Leserbrief zu
„Die Pleitetour der Freifrau von Beverfoerde“, FR vom 18.09.2017

Es ist zunächst legitim, auch nach einem Beschluss des Bundestages gegen die „Ehe für alle“ zu sein. Unsere Meinungsfreiheit gebietet den Respekt vor Ansichten, die vielleicht nicht mehrheitsfähig erscheinen, aber ihre Gründe haben.

Ob es sinnvoll ist, mit einem derartigen Aufwand durch Deutschland zu touren, das ist eine andere Frage. Denn gleichsam ist es auch für den gesellschaftlichen Frieden eine Notwendigkeit, Entscheidungen in der repräsentativen Demokratie anzuerkennen, selbst wenn man sie nicht mitträgt. Das Stimmungsbild in der Bevölkerung zeigt eher, dass eine Vielzahl an Menschen mit dem leben kann, was in freier Abstimmung beschlossen wurde.

Wenngleich es vielleicht für manchen ungewohnt erscheint, wenn Männer künftig Männer heiraten, und Frauen eben Frauen. Doch gerade, weil es eine Gewissensentscheidung der Politiker war, zeigt sie das Ringen um Zeitgemäßheit und Tradition. Da gibt es nicht ein „Besser“ und „Schlechter“ – und so sollte man irgendwann einen Punkt setzen, vielleicht auch Hedwig von Beverfoerde.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Spielraum für die Seele“, FAZ vom 06. September 2017

Die Psychoanalyse fristet seit dem Aufkommen der Verhaltenstherapie eher ein Dasein im Hintergrund. Man erhofft sich rasche Ergebnisse und sichtbare Fortschritte, auch von den Krankenkassen. Nur, weil manche kognitive oder expositorische Methode aber einen schnelleren Nutzen verspricht, ist ihr Wirken deshalb noch nicht langfristig gesichert.

Aus eigener Erfahrung meine ich, es nutzt wenig, das Unkraut allein zu beschneiden. Es muss an der Wurzel gepackt werden. Die Psychoanalyse liefert mit ihren Verfahren nicht nur ein grundlegendes Verständnis für psychologische Vorgänge, sondern erklärt auch, wie modellhafte Konstellationen die Position des eigenen Ichs im Seelengebilde widergeben können – und so ein Arbeiten an den passenden Stellschrauben im eigenen System nachhaltige Veränderung bringen kann.

Ich halte zudem wenig von einem brachialen Vorgehen bei psychischen Leiden, weshalb der Raum des Zuhörens, der Resonanz und der Spiegelung häufig die sensiblere, aber dafür auf seelische Wunden und die nicht selten traumatischen, stressorischen oder individuellen Lebensumstände besser eingehendere Vorgehensweise darstellt als jene, die an den Ausgangspunkten einer Krankheit fast schamhaft vorbei zu wirken versuchen.

Psychoanalytiker und Tiefenpsychologen beweisen Mut, sich in Sümpfe zu begeben, während manch andere Psychotherapeuten und Wissenschaftler von heute meinen, es könne genügen, über Wasser zu gehen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Ja. Ich bin gestört“, SPIEGEL 35/2017

Das „Outing“, psychisch krank zu sein, erfordert auch in der heutigen Zeit ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, im Zweifel auch Anfeindungen auszuhalten. Denn die Parallelen zwischen einer seelischen Erkrankung, dem Verrücktsein und gar eine Gefahr für die Öffentlichkeit darzustellen, sind in manchen Köpfen so offensichtlich, dass Vorurteile zementiert die Einstellung gegenüber Menschen mit Depressionen, Psychosen oder Ängsten prägen.

Wer sich allerdings selbst in Würde annehmen kann, lässt sich von zwiespältigen Meinungen von außen nicht aus der Bahn bringen, besonders nicht von denen, die ein adäquates und gleichsam wertschätzendes Urteil ohnehin nicht interessiert. Viel eher sind es die, die sich von Anmaßungen nicht beirren lassen, die dem Zustand des „Normalen“ deutlich näher sind als jene, die aus der Ferne Diagnosen stellen oder Einschätzungen über Mitmenschen abgeben.

