konnten – und stattdessen aus reiner Provokation ein „Spaghettimonster“ anbeteten, allein um Religion vorzuführen und sie zu bemitleiden. Und genau diese Strategie war es, die mich nach fünf Jahren wieder zum Christentum zurückführte, denn ich hatte nie zuvor gedacht, dass ich nach allen Wunden meinen Protestantismus als ehrwürdiger einschätzen würde als die, von denen ich temporär so begeistert war, weil sie modern wirkten und sich als „überlegen“ in ihrem Denken, Wissen und Glauben gaben.

Ja, Atheisten glaubten. Nicht nur an selbst geschaffene Figuren, die sie als Spiegel der monotheistischen Überzeugung demonstrativ erschufen, wie Philosophen es zuvor von Gott sagten. Nicht er war es, der den Menschen hervorbrachte, sondern der Mensch ihn. Sie glaubten auch an die Wissenschaft. Und das nicht zu knapp. Das Heilige war die Empirie, man versuchte Stimmung zu machen mit etwas, was selbst die meisten Christen ja nicht ablehnten. Sie wiederum sehen die Forschung als das Erkunden der göttlichen Schöpfung, während der Atheist sie als das Offenlegen der Evolution begreift, die ohne einen steuernden Gott auskommt. Doch Gott galt nahezu als Schimpfwort, Religion war im wahrsten Sinne „Opium für das Volk“. Der Mensch komme nicht ohne den Glauben an ein höheres Wesen aus, widersprachen sich manche Freidenker, denn sie schlossen sich damit selbst in den Kreis jener ein, die diesen „Fehler“ der Gottesgläubigkeit mit sich trugen.

Und überhaupt: Selten hatte ich ein derartiges Durcheinander von Meinungen erlebt, die gegenläufig waren, sich überschnitten und ausschlossen. Plötzlich glaubte man doch an etwas, an das Nichts, an den Ursprung des Alls in einem leeren Loch. Dann wiederum war es die Kraft in der Natur, die alles einte. Und Andere wiederum verherrlichten den Menschen so weit, dass eine Verehrung von Maria durch den Katholizismus nahezu wie Gotteslästerung erschien. Da wurde der Mensch auf den Sockel gehoben als das mächtigste aller Wesen – mit der darin sich bergenden Gefahr, übermütig und gleichsam größenwahnsinnig gegenüber der Schöpfung, pardon, des „Evolutionsergebnisses“ (ging sie nicht noch weiter? war der momentane Zustand damit nicht nur ein Zwischenergebnis?), zu werden, was er ja sicherlich auch schon geworden war, blickte man auf das Leid, das er selbst unter Flora, Fauna und Habitat angerichtet hatte.

Die Vergöttlichung des Menschen, sie wirkte abstoßend auf mich, stand sie doch im krassen Gegensatz zu der Annahme, dass wir nicht das Ende der Evolution seien und uns damit auch nicht anmaßen konnten, höchstes Wesen zu bleiben, welches nach den Theorien, die ich erst später kennenlernte, doch selbst als Katalysator wirken musste: Denn verschrieb man sich der Strömung des Transhumanismus, brauchte es den Menschen selbst, um der Evolution noch einen Anstoß zu geben. Mit seiner Fertigkeit zu Forschung, Wissenschaft und der Erfindung bahnbrechender Theorien sollte es dem Menschen gelingen, ihn und die Welt noch besser, noch weiter zu bringen, als es diese zufallsbetonte Entwicklung der „Quarks“ schaffen würde. Dass dabei wiederum die prekäre Situation eintreten könnte, dass der Mensch seine eigene Technik aus dem Ruder laufen ließe, sie selbst den Menschen überhole und ihm damit die Gewalt über seine eigene Erschaffung wegnehmen könnte, daran dachte niemand. Und doch ist es heute schon der Fall, wenn wir Szenarien entdecken, in denen nicht mehr wir uns die Welt Untertan machen, sondern unsere künstliche Schöpfung uns die Allmacht über die eigenen Zügel entreißt.

Und trotz aller Verluste, die solche Stereotypen der bisherigen und weiteren Entwicklung der Erde im Glauben an eine atheistische, an eine humanistische Weltgemeinschaft für unsere Ethik und Moral mit sich brachten, trotz allen Wegfalls an Empathie, Zuneigung und sozialer Interaktion, trotz des Untergangs dieser Erklärung, warum der Mensch es trotz einer so kalten Ideologie der Bausteine, wie sie die Evolutionstheorie verkörpert, doch schafft, so etwas wie Mitgefühl, Solidarität und Liebe zu entwickeln, hielten viele Menschen des 21. Jahrhunderts an einem „neuen Atheismus“ fest, wirkte er im wahrsten Sinne „cool“ und trendig, nicht so verstaubt und langweilig wie die Geschichten des alten Mannes auf der Wolke, der in sieben Tagen die Erdkugel und seine Bewohner darauf formte. Dass sich die Vertreter der Ideologie eines solch anrüchigen Humanismus dabei Mittel bedienten, die sprichwörtlich unter die Gürtellinie gingen, war schlussendlich der Auslöser dafür, dass ich mich zurückorientierte zur Kirche, zu einem christlichen Glauben, an denen ich aber weiterhin so viele Frage hatte, dass es noch zu früh war, an einen Wiedereintritt denken zu können.

Und so beobachtete ich inmitten der Organisationen, denen ich noch immer angehörte, wie sie ihre Werbung für den Atheismus betrieben. Und die Strategien waren einfach zu durchschauen: Kritik, Kritik, Kritik. Religionen wurden nicht mit Argumenten angegangen, sondern mit Beschimpfungen. Ihnen wurden keine überzeugenden Gegenworte entgegengebracht, sondern lediglich Beleidigungen. Und das Allerschlimmste: Die Bezichtigungen richteten sich nicht nur auf die unpersönliche Institution von Religionsgemeinschaften, sondern auf den Glauben des Einzelnen, also gegen die Würde des Menschen, was nicht nur für mich unvereinbar war mit jeder Ausübung von Überzeugung, ob Atheismus oder Monotheismus. Mit einem Angriff auf die individuellen Freiheiten des Menschen, sich seines Glaubens gewiss sein zu dürfen, ohne dafür von jenen attackiert zu werden, die meinen, Religionsfreiheit mache nirgendwo Halt, war für mich eine Grenze überschritten, die weit schwerer wiegte als so manche Verletzung, die ich in der Kirche erlebt hatte. Denn was ich glaube, das ist meine Privatsache. Dieses Credo gaben zwar auch die Säkularen aus, sie lebten es aber nicht. Wie so Vieles nicht, was sie angaben.

