Auch ohne einen Gott braucht es Regeln…

Ich fühlte mich ein Stück weit an Science Fiction erinnert, als ich kürzlich in einem Gespräch mit einem atheistischen Kollegen erstmals ganz bewusst auf eine Ideologie hingewiesen wurde, die mir zwar in der Literatur immer wieder einmal begegnet war, über die ich aber meist lächelnd und amüsiert hinweggeblickt hatte. Doch nun sollte sie ganz praxisnah werden: „Überlege doch mal, der Mensch ist in der Lage, Krankheiten, Behinderungen und Grenzen jeder Art zu überwinden – zwar noch nicht heute, aber schon bald“. Angespielt auf meine eigenen, teilweise durch genetische Defekte hervorgerufenen Beeinträchtigungen, war ich in Gedanken zunächst vollkommen irritiert: War er nun überdreht, von Utopien heimgesucht oder vielleicht doch ernst zu nehmen, mein Gegenüber, der mir offenbar meine Unsicherheit angesehen hatte und gleich fragend ergänzte: „Bist du denn kein Transhumanist?“.

Ich erinnerte mich, dass ich tatsächlich früher einmal über den Begriff stolperte. Aus der Wortherkunft wollte ich mir bereits einen Reim auf die Bedeutung machen, doch das war nicht mehr nötig: Mein Kollege hatte schon Luft geholt und stieg in einen wortgewaltigen Vortrag über den „Transhumanismus“ ein, von dem ich letztendlich nur ein paar Fetzen einprägen konnte. Von „Nietzsche“ über einen amerikanisch-iranischen „Futuristen“, die „Eugenik“ bis hin zu zur „Superintelligenz“ – ich wusste nicht so genau, ob ich beeindruckt oder furchtsam sein sollte. Insgeheim dachte ich zuerst an „durchgeknallte“ Phantasien, ohne damit jemandem auch nur ein bisschen zu nahe treten zu wollen. Doch so ganz hatte sich mir noch nicht erschlossen, ob ich diese Weltsicht nun verdammen oder doch teilen sollte.

Ich versprach, mich besser zu informieren und setzte mich noch am selbigen Abend an die Recherche. Vorbei an wahrhaftem Humbug, durch Texte voller Fachbegriffe einer digitalisierten Welt hin zu den Versuchen verschiedenster Lexika oder Autoren, die sich an einer einigermaßen verständlichen Definition des „Transhumanismus“ mühten, gelang mir langsam ein Verständnis dessen, was heute nicht nur zum Leitbild mancher evolutionärer Humanisten im angelsächsischen Raum zu zählen ist, sondern auch in unseren Breiten immer häufiger Anhänger findet: Die Überzeugung, dass der Mensch „über sich hinauswachsen kann“ – mit Technologie, Forschung und Entwicklung die Hürden zu überwinden in der Lage ist, die ihm gesetzt sind. Ob nun durch die Erweiterung der eigenen Horizonte, des bisherigen Wissens und des begrenzten Verstandes: „Transhumanismus“ ist als Vorstellung von dauerndem Fortschritt eine Anschauung, die die Freiheit des Menschen als nahezu „unendlich“ bezeichnet.

Ich bin sicherlich nicht der Erste, der sich kritisch mit dieser „Bewegung“ auseinandersetzt. Viel eher bin ich erstaunt darüber, dass sie auch schon bei uns – weitestgehend undifferenziert – als beinahe „Heilsbringung“ vergöttert wird. Ja, der „Trans-Humanismus“ geht über das hinaus, was wir bislang als machbar, als möglich ansahen. Er traut dem Menschen Fähigkeiten zu, die ihm in der Vergangenheit verschlossen blieben. Früher noch als „über-menschliche“ – und damit als unerreichbar angesehene – Leistungen werden in der Vision eines Transhumanismus‘ nach und nach realistisch. Ob die Ausrottung von Viren durch genetische Manipulationen, die Überwindung von unlösbaren Formeln durch gigantische Computer oder das immer neue Einstellen bisheriger Rekorde durch noch schnellere, noch weitere und noch genauere Techniken – der Transhumanismus traut dem Menschen Vieles (wenn nicht gar Alles) auf dieser Erde (und darüber hinaus) zu. An Selbstbewusstsein mangelt es seinen Vertretern damit nicht, aber möglicherweise an ethischem und moralischem Empfinden?

Nicht nur diese Kritik wird der Lehre vom Transhumanismus häufig vorgebracht. Ich tue mir auch überaus schwer mit dem Gedanken, wie ein evolutionärer Humanist einen entsprechenden Bogen zur transhumanistischen Überzeugung finden soll: Hatte sich die Evolution doch an die Naturgesetzgebung geklammert, die auch dem Humanisten einen Rahmen gibt, die es im Sinne eines (zwischen-)menschlichen Wertmaßstabes zu definieren galt. Doch was wird aus diesem Konstrukt, wenn sich der Mensch plötzlich auch noch über dieses Grundgerüst erhebt? Ja, der Bezug des Transhumanismus zu dem der Renaissance scheint durchaus nachvollziehbar: Als Gegenkonzept zum Gottesglauben platziert der Transhumanist den Menschen abschließend und damit auch endgültig an die Stelle eines Schöpfers und allmächtigen Handelnden. Somit scheinen gar Deismus und Theismus durch eine Weltanschauung abgelöst, die weiter geht als andere humanistische Sichten: Der Transhumanist sieht sich gar in der Position der Überwindung von Naturgesetzen, tangiert damit auch den Pantheismus als eine Form eines „schwammigen“ Atheismus – und beansprucht insofern eine Absolutheit, die mir doch eine gewisse Angst einflößt.

