Leserbrief
zu „Theater als sonntägliche Alternative zur Kirche“, SÜDKURIER Konstanz vom 02.12.2017

Ganz ohne Glauben wird keiner von uns können. Denn immerhin ist auch der Nihilist überzeugt von etwas – vom Nichts. Ob nun gläubiger Christ, Buddhist, Jude oder Muslim, ob Humanist, Atheist oder Freidenker: Wir alle wissen mehr oder weniger um eine Sinnhaftigkeit für unser Leben, die sich allerdings bei jedem aus einer anderen Ursache speist.

Natürlich braucht es am Sonntag keinen Gottesdienst – und selbstverständlich ist es legitim, stattdessen ins Theater zu gehen. Entscheidend bleibt doch, was wir ganz individuell für uns als hilfreich, tragend, ermutigend ansehen. Das kann der Glaube an eine höhere Macht sein, an den Schutz und die Barmherzigkeit eines Gottes, dem man mit festen Ritualen, Schriften und Lehren zugewandt die Hoffnung auf Halt entgegenbringt – und daraus die Kraft schöpft, auch den ein oder anderen Tiefschlag zu überstehen.

Doch was wäre unsere hochgehaltene Religionsfreiheit, wenn sie nicht auch das Zwischenmenschliche, die Ethik und die Werte des Miteinanders, zu würdigen und als Grundlage des Seins zu würdigen wüsste? Auch sie kann den Zweck erfüllen, den wir alle suchen – bewusst oder unbewusst.

Und schlussendlich ist gleichsam die Haltung, unser Dasein sei als Nebenprodukt der Evolution nur dazu da, um geboren zu werden, zu leben und zu sterben, ein Modell des Glaubens, der zwar ohne Hintergedanken, ohne Grund zu bleiben scheint, der aber verdeutlicht: 70, 80, 90 Jahre irdische Existenz sollten wir nutzen, in der Eigenverantwortlichkeit vor uns selbst, nicht gezwungen, sie vor dem Transzendenten zu rechtfertigen, sondern sie wertzuschätzen als Möglichkeit, etwas verändern zu können.

Dieses Ziel kann uns so schnell niemand streitig machen – der Christ hat den Auftrag dazu, der Humanist macht es aus festem Willen und der Zweifelnde will sich die Chance nicht entgehen lassen…

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Schon bald feiern wir wieder 1. Advent. „Ankunft“, dieses Wort hat für mich in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung gewonnen. Ich bin wieder angekommen, zurück in der evangelischen Kirche. Doch es geht nicht in erster Linie um die Institution. Viel eher bin ich wieder angekommen bei Gott. Nach fünf Jahren Abkehr vom christlichen Glauben, aber einem stetigen Ringen mit den existenziellen Fragen des Lebens, habe ich wieder Heimat gefunden. Die Kirche hat mir die Türen geöffnet und mich willkommen geheißen. Obwohl und gerade, weil ich manches Mal über sie geflucht habe, weil mich zwischenmenschliche Enttäuschungen hadern ließen und weil ich ernstlich gefragt habe „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, gerade deshalb scheint mich die Kirche mit offenen Armen begrüßt zu haben.

So empfand ich es zumindest. Sie würdigte die Ehrlichkeit, mit der ich um die „Theodizée“-Frage gerungen habe. Sie anerkannte, dass ich mich verlassen gefühlt hatte, von Gott, von der Kirche, von meinen Mitgläubigen. Und sie respektierte, dass ich eine Auszeit brauchte, um meine Gedanken, meinen Glauben neu ordnen zu können. Und dieser Tage frage ich mich, ob ich das alles schon abgeschlossen habe, ob ich wirklich um meinen Willen, meine Überzeugung und meine Seele weiß. Ob ich in mir aufgeräumt habe, alles sortiert ist, wenn ich mich in den nächsten Wochen auf das Kommen des Herrn vorbereite. Da rollt eine gewaltige Aufgabe auf uns zu, so singen wir bereits: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu’r Herz zum Tempel zubereit‘, heißt es im ersten Lied des Gesangbuchs, bei Georg Weissel 1642.

Ja, ist denn mein Herz wirklich schon so weit, dass ich Türen und Tore bedenkenlos für ihn öffnen kann? In den letzten Wochen des Jahres sieht es bei Vielen von uns nicht danach aus, als wäre alles geregelt. Im Gegenteil. Wir hasten dem nach, was noch zu tun ist, um den Jahresabschluss zurechtzubiegen. Nebenbei sollen noch Geschenke gekauft, Weihnachtsfeiern gefeiert und Postkarten geschrieben werden. Zweifelsfrei, wenn uns ein Gast ins Haus steht, dann wird es schon einmal hektisch. Doch für Gottes Sohn, da müssen wir nicht staubwischen, die Gläser nicht polieren, die Kleidung nicht bügeln. Viel eher müssen wir bereit sein, uns seiner Ankunft zu stellen. Und noch mehr: Wir dürfen bereit sein, ihn in unser Leben zu lassen. Doch was braucht es dafür, dass wir uns in Losgelöstheit zurücklehnen können, seine Gnade anzunehmen?

Ich mache es so, wie es die Kirche getan hat, als sie mich zurücknahm. Unvoreingenommen, zugeneigt, vertraut sein. Tatsächlich bemerkte ich aber auch bei ihr eine gewisse Unsicherheit. Denn als ich mich langsam heranwagte, wieder einzutreten, da arbeitete ich mich vorsichtig bis zu meiner Heimatgemeinde vor, tastete den Weg ab und erkannte bei vielen Menschen, mit denen ich aus früheren Zeiten in der Kirche noch eng verbunden war, eine gewisse Zurückhaltung. „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir“ – Paul Gerhardt dichtete so 1653. Und es ist wirklich nicht einfach, sich auf jemanden vorzubereiten, mit dem aus ganz verständlichen Gründen Berührungsängste bestehen. Mit Jesus ist es genauso. Da kommt ein König, er zieht bei uns ein – und wir wissen eigentlich nicht, was wir ihm bieten können. Plätzchen, Glühwein, ein paar Nüsse?

Die Kirche hat mir Zuwendung geboten. Sie schenkte mir ein offenes Ohr, sie würdigte meine Bedenken, meine Furcht, meine Unrast. Aber sie ermutigte mich auch in meiner Neugier, in meinem Herzblut, in meiner Leidenschaft für den Glauben. Christus als der, mit dem wir über unser Zweifeln, über unsere Unzufriedenheit mit dem Leid der Welt ins Gespräch kommen können. Mit dem wir aber auch dankbar beten können für all das, was uns Gutes getan wird. An Trost, an Liebe, an Fürsorge. Geben wir auch Jesus die Chance, ihn anzuhören. Ihn seine Botschaft vortragen zu lassen. Seine Verkündigung auf uns wirken zu lassen. Drehen wir uns nicht weg, weil wir beschämt sind, weil wir erzürnt sind, weil in der Vergangenheit mit ihm nicht alles so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Vielleicht hat er uns in entscheidenden Stunden gefehlt, war zurückhaltend, als wir ihn besonders gebraucht hätten.

