Leserbrief
zur FDP-Kritik am „grünen“ Antrag zu Regenbogenfamilien im Landtag von NRW

Die FDP hat vollkommen recht, wenn sie die Frage stellt, welche Antwort die „Grünen“ im Landtag von Nordrhein-Westfalen auf die Verantwortungsbereitschaft von Vätern haben, deren Kinder in einer Regenbogenfamilie aus zwei Frauen leben.

Es ist das Recht eines Kindes, seinen Vater auch als solchen wahrnehmen zu dürfen – statt einer zweiten Mama verordnet zu werden, die automatisch, durch das Gesetz geregelt, mit der Heirat ihrer Ehefrau auch zur Mutter des Kindes wird, das eine der beiden Frauen mit in die Ehe bringt. Denn schon in heterosexuellen Familien, nach Scheidung und Trennung, stehen Väter in Deutschland oftmals alleine da mit ihren Ansprüchen, ihre Kinder zu Gesicht zu bekommen, den Umgang regeln zu können oder darauf zu vertrauen, auch nach dem Aus zwischen zwei Partnern zumindest die Elternschaft für das Kind nicht zerbrechen zu lassen.

Wir haben bereits heute eine Gesetzgebung und eine Rechtsprechung, die Väter – ob nun in „gewöhnlichen“ Familien oder aus Gleichgeschlechtlichen bestehend – nicht selten schlechter stellt als die Mütter. Dabei gehört der Vater nicht nur zwingend zur Zeugung hinzu. Auch im Erwachsenwerden eines Kindes spielt die männliche Figur eine bedeutende Rolle. Ganz abseits der Frage, in welchem Umfeld die Kleinsten nun heranwachsen, ihnen muss ein Anrecht auf die Einbindung des Vaters in jedwedes Familienkonstrukt erhalten bleiben.

Denn wie bei allen Fragen aus diesem Bereich hat auch hier das Kindeswohl an erster Stelle zu stehen. Und dass die „grün“ geforderte Abstinenz der Männer tatsächlich ohne Folgen für diejenigen bleibt, die irgendwann ganz natürlich nach einem Vater fragen werden, das kann ich nicht glauben – und will es auch nicht.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu: „Penny verkauft ‚Zipfelmännchen‘ in Regenbogenfarben“, idea.de vom 05.11.2017

Bei allem Verständnis für das Eintreten von Gleichheitsrechten Schwuler und Lesben: Ich schäme mich als Homosexueller, wenn nun selbst das Nikolaus-Fest missbraucht wird, um auf empfundene Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft hinzuweisen.

Ein traditionsreiches Fest, hinter dem eine ernsthafte Botschaft von Armut, Gerechtigkeit und Empathie steckt, darf nicht für eine Werbemaßnahme zweckentfremdet werden, die mit dem eigentlichen Hintergrund des Brauchtums nichts gemein hat.

Ich distanziere mich als Schwuler von solch einer Vereinnahmung des Nikolaus-Festes für einen rein politischen Aufruf, denn es geht in Wahrheit nicht um die Liebe auch unter Gleichgeschlechtlichen, sondern um die Weiterverbreitung einer Ideologie, in der nicht nur Respekt, sondern Akzeptanz aufoktroyiert werden soll.

Schwule und Lesben sind nicht weniger, aber eben auch nicht mehr wert als alle Anderen. Wenn dieser Grundsatz durch ein ständiges Bevorzugen der Homosexuellenbewegung ins Wanken gerät, dann wackelt auch der soziale Friede.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Ja, vor der (möglichen) zukünftigen Bundesregierung, da liegen tatsächlich viele Aufgaben. Von allen Seiten wird sie mit Themen beschossen, eines wichtiger als das andere. Manchmal tun mir die Unterhändler schon leid, denn was ist wirklich entscheidend in unseren Tagen? Ist es vordringlich, Artikel 3 des Grundgesetzes anzupassen? Einen Nationalen Aktionsplan gegen Homophobie aufzulegen? Das weltweite Eintreten für eine Entkriminalisierung von LSBTI voranzutreiben? Sicher, manch ein Anliegen davon ist nicht nur sinnvoll, sondern gar erstrebenswert. Doch kämpft unsere Republik gerade nicht mit anderen Sorgen? Geht es da nicht um Existenzielleres, als um Feinheiten, die für Einige sicherlich eine große Bedeutung haben mögen, die in einem demokratischen Verständnis der Mehrheit aber zunächst einmal zurückgestellt werden sollten, bis wir all das gelöst haben, was uns gemeinsam noch viel dringlicher auf den Nägeln brennt?

