Kommentar

Immerhin müsse niemand den ganzen Tag im Eingangsbereich einer Behörde verbringen – so, oder so ähnlich, argumentiert der neue bayerische Ministerpräsident Söder in der Frage, warum die Pflicht zum Kruzifix in öffentlichen Gebäuden des Freistaates der Verfassung entsprechen soll. Nicht, wie damals, 1995, als das Bundesverfassungsgericht das obligatorische Kreuz in Klassenzimmern der Schulen als verfassungswidrig erklärte. Heute nimmt Bayern einen neuen Anlauf, den Menschen ein kulturelles Symbol, als das Söder das Kreuz wohl vornehmlich verstanden wissen will, aufzuoktroyieren. Als bloßes Mittel zum Diktat einer religiösen Identität taugt es jedenfalls nicht, viel eher wird zu einem Symbol von Unterdrückung und fehlender Toleranz, wenn es seiner ursprünglichen Bedeutung entzogen wird.

Denn künftig kann sich niemand wirklich des Anblicks verwehren, wenn er oder sie einmal schnell im Bürgeramt vorbeischauen möchte. Dort – und überall sonst in öffentlichen Einrichtungen soll das Kreuz zum Zeichen der christlichen Vorherrschaft werden. Die Kultur und die Lebensweise, die Bayern geprägt haben, sie sei ausschließlich christlich, folgt man der Logik des Ministerpräsidenten, der mit seinem Ansinnen keinen Verstoß gegen die Glaubensfreiheit sieht. Und er weist auch Kritik der Kirchen zurück, die das Kreuz nicht als Wahlkampfsymbol missbraucht sehen wollen. Der Gottesbezug finde sich schließlich auch in der bayerischen Verfassung. Was das allerdings mit dem Kruzifix in den Eingangshallen der öffentlichen Gebäude zu tun haben soll, das blieb auch der ehemalige bayerische Kultusminister schuldig, der sich vehement für Söder einsetzte.

Wenn ich auf das Kreuz blicke, dann fällt mir als Christ zunächst die Leidens- und Lebensgeschichte Jesu ein. Kein Anschein davon, dass es allein einen Machtanspruch widerspiegelt. Viel eher ist es Ausdruck von tiefer Unterwerfung und erhabenem Wiederauferstehen. Das Kruzifix taugt nicht, um mit Überheblichkeit eine Leitkultur zu verordnen, die ein Großteil der Bevölkerung nicht einmal teilt. Die CSU verliert immer mehr den Bezug zur eigenen Basis, das Kreuz soll nun herhalten für Taktik und Manöver, um rechts neben der Partei keiner anderen politischen Kraft die Existenz zu erlauben. Das Kruzifix, es soll uns überall dort, wo es hängt, an die Demut erinnern, mit der sich Christus letztendlich seinen Peinigern untergeben hat – da ist kein Platz für die selbstschwellende Brust des Herrn Söder, der sich peinlich ablichten lässt mit dem Zeichen, das Gläubige in aller Welt miteinander vereinen soll.

Wer ein Kreuz trägt, der drückt seine Verbundenheit mit dem christlichen Glauben aus. Es ist reine Privatsache, in einem säkularen Staat hat das Kruzifix nichts im staatlichen Gemeinwesen zu suchen. Das Kreuz seiner eigentlichen Bestimmung zu entlehnen, es dürfte nicht nur vielen Christen bitter aufstoßen. Es ist eine sinnvolle Übereinkunft, dass sich der Staat weitestgehend aus kirchlichen Angelegenheiten heraushält – und umgekehrt. Was in der Praxis heute nicht gelingt – und auch nicht gelingen soll –, das darf kein Anreiz sein für die, die das Kreuz zum Schein zweckentfremden wollen. Die bitterliche Geschichte des Symbols, auch weit abseits des Wirkens und Sterbens Jesu, das sich nicht nur zu einem positiven, sinnstiftenden Element christlichen Glaubensbekenntnisses entwickelt hat, sie sollte nicht neuerlich mit Zwang und Pein durchgesetzt werden.

Dass mit dem Kruzifix im öffentlichen Raum vor allem gegen die Stimmung gemacht werden soll, die aus dem islamischen Kulturkreis zu uns gekommen sind, wird nicht nur ob des Rahmens des Wahlkampfes offensichtlich, in den Ministerpräsident Söder seine öffentlichkeitswirksame Aktion gestellt hat. Es ist ein Affront, wenn Ämter und Behörden mit dem Kreuz begrüßen. Wer staatliche Hilfe braucht, der benötigt keinen Nachhilfeunterricht in Staatskunde. Wir wissen um die Wurzeln des Landes, wir wissen aber gleichsam um die heutigen Realitäten. Sie werden in Bayern derzeit vollkommen ausgeblendet. Atheisten und Humanisten, Juden und Muslime, Buddhisten und Hinduisten sind in unseren öffentlichen Gebäuden gleichsam willkommen. Und nicht einmal jedem Christen wird es recht sein, wenn ein Zeichen, an dem wir schwer zu tragen haben, den Gang zur Behörde ebnet.

Und sind es tatsächlich die christlichen Errungenschaften, die unser Miteinander ausmachen? Ist das Kreuz das Symbol, das uns zu einigen in der Lage ist? Verstehen wir es als Abgrenzung zu allem Anderen, dann verliert es seine friedensgebende Wirkung. Und die Deutung des Kruzifixes, sie obliegt nicht dem bayerischen Ministerpräsidenten. Auch wenn er sich gibt wie der Herrscher des christlichen Abendlandes, so sind wir heutzutage eher auf der Suche nach etwas Verbindendem. Wenn ich sonntags in der Kirche stehe, dann wird mir die Bedeutung des Kreuzes klarer als am Montag im Einwohnermeldeamt. Das Kruzifix in den Alltag der Menschen zu zwingen, es kann nur zu Spaltung und Unruhe führen. Ich persönlich möchte meine neutralen Freiräume, in denen ich nicht auf meinen Glauben hingewiesen werde, in der mir nicht die religiöse Geschichte unseres Landes vor Augen getragen wird.

