Kommentar

Besinnt euch auf die Wurzeln!“ – so könnte es Martin Luther uns auch heute noch zurufen. Und er hätte aus seiner Kernbotschaft der Reformation eine gemacht, die wir in vielen Lebensbereichen anwenden könnten. „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten“: Gerade jetzt, in den Tagen, da wir ihr 500. Jubiläum feiern, da leben wir im Jahrhundert, in dem der Mensch immer weiter hinaus, immer schneller vorweg, immer höher hinauf möchte, da sind die Thesen von Wittenberg doch eine Ermahnung, wieder in Respekt vor die Schrift zu fallen, sie ernstlich zu hinterfragen und ihre Rufe für unser Leben zu berücksichtigen. Von Schwangerschaftsabbruch über Präimplantationsdiagnostik, von Sterbehilfe bis zum Transhumanismus – dem Niederreißen menschlicher Grenzen durch Technik und Forschung, von einem Familienbild des Pluralismus bis hin zu einer Gesellschaft in Vielfalt. Ideologisch und für den Einzelnen mag Vieles von dem, was heute machbar und bereits Realität ist, völlig normal, notwendig und ein Zeichen des Fortschritts von Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Überwindung der Demut sein. Demut, die wir nicht mehr aufzubringen bereit sind, die wir Gottes Wort entsagen wollen, aus Eigennutz heraus, weil wir meinen, das Leben besser verstehen zu können als er. Die Reformation sollte die Überhöhung des Klerus überwinden, heute geht es darum, den Narzissmus und die Gier nach der Unendlichkeit zu stoppen. Kehren wir zurück auf den Boden des Rationalen, um nicht Dämme zu durchbrechen, die sich nie wieder schließen lassen.

Wir treiben Kinder ab, wie es uns gerade gefällt, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Wir verschwenden keinen Gedanken mehr daran, was Matthäus in Kapitel 19, Vers 14 sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Denn ihnen gehört das Himmelreich“. Denn: Wie sollen die Kinder überhaupt zu Jesus kommen, wenn sie nicht einmal das Licht der Welt erblicken dürfen? Aus der christlichen Überzeugung heraus, dass das Leben nicht erst mit dem dritten, vierten oder fünften Monat, vielleicht gar erst mit der Geburt beginnt, ist der heutige Trend zum frühzeitigen und übereilten Schwangerschaftsabbruch nicht vereinbar. Das Annehmen des Kindes in seiner jeglichen Ausformung, es steht als Überschrift über vielen Gesetzen der biblischen Zeugnisse, auf die wir uns gerade dieser Tage wieder besinnen sollten. Da ist nichts erwähnt von Behinderung, von Geschlecht oder Augenfarbe – ein Kind ist ein Kind. Es ist ein Geschenk Gottes, so, wie er es gemacht hat. Nach seinem Ebenbild schuf Gott uns Menschen bereits laut Genesis. Doch heute vertrauen wir den Grundfesten unseres Daseins nicht mehr, nämlich der Zusicherung, dass Gott jeden Einzelnen von uns in seiner Ausprägung führt, leitet und schützt. Natürlich sind die Lebenswelten komplexer geworden. Aber die Entscheidung zu Nachwuchs, sie fällt jetzt genauso wie vor Jahrhunderten im Bewusstsein dieser Einzigartigkeit, mit der wir keine Spiele treiben sollten.