Christus kommt in unsere Herzen, um Vergebung zu leben. Um Frieden zu stiften. Er ist der Friedefürst. Und er will uns versöhnen. Ich habe mich in diesem Jahr mit der Kirche versöhnt. Und nicht nur deshalb habe ich das Gefühl, dass ich gut auf die Ankunft des Gottessohnes vorbereitet bin. Denn ich habe versucht, auch andernorts Versöhnung zu suchen. Sei es mit manch einem Freund, mit dem schon seit längerem Stillschweigen herrschte. Mit manch einer Entscheidung, die ich getroffen habe, mit der ich im Nachhinein aber nicht zufrieden war. Oder auch mit meinem Leben ganz allgemein. Neue Gelassenheit zu finden, das täte uns auch in den Adventswochen gut. Innerlich brodelnde Konflikte aufzutun und sie zu lösen, zumindest, es zu versuchen. Nein, das kann nicht sofort gelingen. Und Jesus nimmt es uns auch nicht übel, wenn wir eben noch nicht völlig frei sind bei seiner Ankunft. Wenn wir noch nicht fertig sind, unser Chaos entwirrt zu haben.

Mit Christi Geburt beginnt ein neues Leben. Und auch uns soll dieser Geburtstag eine Mahnung sein: Starten wir hinein in ein unbelastetes Verhältnis mit uns selbst. Machen wir uns los von Schuld und Pein, indem wir selbst verzeihen. Seien wir umsichtig mit uns – und mit Anderen. Setzen wir uns nicht unter Druck, weil wir uns verantwortlich fühlen für die Weihnachtsgans, den Tannenbaumschmuck, die Krippe. Darauf kommt es nicht an. „Sein Zepter ist Barmherzigkeit“, so schreibt es Weissel in Strophe 2. Gott ist nachsichtig mit uns, doch er lädt uns ein, die Adventszeit auch dafür zu nutzen, unser Seelenheil zu finden. Endlich einen Schlussstrich zu ziehen unter manch eine Vergangenheit. All das kann nur funktionieren, wenn wir gleichzeitig auch unsere Geste des Vergebens üben. Sich Zeit nehmen, um nachzudenken, wo vielleicht ein zwischenmenschlicher Kontakt noch gekittet werden kann.

Wenn wir die Vorbereitung auf die Ankunft Jesu dafür verwenden, Versöhnung zu leben, dann können wir ganz gewiss sein, dass alles bereitet ist. Setzen wir Zeichen des Friedens in unserem eigenen, kleinen Kreis, damit Friede werde hier auf Erden. Ich fühle mich erleichtert, dass ich 2017 einen solchen Schritt getan habe. Und nein, ich bin noch lange nicht am Ziel. Doch ich bin mir sicher, mir bleibt noch Zeit. Denn Christus kommt stets neu zu uns – eben auch dann, wenn wir uns gerade nicht bewusst auf ihn einlassen. Manchmal als ungebetener Gast, manchmal aber als freudige Überraschung. Und immer wieder bringt er diese Ermutigung mit sich: Vergebt einander, wie auch er vergeben hat! Diese Worte sollen uns begleiten – ob im Advent oder dann, wenn die Tannen schon wieder auf der Straße landen. Gelegenheit für Liebe ist jederzeit. Vertrauen wir darauf, dass Gott sie uns schenkt.

[Dennis Riehle]

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Leserbrief
zu „Innehalten am Buß- und Bettag“, SÜDDEUTSCHE vom 22.11.2017

Es ist bedauerlich, dass Feiertage heute nur noch eine Bedeutung zu haben scheinen, wenn wir an ihnen „frei“ haben. Dabei ist der Buß- und Bettag in einer Gesellschaft, in der Egoismus und Überheblichkeit wohl nicht nur gefühlt deutlich zugenommen haben, von großer Bedeutung. In Zeiten, in denen wir uns selbst als unantastbar ansehen, was braucht es da noch Buße?

Gerade, weil wir so überzeugt von uns sind, ist die Aufforderung zum Nachdenken so wichtig. Es geht diesem Gedenktag gerade nicht um Strafe, sondern um das befreiende Gefühl der Reue. Wir alle sind nicht fern von Sünde, wir schleppen sie nur oft ganz unbemerkt mit uns. Meinen, dass sie uns nichts anhaben könne, weil der Mensch als das höchste Wesen sich nicht zu entschuldigen braucht für seine Fehltritte. Dabei vergessen wir aber unsere Nächsten, die, denen wir oftmals wehgetan haben, die wir ungerecht behandelt haben, an denen wir vielleicht sogar schuldig geworden sind.

In einer Epoche der Ellenbogen scheint auch das Viele nicht zu beeindrucken, was unsere Gegenüber denken, fühlen, empfinden. Und doch werden wir irgendwann wieder auf sie treffen, werden wir angewiesen sein auf die Hilfe derer, die wir heute links liegen lassen. Deshalb lohnt es sich, um ehrliche Vergebung zu bitten und dafür zu beten, dass auch Gott uns die schweren Bürden nimmt, die wir oftmals erst dann spüren, wenn sie uns bereits zu erdrücken drohen.

Es ist ein barmherziges Gefühl der Entlastung, des neuen Freiseins, wenn wir zu verzeihen bereit sind und gleichzeitig um Verzeihung ansuchen dürfen. Das zwischenmenschliche Ringen um Fairness, nicht um Genugtuung, es ist heilsam für alle Seelen, die es verstanden haben, loszulassen.

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Pfarrer kritisiert kirchliche Lehre vom Sühnetod Jesu“, idea Spektrum 45/2017

Was wäre, wenn Jesus nicht für unsere Sünden gestorben wäre? Wenn er allein zu Unrecht verurteilt worden wäre, als ein Opfer bloßen Hasses hingerichtet, ohne jegliche Bedeutung für die Menschheit, ohne die Theorie des Sühnetodes, auf dem sich nach Meinung mancher Theologen die ganze Christenheit aufbaut? Dieser Tage wurde die Debatte darum neu entfacht. Ein Kölner Pfarrer hatte anlässlich des Reformationsjubiläums in Frage gestellt, ob Jesus sterben musste, um uns von unseren Vergehen zu erlösen. Rasch entbrannte die Diskussion um ein Fundament christlichen Glaubens, das anzuzweifeln in den Augen einiger Kleriker wohl eher „Todsünde“ als ein Fakt freier Meinungsäußerung sein dürfte.