Wer seinen Bauantrag im Rathaus abgeben möchte, der soll das tun können, ohne am Kreuz vorbeigehen zu müssen. Die Omnipräsenz des Kruzifixes, es führt zu Verdrossenheit und zu einer Schwächung des religiösen Wertes, den das Kreuz zweifelsohne besitzt. Im Kirchenschiff, dort hat es seinen Platz. Freiwillig und aus eigener Entscheidung suche ich es auf, weil ich mit Bedacht und Bewusstsein daran erinnert werden will, was Grundlage meines Glaubens ist. In Bayern wird sich niemand mehr dem Einfluss eines nicht unumstrittenen Symbols entziehen können. Ministerpräsident Söder schadet mit seinem Selbstdarstellungsdrang seiner eigenen Religion, die sich nicht einmal dagegen wehren kann, von polternden Politikern in Zeiten der Wahlkampfauseinandersetzung ihrer Besonderheit beraubt zu werden.

Tod und Sterben, Leben und Auferstehung – das ist keine Nahrung für hektische Zeiten. Wer sich des Christseins und einer christlichen Prägung klar werden will, der schafft das nicht zwischen Aktenordnern und Kopierern, nicht zwischen Tür und Angel, sondern dort, wo uns die ausdrückliche Gelegenheit dazu gegeben ist: Die Kirchen des Landes proben zurecht den Aufstand, will man ihnen doch ihr Copyright streitig machen. Zu einem Zweck, der nicht gewollt ist, soll christliche Identität zu einem Verkaufsschlager des bayerischen Ministerpräsidenten werden. Es ist schon heute absehbar, dass die Regelung vor den Richtern in Karlsruhe landen dürfte. Viel Wind um nichts? Doch, es geht durchaus um die Frage, ob sich das deutsche Volk von seinen Politikern eine Leitkultur vorschreiben lassen will, die nach aktuellen Umfragen nicht mehrheitsfähig ist. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger…

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Unionspolitiker unterstützen Söder in Kreuz-Debatte“, „Badische Zeitung“ vom 02.05.2018

Ja, man kann das Kreuz als Symbol christlicher Kultur und Lebensweise verstehen. Wer es aber allein darauf begrenzt, der missbraucht es – in diesem Fall zu staatlichen Zwecken.

Denn Ministerpräsident Söder geht es nach seinen Aussagen nicht um Jesu Tod und Auferstehung, sondern um die Vorherrschaft des Christentums im Land. Damit wird das Kreuz zu einem Zeichen des Kampfes um die religiöse Identität, es wird zu einem Symbol von Unterdrückung und fehlender Toleranz.

Denn tatsächlich kann sich im öffentlichen Raum, im Eingang eines behördlichen Gebäudes niemand des Blickes auf ein Kreuz entziehen – und offenbar soll das auch niemand. Ministerpräsident Söder legt es an auf die Auseinandersetzung um die Glaubensfreiheit.

Doch staatliche Einrichtungen sind der falsche Ort, um Religion zu bekennen. Das Kreuz, es ist einerseits Privatsache jedes einzelnen Menschen, der damit seine Verbundenheit mit dem Christentum, vor allem aber mit der Leidens- und Lebensgeschichte Christi zum Ausdruck bringen will.

Es ist andererseits ein Symbol des gemeinsamen Besinnens auf die Zugehörigkeit zu einer Weltreligion, das in den Kirchen unseres Landes gut aufgehoben ist. Für den Wahlkampf allerdings, da ist es nicht geeignet.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

In Syrien ringen die Menschen um Luft, nachdem Bomben ein Wohnviertel getroffen haben. Im Kongo grassiert die Gewalt, lässt die Armut die Einwohner ums Überleben kämpfen. Und zwischen dem Osten und dem Westen ist das Verhältnis schlechter als im Kalten Krieg. Wie kann, wie soll man angesichts solcher Tatsachen noch an einen theistischen Gott glauben? An einen Gott, der in das Weltgeschehen eingreift, der es lenkt und mit seiner Allmacht auch manches Leid von uns Menschen fernzuhalten in der Lage wäre?

Um diesen Gott zu verstehen, bedarf es eines Blickes an den Anfang der Bibel. Denn schon im 1. Buch Mose lässt dieser Gott keinen Zweifel offen: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist“ (Kap. 3,22). Mit diesem Satz drückt Gott aus, was für viele Menschen in dieser Welt auch ohne jeden Glauben an eine höhere Macht selbstverständlich ist: Wir leben in Freiheit. Und ja, wir leben sogar in einer scheinbar unbegrenzten Freiheit. Denn wir sind mündig genug, um zwischen dem Bösen und dem Guten zu unterscheiden.

Gott liebt die von ihm geschaffenen Menschen offenbar sehr. Denn warum formt er sie nach seinesgleichen? Die Liebe Gottes zu den Menschen, sie geht so weit, dass er ihnen zutraut, in unbeschränkter Freiheit verantwortungsvoll zu leben – und zu agieren. Können wir also einen Gott verantwortlich dafür machen, dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen? Dass wir es nicht auf die Reihe bringen, die Weltgemeinschaft so fair zu gestalten, dass von dem Vielen, was wir haben, jeder satt wird? Dass wir lieber die Waffen sprechen lassen, statt miteinander an einem Tisch zu sitzen?

Zweifelsohne: Es gibt das menschgemachte Leid. Aber es gibt auch das, das unverschuldet über uns hereinbricht. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Unwetter. Nachdem der Mensch weiß, was gut und böse ist, obliegt auch ihm die Sinnsuche für das, was er nicht begreifen kann. Die Bibel gibt hier eine Fährte: „… damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind…“ (2. Korinther 1, 3-4). Gäbe es kein Leid, könnten wir nicht trösten. Und Trost gehört zum wichtigsten Lerninstrument, das uns Menschen im Erwachsen aus den Tiefen zur Verfügung gestellt ist.