Die Reformation erinnert uns daran, dass wir auf dieser Welt nicht nach Beliebigkeit mit dem Leben umgehen dürfen – wenngleich wir es „technisch“ könnten. Wieso schafften es Menschen früher, ihre Existenz mit vielen und wenigen Kindern zu organisieren, mit einer Geburtenkontrolle auf natürlichem Weg, mit einer Enthaltsamkeit, weil das Bewusstsein größer war, dass Sexualität nicht allein zum Spaß, für einen „One Night Stand“ gedacht ist, sondern Ausdruck von Verantwortung bleibt? Sie wertschätzten das Wunder der Geburt viel stärker als wir es heute tun. „Kinder machen“ – und sie im Zweifel wieder abzutreiben, wir setzen unseren Körper und unsere Seele einem Schindluder aus, machbar ist alles, rücksichtsvoll nur wenig. Wer sich auf die Schrift zurückorientiert, der wird innehalten vor dem Wunder des Lebens, gerade auch aus Empathie, aus Mitgefühl mit der Frau und ihrer Integrität. Selbstbestimmung ist nicht dann, wenn wir Kinder zeugen und Schwangerschaft abbrechen, sondern wenn wir Bedacht walten lassen, wenn wir Klugheit und Weisheit in der Weitsicht der Folgen an den Tag legen, die für viele Paare, die heute einem abgetriebenen Baby nachtrauern, so schmerzhaft bewusst sind. Reformation ist die Rückkehr zur Einsicht, dass unser Schlagen über die Stränge so viel Leid über uns bringt. Denn was wir in dem nahezu manischen Rausch des „Ich darf das“ vergessen, ist die Frage, ob wir verkraften können, was wir voller Unbedacht propagieren und letztlich auch tun.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“, so fragt Jesaja in Kapitel 49 – und redet uns damit ins Gewissen. Nie wird es aus unseren Seelen, aus unseren Köpfen verschwinden, die Schuld einer unüberdachten Entscheidung, ob das Kind nun gerade nicht in unsere Zeit passte, weil wir alleingelassen wurden von unserem Partner, weil unsere Berufsziele dagegen sprachen oder weil wir uns zu jung und überfordert fühlten für eine Mutterschaft, die uns in die Pflicht nimmt, mit der wir aber nie ohne Rückhalt dastehen. „Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen“, schreibt Jesaja an besagter Stelle. Als Gemeinschaft stehen wir zusammen, die Zukunft unseres Landes gemeinsam aufzuziehen, in einem Rechtsstaat, der soziale Absicherung leistet und in dem wir uns nicht winden müssen, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind. Neben all dem staatlichen Zusichern von Unterstützung wird Gott es sein, der keine einzige Mutter fallen lässt im Glauben an ihn und seinen Sohn. Das sichert die Bibel uns zu, das wird mit der Reformation deutlicher denn je. Und so sollten wir uns im Gedenken an die Thesen auch darüber im Klaren sein, dass es nicht in eine Welt des Christen passt, sich Kinder nach dem eigenen Wunsch auszusuchen, es widerspricht der Schrift eklatant. „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, sagt 1. Mose 1,27. Welche Torheit liegt in uns, dann in Frage zu stellen, das, was dort reift im Leibe der Mutter? Mit Präimplantadionsdiagnostik, mit Eingriffen in das werdende Leben, wollen wir herausfinden, ob es uns taugt, was heranwächst.

Egoistisch, allein auf unsere Befindlichkeiten gemünzt, ergötzen wir uns an den Ergebnissen von Tests, die uns letztlich vor die „Auswahl“ stellen. In Wahrheit sorgen wir uns nicht um die Zukunft unseres Kindes. Wissen wir doch nicht, wie es glücklich sein kann und will. Wenn wir den Lebenswert einem Neugeborenen nur deshalb abzusprechen vermögen, weil Krankheit, Behinderung oder Größe nicht in das Konzept der „normalen“ Welt zu passen scheinen, tun wir ihm nichts Gutes, wir beschneiden es wiederum seiner eigenen Selbstbestimmung! Welch ein Widerspruch in Zeiten, in denen Frauen für ihre Freiheit kämpfen – und sie ihren Kindern nicht einmal das Recht zugestehen möchten, dieses Gefühl der freien Entscheidung überhaupt je zu empfinden. Wir suchen nach Ausreden, um uns vor der Herausforderung zu winden, ein Kind ins Leben zu führen, das nicht dem Ideal der Kantenlosigkeit entspricht, das uns wenig Mühe bereitet und das wir so früh als möglich entlassen können in die Welt. Weil wir uns von Lasten lösen wollen, um unabhängig zu sein, das eigene Dasein zu genießen. Denn aus heutiger Sicht sind wir geboren, um möglichst viel für uns, und nur für uns, erreichen zu können. Und so ergeht es uns auch in der Gestaltung der Familie, so schauen wir allein auf das „Ich“ und den Profit, den wir aus dem Zusammenleben mit einem Partner ziehen, den wir uns über unsere natürlichen Grenzen hinweg auszusuchen vermochten. Selbstredend können und sollen wir einander lieben, jeder seinen Nächsten. Doch was wir heute aus dem Gebot in 1. Johannes 4,16 gemacht haben, das entspricht nicht dem, was Gott uns einst sagen wollte.