Doch ohne jeglichen Belang war Jesu Tod für uns Menschen keinesfalls. Es war kein „Justizirrtum“, sondern ein vorsätzlicher Verrat und ein von durchtriebener Inhumanität geprägter Entschluss, ihn der puren Gewalt preiszugeben. Wäre Jesus heute noch unter uns, man hätte ihn „lediglich“ lebenslang ins Gefängnis geworfen. Und? Wäre die Menschheit dann auf ihrer Erbsünde sitzen geblieben, die von Paulus konstruiert nach den Geschehnissen im Paradies für ewig an den Spuren des Einzelnen haften würde? Und was hätte das für uns, für jeden von uns tatsächlich bedeutet? Können wir auf Gottes Sündenvergebung nur durch den Tod Jesu vertrauen?

Brauchte es eine Genugtuung für die Versündigung des Menschen im Garten Eden? Konnte das Erliegen der Versuchung nur durch ein Opferlamm wieder aufgewogen werden? Und ließ Gott seinen Sohn nur deshalb leiden, um selbst spüren zu können, was Leid tatsächlich bedeutet? Mit diesem Konstrukt schafft die Theologie auf katholischer wie protestantischer Seite einen neuerlichen Spagat, ein Spannungsfeld zwischen einem mitfühlenden Gott einerseits, einem blutrünstigen Schöpfer, der sein eigenes Blut für die Versöhnung mit der Welt vergießen lässt, andererseits. Doch wie empathisch ist ein mitleidender Gott, der in seiner Allmacht das eigene Fleisch am Kreuze hängen lässt?

Christi Tod offenbart uns die grenzenlose Gier des Menschen nach Macht, Einfluss und Unterdrückung. Wie die vielen Skandale in der Welt, die uns jeden Tag neu aufheulen lassen, so wurde auch er unschuldig in den Tod gesandt, ohne, dass Gott eingriff. So, wie er sich auch zurückhält, wenn heute politische Gegner in manch einem Staat gefoltert, gepeinigt und ermordet werden. Auf Golgatha wird viel eher die schreiende Ungerechtigkeit laut, die „Theodizée“-Frage, die niemand zu beantworten weiß. Jesu Ermordung ist Zeichen für die Unbarmherzigkeit des Menschen, nicht für den Leidensdurst Gottes.

Gott braucht kein Menschenopfer, um jedem von uns ganz persönlich zu vergeben. Was sollten wir noch reuig sein und Buße tun, wenn durch den Tod Jesu all unsere Schuld vergolten wäre? Gedankliche Verwirbelungen sind nötig, um die Sühneopfertheologie zu verteidigen, eine Prämisse wird um jeden Preis aufrechterhalten, die mit dem Gottesbild der Christen doch allzu wenig gemein hat. Dass Adam und Eva nicht widerstehen konnten, Gott kann es ihnen selbst anlasten. Er wollte die Treue des Menschen zu ihrem Vater testen, doch er scheiterte mit dem Feldversuch, Liebe durch Prüfung zu erzwingen.

Und trotzdem gab er sein Projekt nicht auf. Gott schuf Menschen wie die im Paradise, ohne dass die Bibel eindeutig erkennen lässt, wonach es einen Augenblick der Sühne gebraucht hätte. Viel eher ist es Gottes großer Liebesbeweis, dass er weitergemacht hat, dass er sich nicht aufhalten ließ von der negativen Erfahrung des Ungehorsams der beiden Geschöpfe. So, wie das Bild der Schmerzen einer gebärenden Frau nicht als Durchsetzung des Absolutheitsanspruches Gottes gewertet werden kann, der das weibliche Geschlecht bis heute für Evas Naivität straft, so ist Jesu Tod auch nicht Bedingung dafür gewesen, dass Gott uns all unsere Sünden vergibt.

Wie viel logischer erscheint es doch, wenn er uns als freie Menschen eigenverantwortlich für unsere Fehltritte einstehen lässt. Dass es keine Koexistenz des sterbenden Jesu als Versöhner bedarf, der in Stellvertretung für des Geschöpfes Unvollkommenheit die Vergebung Gottes aushandelt, das macht er nicht nur in Matthäus 6,14 deutlich. Nicht durch den Tod Christi kommt Vergebung auf Erden, sondern dadurch, dass auch wir bereit sind, unserem Nächsten seine Sünden zu erlassen, wird Friede gestiftet unter den Völkern – und mit Gott. Dann wird er Gnade walten lassen mit denen, die schuldig geworden sind – aber bußfertig bleiben, ohne auf die Erlösung durch Jesus Christus zu warten.

Wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand. Wir müssen Gottes Sohn nicht opfern, um mit uns mit unserem Schöpfer ins Reine zu kommen. Mit Jesus hat er allein ein Zeichen der Freundschaft, der Verbundenheit Gottes mit seinen Ebenbildern gesetzt. In ihm wird deutlich, dass er nicht unpersönlich herrscht und waltet, sondern uns kennt und liebt – als einer von uns. Jesu Schicksal, es steht viel eher für die Millionen Opfer menschlicher Willkür, für den grenzenlosen Egoismus von Vielen, den er nicht zu bremsen vermag. Denn Gott lässt uns leben in bedingungsloser Freiheit und Zuwendung. Er lässt geschehen, was nur wir verhindern können, doch er tröstet dort, wo wir unter uns selbst leiden müssen.

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Möbelhaus wirbt mit Zehn-Gebote-Spot“, proKOMPAKT 45/2017

Religiöse Gefühle – wer sie nicht hat, wird Schwierigkeiten haben, sie verstehen zu können. Nicht umsonst sind es immer wieder Satiriker, Unternehmen oder atheistische Kampagnen, die sich mit ihrer unsensiblen Art, witzig sein zu wollen, stets neu auf Kosten des religiösen Bekenntnisses von Menschen lustig machen.

Es zeugt von fehlendem Selbstbewusstsein, von fehlendem eigenen Glauben, wenn man sich über jene köstlich zu amüsieren vermag, die Sinn und Orientierung in ihrem Leben gefunden haben. Kleingeistigkeit und mangelnde Empathie für Überzeugungen, die nach dem Grundgesetz genauso geschützt sind wie die Meinungen derer, die sich mit ihrer Hilfe auf dem Boden der Niveaulosigkeit bewegen, resultieren aus einer persönlichen Leere an eigenen Visionen und Vorstellungen, von denen Gläubige reichlich besitzen.

