Sehr geehrte Damen und Herren,

das Magazin „stern“ veröffentlichte am 16.03.2016 in seiner Online-Ausgabe unter http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/germanwings-absturz–eltern-ueber-andreas-lubitz—verzeihen—wir-nicht–6748766.html den Artikel „Die Kirche verzeiht. Wir nicht.“, der nach meinem Verständnis gegen den Pressekodex verstößt. Entsprechend bringe ich eine Beschwerde vor. Ein Ausdruck des Artikels ist beigefügt.

Begründung:

Neben der Ankündigung des Magazins, in seiner gedruckten Ausgabe auf die „umfangreiche Krankenakte“ des Co-Piloten der „Germanwings“-Maschine einzugehen – welche ich wiederum bereits bei einem anderen Medium als Verstoß gegen anprangerte und in einer gesonderten Beschwerde vorbrachte –, ist in vorliegendem Fall besonders dieser letzte Absatz des Beitrages Gegenstand der Kritik.

Die Aussage der Online-Redaktion „Sie [die Ärzte, Anm. d. A.] … verschrieben ein Antidepressivum mit Nebenwirkungen“ zeugt zunächst von großer Unwissenheit der Autoren. Es ist allgemein bekannt, dass ein Medikament immer Nebenwirkungen aufweist, da sonst kein Wirkungsmechanismus möglich wäre (vgl. hierzu Kuschinsky, Gustav in: Mutschler Arzneimittelwirkungen, 9. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, S. 91). Die Feststellung der „stern“-Redaktion verunsichert damit Patienten unnötig, suggeriert sie doch, es gäbe Psychopharmaka mit und ohne Nebenwirkungen, was offenkundig als nachweislich falsch zu betrachten sein dürfte.

Daneben formuliert der Artikel „Es [das Medikament „Mirtazapin“, Anm. d. A.] erhöht nachweislich das Suizidrisiko“. Diese offenbare Tatsachenbeschreibung muss ebenso als ungenau zurückgewiesen werden. Nebenwirkungen werden als „mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen“ verstanden (vgl. beispielsweise Laux, G. / Dietmaier, O.: Psychopharmaka: Übersichtlich und verständlich. Springer, 9. Auflage. Heidelberg: 2013, S. 81). Sie sind also lediglich als eine Kann-Erscheinung zu verstehen, deren Eintritt mit einem abgestuften Risiko denkbar ist. Nach Diskussion unter Betroffenen unserer Selbsthilfeinitiative kamen langjährige Anwender des Präparats „Mirtazapin“, zu denen auch ich gehöre, zu der Auffassung, dass die generalisierte Aussage über dieses Medikament, wie sie der „stern“ betreibt, aus praktischer Erfahrung nicht haltbar ist. Wie viele andere Psychopharmaka kann auch „Mirtazapin“ das Suizidrisiko erhöhen, muss aber nicht. Die Irritation und Verängstigung durch „stern“ gegenüber denjenigen, die dieses Medikament nutzen, ist entsprechend als unverantwortlich anzusehen.

Beide vorgenannten Umstände bringen mich zu dem Ergebnis, eine Verletzung von Ziffer 2 und Ziffer 14 Pressekodex anzunehmen, die einerseits die Sorgfaltspflicht in der Recherche einfordern sowie hervorgehoben in der Medizin-Berichterstattung „eine unangemessene sensationelle Darstellung“ verbieten, „die unbegründete Hoffnungen oder Befürchtungen beim Leser wecken könnte“.

Der entsprechende Vorwurf des Magazins an den Psychiater, wonach dieser haftbar für das Verschreiben des Medikaments an einen wissentlich im Pilotendienst stehenden Patienten gemacht werden sollte, ist unter der Maßgabe, dass der Artikel keinerlei Angabe darüber liefert, ob der Erkrankte damals über etwaige unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufgeklärt wurde (womit sich der Arzt wohl konform mit der bisherigen Rechtsprechung [BGH VI ZR 289/03 vom 15.03.2005] verhalten hätte und dem Credo des „mündigen Patienten“ – als welcher auch der Co-Pilot betrachtet werden müsste, wenn er ausschließlich an einer, wie der „stern“ selbst beschreibt, depressiven Erkrankung litt – Folge geleistet würde), als insgesamt unnötige Aufstachelung gegenüber einer ganzen Berufsgruppe anzusehen, weswegen hier ein Verstoß in Bezug auf Richtlinie 13.1 – der Vorverurteilung – sowie gegen den Schutz der Ehre des Arztes und seiner Zunft – Ziffer 9 – vermutet werden kann.

Im Übrigen sehe ich Aussagen über die sterblichen Überreste des Co-Piloten, ebenso, wie die generelle Absicht zur Offenlegung der Krankengeschichte im eklatanten Widerspruch zu mehreren Ziffern des Pressekodexes, wie ich sie bereits in der Beschwerde vom 7. März 2016 deutlich machte. Auch der „stern“ hat nach meinem Dafürhalten in aller Abwägung des öffentlichen Interesses zu diesem die Bundesrepublik zweifelsohne bewegenden Fall (siehe meine Argumentation in o.g. Beschwerde) Richtlinie 8.6 (Berichterstattung über Erkrankungen), Richtlinie 8.7 (Berichterstattung über Selbsttötung), Ziffer 1 (Achtung der Menschenwürde – auch die Würde des/r Toten!) und Richtlinie 4.2 (Berichterstattung bei schutzbedürftigen Personen – auch derjenigen, die sich nicht mehr äußern können!) tangiert.
Ob darüber hinaus in der Aufarbeitung, die auch der „stern“ mit den ersten Absätzen des vorliegenden Artikels in sensationeller Weise betreibt, der Opferschutz (und besonders der der Angehörigen in ihrer Gesamtheit) – Richtlinie 8.2 – gewahrt bleibt, steht im Ermessen des Presserates.

Ich bitte entsprechend um Prüfung des Artikels und verbleibe
mit freundlichen Grüßen

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

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