Leserbrief
zur Streckensperrung am „Rastatter Tunnel“, SÜDKURIER am 14. August 2017

Wie kann es passieren, dass bei Tunnelarbeiten derart gravierende Fehler geschehen? Man kann es fast nur mit einem systematischen Versagen erklären, wenn auf einer der Hauptrouten im deutschen Bahnverkehr Gleise aufgrund einer Erdbewegung in eine Schiefstellung geraten, die nun verantwortlich ist für Schienenersatzverkehr, Umleitungen und schwere Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Das Image der „Bahn“ als zuverlässiges Transportunternehmen musste ja schon desöfteren leiden, vor allem durch Streiks. Doch nun scheint sie mehr denn je Opfer einer eigenen Politik geworden zu sein, die ihren Anfang spätestens bei „Stuttgart 21“ nahm. Ein blindes Vertrauen darauf, dass erfassbare Risiken nicht eintreten mögen – und der Glaube an den lieben Gott, dass er physikalische Gesetze außer Kraft setzen möge, damit man bei der Bahn in Ruhe seine Projekte zu Ende bauen kann.

Dass diese Naivität nicht aufgehen kann, hatte sich irgendwann doch zu offenbaren. Glücklicherweise gab es keine Personenschäden, doch dieses Ereignis muss ein Weckruf für eine viel größere Zeitbombe inmitten der baden-württembergischen Landeshauptstadt sein.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Sind Hamburgs Richter überhart gegen die G20-Gefangenen“, WELT vom 09. August 2017

Das „allgemeine Rechtsverständnis“, das Richter immer wieder für die Begründung ihrer Urteile zurate ziehen, würde auf die Frage sicherlich mit „Nein“ antworten. Nein, natürlich sind die Hamburger Juristen nicht zu harsch im Umgang mit den Randalierern, mit den Kriminellen und den Gewalttätigen der Proteste am G20-Gipfel.

Denn sie müssen, wie wir es regelmäßig in solchen Situationen hören, die „volle Härte des Gesetzes“ zu spüren bekommen. Doch passt diese Idee, sich auch nach der Meinung der breiten Bevölkerung zu richten, nicht so recht zur blinden Justitia, die sich eben nicht beeinflussen lässt von Populismus und den Stammtisch-Parolen jener, die fordern, ohne die Konsequenzen ihrer oftmals unüberdachten Äußerungen zu erfassen.

Denn auch wenn Urteile bei uns „im Namen des Volkes“ gesprochen werden, heißt das nicht, dass sie geleitet sein dürfen von der Seele derjenigen, die ohnehin im Innern kocht ob Unzufriedenheit mit dem Staat, aus persönlichen Nöten in Existenz oder Finanzen, aus Verdrossenheit über Politik und alles, was von „da oben“ kommt.

Urteile müssen vertretbar sein, insbesondere gegenüber dem eigenen Gewissen, das gilt auch für Richter. Und sie sind nicht dazu da, die Gier nach Rache aus der kreischenden Menge zu befriedigen. Wäre es so, hätte es etwas von der Verurteilung Jesu, wäre mittelalterlich. Damit will sich Hamburg, wollen sich die Richtenden dort doch nicht schmücken, oder?

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Ex-Präsident Wulff erntet für neuen Job scharfe Kritik“, „Abendblatt“ vom 07. August 2017

Der Hype um den ehemaligen Bundespräsidenten, als es um seine Beziehung, sein Haus oder darum ging, wann er mit wem Zeit verbrachte, hat mich damals abgeschreckt. Denn es war einem Menschen nicht würdig, derart in seine Privatsphäre einzugreifen. Da hatte Christian Wulff meine volle Solidarität – und ich bewundere, wie er mit Anfeindungen, Unterstellungen und Vorwürfen unterging.

Allerdings ist die jetzige Nachricht, sollte sie denn stimmen, von gesellschaftlich viel größerer Brisanz, denn sie rückt Politiker in die Nähe von Managern, die den Hals nicht vollzubekommen scheinen: Reichen denn über 200 000 Euro Ehrensold zum Leben nicht aus? Hat Wulff aus privaten Gründen derart viele Verbindlichkeiten, dass er einen Zusatzverdienst braucht?

Natürlich rechnet man in solchen sozialen Schichten offenbar mit ganz anderen Zahlen, doch es bleibt ein „G‘schmäckle“, wenn einem ehemaligen Staatsoberhaupt die riesigen Summen für seine kurze Amtszeit nicht genügen. Und dass er sich dann auch noch am Bosporus etwas hinzuverdienen will, ist obendrein recht taktlos. Denn Wulff bleibt eine Person öffentlichen Lebens und trägt auch weiterhin politische Verantwortung.

