Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihnen ist eine Initiative gegen den „Christus-Treff“ zugegangen.

Zunächst: Ich bin selbst homosexuell. Und ich sehe die Arbeit der „Offensive Junger Christen“ (OJC) und des „Instituts für Jugend und Gesellschaft“ als einen wichtigen Beitrag in der Debatte darüber, wie wir Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen seelsorgerlich unterstützend zur Seite stehen können.

Als psychologischer Berater habe ich viele Kontakte zu anderen Homosexuellen, die sich nicht aufgrund von Stigmatisierung von außen, sondern allein aus der eigenen Unzufriedenheit mit ihrer sexuellen Orientierung an mich wenden. Ich hatte in der Vergangenheit zudem immer wieder Verbindung zur OJC und zum Institut. Geschadet hat es mir nicht. Und allein die Tatsache, dass ich das Anliegen, mit der eigenen sexuellen Orientierung nicht klarzukommen, nicht ausgeschlagen und als blödsinnig abgetan habe, brachte mir von Schwulen und Lesben in meiner Beratung viel Anerkennung. Denn sie haben nicht die Gesellschaft dafür verantwortlich gemacht, dass sie nicht glücklich sind mit sich, sondern sie haben erkannt, dass es schlicht ein Bedürfnis nach einer anderweitigen Orientierung ist, die ganz legitim in diesen einzelnen Fällen, die – wie alles in dieser Debatte – nicht stellvertretend stehen können für alle Homosexuelle, ersehnt wird, aus welchen Beweggründen auch immer. Das mag ab und an soziologische Gründe haben, es hat oftmals viel eher psychologische, nicht exogene, sondern endogene, die der individuellen Persönlichkeit, nicht aber dem Umstand, Heterosexualität würde als „normal“ in der Bevölkerung propagiert, entstammen.

Ich nötige niemanden, seine sexuelle Orientierung zu verändern. Viel eher ist der erste Schritt die Annahme des eigenen Ichs Persönlichkeit: Respekt vor dem eigenen Selbst. In den meisten Fällen gelingt dies durch Zuspruch, auch mit biblischen Worten, die dabei helfen können, dass wir uns als geschaffen sehen, so, wie wir sind. Und dass durch das Zutun von verschiedensten Faktoren, auch von Gottes Willen, eine Prägung entstanden ist, die zwar eine Minorität zu sein scheint, deswegen aber doch nicht „schlechter“ ist als die der Mehrheit. Und trotzdem kann es dazu kommen, dass das Hingezogensein zum anderen Geschlecht der größere Wunsch ist als die Liebe der Gleichgeschlechtlichkeit. Und wenn wir diesen Ist-Zustand als völlig unbeeinflusst von Ideologien betrachten, dann ist diese Sehnsucht ein Grund, sich einem Menschen mit Fürsorge, ohne jegliches Mitleid, sondern mit Anerkennung, Wertschätzung und sogar Lob zuzuwenden: Denn solch ein Eingeständnis bedarf heutzutage Mut.

Dass Menschen tatsächlich in die Situation kommen, eine unabänderliche Veränderung hin zur Heterosexualität zu wünschen, auch nach einer längeren Beratung, die auf den Respekt vor der eigenen sexuellen Orientierung ausgerichtet ist, das erlebe ich selten. Ich distanziere mich von „Konversionstherapien“, die mit Zwang darauf einwirken, den Betroffenen vorzugaukeln, sie könnten eine andere sexuelle Orientierung durch zwielichtige Maßnahmen erreichen, die auch von Psychotherapeuten und der Politik zurecht als gefährlich abgelehnt werden. Ich unterstütze aber die Ernsthaftigkeit, die hinter der Überlegung steht, wie wir denjenigen beiseite stehen können, die aus inneren Gründen mit sich ringen. Und dieses Optionalität rührt nicht daher, dass wir von irgendwelchen „Homo-Heilern“ Versprechen hören, die mit ihrem Wirken auf fatale Weise „abändern“ wollen, sondern aus der Erkenntnis, wonach nicht wenige Homosexuelle aus einer Wehmut, aus einem Wunsch nach dem Anderssein Rat suchen, was wir nicht kleinreden und sie damit missachten, sondern was wir würdigen sollten, indem wir glauben, dass Homosexualität abseits von Diskriminierungen zu einem Unwohlsein führen kann.

Natürlich gibt es auch unter christlichen Beratern „Scharlatane“, die mit Zwang arbeiten und eine „Umpolung“ anstreben, die absolut abzulehnen ist. Mit Maßnahmen von Austreibung oder Umwidmung erreichen wir gar nichts, wir machen viel mehr kaputt, wir handeln gegen unseren christlichen Glauben, der die Umkehr zu Jesus fordert, nicht aber die zur Heterosexualität. Denn allein eine ausufernd gelebte und praktizierte (Homo-)Sexualität kann Sünde sein, nicht aber eine homosexuelle Orientierung. Über ihr steht das Gebot der Liebe aus den Evangelien, die Gott allen zuteilwerden lässt. Wir selbst wissen, was gut und böse ist (1. Mose 3,22). Insofern brauchen wir niemanden, der uns das sagt oder uns belehren möchte.

Ich habe aus dem Miteinander mit der „OJC“ und des angeschlossenen Instituts bisher keine Botschaft erhalten, dass dort die Konversionstherapie als eine mit verschiedensten Methoden den Menschen gegen seinen Willen wandelnde Unterrichtung befürwortet wird, ohne sich dabei stets der tiefenpsychologischen Beweggründe bewusst zu werden, die zu einer Aversion, zu einer ich-dystonen Reifungskrise führen, weil wir in der Homosexualität etwas vermissen. Diese Distanz zu eigenen sexuellen Orientierung wiederum wertet diese nicht allgemein ab, es ist allein ein individuelles Bedürfnis, eine andere Vollkommenheit spüren zu wollen. Wer dieses Ansinnen aus allein ideologischen Gründen ausschlägt, der stellt sich gegen die Würde des Einzelnen, des Hilfe suchenden Homosexuellen. Im Institut werden Berichte über eine starrsinnige „Umpolung“ genauso kritisch gesehen wie in der restlichen Gesellschaft. Sie werden immer wieder besprochen und hinterfragt, um so zu Antworten zu finden, wie stattdessen jenen adäquat geholfen werden kann, die wiederum ihrerseits in der „queeren“ Szene eine nur einseitige Unterstützung erfahren, welche die tatsächlichen Sorgen und Nöte mit der eigenen sexuellen Orientierung nicht wahrnimmt, sondern sie verdrängt, statt sie ehrlich zu besprechen.

Der Kampf, der gegen die „OJC“ und das Institut geführt wird, ist ebenso weltanschaulich bedingt wie der gegen all jene, die sich unterstützend an deren Seiten stellen, wie der „Christus-Treff“ in Marburg. Das Andringen gegen Akteure setzt den Homosexuellen herab, weil sie die Feindseligkeit in den Mittelpunkt rückt, statt sich mit Hinwendung den ganz menschlichen Problemen zuzurichten, die Homosexuelle in ihrer persönlichen, vor allem seelischen und spirituellen Entwicklung haben. Das ist fahrlässig und verantwortungslos – und es ist schade, dass damit jenen geschadet wird, die eigentlich nur objektive und gleichsam emotionale Zustimmung erfahren wollen.