Wenn ich Deutschland aus dem Blickwinkel des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) sehe, dann denke ich manchmal, wir lebten noch immer in einem Unrechtsstaat! „Menschenrechtsbasierte Gesetzgebung zur Anerkennung der Geschlechtsidentität“ ist eine weitere Forderung des LSVD anlässlich der Sondierungsgespräche einer möglichen Koalition, so verlautbarte es erst kürzlich gegenüber der Öffentlichkeit. Ja gelten in der Bundesrepublik denn noch immer keine Menschenrechte, so will man ob der skurrilen Formulierungen der selbsternannten Interessenvertreter von Homosexuellen fragen, die offenbar ernsthaft der Überzeugung sind, Deutschland sei auch im 21. Jahrhundert noch immer fern eines Rechtsstaates?!

Das Bestreben absoluter Neutralität. Keine Männer, keine Frauen mehr – nur noch ein „Es“. Gesetze berücksichtigen nicht Männlein, nicht Weiblein – so, wie Toiletten unisex sind und Ampelmännchen (pardon, -frauchen) nicht länger darauf hinweisen dürfen, ob und welchem Geschlecht sie denn möglicherweise zugehören. Ad absurdum führen schon lange „Binnen-I‘s“ und Sternchen (*) jeglichen Leser von geschlechtsneutralen Texten, die nun durchgängig Verwaltungen, Unternehmen und das gesellschaftliche Zusammenleben heimsuchen und das Land zu einer geschlechtsfreien Zone erklären sollen. So zumindest dürfte die Vorstellung sein, wenn man sich ernstlich vor Augen führt, was hinter den Anstrengungen steckt, die auch abseits jeglicher Wahlen auf Politiker einwirken.

Dass wir uns nach dem Erreichen eines großen Etappenziels, der Einführung der „Ehe für alle“, nun um die nächsten Wünsche derer kümmern müssen, die dem „Gendern“ verfallen sind, das dürfte nicht jedem schmecken. Verbindlichkeiten abzuschaffen und stattdessen der Beliebigkeit Tor und Tür zu öffnen, für die in vielen Teilen der Zivilgesellschaft nur beschränktes Verständnis zu herrschen scheint, ist das Aufgabe der Politik, die Verantwortung für die gesamte Gesellschaft trägt? „Können die denn nie genug kriegen“, so fragte mich erst kürzlich ein Bekannter, als wir darüber debattierten, was ich – als vermeintlich einer von „denen“ – denn so halten würde von den Ansinnen der Lesben- und Schwulenvertreter im Land, bei denen nach der Wahl schon wieder vor der Wahl zu sein scheint.

Ich mache mich keinesfalls lustig, weder über Homosexuelle, von denen ich selbst einer bin, aber auch nicht über Intersexuelle (zu denen man mich auch schon zählte), Transsexuelle oder wie auch immer jemand sich selbst zu definieren vermag. Doch wo ist Minderheitenpolitik gegenüber einer Mehrheit noch gerechtfertigt? Muss jede menschliche Besonderheit künftig eine gesetzgeberische Beachtung finden? Ist es verhältnismäßig, dass sich eine Vielzahl nach dem richtet, was einen Einzelnen in seinen Gefühlen zu verletzen droht? Und wie soll das Zusammenleben praktisch aussehen, wenn wir fortan tatsächlich unsere Identität verlieren und als Neutren durch die Welt gehen, in der wir jede Ecke und jede Kante einbüßen, vor Gleichmacherei auch noch unseren Charakter aufgeben?