In Zeiten, in denen Deutschland von Erdogan gegängelt wird, ist es eine merkwürdige Konstellation, wenn ein früherer Bundespräsident genau in jenem Land Geld scheffeln möchte, in dem deutsche Journalisten in Haft gehalten werden. Nein, damals stand ich auf Wulffs Seite, heute verstehe ich ihn überhaupt nicht mehr…

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Es war in der Mittelstufe. Wie ist das eigentlich mit dem menschlichen Leben? Eine große Frage stellten wir uns da. Über Wochen beleuchteten wir im Religionsunterricht aus verschiedenen Perspektiven, was denn nun die Würde des Menschen so ausmacht. Von der Geburt bis zum Tod. Für die meisten Mitschüler in meiner Klasse waren die Themen „Abtreibung“ oder „Sterbegeleitung“ bis dahin nie ein Thema. Und wenn, dann war es doch die Entscheidung der Frau, die Schwangerschaft zu beenden – oder die des kranken Mannes, der nicht länger unter Schmerzen dahin vegetieren wollte. Während im Laufe der Zeit die meisten Klassenkollegen zu der Einsicht kamen, dass man einen Sterbewilligen nicht so einfach in den Tod entlassen dürfe, ihm vor allem nicht helfen könne beim Sterben, blieb es beim Schwangerschaftsabbruch doch bei dem Standpunkt, dass es das Recht der Frau sei, was sie mit ihrem Bauch mache. Dass es ja nicht zufällig dazu gekommen ist, schwanger zu sein, das interessierte niemanden. Denn es war Konsens: Die Selbstbestimmung der Frau überwiegt das Recht auf Leben eines Fötus, von dem man ja nicht einmal weiß, was er von alledem mitbekommen wird, was wir da draußen so debattieren – behaupteten zumindest meine Mitschüler. Und heute muss ich zu meiner Schande gestehen, auch ich befasste mich viel zu wenig mit solch ethischen Fragen, glaubte diesem Biologielehrer auf dem Pausenhof, der auch eher „zeitgemäß“ daherkam, wie mein Sitznachbar es formulierte, und daher eine „Mainstream“-Meinung in Zeiten der Emanzipation vertrat. Er relativierte, was denn so ein heranwachsendes Kind fühlen könne. Der Embryo, den er uns anhand einer Figur zeigte, berührte unsere Emotionen wohl eher als die seinigen.

Unser Religionslehrer entschied sich, daraufhin eine Vertreterin einer Beratungsorganisation einzuladen. Vom dahinter stehenden Verein war bekannt, dass man eher den Feminismus befördere, aber sicher nicht darüber nachdenken wollte, ob eine Frau überhaupt das Recht haben kann, ihr Kind „wegzumachen“. Mit diesem Begriff ließ sie uns aufhorchen, als sie zum Unterrichtsbesuch kam. Wovon sprechen wir da eigentlich? Da geht es doch nicht um eine Krankheit, die man loswerden will – oder Sondermüll, der schnellstmöglich fortgeschafft werden muss. Ich erinnere mich, wie wir Schüler uns zunächst etwas verschrocken ansahen. Die Farbe des Kopfes unseres Religionslehrers verfärbte sich in ein helles Rot, noch hielt er sich aber zurück. Ganz selbstverständlich fuhr die Dame fort, wie denn so eine Abtreibung aussehe. „Ihr müsst euch das wie bei einem Staubsauger vorstellen“, begann sie ihren nächsten Satz. Wie bei einem technischen Gerät schilderte sie die Beendigung eines heranwachsenden Lebens, um zur Feststellung zu gelangen: „Das geht recht einfach und schnell, das ist heute keine große Sache mehr“. Unser Lehrer sprang auf, mit einem hochroten Kopf schlug er seine Tasche vom Pult, seine Schlagadern waren nach außen getreten und mit einem noch nie dagewesenen Zorn fuhr es ihm heraus, was ihr denn einfalle, so über einen Menschen zu sprechen. „Aber das ist doch lediglich ein Zellknäuel“, entgegnete sie. „Woher wissen Sie das?“, schaukelte sich die Auseinandersetzung hoch. „Ansonsten dürften wir doch gar nicht abtreiben“, meinte die Frau. „Doch, weil es der Gesetzgeber in Deutschland erlaubt“. Die Stunde war zu Ende – und wir blieben irgendwie hilflos zurück im Dilemma, wer denn nun recht hatte.