In diesem Sinne hoffe ich auf eine konstruktive Debatte der eingebrachten Initiative
und grüße Sie herzlich,

[Dennis Riehle]

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Kommentar

Man muss aus der richtigen Fahrtrichtung kommen, um es entdecken zu können, in Wollmatingen beispielsweise, an der Einfahrt der Radolfzeller Straße von der Waldsiedlung in den Ort führend. Da wird missioniert. Und mittlerweile schon in mehreren Sprachen. Jesus ist die Erlösung, Jesus ist die Rettung, Jesus ist der einzig wahre Sohn Gottes. So, oder so ähnlich sollen die Zeilen wohl wirken, entnommen aus den Evangelien, die auf Deutsch, aber auch in Arabisch (o.a.) abgedruckt sind. Ob Matthäus und Markus damals wussten, was mit ihren Aufschrieben passieren wird? Dass damit Muslime angelockt werden sollen, um zum Christentum überzutreten? Gerade in einer Zeit, in der Menschen islamischen Glaubens ohnehin viele Nöte haben und damit anfällig sind für den Aufruf zu einer „Umkehr“? Ist das hinterlistig, was dort gespielt wird? Wenn man vorgaukelt, man sei an jemandem und seinem Glauben wahrhaft interessiert, insgemein aber nur dessen Zwangslage ausnutzend, der vielleicht Hoffnung darin setzt, eher in Deutschland als Asylsuchender anerkannt zu werden, wen auf seinen Unterlagen „Christ“ steht?

Moritz von Egidy hat es passend formulier: „Bekennen kann sich der Mensch zu allem Möglichen und ist es darum noch lange nicht, weder in der That noch im und Wesen, noch im Denken. Sein kann der Mensch nur, was er ist“. Und was der Mensch wird, das entscheidet sich nicht beim Blick aus dem Auto an das Großflächenplakat in Wollmatingen. Das Impressum ist beim Vorbeifahren schwer lesbar, aber die Machart, sie spricht für den „Christlichen Plakatdienst“, ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Heilige Schrift zu verbreiten, vor allem in Versen in großen Lettern, die jeden erreichen sollen, dieser Tage aber vor allem Muslime, die aus Sicht von manch einem Christen eben noch an den falschen Gott glauben. Judenmission betreibt man in evangelikalen Kreisen seit jeher bereits mit Nachdruck, weil man den Vätern des Christentums verdeutlichen will, dass da noch etwas kam, nach dem Alten Testament. Die eigentliche Botschaft liegt nach Ansicht dieser Gruppe der Christen im Neutestamentarischen, dort, wo Jesus Christus dann wirklich ins Spiel kommt und zum Erretter, zum Erlöser wird. Und diese frohe Kunde, sie soll nun auch die Moslems erreichen, denen so eine Geschichte von Kreuzigung bis zur Himmelfahrt eines Gottessohnes, für welchen Christen gerade nicht selten zum Heiden gehalten werden, angeblich noch immer fehlt.

Ja, ohne ihn gäbe es das Christentum nicht. Doch gäbe es ohne ihn den „christlichen“ Gott auch nicht? Jesus ist lediglich ein Teil der Trinität, die zweifelsfrei nicht vollständig wäre, wäre Jesus nicht gepeinigt worden und wieder auferstanden. Dieses Wunder, das viele Christen als die tatsächliche Erweckung sehen, auch die ihrer selbst, ragt weit über die anderer Religionen hinweg, so bezeugte es mir erst kürzlich ein Protestant, dem es vor allem darum ging, die Entsendungsworte, also die eigentliche Grundlage für christliche Mission heute, unter die Menschheit zu bringen, womit man in christlichen Kirchen bereits regelmäßig bei der Aufnahme der Kleinsten in die Gemeinschaft beginnt: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret, sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,18ff.). Ein Aufruf, der radikal ist. Denn er fordert auf, alle Welt zum Umdenken, zur Bekehrung zum christlichen Glauben zu animieren.

Aber stimmt das auch? Ja, wenn man die Übersetzung ansieht, so passt das in den Kontext der damaligen Zeit, als die Welt kleiner war, als sie in den Köpfen der Menschen nicht derart universell und präsent war wie heute. Niemand dachte wohl nach dem ersten Hype anlässlich dieser neuen Konfession, die noch keine eigentliche Religion im Verständnis der Wissenschaften war, daran, vielleicht sogar gewaltsam jene umzustimmen, die den Erlöser Jesus nicht gesehen, nicht angenommen, nicht in ihr Leben hinein gelassen haben, an den Wahrheitsgehalt dieser Aufforderung. Es ging vor allem um die Erreichbaren, die noch nichts gehört hatten von diesem wundersamen Menschen, der Gott als Sohn auf die Erde nachgefolgt sein soll, und sich noch kein Bild machen konnten, ob ein Glaube mit oder ohne Christus denn nun besser wäre. Sie sollten beeindruckt werden, aber nicht mit der immer alten Leier, sondern, wie schon Goethe es sagte: „Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt’s ja auch nicht daran fehlen“. So wäre es ideal, die Mission. Sich gegenseitig zu ermutigen, seine Religion wiederkehrend zu prüfen und neugierig das Andere kennenzulernen, ohne sich vorschnell überreden zu lassen statt sich erst ein eigenes Bild gemacht zu haben.

Mission sollte bis heute Überzeugungsarbeit sein, die fair abläuft. Sie sollte nicht die Hilflosigkeit derer ausnutzen, die nicht lesen oder schreiben, die eine Sprache nicht verstehen können oder gar psychisch anfällig dafür sind, von Wundererzählungen und falschen Hoffnungen getragen einen Glauben anzunehmen, den sie in seinem vollen Umfange überhaupt nicht begreifen können und schon gar nicht in einem „Crash-Kurs“ für sich in die Herzen lassen können. Denn Mission beginnt nicht auf dem Plakat an der Radolfzeller Straße, sondern im gerechten Austausch über die Erfahrungen mit der eigenen Religion, im Kopf und im Innersten. Da braucht es Begegnungen, Erzählungen und Erfahrungen. Wir können uns berichten, aber nicht um unseres eigenen Willens, sondern stets im besten Geheiß für unser Gegenüber. Ob das tatsächlich auch vorne ansteht, wenn man mit verkürzten Versen des Neuen Testaments auf Arabisch versucht, die Seelen derer zu ködern, die vielleicht heute enthusiastisch Jesus huldigen, weil sie eigentlich von der Aufnahmebereitschaft Angela Merkels überzeugt sind, statt das Christsein zu unterstützten, und morgen merken, dass dieser Glaube gar nicht dem entspricht, wovon sie eigentlich zehren können – das bleibt ungewiss.

Verantwortungslos nenne ich solch ein Vorgehen meiner Mitchristen, die aus ihrer eigenen Euphorie, die nicht selten in eine Ekstase mündet, aus dem sonntäglichen Gottesdienst in die Welt gehen, um verblendet „Gutes zu tun“. Etwas, was nichts mehr mit einem rationalen, mit einem hinterfragenden Glauben zu tun hat, wie ich ihn als selbstkritischer Christ verstehe, zu missionieren versuchen, nur, um das eigene Heil zu finden, sich profilieren zu können und Gott im Abendgebet darüber vermelden zu mögen, wie viele neue Anhänger man denn heute geworben hat – denn mehr als ein Werbeplakat ist auch das nicht, was an der Einfahrt zur Dettinger Straße hängt. Auf dem Weg der guten Leistungen, die dann ins Paradies führen mögen, beweihräuchern wir uns, wie wir uns um den Fortbestand des Christseins verdient gemacht haben, das so zwar quantitativ, aber nicht qualitativ wächst. Solche Vorstellungen sind mittelalterlich, aber gerade in evangelischen Kreisen noch heute als Lehre anerkannt, in denen es nicht nur konservativ zugeht, sondern in denen sich das Menschsein vor allem an den Erfolgen messen lässt, die man auf seinem persönlichen Punktekonto als „Vorzeigechrist“ verbuchen kann. Mission ist dabei besonders beliebt, weil man nicht selten Nichtsahnenden „Storys vom Pferd“ erzählen kann, die nämlich deshalb keinen Glaubensinhalt haben, da man sie nicht nur als die eigene, sondern als die Überzeugung des Gegenübers in dessen Mund legt. Für mich sind Praktiken wie solch recht perfide, Mission nur im besten Sinne als gemeinsames Ringen um eine religiöse Weltanschauung legitim.