Wer durch das Denunzieren Anderer Aufmerksamkeit erlangen muss, rückt sich selbst in den Fokus der Öffentlichkeit, denn Populismus mag zwar mehrheitsfähiger geworden zu sein, hat aber mit der Ernsthaftigkeit des Lebens wenig zu tun. Wer faire Rückmeldungen erhofft, der klärt über psychische Krankheit ohne jeden Eigennutz auf, zieht seine Geschichte heran, um deutlich zu machen, dass sie lediglich der Spiegel einer Gesellschaft ist, in der ein bisschen „bluna“ nicht schadet, Diskriminierung aber echt wehtut!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu den Erkenntnissen der DAK-Erhebung über zunehmende Stressanforderungen an Schüler, SÜDKURIER vom 01. September 2017

In unserer Selbsthilfegruppe erleben wir zunehmend die Tendenz einer Nachfrage von jungen Menschen, die als Schüler, Studierende oder Auszubildende über die klassischen Zeichen von Stress, von Belastung und Problemen der Anpassung an die herausfordernde Situation gestiegener Ansprüche des Studiums, der Schul- oder Weiterbildung klagen.

Dabei scheinen nach meiner Einschätzung zweierlei wesentliche Ursachen zu erkennen zu sein: Einerseits überfordern sich die jungen Erwachsenen durch eine eigene Erwartungshaltung, durch einen überhöhten Medienkonsum und ein ständiges Vergleichen untereinander selbst. Andererseits haben Reformen im Schulwesen wie die Anpassung an G8, aber auch die Umstellung auf das Bachelor- und Master-System an den Hochschulen für eine Komprimierung von Lerninhalten, zu mehr Präsenz am „Arbeitsplatz“ und zu weniger Freiraum für das Abschalten geführt, was nicht zuletzt die Reizüberflutung bei den Jugendlichen anheizt.

Deprimiertheit, Angst und die Unfähigkeit, den Alltag zu organisieren, sind schwerwiegende Folgen, die bereits am Ende der Pubertät auftretend auch traumatische Auswirkungen haben können. Eltern, Gesellschaft, aber auch Politik sind zum Umdenken angehalten, insbesondere der Leistungsbegriff muss überarbeitet werden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Weniger Schwangerschaftsabbrüche, mehr Trennungsgespräche“, „Rhein-Neckar – Zeitung“ vom 08.08.2017

Die Hilfsorganisation „pro familia“ hat mit einer neuen Hintergrundbroschüre zum Thema „Schwangerschaftsabbruch“ auf sich aufmerksam gemacht. Bereits beim Lesen der ersten Seiten wird deutlich, dass man es im Verein nicht so ganz genau nimmt mit der Geradlinigkeit der Argumentation. Und dass sich diese Inkonsistenz durch das gesamte Heft zieht, macht deutlich, welche Umwege „pro familia“ gehen muss, um den Schwangerschaftsabbruch auch ethisch als legitim darzustellen. Mit mächtigen Worten des Bundesverfassungsgerichts und der Gesetzgebung versucht sie bereits vorab, die rechtliche Ordnungsmäßigkeit der Abtreibung zu formulieren, kommt aber über die Worte der höchsten Richter in ihrem Diskurs kaum hinaus. Denn es überrascht nicht, dass neben dem Selbstbestimmungsrecht der Frau weitere Gründe fehlen, die den Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen würden. Dass dieser letztlich nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt und an sich doch nicht mit unserem Grundgesetz zu vereinbaren scheint, wird ebenso wenig deutlich wie die moralische Ebene, zu dem die Broschüre generell keinen wirklichen Zugang findet.