Man könnte davon sprechen, beim Transhumanismus handele es sich um eine besonders ausgeprägte Form eines nahezu wahnhaft wirkenden Narzissmus, der den Menschen derartig überhöht, wie es die Wirklichkeit eben nicht hergibt. Denn bei allem Vertrauen in die Innovationsfähigkeit tut auch dem bislang aus der Evolution am weitesten entwickelten Lebewesen eine gewisse Form von Demut gut – selbst und gerade dann, wenn es keinen Gott gibt. Denn aus Allmachtsphantasien wird rasch auch eine Rangfolge, aus Wachstum alsbald eine Selektion, die letztendlich einem „Schöpfergeist“ recht egal sein könnten – den Menschen untereinander aber nicht. Zügelloses Streben nach Entfaltung geht einher mit einem Verdrängen, was der evolutionäre Atheist als „natürliche“ Auslese verstehen kann, die unveränderbar scheint und schon in der Vergangenheit ganz selbstverständlich war. Doch ist der Humanismus nicht gerade auch wegen seiner Bindung an das Rationale so populär geworden? Egoistisch dürfte sich zunächst keiner von uns dafür interessieren, was die persönliche Ausdehnung an Enge für den Nächsten mit sich bringt. Aber kann ein Mensch alleine und auch dann überleben, wenn er sich seine Umwelt nach eigener Façon gestalten kann, unabhängig ist und seiner Beliebigkeit Lauf lassen kann – gleichzeitig sozial verkümmert, mit seinem Reichtum an allerlei Intelligenz und Können überfordert ist und eingestehen muss, dass eben doch die Natur es ist, die uns nicht als einsamen „Streiter“ vorgesehen hat?

Zwar beharren Vertreter des Transhumanismus in aller Regel darauf, dass ihr Verständnis von einer Verwirklichung des Menschen über seine heutigen Grenzen hinweg unter der Maßgabe stehen müsse, wonach jegliche Errungenschaften der Zukunft ausschließlich zum Wohle Aller dienen sollten. Aber gerade für diesen Standard bedürfte es eines Kontraktes, welcher sich nur aus der reflektierten Betrachtung des Transhumanismus durch seine eigenen Mitstreiter ergeben kann. Wie jede Religion, wie jede Weltanschauung braucht auch diese Ideologie eine beständige Erdung ihrer Visionen, was der Grundannahme des Transhumanismus allerdings zuwider sprechen dürfte. Vielleicht ist es gerade auch deshalb so ruhig um ihn: Denn ist die Zeit wirklich schon reif für eine Überzeugung, die von einer Ausgangslage zehrt, welche nicht nur ungewiss, sondern gleichsam auch unberechenbar scheint? Will sich eine Menschheit auf die einerseits dem Ego des „Homo sapiens“ guttuende Vorstellung der Grenzenlosigkeit einlassen, die auf der anderen Seite dadurch auch zum Missbrauch von Macht verleiten kann? Überheblichkeit hat in der Geschichte selten zu positiven Entwicklungen beigetragen. Eine Idealisierung im Sinne einer Perfektion, die keinen Makel mehr zuzulassen vermag, wird nur derjenige wünschen, der sich überhöht. Und auch, wenn kein Gott existiert, passt diese Anmaßung nicht in eine Welt und schon gar nicht in ein Universum, das uns eben doch täglich aufzeigt, wie eng unser Handlungsspielraum tatsächlich ist.

Der Glaube an einen fortdauernden und scheinbar unlimitierten Progress ähnelt den Wünschen eines libertär geprägten Paternalismus‘ oder einer Freiheit ohne Zügel, wie sie auch in manch neoliberalen Ansätzen heute stilisiert wird. Wenn es keinen Gott gibt, dann ist der Mensch zwar scheinbar keinerlei „Aufsicht“ unterworfen, sondern völlig allein auf sich gestellt. Doch dieses Gefühl von unendlicher Eigenverantwortung kennt nicht nur Vorteile. Deshalb muss es in solch einem Modell dann gleichsam der Mensch selbst sein, der sich und seinen Artgenossen diejenigen Regeln aufzeigt, die ansonsten vielleicht nur die „Zehn Gebote“ und andere Konventionen widerspiegeln. Ohne eine Übereinkunft besteht ständig die Gefahr der Anarchie, die sich eine Welt nicht leisten kann, in der schon kleinräumiges Chaos zur Gewalt und Ausrottung seinesgleichen beiträgt. Der Transhumanismus braucht als Weltanschauung, die nicht nur eine religiöse Bedeutung, sondern vor allem auch eine politische Wirkung entfaltet, die demokratisch ausgestaltete Kontrollinstanz der wechselseitigen Mahnungen und Überprüfungen. Der Mensch kann nicht nur wachsen, sondern muss sich gleichzeitig gegenseitig beschränken. Denn genau darin liegt ja die proklamierte Überlegenheit unseres Wesens im Vergleich zu den in der Evolution nicht derart fortgeschrittenen Mitbewohnern: Wir sind in der Lage, uns nicht komplementär und korrelativ fressen und bejagen zu müssen, sondern eine Zivilisierung durchlaufen haben, die uns befähigt, mit Augenmaß nicht nur zu denken, sondern uns auch entsprechend zu verhalten.

Ob man es nun Ethik, Moral, Normen oder auch Übereinkommen nennen will: Sie sind es, die jede Form der Überzeugung auf dem Boden der Rationalität halten. Häufig höre ich dann aber, dass sie als menschgemachte Verbote oder Gesetze keinen Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit besäßen, viel zu individuell statt konventionell verfasst seien. Nein, es sind gerade nicht die Festhaltungen einzelner Gemeinschaften, die unserem Miteinander Stabilität geben. Es sind die universell geeinigten Abkommen. Wer, wenn nicht die Menschheit (statt dem Menschen), kann also in jeder Ausprägung des Humanismus‘ die Waage sein, die Balance hält? Auch Transhumanisten sind zum Kompromiss verpflichtet, weil sie in der Gemeinschaft und in der Pluralität verschiedenster Sichtweisen leben. Und damit sind auch sie in der Realität den wesentlichen Grundsätzen verpflichtet, die die Mehrheit in einer vielfältigen Landschaft von scheinbarem Wissen und Glaube schlussendlich teilt. Die auf mich als Herauslösung aus einer Ordnung wirkende Zielsetzung des Transhumanismus‘ bleibt in einer Gesellschaft, die auf Vereinbarungen basiert, unwirklich – und das ist gut so. Denn nicht jeder Traum kann um der Aufgabe gemeinsamer Verpflichtung willen durchgeboxt werden, solange es (glücklicherweise) den Reichtum an vielen Andersdenkenden gibt.