Und ehe mich nun wieder böse Briefe erreichen: Nein, nicht alle (!) Missionare sind so eingestellt, nicht jede (!) Mission verwerflich. Und doch muss es im Sinne derer liegen, die eine ernstliche Arbeit betreiben wollen, sich zu unterscheiden und zu distanzieren von plumpen Maßnahmen, über die auf einfachem Wege Menschen zum christlichen Glauben geführt werden sollen, die im Moment Anderes nötig hätten: Bedingungslose Zuwendung, abseits von jeder Religion…

[Dennis Riehle]

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Gedankenimpuls zum „Wort zum Sonntag“ des 12.08.2017

Immer, wenn ich etwas von Sternen höre, da fühle ich eine Atmosphäre, die Matthias Claudius in seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ beschreibt. Sie erinnert mich an meine Kindheit – und ja, auch dort ist der Ursprung dieser Wünsche, die wir gen Himmel schicken, wenn wir die „Sternlein“ herabfallen sehen und in die Weite die Hoffnung schicken, dass große und kleine Erwartungen Wirklichkeit werden.

Wie viele von uns sind im Erwachsenenalter diese „eitlen“ und „armen Sünder“, die nur „Luftgespinste spinnen“, wie es Claudius in 482,4 EG formuliert. Wir haschen nämlich diesen übermächtigen Träumen nach, die uns wegbringen „von dem Ziel“, das laut des Liedmachers Gott ist. Eigentlich wissen wir darum, was gut und böse ist. 1. Mose 3,22 macht diese Fähigkeit deutlich – und doch werden wir gierig mit der Zeit, entfernen von uns dem, was wir als Kinder an so ehrlichen Wünschen gedacht haben, als die Sternschnuppe den Himmel entlang gezogen ist. Gesundheit für die Mama, mehr Zeit für den Papa, dass die Oma besser laufen kann.

Und heute? Da bestaunen wir nicht einmal mehr den Sternenhimmel. Wir warten nicht, bis der Mond aufgegangen ist. Sondern wir hasten den ganzen Tag nach diesen überheblichen Anforderungen, die wir nicht selten auch Gott gegenüber zum Ausdruck bringen. Mehr Wohlstand, mehr finanziellen Rückhalt, eine größere Wohnung. Es sind die materiellen Dinge, nicht die existenziellen, die uns prägen und die wir vom Allmächtigen erbitten.

Zwar lebt der Mensch nicht vom Brot allein. Aber eben auch nicht von seiner eigens entwickelten Ungläubigkeit, denn wir wissen, dass die Sehnsucht nach dem Mehr ein Trieb unseres heutigen Zeitgeistes ist. Nicht ihn zu befriedigen, sondern mit einem reinen Herzen am Fenster zu stehen und uns zu fragen: Was brauchen wir wirklich? Glaube segnet uns dann, wenn er ernstlich gelebt wird. Mit einer kindlichen Naivität, die uns nicht „gescheit werden“ lässt, sondern bewahrt vor diesem Abgehobensein unserer Gegenwart.

An den Sternschnuppen macht sich offenbar, ob wir wirklich glauben – oder ob wir den Glauben missbrauchen, um unsere Unrast zu stillen. Sie nimmt uns unsere Gelassenheit, unser Vertrauen darauf, dass Gott es richten wird. Auch den Wunsch, den wir in den Himmel schreiben, wenn die Gestirne zu uns hinabkommen. Wenn der Schweif zum Zeichen wird, dass Gott sich unserer tatsächlichen Nöte annimmt und nicht zum Stellvertreter für unsere Daseinsvorsorge wird. Wir sollten nicht zu lange überlegen, was wir uns erbitten. Im Gebet werfen wir unsere Gedanken vor Gott. Spontan ist es meist am aufrichtigsten. Und das wünsche ich uns auch, wenn die nächsten Stürme von Sternschnuppen die Dämmerung erleuchten, die Claudius sieht.

Geheimnisvoll wie die Sterne, so steht der Mond am Himmel. Für beide gelten die Worte des Liedschreibers: „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehen“ (Str. 3). Das ist Glaube, das ist Hoffnung und Trost, egal, womit wir uns vor die Gestirne stellen, die Gott dort platziert hat. Als ein Werkzeug, um ihn erlebbar zu machen. Und ihn im Sinne des Heiligen Geistes erfahrbar werden zu lassen. Öffnen wir unsere Herzen, „wie Kinder fromm und fröhlich“ (Str. 5), blicken wir nach oben und wenden uns ihm zu – auch, aber nicht nur, wenn die nächste Sternschnuppe fällt.

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Spaghetti-Monster – Kirche scheitert vor Gericht“, „stern“ 32/2017

Ich selbst war Atheist, aber heute bin ich in die evangelische Kirche zurückgekehrt. Unter anderem auch wegen Aktionen wie die des „Fliegenden Spaghetti-Monsters“. Säkulare machen sich nicht selten lustig über die Religion, vor allem auch über den persönlichen Glauben des Einzelnen, der aus meiner Sicht unantastbar ist.

Natürlich könnte man argumentieren, dass auch die Überzeugung an solch eine Eigenkreation der „Pastafaris“ einem Gott in Nichts nachstünde, sind sie doch beide nicht belegbar. Und doch gibt es laut Oberlandesgericht Brandenburg nun eine verbindliche Messlatte: Es muss etwas Göttliches sein, das eine Religionsgemeinschaft ausmacht.

Und ich finde das richtig so. Denn mit irdischem Geplänkel hat der Glaube an eine höhere Macht im Sinne einer spirituellen Tiefgründigkeit und einer eigenen Lehre, die nicht nur satirisch von einer real existierenden Glaubensgruppierung abgeschrieben wurde, nichts zu tun. Man muss schon mehr vorweisen, um in den Genuss staatlicher Rechte zu kommen, als ein paar Buchstaben zu vertauschen und an die Stelle eines Gottes ein Nudelgesicht zu setzen.

Eine Veralberung des Gottesglaubens ist zwar mit der Meinungs- und Gewissensfreiheit vereinbar, den Status einer Religion kann sie aber solange nicht erreichen, wie es an substantiellen Inhalten fehlt, die schützenswert sind. Und ob der freitägliche Genuss der Bolognese-Soße ein anerkennenswertes Gut ist, bleibt mindestens ebenso fraglich wie das Wunder, nach Genuss von Hochprozentigem eine himmlische Ekstase zu erleben.

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Warum spricht das Glaubensbekenntnis eigentlich nicht von der Hölle? Wir sprechen stets vom Himmel, doch gibt es da ein Pendant, ein Fegefeuer, wie wir es uns vorstellen, das die aufnimmt, die auf Erden sündig geblieben und keine Vergebung erfahren haben? Und wenn es so etwas wie die Glut gibt, in der wir schwitzen müssen, wenn wir uns gegen die Gebote verhalten haben, wann ist die Grenze überschritten zum Eintritt in den Himmel? Ist nach sechs, zehn oder hundert Sünden Schluss? Oder woran hängt es, dass wir eben keinen Zugang zu Gott auf seinen Wolken sitzend mehr erfahren dürfen? Wird uns die Auferstehung versagt, wenn wir uns aus der Gemeinschaft all der Gläubigen ausschließen? Verbannen wir die Hölle aus unserem Gedächtnis wegen des eigenen schlechten Gewissens? Und unter anderem deshalb, weil wir nicht verstehen, was hier wie da, im Himmel und in der Hölle, eigentlich geschieht – und das „zu richten die Lebenden und die Toten“ der Hinweis in unserem Credo ist, den wir da mutlos ausblenden?