Es war diese Unterrichtsstunde, die mich in Wertefragen von einem „liberal“ denkenden Christen zu einem „konservativen“ machte. Denn ich war offenbar einer der wenigen Schüler, denen diese Erfahrung eine Lehre war. Wie leichtfertig sprechen Personen, die davon überzeugt sind, mit einem Schwangerschaftsabbruch auch noch etwas Gutes zu tun, vom menschlichen Leben? Haben sie sich je Gedanken darüber gemacht, was passieren würde, wenn sich solch eine Sichtweise durchsetzt? Wären wir nicht längst ausgestorben, weil wir manche Befindlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtiger gewertet haben als den Weitblick dafür, dass wir nicht alleine sind mit der zweifelsohne großen Verantwortung, Eltern zu werden? Ja, man mag mir heute vorwerfen, ich hätte als Mann keinerlei Gefühle für die Nöte der Frauen. Doch tut man nicht nur mir damit unrecht. Denn meine Sorge um die, die mitten im Job stecken, noch nicht einmal eine Ausbildung begonnen haben, von Sozialleistungen leben oder gar in eigener Krankheit den Alltag nicht mehr bewältigen können und dann mit der Herausforderung einer Schwangerschaft konfrontiert sind, ist groß. Sie ist größer als irgendein Kümmern derjenigen, die ohne langes Überlegen an Abtreibung denken – und damit meinen, ein „Problem“ schnell zu lösen. Wie grausam kann ein Denken sein, wie emotionslos ein Handeln, das nur darauf aus ist, das eigene Wohl zu bewahren – und dabei über den Tod hinwegzugehen, das Sterben eines heranwachsenden Babys als „Kollateralschaden“ in Kauf zu nehmen. Schwangerschaftsabbrüche waren seit jeher ein Ausdruck von Egoismus, und Beratungen, die nur das Ziel hatten, zügig einen entsprechenden Schein auszustellen, verhöhnen die wirklichen Probleme von Mädchen, von Frauen. Denn mit einer Abtreibung ist überhaupt nichts gut. Im Gegenteil: In fast allen Fällen wird es noch viel schlimmer. Tiefe Schuldgefühle und der Vorwurf der Gewissenlosigkeit holen diejenigen ein, die eigentlich Mütter hätten werden sollen – aber nur darauf gehört haben, was ihr Kopf sagt.

Lange fragte ich mich, ob es überhaupt eine Situation geben kann, in der ein Schwangerschaftsabbruch „gerechtfertigt“ ist. Bis heute ringe ich mit mir, wie es im Falle einer Vergewaltigung aussehen kann. Wir sagen oft, dass es ja nicht die Schuld des Kindes sei. Doch kann ich in diesem – und nur in diesem – speziellen Moment zumindest verstehen, dass Frauen aus gutem Grunde größte Schwierigkeiten damit haben, ihr Baby auszutragen. Alle anderen Unwegsamkeiten lassen sich bewältigen – ob wir uns nun völlig überfordert sehen, weil wir selbst noch Kind sind, weil wir scheinbar kein Geld haben, um das Kleine durchzufüttern, oder weil der Vater sich auf und davon gemacht hat und wir meinen, nun ohne Hilfe klarkommen zu müssen. Die eigentliche Aufgabe von Beratungsstellen wäre es, für all diese Lebensprobleme Hilfestellungen aufzuzeigen. Es ist ein Skandal, dass wir heute zum Schwangerschaftsabbruch beraten werden, ohne ausreichend über Alternativen dazu informiert zu werden, die das Leben schützen. Dass das so ist, erfahre ich in meiner eigenen Beratungspraxis regelmäßig neu. Da berichten mir Frauen nicht selten unter Tränen, dass sie abgetrieben haben – und meinten, dies in bestem Wissen und Gewissen getan zu haben. Denn sie ließen sich ordnungsgemäß „coachen“, erfuhren aber kaum etwas darüber, welche seelischen Konsequenzen ein Schwangerschaftsabbruch mit sich bringen kann und dass es doch noch Möglichkeiten gegeben hätte, das Kind „durchzubringen“. Pflegeeltern oder Adoption sind dabei nur die letzten Wege. Wie oft hilft bereits die Sicherheit, die durch entsprechende soziale Leistungen, Unterstützungsmaßnahmen des Staates, des Engagements der Zivilgesellschaft gegeben werden kann. Eine fatale Einschätzung von werdenden Müttern ist heute, sie seien vor und nach der Geburt alleine. Ja, in einer sich wandelnden Gesellschaft, in der die Anonymisierung voranschreitet und der Narzissmus sich bahnbricht, muss man befürchten, dass sich niemand dafür interessiert, wenn wir „abstürzen“. Das sollte uns zu denken geben…