Vielleicht ist es gar Neid, der sich als Ventil Bahn bricht aus einer Hoffnungs- und Ideenlosigkeit, hinaus in den Garten Eden der Betenden, die sich gar noch erbarmen, für die Fehltritte der selbsternannten Spaßtreiber der Nation Verständnis aufzubringen. Denn letztendlich kann es nicht mehr als leidtun, wenn Anstand und Erziehung fehlen, die dabei helfen würden, vor dem Schutzbereich des Gegenübers Halt zu machen.

Die Bibel sichert zu, dass auch die Gottes Geist empfangen werden, die mühselig und beladen sind. Wer weiß, ob die Luther-Veralberer und Zehn-Gebote-Spötter nicht zu ihnen gehören.

[Dennis Riehle]

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Lesermeinung zu
„Christliche Initiative: ‚Ehe theologisch nicht neu definieren‘“, „idea Spektrum“ 45/2017

Segen sollte jedem Menschen zuteilwerden. Doch ist auch alles Segen, was der Mensch zu tun vermag? 1. Mose 12,2 spricht uns als Personen an. Er nimmt Bezug auf das Liebesgebot aus 1. Johannes 4 und macht deutlich: Gott liebt jeden Einzelnen von uns. Er kann und will aber nicht alles gutheißen, was aus unserer Sicht richtig zu sein scheint. Denn mit einem Segen, da setzen wir ein Zeichen. Segnen heißt auch, ein Vorbild zu schaffen. Die Bibel kennt die Verbindung aus Mann und Frau als Ideal des Miteinanders an.

Als Homosexueller ist für mich wichtig zu wissen, dass Gott mich annimmt. Ich verlange von ihm nicht, dass mir Segen für etwas zugesprochen wird, das der Herr nicht kennt. Natürlich ist er auch dort, wo die Zuneigung unter zwei Gleichgeschlechtlichen greift. Das sichert uns Matthäus 18,20 zu. Die „Ehe für alle“ ist aber fern dem Zeugnis der Schrift, das sollten wir nicht zu deuten versuchen. Sie ist klar in Matthäus 19, 5 – 6. Eine weitergehende Exegese verbietet sich an dieser Stelle.

Nein, die Zweisamkeit unter zwei Menschen kann nicht Sünde sein, solange sie in Verantwortung gelebt wird. Und trotzdem obliegt es nicht der Kirche, dort Segen zu schenken, wo das Leben Wege abseits der biblischen Verheißung geht. Wir werten nicht ab, indem wir den Segen versagen. Doch wir können ihn nur dort erteilen, wo Gott seine offen erkennbare Zustimmung gegeben hat. Es ist nicht in unserer Hand, über die „Homo-Ehe“ zu richten.

Lassen wir ihn selbst walten, doch lassen wir uns nicht abbringen von unserem Gewissen. Wer nicht segnen kann um seines Bekenntnisses willen, der handelt in Verantwortung vor Gott. Das gilt es zu respektieren, das sagt nichts aus über den Menschen, der Segen gibt – und der ihn empfängt. Jeder von uns ist ein Segen, doch nicht jede Bindung kann Segen im Sinne des Herrn sein. Verzagen wir dennoch nicht, um seine Güte zu bitten. Denn das Herz Gottes, es ist weit!

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Bundespräsident Steinmeier war sichtlich überrascht, als er das Kreuz überreicht bekam, das die beiden Konfessionen durch das Lutherjahr getragen haben. Zum Abschluss des Reformationsjubiläums in der Schlosskirche Wittenberg überreichten EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, das Symbol der Einigkeit an den „ersten Mann im Staate“. Freude hätte anders ausgesehen, Steinmeiers erste Frage im Leisen war, ob es denn schwer sei. Ja, so wohl schien es dem Bundespräsidenten nicht mit dem, was er da mit auf den Weg bekam. Es sollte ein Zeichen der Christen sein, dass sie sich als aktive Bürger engagiert in die Politik einbrächten und als Teil der Gesellschaft Verantwortung in der Mitgestaltung des Landes übernehmen wollten. So oder so ähnlich begründeten die beiden Kirchenobersten die recht plötzlich kommende Geschenkübergabe, mit der man auch als kritischer Beobachter nicht unbedingt gerechnet hatte.

Doch war das ein bisschen viel von Kirche und Staat? Der Bundespräsident, der das Kreuz der Christenheit tragen muss? Ein Bild, das man nur schwer wieder aus den Köpfen bekommt. Steinmeier schien es wie eine Last, die er da aufgebürdet bekam. Es erinnerte ein wenig an den verurteilten Jesus, der sein Kreuz zur eigenen Grabesstätte schleppen musste. War dieses Signal einfach das falsche? Hat man hier eine symbolische Handlung ausgesucht, die so gar nicht in das säkulare Verhältnis zwischen den kirchlichen und staatlichen Würdenträgern passt? Bischof und Kardinal beschweren den Bundespräsidenten mit dem Gewicht des Christentums, das hat etwas Sonderbares an sich. Und eigentlich wusste niemand so genau, wie man die Geste der zwei im Ökumene-Hype verbundenen Kleriker interpretieren sollte. Sie hatten zuvor ihren Wunsch nach Annäherung bekundet, gaben die Verantwortung für das Gelingen der christlichen Zweisamkeit aber wie selbstverständlich an die Hände der Politik ab.

Deutlicher hätte eine Botschaft nicht sein können. Doch was macht ein Bundespräsident nun mit solch einem Kreuz? Erinnert es ihn daran, dass der Weg mit den Religionen eben nicht immer einfach ist, gerade dann nicht, wenn sie sich – wie während des Lutherjahres – allzu sehr in die Tagespolitik einzumischen versuchen? Wenn sie die „Freiheit eines Christenmenschen“ politisch deuten wollen und nicht nur ihren Schäfchen, sondern auch dem Wähler indirekte Hinweise vermitteln, was gut für das Land ist? Bedford-Strohm tat es in seiner Predigt erneut. Mut zur Reform wäre wichtig für die Bundesrepublik. Was an sich an Allgemeinheit nicht zu überbieten ist, das stellt in Wahrheit einen Eingriff in das politische Geschehen dar. Denn ob bei den Sondierungsgesprächen in Berlin nun Barmherzigkeit beim Familiennachzug von Flüchtlingen vereinbart wird, ob Deutschland sich offen zeigen sollte für das Fremde und das Neue, ob wir Courage beweisen müssen, wenn es darum geht, uns gegen staatliche Zwänge zu wehren – all diese verschleierten Ermahnungen hätte man aus den Worten des Ratspräsidenten ablesen können.

