Pressemitteilung

Die Selbsthilfeinitiative zu Zwangsstörungen, Phobien, psychosomatischen Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz hat im Februar 2016 die bislang höchste Zahl an Anfragen seit Beginn ihrer Aufzeichnungen registriert. Neben 99 Mail-Anfragen gingen 58 Telefonanrufe beim Leiter Dennis Riehle ein, der den Trend seit längerem beobachtet: „Wir hatten eine beständig steigende Nachfrage, doch immer wieder mit Schwankungen. Die aktuellen Zahlen sind allerdings die eindrucksvollsten, die ich in über zehn Jahren meiner Arbeit erlebt habe“.

Gliedert man nach Krankheitsbildern, so führt die Depression als Grund, weshalb sich Menschen an Riehle gewandt: „Zu diesem Krankheitsbild meldeten sich rund 40 Prozent der Hilfesuchenden, ob Betroffene oder Angehörige. Gefolgt von Zwangsstörungen mit 35 Prozent. Angststörungen waren in etwa 15 Prozent der Fälle Ausschlag gebend, bei knapp 10 Prozent waren es psychosomatische Krankheitsbilder. Die Kontakte kamen dabei zu rund 70 Prozent aus dem Landkreis Konstanz und den umliegenden Landkreisen, auch aus der angrenzenden Schweiz. 30 Prozent aus dem restlichen deutschen Bundesgebiet“.

Die Ursache für den fortwährenden Anstieg des Bedürfnisses nach Kontakt zur individualisierten Selbsthilfe sieht Riehle in verschiedenen Erklärungen: „Einerseits nimmt kaum noch jemand regelmäßig an Gruppentreffen teil, weil Vieles über die neuen Medien einfacher ist. Andererseits möchten die Menschen punktgenaue Unterstützung für ihr eigenes Anliegen, ohne sich dabei mit denen von anderen Betroffenen auseinandersetzen zu müssen. Damit wird der eigentliche Kerngedanke der Selbsthilfe ad absurdum geführt – und es ergeben sich Trends, die auch ich als Aktiver in der ehrenamtlichen Arbeit berücksichtigen muss. Deshalb habe ich seit einiger Zeit vermehrt auf die Mailberatung und das Angebot telefonischer Kontaktaufnahme umgestellt“.

Dass gerade bei den seelischen Erkrankungen die Dimensionen derart steigen, beurteilt Riehle differenziert: „Wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir lediglich behaupteten, dass die Menschen dauernd psychisch kränker würden. Zweifelsohne sind bei den neurotischen, phobischen und Belastungsstörungen, die stark auf äußere Einflüsse reagieren, sicherlich Zunahmen der Krankheitszahlen zu beobachten. Da tun komplexe Lebenssituationen, Stress am Arbeitsplatz und genereller Leistungsdruck ihr Übriges. Vielmehr müssen wir aber glücklicherweise auch attestieren, dass sich Betroffene seit einigen Jahren viel schneller als früher niederschwellige Hilfe suchen, weil die Stigmatisierung der psychischen Krankheiten ganz langsam abnimmt“.

Dadurch sieht Riehle auch Herausforderungen für die Hilfeleistenden: „Wir müssen insgesamt aufpassen, dass wir das Versorgungssystem nicht überlasten. Und dabei spreche ich von professionellen wie von freiwilligen Kräften. Bedauerlicherweise sind die Folgen eines ‚kosteneffizienteren‘ Gesundheitswesens schon heute für die stationären, niedergelassenen und ehrenamtlichen Unterstützer spürbar. Kürzere Verweildauern im Krankenhaus führen zu häufigeren Ansprüchen auf ambulante Hilfe, obwohl die Zahl der Psychotherapie-Plätze ohnehin deutlich zu niedrig ist. Zudem hat bisher die neue gesetzliche Regelung eines besseren Aufnahme- und Entlassmanagements noch nicht gegriffen. Obwohl die kommunale Bedarfsplanung hervorragend ist, sind es Bundesgesetze, die an der Realität leider umfassend vorbeigehen. Als Resultat landen viele Betroffene dann als ‚Übergangslösung‘ bei der Selbsthilfe. Eigentlich können wir diese Aufgabe aber nicht übernehmen, sondern ergänzend zu den Hauptamtlichen wirken. Doch alleine lassen wollen wir die Menschen auch nicht“, so Riehle abschließend, der als selbst Betroffener entsprechende Erfahrungen teilen kann.

[Dennis Riehle]

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