Interessant bleibt immer wieder die Formulierung der „ungewollten Schwangerschaft“, die Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen erreichen könne. Mir fällt nur die Schwangerschaft gegen den Willen einer Frau in Form einer Vergewaltigung ein, bei der wir tatsächlich von solch einem Ungewolltsein im 21. Jahrhundert sprechen könnten. Wer nicht schwanger sein möchte, wird in den allermeisten Fällen dazu auch nicht gezwungen. Ein Märchen davon, dass Schwangerschaften einfach passieren, ohne, dass man daran gedacht hat, beim Geschlechtsverkehr auch Nachwuchs zeugen zu können, es ist wahrlich ein primitives Menschenbild, das dort von mündigen Frauen gezeichnet wird. Denn spätestens nach dem Teenager-Alter wird allen Frauen bewusst sein, dass jede intime Begegnung mit einem Mann zu einer Schwangerschaft führen kann. Wer das nicht möchte, der hat im besten Fall die Enthaltung als ehrlichste Maßnahme, dem Wert des Sexualaktes neue Bedeutung einzuhauchen. Und selbst, wer den Liebesverkehr auch abseits der Zeugung von Nachkommen für das Lustspiel nutzen will, hat heute die Möglichkeit, den Eintritt einer Schwangerschaft mit recht zuverlässigen Mitteln zu steuern.

„pro familia“ degradiert Frauen zu unwissenden Persönlichkeiten, die offenbar nicht in der Lage erscheinen, verantwortungsvoll mit ihrem eigenen – und schon gar nicht mit neugeborenem – Leben umzugehen. Gerade ein Verein, der das Selbstbestimmungsrecht der Frau derart unterstreicht, sollte ihr auch zugestehen, dieser Tage nicht mehr von einer „ungewollten Schwangerschaft“ sprechen zu müssen, impliziert dies doch die offenbare Dummheit, weder über Verhütung, noch über die Folgen des Geschlechtsverkehres aufgeklärt worden zu sein. Und das wiederum wäre ein Ausdruck beispielloser Selbstkritik, fasst sich „pro familia“ doch gerade als die Beratungsstelle auf, die in sexualethischen Fragen ein modernes Verständnis der Aufklärung verfolgt und Frauen zubilligt, selbstverantwortlich über ihren Körper bestimmen zu können. Sie meint, Frauen befähigen zu können, die Konsequenzen von Abtreibungen überblicken zu können, muss aber gleichsam zugeben, dass viele Frauen aus nichtigen Gründen vorschieben, ungewollt schwanger geworden zu sein? Was die Frau mit einer Abtreibung sich aber antut, was sie ihrer Seele und vor allem dem ungeborenen Leben zumutet, das kann nichts mit dem Verständnis einer Unantastbarkeit des Leibes der Frau zu tun haben. Wer sich dem Schwangerschaftsabbruch aussetzt, verletzt sich nicht nur selbst, sondern geht das Risiko eines lebenslangen Traumatas ein, das nicht im Sinne einer Organisation sein kann, die die Frau schützen, „erwachsen“ machen will. Möge „pro familia“ sich weniger mit Abtreibungen und Trennungen, statt viel eher mit der Vermittlung von Klugheit, Weisheit und Nachsicht befassen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Was ist schon gerecht?“, „neues deutschland“ vom 02. September 2017

Für mich ist in Verbindung mit Artikel 1 Grundgesetz ein bedingungsloses Grundeinkommen gerecht, da jeder Mensch allein durch sein Dasein einen Anspruch auf Würde, also auf eine soziokulturelle Mindestabsicherung, hat, die sich nicht durch Leistung, sondern ausschließlich auf Grundlage des Lebens ergibt und daher nicht verhandelbar ist.

Sie in einer Höhe festzulegen, die in Übereinstimmung mit der Verfassung, auch Art. 20 GG, steht und durch die Politik zu bestimmen ist, muss Aufgabe einer repräsentativen Demokratie sein, in der Interessengruppen unterschiedlichster Schichten vertreten sind.

Abseits davon steht es jedem Menschen offen, durch Arbeit und Engagement Hinzuverdienste für das persönliche Wohl und den Luxus zu tätigen, die so lange gerecht sind, wie durch eine entsprechende Ausgleichsabgabe in Form einer Steuer o.ä. die Finanzierung des Existenzminimums aller im Sinne des Solidaritätsprinzips gesichert ist.