Denn ihre Missgunst gegen alles, was nur fromm zu riechen schien, war spätestens dort substanzlos geworden, wo es um die Frage ging, was der Atheismus der Sehnsucht des Menschen nach einer emotionalen Geborgenheit bieten könne. Bis heute habe ich darauf keine Antwort gefunden, dagegen Bierdeckel, mit denen Humanisten wie Politiker versuchen, ihre Selbstdefinition in zehn Punkten unterzubringen. Meist geht das am wahren Wert der eigenen Ideologie vorbei, denn im Gegensatz zum neuen Atheismus konnte der Glaube an einen Gott mit Respekt auf das Gegenüber zugehen. Schon allein das umschrieb die eigene Weltanschauung besser als jeder Versuch, Freidenkerei als eine „Alternative“ zur Kirchenzugehörigkeit darzustellen, die sich unter anderem als Überzeugung beschrieb, mit der man „Spaß“ haben könne. Na wunderbar! Wer solch präzise und gehaltvolle Prämissen über sich selbst abgeben kann, dem werden die Mengen (gerade nicht) zuströmen. Und genau so kommt es eben auch: Obwohl immer mehr Menschen die Kirchen verlassen, wachsen die säkularen Vereinigungen nicht an. Und das liegt nicht nur an daran, dass man es satt hat, einer Institution aus Zwang und Dogma anzugehören, sondern auch daran, dass humanistische Organisationen nicht einmal Auskunft bieten können, wenn es um Fragen des alltäglichen Lebens geht, um existenzielle Nöte, um Nächstenliebe, um das Soziale.

Während die Kirche es verschlafen hat, ihre Antworten so zu erklären, dass sie in die Gegenwart und die Umstände passen, in denen der Mensch heute lebt, so fehlt es den atheistischen Überzeugungen bislang an einer Identität, an einer stichhaltigen Auslegung ihrer Grundannahmen, die sich für eine Alltagstauglichkeit eignen. Denn beantwortet das Wissen um den Zufall die Not nach dem Erdbeben, nach der Krebserkrankung, nach dem Unglück besser als jenes um Gott, der wenigstens auffangen kann und dem man seine Anklage entgegenzubringen vermag, der gleichsam dafür sorgt, einen Trost und einen erklärten Ausgleich für all das Übel – das der Atheismus nicht als Chance zu wachsen, sondern als den „Müll der Evolution“ ansieht – in den vielen schönen Dingen hier auf Erden zu finden? Denn auch wenn Vieles an Religion Psychologie sein mag – und selbst wenn es so ist, dass sie unser „Opium“ ist, dann ist sie es allemal wert, im besten Sinne als Strohhalm gewürdigt zu werden, an den wir uns klammern können, an dem wir uns aber auch in die Pracht der Schöpfung abseilen können. Denn abseits aller Kriege, die sie uns bringt – und die von Atheisten nur zu gerne als Argument für ihre Elendigkeit herangezogen werden –, ist sie es auch, die uns wenigstens ernst nimmt in all der Not.

Auch ich habe bis heute viele meiner Fragen nicht beantworten können. Nicht die Frage, wie es denn vernünftig erklärbar sein soll, dass Maria Jungfrau geblieben ist, obwohl sie Jesus gebar. Wie ich mir das vorstellen kann, nach dem Tod, wenn wir in einem Sarg gelegen und unter der Erde verschachert werden – wie es dann möglich sein soll, aufzuerstehen und weiterzuleben. Oftmals liegt es an diesen menschlichen, ja kindlichen Vorstellungen, die einfach keine adäquate Reaktion hervorbringen können. Das müssen sie aber auch nicht. Sie wären ansonsten auch kein Glaube. Die Wahrheit ist nicht Aufgabe des Fühlens, sondern des Denkens. Auch das verwechseln Atheisten ziemlich oft. Heute bin ich wieder in der Kirche – und trage dort meine Hilflosigkeit in den Unklarheiten vor, die mir das Glaubensbekenntnis auch jetzt noch bereitet. Doch lasse ich es zu, ein anderes, ein freieres Verständnis von meinem Christentum in mein Leben zu lassen. Hätte ich dieses Geschenk bereits früher angenommen, wäre es vielleicht auch nicht nötig gewesen, einen Umweg über den Atheismus nehmen zu müssen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Glaube an Gott erfüllender ist als die Lücke, die Freidenker und Humanisten mit sich tragen – auch wenn sie sie nicht zugeben können. Und doch bin ich dankbar für diese Erfahrungen, für das Entsetzen über das Herabwürdigen von Martin Luther, über Skulpturen, die Gott nicht nur lästern, sondern ihn entblößen, über Versuche, mit „Pastafaris“ nicht nur Christen ein verblendendes Gegenüber zu platzieren, über die letztendliche Trägheit des neuen Atheismus, produktiv statt lediglich reaktionär zu sein…

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Die Selbsthilfeinitiative zu hormonellen Erkrankungen im Landkreis Konstanz bietet wieder verstärkte Beratung für Betroffene und Angehörige an. Nachdem die Zahl der Hilfsgesuche nach einigen Monaten Rückläufigkeit nach dem Sommer wieder zugenommen hat, macht Leiter Dennis Riehle neuerlich auf die Telefon- und Mail-Beratung aufmerksam, die von Laien angeboten wird, die selbst an einem der entsprechenden Krankheitsbilder leiden. Gerade Fragen zu Therapiemöglichkeiten, Kontakten zu entsprechenden Fachärzten, dem Umgang mit der Erkrankung mit all ihren Auswirkungen im Alltag oder auch zu den sozialen Folgen, die aus den Hormonstörungen resultieren können, stehen oftmals im Mittelpunkt der Beratung, die die Selbsthilfeinitiative aus ihren eigenen Erfahrungen beantwortet.