Und in aller Diskussion um die Zwänge der heutigen Wohlstandgesellschaft vergessen wir die banale Freude über das Leben. Jede Mutter, die abtreibt, wird nicht diesen wunderbaren Augenblick genießen können, in dem ein Neugeborenes – ihr Neugeborenes – das Licht der Welt erstmalig sieht. Es ist ein Grund zum Jubeln, nicht die Angst darf uns reiten, wenn es um die Zukunft unseres Landes geht. Familienpolitisch haben viele Akteure der Vergangenheit versagt, weil sie gerade diese ansteckende Liebe zum Leben nicht vermitteln konnten. Weil Bürokratie die Emotionen verdrängt hat, die mit jedem neuen Kind auf diese Erde gebracht werden. Es sind Hilfemaßnahmen einerseits, vor- und nachgeburtliche Unterstützung andererseits, jedoch gleichsam auch Anreize und eine Stärkung unseres gemeinsamen Wertekanons, der Nachwuchs nicht länger als Belastung begreift, sondern ihn als das größte Geschenk überhaupt anpreist. Mir gehen diese Bilder noch nicht aus dem Kopf, von den Abtreibungen, die unzählig jeden Tag neu vollzogen werden, weil wir nicht eingegriffen haben – und sei es nur mit unserer Stimme im Wahllokal, für einen Lebensschutz, der diesen Namen auch verdient. Denn wir alle tragen Verantwortung, Geschlechtsverkehr ist nichts für den alleinigen Spaß und das Befriedigen von Trieben. Wir sind zur Fortpflanzung geschaffen worden und wissen darum, dass mit dem Akt eine Verschmelzung von Eizelle und Spermium verbunden ist – und genau zu diesem Zeitpunkt ein neues Lebewesen entsteht. Die Idee eines neuen Lebens überträgt sich, das ist die Botschaft eines jeden Beischlafes. Und würden wir ihn nicht so stiefmütterlich zur reinen Maschinerie aus Gier und Lust verkommen lassen, wüssten wir auch, welche Pflichten uns übergeben werden. Sex ist nichts für jede fünf Minuten, dafür ist er zu wertvoll. Und wüssten wir darum, bräuchten wir auch nicht ständig neue Verhütungsmethoden, die lediglich dazu dienen, unser Bewusstsein rein zu waschen von der Schuld der Auswüchse des „Verkehrs“.

Was legitim ist – und was eben nicht, das entscheidet jeder von uns mit seinem eigenen Ethos. Wir dürfen uns aber nicht beschweren, wenn uns das Mögliche letztendlich einholt und das Sinnvolle überholt. Denn nur, weil wir Kinder heute abtreiben können, heißt das noch lange nicht, dass wir das auch sollten. Eine Welt, in der es für den Menschen keine Grenzen mehr gibt, wird zu einer Bedrohung für ihn selbst. Denn seine Sündhaftigkeit kehrt dann zurück wie der Bumerang, der sich verselbstständigt hat in der Beliebigkeit der verschiedenen Ansichten. Was heute selbstverständlich ist, das ist eben noch lange nicht gut. Und nur, weil der Mensch glaubt, er habe die Befugnis, über sich und die Welt bestimmen zu können, ergibt sich noch lange kein Recht darauf, über fremdes Leben zu herrschen. Wo ist unsere Gesellschaft schon heute, wenn es nur um die Frage des Bauches der Frau, aber nicht mehr darum geht, was in ihm heranwächst? Auf den ersten Blick sind nicht alle Klientinnen dankbar, die sich in meine Beratungen begeben. Denn manches Mal bin ich vielleicht sogar zu ehrlich. Die meisten von ihnen haben aber bereits eine Karriere bei vielen Anlaufstellen hinter sich, immer wieder auch die Abtreibung. Und nein, es darf nicht um Vorwürfe gehen, sondern um die Aufklärung, dass es künftig andere Auswege gibt, auch wenn alles um uns herum für einen Moment so aussichtslos erscheint. Das nächste Kind wird seiner Mutter dankbar sein, leben zu dürfen. Und für das, das diese Freude nicht erreichen konnte, gilt unsere Trauer. Ich kann die aufgestauten Schlagadern meines früheren Religionslehrers heute nicht nur verstehen, ich verteidige sie auch. Denn es macht wütend, wenn wir eine Ignoranz erfahren müssen, die sich abhebt von jeglicher Rechtfertigung für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, gespeist aus der persönlichen Unzufriedenheit mit Benachteiligung oder Ausgrenzung, mit dem Gefühl, ständig „diskriminiert“ zu werden. Überall dort, wo Abtreibung als eine Chance gesehen wird, kommt die Einsicht zu spät, dass wir eben doch nur Gast hier sind – und dass nicht nur (das) „Ich“ überleben möchte…