Und so mag es für den Transhumanisten bei allen Gefahren zwar erstrebenswert sein, Menschen ohne „Schönheitsfehler“ zu schaffen, das Weltgeschehen zu mechanisieren oder den „Iron Man“ irgendwann in vier Stunden zu gewinnen… Solange in unseren Sphären aber noch das „Wir“ dem „Ich“ überlegen ist, bleibt zwar gedanklich wohl Allerhand möglich, aber Vieles eben doch nicht nötig…

[Dennis Riehle]

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Nach Urteil des Verwaltungsgerichts zum Turbantragen im öffentlichen Verkehr

Nach dem Urteil des Freiburger Verwaltungsgerichts, das entschieden hatte, die Helmpflicht auf Motorrädern gelte auch für Personen, die aus religiösen Gründen einen Turban tragen (wie im vorliegenden Fall für einen Konstanzer, der 2005 der Sikh-Bewegung beigetreten ist), erklärt der Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO), Dennis Riehle (Konstanz), dass die Entscheidung grundlegenden Charakter haben sollte: „Es ist ein gutes Signal, dass staatliche Vorschriften, gerade dann, wenn sie der Sicherheit dienlich sind, auch für diejenigen gelten, die sie religiösen Verpflichtungen nachrangig sehen wollen“.

Nach Meinung der HABO reiht sich die Klage des Anhängers der sogenannten „Reformbewegung“ in eine Vielzahl von Ansprüchen ein, die von den verschiedensten Religionen in den vergangenen Jahren geäußert wurden: „Ob es der Burkini beim Baden ist, die Ganzkörperverschleierung in der Öffentlichkeit oder die vielseitig proklamierten Sonderrechte im Bezug auf die Schule – wie Befreiung vom Schwimmunterricht für Musliminnen, die Forderung nach eigenem Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder der Wunsch christlich konservativer Familien, ihre Kinder zuhause eigens zu unterrichten – beziehungsweise im Zusammenhang mit dem kirchlichen Arbeitsrecht und einer eigenen Paralleljustiz: In unserem Land gelten zunächst die Gesetze des Staates, die für jeden Verbindlichkeit haben. Sich daran zu halten, ist Verpflichtung eines jeden Bürgers – egal, welcher Religion oder welchem Glauben er zugewendet ist“.

Trotz des aktuellen Entscheids des Verwaltungsgerichts fürchtet Riehle jedoch, dass sich die Urteile in ihrer Mehrheit auch künftig nicht verändern werden: „Blickt man auf Beschlüsse der höchsten deutschen Gerichte, so lässt sich erkennen, dass der Religionsfreiheit ein ganz besonderer Schutz zugemessen wird und selbst die Verfassungsrichter nur selten bereit sind, andere Grundrechte über diese weitreichenden Zugeständnisse an Glaubensgemeinschaften, aber auch an einzelne, sich auf das Praktizieren ihrer religiösen Vorschriften und Ausleben der religiösen Gefühle beziehende, Mitbürger zu stellen. So bleibt festzuhalten, dass das Verbot des Turbantragens beim Motorradfahren wohl eine Ausnahme in der Rechtsprechung über religiöse Praktiken sein wird – und das in einem angeblich doch säkularen Staat, der sich aber durch seinen Respekt vor der Macht der Religionen auch fortan entsprechend erpressbar macht“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung
Innenministerium mahnt jedoch zu „differenzierten, organisatorischen Ermessensentscheidungen“

Stuttgart / Konstanz. Der Landtag von Baden-Württemberg hat über eine Petition abgestimmt, die die „Humanistische Alternative Bodensee“ (HABO) mit weiteren Unterstützern eingereicht hatte. Darin forderten die Petenten ein Verbot religiöser Werbung in öffentlichen Einrichtungen. Ausschlag gebend für diese Eingabe waren Vorfälle in Dienststellen der Polizei und in staatlichen Kindertagesstätten, bei denen christliche Vereinigungen Bibeln und andere religiöse Schriften an Mitarbeiter, Schüler und Besucher verteilt hatten – und die von Betroffenen an die HABO zugetragen wurden. In seiner abschließenden Beurteilung entschied sich der Landtag schlussendlich für die Ablehnung der Petition, wenngleich bereits einige Schritte unternommen wurden, um dem Anliegen der Petenten Rechnung zu tragen.

So geht aus der Begründung des Parlamentsentscheides nochmals hervor, dass die Vorgängerregierung von Grün-Rot, die damalige Koalition aus CDU und FDP, im Jahr 2007 die Anfrage des Repräsentanten einer christlichen Vereinigung zur Verteilung des „Neuen Testamentes“ in den Dienststellen der Polizei des Landes Baden-Württemberg positiv beschied. So teilte das Innenministerium am 2. März 2007 mit, dass gegen dieses Vorhaben „keinerlei Bedenken“ bestünden. Daraufhin wurden in den Folgejahren in „wenigen“ Polizeidienststellen des Landes diese Exemplare der Schrift verteilt. Beispielsweise wurde im Intranet eines Polizeireviers in Reutlingen zu Weihnachten 2014 ein „Angebot zum kostenlosen Bezug des Neuen Testaments“ veröffentlicht. Im Sommer des selbigen Jahres wurden im Besucherraum am Polizeirevier Filderstadt Bibeln ausgelegt. Im Freiburger Präsidium wurde die Auslage von Schriften zwischen 2007 und 2013 mehrfach gestattet, im September 2014 wurde im dortigen Mitteilungsorgan für die 4. Auflage des „Neuen Testaments für Polizeibedienstete“ geworben. Innerhalb des Polizeipräsidiums von Stuttgart wurde die Bibel bei verschiedenen seelsorgerlichen Gesprächen ausgehändigt, aber auch in diversen Dienststellen ausgelegt. Im Polizeirevier der Autobahnpolizei des Polizeipräsidiums in Ulm wurden von 2007 bis 2009 etwa 20 bis 30 Bibeln entgegengenommen und zur Mitnahme angeboten. Auf dem Campus Villingen-Schwenningen wurden den Studierenden der Hochschule der Polizei über zwei Jahre hinweg Schriften ausgehändigt, am Standort in Göppingen gab es Gespräche mit Vertretern christlicher Vereinigungen. In Unterkunftszimmern in Wertheim wurden Bibeln gefunden und entfernt.