Das Angebot bezieht sich dabei insbesondere auf Betroffene von Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen. Dies können Funktionsbeeinträchtigungen der Hirnanhangdrüse sein, die durch Raumforderungen, Traumen oder unklare Ursachen ausgelöst werden. Bei Tumoren in der Hypophyse kommt es unter Umständen nicht nur zu einem Mangel der durch die Drüse zu bildenden Hormone, sondern auch zu einem Überschuss der vom zusätzlichen Gewebe produzierten. Krankheitsbilder bei Störungen der Nebennierenfunktion können das Cushing-Syndrom mit einer vermehrten Ausscheidung des Hormons Cortisol oder eine Insuffizienz der Rinde sein, was zu „Morbus Addison“ führt. Das jeweilige Ungleichgewicht an Hormonen, das häufig auch mit einer Beteiligung der (Neben-)Schilddrüse einhergeht, kann unterschiedlichste Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, auf die Psyche, auf Muskeln und Gelenke oder die Sexualfunktion haben.

Die Beratung der Selbsthilfeinitiative ersetzt keine fachkundige Beratung bei Arzt oder Therapeut. Sie versteht sich als niederschwellige und ergänzende Maßnahme im Gesundheitswesen, die von Betroffenen für Betroffene angeboten wird, um sich mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen austauschen zu können. Sie ist erreichbar unter Tel.: 07531/955401 (AB) oder Mail: mail@hormone-stoffwechsel.de.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu den Reaktionen auf die Bundestagswahl, SÜDKURIER vom 26.09.2017

Lange hatte ich gedacht, es sei tatsächlich Taktik, sich unwissend zu stellen. Die Bundeskanzlerin gab sich bei allen Problemen im Land als unbeteiligte Dritte, die nicht zu bemerken schien, warum sich die Umwelt überhaupt aufregt – bei Flüchtlingen, bei einer Schere aus Arm und Reich, beim Rückstand in Bildung und Digitalisierung.

Aussitzen, durchhalten und schweigen. Man konnte es als eine Strategie definieren, die sie durch den Wahlkampf brachte, die ihren Herausforderer an der aalglatten Außenfassade Angela Merkels abblitzen ließ. Doch spätestens nach dem Auftritt zur Analyse der Bundestagswahl frage ich mich, ob es nicht vielleicht eher eine gewollte Naivität ist, eine uninszenierte Selbstgerechtigkeit, ein Ausblenden von Realitäten, im möglichen Bewusstsein darüber, dass der Zenit der Macht überschritten ist, aus Angst und Flucht vor den Wahrheiten, was die Nöte und Sorgen in diesem Land angeht, vor dem Untergang einer Staatschefin, die in die Geschichte hätte eingehen können, wenn sie den Bogen nicht überspannt hätte.

Sich mit herben Verlusten, mit einem Erdbeben für die eigene Koalition noch immer als „Sieger“ zu bezeichnen und vorzugeben, nicht zu wissen, was man hätte anders machen sollen, das braucht schon Kalkül und eine gewisse Abstumpfung gegenüber dem Souverän, der sich veralbert vorkommen muss, wenn er abstraft, ohne, dass es jemand merkt. Wie viele Prozente hätten noch purzeln müssen, damit die CDU und ihre Vorsitzende aufwachen?

[Dennis Riehle]

Kommentar

Irgendwie schien mit dieser Presseaussendung wieder einmal ein Projekt umschrieben, bei dem ich mich fragte, ob man die Gesellschaft von Konstanz überhaupt mitnimmt in Zeiten, in denen wir uns mehr denn je Gedanken darüber machen, in welche Richtung sich unsere Stadt eigentlich entwickeln soll. Die „Vierländerregion“ bietet sich in der bayerischen Hauptstadt auf einer großen Messe dar – und Konstanz ist mittendrin im Werben um neue Investoren für sich, für die „Gründerstadt“ am See, zwischen Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein, die attraktiv gemacht werden soll für Firmen diesseits und jenseits der Grenze, doch niemand interessiert sich dafür, ob hinter diesem Stand B1.023 auf der EXPO REAL in München auch die Menschen mit ihren Meinungen von der Zukunft Konstanz‘ stehen, wenn die Wirtschaftsförderer der Stadt sich sichtbar Mühe geben, neue Interessenten zu finden, die Geld in die Kassen bringen.

Ja, natürlich können wir uns nun alle aufmachen und reisen gemeinsam zur Messe, um uns dort mit den Verantwortlichen zu unterhalten, wie wir das eigentlich sehen, als die einfachen Bürger. Doch warum vermisse ich eine Diskussion hier vor Ort, die wir parallel zu den Bemühungen der Marketingstrategen führen, die Konstanz in ein rechtes Licht rücken wollen bei den Unternehmen in der Welt? Eine Debatte darüber, ob Konstanz das eigentlich will, ob es allein um jene werben möchte, die uns wirtschaftlich stark machen, sozial aber nicht immer weiterbringen. Wir beschäftigen uns oft mit Einzelfragen, ob wir ein Gebäude an der Straße XY haben möchten, ob eine Straße nun links oder rechts Parkplätze aufweisen oder ob ein Quartier eher mehr oder weniger Wohnungen für junge Familien mit sich bringen sollte. Aber haben wir uns auch schon genügend Gedanken darüber gemacht, wo Konstanz in seiner Gesamtheit hin möchte? Wirtschaftsstandort, Stadt der kulturellen und sozialen Vielfalt, Touristenziel, Wissenschaftshochburg, Zentrum für Immobilienhaie – oder alles gemeinsam?