Nein, ich verlange niemandem ab, dass er sich in ein Korsett einer Geschlechtsidentität presst. Wer nicht männlich und nicht weiblich empfindet, wer Frau zu sein scheint, aber eher Mann sein möchte – und umgekehrt, der hat weder weniger Wert als der, der männlich gestanden mit geschwellter Brust vor lauter Testosteron zu platzen droht. Der ist auch nicht „fremd“, vielleicht anders, hat aber dieselben Rechte wie jeder, für den es unsinnig sein mag, das Thema überhaupt zu diskutieren. Ja, wie Mann und Frau, so – nicht mehr, nicht weniger – stehen jedem von uns universelle Ansprüche zu. Dabei kann und will ich aber nicht glauben, dass wir in einem Land leben, in dem wir reihenweise von unserem Geschlecht Abstand nehmen, in welchem wir der Zugehörigkeit zu Mannsein oder Frausein versagen, vielleicht gar aus Solidarität mit denen, die sich nicht einengen, nicht einklassifizieren lassen möchten.

Wie jeder von uns sich in seiner Selbstverantwortung versteht, das ist die Privatsache eines Einzelnen. Wir können als Gesellschaft aber nur funktionieren, wenn wir gewisse Normen an uns anlegen, um Ordnung in ein Gemeinwesen zu bringen, das sich eben nicht erst seit gestern an der offensichtlich mehrheitlichen Geschlechtszuweisung von Mann und Frau orientiert. Es steht mir nicht zu, mich einzumischen in die emotionale Welt eines Anderen. Doch aus eigener Erfahrung weiß ich, welch unheimlich erlösendes Gefühl es gewesen ist, mich zu einem der gängigen Geschlechter zugehörig definieren zu können. Nein, nicht, weil ich damit auch Teil dieses angeblichen „Normalen“ wurde, sondern weil ich selbst nicht mehr ringen musste, nicht mehr durcheinander war ob des Auseinanderbrechens von äußerlichen Geschlechtsmerkmalen und inneren Empfindungen. Weil ich Gewissheit hatte und Ruhe finden konnte, deshalb war es für mich erleichternd, mich als Mann zu sehen – und ein solcher auch zu bleiben.

Und nochmals: Ich erwarte nicht, dass sich jemand in gleicher Art festlegt. Und doch kann ich in einer Gemeinschaft der Vielen doch um Verständnis bitten, dass die Zukunft nicht der Willkür überlassen wird. Wir brauchen Verlässlichkeiten, auf die wir uns berufen können, allein, um des eigenen inneren Friedens willen, aber auch, um nicht zu vergessen, dass die Natur offenbar Verschiedenheiten vorgesehen hat. Auch hier gilt: Es ist nicht eine Frage des „Besser“ oder „Schlechter“. Geschlechter sind jemandem gegenüber, der sich nicht einordnen kann, weder überlegen, noch dazu berechtigt, sich über ihn zu erheben. Und doch ist es eine Frage von Mehrheit und Minderheit – und von Egoismus und Solidarität. Denn ein demokratisches Gemeinwesen kann nur funktionieren, wenn nicht jeder Einzelne seine Rechte durchzusetzen vermag, sondern bereit ist, sich auf Nenner zu verständigen.

Und so wäre es auch an der Zeit, dass sich LSVD und alle, die berechtigt für ihre Klientel eintreten, bedachtsam geben in Forderungen, Erwartungen und Ansprüchen. Denn nichts wäre in Phasen der Geschichte, in denen wir uns neuerlich auseinander zu dividieren drohen, verheerender, als vordringlich auf Partikularinteressen von Minderheiten dort zu setzen, wo wir – und da gebe ich allen Kämpfern für mehr Gleichberechtigung vollkommen recht – noch genügend Arbeit damit haben, für deutlich Grundlegenderes zu werben: Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität – sie alle müssen als gleichwertige, schützenswerte und respektierte Merkmale des Menschen selbstverständlich werden. Nicht auf dem Papier. Sondern im Alltag.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Ankündigung über eine „Halloween-Sauna“ in der „Bodensee-Therme“ Konstanz

Braucht es eine „Halloween-Sauna“? Ich kann das Marketing der „Bodensee-Therme“ zwar gut verstehen, wenn man mit dem legendären Brauch von Geistern, Hexen und Grimassen auch im Schwimmbad Kasse machen möchte. Doch gerade in diesem Jahr, da Christen offiziell gleich zwei Feiertage hintereinander begehen und die Stimmung eher des Gedenkens würdig ist, scheint es mir ein Affront gegen die Gläubigen, sich mit solchen Aktionen in den Vordergrund spielen zu wollen.