Heute schläft jeder mit jedem, heiratet, wen er möchte. Auch das ist alles möglich, doch wird es richtig, was der Zeitgeist uns verheißt, nur um einer angeblichen Mündigkeit des Einzelnen willen? Im Sinne eines Individualismus, der uns überheblich werden lässt gegenüber Vorschriften und Geboten, die nicht in unseren Alltag passen wollen, werfen wir das über Bord, was uns in unserer persönlichen Entwicklung zu „behindern“ droht. Dass Kinder „Vater und Mutter“ brauchen, weil die Unterschiedlichkeit der Geschlechter das abbildet, was Evolution und Natur an Ganzheitlichkeit für sie vorgesehen haben, diese Gegebenheit aus 2. Mose 20,12 wird um des Diskriminierungsverbotes dieser Tage verworfen. Reformation lässt uns nachdenklich blicken auf das „Jeder mit jedem“, auf eine „Ehe für alle“, auf ein Adoptieren von Kindern von Vätern und Vätern, durch Mütter und Mütter. Nicht, weil wir ihnen nicht zutrauten, die Kleinsten zu erziehen. Aber weil die sozialen Chancen andere sind, ob mit oder Stigmatisierung, die Einflüsse von Mann und Frau auf Reifung und Entwicklung eines Kindes sind gesellschaftlich von Bedeutung, sind psychisch eine Stütze, ohne die es den Kindern nicht schlechter geht, aber auch nicht besser. Dabei wollen wir doch aber die größtmöglichen Potenziale bieten, wenn wir uns schon entscheiden, einem neuen Leben hinein in diese Welt zu verhelfen. Die Wärme der Mutter, es braucht keine wissenschaftlichen Belege, um zu wissen, dass sie gut tut. Und natürlich wird sich ein Kind auch in den Armen zweier Väter prächtig machen – aber wird es uns jemals ehrlich darauf ansprechen, warum es nicht die Liebe einer Frau spüren durfte, der Frau, die es gebärt hat? Warum es etwas entbehren musste, nur, weil wir uns durchsetzen wollten? Wir können uns eine Welt so lange schönreden, bis auch Studien uns die Ergebnisse verheißen, die wir im „Mainstream“ hören möchten.

Reformation ist die Rückbesinnung auf das Leben, so, wie Gott es uns gegeben hat. Sie ermahnt uns auch im Blick auf das Ende des irdischen Daseins. Leiden will heute niemand mehr, dabei ist die Erfahrung des Durchschreitens von Tälern so existenziell. Keiner wird unerträglichen Schmerz spüren müssen, wenn Krankheit und Alter uns dahinsiechen lassen. Doch können und dürfen wir der Tragik manches Lebensabschlusses einfach deshalb entrinnen, weil uns die Fähigkeit gegeben ist, selbst über unser Ableben zu bestimmen? Den meisten Menschen geht es in der Sterbehilfe heute darum, niemanden in Angst allein zu lassen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; dein Stecken und Stab trösten mich“ (Psalm 23,4) verheißt uns Gelassenheit für den Moment, in dem wir um unser Leben bangen. In mancher Ausweglosigkeit und Deprimiertheit, wir sind gehalten von der Hand Gottes. Wir können nicht tiefer fallen. Deshalb gibt es auch keinen Grund, weshalb wir nur das Schöne in unserem Hiersein genießen, aber das Herausfordernde nicht durchschreiten sollten. Es lehrt uns Aufrichtigkeit und Beständigkeit, es hilft uns trösten und wieder aufzustehen vom Boden, auf den wir geworfen sind. Die Schwere zu umgehen, indem wir ihr entfliehen, uns um sie drücken wollen, das ist nicht nur mutlos, sondern zeugt von fehlendem Vertrauen in Gottes Gnade, die am Ende zurückbringt auf den Boden der Tatsachen, auf eine Grundlage, von der aus es weitergehen wird.

Reformation erdet uns. Sie bringt uns wieder in die Grenzen des Menschlichen. Wir brauchen keine Phase der Überwindung des Menschseins, wir brauchen kein transhumanistisches Denken. Aus ständiger Sorge vor einem Rückschritt, den Anschluss zu verpassen oder nicht ausgekostet zu haben, was theoretisch möglich gewesen wäre – all das klingt nach dem egozentrischen Siegergen, mit dem wir zum Gewinner werden wollen. Wir wollen den ersten Platz erringen, vielleicht wollen wir gar dem Tod entkommen. „Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“, sagt Matthäus 10,39. Wenn wir uns dieser Tage wieder neu bewusst werden, dass ein krampfhaftes Anhängen am Dasein nicht mit dem Endlichen vereinbar ist, das uns die Schrift verheißt, dann werden wir wiederum klar über unsere limitierte Vernunft. Denn sie lässt uns streben nach einer falschen Unendlichkeit, nach einem ewigen Leben hier auf Erden, das für uns aber nicht vorgesehen ist. Wie auch wäre das Wissen um ein Hamsterrad in all dem Irdischen nur zu ertragen, wenn wir nicht gleichzeitig um der Verheißung des Paradieses wüssten? Dass auf uns himmlische Perspektive wartet, doch nur dann, wenn wir uns nicht überschätzen, wenn wir uns nicht selbst zu überhöhen versuchen und uns nicht zum Götzen machen, das ist eine Einsicht, die sich nur mit reformatorischer Bescheidenheit verstehen lässt. Ohnehin: Reformation ist nichts für die, die nach Luxus, Lastern und dem Lebemann sinnen. Gehorsam, um wieder einmal Ordnung, Regeln und Verlässlichkeit in unser Hier und Jetzt zu bringen. Einzugestehen, dass Rastlosigkeit uns entfernt von Glaube und Fundament, uns abbringt vom Weg der Gerechtigkeit, das ist eine zutiefst schwierige Aufgabe. Doch niemand behauptete, dass Luther einfach war…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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