[Dennis Riehle]

Leserbrief
„Autobahn-Bösewichter: Nur, weil wir hinschauen, sind wir keine Gaffer!“, WELT vom 28.07.2017

Hinschauen ist erlaubt, nicht aber ein sich ergötzendes und labendes Gaffen, das Rettungsfahrzeuge behindert und lediglich Ausdruck von Sensationsinteresse ist.

Es ist menschlich, bei Ereignissen nicht wegzusehen. Aber es ist ein Unterschied, ob wir Hilfe unterlassen und stattdessen den Weg für die versperren, die das nicht tun – oder reaktionär Neugier zeigen.

Im Zeitalter moderner Aufnahmegeräte ist der Anreiz höher, Dramatik für die Ewigkeit festzuhalten und die meisten „Likes“ für die besten Videos im Netz zu erhalten, statt weiterzufahren und Respekt zu zeigen vor Szenen, die nicht würdig sind, medial aufgearbeitet zu werden.

Die Unterscheidung zwischen reflexartigem Hingucken und dem gierigen „Hängenbleiben“ an der Situation ist recht einfach. Die zwischen Normalo und Bösewicht damit aber auch…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Wer bestimmt, was Kinder lernen?“, FAZ vom 23.07.2017

Die staatliche Aufgabe zur Bildung junger Menschen versus des Rechts der Eltern auf Erziehung: Bei der Frage, was Kinder in der Schule lernen sollen, prallen zwei Grundrechte aufeinander. Und es bleibt die stetige Frage nach der Ausgewogenheit, um nicht nur die Pflicht des Bildungsauftrages zu erfüllen, sondern auch die weltanschauliche Orientierung der Erziehenden zu respektieren. Denn bereits 1978 hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG 47,46 = NJW 1978, 807) die besondere Stellung der Eltern in der Mitsprache von Bildungsinhalten unterstrichen, gerade im Sexualkundeunterricht.

Die Proteste von heute sind also keinesfalls hysterische Ängste von Vätern und Müttern, die sich über manch Botschaft Bildungsplans empören. Viel eher ist es ihr gutes Recht, darauf hinzuweisen, dass Politik nicht über die Köpfe von Eltern hinweg entscheiden darf, was in der Schule gelehrt wird. Das Miteinander beider Seiten wurde auch in einem Urteil 2015 wieder bestätigt (1 BvR 2388/11) – und gerade das fehlt, wenn Lehrpläne vorgesetzt werden, die ganz bewusst polarisieren sollen und eben keine Rücksicht auf religiöse Empfindungen nehmen, die gleichsam verfassungsrechtlich geschützt daher ausreichend gewürdigt werden müssen. Der Unterricht muss zwar offen sein für verschiedene Wertvorstellungen, so die Richter. Doch Indoktrination und eine Einseitigkeit in der Vermittlung von sexueller Identität, Orientierung oder Neigung darf es dabei nicht geben.

Ja, das Darbringen der unterschiedlichen Lebensformen ist zulässig, nicht aber die Wertung einer einzigen oder das Besserstellen einer anderen. Und doch wird in einer Zeit, in der der Druck von Lobbyismus der Homosexuellenverbände mit ihrem Einfluss auf die Bildung immer größer wird, der Protest von Eltern hiergegen stärker. Das ist legitim und überaus verständlich. Denn als Schwuler bin ich nicht mehr wert als ein Heterosexueller. Ich bin auch nichts Besonderes, was im Unterricht einer außergewöhnlichen Aufmerksamkeit bedürfte. Und ich zeichne mich auch nicht durch extravagante Sexualpraktiken oder die besondere Lust am Kennenlernen des gleichen Geschlechtes aus, die mir manches Schulbuch andichten möchte oder mich gar zum Ausprobieren anregt, weil es gar so aufregend erscheint, das „andere Ufer“ kennenzulernen.