Es gibt sicher viele theologisch kluge Antworten darauf, doch habe ich stets meine Schwierigkeiten damit, wenn sie von der ein oder anderen Seite zu beeinflussen versucht werden. Da gibt es die Strengen, die offenbar Konservativen, die darauf beharren, dass es eine Hölle geben muss. Denn einige Christen sind ja bis heute der Ansicht, dass wir uns den Himmel erst verdienen müssen. Andere wiederum sagen, dass wir alle Gnade erlangen werden, Christus hat für uns bereits die Leiden vergeben, nun müssen wir uns nicht mehr anstrengen und uns nicht fürchten, in die Hölle kommen müssen. Doch was stimmt nun von diesen Sichtweisen, die verwirren, ja, sogar Ängste erzeugen können und mit denen manch Unwesen getrieben wird, auch unverantwortliches und unnötiges Leid?

Die Bibel gibt uns Hinweise darauf, wie wir all das verstehen sollen, was in unserer heutigen Zeit so altmodisch klingen mag. Wer glaubt noch an die Bilder, die uns in Kirchen und auf Gemälden einen Eindruck geben wollen von diesem Augenblick, dieser Qual in einem Schattenreich, das uns ausgemalt wird als das Inferno der Tiefe. Matthäus spricht in Kapitel 8, Vers 12 vom bekannten „Heulen und Zähneklappern“, das typische Feuer und der Tag vor dem Gericht finden sich ebenso beim Evangelisten in Kapitel 5, Vers 22ff. und Kapitel 10,15. Während Luther die Hölle vor allem als die „Totenwelt“ ansah, sind es gerade neue Übersetzungen, die die Hölle nicht alttestamentarisch als spirituellen, sondern als örtlichen Moment verstehen. Es gibt immer wieder Streit um die eigentliche Existenz eines solchen Gegenübers des „Himmels“, das zwar im Sprachgebrauch alltäglich, in unseren Gedanken aber fern ist. Gerade die evangelische Kirche hegte seit dem Augsburgischen Bekenntnis große Zweifel an der Pein des Gerichtes, während die katholische Kirche in ihrem Katechismus in Artikel 12 weiterhin darauf verweist, an all jene, die die Barmherzigkeit Gottes nicht ersehen wollen, dass sie „in Todsünde sterben“ werden.

Ja, ich glaube durchaus an Himmel und Hölle. Aber nicht derart plakativ und auch nicht in dem Kinderglauben der bunten Zeichnungen, die auch ich früher gemalt habe, als der Religionslehrer uns dazu aufforderte, diese beiden so kaum greifbaren, unirdischen Begriffe auf Papier zu bringen. Er kann zwar reizvoll sein, ist aber vielleicht doch zu blumig, um manch eine Wahrheit auszusprechen. Ich bin eher davon überzeugt, dass es nicht ein Ort aus Flammen sein wird, der einem (Jüngsten) Gericht ähnelt. An dem wir nochmals unsere Sünden vorgebracht bekommen, um in uns zu gehen und mit uns zu ringen, bevor wir dann tatsächlich vom lodernden Licht in die Dunkelheit wandern. Viel eher wird dort befunden, ob wir uns doch einlassen auf die zweite Chance, die uns von Jesus gegeben wird: Können wir doch noch Buße tun, uns überwinden und bekennen? Diese Frage wird uns prägen, sie wird uns nicht loslassen. Sie muss ernst gemeint sein und sie wird uns abverlangen, ein wahres Gesicht zu zeigen. Doch sind wir dazu bereit?

Das ist das „Schmoren“, das uns verheißen wird. Schaffen wir es, geläutert zu werden, wie es das „Purgatorium“, das Fegefeuer, es uns vorhersagt, ehe wir nochmals die Möglichkeit erhalten, für uns selbst Frieden zu finden? Denn nicht die Verdammnis ist das Ziel, an das Gott uns bringen möchte, er will, dass wir in seinem Himmelreich das Paradies erfahren. Aber nicht jeder kann seine Schuldhaftigkeit wirklich ablegen, „über seinen Schatten springen“ – und Gott wird niemanden dazu zwingen. Es entscheidet sich vor seinem Angesicht, ob wir Reue zeigen und tatsächlich dazu bereit sind, die Reinigung unserer Seelen anzunehmen und an ihr mitzuwirken. Uns zu befreien von einer Last, es kann hilfreich sein. Nicht nur nach dem Tod.

Viel eher wird bereits auf Erden deutlich, ob wir unser Leben in der Sünde abschließen wollen. Oder bitten wir darum, dass uns Gott erlöst von der schweren Last, die wir mit uns ins Grab nehmen? Es ist niemals zu spät, eine Umkehr einzugehen. Denn auch wenn Christus für uns den Sühnetod gestorben ist, so ist die Annahme unseres Geistes durch Gottes Gerichtsbarkeit keinesfalls gesichert. Natürlich bleibt seine Liebe bedingungslos, ebenso wie seine Bereitschaft, Sünde von uns zu nehmen. Es kostet nichts, außer das aufrichtige und gläubige Bekenntnis dazu, dass wir unsere Schuld anerkennen. Wir werden nicht gerichtet, dass wir etwas falsch gemacht haben, sondern befreit. Es fehlt nur die Hingabe, mit der wir verdeutlichen: Ja, wir sind Sünder und nehmen an, dass wir gar nicht ohne Schuld leben können.

Das Fegefeuer als der Durchgang zur Hölle, an der noch eine Abzweigung denkbar ist, als der Augenblick, indem wir Menschlichkeit zeigen dürfen. In welchem wir kundtun können, dass wir verstanden haben: Als Gottes Ebenbilder gibt es keine Unfehlbarkeit. Denn wir sind nur seine Kinder, wir treiben Unfug und sind sogar in der Lage, schwerste Vergehen und damit große Verantwortung über uns zu bringen. Selbst der Mörder wird einen Platz im Paradies finden können, viel eher als der, der einen Apfel gestohlen hat. Ja, ja wenn der Eine wahrlich zu seinem Verbrechen steht, während der Andere seine Missetat leugnet. Die Hölle als Strafe dafür, dass wir verleugnen. Dass wir selbst im Angesicht Gottes nicht dazu bereit sind, im Vertrauen auf ihn von unserer hiesigen Arroganz abzulassen.

Unsere Seelen sind unruhig, wenn wir nach dem Tod begreifen, was sich in unserem Leben an Steinen angesammelt hat, die wir mit uns schleppen. Nein, nicht wie das Kreuz Jesu, der schuldlos verurteilt wurde, sondern aus der Schwere der Sünde, die wir letztlich zu ertragen haben. Müssen wir in der Ewigkeit mit diesem Ballast umherirren, in dieser Verdammnis, in dem endlosen Tunnel der Finsternis, die uns wahnsinnig werden lässt, aber gerecht demjenigen gegenüber sein kann, der sich stets als der Unbefleckte gab und zurückwies jede Übertretung von Gottes Gesetzen. Der ohne Gewissen ist und im Rückstand seiner Menschwerdung verharrt, die wir tatsächlich erst spüren, wenn uns der Rucksack genommen wird. Nicht Milch und Honig genießen wir im Himmel, sondern die Freiheit des Schwerelosen. Wir haben abgeschlossen mit unseren weltlichen Schandtaten, weil wir uns nicht gerechtfertigt haben, sondern reuige Sünder sind. Wer vermag sich schon heute solch eine Errettung, so eine Erlösung nur vorstellen?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf

Überbehütung – ein Modewort oder vielleicht doch ein tatsächlicher Aufreger? Eltern nehmen ihren Kindern nahezu jede Entscheidung ab, lassen sie selbst dann nicht allein aus dem Haus, wenn sie sich der Volljährigkeit nähern oder bereits in der Ausbildung stehen. Ja, wir haben heute ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis, haben Angst vor allen möglichen Gefahren, fürchten gar, dass das eigene Kind auf dem Weg zur Schule gar einem Terroranschlag zum Opfer fallen könnte – während die Wahrscheinlichkeit für einen Autounfall deutlich höher ist. Absichern – das ist nicht nur in der Politik zu einem beliebten Sport geworden. Zumindest so tun, als ob man mithilfe von Aktionismus etwas erreichen könnte. Airbags links, rechts, hinten und vorne – überwachen, beobachten, überprüfen. Nicht nur unsere Kinder werden Opfer einer Ideologie der vollkommenen Mutlosigkeit.