Wir werben auf einer Fachmesse um neue Investoren, vor allem für den wirtschaftlichen Bereich. Und das ist einerseits auch richtig so. Denn Konstanz wird sich zukünftig nicht mehr allein auf den Tourismus verlassen können, wenn es darum geht, die ökonomische Vielfalt in der größten Stadt am See abzubilden. Da braucht es Innovationen, für die der Hochschulstandort und ein Zentrum für neue Technologien auch bekannt ist. Aber wenn wir nun um neue Firmen ringen, die sich in Konstanz niederlassen sollen, vor allem auch um kleinere Unternehmen und Gewerbetreibende, die dem Platzmangel angemessen nicht den Raum benötigen, den große Betriebe für einen funktionierenden Standort bräuchten – treten wir dann nicht in Konkurrenz um Wohnraum, um nötige Flächen für Menschen, die auch irgendwo leben müssen, gerade auch dann, wenn wir ihnen zur Fahrt ins neue Großraumbüro nach Konstanz keine ewig langen Fahrten zumuten möchten?

Ja, wir haben verschiedenste Handlungsprogramme und somit die unterschiedlichsten Kochfelder, auf denen wir gleichzeitig arbeiten. Doch köchelt es dort auch ausgewogen? Oder droht nicht vielleicht der Topf, in dem wir uns nun um die wirtschaftliche Zukunft von Konstanz bemühen, überzulaufen, weil wir vor Begeisterung über unsere Innovationskraft aus den Augen verlieren, dass es noch immer die Wohnraumsituation ist, die Konstanz nicht nur zu spalten droht, sondern die gar unser Wachstum generell verhindern und uns abschotten könnte von der Außenwelt, die zu Recht aufgrund der guten Standortbedingungen an den Bodensee drängt? Und wie steht es um den Dampfdruck aus, der uns die in die Höhe schießenden Mieten, den unendlich steigenden Bedarf, das viel zu geringe Angebot und die wachsende Blase am Immobilienmarkt um die Ohren zu hauen droht?

Ich fürchte, dass mit dem Engagement auf der EXPO REAL wiederum ausländische Investoren nach Konstanz gelockt werden, die die Situation auf dem Wohnungsmarkt nicht einfacher machen – und auch nicht die für deutsche Firmen. Darum stellt sich auch hier die Frage, wie sich Konstanz definieren will: Als ein Mekka mit vergleichsweise niedrigen Mieten für die, die es sich leisten können – ob nun auf dem Markt für Immobilien, die später einmal als Wohnung genutzt werden für Schöne und Reiche aus dem In- und Ausland, oder eben auf dem, der Gewerberäume für jene zur Verfügung stellt, welche im Wettbewerb mit hiesigen Mietern aufgrund ihres Geldbeutels nur gewinnen können? Wollen wir Spitzenreiter in den Außenstellen von auswärtigen Investoren werden, die Konstanz für sich vereinnahmen und damit abkapseln vom Angebot für Betriebe aus der Region?

Und ringen wir tatsächlich genug um das Miteinander zwischen Wohn- und Gewerberaum, wenn wir uns derart prominent und überzeugt auf einer Messe präsentieren, die laut Pressemitteilung „die Gelegenheit [bietet], die Kontakte mit Investoren, Projektentwicklern, Immobilienmaklern und Expansionsabteilungen weiter zu vertiefen und neue Interessenten für Konstanz als Investitionsstandort zu gewinnen“? Und wie authentisch klingen Worte, die schwärmen „vom großen Kultur- und Freizeitangebot und hohen Gästezahlen, über die sehr gute Arbeits- und Lebensqualität sowie zwei angesehenen Hochschulen, die Nachwuchskräfte fördern“, wenn wir doch eigentlich wissen, dass es in Konstanz rumort. Zwischen denen, die sich abgehängt fühlen von einer prosperierenden Gesellschaft, die im Wohlhaben schwelgt und vor Ort mehr denn je darstellt, wie Vermögen über das Bild einer Stadt schon heute bestimmen kann. Und denen, die sich fragen, ob Konstanz noch „ihre“ Stadt ist, wenn sie überrannt wird als Touristenhochburg und Einkaufszentrum, das sich mittlerweile mehr nach seinen Gästen als nach der eigenen Bevölkerung zu orientieren scheint.

„Konstanz gilt als das Zentrum dieser dynamischen, stark wachsenden Zukunftsregion“, so verheißt es die Pressemitteilung zur Präsenz der Stadt auf der EXPO REAL. Doch wohin wachsen wir? Und wollen wir überhaupt so weiterwachsen, wie es in den vergangenen Jahren geschehen ist? Solche Fragen blenden wir gerne aus, denn sie könnten gerade in Zeiten, in denen sich der Wutbürger an den Urnen deutlich Ausdruck verliehen hat und Wahlergebnisse eine Schere zeigen, die gerade für Konstanz soziale Sprengkraft mit sich bringt, unangenehm werden, wenn sie von denen beantwortet werden sollen, die seit jeher hier leben oder wissen möchten, ob sie jemals die Chance haben dürften, sich am Bodensee niederzulassen. Denn auch wenn wir den „Campus Konstanz“, „Petershausen West“ oder das „Stromeyersdorf“ auf der Messe als „konkrete gewerbliche Projekte“ vorstellen, so schwingt doch mein Unmut mit, nur eine Seite der Medaille zu sehen, nur eine Perspektive für Konstanz, an dem gerade viele Interessen nagen…

Nein, man möge mich nicht falsch verstehen. Ich spreche mich nicht gegen den Wirtschaftsstandort Konstanz aus. Ich habe auch nichts gegen jene, die hier verantwortungsvoll Ökonomie leben möchten. Und auch nicht gegen jene, die ethisch verantwortbar wohnen wollen. Aber ich bin dafür, Politik und Public Relations nicht vorbei an den Menschen zu betreiben. Sich nicht das Stimmungsbild einzuholen, nicht zu hinterfragen, was Konstanz mit seinen Bewohnern denn möchte, das empfinde ich als fahrlässig – und befürworte viel eher, dass wir gemeinsam, unter Wahrung aller Belange, Notwendigkeiten und Zwänge, im Diskurs und in einem Verhandeln zu einem Weg finden, wie wir Konstanz zu einer lebenswerten Stadt machen und sie bleiben können. Kommunizieren wir nicht nur mit Investoren, sondern auch mit Bürgern. Werben wir bei ihnen für die besten Lösungen – und hinterfragen wir manches Mal auch, wie derart isolierte Maßnahmen wie Stand B1.023 bei den Menschen vor Ort ankommen mag, bei denen, die momentan damit zu kämpfen haben, ihre nächste Miete zusammenzukratzen…