Das vermeintlich Böse, das wir uns selbst auferlegen, es ist Ausdruck tiefster Freiheit. Gott überlässt uns die Spielwiese des Lebens, um uns dort auszutoben. Und der Mensch muss dabei mit ansehen, wie seine Spezies aus Gründen von Macht, Gier, Neid, Missgunst und Sehnsucht dieses Freisein missbraucht, um sich über Andere zu überhöhen. Doch auch dann greift Gott nicht ein. Tatenlos mag das sein. Und doch ist es ein konsequenter Ausdruck dessen, dass er uns zumutet, die Fehler unseres eigenen Handelns selbst zu erkennen.

Und offenbar wusste Gott schon früh, dass seine geliebten Ebenbilder nicht auf das Böse verzichten können. Uns die Fähigkeit des Tröstens anheim zustellen, es ist ein Mittel, mit dem wir aus dem, was uns eigens oder durch Naturgewalten angetan wird, herauskommen können. Das Durchstehen der Täler, es befähigt uns, auch die Gipfel des Lebens erklimmen zu können. Würden wir ohne das Böse auszukommen versuchen, wir wüssten das Gute nicht zu erkennen – und zu schätzen. Ungerecht mag es verteilt sein, die Last, die wir mit uns umhertragen müssen.

Und das gilt es, bei allem Plädoyer für die Sinnhaftigkeit des Leides in der Welt, gegenüber einem Gott klagend zum Ausdruck zu bringen. Denn die Grenzen unseres Verstehens, sie gehören genauso zu uns dazu wie die Weitsicht, Böses und Gutes zu trennen, zu bewerten und auszuführen. Es wäre billiger Populismus, wenn wir glaubten, die Einen hätten die Schweremut mehr verdient als die Anderen. Gott unterscheidet nicht zwischen den Menschen – und trotzdem lässt er zu, dass ihnen so unterschiedlich viel Krankheit, Armut und Traurigkeit zufällt.

Nein, fair ist das nicht. Und gerade deshalb tue ich mir jeden Tag neu schwer mit einem Glauben an diesen offenbar so herzensguten, barmherzigen und nachsichtigen Gott. Seine deistische, seine schaffende Kraft, sie kann und will ich aber nicht leugnen. Und auch nicht, dass er uns mit den vielen kleinen Gesten des Alltages doch zeigt, dass Trost möglich ist. Er befähigt uns mit dem Können der Seelsorge, mit dem gegenseitigen Auffangen im kleinen Glück des Hier und Jetzt, unseren Nächsten an die Hand zu nehmen.

Braucht es das Leid aber tatsächlich? Lebten wir nicht ohne es viel leichter? Dann bedingte es auch kein Weinen, kein Zittern und auch kein Trösten. Wie armselig wäre aber die Welt, wenn wir einander nicht beweisen könnten, dass wir auch des Guten mächtig sind? Die Schattierungen werden deutlich, wenn Not und Hilfe pointiert gegenüberstehen. Durch das Lastertragen werden wir sensibel für Gefühl, Emotion und Mitmenschlichkeit. Mit dem Erfahren von Leiden schleift Gott uns zu feinfühligen Wesen.

Denn nur durch das Ankommen am Boden werden wir nachsichtig – mit uns und mit unseren Feinden. Die Dankbarkeit für das Gute, das uns durch die winzigen Gesten des Zwischenmenschlichen bewusst wird, wächst mit jedem neuen Durchlaufen des Tragischen. Gott weiß scheinbar um die Schärfung unserer Wahrnehmung und Achtsamkeit, wenn wir erst einmal das Dunkel des Grauens erlebt haben. Mit der Provokation des Leidens forciert er das Annehmen des Bösen, ohne es tatenlos auf uns wirken zu lassen.

Denn dafür erbaute er die Liebe, dass auf jede Verletzung Heilung folgen kann. Der Prozess des Wiederauferstehens aus dem Leiden, er fasziniert uns nicht nur bei manch Anderen. Auch wir selbst haben in uns und durch die, die mit uns wehklagen, die Kraft zum Neubeginn. Gutes und Böses, Lasten und Trost – sie gehören untrennbar zusammen. Auch wenn wir durch sie auf harte, auf manchmal unüberwindliche Proben gestellt werden, so ist unser Fortschritt nur durch die Freiheit möglich, die Gott uns wahrhaftig zutraut.

Sie ist Geschenk und Anerkennung zugleich. Ob nun ein Glaube mit Gott – oder ohne ihn: Wenn wir hinter dem, was uns zunächst unsinnig, übertrieben und als Zumutung erscheint, eine Zweckmäßigkeit erkennen, die nicht selbstverständlich, sondern gegeben erscheint, dann wissen wir um die wesentlichen Werte unseres Daseins. Nein, wir brauchen Gott nicht zwingend dafür, um diese Theorie zu verstehen. Doch mit ihm holen wir uns vom Sockel, passen uns ein in das Gefüge des Miteinanders, dem etwas mehr Demut noch nie schlecht zu Gesichte stand…

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Finanzskandale, rückläufige Mitgliederzahlen und der Streit um die Segnung von homosexuellen Paaren. Nein, die Kirche ist wirklich nicht zu beneiden. An verschiedenen Fronten kämpft sie mit hausgemachten Missständen, mit manchem Überdruss über die Kirchensteuer und schlussendlich auch mit Lehren und Dogmen, von denen Einige glauben, sie seien nicht mehr zeitgemäß. Dabei fragt man sich wirklich: Ist es allein das liebe Geld, das die Menschen in Scharen aus den Gotteshäusern treibt? Oder stört viel eher das konservative Profil, über das sich sowohl katholische, aber auch manch evangelische Kirche nicht hinweg zu trauen scheint?