Und dann wären sie mehr gewesen als ein „Mitreden“ und „Einmischen“. Dann wären sie ein politischer Aufruf gewesen, der den Kirchen im 21. Jahrhundert nicht mehr zusteht. Als wenn es nicht schon genug gewesen wäre, dass man mit Festakten unter Beteiligung von Bundeskanzlerin, Bundespräsident und Staatsministerin die Grenzen zwischen dem öffentlichen und dem religiösen Leben unter dem Vorwand der kulturellen Bedeutung der Reformation für das Land verschwimmen ließ, musste es zum Ende des Jubiläumsjahres nochmals ein kräftiger Schluck aus der Pulle politischer Mitsprache sein, den sich die Protestanten da vor den Kameras der Republik genehmigten. Es mag schwer zu deuten sein, dem Bundespräsidenten schmeckte er allerdings nicht. Steinmeier weiß um seine Funktion, um seine Neutralität – und das nicht nur politisch. Wer sich von einer Weltanschauungsgemeinschaft mehr oder weniger wider Willen vereinnahmen lässt, der macht sich leicht abhängig von ihren Einflüsterungen, die wir ab morgen wieder mehr oder weniger laut von allen Kanzeln, in allen Interviews hören werden, ob von Bedford-Strohm, Marx oder all den Anderen, die die Kirche in die Mitte des politischen Daseins rücken wollen.

Das Kreuz als Symbol für Tod und Auferstehung, als das Zeichen des Christentums, es hat nicht nur verbindenden Charakter. Es kann auch spalten. Gerade wegen seiner hohen Bedeutungskraft stoßen sich nicht nur viele Nicht-Christen an ihm. Dass das gusseisern wirkende Objekt in den Händen des Bundespräsidenten nicht nur schwer wog, sondern ihm auch schwer auf dem Magen gelegen haben dürfte, das mag man gern glauben. Da stellt sich nicht nur die Frage, wohin mit diesem Ding, um die amtliche Bekenntnisferne aufrecht erhalten zu können. Da bleibt auch die Unklarheit, was ein Staatsoberhaupt, was die über Fernsehen und Radio verbundene Bevölkerung aus dieser Geste schließen sollen. Ansporn zur Wiedergeburt, Vergebung der Sünden oder Ewiges Leben – Steinmeier mag sich seine eigenen Gedanken gemacht haben. Unpassend war die Aktion allemal. Sie unterstrich das Selbstbewusstsein der Konfessionen, die Politik in der Hand zu haben. Für jeden, der sich Trennung zwischen Staat und Kirche wünscht, wird das 3D-Kreuz aus Wittenberg zum Symbol für den Abschied der Vision einer Säkularisierung Deutschlands.

[Dennis Riehle]

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Kommentar

Warum ist es heutzutage so schwer, mit Unterschieden zu leben? Ist das Miteinander von katholischen und protestantischen Christen deshalb weniger herzlich, weil wir bis heute die Spaltung der Kirchen noch nicht überwunden haben? Dieser Tage erfährt man an vielen Orten, wie Feiern der Ökumene die Botschaft der Reformation ins 21. Jahrhundert tragen sollen. Doch ist wirklich das Gemeinsame die Aussage, die von damals bis heute bleibt? Nein, wir sind gegen das Trennende, Konflikte mögen wir nicht, alle sollten sich liebhaben. Das wird Kindern bereits suggeriert – und ihre Fähigkeit, mit Lust und Laune zu streiten, sinkt dadurch erheblich. Dabei hilft es auch ihnen nicht, Identitäten zu verleugnen.

Warum dürfen wir unser gemeinsames Bekenntnis auf Jesus Christus, auf den dreieinigen Gott, nicht auch mit all den Differenzen untermauern, die uns bis heute trennen? Weshalb müssen wir eine künstliche Glückseligkeit dort herstellen, wo offenbar wird, dass wir noch ziemlich weit auseinander sind? Unterschiedliche Schwerpunkte in unserem Glaubensverständnis sind nichts Verwerfliches, sind nichts, wofür man sich schämen müsste. Dass Katholiken und Protestanten eine verschiedene Anschauung vom Abendmahl haben, von der Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, sich zwischen Leibhaftigkeit und Symbolträchtigkeit nicht nur bei der Frage des Empfangs von Leib und Blut Christi voneinander abzugrenzen, das tut der geschwisterlichen Nähe keinen Abbruch.

Viel eher schärfen wir die Kanten unserer Konfessionen, die manch ein Ökumene-Verliebter so gerne wegreden würde. Doch mich stört es nicht, dass meine katholischen Mitchristen das Zölibat weiter hochhalten. Als Protestant geht es mir vor allem um die Schlichtheit im Glauben, um die Konzentration auf die Wurzeln meiner Religion, die Schrift, weniger um die Verehrung des Heiligen. Und doch ist genau sie es, die mich fasziniert sein lässt von meinen Mitchristen. Und so ist kein Blick auf das Christentum weniger wert, nicht der katholische, nicht der evangelische. Viel eher ist der Respekt das Schöne am Reformationsjubiläum. Dass wir einander in den Schattierungen annehmen, die uns ausmachen. Dass wir einander zugestehen, dass Christsein unterschiedlichste Facetten haben kann.

Die Gleichmacherei der heutigen Zeit, sie ist ein Phänomen, die Divergenz nicht aushalten zu können. Nur im Einheitsbrei sind wir glücklich, am frohesten dann, wenn Ecken und Kanten ausgeräumt sind. Nicht obwohl wir zwei Konfessionen darstellen, sondern gerade weil wir eine Trennung hinter uns haben, konnten wir die Profile des Christentums schärfen. Sie haben uns genötigt, unser Bekenntnis klarer zu fassen. Nein, nicht, weil wir im Wettbewerb zueinander stehen, sondern weil wir zwei Seiten der ein und derselben Medaille abbilden, ist die Kunde vom Unterschied in der Einheit so prägend. Niemand von uns möchte die Eigenheiten seiner Konfession abgeben, auch wenn heutzutage das Trennende im Alltag doch kaum noch etwas zählt.

Sich bewusst zu entscheiden, das Christentum mit Herz und Verstand zu leben, das steckt hinter der Reformation, die einlädt, uns mit unserem Glauben wieder tiefer auseinanderzusetzen. Dass, was wir im Gebet alltäglich bejahen, das ist Merkmal und Kennzeichen unserer katholischen und protestantischen Prägung. Immer wieder neu sollten wir es vor uns rechtfertigen, nicht ablegen, um einer falschen Geschwisterliebe willen. Ein Freund zählt oft viel mehr, als eine Beziehung es leisten kann. So ergeht es uns auch als Christen mit unseren Konfessionen. Wir spüren die enge Verbindung, die uns gemeinsam trägt – und wir fühlen uns beflügelt von den Alleinstellungsmerkmalen unserer Verschiedenheiten.