Und auch aus den anderen Ministerien gab es Rückmeldungen über religiöse Werbung: In der Pädagogischen Hochschule in Weingarten wurde 2014 einem Vertreter einer christlichen Vereinigung gestattet, Bibeln im Vorraum der Mensa auszulegen. An der Hochschule von Heilbronn waren zwischen 2005 und 2007 mehrfach Schriften verteilt worden. Im Sozialministerium konnten keine konkreten Angaben gemacht werden, allerdings wurde festgehalten, dass Mitarbeiter von öffentlichen Pflegeeinrichtungen u.a. nicht gezwungen werden könnten, an religiösen Handlungen teilzunehmen (Gebetskreise etc.). Auch dürften in Patientenzimmern keine Kruzifixe gegen den Willen der Bewohnerinnen und Bewohner aufgehängt werden. Aus dem Kultusministerium wurden dagegen keine Beschwerden gemeldet, wonach beispielsweise verpflichtende religiöse Andachten stattfänden. Zu den Vorgängen im Einzugsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz, die die Petition befeuerten, wird festgehalten, dass eine Anfrage einer christlichen Vereinigung um Genehmigung für die Verteilung von Bibeln im Foyer der Kriminalpolizeidirektion Friedrichshafen positiv beschieden wurde. Nach Protest gegen die Aktion bat das Präsidium das Innenministerium um eine grundsätzliche Einschätzung. Nachdem diese bis zum Datum der Verteilung nicht vorlag, wurde das Projekt abgesagt. Auch eine Werbung im Intranet wurde nach Kritik entfernt. Am 2. Februar 2015 hat das Innenministerium die Polizeipräsidenten in Baden-Württemberg gebeten, der Verteilung von Bibeln in ihren Dienststellen nicht mehr zuzustimmen.

Abschließend hält der Landtag in seinem Beschluss fest, dass der „moderne, freiheitliche Staat“ zur „weltanschaulichen Neutralität“ verpflichtet ist. Die „friedliche Koexistenz verschiedener weltanschaulicher und religiöser Überzeugungen“ könne jedoch „nur gelingen, wenn auch der Staat selbst in Glaubens- und Weltanschauungsfragen Neutralität“ bewahre. Allerdings sei das laizistische Modell der strikten Trennung von Staat und Religion nicht das, welches das Grundgesetz vorsehe. „Das Recht, keine Religion ausüben zu müssen, ist daher in Konkordanz zu bringen mit dem Bedarf vieler Angehöriger des öffentlichen Landesdienstes, im ihrem jeweiligen Glauben oder ihrer Weltanschauung Halt zu finden und ihren Dienst gegenüber der Bevölkerung fürsorglich versehen zu können“, so das Parlament. Es wird dabei unter anderem auch auf die Seelsorge im Polizeidienst verwiesen, gleichsam wie auf die seelsorgerliche Begleitung von Gewaltopfern. Nach Auffassung des Landtages ist es „je nach Einzelfall möglich, religiöse Bekundungen in Behörden zu gestatten“. Allerdings sei in solchen Fällen eine „differenzierte, organisatorische Ermessensentscheidung“ notwendig, in der die Interessen abgewogen werden. Kriterien für einen Beschluss müssten dabei „u.a. die Art und Weise der religiösen Bekundung, die betroffene öffentliche Stelle, die Frage, ob das Begehren von außen kommt oder ob es sich um eine Glaubensbekundung eines Grundrechtsträgers innerhalb der Verwaltung handelt“ sein. Auch misst das Innenministerium dem „Zeitpunkt“ und ausdrücklich der „in diesem Kontext zunehmenden“ Pluralität der Überzeugungen sowie der wachsenden Sensibilität der Bürger gegenüber den weltanschaulichen Bekenntnissen einen entsprechenden Stellenwert zu.

Der Sprecher der HABO, Dennis Riehle (Konstanz), zeigt sich insgesamt zufrieden mit dem Ergebnis: „Die neue Landesregierung hat sich in der letzten Phase ihrer derzeitigen Legislaturperiode in der Frage des gleichwertigen Umgangs mit den verschiedenen Weltanschauungen deutlich von der schwarz-gelben Koalition abgehoben. Das zeigt nicht nur das zügige Reagieren des Ministeriums auf die Petition, sondern ist beispielsweise auch beim Lockern des Tanzverbots klar geworden. Natürlich hätte man sich mehr erhoffen können, insbesondere wäre die Würdigung der gestiegenen Zahl an konfessionsfreien Menschen wesentlich gewesen – beispielsweise auch in der Beantwortung unserer Forderung nach mehr Gleichberechtigung im Sinne einer Religionsfreiheit, die eben gleichsam atheistischen oder humanistischen Überzeugungen im öffentlichen Raum mehr Platz zuzugestehen versucht. Auch hätte es einer Verdeutlichung bedurft, wonach das weltanschauliche Bekenntnis für die Ausübung eines Berufes lediglich eine nachrangige Bedeutung haben kann und in erster Linie eine private Angelegenheit ist – religiös, aber ebenso auch politisch. Und dass es nach Meinung des Parlaments wohl eine religiöse Überzeugung benötigt, um seinen Dienst ‚fürsorglich‘ zu gestalten, ist wohl wiederum ein Zeichen, dass die Diskriminierung gegenüber Konfessionsfreien auch in Baden-Württemberg künftig aufrecht und unsere Aufklärungsarbeit deshalb wichtig bleibt. Entsprechend laden wir unsere Kollegen in anderen Bundesländern ein, gegenüber ihren Parlamenten um Stellungnahme zu bitten und gleichlautende Prämissen zu formulieren“.