Dieses Bild transportieren wir auch in unsere Vorstellung des fürsorglichen Gottes. Wie ein Hubschrauber möge er um uns kreisen, uns vor allem Leiden bewahren und das Übel möglichst von uns fernhalten. „Als „Helikopter-Gott“ wurde er gar schon bezeichnet, wie die Eltern, die ihre Kleinsten auch im Erwachsenenalter noch nicht loslassen können. Aus einem theistischen Verständnis, Gott könne jederzeit in die Welt eingreifen, formulieren wir die Erwartung, dass er dies bei seiner Allmacht doch bitte auch tun sollte. Entsetzt ziehen wir uns in der „Theodizée“-Frage zurück, warum Gott nichts unternimmt, um uns vor Erdbeben zu schützen, uns davor zu bewahren, dass wir uns gegenseitig im Krieg zerstören, vor einem Verlust unseres Nächsten durch Unglück oder Krankheit einzuschreiten oder endlich Wasser zu liefern für die Kinder auf der ganzen Welt, die er verdursten lässt – obwohl es doch anders möglich wäre, so meinen wir.

Es ist heute angesehen, wenn wir unsere Kinder in Watte packen. Das bedeutet, dass uns unsere Kleinsten wichtig sind. Dass wir alles Menschenmögliche dazu beitragen, damit sie von der Grausamkeit des Alltages nichts mitbekommen. Von Konflikten halten wir sie fern, sie könnten ja Schaden nehmen. Und im Erwachsenenalter wundern wir uns darüber, dass sie eben nicht erwachsen sind. Sie haben Angst vor dem Leben und fürchten sich vor dem, was sie herausfordert. Sie haben nicht gelernt, dass Krisen auch aus eigener Kraft bewältigt werden können. Sie setzen im Studium noch darauf, dass der liebe Gott nach einem Stoßgebet die fehlende Vorbereitung auf die Klausur wettmachen und gute Noten vom Himmel schmeißen möge. Schuld sind dann meistens die Anderen, die es nicht gut mit uns meinen, der strenge Professor, die unempathischen Freunde, die nörgelnde Mutter. Und wenn es ans Eingemachte geht, dann ist Gott es, den wir verantwortlich machen. Denn er hätte es ja anders machen können.

Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, zwischen dem Guten und dem Bösen zu unterscheiden (1. Mose 3,22). Ja, Krankheit, Gewalt und Armut sind auf den ersten Blick böse, sie erscheinen uns auch völlig sinnlos. Wir sind es nicht gewohnt, mit der Dramatik unseres Daseins konfrontiert zu werden. Wir haben diese Gabe verloren, selbst Entscheidungen zu treffen und Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was Gott mit seinen „unergründlichen Wegen“ tatsächlich meint. Denn wir haben eine andere Vorstellung von ihm: Auf einen Fingerschnipp soll er doch bei uns sein, „wünsch dir was“, der Zauberer mit dem Rauschebart, der uns Träume erfüllt, sind wir doch seine Ebenbilder. Dann müssen wir uns nicht anstrengen, auch über unsere Eigenverantwortlichkeit nachzusinnen. Nein, für den Vulkanausbruch können wir wirklich nichts, auch auf die Immunerkrankung der Tochter scheinen wir eher keinerlei Einfluss zu haben. Gleichsam wie auf den unverschuldeten und tödlichen Unfall eines Angehörigen im Straßenverkehr. Doch wie viele der Nöte, die wir ertragen müssen, sind letztlich nur hausgemacht? Warum sollte Gott uns aus diesen Schlammasseln befreien?

Kaltherzig ist er immer dann, wenn die Tragweite unseres Handelns unser eigenes Vorstellungsvermögen überschreitet. Nach den Anschlägen des 11. Septemberg 2001 bat die BILD-Zeitung in großen Lettern, Gott möge uns beistehen. Ja, wenn wir ihn brauchen, soll er da sein. Tatsächlich mutet es ein wenig an, wie in der Kindertagesstätte: Wenn etwas nicht klappt, das Essen nicht schmeckt, wenn das Spielzeug kaputt geht oder ich mir den Finger gebrochen habe, dann schreie ich. Ja, in diesem Alter kann ich es nicht anders, denn meine Fähigkeit, selbst einzuschätzen, was gut und böse ist, sie fehlt mir einfach. Die Freiheit zu haben, nicht auf Andere angewiesen zu sein. Aber wofür brauchen wir Gott dann überhaupt noch? Doch diese Frage ist schon in ihrem Ansatz falsch. Denn wir benötigen ihn nicht. Viel eher ist er einfach nur da, ob wir es nun gerade spüren – oder nicht. In einem Segen bitten wir, dass er um uns sein möge, dass er seinen Schutz halten möge, dass wir nicht fallen. Er möge ihn über uns und vor uns ausbreiten, hinter uns und neben uns. Und das macht Gott auch, aber eben nur für den alleräußersten Notfall. Wir können nicht tiefer fallen als in seine Hand, so singen wir es auch. Doch ist es nicht gleichzeitig eine wunderbare Vorstellung, dass Gott uns etwas zutraut?

Wir empfinden Leid und Herausforderung, Nöte und Qual als das Böse. Doch will Gott uns wirklich schaden, wenn er uns einem schweren Krebsleiden aussetzt, wenn er uns in die Arbeitslosigkeit rutschen lässt oder uns vor die Scheidung von unserem Partner stellt? Nein, er möchte, dass wir wachsen. Und das kann nur funktionieren, wenn wir in Freiheit leben dürfen. In der Freiheit, selbst zu wissen, was Gott mit uns vor hat. Er ist immer wieder eine Zumutung und eine Verwunderung gleichermaßen – und doch fühlen wir, wenn wir ernstlich darüber nachdenken, ob er nun strafen will oder einfach nur helfen möchte, dass wir aus uns heraus die Kraft nehmen können, Schwierigkeiten unseres Lebens selbst zu bewältigen. Um aus der Krise gestärkt hinaus zu gehen, braucht es zuerst die Erfahrung, unten angekommen zu sein. Wäre es tatsächlich besser, wenn alles auf der Welt nur gut wäre? Nein, niemand kann verstehen, warum das Böse derart zuschlägt, wie wir es gerade momentan wieder erleben. Und doch kann sich die Parabel über Gottes Liebe nur erschließen, wenn wir nicht allein das Übel ersehen. Als Christen glauben wir an die Auferstehung, nicht an den Tod. Zweifelsohne fällt es uns schwer, den Lichtblick zu erkennen, falls ein Elternteil gestorben ist, wenn wir nicht wissen, wie wir die nächste Rechnung zahlen sollen oder wenn die Untersuchungsergebnisse so lange auf sich warten lassen.

Dabei erfahren wir diese Momente der Hoffnung täglich. Trotzdem – und genau deshalb – werden wir auch das in der Freiheit und im Selbstbewusstsein, das Gott uns mit der Verheißung, in der Lage zu sein, entscheiden zu können, noch lernen. Denn ist der Gruß des Nachbarn selbstverständlich, der uns auf die Schulter klopft und uns rasche Genesung wünscht? Ist es zu erwarten gewesen, dass tausende Menschen gegen Krieg und Gewalt auf die Straße gehen, während die Bomben fallen? War es normal, dass unsere beste Freundin gerade in dem Augenblick anklopfte, in dem wir den Sinn für das Leben verloren haben? Manchmal genügt es, wenn wir uns auf die Suche nach dieses Ereignissen machen, in denen sich Gott uns als der Retter offenbart. Da sitze ich auf einer Bank und genieße die Stille mit einem Blick in die Weite. Da lausche ich der Musik des Untermieters, der sein aktuelles Stück übt und mir damit den Nachmittag verschönt. Und da genieße ich es, dass mich mein Bruder zu einem kühlen Bier eingeladen hat und wir wieder einmal einen Männer-Abend zusammen verbringen.