Erziehung verpflichtet uns zur Neutralität, da wir unseren Kinder in erster Linie Selbstständigkeit und Eigenverantwortung beibringen sollen, die Welt nicht nur durch die Augen derer zu sehen, die meinen, was das Beste für sie sei. Viel eher möchten wir doch darauf vertrauen, dass sich unsere Kleinsten ihr eigenes Bild machen. Daher ist Zurückhaltung geboten, was immer wir ihnen auch lehren. Das sage ich besonders als Homosexueller, vor allem aber als Mensch.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zu „Kirchen bewerten ‚Ehe für alle‘ unterschiedlich“, „epd“

Zunächst: Ich wende mich aufgrund meiner eigenen Homosexualität eindeutig gegen die Ablehnung von Schwulen und Lesben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Die Annahme jedes Menschen nach Lev 19,18 beinhaltet nicht gleichzeitig das Gutheißen seines Handelns. Deshalb sind wir angehalten, gerade in christlichen Kreisen eine deutliche Differenzierung vorzunehmen: Natürlich gehört jeder Homosexuelle in die Gemeinschaft Christi, genauso selbstverständlich wie der Straffällige, der „Fremde“, der Kranke, der „Andersartige“. Die für mich zunächst nicht als veränderbar geltende sexuelle Orientierung ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das ich als gottgegeben ansehe und es deshalb im besten Sinne von 1. Mose 1,27 keinen Grund zur Ausgrenzung gibt. Andererseits bin ich als Homosexueller erschüttert darüber, wie Schwule und Lesben – gerade ihre selbsternannten Lobbyisten – unser Bild in der Öffentlichkeit zu prägen versuchen und damit einen Eindruck entwickeln, der den homosexuellen Lebensstil vollständig verzerrt. Wer einen CSD als repräsentativ für das Verhalten Homosexueller ansieht, der muss zweifelsfrei verstört sein über eine Sexualisierung, die nach meiner persönlichen Erfahrung weit über die der Mehrheitsgesellschaft hinausgeht – obwohl sie uns dort ja bereits oft nur noch Kopf schüttelnd zurücklässt. Und natürlich kann ich jeden verstehen, der ob der Präsentation von Schwulen und Lesben auf ihren Paraden Bedenken daran hat, inwieweit Homosexuelle unter solchen Umständen wirklich „Eltern“ sein können.

Gleichsam frage ich mich: Wissen wir wirklich, was beispielsweise in Lev 18,22 gemeint ist? Muss ich als homosexueller Mensch enthaltsam leben? Oder geht es nicht auch in Lev 20,13 viel eher darum, den verantwortungsvollen Sexualverkehr vor dem verwerflichen Akt zwischen „Knaben“ und „Frauen“ zu verurteilen, um wilde Triebe zu brandmarken, vor denen auch 1. Thess 4,3 ff. warnt? Ich tue mir schwer in der Frage, ob diese oder andere Bibelstellen die Zuordnung „praktizierter“ Homosexualität als „Sünde“ denn tatsächlich zulassen. Auch wenn meine theologische Auslegung eher einem liberalen Verständnis der Exegese entspricht, liegt für mich ein ganz entscheidender Faktor im Bewusstsein über mein Verhalten. Eigenschaften und Charakterzüge können für mich aus diesem Grunde per se nicht sündhaft sein, wohl aber das Ausüben einer Überzeugung unter der Maßgabe, dass ich damit absichtlich gegen das verstoße, was „böse“ ist (vgl. 1. Mose 3,22). So kann praktizierte Sexualität sowohl zwischen Mann und Mann, Frau und Frau, aber eben auch Mann und Frau Sünde sein (vgl. 1. Kor 6,18), an der Geschlechtlichkeit der Beteiligten würde ich die Frage nicht festmachen wollen. Wegweisend sollte der Respekt des Gegenübers im Sexualverkehr bleiben, um die Beurteilung einer etwaigen Sündhaftigkeit beurteilen zu können, gleichsam Ziel und Zweck desgleichen, Status der Personen und der moralgesellschaftliche Zusammenhang, in dem er ausgeübt wird.