Petition und Beschluss des Landtages können angefordert werden.

[Dennis Riehle]

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Pressemitteilung
Humanisten am Bodensee sehen Religion als „eine bedeutende Ursache für Gewalt“

Die „Humanistische Alternative Bodensee“ (HABO) kritisiert die Aussagen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide, der im Interview mit dem SÜDKURIER vom 20.11.2015 geäußert hatte: „Religion ist nie die Ursache von Gewalt“. Der Sprecher der HABO, Dennis Riehle, bemängelt die Undifferenziertheit dieser Festhaltung: „Ich denke, mit solch einer generalisierten Verteidigung der Religion macht man sich die Sache doch ein wenig zu einfach“. Immerhin sei bereits die ursprüngliche Bedeutung des Religionsbegriffs verräterisch: „Schlichtweg geht es in der Religion im Sinne des Worte ja um das ‚Bedenken‘, um die Einhaltung von Vorschriften“, so Riehle. „Und diese Vorgaben holen sich die meisten Religionen aus ihren Schriften oder den Wegweisungen ihrer Gründer, aus denen rasch auch Dogmen werden, die zu einem Handeln auffordern“.

Khorchide hatte seine Meinung im Kontext zu den Anschlägen von Paris kundgetan. Für Riehle ist es hierbei nicht vorstellbar, dass eine Religion aus ihrer Verantwortung genommen wird: „Wenn sich Terroristen im Namen ihrer Religion zu Gewalttaten bekennen, hören wir in diesen Tagen gerade von gemäßigten Muslimen oft, dass dieses Verständnis von Religion nicht das ihre sei. Das glaube ich zwar tatsächlich, letztlich täuscht aber der Umstand nicht darüber hinweg, dass solche Attentäter wie in Frankreich ihr Verhalten mit Texten rechtfertigen, die man im Koran finden oder entsprechend eben auslegen kann“. Ohne eine humanistische Wertvorstellung und ethisch geprägte Menschenrechte sei Religion anfällig dafür, missbraucht zu werden – und dann sei sie, so Riehle, auch Ursache von Gewalt.

„Dass wir im Christentum heute kaum noch „Mord und Totschlag“ erleben, liegt allein daran, dass diese Religion eine Säkularisierung durchgemacht hat“, verweist der HABO-Sprecher, und fügt hinzu: „Die Bibel würde sich ebenso eignen, im Namen einer Religion Gewalt zu begehen. Da nutzt es auch nichts, wenn sie an einer Stelle zwar von Frieden spricht, an anderer dann aber doch wieder vom ‚Vertilgen‘ der Ungläubigen schwadroniert (wie im „Buch der Sprüche“ u.v.a.) oder ihnen sogar Morde unterstellt (wie in den „Psalmen“ u.v.a.). Allein die Obrigkeit von Rechtsstaatlichkeit, menschenfreundlicher Philosophie und einem Gesellschaftsverständnis, das unveränderliche (weltliche!) Gesetze hoch hält und Staat und Religion trennt, kann dazu beitragen, dass solche Worte letztlich nicht buchstäblich verstanden werden“, erwidert Riehle die Überzeugung des Wissenschaftlers abschließend.

[Dennis Riehle]

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Sehr geehrte Damen und Herren,

in den Medien konnte gelesen werden, dass Sie dem Bauingenieur des „Deutsche Christlichen Techniker-Bundes“, Winfried Borlinghaus, nur einen Tag vor einem vorgesehenen Referat Hausverbot an Ihrer Hochschule erteilt haben. Sie begründeten diese Entscheidung offenkundig damit, dass Borlinghaus der Evolutionstheorie keinen alleinigen Anspruch auf universelle Gültigkeit eingeräumt hat.

Ich schreibe Ihnen heute als früher doch überaus gläubiger Protestant und ehemaliges Kirchenmitglied, der heute zu einem zweifelnden und reflektierenden Agnostiker und Humanisten geworden ist, vielleicht gar oftmals weitreichend atheistisch denkt. Insofern gibt es zunächst keinen Grund, anzunehmen, dass ich den christlichen Glauben zu verteidigen aufgefordert wäre. Und doch ärgert mich Ihre Entscheidung nicht nur, ich halte sie auch rechtlich sowie mit den geltenden Gesetzen und dem demokratischen Verständnis der Bundesrepublik Deutschland nicht vereinbar.

Werfe ich einen Blick in die „Niedersächsische Verfassung“, so kann ich dort – abgeleitet aus dem Grundgesetz – in Artikel 3 Absatz 3 lesen: „Niemand darf wegen […] seines Glaubens, seiner religiösen […] Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Diese Feststellung steht weit über allen folgenden Gesetzen, die Näheres regeln, unter anderem auch über Artikel 5, das die Hochschulen betrifft. Dort wird unterstrichen, dass der Staat die Wissenschaften schützt. Nein, es wird nicht geregelt, welche Wissenschaften hier gemeint sind; eine Alleinstellung der Naturwissenschaften kann ich somit jedenfalls nicht erkennen. § 3 Abs. 1 Nr. 1 des Niedersächsischen Hochschulgesetzes sieht überdies vor, dass die „Hochschulen […] die Wissenschaften durch Forschung, Lehre, Studium und Weiterbildung in einem demokratischen, freiheitlichen und sozialen Rechtsstaat“ pflegen und entwickeln.

Ist es entsprechend nicht gar Pflicht von Hochschulen, in einem solch demokratischen Staat, der nicht nur Glaubens- und Meinungsfreiheit garantiert, sondern gerade durch Widerspruch, Kritik und Pluralismus lebendig wird, die Wahrhaftigkeit von Theorien anhand von Gegenüberstellungen mit der Empirie, mit Erfahrungen und mit nicht naturwissenschaftlichen Lehren immer wieder neu zu überprüfen? Kann Wissenschaft seriös sein, wenn sie nicht gleichsam ständig auch hinterfragt wird? Wer gibt Ihnen das Recht, in einer staatlichen Hochschule, also einer öffentlichen Einrichtung, die Raum für Diskussionen bieten muss und soll, diejenigen auszusperren, die einem zwar durchaus vielseitig respektierten, aber keinesfalls allen Fragen unserer Zeit zufriedenstellende Antworten gebenden Modell nicht in Gänze anzuhängen vermögen? Ist es Ihre Aufgabe, eine Theorie der Evaluation zu entziehen, von der wir wissen, dass ihr bis heute immer wieder auch mit berechtigten Zweifeln begegnet ist?