Mir berichtete ein ehemaliger Insasse eines Gefängnisses, dass es der freundliche Wächter war, der morgens zum Aufwecken kam – und nicht nur die Zellentür mit einem großen Rums öffnete, sondern ein fröhliches „Guten Morgen“ in die Zelle warf, das ihn dort nicht verzweifeln ließ. Und kürzlich erlebte ich diese Frau, die von Metastasen geplagt nicht mehr lange zu leben hatte, die mir vorschwärmte, wie ihr die Krankenschwester jeden Nachmittag ein kleines Stückchen Pflaumenkuchen mit Sahne organisierte. Und nicht zuletzt erinnere ich mich an einen guten Freund, dem nach einem Brand seines Hauses eigentlich nichts mehr blieb. Aber nachdem er sich nochmals auf die Suche in den Trümmern machte, da fand er ein Bild von seiner Frau und ihm am Hochzeitstag. Es war angeschwärzt, aber nicht vollständig zerstört. War hier also Gott im Spiel? Ja, wenn wir uns darauf einlassen, dass wir nicht nur das Böse sehen, sondern ehrlich zu uns sind und auch eingestehen, dass Gott seine Güte zeigt. Nicht so, wie die Welt sie uns gibt, sondern in Anlehnung an Johannes 14,27, so, wie Gott selbst sie uns schenkt.

Wenn wir begreifen, dass Gott uns auf diese Erde gestellt hat, damit wir sie uns nicht nur untertan machen, sondern vor allem, um als seine Kinder erwachsen zu werden und die Reife zu erlangen, das Leid auch als Chance zu sehen, Heilung erfahren zu dürfen und zu können, indem wir wach und gleichsam aufmerksam die Augen nach seiner Gnade offenhalten, dann werden wir ihm Vertrauen geben, ohne ihn kontrollieren zu müssen. Denn unsere Erwartungen sind unnötig, weil Gott uns viel mehr zutraut, als wir es selbst tun. Er muss nicht um uns schwirren, damit wir den Alltag meistern. Das Wissen um seine Gegenwart, immer dann, wenn wir sie tatsächlich brauchen, nämlich dann, wenn wir sie gerade nicht einfordern, ist in unserem Hinterkopf. Sie gibt uns Sicherheit in dieser Freiheit, uns als eigenständige Wesen entwickeln zu können. Wir werden die Zuwendung Gottes dann erfahren, wenn sie vollkommen überrascht. Wenn wir nicht mit ihr rechnen, weil sie oftmals so klein und für uns so selbstverständlich ist. Er lädt uns ein zu einer Achtsamkeit, sein Antlitz funkelt oft symbolisch durch das Tägliche. Geben wir dem Guten die Möglichkeit, in unserer Welt der scheinbaren Verdammnis neue Hoffnung zu spenden.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Gott kann jetzt jeder“, idea Spektrum“ 31/2017

Ich habe mich immer zurückgehalten, wenn es um die oftmals so strapazierte „Offenbarung“ geht. Bei jeder Katastrophe wurde das Ende der alten und der Beginn der neuen Welt gesehen. Doch wird diese Umwälzung tatsächlich so spektakulär ausfallen, wie es die Bibel beschreibt?

Nicht vielleicht eher in einem langsamen Prozess, der dadurch sichtbar wird, dass wir wahrhaftig davon überzeugt sind, Gott ist nicht mehr Gott, sondern wir sind es, die mit der Schöpfung spielen? Wir zerstören sie nicht nur durch unsere Einwirkung auf Natur und Umwelt, viel eher überschreiten wir diesen hochsensiblen Bereich der Biotechnologie, der Schaffung und Gestaltung von Leben reguliert.

Doch wie sieht unsere Erde aus, wenn nicht mehr eine unabhängige Macht dafür sorgt, dass die Interessen aller an erster Stelle stehen, sondern eine Welt realistisch wird, in der durch Macht, Bildung und Karriere ausgesuchte Menschen entscheiden, welche Kriterien ein wertvolles Leben ausmachen und den Fortbestand und Erfolg ausschließlich für Ausgewählte sichern?

Wenn nicht mehr Gott es ist, der das Beste für jeden von uns möchte, dafür aber Computer, Technik und Forschung selektieren, moderieren und „evolutionieren“? Es scheint an der Zeit, nicht mehr allzu sparsam mit der Vorsehung einer Offenbarung umzugehen, sondern der Menschheit zu attestieren, dass sie sich gerade selbst einholt.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Urteil: Spaghetti-Monster-Kirche ist keine Religionsgemeinschaft“, „Merkur“ vom 03.08.2017

Ich selbst war Atheist, aber heute bin ich in die evangelische Kirche zurückgekehrt. Unter anderem auch wegen Aktionen wie die des „Fliegenden Spaghetti-Monsters“. Säkulare machen sich nicht selten lustig über die Religion, vor allem auch über den persönlichen Glauben des Einzelnen, der aus meiner Sicht unantastbar ist.

Natürlich könnte man argumentieren, dass auch die Überzeugung an solch eine Eigenkreation der „Pastafaris“ einem Gott in Nichts nachstünde, sind sie doch beide nicht belegbar. Und doch gibt es laut Oberlandesgericht Brandenburg nun eine verbindliche Messlatte: Es muss etwas Göttliches sein, das eine Religionsgemeinschaft ausmacht. Und ich finde das richtig so. Denn mit irdischem Geplänkel hat der Glaube an eine höhere Macht im Sinne einer spirituellen Tiefgründigkeit und einer eigenen Lehre, die nicht nur satirisch von einer real existierenden Glaubensgruppierung abgeschrieben wurde, nichts zu tun.

Man muss schon mehr vorweisen, um in den Genuss staatlicher Rechte zu kommen, als ein paar Buchstaben zu vertauschen und an die Stelle eines Gottes ein Nudelgesicht zu setzen. Eine Veralberung des Gottesglaubens ist zwar mit der Meinungs- und Gewissensfreiheit vereinbar, den Status einer Religion kann sie aber solange nicht erreichen, wie es an substantiellen Inhalten fehlt, die schützenswert sind.

Und ob der freitägliche Genuss der Bolognese-Soße ein anerkennenswertes Gut ist, bleibt mindestens ebenso fraglich wie das Wunder, nach Genuss von Hochprozentigem eine himmlische Ekstase zu erleben.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Zwischenruf zu:
„Warum der Chef der britischen Liberaldemokraten zurücktritt“, FAZ vom 14.6.2017