[Dennis Riehle]

Meinungsbeitrag

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz – sie hatten wieder einen Auftritt. Nein, dieses Mal ging es nicht um das Reformationsjubiläum. Und auch haben sie sich getrennt voneinander geäußert. Aber ihre Aussagen klangen wieder einmal ähnlich, doch gleichsam unnötig: Man dürfe dem Hass nicht erlauben, sich im neuen deutschen Parlament in Worte zu fassen. Eine stabile Regierung wünscht man sich wohl, so klingt es aus den Botschaften, die die beiden Kirchen nach der Bundestagswahl ausgesandt haben – und die es allesamt bis in die Hauptnachrichten am Abend schafften. Nichtssagend – und dennoch braucht es das in Deutschland offenbar selbst im 21. Jahrhundert noch immer: Die beiden Konfessionen müssen den Wahlausgang mit staatstragenden Worten kommentieren, sie sagen nicht viel Anderes als die Vertreter aus der Wirtschaft oder der Gewerkschaften. Aber Hauptsache, sie haben überhaupt etwas gesagt. Doch hätten wir es vermisst, wenn sie einmal geschwiegen hätten?

Wieder einmal demonstriert sich im Alltag der Bundesrepublik die enge Verbandelung zwischen Politik und Kirchen. Konfessionelle Nachrichtenportale vermelden, wie viele bekenntnistreue Christen es als Abgeordnete in den Bundestag geschafft haben, es wird analysiert, wen die christlichen Wähler im Land warum gewählt haben. Und die Diskussion bricht los, ob unter künftigen Koalitionen die Themen Religionsfreiheit, Lebensschutz und Familie einen entsprechend großen Raum einnehmen – denn das sind die Angelegenheiten, die gerade konservative katholische oder evangelikale Gläubige bewegen. Nicht lange werden wir warten müssen, bis feststeht, wen Juden, Muslime, Buddhisten und Atheisten gewählt haben. Doch interessiert uns das tatsächlich? Warum müssen wir das religiöse Bekenntnis bis heute mit der politischen Programmatik vermengen? Es geht um Macht und Einfluss, es geht nicht um den Glauben. Nicht darum, ob ein Abgeordneter seine Arbeit auf Basis seines Gewissens ausübt, sondern ob er Politik im Interesse einer Lobbygruppe machen wird – einer weiterhin zu großen Gruppe, der der religiösen Aktionisten, die mitreden und mitgestalten wollen.

Welchen Wert haben die Feststellungen von Marx oder Bedford-Strohm über die AfD, über die Gefahr für unsere Gesellschaft, über die Schwierigkeit, unter dem jetzigen Ergebnis rasch eine Koalition zustande zu bringen, die hält? Wir alle wissen, dass wir vor demokratische Herausforderungen gestellt sind, dass die parlamentarische Arbeit nicht einfacher wird mit sechs Parteien, von denen eine zumindest schon im Vorfeld dadurch auffällt, dass sie nicht zu beabsichtigen vermag, vernünftige Sachpolitik betreiben zu wollen. Wir haben all das gehört von SPD bis FDP, von Grünen bis zur CDU – warum braucht es das noch aus dem Munde der Klerikalen? Mich turnen solche Zwischenrufe ebenso ab wie die naive und gleichsam selbstgerechte Darstellung einer Kanzlerin, die eines der schlechtesten Ergebnisse der Nachkriegsgeschichte für ihre Partei eingefahren hat, aber betont, dass sie nicht wüsste, was sie im Wahlkampf hätte anders machen sollen. Wenn die Kirchen diesem Lande etwas Gutes tun wollen, dann würden sie sich auf die Verkündigung ihres Evangeliums am Sonntag von der Kanzel konzentrieren. Genauso, wie Angela Merkel sich auf die Aufarbeitung ihres desaströsen „Wahlerfolges“, stärkste Kraft geworden zu sein, fokussieren sollte…

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

Veröffentlicht unter Glaube.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für Ihre Äußerungen auf der Vertreterversammlung.

Allerdings warne ich vor zu einfachen Antworten: Wir dürfen aus meiner langjährigen Erfahrung in der Selbsthilfearbeit, durch die ich viele Patienten mit ihren Meinungen ganz direkt erlebe, nicht einfach davon ausgehen, dass die Ambulantisierung der Medizin als gottgegeben oder unabwendbar hingenommen wird. Sie mag politisch gewollt sein, ob sie allerdings auch den Vorstellungen der Patienten entspricht, darüber scheint aus meiner Sicht noch keine hinreichende Debatte geführt worden zu sein.

Im Gegenteil: Ich erlebe, wie die Diskussion, immer mehr Behandlungen ambulant statt stationär durchzuführen, bei vielen Patienten zu großen Sorgen führt. Unzureichende Aufklärung über die Möglichkeiten der ambulanten Therapie, Angst vor ungenügender Nachbehandlung, schlechte Erfahrungen mit zu kurzer (teil-)stationärer Behandlung, die die Bedenken vor einer vollständig ambulanten Versorgung noch steigert – all dies sind Befürchtungen, die wir nicht unter den Tisch kehren dürfen. Wir sind dafür verantwortlich, nicht nur in finanziell-wirtschaftlichen und praktischen Dimensionen zu denken, sondern uns auch in die Empfindungslage der Patienten hineinzuversetzen.

Außerdem konnte vielen Patienten bis heute nicht überzeugend dargelegt werden, dass sowohl Ausstattung wie auch Umfeld ambulanter Therapien gerade bei schwerwiegenderen Erkrankungen ausreichend genug sind, um einen problemlosen Erfolg der Behandlung auch gewährleisten zu können. Denn in den Köpfen ging der Prozess der Ambulantisierung bei weitem nicht so schnell voran wie in der Wirklichkeit. Und doch müssen wir die Menschen mitnehmen, wenn wir sie davon überzeugen wollen, dass viele Krankheiten auch ambulant in der nötigen Qualität und gleichsam Seriosität und Sorgfalt behandelt werden können wie in der Klinik.