Gerade Ihre Hochschule, die den „angewandten“ Wissenschaften verschrieben ist, sollte doch auf die Praxis eingehen, aus der wir gerade in der Suche nach Erklärungen für das Funktionieren und das Entstehen unserer Welt und die dortigen Lebewesen deutlich mehr Erkenntnisse ziehen können als mithilfe einer Theorie, die viele überraschende und erstaunlich wundersam auftretende Realitäten nicht abschließend erfassen kann. Das gilt nicht nur, aber doch auch gerade für den Anfang des Seins – und nicht wenige Rätsel aus der Gegenwart bleiben durch die Evolutionstheorie weiterhin ungelöst. Ich weiß nicht, ob die Antworten in einem „Gott“ zu finden sind. Zumindest maße ich es mir aber nicht an, die Absolutheit für meine Gedanken und Überlegungen zu beanspruchen. Offenbar im Gegensatz zu Ihnen…

Ist eine Hochschule, die nahezu narzisstisch auf einseitigen Modellvorstellungen beharrt, tatsächlich noch glaubwürdig? Wo kommen wir hin, wenn Hochschulen bei uns bestimmen, was zu denken gilt? Und wie verteidigen Sie Ihre Prämissen an redliche Forschung und Lehre, wenn Sie wissenschaftliche Vorstellungen nicht mehr einer offenen Wertung zugänglich machen? Das Diktat bestimmter Bekenntnisse führt nicht nur dazu, angreifbar zu werden, sondern fördert gleichsam Willkür – und schränkt Freiheit durch eine automatisierte und beherrschende Dogmenbildung ein. Deshalb frage ich abschließend: Warum diskriminieren Sie Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind, indem Sie sie vor die Tür setzen?

Sie haben nach meinem Verständnis Ihrer Hochschulen mit diesem Vorgehen schweren Schaden zugefügt. Entsprechend sollte auch das zuständige Ministerium hiervon Kenntnis erhalten, weshalb mein Brief dorthin in Kopie versandt wird.

Freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

PressemitteilungHeftige Kritik an Aussagen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide

Die „Humanistische Alternative Bodensee“ (HABO) kritisiert die Aussagen des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide, der im Interview mit dem SÜDKURIER vom 20.11.2015 geäußert hatte: „Religion ist nie die Ursache von Gewalt“. Der Sprecher der HABO, Dennis Riehle, bemängelt die Undifferenziertheit dieser Festhaltung: „Ich denke, mit solch einer generalisierten Verteidigung der Religion macht man sich die Sache doch ein wenig zu einfach“. Immerhin sei bereits die ursprüngliche Bedeutung des Religionsbegriffs verräterisch: „Schlichtweg geht es in der Religion im Sinne des Worte ja um das ‚Bedenken‘, um die Einhaltung von Vorschriften“, so Riehle. „Und diese Vorgaben holen sich die meisten Religionen aus ihren Schriften oder den Wegweisungen ihrer Gründer, aus denen rasch auch Dogmen werden, die zu einem Handeln auffordern“.

Khorchide hatte seine Meinung im Kontext zu den Anschlägen von Paris kundgetan. Für Riehle ist es hierbei nicht vorstellbar, dass eine Religion aus ihrer Verantwortung genommen wird: „Wenn sich Terroristen im Namen ihrer Religion zu Gewalttaten bekennen, hören wir in diesen Tagen gerade von gemäßigten Muslimen oft, dass dieses Verständnis von Religion nicht das ihre sei. Das glaube ich zwar tatsächlich, letztlich täuscht aber der Umstand nicht darüber hinweg, dass solche Attentäter wie in Frankreich ihr Verhalten mit Texten rechtfertigen, die man im Koran finden oder entsprechend eben auslegen kann“. Ohne eine humanistische Wertvorstellung und ethisch geprägte Menschenrechte sei Religion anfällig dafür, missbraucht zu werden – und dann sei sie, so Riehle, auch Ursache von Gewalt.

„Dass wir im Christentum heute kaum noch „Mord und Totschlag“ erleben, liegt allein daran, dass diese Religion eine Säkularisierung durchgemacht hat“, verweist der HABO-Sprecher, und fügt hinzu: „Die Bibel würde sich ebenso eignen, im Namen einer Religion Gewalt zu begehen. Da nutzt es auch nichts, wenn sie an einer Stelle zwar von Frieden spricht, an anderer dann aber doch wieder vom ‚Vertilgen‘ der Ungläubigen schwadroniert (wie im „Buch der Sprüche“ u.v.a.) oder ihnen sogar Morde unterstellt (wie in den „Psalmen“ u.v.a.). Allein die Obrigkeit von Rechtsstaatlichkeit, menschenfreundlicher Philosophie und einem Gesellschaftsverständnis, das unveränderliche (weltliche!) Gesetze hoch hält und Staat und Religion trennt, kann dazu beitragen, dass solche Worte letztlich nicht buchstäblich verstanden werden“, erwidert Riehle die Überzeugung des Khorchides abschließend.

[Dennis Riehle]

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Glosse zur Familiensynode

An manchen Orten malen die Mühen langsam. Und wiederum an anderen Orten bleiben die Uhren vollständig stehen. Doch die Rettung naht: Nein, nicht Jesus persönlich stieß den Zeiger wieder an, sondern viele von seinen Nachfolgern auf weltlichem Boden – ganz vorne dabei die leibeigene Stellvertretung. Papst Franziskus, der Revolutionär, hat es doch tatsächlich vollbracht. Das, was in der westlichen Hemisphäre als selbstverständlich galt, war offenbar in diesem kleinen Flecken Erde namens „Vatikan“ in den vielen unterirdischen Gängen und Verstecken wohl behütet worden: die Menschenrechte.