Christsein und liberal. Geht das denn wirklich nicht? Glaubt man dem ehemaligen Vorsitzenden der Liberaldemokraten im Vereinigten Königreich, dann stellt es einen Konflikt mit dem eigenen Gewissen, mit dem Glauben dar, wenn mal als überzeugter Christ politisch liberal agieren möchte. Er selbst trat zurück, weil er die Positionen seiner Partei nicht mehr mit den Überzeugungen des Christentums vereinbaren konnte. Gesellschaftliche, familienpolitische und innenpolitische Fragen dürften es gewesen sein, die das Ringen in Farron ausgelöst haben, der stets als integerer Politiker galt – und dessen Rückzug genau deshalb auch für Schlagzeilen sorgte. Denn es war ihm keinesfalls leicht gefallen, sich aus der Politik zurückzuziehen, war er doch ein begnadeter Redner mit klaren Standpunkten, der gleichzeitig beliebt und dem Volk in seiner Art und seinen Ansichten stets nahe gewesen ist. Doch wie verhält man sich als Christ, wenn die Partei die völlige Gleichstellung von Schwulen und Lesben fordert, biblische Überlieferungen aber darauf hindeuten, dass ausgelebte Homosexualität Sünde sein könnte? Oder das Verständnis von Familie dem 21. Jahrhundert angepasst werden soll, obwohl Vater, Mutter und Kind das jahrtausendealte Bild unserer christlichen Vorstellung des familiären Zusammenhalts prägen? Was tun, wenn die emanzipierte Frau nicht erst in 2017 einfordert, ihre Freiheit auch dadurch praktizieren zu wollen, über eine Schwangerschaft und deren Verlauf alleine entscheiden zu dürfen, obwohl doch gilt: „Du sollst nicht töten“? Welche Lösung findet sich, wenn die Ehe zerrüttet ist, wir uns aber an das Gebot gebunden fühlen, sie nicht zu brechen? Wie bewerten wir das Selbstbestimmungsrecht auf Drogenkonsum, Sterbehilfe oder Präimplantationsdiagnostik beim gleichzeitigen Wissen um Gottes Schöpfung, also auch uns Menschen, die wir schützen sollen?

Im Jahr des Reformationsjubiläums steht das Thema voll im Mittelpunkt: „Von der Freiheit eines Christenmenschen…“, so formulierte es Luther in seiner Schrift, die die Mündigkeit jedes Einzelnen betont. Schon früh gibt die Bibel Auskunft darüber, was Gott den von ihm geschaffenen Wesen so zutraut. Der Mensch wisse nämlich von frühem Zeitpunkt an bereits, „was gut und böse ist“ (1. Mose 3,22). Ja, es ist wahrlich eine Frage unseres eigenen Glaubens, der Theologie, der wir nahe stehen. Für bibeltreue Christen bleibt uneingeschränkt deutlich, dass wir wortwörtlich verstehen müssen, was uns die Bücher vorgeben. Interpretationsspielraum bleibt dabei nicht. Und auch beim Reformator Luther denken wir eigentlich nicht daran, Abstriche vom Wort Gottes machen zu dürfen. Denn darauf sollen wir uns nach seiner Meinung ja immer wieder neu zurückbesinnen – und uns eben nicht lenken lassen von einem „Mainstream“, der uns abbringt von der Lektüre der „Heiligen Schrift“. Aber Luther war keinesfalls ein Gegner der Exegese, er stellte viel eher die Vernunft eines jeden Christen in den Vordergrund. Er bescheinigte den Menschen von damals wie heute, dass sie sich nicht beirren lassen sollen von Dogmatik einerseits, von populistischem Geschrei auf der anderen Seite. Er attestierte uns ein gesundes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, aus der Schrift heraus deuten zu können, was Gott uns sagen möchte – und wie wir in unserem ganz individuellen Leben mit dem umgehen, was uns da auf den Weg mitgegeben wird. Mit seinen Übersetzungen brachte er uns in die Lage, nicht mehr abhängig zu sein von dem, was uns gepredigt wird – sondern Predigten als kritischen Anstoß für das eigene Denken zu verstehen. Nicht das zu übernehmen, was uns von der Kanzel herab „eingetrichtert“ wird, die Heiligkeit liegt nicht in der Unantastbarkeit der Kirche und der Gelehrten, sondern in der Freiheit, uns ein eigenständiges Bild von ethischen Fragen unseres Alltages zu machen.

Natürlich mag es auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, die angebliche Einordnung der Bibel, die gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr als ein „Gräuel“ bezeichnet – und die Vorstellung eines dritten Jahrtausends, in dem wir weiter sind mit unseren Sichtweisen. Und heute richtet sich der Blickwinkel auf die Frage, ob es tatsächlich das ist, was uns Gott sagen will: Kann Nähe zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts eine Sünde sein, wenn wir das Gebot der Liebe des Höchsten aus den Evangelien den Büchern Mose gegenüberstellen? Oder was meinen Verse wie 3. Mose 18,22 tatsächlich? Liberale Politik zu betreiben, das bedeutet, Menschen zu aufgeklärten Akteuren zu machen, die ihre Umwelt in größtmöglicher Verantwortung gestalten. Es passt nicht mit einem liberalen Christsein zusammen, auf die zu schauen, die den Moralapostel spielen möchten. Die Bibel ist nicht dazu gedacht, dass wir unseren Verstand ausschalten. Glaube heißt nicht, das Hirn zu deaktivieren – und blind und gleichzeitig taub das entgegenzunehmen, was uns in die Hände gelegt wird. Auch Misstrauen gehört zu einem Verständnis freien Christentums. Inbegriffen ist dabei stets die Weitsicht auf Zusammenhänge. Aussagen aus ihnen herauszureißen, das befördert Polemik. Denn Zitate sind plakative Momente, taugen aber nicht für rationales Erfassen eines Kontextes. Das Leben ist nicht einfach, es ist viel zu komplex, um es mit einzelnen Standpunkten beschreiben zu dürfen. Und so ist auch der Beischlaf von homosexuellen Menschen, wie Levitikus ihn formuliert, nur dann als Sünde anzusehen, wenn wir missachten, dass die ursprüngliche Übersetzung aus dem Hebräischen eher auf einen „Knaben“ hindeutet statt auf einen Mann, neben dem ein Mann nicht liegen soll. Denn das 18. Kapitel des 3. Buches Mose ist eine Verurteilung von ausuferndem Sexualverkehr, von Prostitution und dem Geschlechtsakt mit Kindern, in die die verantwortungsvoll ausgelebte Liebe zwischen zwei Männern oder Frauen nicht passt.

Und ja, natürlich gibt es Fragestellungen, bei denen auch der liberale Christ zu dem Ergebnis kommen kann, dass Wurzeln nicht aufgegeben werden dürfen. Freiheitlich zu sein bedeutet keinesfalls, sich anzupassen. Im Gegenteil. Viel eher ist es die gewissenhafte Überzeugung, die auch Positionen legitimiert, welche eine Mehrheit aus Christen, die sich als „frei“ bezeichnen würden, nicht teilt. Liberalismus lässt die Vielfalt der Gedanken und Meinungen zu, solange sie sich auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Argumenten, Gefühlen und unseren Grundsätzen beruft. Freiheit bedeutet eben nicht, willkürlich werden zu dürfen. Stattdessen ist der freie Christ derjenige, auf dem die meiste Last mit seinem Glauben liegt. Denn er ringt wiederkehrend mit sich, prüft, wie Gott es gemeint haben kann. Es mag parteipolitische Gründe geben, sich wegen seines Glaubens mit den eigenen Anhängern zu überwerfen. Aber es kann nie einen Grund geben, sich aufgrund seines Glaubens überhaupt nicht politisch zu betätigen. Und es ist wahrlich schade, wenn Farron als Parteivorsitzender offenkundig den Eindruck gewonnen hatte, dass manch konservative Ansicht bei den Liberaldemokraten nicht respektiert wird. Gerade, weil auch diese Tugend zum Freiheitlichsein dazugehört, ist es eigentlich eine Frage an die Parteikollegen des sich bewusst als Christ bekennenden Politikers wert, weshalb freiheitlich denkende Demokraten in Großbritannien ihren Vorsitzenden nicht stärker gestützt haben, als dieser offenbar in den scheinbaren Widerspruch aus Liberalismus einerseits, praktizierendem Christ andererseits hinein rutschte. Natürlich kann ich als freier Christ, aber eben auch als freiheitlicher Politiker gegen das Recht auf Abtreibung sein, wenn ich die Verhältnismäßigkeit wahre und begründe, warum ich die Förderung junger Familien der oftmals voreiligen Entscheidung auf einen Schwangerschaftsabbruch aus Verzweiflung, Angst vor der Zukunft und der Not und Panik heraus vorziehe. Besonders deshalb, weil sich liberale Christen ihre Entscheidungen nicht einfach machen, müssten sie in der Politik geschätzt sein. Wer Freiheit allein auf den Freiraum beschränkt, den der Mensch theoretisch hat, um sich zu entfalten, der hat die biblischen Worte gerade nicht verstanden. Wir wissen, „was gut und böse ist“. Das bedeutet auch, dass wir uns selbstkritisch hinterfragen müssen, ob alles, was machbar ist, auch sinnvoll sein kann. Demut steht dem liberalen Christen ebenso gut wie dem freiheitlichen Politiker, auch gegenüber Haltungen der eigenen Partei, ob zum Allheilmittel der freien Marktwirtschaft, dem Verständnis von Ergebnisgerechtigkeit oder zum monetären Vermögen dieser Tage.