Ja, wir leben in einer Zeit des Egoismus. Jeder beansprucht für sich Selbstbestimmung. Da will man keine Regeln vorgesetzt bekommen, wann man Musik hören, Party machen oder in die Kürbis-Saune gehen darf. Respekt scheint in diesem Jahrhundert zu einem „Unwort“ verkommen zu sein. Doch wie lässt es sich gemeinsam leben, wenn jeder seine Freiheiten durchzusetzen vermag, ohne Rücksicht darauf, die Empfindungen Anderer zu verletzen? Ja, ich weiß, „religiöse Gefühle“ gibt es in einer säkularen Welt nicht mehr. Und ob Luther nun Thesen anschlug oder Katholiken den Toten gedenken wollen, was interessiert’s den Atheisten oder den, der zwar brav seine Kirchensteuern zahlt, aber eigentlich nichts mehr am Hut hat mit dem Glauben?

Solidarität im Besinnen darauf, dass Stille und Innehalten jedem gut tun kann, zur Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf Leben und Sterben, auf die Freude am Hier und Jetzt, diese Einsicht wünsche ich allen zum Monatswechsel – ob nun feucht-warm beim Saunieren oder beim Beten in Kirche, Zuhause oder auf dem Friedhof.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„Wo Sterbehilfe selbstverständlich erscheint“, katholisch.de vom 03.10.2017

Es ist nicht verwunderlich, dass sich eine Mehrheit der Deutschen laut einer aktuellen Umfrage dafür ausspricht, im Zweifelsfalle einem leidenden Angehörigen dabei helfen zu wollen, sich das Leben zu nehmen. Wir sind soziale Wesen, die der Mitmenschlichkeit gerade gegenüber unseren Allernächsten einen größeren Vorrang einräumen als ethischen Überlegungen, als Gesetzen und Paragrafen, als Dogmen und Leitlinien. Und doch resultiert aus der Meinung der Bevölkerung nicht zwangsläufig auch ein Automatismus für Recht und Politik. Zwar hat in einer Demokratie der Wille des Volkes eine herausragende Bedeutung. Doch dürfen wir allein aus der Bereitschaft, dass Viele von uns unseren Angehörigen unter dem Umstand großen Leidens zum Suizid verhelfen würden, nicht die Notwendigkeit ableiten, dass genau für diese Offenheit auch ein passender gesetzlicher Rahmen geschaffen wird, der noch liberaler auszulegen ist als der bisherige bereits.

Wer davon ausgeht, dass unter der momentanen Regelung Sterbehilfe kaum möglich sei, solange Ärzte keine Rechtssicherheit erhielten, wenn sie beim Suizid Unterstützung leisteten, der fordert im Umkehrschluss die zweifelsfrei auf eine zumindest zur gewerblichen Sterbehilfe zu verkommen drohende Form des Unterstützens eines Freitodes in Fällen von schwerer Krankheit, welche der Bundestag im Jahr 2015 ausdrücklich ausgeschlossen hatte. Der Grundsatz nämlich, Ärzte seien zum Heilen und zur Linderung von Leiden da, hat sich auch durch die Debatte um die Sterbehilfe nicht verhindert. Die Berufsgruppe darf ihre Stellung auch künftig nicht dafür ausnutzen, ihrem eigenen Mitgefühl zu verfallen. Denn für ein solches wären auch die Schutzmechanismen, die wir rechtlich einzubauen in der Lage wären, nicht hinreichend, um einer logischen Konsequenz der Empathie entgegenzustehen.