Es kommt also mindestens einem Wunder gleich, dass die Synode von Kardinälen und Bischöfen in Rom zur Weisheit des Heiligen Geistes gelangen durfte und feststellte: Homosexuelle verdienen doch tatsächlich Respekt! Ja, es war wohl über lange Zeit hinweg unklar, wie man diese in ständiger Sünde lebenden Geschöpfe denn nun einordnen soll: Sind es wirklich Menschen, die da ihres gleichen Geschlechts zu lieben vermögen? Nun, das wäre vielleicht für den Anfang dann doch etwas zu viel. Mit Gnade und Barmherzigkeit solle man ihnen begegnen, diesen vom Weg abgekommenen Kreaturen, denen doch hinter manch vorgehaltener Hand katholischer Priester schon einmal die Verantwortung für ihre Verwirrung genommen wurde – denn wie solle es zu solchen Entgleisten gekommen sein, beim schöpferischen Akt – der Schaffung von Leben -, wenn nicht durch den Herrn persönlich?

Ja, es ist auch wirklich keine schöne Sache, wenn der Chef selbst seine eigenen Mitarbeiter in solche Zwickmühlen fallen lässt. Da formt er sein Ebenbild – und kommt immer öfter vom eigenen Plan ab. Nicht Mann zu Frau, sondern im Gräuel der Gleichgeschlechtlichkeiten begehren sich dort einige. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“*, wird so mancher Pfarrer fragen, wenn das Weibe vor ihm steht und etwas beichtet, was streng genommen mit dem Tode zu bestrafen ist. Doch der Pontifex will es nicht anders: Respekt soll man ihr zollen, statt sie mit Steinen zu bewerfen – vielleicht auch besser so, denn wer im liturgischen Gewand kann es sich zutrauen, den ersten Stein in die Hände zu nehmen**? Aber ein bisschen Mitleid darf es auch weiterhin sein. Dem Schwulen helfen, nicht der aktiven Lust zu verfallen, höchstens der passiven – das ist doch pure Zuwendung. Und so schwierig dürfte es auch nicht sein: Das Existieren in Enthaltsamkeit und Keuschheit, wer kennt es im Klerus denn nicht, ist ein Geschenk – genauso wie unbequeme Socken. Es drückt und kratzt, doch Oma im Himmel sieht es so ungern, wenn man Handgestricktes nicht mit Würde trägt.

A propos: Würde? Vielleicht gibt es das beim nächsten Mal, wenn sich die Gesandten wieder um diesen oder einen neuen „Brückenbauer“ versammeln werden. Bis dahin bleibt der Homosexuelle der, der die Erbsünde trägt. Für seinen Mut, vom Baume gegessen zu haben, gibt es schon jetzt lobende Worte. Doch mit den Konsequenzen muss er dann doch erst einmal allein klarkommen. Tatsächlich sind wir Schwule und Lesben Gebeutelte, denen jeden Tag neu ihre Schmach offenbar wird. Wer einst dachte, das schelmische Grinsen des Jorge Mario Bergoglio*** sei Ausdruck von Freundlichkeit, der weiß spätestens jetzt, dass es lediglich die Zufriedenheit über seinen großen Erfolg ist: Respektieren statt Tolerieren, Ignorieren statt Akzeptieren. Für einen Tag reichte diese gefuchste Gleichung, um sich in der ganzen Weltpresse neuer Huldigungen sicher sein zu können. Und was interessiert das Morgen, wenn es doch 2000 Jahre brauchte für diesen Meilenstein. „Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein“****: Homos sind auch nur Menschen!

* Johannes 9, Vers 26 – 27 (u.a.)
** nach Johannes 8, 7
*** Bürgerlicher Name von Papst Franziskus
**** Evangelisches Gesangbuch (Nr. 225)

[Dennis Riehle]

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Kommentar für das Stadttheater Konstanz, Saison 2015/2016

„Wer keinen Gott hat, braucht auch keinen Teufel!“, so erklärte es mir ein atheistischer Freund auf meine Frage, ob er denn an die Hölle glaube. Und wie das dann mit „böse“ und „gut“ sei, entgegnete ich. Wer urteilt darüber, was „falsch“ und was „richtig“ ist, wenn es nicht der urteilende Schöpfer sein kann, der uns im ewigen Gericht erwartet, wie es beispielsweise die Christen sehen? Zugegeben, als „Humanist“ lag mir die Antwort eigentlich auf der Zunge – und ich hatte gedacht, dass auch mein Gegenüber zu dem Schluss kommt, dass es der Mensch ist, der sowohl Gott, aber damit eben auch seinen Widersacher für die Einklassifizierung als bestimmende Akteure über die Erdenbewohner „erschaffen“ hat.

Doch nein, die Aussage meines Kollegen fiel völlig anders aus: Er bezog sich auf den Sprecher der „Giordano-Bruno-Stiftung“, den atheistisch denken und sicherlich führenden Intellektuellen der säkularen Bewegung, Dr. Michael Schmidt-Salomon, der 2009 in seinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“ die Unterteilung in diese Kategorien aufgehoben hat – und sie letztlich als allein subjektive Zuschreibungen des Menschen ansieht. Im Vergleich mit der Tierwelt argumentiert er, dass dort Vieles passiert, was wir als „böse“ bezeichnen würden, aber im animalischen Sinne ganz natürlich ist (beginnend beim Erlegen von Beute bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um Höhlen oder Unterschlupf).

Ist „das Böse“ also eigentlich nichts, was wir verdammen und wovor wir uns fürchten müssen? Ist „das Gute“ letztlich genauso neutral besetzt wie das, was wir als schrecklich wahrnehmen? Und braucht es folglich keinen Teufel – und damit auch keinen Gott? Wenn wir nach der Unterwelt fragen, dann bewegen wir uns nach meiner Einschätzung in Richtung der „Gretchen-Frage“. Schmidt-Salomon argumentiert in seinen Thesen, dass mit der evolutionär vorgegebenen Entwicklung der Dinge eine Wertung oder Klassifizierung in Himmel und Hölle, in das Gute und das Schlechte, in Diesseits und Jenseits, zumindest objektiv unnötig sei. Dennoch ist der Mensch durch seine Ausformung wohl das einzige Wesen, das dennoch zu einer subjektiven Einordnung in der Lage ist.