Als ich vor über fünf Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, da waren es banalere Dinge. Da ging es um zwischenmenschliche Konflikte, aber auch um handfeste Zweifel: Die Frage, die Gläubige in und außerhalb der Kirche mit sich herumschleppen, bleibt vor allem: Warum lässt Gott die vielen Schicksale auf dieser Welt zu? Und wenn ich aus meiner persönlichen Antwort auf dieses „Theodizée“-Problem die Schlussfolgerung ableite, es könne gar keinen liebenden Gott geben, kann ich dann tatsächlich noch einem Verein angehören, in dessen Mittelpunkt genau diese höhere Kraft steht? Für mich war klar: Nein, ich kann es nicht. Und außerdem: So richtig überzeugt war ich von einem auferstehenden Jesus auch nicht, seine Leidensgeschichte am Kreuz konnte ich ja noch nachvollziehen – mehr aber nicht. Und wie soll dann ein ehrliches Glaubensbekenntnis über die Lippen gehen, wenn ich bei jedem zweiten Satz erst einmal darüber nachdenken muss, ob ich noch hinter den Aussagen stehe, die mein Nachbar mit Inbrunst betet? Viele Andere bleiben trotz dieser Zweifel in der Kirche, weil man eben schon seit Geburt an dort verwurzelt ist.

Das war für mich allerdings kein Argument. Und viel eher trieb mich die Neugier an, wie es denn diejenigen machen, die sich von Gott abgewendet haben. Wie lebt es sich als Atheist? Nach einem halben Jahrzehnt in der säkularen Szene bin ich im vergangenen Jahr wieder in die Kirche zurückgekehrt. Nicht, weil ich heute mehr glaube als noch 2012. Mir wurde aber bewusst, dass die kirchliche Gemeinschaft für mich persönlich weitaus mehr zu bieten hat als das Wissen um einen Zusammenhalt aus denjenigen, die aus meiner Erfahrung nicht selten den Menschen in den Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns stellen – nicht den Mitmenschen, sondern sich selbst.

Es fehlte mir an Konzepten dort, wo ich einst Hoffnung sah: Doch im transhumanistischen Ansinnen des Evolutionären allein fand auch ich keine Glückseligkeit. Da beantworteten sich zentrale Fragen des Daseins nicht. Der Anbeginn der Welt blieb ebenso nebulös wie das ständige Grübeln über den Sinn des Lebens. Ich gebe zu: Da gab mir der christliche Glaube mehr. Bei weitem nicht alles, aber doch eine erfüllende Menge an Weisheiten, die oftmals recht naiv erscheinen – und vielleicht tatsächlich nur „Opium für das Volk“ sind. Aber sei es drum: Eigentlich blieb ich nach meiner Rückkehr in die Kirche über die Gründe für deren wachsende Erosion noch mehr im Unklaren als zuvor. Denn wenn es etwas gab, was der Glaube in Gemeinschaft lehren kann, dann waren es Hoffnung und Zuversicht. Weshalb aber verkennen heute immer weniger Menschen die heilsbringende Botschaft? Vielleicht, weil gerade sie nicht mehr durchdringt durch das politische Sonntagsgerede auf den Kanzeln? Oder weil es nicht gelingt, die recht verstaubten Worte von damals in ein neues Gewand zu kleiden, das den Inhalt aber nicht verschmälert?

Die Kirchen haben heute ein Problem, das sich nur mit einem immensen Umdenken bewältigen lässt. Als ich aus der Kirche austrat, da wunderte ich mich schon, weshalb sich niemand der Klerikalen, niemand aus der Gemeinde dafür interessierte, dass ich plötzlich von der kirchlichen Bildfläche verschwunden war. Sind die abhanden gekommenen Schäfchen es nicht wert, einmal gründlich nachzuhaken, warum sie die Herde verlassen haben? Oder kommt man mit dieser Aufgabe bei der Vielzahl an Ausgetretenen gar nicht mehr hinterher? Jedenfalls war ich enttäuscht darüber, dass die Kirche es versäumt hat, über die Gründe für die großen Austrittswellen nachzudenken. Man macht es sich zu einfach, wenn man die Verluste einfach abschreibt. Denn wohin soll die Entwicklung gehen, wenn trotz mancher Reförmchen die Geschwindigkeit an Austritten kaum abnimmt? Kirche muss die Menschen heute in ihrer Lebenswirklichkeit abholen. Das bedeutet nicht zwingend, einem liberalen Mainstream hinterher zu eifern. Denn nicht wenige Gläubige wünschen sich von ihrer Kirche gerade das Gegenteil.

Es scheint trotzdem eher weniger darum zu gehen, welch klare Kante die Kirche beweist. Viel eher versäumt sie die Exegese, das Herunterbrechen biblischer Geschichten auf die Gewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Entweder bleibt sie an den Buchstaben der Heiligen Schrift hängen – oder sie stilisiert sich zur moralischen Instanz auf, die sich lieber über die „GroKo“ äußert als über die Frage, was der Arbeitslose, der Krebskranke, die überforderte Mutter tun kann, um für sich selbst neue Kraft zu schöpfen. Lösungswege zeigt der Glaube nicht immer auf, aber er kann zumindest über so manches Tal hinweg tragen.