Das Ringen um die Krankenhäuser vor Ort zeigt, wie wichtig die stationäre Versorgung allein aus psychologischen Gründen ist. Dass im Notfall eine Klinik in der Nähe ist, das gibt Menschen Sicherheit und steigert zudem die Lebensattraktivität einer Region. Zwar können neue Modelle der Versorgungszentren für viele Krankheiten tatsächlich einen adäquaten Ersatz für die klinische Behandlung darstellen, wir dürfen uns aber nicht zu sehr von der Vorstellung verabschieden, die Gesundheitsversorgung könne sich zu großen Teilen ausschließlich auf die ambulante Säule verlassen.

Insofern fordere ich weniger Tempo in der Dynamisierung einer Entwicklung, die Deutschland zwar einerseits auch gesundheitspolitisch international wettbewerbsfähig bleiben lässt, die andererseits aber nicht darauf verzichtet, die Bedürfnisse der eigenen Patienten zu vernachlässigen. Auch wenn letztere nicht immer in der Lage sind, in Ausnahmesituationen auch zu erkennen, dass „ambulant“ nicht schlechter sein muss als „stationär“, braucht es zwingender denn je Information und Transparenz im Ambulantisierungsprozess. Und nicht zuletzt: Wer sich „ambulant vor stationär“ wünscht, der muss gleichsam eine ambulante Versorgungslage vorhalten, die in der Lage ist, die ihr zugestandenen Dimensionen an Patienten und Behandlungen auch zu bewältigen. Bedarfsanalaysen aus den vergangenen Jahrzehnten reichen dann nicht mehr aus, um die Versorgung zu gewährleisten.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!

Beste Grüße

[Dennis Riehle]

Liebes Theater Konstanz,

zum Beginn der neuen Spielzeit haben Sie uns eingeladen, unsere Zweifel über den Glauben mit Ihnen zu teilen. Ja, ist denn da wer? Diese Frage bewegt den Menschen tatsächlich. Und wahrscheinlich viele von uns öfter und intensiver, als wir es wirklich zugeben möchten. Mit einer im religiösen Sinne bewegten Vergangenheit plagte mich das Zaudern über diesen Gott zumindest heftiger, als es mir lieb gewesen wäre. Zunächst tief christlich verwurzelt, den kirchlichen Glauben „vorbildlich“ praktiziert – wie man mir sagte –, kamen die Zweifel nicht nur aufgrund gesundheitlicher Rückschläge immer häufiger auf. Die klassische Theodizée-Frage machte sich breit, nicht danach, warum Leid unter einem allmächtigen Gott überhaupt existiert – sondern warum es so ungerecht verteilt ist. Und gleichsam: Wieso lässt er es zu, dass in „seiner“ Kirche auf Erden so viel Missgunst herrscht, so wenig Liebe, sondern eher Neid und Unredlichkeit?

Über mehrere Jahre im säkularen Spektrum aktiv, als Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“, musste ich gleichsam feststellen: Eine Antwort auf die drängenden Fragen über unsere Existenz, über unsere Herkunft, über das, was uns lenkt, gibt es auch dort nicht. Im Gegenteil: Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man das komplexe Universum auf einen Urknall und eine Evolution zurückführt, in der gefühlt alles nach Zufall läuft? Und tun wir denen nicht unrecht, die wir ob ihres Glaubens an eine höhere Macht verspotten, nur, weil wir selbst nicht in der Lage sind, eine Sehnsucht nach Erklärungen aufzubauen? Berauscht uns Religion tatsächlich und befriedigt auf diese Art unsere täglichen Sorgen und Nöte, ohne uns wissenschaftlich fundiert, dafür aber emotional gelenkt mit dem auseinanderzusetzen, was für Humanist und Christ gleichsam schwer nachzuvollziehen ist? Macht sie uns abhängig von einer Gestalt, die wir vielleicht eigens erschaffen haben? Und ist sie in Wahrheit nur ein trügerischer Strohhalm, der bei den wirklichen Belastungen unseres Lebens spröde abzubrechen vermag?

Heute bin ich wieder zurück in der Kirche, weil ich die Härte, mit der unter vielen Atheisten über Menschen gesprochen wird, die allein darauf vertrauen, dass physikalische Formeln nicht der Anfang, sondern das Ende der Gedankenkette sind, die eben daran glauben, dass die komplizierten Dinge einen Schöpfer brauchen, dass es einen Grund dafür gibt, wie sich unsere Welt und unser Kosmos entwickeln, nicht mehr ertragen konnte. Ja, Religion braucht Kritik, Glaube aber wiederum den Respekt. Denn die Institutionalisierung dessen, wovon wir überzeugt sind, weist schon allein deshalb Fehler auf, weil Gemeinschaften stets durchtrieben sind von Herrschaftsansprüchen und der Lust nach Macht. Doch das, was ich persönlich denke, wovon ich überzeugt bin, das kann mir niemand nehmen. Die Würde des Menschen, die Freiheit der Meinung und des Gewissens, sie sind aus gutem Grunde unantastbar. Und damit auch das, was jeder Einzelne von uns glaubt. Denn diese Individualität muss keinen Argumenten standhalten, sondern lediglich den Anforderungen unseres Alltags.

Doch das, was eine Religion durch ihre Dogmen, durch ihre Lehren daraus macht, das braucht wiederum keinen Schutz, sondern das bedarf reflektierten Nachfragens. Theater ist dieser Spiegel, den wir benötigen, wenn wir eingefahren sind in den Spurrillen des Daseins. Wenn wir nur deshalb beten, weil es die Tradition von uns verlangt. Wenn wir die auswendig gelernten Texte vor dem Kreuz heruntersagen, ohne je verstanden zu haben, was wir da wirklich in den Mund nehmen. Wenn wir zu Untaten schweigen, weil der Mantel des Verhüllens schon immer alles verdeckt hat. Wenn wir Gott nur deshalb anflehen, weil Vater und Mutter uns von seiner Gegenwart erzählt haben. Theater fragt uns, ob wir mündig sind. Es greift die Wahrheiten auf, vor denen wir im Zweifel schamhaft kapitulieren müssen. Denn Theater bringt uns zum Weiterdenken. Unser Horizont erweitert sich dorthin, wohin wir uns nie vorzudringen gewagt hatten. Auch deshalb, weil uns Theater nicht allein lässt mit den Entdeckungen, die beim Grübeln offenbar werden. Theater nimmt uns mit, gibt uns den Freiraum, eigene Visionen zu entwickeln, ohne uns aber zurückzulassen in dem Neuen, sondern uns gemeinsam auf Utopien vorzutasten, mit denen wir Gesellschaft von morgen gestalten können.