Denn es ist das falsche Mitgefühl, wenn wir einem Sterbewunsch dadurch entgegenkommen, dass wir ihn in seiner Erfüllung unterstützen. Kaum jemand wird bestreiten können, dass Äußerungen nach der Bitte um Assistenz beim Freitod aus einer Not heraus geboren werden, die einen klaren Blick auf die Möglichkeiten von Palliativmedizin und Therapie verschließt. Denn auch wenn Suizidenten den Eindruck einer Aufgeklärtheit erwecken, so ist ihre tatsächliche Information über Alternativen oft unzureichend. Auch ihr Wissen über das, was morgen möglich sein wird, um ein Leben erträglicher, ja vielleicht gar wieder lebenswert zu machen, dringt in einem Abwehrmechanismus nicht bis zur Vernunft vor, die im Zustand eines ungebrochenen Willens aus der Perpektivlosigkeit heraus ausgeschaltet ist.

Viel zu schnell wird der Suizid als einzige Möglichkeit für eine scheinbar ausweglose Lage gesehen, für die es auf Grundlage des heutigen medizinischen und psychologischen Fortschritts in kaum noch einem Fall eine tatsächliche Begründung geben dürfte. Denn: Weder Depressionen, auch nicht die Demenz, Krankheiten mit schwerer Schmerzbeteiligung oder Erkrankungen mit stärksten Nebenwirkungen von Medikamenten müssen noch eingriffslos hingenommen. In Ausnahmen wird das Leiden nicht gänzlich unterdrückt werden können, doch die ethische Frage tut auch hier sich auf: Haben wir ein Anrecht darauf, Qualen umgehen zu dürfen? Beziehungsweise: Nimmt uns der Ausweg des Suizids nicht auch die Gelegenheit, dem Absoluten zu entrinnen und darauf zu vertrauen, dass selbst im tiefsten Tal das Wundersame plötzlich noch einmal zuschlägt?

Zwar mag uns im Leiden die Frage nach dem Sinn eines Lebens gestellt werden, wenn es allein durch medizinische und therapeutische Intervention stützend aufrecht erhalten wird – und damit künstlicher denn natürlich wirkt. Letztendlich stellt sich aber die Krux über das Selbstbestimmungsrecht über Leben und Tod auch in diesen Situationen. Wir konnten nicht entscheiden, ob wir leben möchten. Dann müssen wir zumindest darüber befinden dürfen, ob wir sterben wollen. Zu Recht bleibt der Suizid in Deutschland straffrei, weil wir gerade die Achtung vor der Eigenverantwortlichkeit über das eigene Leben hochhalten. Doch als Außenstehende sind wir nicht in der Lage, einen Freitod werten zu können. Wir würden übergriffig, wenn wir ihn positiveren oder negativieren, wenn wir ihn moralisch befürworten oder ablehnen. Insofern steht uns das Gutheißen nicht zu, sondern die Neutralität ist im Artikulieren und Denken unsere Pflicht.

Im Handeln aber sind wir schon allein aus dem Solidaritätsgedanken des Grundgesetzes und der Notwendigkeit zur Hilfeleistung aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch dazu angehalten, Selbstmorde zu verhindern. Denn gerade aus der Geschichte Deutschlands wissen wir um die engen Grenzen, die uns als Unbeteiligten gesetzt werden müssen, wenn es um die Frage von Tod und Tötung geht. Wir überschritten die Würde des Gegenübers, wenn wir ihm aktiv zu sterben verhülfen. Denn sie definiert sich nicht durch die individuelle Sicht des Einzelnen, sondern sie ist gesellschaftlich genormt von der Verantwortung gegenüber dem Nächsten. Und dieser Umstand kann auch nicht von der Meinung verblasst werden, die wir geradezu menschlich aufbringen, wenn wir sehen, dass unser Angehöriger leidet. Das Mitreißenlassen durch einen subjektiv gehaltenen Sterbewunsch dürfen wir nicht dadurch begleiten, indem wir uns auf wahrgenommene Gefühle der Todessehnsucht einlassen. Wir übergingen die ethische Barriere, die uns gegeben ist, um uns und unseren Nächsten vor Voreiligkeit und Hoffnungslosigkeit zu schützen.