Freies Christsein heißt, seinen Glauben wiederkehrend zu spiegeln. Und ja, allzu oft begeben wir uns mit solch einer „Sisyphos-Arbeit“ in einen Spagat aus Geradlinigkeit und Emotionalität. Beides schließt sich aber nicht aus. Wer die Bibel liest, beginnt meist ganz unweigerlich zu assoziieren. Dazu ist das „Buch der Bücher“ nach einem liberalen Verständnis christlichen Bekenntnisses auch gedacht. Nein, Beliebigkeit ist das wahrlich nicht. Denn Zweifel haben nichts mit Schwäche zu tun. Fundamente zu besitzen heißt gleichsam eben auch nicht, auf ihnen nicht ein Weltbild zu bauen, das uns Gott offenbar zu errichten auch wahrlich zutraut. Wer gleichzeitig eigenes Vertrauen in seinen Glauben hat, der übersteht Anfeindungen. Immerhin kann er sich rechtfertigen, wenngleich es gar nicht nötig scheint. Es wäre zu einfach zu sagen, dass unser Glaube allein „das ist, was wir daraus machen“. Aber wir sind die, die das „Heft des Handelns in der Hand haben“. Ein theistischer Gott, von dem wir als Christen überzeugt sind, weist uns unseren (politischen) Weg. Doch er greift nur dann ein, wenn es auch tatsächlich nötig ist. Ob für eine Korrektur, als Trost oder als Bestätigung. In den kleinen Zeichen des Alltags offenbart er uns, ob wir eine Richtungsentscheidung treffen müssen. Und ob wir an unserem Kurs etwas ändern sollten. Sein Wort, es ist nur bedingt „in Stein gemeißelt“. Wie hilflos wären wir ohne Orientierung, die uns die Bibel zweifelsohne gibt. Aber wie starr wären wir angesichts der sich täglich wandelnden Herausforderungen, wenn wir Worte nicht lebendig werden ließen. Freies Christsein bedeutet Vitalität in die verschiedensten Richtungen, besonders aber in die der Deutung. Ich wünschte mir, auch Farron hätte sich auf Gottes Gunst für ihn und jeden von uns einlassen können. Denn unser biblischer Vater, er scheint doch fest davon überzeugt zu sein, dass Freiheit uns nicht zu größeren Sündern macht, als wir es ohnehin schon sind, sondern zu seinen Ebenbildern, die Erfahrungen sammeln, dabei auch Fehltritte machen dürfen, aber schlussendlich nicht an Lehre, sondern an seinen, unseren Ethos gebunden sind…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserreaktion
zu „Wozu noch von der Kanzel predigen?“, „pro medienmagazin“ 3/2017

Als im ZDF die ersten Fernsehgottesdienste übertragen wurden, stellte man sich die Fragen erstmalig: Kann solch ein Gottesdienst den Besuch der Kirche am Sonntag ersetzen? Wie geht das eigentlich, Segen über die Bildschirm? Abendmahl an der Mattscheibe? Sündenvergebung durch die Röhre? Jahrzehnte später werden diese Überlegungen wieder aktuell. Mittlerweile sind Fernsehgottesdienste ein Bestandteil des geistlichen Lebens in Deutschland geworden. Und jetzt soll das alles auch über die sozialen Medien klappen? Ich bin dankbar dafür, dass es die Angebote wie den sonntäglichen Gottesdienst im ZDF oder andere spirituelle Sendungen wie das „Wort zum Sonntag“ gibt. Gerade für Menschen, die nicht mehr die Möglichkeit haben, die Kirche zu erreichen, ist auf diese Art und Weise Gemeinschaft möglich. Denn es geht ja nicht um die materielle Teilhabe im Sinne dessen, dass wir für das Spüren von Gottes Gegenwart den sakralen Raum benötigten. Dass Atmosphäre und Gemeinschaftsgefühl auch über Satelliten übertragen werden kann, dafür bedurfte es nicht einmal der Erfindung des TVs.

Und doch will ich Gottesdienste, die über die Medien zu uns gebracht werden, keinesfalls überbewerten. Sie sind eine Ergänzung, aber eben kein Ersatz für das Miteinander, das wir erfahren dürfen, wenn wir uns leibhaftig zum Singen, zum Beten und zum Hören zusammenfinden. Denn auch den Kranken oder den Einsamen wird mithilfe eines regelmäßigen Hausbesuches oder des Feierns von Andachten, vielleicht gar der Eucharistie im persönlichen Wohnumfeld die zwischenmenschliche Begegnung, durch die sich Jesus im Besonderen offenbart, ganz bewusst zuteil. Setzen wir allein auf die Übertragung durch das Wirken des Heiligen Geistes, reduzieren wir in der Trinität die Bedeutung des Zusammenseins, wo „zwei oder drei“ in Jesu Namen versammelt sind, auf die allein spirituelle Ebene. Doch erlebbar wird Christus eben erst in unserem Nächsten, Mimik, Gestik oder gar Empfindungen erfassen wir nicht hinreichend über eine Kamera. So ist es gerade das fehlende Erwidern, die einseitige Kommunikation, wenn ich Gottesdienste nur noch konsumiere, statt zu partizipieren. Denn natürlich kann ich sie für mich nutzen, auch dann bereits, wenn ich sie nur empfange. Sie sind Kraftquelle, doch wo bleibt mein Beitrag an die Gemeinschaft, wenn ich in der Stille ganz zurückgezogen ohne Resonanz mein Dasein friste, ohne diese Echos meiner Mitbrüder und Schwestern, die ich brauche, um wirklich im Glauben wachsen zu können?

Abgesehen von einer stetigen Isolation, die soziale Medien bereits heute über unsere Gesellschaft bringen, trägt jede zusätzliche Verlagerung von Realität in die Virtualität auch zu einer Vereinsamung bei. Zweifelsohne: Gerade für Menschen, die in den Glauben zurückkehren wollen, die vielleicht zweifeln oder gar erst in die Kirche „einsteigen“ möchten, ist es eine sinnvolle Möglichkeit, den Weg in das Miteinander hinein durch das Kennenlernen von Predigten und Gottesdiensten ganz niederschwellig per „Social Media“ zu erleichtern. Und ja, auch für den kurzen Impuls zwischendurch kann ein seelsorgerliches Wort hilfreich sein, für den Alltag, in dem wir geistige Nahrung benötigen. Nicht nur junge Menschen lassen sich über das Web viel eher erreichen als über den klassischen Weg der Mission. Und doch wäre es vermessen, uns allein darauf zu fokussieren, das Heil im Zeitgeist zu suchen. Sehen wir die digitalen Plattformen eher als ein Werkzeug, Menschen an Kirche und Glaube heranzuführen – und um sie in ihrem Alltag zu begleiten. Nehmen wir mit diesen Hilfsmitteln aber nicht den Höhepunkten unseres Gemeindelebens ihren wertvollen Glanz. Denn dafür sind sie zu kostbar, in ihrer direkten, natürlichen und vor allem kabellosen Einzigartigkeit.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.