Und wenn es um das „Abholen“ der Menschen geht, dann ist das auch wörtlich gemeint. Zwar wünschen wir uns in der heutigen Zeit immer öfter, dass sich möglichst Viele aus unserem Leben heraushalten mögen. Doch sind wir nicht manches Mal dankbar, wenn sich jemand erkundigt, wie es uns geht? Gerade in der tendenziellen Vereinsamung nicht nur älterer Menschen könnte für die Kirchen eine Chance liegen. Nein, sie muss nicht auf neue Mission gehen, sie sollte niemandem den Glauben „aufschwatzen“. Aber ab und zu genügt es bereits, wenn man über ihn ins Gespräch kommt. Bei immer weniger Mitarbeitern wird es zwar schwieriger, den früher noch so obligatorischen Hausbesuch innerhalb der Gemeinde aufrechtzuerhalten. Doch auch die Herausforderung, Vertrauen in die Hände von Ehrenamtlichen abzugeben, sie gehört zu den größten Hürden, die eine Kirche der Gegenwart überwinden muss. Glaubensgemeinschaften sind keine elitären Clubs der Klerikalen, sondern müssen heute mehr denn je partizipierende Teams sein, in denen man sich aufeinander verlässt. Gerade deshalb bin ich in die Kirche zurückgekehrt, weil ich mir nicht eingestehen will, dass sie veränderungsresistent ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin wahrlich keiner, der der Kirche nach dem Mund redet. Und ich bleibe auch heute jemand, der eine klare Trennung zwischen Weltanschauungsgemeinschaft und Staat befürwortet, der gleichzeitig aber im Privaten dafür wirbt, dass die Kirche sich wandelt, weil er an ihr Gutes glaubt. Sie wirkt interessant, wenn sie Interesse zeigt. Sie sollte nicht nur hinhören, wenn es um ihre eigenen Belange geht, sondern gerade dann, wenn die Mitglieder von ihrem Glück und Leid berichten. Das Miteinander zwischen Kirche und Gläubigem, es ist – viel mehr als bei jedem anderen Verband – ein gegenseitiges. Ich gehöre ihr nicht nur an, weil ich für ihr „Programm“ einstehe, sondern weil ich etwas von ihr verlange. Kirche ist Dienstleister. Und als solcher hat sie sich in der Vergangenheit nicht immer bewiesen. Im Ringen um die besten Ansichten muss auch sie sich heute dem Wettbewerb stellen, es ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man in sie hineingeboren wird – und dort verbleibt. Zeitgemäß heißt nicht zeitgeistig. Ein sich Öffnen für die Ansprüche der Gläubigen, statt die Hände in den Schoß zu legen. Eine theologische Souveränität statt buntem Glaubensmix. Ein offenes Herz statt verschlossene Türen.

[Dennis Riehle]

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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kirchenverwaltung in Hessen und Nassau,

„Ist Gottes Wort nicht absolut wahr?“ – Unter dieser Überschrift veröffentlichte das evangelische Nachrichtenmagazin „idea Spektrum“ eine Meldung über den Intereintrag auf der Seite der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der sich mit der Frage befasste, ob das „heilige Buch“ denn „kein historischer Tatsachenbericht“ sei (http://www.ekhn.de/glaube/glaube-leben/bibel/gottes-wort.html).

Wahrheit – was bedeutet für uns „Wahrheit“? Ist nur das, was wissenschaftlich objektivierbar erscheint, auch tatsächlich Realität? Oder erlebt nicht jeder von uns tagtäglich seine eigene Wirklichkeit? So, wie diejenigen, die Gottes Wort aufgeschrieben haben?

Sie wurden angesprochen von Gottes Präsenz, von seinem Geist, der sie nicht buchstabengetreu auflisten ließ, was er den Menschen zu verkünden hat. Sondern der uns eingab, welche Botschaften er für uns bereithält. Gott befähigte die, die zu damaligen Zeiten in der Fertigkeit waren, seinen geistlichen Impuls aufzunehmen, Parabeln und Allegorien zu verfassen, die seinem Willen Ausdruck verleihen.

Schon allein die Widersprüchlichkeit in den biblischen Geschichten macht deutlich, dass nicht Gott es selbst war, der niedergeschrieben hat – und dass auch er es nicht gewesen ist, der den Verfassern der biblischen Werke wortwörtliche Weisung gegeben hat. Viel eher hat Gottes Freiheit gewirkt, die er bereits zu Anbeginn der Welt seinen Geschöpfen zusprach, als er ihnen einhauchte, welche Aussagen, welche Werte, welche Ziele und Utopien es sind, die das zwischenmenschliche Miteinander ausmachen, die den Frieden auf Erden bestimmen, die die Verheißung leiten sollen.

Es wäre viel zu eng gedacht, wenn wir uns auf ein „Klein-Klein“ des einzelnen Letters einlassen würden. Stattdessen sind es die überragenden Zusammenhänge der biblischen Schriften, die um ihrer Gesamtheit willen die Verkündigung für jeden von uns hinnehmbar werden lassen. Denn wir können und müssen uns nicht identifizieren mit der Übersetzung, sondern mit dem Spirit der Gleichungen, der Metaphern, die Gott uns im Wort bereit hält, das durch den Menschen offenbar wurde.

Die Redakteure waren solche von uns, sie waren – wie Jesus Christus – Gottes Kinder. Mit ihrer Weisheit, gleichsam wie mit ihrer Weitsichtigkeit, haben sie die schwierige Aufgabe auf sich genommen, beseelt von der göttlichen Wahrheit eine Transkription zu schaffen, die das Unfassbare in Worten greifbar werden lässt. Denn Gottes Gnade ist viel weiter als unsere Vernunft, es können allein menschgemachte Worte sein, mit denen Gottes Zuspruch uns erreicht.

In unserem begrenzten Verstand sind die Formulierungen der Aufschreibenden, der vom Geist Gottes Animierten ein ledigliches Mittel, um annähernd verstehen zu können, was der Herr in seiner Größe und Allmacht zu sagen vermag. Daraus resultiert auch die Maßgabe, dass wir nicht am einzelnen Buchstaben kleben und ihn zu „heiligen“ versuchen dürfen. Denn es ist nicht das Wort, es ist nicht die Schrift, die uns die Bibel als gottgegeben vermitteln will. Es ist der Geist, der uns in Form menschgeschaffener Definitionen, Erklärungen, Texte und Berichte zuteilwird.

Jeder von uns steht immer wieder neu vor der Herausforderung, die zwischen menschlichem Sender und irdischem Empfängern übermittelte Nachricht Gottes für sich und sein Leben zu entschlüsseln. Nicht jeder wird aus den Worten dasselbe ablesen. Und doch ist bei ernstlichem Studium der Schrift gewährleistet, dass die Inhalte der Bibel wahrheitsgetreu wiedergegeben werden – jeder Leser tut dies für sich in seiner eigenen Interpretation, in der persönlichen Exegese.