Immerhin müssen wir davon ausgehen, dass die Befragten der aktuellen Erhebungen selbst nicht einmal um die Vielfalt der stützenden Behandlungsmethoden psychischer Ausnahmezustände, aber auch für die schier ausweglose Lage der Schwerstkranken wissen, wenn sie sich zum Intervenieren in einer Situation einlassen, die nicht nur den Betroffenen abseits des persönlichen auch ein moralisches Ringen abverlangt. Es geht nicht darum, das Weiterleben um jeden Preis zu erzwingen. Auch Sinnhaftigkeit ist ein einzelnes Empfinden, dem wir nicht verfallen dürfen, wenn wir zum Grundsatz auf Unabhängigkeit verdammt sind. Denn er gilt in einem Rechtsstaat. Und es liegt in der Natur der Sache, dass dessen Normen nicht immer konform gehen können mit dem, was wir denken und fühlen. Doch er ist und bleibt die einzige Chance, um gemeinsam auf Regeln zu beharren, die nicht immer mehrheitsfähig sind, aber gleichsam den einzigen Nenner darstellen, der unter Betrachtung der Objektivität einer Prüfung standhalten würde…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Die Pleitetour der Freifrau von Beverfoerde“, FR vom 18.09.2017

Es ist zunächst legitim, auch nach einem Beschluss des Bundestages gegen die „Ehe für alle“ zu sein. Unsere Meinungsfreiheit gebietet den Respekt vor Ansichten, die vielleicht nicht mehrheitsfähig erscheinen, aber ihre Gründe haben.

Ob es sinnvoll ist, mit einem derartigen Aufwand durch Deutschland zu touren, das ist eine andere Frage. Denn gleichsam ist es auch für den gesellschaftlichen Frieden eine Notwendigkeit, Entscheidungen in der repräsentativen Demokratie anzuerkennen, selbst wenn man sie nicht mitträgt. Das Stimmungsbild in der Bevölkerung zeigt eher, dass eine Vielzahl an Menschen mit dem leben kann, was in freier Abstimmung beschlossen wurde.

Wenngleich es vielleicht für manchen ungewohnt erscheint, wenn Männer künftig Männer heiraten, und Frauen eben Frauen. Doch gerade, weil es eine Gewissensentscheidung der Politiker war, zeigt sie das Ringen um Zeitgemäßheit und Tradition. Da gibt es nicht ein „Besser“ und „Schlechter“ – und so sollte man irgendwann einen Punkt setzen, vielleicht auch Hedwig von Beverfoerde.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Spielraum für die Seele“, FAZ vom 06. September 2017

Die Psychoanalyse fristet seit dem Aufkommen der Verhaltenstherapie eher ein Dasein im Hintergrund. Man erhofft sich rasche Ergebnisse und sichtbare Fortschritte, auch von den Krankenkassen. Nur, weil manche kognitive oder expositorische Methode aber einen schnelleren Nutzen verspricht, ist ihr Wirken deshalb noch nicht langfristig gesichert.

Aus eigener Erfahrung meine ich, es nutzt wenig, das Unkraut allein zu beschneiden. Es muss an der Wurzel gepackt werden. Die Psychoanalyse liefert mit ihren Verfahren nicht nur ein grundlegendes Verständnis für psychologische Vorgänge, sondern erklärt auch, wie modellhafte Konstellationen die Position des eigenen Ichs im Seelengebilde widergeben können – und so ein Arbeiten an den passenden Stellschrauben im eigenen System nachhaltige Veränderung bringen kann.

Ich halte zudem wenig von einem brachialen Vorgehen bei psychischen Leiden, weshalb der Raum des Zuhörens, der Resonanz und der Spiegelung häufig die sensiblere, aber dafür auf seelische Wunden und die nicht selten traumatischen, stressorischen oder individuellen Lebensumstände besser eingehendere Vorgehensweise darstellt als jene, die an den Ausgangspunkten einer Krankheit fast schamhaft vorbei zu wirken versuchen.