Dieses leitet sich wiederum aus der Annahme ab, dass wir alle gemeinsam Gast auf unserer Erde sind und damit zusammen für unseren Fortbestand einzustehen haben. Zusammengefasst: Ge-Recht ist das Recht auf ein würdevolles Leben für jeden…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Was in deutschen Gefängnissen schiefläuft“, FR vom 29.08.2017

Die Politik hat zweifelsohne viele Verbesserungen vorgenommen, um Zustände in den Strafvollzugsanstalten zum Guten zu wenden. So sollen Suizid-Prävention und die Versorgung psychischer Leiden ausgebaut werden, die Sensibilität für die Ausnahmesituation erhöht werden, in denen sich Gefangene befinden. Zweifelsohne: Sie haben in der Gesellschaft keinen leichten Stand, werden sie für ihre Situation selbstverantwortlich gemacht und können deshalb nicht auf eine Lobby hoffen.

Und doch zeigt sich unter anderem an den Gefängnissen, wie es ein Land mit der Menschenwürde hält. Denn sie gilt auch dort, wo man sie emotional vielleicht nicht zubilligen will. Und dass wir im 21. Jahrhundert noch immer dem Gedanken des Verwahrens stärker nacheifern als der Resozialisierung, das liegt auch daran, dass in der Justizpolitik über Ewigkeiten nicht nachhaltig gedacht wurde. Natürlich waren manche Entwicklungen nicht absehbar, aber seit jeher wird in einem Politikzweig, der schon immer eine stiefmütterliche Behandlung erlebte, ständig zu kurz gedacht – und das nicht nur auf dem Rücken der Insassen, sondern vor allem auch der Mitarbeiter.

Zu wenige Plätze, eine zu geringe Personaldecke, Konflikte in den Anstalten. Wie werden wir dem Grundsatz heutzutage gerechter, wonach das Bereuen und die Sühne, der Ansatz des Vergebens und der Versöhnung zumindest bei denen zum Ausdruck kommt, die ihre Taten aufzuarbeiten bereit sind? Das System muss einen lohnenderen Ansatz einnehmen, es braucht Perspektiven für die, die ihr Leben neu beginnen möchten – und keine Angst, im Gefängnis die Hölle durchleben zu müssen, nur, weil Einige meinen, sie müssten die gesamte Einrichtung aufmischen.

Nicht Drill, nicht Unterdrückung und nicht Bestrafung über die Maßen, sondern eine Vision, ob der Freiheitsentzug in seinem bisherigen Sinne die pauschal beste Lösung für alle Straffälligen sein kann, das ist das Gebot der Stunde. Ich wünsche mir von den Verantwortlichen Flexibilität in den Utopien eines modernen Justizwesens von morgen, von denen vielleicht einige Wirklichkeit werden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Das ganze Kind hat so viele Fehler“, SPIEGEL 35/2017

Der „Spiegel“ berichtet aktuell über eine seiner Redakteurinnen, eine Mutter im vierten Monat der Schwangerschaft, die erfährt, dass ihr Kind am „Down-Syndrom“ und anderen Krankheiten leiden wird. Entstanden ist ein überaus glaubwürdiger Artikel, der das Ringen einer Frau zeichnet, die ob der Nachrichten nicht weiß, was sie sagen soll, wie sie reagieren und mit diesen Neuigkeiten umgehen soll. Authentisch und mit allen Gefühlen, mit der Hilflosigkeit des Ausschreiens seiner gefühlten Not macht der Beitrag auf ein Thema aufmerksam, das sich langsam in unsere Mitte schleicht. Überschrieben wird der Artikel mit dem Zitat „Das ganze Kind hat so viele Fehler“ – und macht deutlich, dass es nicht unbedingt der einzelne Elternteil ist, sondern eine gesellschaftliche Einstellung, die dazu führt, dass sich Mütter und Väter bedrängt sehen, bei einem Abweichen von der „Norm“ zu hinterfragen, ob sie mit der „Last“ eines behinderten Kindes leben möchten.