Und auf die Frage der „Ehe“ hat dies nach meinem Ermessen zunächst keinen Einfluss. Zweifelsohne scheinen biblische Vorschriften zum „Sex vor der Ehe“ auch auf ein partnerschaftliches Miteinander von Homosexuellen anwendbar (1. Kor 7,3f.), was jedoch keine Gleichstellung der Lebensgemeinschaft mit der Ehe bedeutet (Mt 19,6). Denn die Institution des sich ergänzenden Zusammenwirkens von Mann und Frau, das nicht allein auf seinen „Nutzen“ zur „Produktion“ von Nachwuchs (ja, leider wird in diesen Tagen auch eine Wortwahl salonfähig, die die Herrlichkeit von Gottes Schöpfung wahrlich mit Füßen zu treten scheint) ausgerichtet ist, hebt sich von der alleinigen Verpflichtung des Einstehens füreinander noch deutlich ab. Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter (Gen 1, 27), die auch abseits der Fähigkeit zur Zeugung von Kindern ihren Ausdruck im Korrelat der verschiedenen Wesensmerkmale und einer sich offenkundig bereits an der Fügung der aufeinander abgestimmten Körpereigenschaften zeigenden Idealisierung dieses menschlichen Pendants findet, ist das „Tüpfelchen auf dem i“, was wiederum nichts darüber aussagt, ob ein „i“ nicht auch ohne „Tüpfelchen“ in Würde und im Wert vollends gleichwertig ist. Das verdeutlicht auch, ohne gleichzeitige Abwertung eines anderen Miteinanders, Hebr 13,4f.!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Ehe für alle ist ein Neuanfang der Debatte“, FAZ vom 2. Juli 2017

Es war eine respektvolle Debatte im Deutschen Bundestag, wie man sie sich öfter einmal wünschen würde. Denn jeder wusste: Auch wenn man für die „Ehe für alle“ war, so musste man gerade bei Gewissensentscheidungen die persönlichen Beweggründe des Anderen für ein eventuelles Nein zumindest würdigen. Ich bin als Homosexueller gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Und nein, diese Einstellung leitet sich nicht aus dem zweckgebundenen Denken ab, das viele Kritiker einer „Ehe für alle“ vorbringen, denn das Kinderkriegen allein kann kein ethischer Wert einer Beziehung sein.

Niemand bestreitet, dass Prinzipien des Zwischenmenschlichen ohne jeglichen Abstrich auch in einer Verbindung aus Mann und Mann oder Frau und Frau gelebt werden können. Das Grundgesetz schützt eine Institution, die sich nicht ausschließlich durch das Versprechen zum Einstehen füreinander definiert. Es billigt dieser einzigartigen Konstellation der naturgeschaffenen Unterschiedlichkeit, die sich sexuell, aber auch in der Gegensätzlichkeit geschlechtlicher Eigenschaften klassisch ergänzt, eine Position zu, die auch für mich als Schwulen verstehbar privilegiert erscheint.

Die positive Betonung des Wertes der Ehe bedeutet nicht gleichzeitig die Diskriminierung anderer Lebensformen. Ich fühle mich nicht benachteiligt, wenn einem Miteinander, das sich über die Maße vervollkommnet, noch weitere, abseits der allseits gültigen und universellen Menschenrechte hinaus gehende Grundrechte zugesprochen werden, die mir zwar eine Entbehrung abverlangen, mich in meiner Würde aber nicht schlechter stellen. Gleichstellung kann nur dort gelingen, wo auch Vergleichbares gegenübersteht. Hat die Natur mit unterschiedlichen Geschlechtern nur aus Zufall heraus eine Verschiedenheit der Menschen geschaffen, ohne damit aber einen Sinn zu verbinden? Gleichzeitig sind es die Besonderheiten der Evolution, die uns bereichern. So ist es mit der Homosexualität auch. Denn es ist nicht abnorm, dass sich gleichsam Frauen und Männer untereinander anziehen, sondern eine Variante der Liebe, die vollwertig ist.

Die Ehe zwischen Mann und Frau ist keine Auserwählung, sondern die Hinnahme der bloßen Erkenntnis, dass sich in vielen verschiedenen Bereichen das Korrelat zwischen zwei unterschiedlichen Geschlechtern als offenkundig idealistisch erweist, über den Schatz der gelebten Solidarität, wie sie unter allen Menschen praktiziert werden kann, aber keine Aussage trifft.

[Dennis Riehle]

Leserbrief

Nein, die Rechte von Schwulen und Lesben sind mir keinesfalls egal. Denn ich bin selbst homosexuell. Aber gibt es im Wahlkampf 2017 tatsächlich nichts Wichtigeres als die Frage nach der „Ehe für alle“? Nun scheint sogar die Kanzlerin ein Thema gefunden zu haben, zu dem sie sich zu äußern bereit ist.