Psychoanalytiker und Tiefenpsychologen beweisen Mut, sich in Sümpfe zu begeben, während manch andere Psychotherapeuten und Wissenschaftler von heute meinen, es könne genügen, über Wasser zu gehen.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Ja. Ich bin gestört“, SPIEGEL 35/2017

Das „Outing“, psychisch krank zu sein, erfordert auch in der heutigen Zeit ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, im Zweifel auch Anfeindungen auszuhalten. Denn die Parallelen zwischen einer seelischen Erkrankung, dem Verrücktsein und gar eine Gefahr für die Öffentlichkeit darzustellen, sind in manchen Köpfen so offensichtlich, dass Vorurteile zementiert die Einstellung gegenüber Menschen mit Depressionen, Psychosen oder Ängsten prägen.

Wer sich allerdings selbst in Würde annehmen kann, lässt sich von zwiespältigen Meinungen von außen nicht aus der Bahn bringen, besonders nicht von denen, die ein adäquates und gleichsam wertschätzendes Urteil ohnehin nicht interessiert. Viel eher sind es die, die sich von Anmaßungen nicht beirren lassen, die dem Zustand des „Normalen“ deutlich näher sind als jene, die aus der Ferne Diagnosen stellen oder Einschätzungen über Mitmenschen abgeben.

Wer durch das Denunzieren Anderer Aufmerksamkeit erlangen muss, rückt sich selbst in den Fokus der Öffentlichkeit, denn Populismus mag zwar mehrheitsfähiger geworden zu sein, hat aber mit der Ernsthaftigkeit des Lebens wenig zu tun. Wer faire Rückmeldungen erhofft, der klärt über psychische Krankheit ohne jeden Eigennutz auf, zieht seine Geschichte heran, um deutlich zu machen, dass sie lediglich der Spiegel einer Gesellschaft ist, in der ein bisschen „bluna“ nicht schadet, Diskriminierung aber echt wehtut!

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu den Erkenntnissen der DAK-Erhebung über zunehmende Stressanforderungen an Schüler, SÜDKURIER vom 01. September 2017

In unserer Selbsthilfegruppe erleben wir zunehmend die Tendenz einer Nachfrage von jungen Menschen, die als Schüler, Studierende oder Auszubildende über die klassischen Zeichen von Stress, von Belastung und Problemen der Anpassung an die herausfordernde Situation gestiegener Ansprüche des Studiums, der Schul- oder Weiterbildung klagen.

Dabei scheinen nach meiner Einschätzung zweierlei wesentliche Ursachen zu erkennen zu sein: Einerseits überfordern sich die jungen Erwachsenen durch eine eigene Erwartungshaltung, durch einen überhöhten Medienkonsum und ein ständiges Vergleichen untereinander selbst. Andererseits haben Reformen im Schulwesen wie die Anpassung an G8, aber auch die Umstellung auf das Bachelor- und Master-System an den Hochschulen für eine Komprimierung von Lerninhalten, zu mehr Präsenz am „Arbeitsplatz“ und zu weniger Freiraum für das Abschalten geführt, was nicht zuletzt die Reizüberflutung bei den Jugendlichen anheizt.

Deprimiertheit, Angst und die Unfähigkeit, den Alltag zu organisieren, sind schwerwiegende Folgen, die bereits am Ende der Pubertät auftretend auch traumatische Auswirkungen haben können. Eltern, Gesellschaft, aber auch Politik sind zum Umdenken angehalten, insbesondere der Leistungsbegriff muss überarbeitet werden.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Weniger Schwangerschaftsabbrüche, mehr Trennungsgespräche“, „Rhein-Neckar – Zeitung“ vom 08.08.2017