Wir bilden die zwei Pfeiler der Brücke ab, die das Christsein symbolisiert. Ohne uns würde das Konstrukt zusammenbrechen, ohne unsere jeweilige Standfestigkeit das Fundament wackeln. Wir können uns die Hände reichen, ohne ineinander aufgehen zu müssen. Reformation ist der Anstoß zum Nachsinnen über die Bekenntnistreue jedes Konfessionellen. Wir feiern, dass wir als Christen zu unserer Herkunft stehen – aber unterschiedliche Wege genommen haben. Wir wissen nicht, ob und wann sie uns wieder zusammenführen. Das alleine ist Gottes Aufgabe, der über jedem wacht, ob hier, ob da. Wie wohltuend ist diese Zusage, viel mehr als ein Kuschelkurs, der zumindest heute noch nicht so ernsthaft sein kann, als dass wir ihn nicht ohne Verrat am eigenen Glauben überstehen würden.

Feiern wir Reformationsjubiläum im Spannungsfeld des Dualismus. „Herr, mache uns im Glauben treu, und in der Wahrheit frei, daß unsre Liebe immer neu, der Einheit Zeugnis sei“, so schreibt es Georg Thurmair in seinem Lied zur Ökumene. Zur Wahrheit gehört die Freiheit der Konfessionen, auf ihren Eigenheiten zu bestehen. Christus wird uns Zeichen geben, wohin er seine Kirche führen will. Lassen wir uns nicht hetzen, nicht verbiegen, nicht bedrängen in unserem Selbstbewusstsein, das uns wechselseitig stärkt. Wenn wir als friedliche Gemeinschaft der Christen Vorbild sein können für die Religionen der Welt, dann schon hat es sich gelohnt, in der Vielfalt den Zusammenschluss zu suchen. Gott bewahre ihn um seinetwillen!

[Dennis Riehle]

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Kommentar

Besinnt euch auf die Wurzeln!“ – so könnte es Martin Luther uns auch heute noch zurufen. Und er hätte aus seiner Kernbotschaft der Reformation eine gemacht, die wir in vielen Lebensbereichen anwenden könnten. „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten“: Gerade jetzt, in den Tagen, da wir ihr 500. Jubiläum feiern, da leben wir im Jahrhundert, in dem der Mensch immer weiter hinaus, immer schneller vorweg, immer höher hinauf möchte, da sind die Thesen von Wittenberg doch eine Ermahnung, wieder in Respekt vor die Schrift zu fallen, sie ernstlich zu hinterfragen und ihre Rufe für unser Leben zu berücksichtigen. Von Schwangerschaftsabbruch über Präimplantationsdiagnostik, von Sterbehilfe bis zum Transhumanismus – dem Niederreißen menschlicher Grenzen durch Technik und Forschung, von einem Familienbild des Pluralismus bis hin zu einer Gesellschaft in Vielfalt. Ideologisch und für den Einzelnen mag Vieles von dem, was heute machbar und bereits Realität ist, völlig normal, notwendig und ein Zeichen des Fortschritts von Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Überwindung der Demut sein. Demut, die wir nicht mehr aufzubringen bereit sind, die wir Gottes Wort entsagen wollen, aus Eigennutz heraus, weil wir meinen, das Leben besser verstehen zu können als er. Die Reformation sollte die Überhöhung des Klerus überwinden, heute geht es darum, den Narzissmus und die Gier nach der Unendlichkeit zu stoppen. Kehren wir zurück auf den Boden des Rationalen, um nicht Dämme zu durchbrechen, die sich nie wieder schließen lassen.

Wir treiben Kinder ab, wie es uns gerade gefällt, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Wir verschwenden keinen Gedanken mehr daran, was Matthäus in Kapitel 19, Vers 14 sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Denn ihnen gehört das Himmelreich“. Denn: Wie sollen die Kinder überhaupt zu Jesus kommen, wenn sie nicht einmal das Licht der Welt erblicken dürfen? Aus der christlichen Überzeugung heraus, dass das Leben nicht erst mit dem dritten, vierten oder fünften Monat, vielleicht gar erst mit der Geburt beginnt, ist der heutige Trend zum frühzeitigen und übereilten Schwangerschaftsabbruch nicht vereinbar. Das Annehmen des Kindes in seiner jeglichen Ausformung, es steht als Überschrift über vielen Gesetzen der biblischen Zeugnisse, auf die wir uns gerade dieser Tage wieder besinnen sollten. Da ist nichts erwähnt von Behinderung, von Geschlecht oder Augenfarbe – ein Kind ist ein Kind. Es ist ein Geschenk Gottes, so, wie er es gemacht hat. Nach seinem Ebenbild schuf Gott uns Menschen bereits laut Genesis. Doch heute vertrauen wir den Grundfesten unseres Daseins nicht mehr, nämlich der Zusicherung, dass Gott jeden Einzelnen von uns in seiner Ausprägung führt, leitet und schützt. Natürlich sind die Lebenswelten komplexer geworden. Aber die Entscheidung zu Nachwuchs, sie fällt jetzt genauso wie vor Jahrhunderten im Bewusstsein dieser Einzigartigkeit, mit der wir keine Spiele treiben sollten.