Wenn ich zurückkomme auf das, was mich aus der Kirche getrieben hat – abseits der zwischenmenschlichen Enttäuschungen –, dann bin ich nicht ohne Grund wieder eingetreten. Denn sobald wir uns fragen, warum Gott all das Übel über uns ergehen lässt, dann müssen wir auch eingestehen: Stehen wir doch dazu, dass auch wir maßgeblich mitschuldig sind am Zustand unserer Welt! Dass Menschen blutüberströmt in den Straßen liegen, weil sie von einem Attentäter mit einem Geländewagen niedergefahren wurden. Dass Häuser unter Geröll versinken, weil wir die Wälder abgeholzt und Siedlungen dort gebaut haben, wo sich eigentlich die Natur breit gemacht hatte. Dass Tiere in den Meeren sterben, weil wir in unfassbaren Mengen Plastik produzieren und damit das Leben unter Wasser bedrohlich werden lassen für die, für die es eigentlich gedacht war. Wenn wir uns die Welt heute untertan machen, dann übertreiben wir in der üblichen menschlichen Hybris – das Schlimme ist nur, dass wir es heute nicht einmal mehr merken, wie unfair wir dabei eigentlich Gott und den Opfern gegenüber vorgehen.

Wann beginnen wir, selbst Verantwortung zu übernehmen? Wir wissen, was gut und böse ist, heißt es bereits in Genesis. Doch nur Jesus war bislang einer derjenigen, der aufrichtig vor den Anderen stand, der ehrlich gewesen ist bei der Frage, ob er der König der Juden sei. Und der, der wusste, dass niemand den ersten Stein werfen würde, wenn es um die Frage der Unbeflecktheit geht. Der für die Wahrheit Geißelung hinnahm, die schlimmer war als ein Sitzenbleiben in der Schule, der Verlust unseres Arbeitsplatzes oder auch die Grippe, die uns ans Bettelt fesselt – für die wir allesamt aber ihn zur Rechenschaft ziehen wollen in unserer begrenzten Vernunft darüber, dass wir selbst die größten Schulden mit uns tragen. Beschämt stehen wir da im Paradies. Gott soll es wieder richten, dass wir nicht darauf gehört haben, was er uns gesagt hat. Wie die Kleinsten, denen man mit Mühe einige Regeln beibringt, und die sie doch aus reiner Hablust heraus erneut brechen. Und dann sind wir feige, geben unser Tun nicht einmal zu, lügen lieber – und reiten uns damit noch mehr ins Unglück hinein. Den Jüngsten mag man es verzeihen. Doch kaum bedeckt vor lauter Peinlichkeit sind es Adam und Eva, die für unsere Gewissenlosigkeit stehen und deutlich machen, dass wir als Erwachsene nicht besser sind – im Gegenteil.

Wir empfinden Leid und Herausforderung, Nöte und Qual als das Böse. Doch will Gott uns wirklich schaden, wenn er uns einem schweren Krebsleiden aussetzt, wenn er uns in die Arbeitslosigkeit rutschen lässt oder uns vor die Scheidung von unserem Partner stellt? Nein, er möchte, dass wir wachsen. Und das kann nur funktionieren, wenn wir in Freiheit leben dürfen. In der Freiheit, selbst zu wissen, was Gott mit uns vor hat. Er ist immer wieder eine Zumutung und eine Verwunderung gleichermaßen – und doch fühlen wir, wenn wir ernstlich darüber nachdenken, ob er nun strafen will oder einfach nur helfen möchte, dass wir aus uns heraus die Kraft nehmen können, Schwierigkeiten unseres Lebens selbst zu bewältigen. Um aus der Krise gestärkt hinaus zu gehen, braucht es zuerst die Erfahrung, unten angekommen zu sein. Wäre es tatsächlich besser, wenn alles auf der Welt nur gut wäre? Nein, niemand kann verstehen, warum das Böse derart zuschlägt, wie wir es gerade momentan wieder erleben. Und doch kann sich die Parabel über Gottes Liebe nur erschließen, wenn wir nicht allein das Übel ersehen. Als Christen glauben wir an die Auferstehung, nicht an den Tod. Zweifelsohne fällt es uns schwer, den Lichtblick zu erkennen, falls ein Elternteil gestorben ist, wenn wir nicht wissen, wie wir die nächste Rechnung zahlen sollen oder wenn die Untersuchungsergebnisse so lange auf sich warten lassen. Wenn uns aber jemand in den Arm nimmt, uns begleitet und im Zweifel die Freude und Erleichterung mit uns teilt, dann können wir ansatzweise empfinden, weshalb es Leiden brauchte.

Wenn wir begreifen, dass Gott uns auf diese Erde gestellt hat, damit wir sie uns nicht nur zu eigen machen, sondern vor allem, um als seine Kinder erwachsen zu werden und die Reife zu erlangen, das Leid auch als Chance zu sehen, Heilung erfahren zu dürfen und zu können, indem wir wach und gleichsam aufmerksam die Augen nach seiner Gnade offenhalten, dann werden wir ihm Vertrauen geben, ohne ihn kontrollieren zu müssen. Denn unsere Erwartungen sind unnötig, weil Gott uns viel mehr zutraut, als wir es selbst tun. Er muss nicht um uns schwirren, damit wir den Alltag meistern. Das Wissen um seine Gegenwart, immer dann, wenn wir sie tatsächlich brauchen, nämlich dann, wenn wir sie gerade nicht einfordern, ist in unserem Hinterkopf. Sie gibt uns Sicherheit in dieser Freiheit, uns als eigenständige Wesen entwickeln zu können. Wir werden die Zuwendung Gottes dann erfahren, wenn sie vollkommen überrascht. Wenn wir nicht mit ihr rechnen, weil sie oftmals so klein und für uns so selbstverständlich ist. Er lädt uns ein zu einer Achtsamkeit, sein Antlitz funkelt oft symbolisch durch das Tägliche. Geben wir dem Guten die Möglichkeit, in unserer Welt der scheinbaren Verdammnis neue Hoffnung zu spenden.