Dabei sind nicht sie es, die vornehmlich mit der möglichen Beeinträchtigung leben müssen, vielmehr wird es das Kind sein, das eine außergewöhnliche Prägung haben wird. Doch schon allein der Wortschatz in unseren Breiten verdeutlicht: Wir stehen auf „Normalität“ – und können sie gleichsam nicht definieren, weil uns dafür das Maß fehlt. Denn wo beginnt der Grenzbereich, nach welchem ein Mensch nicht mehr den Vorstellungen entspricht, die wir von ihm haben, die wir von ihm und der Natur erwarten? Machen wir die Normalität an einem Mehrheitsbegriff fest? So, wie die meisten sind, so ist es auch normal? „Fehler“ beschreiben diese angebliche Unvollständigkeit – und noch viel mehr. Sie bewerten in einem Sinne, der für einen Menschen eigentlich nicht bestimmt ist. Zumindest dann nicht, wenn wir davon ausgehen, dass das Ergebnis eines Menschenkindes mehr ist als das Produkt der Evolution, in dessen Prozess es vielleicht zu „Normabweichungen“ kommen kann, zu „Fehlern“, die durch das falsche „Zusammensetzen“ von Teilen geschehen. Leben ist ein Gesamtkunstwerk, das man nicht nach seinen einzelnen Eigenschaften wird beurteilen können, um der Leistung gerecht zu werden, die da das Licht der Welt erblickt.

Wir machen aus dem Menschen ein Produkt, wenn wir es an dem „Qualitätsbegriff“ messen, den wir aus dieser „Schwarz-/Weiß“-Kategorisierung aus „gut“ und „schlecht“, als „perfekt“ und „mangelhaft“ ableiten. Als behinderter Mensch fühle ich mich nicht fehlerhaft, sondern besonders. Gern auch anders als die überwiegende Zahl meiner Mitmenschen, wahrlich aber nicht alleine, selten oder ausgegrenzt. Vor allem auch nicht minderwertig oder bemitleidenswert. Das werden wir nur in einem Denken von oben herab, in welchem sich die angeblich Tadellosen über die stellen, die aus ihrer Sicht „Makel“ haben. Der gesamte Sprachgebraucht ist bereits heute darauf ausgerichtet, zu selektieren. Dabei verschweigt niemand, dass die Annahme eines Kindes mit Behinderung eine Herausforderung ist. Nicht aber, weil es ihm an etwas „fehlt“, sondern weil es mehr Aufmerksamkeit bedarf als andere. Das wiederum ist doch aber nicht nachteilig, sondern würde jedem Nachwuchs angesichts der Pracht des Lebens zustehen. Es geht also um den Begriff des Kindes im Gesamten, um die Wertschätzung unserer Nachkommen, die wir uns nicht wünschen können, sondern die wir in ihrer Schönheit anzunehmen schon deshalb verantwortlich sein dürfen, weil wir selbst nur ein Gast auf Erden sind…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Air Berlin stellt Insolvenzantrag“, „Merkur“ vom 15. August 2017

Nachdem die Meldung über die von „Air Berlin“ über die Ticker war, überschlugen sich auch die Parteien mit ihren Verlautbarungen. Und an solch einem Ereignis kann man dann doch erkennen, dass selbst in Zeiten, in denen man von einem Einheitsbrei bei den Haltungen der politischen Kräfte ausgeht, die eigentliche Gretchenfrage für den Wähler bleibt.

So schreiben fast zeitgleich die tourismuspolitische Sprecherin der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, Ludwig, und der Obmann der LINKEN im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags, Behrens, eine Pressemitteilung – und selten wird so deutlich, worum es bei der Abstimmung am 24. September tatsächlich geht: Die Union spricht von der „Sicherheit für die Kunden von Air Berlin“, die nun gewahrt bleiben müsse. DIE LINKE meint: „Beschäftigte dürfen nicht für Air-Berlin-Desaster büßen müssen“.