Das macht das Bekenntnis zu Christus so lebendig: Jeder von uns entnimmt den aufgeschriebenen, den verklausulierten Mitteilungen der Heiligen Schrift einen eigenen Wahrheitsgehalt. Die Deutung, die für unser Leben wichtig wird, eröffnet sich durch unseren Glauben. Das ist nicht beliebig, sondern treu dem Bekenntnis zum Christsein, das sich fußt auf der Gewissheit des Schöpfergottes, seines Sohnes und des Geistes, mithilfe dessen jeder von uns verstehen kann, was das Geschriebene für den Einzelnen bedeutet.

In diesem Sinne entdecken wir die Sinnhaftigkeit der Bibel als Buch der Impulse, uns mit den Visionen der verschiedenen Autoren, die im Auftrag und im Namen Gottes ihre Sicht des christlichen Daseins vermitteln, selbst auseinanderzusetzen und zu reflektieren, was die stellvertretenden Bildnisse uns ganz persönlich sagen möchten. Wir nehmen aus den Worten, inspiriert von Gottes Gegenwart, die Mission zur Nachfolge Jesu und den Aufruf zu einem Christsein, das wir allein vor dem Schöpfer selbst rechtfertigen müssen.

Herzliche Segenswünsche

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Sexueller Missbrauch hat nichts mit der Religion der Täter zu tun“, WELT vom 03.01.2018

Sehr wohl hat die Religion bei der Ausübung sexueller Gewalt eine Bedeutung. Denn es ist das religiöse Rollenverständnis zwischen Mann und Frau, das zu Verletzungen der sexuellen Integrität führt. Die extremen Ränder der jeweiligen Religion, die sich wortgetreu auf ihre Schriften beziehen, wenn sie die Übermacht des Mannes gegenüber „seiner“ Frau rechtfertigen, sind anfällig für eine Missdeutung des Verhältnisses der beiden Geschlechter zueinander.

Die Männer glauben, von der Schöpfung ausgehend, die Frau sei ihr „Weibe“, das ihnen an die Seite gestellt ist, um zu dienen. Und das auch im sexuellen Sinne. Religion hat noch immer Probleme mit dem Gleichheitsverständnis zwischen Mann und Frau, denn die Schriften sind in dieser Hinsicht übereinstimmend klar. Und nur der, der eine vernunftbezogene Exegese betreibt, wer Bibel oder Koran am Grundgesetz des 21. Jahrhunderts misst und reflektiert, kann zu der Einsicht kommen, dass Frauen kein Gegenstand für die männliche Willkür sind, sondern dieselbe Würde, denselben Schutz vor Übergriffen, vor Unterdrückung und Gewalt genießen wie jeder Andere auch.

Wer erstmalig aus anderen Kulturkreisen kommend mit diesen Regelungen konfrontiert wird, wird stets die eigene Religion vorschieben, um ein anderweitiges Verhalten zu begründen. Deshalb braucht es Deutlichkeit: Religion darf kein Deckblatt für männliche Allmachtphantasien sein.

[Dennis Riehle]

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Gedanken zur Jahreslosung 2018

Umsonst! Was gibt es heute noch umsonst? In einer kommerzialisierten Gesellschaft ist Zeit Geld, da schenkt niemand freiwillig etwas her. So denken wir zumindest. Auch denen, die da in der Ferne dürsten, wir wollen ihnen so gerne helfen – und doch sind wir weit weg. Was wollen wir tun angesichts von Armut und Not, von Hunger und Durst? Auch in unserem Land leben Menschen auf der Straße, haben kein Dach über dem Kopf. Umsonst ein Stück abgeben vom Reichtum, den wir mit uns herumtragen. Einmal nicht darauf schauen, was es uns kostet. Vor allem nicht abwerten, den Anderen nicht beurteilen, ihn verantwortlich machen für seine Lage. Nein, ihn annehmen. Teilhabenlassen diejenigen, die ausgeschlossen sind. Die am Rande der Gesellschaft stehen. Die ausgegrenzt sind, obwohl sie Rechte haben.

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“. Gott spricht zu uns in der Offenbarung, in der Jahreslosung 2018. Er will den Dürstenden zu trinken geben. Doch nein, nicht nur das. Er will spenden das lebendige Wasser. Das uns wieder auferstehen lässt von der Qual des Alltags, von der Mühsal unseres Lebens, von den existenziellen und den materiellen Fragen. Wasser – wir können nicht ohne leben. Und wer sich vorstellt, wie es ist, das erste Mal im Jahr ins Freibad zu gehen, das kühle Nass zu spüren, zu erleben, dass Wasser trägt, der wird um seine Bedeutung wissen. Und wer nach einem langen Ausdauerlauf mit ausgetrockneter Kehle endlich wieder ein wenig Flüssigkeit aufnimmt, der ist dankbar für den Wohlgenuss.

Vom lebendigen Wasser nehmen zu dürfen, ohne eine Gegenleistung. Weil Wasser uns allen gehört. Es ist für das menschliche Überleben elementar. Jeder von uns sollte genug davon abbekommen, doch leider ist die Realität eine andere. Dabei steht das Wasser im Bibelvers nicht nur stellvertretend, sondern symbolisch. Mit Wasser werden wir getauft, weil wir damit eine Zugehörigkeit zum Leib Christi ausdrücken können. Weil Wasser uns deutlich macht, dass wir nur mit ihm überleben können – genauso, wie mit der Hoffnung und Zuversicht auf Jesus selbst. Auch die Taufe wird uns geschenkt. Wir müssen nichts zu tun, sondern wir dürfen allein empfangen. Das ist die Zusicherung Gottes: Er lässt uns nicht allein, auch nicht in der Wüste, wenn wir zu verdorren drohen.