Wenngleich wiederum vage, so rückt auch Angela Merkel eine weiterhin als Minderheit anzusehende Gesellschaftsgruppe in den Mittelpunkt, die durch eine selbsternannte Lobby seit Jahren auf die Benachteiligung der eigenen Klientel hinweist und versucht, sich mit manch narzisstischem Einfordern von größtmöglichem Mitleid ins Gedächtnis von Politik und Gesellschaft zu rufen.

Zweifelsohne ist eine ernsthafte Debatte schon seit langem überfällig und eine Gewissensabstimmung im Bundestag zwingend, aber so sollte die „Ehe für alle“ ein Thema für die Tagespolitik bleiben, nicht für eine Auseinandersetzung vor der Bundestagswahl herangezogen werden, in der wir – mit Verlaub – doch vor weitaus schwierigen Fragen stehen als der, ob auch Homosexuelle, die in Deutschland wahrlich nicht über eine ernsthafte Diskriminierung sprechen können – zumindest nicht von einer, die es ohne einige Provokationen aus den eigenen Reihen vielleicht so nicht einmal gäbe – heiraten dürfen.

Die Gefahr besteht, dass solch eine Diskussion nun denen gelegen kommt, die sich ohnehin um programmatische Aussagen zur Zukunft von Arbeit, Rente und sozialer Sicherung in einer digitalisierten Welt drücken. Denn im Alter wollen schließlich auch Schwule und Lesben abgesichert sein – ob nun verpartnert oder eben getraut.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Schirmherrschaft der Stuttgarter Prälatin für den CSD, „ideaSpektrum“ 24/2017

Müssen Geistliche eine Parade unterstützen, die ersichtlich vielen Werten des christlichen Glaubens zuwiderläuft? Ich bin homosexuell, aber ich würde nie von einem Pfarrer, einer Prälatin oder einem Bischof verlangen, dass er sich wohlwollend zum CSD äußert – ich tue es auch nicht. Denn dort geht es nicht mehr um das, was einst gefordert wurde: Es geht nicht um die Gleichberechtigung, es geht allein um Macht. Der Wunsch, die Erwartung, man müsse als Schwuler oder Lesbe in Deutschland mehr fordern dürfen als Andere, verträgt sich nicht mit einem christlichen Menschenbild, das jeden gleich ansieht.

Die Selbstverständlichkeit, auf immer neue Rechte zu dringen, die eine durch Selbstmitleid auffallende „Community“ vorbringt, deren Repräsentanz sich sicher nicht durch die Teilnehmerzahl und deren Auftritten beim „Christopher Street Day“ messen lässt, ist eine Anbiederung. Ich bin sofort für eine Demonstration zu haben, bei der es darum geht, jedem Individuum seine Würde zuzusprechen. Ob hetero-, homo-, bi- oder transsexuell, das spielt dabei keine Rolle. Denn die Annahme als ein Wesen Gottes, sie obliegt mir nicht nur aufgrund der Lehre, sondern vor allem wegen meiner Überzeugung des Wertes von jedem Einzelnen als Teil der Schöpfung.

Aber nein, es ist kein Protest mehr für Anerkennung, sondern die Erpressung der Gesellschaft, einen Lebensentwurf billigen zu müssen, der nicht herausfordert, sondern jede Moral ad absurdum führt. Die Sexualisierung des Seins, wie sie auf dem CSD heutzutage plakativ zur Schau getragen wird, sie ist eine bewusste Zumutung für die, die sich nicht nur ob ihres Christseins an der Perversion der Liebe stören. Denn wer die schwul-lesbische „Welt“ kennt, der weiß um erbarmungslose Durchsetzung von respektlosen Oberflächlichkeiten ohne Rücksicht auf die Nebenwirkungen. Das Wesen des heutigen CSD widerspricht den Zielen homosexueller Menschen.

Auf mich wirkt diese „Szene“ oft ohne Geist und Verstand, manch Praktik, die so narzisstisch daherkommt wie die Verherrlichung der sexuellen Orientierung selbst. Nein, viele Homosexuelle wollen eben gerade nicht Teil unseres Miteinanders sein, sondern sich derart offensichtlich abgrenzen, dass auch Theologen auffallen müsste, wie fern deren Ansinnen von dem ist, was wir als verantwortungsvolle und „Mainstream-freie“, besonders im Lutherjahr auf die Wurzeln unseres Glaubens bekennende Christen vertreten.

[Dennis Riehle]