Um wen kümmern wir uns, auch – und gerade wenn – die Zeiten auf Wohlstand gerichtet sind? Ist es eher der Urlauber, der in den wohlverdienten Urlaub möchte, um damit Stress abzubauen? Oder ist es der ohnehin prekär angestellte Arbeitnehmer, der nun fürchten muss, entweder entlassen oder zu noch schlechteren Bedingungen angestellt zu werden? Wohlfühlprobleme gegen ganz existenzielle Sorgen. So könnte man den polarisierten Wahlkampf dieser Tage auch bezeichnen, der bei den meisten Themen nicht stattfindet, aber sich an den kleinen Meldungen offenbart.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Kürzlich ist mir eine Dame mittleren Alters mit dem Kinderwagen in die Hacken gefahren. Warum erzähle ich Ihnen das? Weil sie dabei vor sich hin flüsterte: „Kann der Behinderte nicht endlich zulaufen!“. Geschehen in Konstanz, am helllichten Tag, aber nicht ungewöhnlich. Denn solche Vorkommnisse gibt es ständig. Sie sind also keine Einzelfälle. Und ich mag mir nicht ausdenken, wie es denen geht, die nicht nur einen Gehstock bei sich haben und den Bahnhofsplatz überqueren wollen, sondern vielleicht im Rollstuhl sitzen, blind sind oder gehörlos und an der viel befahrenen Wollmatinger Straße auf die andere Seite möchten. Sie werden durch solche Anwürfe wie den dieser Dame verletzt, seelisch angegriffen, weil ihnen unterstellt wird, sie könnten doch anders, sie stellten sich nur so an, sie seien schuld daran, dass die Hinterfrau nicht endlich über die Straße komme, obwohl der Bus noch lange nicht in Sicht ist.

Wir müssen im Umgang mit Menschen mit Behinderung heute weiterdenken. Neben den wichtigen Maßnahmen im baulichen Sektor, von den angeschafften Rampen für Konstanz, die ein wesentlicher Bestandteil für die Barrierefreiheit sind, gehört ein Konzept der Entstigmatisierung zwingend zu unserem Engagement dazu. Also einerseits eine Aufklärung darüber, dass behinderte Menschen keine Hindernisse für die Gesellschaft sind, wie man aus ihrem Wortstamm vielleicht ableiten könnte. Und zweitens eine Sensibilisierung dafür, dass für Menschen mit einem Handicap die Uhren oftmals ein wenig anders, aber nicht gleichsam falsch ticken. Verständnis füreinander, das ich auch von den Behinderten einfordere, die ebenfalls nicht selten versuchen, durch harsche Untertöne eine Nachsicht beim Anderen zu erpressen, die aus der Sicht eines „Gesunden“ auch nicht so einfach einzunehmen ist.

Dass ich aufgrund eines eingeschränkten Gesichtsfeldes vorsichtiger bin, ehe ich die Straße überquere, das hat die nette Frau hinter mir mit einem quengelnden Kind wohl nicht wissen können. Aber die Gehbehinderung sah sie deutlich. Deshalb sind für mich keine Ausreden erlaubt, wenn es darum geht, Menschen mit Behinderungen vorzuwerfen, dass ihre Einschränkungen möglicherweise einige wichtige Sekunden im Leben des Anderen rauben könnten. Denn diese Erwartungshaltung, jeder könne sich heute dem Zeitgeist von Drängelei und einem übertriebenen Egoismus, der keine Solidarität kennt mit jenen, die vielleicht langsamer sind, die aber in der Würde dem Nächsten in nichts nachstehen, anpassen, sie passt zu einer Überhöhung unseres Selbst, die hier wie dort vorkommt.

Ich bin überzeugt, dass auch die nette Dame hinter mir in sich eine soziale Ader trägt. Und sie insgeheim auch wusste, dass es nicht fair gewesen ist, was sie vor sich her murmelte. Doch all das war überdeckt von Stress, Hektik und Überforderung – typische Merkmale einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die das Schneller, Höher und Weiter als ihren Slogan auserkoren hat. Entschleunigung tut gut, manchmal müssen behinderte Menschen dazu beitragen, dass wir alle wieder etwas von unserem hohen Ross herunterkommen und Respekt zeigen füreinander, egal, wie wir sind. Denn würden wir einsehen, dass die Wertschätzung des Anderen mit all seinen Facetten ein Teil des Sinns unseres Daseins sein kann, nämlich Mitgefühl im positivsten Sinne, das auf irgendeine Art und Weise auch wieder zurückkommt, dann würden wir völlig normal ein wenig länger warten, bis auch wir die Straße noch vollends rechtzeitig überqueren könnten.