Die Jahreslosung ermutigt uns, uns wieder einmal bewusst zu sehnen nach dem erfrischenden Wasser. Das Kostbare wertzuschätzen. Gottes Schöpfung nicht für selbstverständlich anzunehmen. Und viel mehr noch: Wieder einmal Lebendigkeit zu tanken, indem wir in Jesus Christus aufgehen. In seiner Nachfolge. Vitalität erlangen wir nicht nur durch reichliches Trinken, sondern insbesondere, uns an Wort und Tat des Herrn zu laben. Wenn wir die Schrift lesen und die Verkündigung hören, dann wird uns nicht länger mangeln. Jeden Körperteil empfinden, uns selbst wahrnehmen, achtsam sein mit uns, uns eigens Zeit geben. Wasser ist in einigen Teilen der Erde Luxus – sind auch wir vorsichtig und umsichtig mit dem, was so selbstverständlich aus den Hähnen fließt.

Sogar Psalm 23 führt uns zu frischem Wasser: Gott lässt es uns gutgehen, er sorgt für uns. Auch für die, die dürsten. Denn ihre trockenen Lippen werden durch seine Botschaft benetzt sein. Nein, nicht im physischen Sinne, aber im geistlichen. Darum sind wir angehalten, uns für unseren Nächsten einzusetzen, der nach Anerkennung, nach Zuwendung, nach Unterstützung sucht. Gehen wir hin zu ihm, ohne dafür etwas zu verlangen. Auch Gott tut es umsonst. Lassen wir ihn Anteil haben an seiner Verheißung auf ein ewiges Dasein, wenn, ja wenn wir es annehmen, das Geschenk der Lebendigkeit. Christus hat es uns vorgemacht: Nicht der, der im Überfluss ist, sondern der seine Existenz dahingeben würde für seinen Glauben, für seine Mitmenschen, der wird schlussendlich das Jenseits empfangen.

Entbehrung üben – und danach den Durst löschen. Welch ein wohltuender Gedanke! Wenn Gott uns an der Quelle des lebendigen Wassers trinken lässt, ganz umsonst, dann ist das eine Aufforderung und Verantwortung zugleich. Wir sollen niemandem das Gut der Herrlichkeit vorenthalten. Wir sollen die schmecken lassen, die Orientierung verloren haben. Diejenigen mit der Güte Gottes bedenken, die gierig sind nach den letzten Vorräten. Die nur sich im Sinn haben, wenn sich die Flasche leert. Sie werden es sein, die Jesu Frieden am nötigsten haben. Mögen Bäche und Flüsse sprudeln für die, die selbstlos sind. Das Himmelreich wird ihnen nahe sein – denn sie versorgen die, die noch immer dürsten, auch mit dem letzten Rest. Mit dem Kelch des Heils, mit dem Wasser des Lebens. Gott schenkt uns dieses Hier und Jetzt, völlig umsonst!

Gehen wir im kommenden Jahr bewusster mit uns um. Und mit dem Wasser. Denn wir haben nur diese eine Erde. Und dieses einzige Leben. Es hilft uns nicht, wenn wir raffen, während Andere entbehren müssen. Und doch werden wir die Ungerechtigkeiten in dieser Welt nicht vollständig ausräumen können. Auch nicht, wenn wir manche Geste, manches gute Wort und manch hilfreiche Tat einfach so verrichten, umsonst. Und doch können wir im Kleinen dazu beitragen, dass Lebendigkeit nicht nur uns erreicht. Sprechen wir über das Diesseits des Herrn, über seinen Trost, seine Ermutigung. Saugen wir sie in uns auf, wie ein Glas Wasser an einem heißen Tag. Und geben wir sie weiter. Erfahrbar wird Gott durch das bedingungslose Geben. Setzen wir ein Zeichen. Ein paar Tropfen genügen schon…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

Noch wenige Tage bis zum Heiligabend. Da fragt man sich: Habe ich schon alle Geschenke gekauft? Ist das Weihnachtsmenü in trockenen Tüchern? Der Baum bereits geschmückt? Dabei ermutigt uns die Adventszeit doch zu einer ganz anderen Frage: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“, so schrieb Paul Gerhardt 1653. Ja, wie gehen wir zu auf diesen kleinen Jesus, der da in der Krippe liegt, so hilflos, so zurückhaltend, so wie wir es waren, als wir auf die Welt gekommen sind.

Wir feiern ein Ende des anonymen Gottes. Er ist nicht mehr allein die „höhere Macht“, die wir nicht greifen können. Sondern er wird personalisiert. In Jesus Christus, als einem von uns. Er ist in Windeln gewickelt, liegt zwischen Heu und Stroh, in einer Krippe im Stall. Nichts deutet darauf hin, dass er etwas Göttliches an sich hat. Doch die Engel verkünden es bald – und auch der „Stern über Bethlehem“ macht deutlich: Da geschieht etwas Besonderes. Das ist mehr als eine „normale Geburt“. Gott wird Mensch.

Er wird fassbar, tritt heraus aus dem hellen Antlitz, das uns blendet. Aus der Allmacht, die so riesig erscheint, dass sie uns fast erdrückt. Er kommt hernieder auf die Erde. Er betritt irdischen Boden – und macht uns deutlich: Gott ist Mensch. In jedem von uns steckt Gott. Jesus symbolisiert die Menschwerdung Gottes. Und deshalb müssen wir uns nur umschauen: Überall um uns herum ist Gott. In unserem Nächsten, ob links, ob rechts. Auch wenn wir dann gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum stehen, „wo zwei oder drei“ im Namen Jesu zusammenkommen. Gehen wir also wachen Blickes durch die Welt, dann können wir Gott ständig erkennen.

Und wie beantworten wir nun die Frage nach dem Empfangen und Begegnen? Georg Weissel gibt uns um 1642 eine Antwort darauf, wie wir uns dem „König der Ehre“ nähern können: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Aber was bedeutet das konkret? Unser Herz öffnen, Zugewandtheit und Liebe schenken. Frieden geben, Respekt zollen, Wertschätzung und Anerkennung. Nicht nur diesem Gottessohn gegenüber, sondern im Blick auf alle Menschen. Die kleinen Gesten des Alltages, sie sind es, die wir gerade jetzt im Advent oft vergessen, wenn uns der Weihnachtsstress übermannt.