Die Hilfsorganisation „pro familia“ hat mit einer neuen Hintergrundbroschüre zum Thema „Schwangerschaftsabbruch“ auf sich aufmerksam gemacht. Bereits beim Lesen der ersten Seiten wird deutlich, dass man es im Verein nicht so ganz genau nimmt mit der Geradlinigkeit der Argumentation. Und dass sich diese Inkonsistenz durch das gesamte Heft zieht, macht deutlich, welche Umwege „pro familia“ gehen muss, um den Schwangerschaftsabbruch auch ethisch als legitim darzustellen. Mit mächtigen Worten des Bundesverfassungsgerichts und der Gesetzgebung versucht sie bereits vorab, die rechtliche Ordnungsmäßigkeit der Abtreibung zu formulieren, kommt aber über die Worte der höchsten Richter in ihrem Diskurs kaum hinaus. Denn es überrascht nicht, dass neben dem Selbstbestimmungsrecht der Frau weitere Gründe fehlen, die den Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen würden. Dass dieser letztlich nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt und an sich doch nicht mit unserem Grundgesetz zu vereinbaren scheint, wird ebenso wenig deutlich wie die moralische Ebene, zu dem die Broschüre generell keinen wirklichen Zugang findet.

Interessant bleibt immer wieder die Formulierung der „ungewollten Schwangerschaft“, die Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen erreichen könne. Mir fällt nur die Schwangerschaft gegen den Willen einer Frau in Form einer Vergewaltigung ein, bei der wir tatsächlich von solch einem Ungewolltsein im 21. Jahrhundert sprechen könnten. Wer nicht schwanger sein möchte, wird in den allermeisten Fällen dazu auch nicht gezwungen. Ein Märchen davon, dass Schwangerschaften einfach passieren, ohne, dass man daran gedacht hat, beim Geschlechtsverkehr auch Nachwuchs zeugen zu können, es ist wahrlich ein primitives Menschenbild, das dort von mündigen Frauen gezeichnet wird. Denn spätestens nach dem Teenager-Alter wird allen Frauen bewusst sein, dass jede intime Begegnung mit einem Mann zu einer Schwangerschaft führen kann. Wer das nicht möchte, der hat im besten Fall die Enthaltung als ehrlichste Maßnahme, dem Wert des Sexualaktes neue Bedeutung einzuhauchen. Und selbst, wer den Liebesverkehr auch abseits der Zeugung von Nachkommen für das Lustspiel nutzen will, hat heute die Möglichkeit, den Eintritt einer Schwangerschaft mit recht zuverlässigen Mitteln zu steuern.

„pro familia“ degradiert Frauen zu unwissenden Persönlichkeiten, die offenbar nicht in der Lage erscheinen, verantwortungsvoll mit ihrem eigenen – und schon gar nicht mit neugeborenem – Leben umzugehen. Gerade ein Verein, der das Selbstbestimmungsrecht der Frau derart unterstreicht, sollte ihr auch zugestehen, dieser Tage nicht mehr von einer „ungewollten Schwangerschaft“ sprechen zu müssen, impliziert dies doch die offenbare Dummheit, weder über Verhütung, noch über die Folgen des Geschlechtsverkehres aufgeklärt worden zu sein. Und das wiederum wäre ein Ausdruck beispielloser Selbstkritik, fasst sich „pro familia“ doch gerade als die Beratungsstelle auf, die in sexualethischen Fragen ein modernes Verständnis der Aufklärung verfolgt und Frauen zubilligt, selbstverantwortlich über ihren Körper bestimmen zu können. Sie meint, Frauen befähigen zu können, die Konsequenzen von Abtreibungen überblicken zu können, muss aber gleichsam zugeben, dass viele Frauen aus nichtigen Gründen vorschieben, ungewollt schwanger geworden zu sein? Was die Frau mit einer Abtreibung sich aber antut, was sie ihrer Seele und vor allem dem ungeborenen Leben zumutet, das kann nichts mit dem Verständnis einer Unantastbarkeit des Leibes der Frau zu tun haben. Wer sich dem Schwangerschaftsabbruch aussetzt, verletzt sich nicht nur selbst, sondern geht das Risiko eines lebenslangen Traumatas ein, das nicht im Sinne einer Organisation sein kann, die die Frau schützen, „erwachsen“ machen will. Möge „pro familia“ sich weniger mit Abtreibungen und Trennungen, statt viel eher mit der Vermittlung von Klugheit, Weisheit und Nachsicht befassen.

[Dennis Riehle]