Blickt man auf die Geschichte der Religionen, so waren das „Gute“ und das „Böse“ bis heute Gründe, um Gläubige zu einem Leben nach Regelungen zu bewegen. Ob es die „Zehn Gebote“ sind, Anweisung und Verbote in Sachen Sexualverhalten oder Ernährung, das Einhalten von Dogmen und Sakramenten – mit Hoffnung auf die himmlische Ewigkeit oder der Angst vor der höllischen Unterwelt wurden schon Milliarden von Menschen im Sinne verschiedenster Religionen zu Marionetten von Willen und Macht. Was hätten die Gelehrten damals und die Kirchenführer von heute noch in der Hand, wenn sie nicht mehr mit dem „Guten“ und dem „Bösen“ argumentieren könnten?

Richtigerweise entgegnete mir mein Freund an diesem Punkt, dass Himmel und Hölle ja auch dazu dienen würden, den Menschen auf geordnete Bahn zu bringen. Dort, wo das Instrument der Strafe für ein sündhaftes Verhalten nicht mehr existiere, fehle die Abschreckung. Wir würden zurückfallen in das Denken der Steinzeit, wo allein das eigene Überleben im Mittelpunkt stand – und jede Hemmung ausblieb, zum persönlichen Nutzen die Integrität des Nächsten zu vergessen. Ich frage mich aber: Sind es allein die Drohungen mit Bestrafung, Hölle und „Jüngstem Gericht“, die uns abhalten, in Anarchie, Missgunst und Respektlosigkeit zurückzufallen?

Nein, ich bin überzeugt, dass wir heute gut auf die Bilder von der „Himmelspforte“ und dem „Tor in die Unterwelt“ verzichten könnten. Höre ich mich unter jungen Menschen meiner Generation um, so definieren sie Normen und Werte nicht mehr aus der Überlegung heraus, dabei von „Gut“ und „Böse“ im jenseitigen Verständnis gelenkt zu werden. Nicht nur ihnen, sondern auch denen, die als Nicht-Religiöse den Vorstellungen von „Fegefeuer“ und „Paradies“ kaum Bedeutung werden schenken können, ist viel eher ein Grundsatz wichtig: Humanität.

Während Tiere nicht zwingend abschätzen können, dass sie ihre Artgenossen zum Fortbestand bedürfen, ist sich der Mensch durchaus bewusst: Alleine ist ein Überleben nicht möglich. Und auch wenn diese Aussage schlussendlich dann doch nach viel Eigennutz klingt, so meine ich, sind es nur in zweiter Linie Gesetze, Konventionen und Strafen, die uns davon abhalten, „böse“ zu sein. Wir wissen viel eher, dass wir vom Brot (und Fleisch) allein nicht existieren können. Wir haben Sehnsüchte, die befriedigt werden wollen. Und dazu brauchen wir früher oder später unseresgleichen.

Zwar sind wir dieser Tage derart zivilisiert, dass wir es als ethische Pflicht oder eine vollkommene Selbstverständlichkeit ansehen, jedem Menschen dasselbe Recht auf Dasein zuzugestehen wir uns selbst. Im ursprünglichsten Verständnis ist es aber die nicht nur nachhaltigste, sicherste undgerechteste, sondern vor allem die das Alleinsein nehmendste Einsicht, wonach wir im positivsten Sinne darauf angewiesen sind, für uns und unsere Mitmenschen lebensbejahend zu agieren.

Das heißt nicht, dass wir frei wären von all jenen Gefühlen, denen wir ebenso eine eher negative Bedeutung zumessen. Doch Wut, Neid und Eifersucht sind natürlich – hier würde ich ganz mit Schmidt-Salomon einhergehen: Eine Zuordnung in Schubladen ist kontraproduktiv. Denn immerhin macht uns nicht nur die Psychologie, sondern vor allem die Lebenserfahrung klar, dass wir gerade auch diese Empfindungen nicht unterdrücken sollten, um – wie Freud es nannte – zu unserem „Ich“ zurückzufinden. Wer sich freuen und Glück verspüren kann, der braucht im wahrsten Sinne die „Erdung“, um nicht dem Metaphysischen zuzufallen. Das „Böse ins uns“ gehört ganz „normal“ dazu, weder schlecht, noch gut.

Und verdeutlicht man sich diesen Umstand, wonach wir als Menschen einerseits fähig sind, zwischen zwei Polen zu differenzieren, gleichzeitig aber erkennen können, dass es eine menschgemachte und unserer Spezies vorbehaltene Eigenschaft ist, zwischen Wertung und Realität unterscheiden zu können, bekommen „Gut“ und „Böse“ (egal, ob sie dem religiösen Zeigefinger oder der evolutionären Erkenntnis entsprungen sind) nicht nur den Stellenwert eines hilfreichen Stützapparates, mit dem wir zwar drohen, aber eben auch Farbe zwischen das Schwarz-Weiße bringen können. Sie lassen viel eher auch unnötige Utopien und den Schrecken vor Transzendentem, vor Ungewissheit kleiner werden.

Gleichzeitig können wir in der Weite und dennoch großen Beschränktheit unserer Vernunft nicht leugnen, dass unsere Kultur und unsere Synapsen geprägt sind von diesem irgendwie auch faszinierenden Reiz aus „Gut“ und „Böse“, von Himmel und Hölle. Gerade, weil wir leidenschaftliche und empfindende Wesen sind, ist es uns nicht fern, mit dem Übernatürlichen in unseren Gedanken – und auf der Bühne – zu spielen. Und solange wir dabei nicht alles so ernst nehmen und die Kunst als Spiegel unserer eigenen Grenzen verstehen, bereichert „Orpheus in der Unterwelt“ nicht nur den Alltag, sondern auch den Horizont.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.