Achten wir etwas mehr auf das Menschliche. Behandeln wir Andere so, wie wir selbst behandelt werden möchten. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, so steht es in Matthäus 25,40. Du und ich, wir wollen leben. Und wir dürfen leben. Das macht Weihnachten uns klar, denn mit der Geburt Jesu, da feiern wir das Leben. Das Geschenk, das Gott uns gemacht hat. Er wird lebendig – und er macht uns lebendig. Lassen wir uns anfassen von neuer Kraft, tanken wir auf über die Feiertage, in der Besinnung auf das Wesentliche.

Denn das hiesige Leben ist endlich. Im Hier und Jetzt, da sollten wir genießen. Und wir sollten an die denken, die es nicht so gut haben. Die auf die Ankunft Jesu in tiefer Armut warten. Und wir sollten uns ein Beispiel nehmen an denen, die Hoffnung haben, trotz Krankheit, trotz Schicksalsschlag, trotz Krieg und Gewalt. Sie ermutigen uns, dass es weitergeht. Darauf vertrauen wir, weil wir die Aussicht auf Gottes Gnade haben: „Er ist gerecht, ein Helfer wert Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit. All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat. (EG 1, Strophe 2)“.

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Bochumer Theologe widerspricht Papst“, „Merkur“ vom 11.12.2017

Die Versuchung, wir begegnen ihr bereits im Garten Eden. Wir bitten im Vaterunser, dass Gott uns vor der Sünde bewahrt. Dass er uns nicht irdischen Prüfungen aussetzt, die uns vom rechten Weg abkommen lassen. Wir beten genau das, weil wir mit unserer Vernunft nicht begreifen können, welch heilsamen Zweck Gott mit seinem Reiz verfolgt.

Gerade, weil er uns in Freiheit leben lässt, will er sich unserer Loyalität sicher sein. Das ist kein Misstrauen Gottes den Menschen gegenüber, sondern viel eher eine Stärkung unseres eigenen Glaubens, unserer Persönlichkeit. Denn wir selbst wissen um das Verführerische im Leben, das nicht immer im Einklang steht mit den Gesetzen und Lehren des Christentums.

Da kann es uns nur zugutekommen, wenn Gott uns immer wieder testet, uns herausfordert und unseren Widerstand gegen das Verlockende kräftigt. Wer in Versuchung führt, der muss keinen arglistigen Hintergedanken besitzen, im Gegenteil. Wer uns „lehrt zu halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,20), der macht aus uns mündige und selbstbewusste Gläubige. Dass wir dafür beten, Gott möge es mit der Versuchung nicht übertreiben, das ist menschlich.

Und doch wissen wir, dass wir ihm vertrauen können, dem liebenden Vater, der prüft und segnet zugleich. Er wird es richten, selbst wenn wir in die Falle tappen. Denn wie er seinem Sohn vergeben hat, so wird er auch uns die Sünde verzeihen.

[Dennis Riehle]

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Pressemitteilung

Konstanz. Gerade unter dem Aspekt der derzeitigen Debatte über eine Abschaffung oder Liberalisierung des § 219a StGB sind die neuesten Daten über stattgehabte Abtreibungen in Deutschland ein Warnsignal. Im bisherigen Jahresverlauf 2017 ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche demnach gestiegen. „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass sich wieder mehr Frauen dazu entscheiden, ihr Kind abzutreiben. Es ist keine Normalität, es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau vorgeschoben wird, um werdendes Leben zu töten. Wir wissen um die Nöte, die angehende Mütter im Ringen um ihre Schwangerschaft austragen. Doch unser Bemühen darf nicht nachlassen, mit allen Möglichkeiten der Unterstützung, Förderung und Hilfe beiseite zu stehen, damit das bewusste Einstehen für das Kind am Ende siegt“, sagt Dennis Riehle, Sprecher der Bekenntnistreuen Christen – Konstanz.

„Die neueste Statistik fällt in eine Zeit, in der Parteien darüber diskutieren, die Werbung für den Schwangerschaftsabbruch zu erleichtern – und damit lediglich denen einen Gefallen zu tun, die wirtschaftlich von Abtreibungen profitieren. Wir dürfen die Beendigung einer Schwangerschaft nicht als gewöhnliche Dienstleistung ansehen, sondern müssen so oft wie möglich verhindern, dass es zu diesem Schritt kommt. Dazu sollten auch Ärzte verpflichtet werden, statt ihnen das Recht einzuräumen, auch noch im Sinne der Abtreibung einseitig informieren zu dürfen. Eine Änderung des § 219a StGB wäre eine verheerende Botschaft gegenüber all jenen Müttern, die aus größter Verunsicherung mit dem Gedanken an einen Schwangerschaftsabbruch spielen. Denn sie würde die zwar straffreie, aber moralisch noch immer höchst anstößige Abtreibung gesellschaftsfähiger machen“, so Riehle.

Der Sprecher der Bekenntnistreuen Christen – Konstanz spricht sich anstelle einer Entschärfung des entsprechenden Paragrafen für mehr Investitionen in unabhängige Beratung durch Fachstellen aus, die ergebnisoffen zur Seite stehen. Auch müssten die finanziellen wie personellen Angebote für Frauen, die sich trotz Angst vor der kommenden Mutterschaft für ein Kind aussprechen, deutlich ausgebaut werden. Das gelte insbesondere für Alleinerziehende, aber auch Familien in wirtschaftlich prekären Situationen. „Abtreibungen sind gerade in einer Wohlstandsgesellschaft ein verwerflicher Zustand, denn es gibt nur in den seltensten Ausnahmefällen Gründe, einen Schwangerschaftsabbruch zu rechtfertigen. Frauen werden in der Regel nicht gegen ihren Willen schwanger, sie wissen um die Konsequenz, die Geschlechtsverkehr haben kann. Deshalb kann es auch keine Ausrede geben, ein Kind ‚passe‘ derzeit nicht in die Lebensplanung. Solch eine Denkweise ist geprägt von großem Egoismus und wenig Verantwortungsbewusstsein“, schlussfolgert Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.