Die Kampagnen von heute dürfen nicht mehr allein darauf zielen, Barrieren in den Häusern, auf den Straßen und in der Mobilität abzubauen. Vieles davon ist mittlerweile nämlich Selbstverständlichkeit. Nicht nur durch Gesetze, sondern weil es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist – und kaum noch jemand darüber meckert, wenn über Barrierefreiheit in einem Neubau gesprochen wird. Diesen Zustand zu erreichen, das hat Zeit gebraucht. Aber auch ein Durchhaltevermögen derer, die sich dafür eingesetzt haben, dass „Kasseler Borde“ an die Bushaltestellen kommen, Aufzüge in den Verwaltungsgebäuden oder Rampen an den Schiffen. Ihnen, den Verfechtern, die oftmals belächelt und manches Mal als Störer angesehen wurden, gilt ein Dankeschön – doch leider scheint die Zeit zum Durchatmen kurz.

Denn nicht nur Menschen mit körperlichen Behinderungen, auch die mit seelischen Einschränkungen treten nun immer häufiger in das öffentliche Leben. Nicht sichtbar, aber beispielsweise auch in Einschränkungen ihrer Bewegungsgeschwindigkeiten erkennbar, in ihrem Verständnis von komplizierten Anträgen auf dem Rathaus, in ihrem besonderen Bedürfnis nach Klarheit und Struktur in einer Welt, die so unübersichtlich erscheint. Klare Aussagen auf Schildern oder Aushängen – deren große und deutliche Schrift auch Sehbehinderten zugutekommen kann, nachvollziehbare Wegweiser und Verständlichkeit in Verfahren und Abläufen der Verwaltung, die auch diejenigen in Anspruch nehmen möchten, die vielleicht eingeschränkt sind, deshalb aber noch lange keine Bevormundung brauchen.

Diesen Umstand müssen wir insbesondere in die Köpfe der Menschen hineintragen: Behinderung heißt nicht, sein Leben nicht mehr im Griff zu haben. Im Gegenteil: Würde manch einer wie die nette Dame einmal mit den Barrieren zu tun haben, die wir als Behinderte täglich meistern, sie würde staunen. Diese Weitsicht zu bekommen, das kann nur durch persönliche Gespräche passieren, durch den Hinweis an die Dame, dass es einige Augenblicke länger dauern kann, bis wir uns über die Straße wagen, durch breit angelegte Projekte und Öffentlichkeitsarbeit, die Behinderte mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in den Mittelpunkt stellen, um zu verdeutlichen, dass sie die Farben in unserer Landschaft sind, die wir schätzen und annehmen sollten, anstatt sie „formen“ zu wollen, durch Schulung von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst, denen oft gar nicht bewusst ist, welche Mühen Menschen mit kognitiver, geistiger oder seelischer Beeinträchtigung beim Behördengang haben.

Das Umdenken im Lobbyismus für Behinderte braucht ebenfalls wieder diesen langen Atem, auch wenn wir uns mit Ungeduld darüber ärgern, wie wenig flexibel doch unsere Mitmenschen manches Mal sind, wenn sie Rücksicht nehmen könnten, aber eben nicht wollen. Das Miteinander kann nicht gelingen, wenn wir uns gegenseitig dafür verantwortlich machen, dass unser tägliches Leben durch den jeweils Anderen erschwert wird. Problemlösungskompetenz ist stets schwierig, solange es auch laute Worte und Unterstellungen gibt. Doch nun haben wir schon diese weite Strecke in der Barrierefreiheit hinter uns gebracht, wer sollte uns aufhalten, nicht auch die zweite Hälfte dieses Marathons für die Interessen der Menschen mit Behinderungen zu bestehen, wenn nicht Barrieren, Barrieren aus Unverständnis, Uneinsichtigkeit, Unmenschlichkeit?

[Dennis Riehle]