Die Reformation erinnert uns daran, dass wir auf dieser Welt nicht nach Beliebigkeit mit dem Leben umgehen dürfen – wenngleich wir es „technisch“ könnten. Wieso schafften es Menschen früher, ihre Existenz mit vielen und wenigen Kindern zu organisieren, mit einer Geburtenkontrolle auf natürlichem Weg, mit einer Enthaltsamkeit, weil das Bewusstsein größer war, dass Sexualität nicht allein zum Spaß, für einen „One Night Stand“ gedacht ist, sondern Ausdruck von Verantwortung bleibt? Sie wertschätzten das Wunder der Geburt viel stärker als wir es heute tun. „Kinder machen“ – und sie im Zweifel wieder abzutreiben, wir setzen unseren Körper und unsere Seele einem Schindluder aus, machbar ist alles, rücksichtsvoll nur wenig. Wer sich auf die Schrift zurückorientiert, der wird innehalten vor dem Wunder des Lebens, gerade auch aus Empathie, aus Mitgefühl mit der Frau und ihrer Integrität. Selbstbestimmung ist nicht dann, wenn wir Kinder zeugen und Schwangerschaft abbrechen, sondern wenn wir Bedacht walten lassen, wenn wir Klugheit und Weisheit in der Weitsicht der Folgen an den Tag legen, die für viele Paare, die heute einem abgetriebenen Baby nachtrauern, so schmerzhaft bewusst sind. Reformation ist die Rückkehr zur Einsicht, dass unser Schlagen über die Stränge so viel Leid über uns bringt. Denn was wir in dem nahezu manischen Rausch des „Ich darf das“ vergessen, ist die Frage, ob wir verkraften können, was wir voller Unbedacht propagieren und letztlich auch tun.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“, so fragt Jesaja in Kapitel 49 – und redet uns damit ins Gewissen. Nie wird es aus unseren Seelen, aus unseren Köpfen verschwinden, die Schuld einer unüberdachten Entscheidung, ob das Kind nun gerade nicht in unsere Zeit passte, weil wir alleingelassen wurden von unserem Partner, weil unsere Berufsziele dagegen sprachen oder weil wir uns zu jung und überfordert fühlten für eine Mutterschaft, die uns in die Pflicht nimmt, mit der wir aber nie ohne Rückhalt dastehen. „Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen“, schreibt Jesaja an besagter Stelle. Als Gemeinschaft stehen wir zusammen, die Zukunft unseres Landes gemeinsam aufzuziehen, in einem Rechtsstaat, der soziale Absicherung leistet und in dem wir uns nicht winden müssen, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind. Neben all dem staatlichen Zusichern von Unterstützung wird Gott es sein, der keine einzige Mutter fallen lässt im Glauben an ihn und seinen Sohn. Das sichert die Bibel uns zu, das wird mit der Reformation deutlicher denn je. Und so sollten wir uns im Gedenken an die Thesen auch darüber im Klaren sein, dass es nicht in eine Welt des Christen passt, sich Kinder nach dem eigenen Wunsch auszusuchen, es widerspricht der Schrift eklatant. „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, sagt 1. Mose 1,27. Welche Torheit liegt in uns, dann in Frage zu stellen, das, was dort reift im Leibe der Mutter? Mit Präimplantadionsdiagnostik, mit Eingriffen in das werdende Leben, wollen wir herausfinden, ob es uns taugt, was heranwächst.

Egoistisch, allein auf unsere Befindlichkeiten gemünzt, ergötzen wir uns an den Ergebnissen von Tests, die uns letztlich vor die „Auswahl“ stellen. In Wahrheit sorgen wir uns nicht um die Zukunft unseres Kindes. Wissen wir doch nicht, wie es glücklich sein kann und will. Wenn wir den Lebenswert einem Neugeborenen nur deshalb abzusprechen vermögen, weil Krankheit, Behinderung oder Größe nicht in das Konzept der „normalen“ Welt zu passen scheinen, tun wir ihm nichts Gutes, wir beschneiden es wiederum seiner eigenen Selbstbestimmung! Welch ein Widerspruch in Zeiten, in denen Frauen für ihre Freiheit kämpfen – und sie ihren Kindern nicht einmal das Recht zugestehen möchten, dieses Gefühl der freien Entscheidung überhaupt je zu empfinden. Wir suchen nach Ausreden, um uns vor der Herausforderung zu winden, ein Kind ins Leben zu führen, das nicht dem Ideal der Kantenlosigkeit entspricht, das uns wenig Mühe bereitet und das wir so früh als möglich entlassen können in die Welt. Weil wir uns von Lasten lösen wollen, um unabhängig zu sein, das eigene Dasein zu genießen. Denn aus heutiger Sicht sind wir geboren, um möglichst viel für uns, und nur für uns, erreichen zu können. Und so ergeht es uns auch in der Gestaltung der Familie, so schauen wir allein auf das „Ich“ und den Profit, den wir aus dem Zusammenleben mit einem Partner ziehen, den wir uns über unsere natürlichen Grenzen hinweg auszusuchen vermochten. Selbstredend können und sollen wir einander lieben, jeder seinen Nächsten. Doch was wir heute aus dem Gebot in 1. Johannes 4,16 gemacht haben, das entspricht nicht dem, was Gott uns einst sagen wollte.

Heute schläft jeder mit jedem, heiratet, wen er möchte. Auch das ist alles möglich, doch wird es richtig, was der Zeitgeist uns verheißt, nur um einer angeblichen Mündigkeit des Einzelnen willen? Im Sinne eines Individualismus, der uns überheblich werden lässt gegenüber Vorschriften und Geboten, die nicht in unseren Alltag passen wollen, werfen wir das über Bord, was uns in unserer persönlichen Entwicklung zu „behindern“ droht. Dass Kinder „Vater und Mutter“ brauchen, weil die Unterschiedlichkeit der Geschlechter das abbildet, was Evolution und Natur an Ganzheitlichkeit für sie vorgesehen haben, diese Gegebenheit aus 2. Mose 20,12 wird um des Diskriminierungsverbotes dieser Tage verworfen. Reformation lässt uns nachdenklich blicken auf das „Jeder mit jedem“, auf eine „Ehe für alle“, auf ein Adoptieren von Kindern von Vätern und Vätern, durch Mütter und Mütter. Nicht, weil wir ihnen nicht zutrauten, die Kleinsten zu erziehen. Aber weil die sozialen Chancen andere sind, ob mit oder Stigmatisierung, die Einflüsse von Mann und Frau auf Reifung und Entwicklung eines Kindes sind gesellschaftlich von Bedeutung, sind psychisch eine Stütze, ohne die es den Kindern nicht schlechter geht, aber auch nicht besser. Dabei wollen wir doch aber die größtmöglichen Potenziale bieten, wenn wir uns schon entscheiden, einem neuen Leben hinein in diese Welt zu verhelfen. Die Wärme der Mutter, es braucht keine wissenschaftlichen Belege, um zu wissen, dass sie gut tut. Und natürlich wird sich ein Kind auch in den Armen zweier Väter prächtig machen – aber wird es uns jemals ehrlich darauf ansprechen, warum es nicht die Liebe einer Frau spüren durfte, der Frau, die es gebärt hat? Warum es etwas entbehren musste, nur, weil wir uns durchsetzen wollten? Wir können uns eine Welt so lange schönreden, bis auch Studien uns die Ergebnisse verheißen, die wir im „Mainstream“ hören möchten.