Das traue ich auch dem Theater Konstanz zu – und wünsche uns eine spannende Spielzeit 2017/2018!

Ihr

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung zu
„Der Hass der Buddhisten“, „neues deutschland“ vom 22.09.2017

In unseren Tagen richten wir hauptsächlich ein Augenmerk auf Terror und Gewalt, die von einem extremistischen Islam ausgehen. Dass Religion aber offenbar ein grundsätzlicher Anlass scheint, um Hass, Missgunst und Neid zu schüren, macht nicht erst jetzt der als sonst so friedliebende Weltanschauung gelobte Buddhismus deutlich.

Wenn Religionsführer gegen Andersgläubige hetzen, dann ist das überall zu verurteilen, egal, wer dahinter steckt und welchen Ursprung es gibt. Vorurteile sind nicht zum ersten Mal Ausgangspunkt von ethnischen Säuberungen, sie beruhen meist auf der Überheblichkeit und dem Anspruch auf Alleinstellung einer Religion – und auch der Buddhismus scheint offenkundig Probleme damit zu haben, wenn ihm „Konkurrenten“ in den Weg kommen.

Als solche nimmt man die Muslime in Myanmar wohl wahr, und letztlich zeigt sich, dass jede noch so ausgeglichen wirkende Religion das Potenzial in sich trägt, zu Aggression zu neigen, wenn ihr jemand in den Weg tritt und die Absolutheit streitig macht. Von Kreuzzügen über Selbstmordattentate bis zu Vertreibungen – Rivalitäten unter denen, die verschiedenem Glauben anhängen, dürften der mehrheitliche Grund für Unfriede sein. Welche(r) Go(e)tt(er) würden das wohl rechtfertigen?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Aus Anlass des Welttages zur Seelischen Gesundheit am 10. Oktober 2017 warnt die Selbsthilfegruppe für Zwänge, Phobien und Depressionen im Landkreis Konstanz vor zu viel Gelassenheit: „Nur, weil wir mittlerweile desöfteren etwas von Depressionen im Fernsehen hören oder in der Zeitung lesen, ist die Entstigmatisierung von Betroffenen noch lange nicht fortgeschritten“, so der Leiter des Angebots, Dennis Riehle, der ergänzt: „Wir erleben in unserer Arbeit, dass die Scham weiterhin sehr groß ist und sich Erkrankte bereits gegenüber Angehörigen fürchten, zu ihrer Betroffenheit zu stehen. Noch schwieriger wird es im Arbeitsumfeld, unter Freunden oder Schulkollegen – denn immer häufiger sind auch Schüler, Studenten oder Auszubildende unter den Erkrankten“.

„Auch, weil wir nicht richtig wissen, wie wir mit psychischen Erkrankungen umgehen sollen, verharmlosen wir sie. Ob als Betroffener oder auch als Gegenüber – wenn wir das Ganze auf ein ‚BurnOut‘, auf Stress oder den Leistungsdruck schieben können, sind wir erleichtert, uns nicht weiter mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen. Dabei sind das häufig nur einige der Auslöser für schwere Leiden wie die Depression, die natürlich in vielen Fällen auch eine Wurzel in unserer gesellschaftlichen Entwicklung des Schneller, Weiter, Höher hat“, meint Riehle, der gerade für diese Situationen mahnt, die Erkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: „Was sich mittlerweile nach einer gängigen Volkskrankheit anhört, ist zwar heute eine gut behandelbare, aber noch immer nicht im Bewusstsein der Menschen angekommene seelische Störung, die dringend einer Therapie bedarf“.

Gerade zum Welttag sei es daher wichtig, auf die Ernsthaftigkeit der Thematik hinzuweisen: „Uns hilft die gute medizinische und psychotherapeutische Unterstützung, die vor allem in den vergangenen 20 Jahren an Fahrt gewonnen hat, nur wenig, wenn Mitmenschen in der Annahme der Erkrankung nicht mitziehen. Dabei erleichtert es die Betroffenen erheblich, wenn sie sich nicht noch im eigenen Umfeld rechtfertigen müssen, sondern offen über ihre Situation sprechen können. Der Appell geht daher zum Abbau von zwischenmenschlichen Hürden und zum Aufbau von Vertrauen in den engsten Beziehungen“, so Riehle, der in der Selbsthilfearbeit oft gerade zu der Frage berät, wie Erkrankte sich ihren Nächsten gegenüber öffnen können – und wie Angehörige im Zweifel auf ein „Geständnis“ reagieren sollten.

„In der Kommunikation gibt es Wichtiges zu beachten, sie muss befreit sein von Vorwürfen, dafür unterfüttert von ‚Ich-Botschaften‘ und der beiderseitigen Bereitschaft, Überforderung einzugestehen“, erklärt der 32-Jährige, der selbst mit schweren Depressionen zu kämpfen hat und weiß, dass im Zweifel ein offensiver Umgang helfen, aber auch risikoreich sein kann: „Man sollte genau abwägen, welcher Person man wann seine Erkrankung anvertraut. Denn nicht jeder Zeitpunkt ist ideal dafür. Und manchmal rate sogar ich dazu, lieber zu schweigen“. Gleichsam gelte für die Allgemeinheit, das Thema der seelischen Erkrankungen auch im Alltag nicht zu tabuisieren. „Warum sprechen wir so leicht von einer Grippe, tun uns aber bei einer Depression so schwer? Einen logischen Grund dafür gibt es für mich nicht!“, motiviert der Gruppenleiter zu mehr Mut.

Für Rückfragen steht die Selbsthilfeinitiative unter Mail: info@zwang-phobie-depression.de oder über Tel.: 07531/955401 (AB) zur Verfügung. Das ehrenamtliche Angebot ist kostenlos und steht Betroffenen, Angehörigen und Interessierten offen.

[Dennis Riehle]