Reformation ist die Rückbesinnung auf das Leben, so, wie Gott es uns gegeben hat. Sie ermahnt uns auch im Blick auf das Ende des irdischen Daseins. Leiden will heute niemand mehr, dabei ist die Erfahrung des Durchschreitens von Tälern so existenziell. Keiner wird unerträglichen Schmerz spüren müssen, wenn Krankheit und Alter uns dahinsiechen lassen. Doch können und dürfen wir der Tragik manches Lebensabschlusses einfach deshalb entrinnen, weil uns die Fähigkeit gegeben ist, selbst über unser Ableben zu bestimmen? Den meisten Menschen geht es in der Sterbehilfe heute darum, niemanden in Angst allein zu lassen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; dein Stecken und Stab trösten mich“ (Psalm 23,4) verheißt uns Gelassenheit für den Moment, in dem wir um unser Leben bangen. In mancher Ausweglosigkeit und Deprimiertheit, wir sind gehalten von der Hand Gottes. Wir können nicht tiefer fallen. Deshalb gibt es auch keinen Grund, weshalb wir nur das Schöne in unserem Hiersein genießen, aber das Herausfordernde nicht durchschreiten sollten. Es lehrt uns Aufrichtigkeit und Beständigkeit, es hilft uns trösten und wieder aufzustehen vom Boden, auf den wir geworfen sind. Die Schwere zu umgehen, indem wir ihr entfliehen, uns um sie drücken wollen, das ist nicht nur mutlos, sondern zeugt von fehlendem Vertrauen in Gottes Gnade, die am Ende zurückbringt auf den Boden der Tatsachen, auf eine Grundlage, von der aus es weitergehen wird.

Reformation erdet uns. Sie bringt uns wieder in die Grenzen des Menschlichen. Wir brauchen keine Phase der Überwindung des Menschseins, wir brauchen kein transhumanistisches Denken. Aus ständiger Sorge vor einem Rückschritt, den Anschluss zu verpassen oder nicht ausgekostet zu haben, was theoretisch möglich gewesen wäre – all das klingt nach dem egozentrischen Siegergen, mit dem wir zum Gewinner werden wollen. Wir wollen den ersten Platz erringen, vielleicht wollen wir gar dem Tod entkommen. „Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“, sagt Matthäus 10,39. Wenn wir uns dieser Tage wieder neu bewusst werden, dass ein krampfhaftes Anhängen am Dasein nicht mit dem Endlichen vereinbar ist, das uns die Schrift verheißt, dann werden wir wiederum klar über unsere limitierte Vernunft. Denn sie lässt uns streben nach einer falschen Unendlichkeit, nach einem ewigen Leben hier auf Erden, das für uns aber nicht vorgesehen ist. Wie auch wäre das Wissen um ein Hamsterrad in all dem Irdischen nur zu ertragen, wenn wir nicht gleichzeitig um der Verheißung des Paradieses wüssten? Dass auf uns himmlische Perspektive wartet, doch nur dann, wenn wir uns nicht überschätzen, wenn wir uns nicht selbst zu überhöhen versuchen und uns nicht zum Götzen machen, das ist eine Einsicht, die sich nur mit reformatorischer Bescheidenheit verstehen lässt. Ohnehin: Reformation ist nichts für die, die nach Luxus, Lastern und dem Lebemann sinnen. Gehorsam, um wieder einmal Ordnung, Regeln und Verlässlichkeit in unser Hier und Jetzt zu bringen. Einzugestehen, dass Rastlosigkeit uns entfernt von Glaube und Fundament, uns abbringt vom Weg der Gerechtigkeit, das ist eine zutiefst schwierige Aufgabe. Doch niemand behauptete, dass Luther einfach war…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung zu
https://hpd.de/artikel/christlicher-extremismus-deutschland-14873

Gott ist das, was wir aus ihm machen. Ob in der Bibel, in den Lehrmeinungen oder in unseren eigenen Interpretationen davon. Ein „Glaubenssystem“ kann es nur dort geben, wo wir den Dogmen der Kirchen und Religionsgemeinschaften unkritisch folgen. Wir sind letztlich aber freie (Christen-)Menschen, die in der Lage sind – und das sagt sogar die „Heilige Schrift“ -, Gott mit offenen Ohren, mit weiten Augen und mit vollem Verstand wahrzunehmen. Wer das tut, der kann einen anderen Eindruck erhalten, als ihn Klaus Ungerer beschreibt. Tatsächlich nicht unbedingt in genannten Organisationen, sicherlich auch nicht in jeder Kirche. Doch sind wir nicht als würdige Individuen ungezwungen genug, Religionen auch vor die Wahl zu stellen: Niemand knechtet uns, ihnen hörig sein zu müssen. Spätestens, wenn wir erwachsen sind, haben wir das Heft des Handelns in der Hand.

Und selbstredend kann niemand den Beweis anbringen, dass wir es vielleicht – oder sogar höchstwahrscheinlich – selbst sind, die Gottesbilder malen. Auch das wäre nicht verwerflich, solange uns der Glaube nicht einengt – und ich bin überzeugt, dass ein Monotheismus auch ohne Repression denkbar ist, er gar zur Freiheit animiert. Und nimmt die Kirche ernst, was ihr die Säkularisierung gebracht hat, dann lässt sie in ihren Reihen diesen Raum der Exegese auch zu. Denn nicht erst im 21. Jahrhundert wollen die Menschen eine demokratische Institution, in der sie ihren Glauben artikulieren können, in Gemeinschaft auf ein gemeinsames Bekenntnis, von dem Joch losgesagt, das fälschlicherweise mit Erbsünde und Neid auf den nur scheinbar schuldlosen Jesus schwer auf uns lastet.

Schließlich ist es auch allein eine Phantasie der Kirchenoberen und aller Führenden in religiösen Gemeinschaften aus Gründen der Macht heraus, wonach Gott über uns das Sagen hätte. Schon das 1. Buch Mose widerlegt solche Überlegungen eindeutig – und ermutigt zur Autonomie. Emanzipatorisch kann man nicht nur fernab des Glaubens an einen einzigen Gott sein, sondern gerade auch mit ihm. Dass wir ihn „Vater“ nennen, schon lange eine überholte und lediglich aus Gründen des eingeschliffenen Sprachgebrauchs gängige Floskel, an deren Stelle die „Mutter“ gleichermaßen treten kann. Und jeder Gott, der Unterdrückung braucht, kann in Wahrheit gar keiner sein. Das mögen Kirchen und alle Religionsfürsten nicht gerne hören; der libertäre Gläubige von heute kann sich solche Mutmaßungen aber leisten.

Das ist dann keine Überzeugung nach Gutdünken, sondern ein rigoroses Bestehen auf das Ausdeklinieren von Widersprüchen, die sich nicht nur in der Bibel offenbaren. Nur der, der die Überlieferungen einzig aus seiner Perspektive und nach seinen Interessen ausgerichtet liest, wird darauf beharren können, dass es eine unabänderliche Lehrmeinung gibt, die weder ein Links noch ein Rechts zulässt. Keine Beliebigkeit, aber Reife für einen eigenen Blickwinkel auf das, was gepredigt wird, hilft beim selbstständigen Glauben – ob nun an einen Gott oder nicht…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.