Kommentar

Besinnt euch auf die Wurzeln!“ – so könnte es Martin Luther uns auch heute noch zurufen. Und er hätte aus seiner Kernbotschaft der Reformation eine gemacht, die wir in vielen Lebensbereichen anwenden könnten. „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten“: Gerade jetzt, in den Tagen, da wir ihr 500. Jubiläum feiern, da leben wir im Jahrhundert, in dem der Mensch immer weiter hinaus, immer schneller vorweg, immer höher hinauf möchte, da sind die Thesen von Wittenberg doch eine Ermahnung, wieder in Respekt vor die Schrift zu fallen, sie ernstlich zu hinterfragen und ihre Rufe für unser Leben zu berücksichtigen. Von Schwangerschaftsabbruch über Präimplantationsdiagnostik, von Sterbehilfe bis zum Transhumanismus – dem Niederreißen menschlicher Grenzen durch Technik und Forschung, von einem Familienbild des Pluralismus bis hin zu einer Gesellschaft in Vielfalt. Ideologisch und für den Einzelnen mag Vieles von dem, was heute machbar und bereits Realität ist, völlig normal, notwendig und ein Zeichen des Fortschritts von Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Überwindung der Demut sein. Demut, die wir nicht mehr aufzubringen bereit sind, die wir Gottes Wort entsagen wollen, aus Eigennutz heraus, weil wir meinen, das Leben besser verstehen zu können als er. Die Reformation sollte die Überhöhung des Klerus überwinden, heute geht es darum, den Narzissmus und die Gier nach der Unendlichkeit zu stoppen. Kehren wir zurück auf den Boden des Rationalen, um nicht Dämme zu durchbrechen, die sich nie wieder schließen lassen.

Wir treiben Kinder ab, wie es uns gerade gefällt, weil wir die Möglichkeit dazu haben. Wir verschwenden keinen Gedanken mehr daran, was Matthäus in Kapitel 19, Vers 14 sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Denn ihnen gehört das Himmelreich“. Denn: Wie sollen die Kinder überhaupt zu Jesus kommen, wenn sie nicht einmal das Licht der Welt erblicken dürfen? Aus der christlichen Überzeugung heraus, dass das Leben nicht erst mit dem dritten, vierten oder fünften Monat, vielleicht gar erst mit der Geburt beginnt, ist der heutige Trend zum frühzeitigen und übereilten Schwangerschaftsabbruch nicht vereinbar. Das Annehmen des Kindes in seiner jeglichen Ausformung, es steht als Überschrift über vielen Gesetzen der biblischen Zeugnisse, auf die wir uns gerade dieser Tage wieder besinnen sollten. Da ist nichts erwähnt von Behinderung, von Geschlecht oder Augenfarbe – ein Kind ist ein Kind. Es ist ein Geschenk Gottes, so, wie er es gemacht hat. Nach seinem Ebenbild schuf Gott uns Menschen bereits laut Genesis. Doch heute vertrauen wir den Grundfesten unseres Daseins nicht mehr, nämlich der Zusicherung, dass Gott jeden Einzelnen von uns in seiner Ausprägung führt, leitet und schützt. Natürlich sind die Lebenswelten komplexer geworden. Aber die Entscheidung zu Nachwuchs, sie fällt jetzt genauso wie vor Jahrhunderten im Bewusstsein dieser Einzigartigkeit, mit der wir keine Spiele treiben sollten.

Die Reformation erinnert uns daran, dass wir auf dieser Welt nicht nach Beliebigkeit mit dem Leben umgehen dürfen – wenngleich wir es „technisch“ könnten. Wieso schafften es Menschen früher, ihre Existenz mit vielen und wenigen Kindern zu organisieren, mit einer Geburtenkontrolle auf natürlichem Weg, mit einer Enthaltsamkeit, weil das Bewusstsein größer war, dass Sexualität nicht allein zum Spaß, für einen „One Night Stand“ gedacht ist, sondern Ausdruck von Verantwortung bleibt? Sie wertschätzten das Wunder der Geburt viel stärker als wir es heute tun. „Kinder machen“ – und sie im Zweifel wieder abzutreiben, wir setzen unseren Körper und unsere Seele einem Schindluder aus, machbar ist alles, rücksichtsvoll nur wenig. Wer sich auf die Schrift zurückorientiert, der wird innehalten vor dem Wunder des Lebens, gerade auch aus Empathie, aus Mitgefühl mit der Frau und ihrer Integrität. Selbstbestimmung ist nicht dann, wenn wir Kinder zeugen und Schwangerschaft abbrechen, sondern wenn wir Bedacht walten lassen, wenn wir Klugheit und Weisheit in der Weitsicht der Folgen an den Tag legen, die für viele Paare, die heute einem abgetriebenen Baby nachtrauern, so schmerzhaft bewusst sind. Reformation ist die Rückkehr zur Einsicht, dass unser Schlagen über die Stränge so viel Leid über uns bringt. Denn was wir in dem nahezu manischen Rausch des „Ich darf das“ vergessen, ist die Frage, ob wir verkraften können, was wir voller Unbedacht propagieren und letztlich auch tun.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“, so fragt Jesaja in Kapitel 49 – und redet uns damit ins Gewissen. Nie wird es aus unseren Seelen, aus unseren Köpfen verschwinden, die Schuld einer unüberdachten Entscheidung, ob das Kind nun gerade nicht in unsere Zeit passte, weil wir alleingelassen wurden von unserem Partner, weil unsere Berufsziele dagegen sprachen oder weil wir uns zu jung und überfordert fühlten für eine Mutterschaft, die uns in die Pflicht nimmt, mit der wir aber nie ohne Rückhalt dastehen. „Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen“, schreibt Jesaja an besagter Stelle. Als Gemeinschaft stehen wir zusammen, die Zukunft unseres Landes gemeinsam aufzuziehen, in einem Rechtsstaat, der soziale Absicherung leistet und in dem wir uns nicht winden müssen, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind. Neben all dem staatlichen Zusichern von Unterstützung wird Gott es sein, der keine einzige Mutter fallen lässt im Glauben an ihn und seinen Sohn. Das sichert die Bibel uns zu, das wird mit der Reformation deutlicher denn je. Und so sollten wir uns im Gedenken an die Thesen auch darüber im Klaren sein, dass es nicht in eine Welt des Christen passt, sich Kinder nach dem eigenen Wunsch auszusuchen, es widerspricht der Schrift eklatant. „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, sagt 1. Mose 1,27. Welche Torheit liegt in uns, dann in Frage zu stellen, das, was dort reift im Leibe der Mutter? Mit Präimplantadionsdiagnostik, mit Eingriffen in das werdende Leben, wollen wir herausfinden, ob es uns taugt, was heranwächst.

Egoistisch, allein auf unsere Befindlichkeiten gemünzt, ergötzen wir uns an den Ergebnissen von Tests, die uns letztlich vor die „Auswahl“ stellen. In Wahrheit sorgen wir uns nicht um die Zukunft unseres Kindes. Wissen wir doch nicht, wie es glücklich sein kann und will. Wenn wir den Lebenswert einem Neugeborenen nur deshalb abzusprechen vermögen, weil Krankheit, Behinderung oder Größe nicht in das Konzept der „normalen“ Welt zu passen scheinen, tun wir ihm nichts Gutes, wir beschneiden es wiederum seiner eigenen Selbstbestimmung! Welch ein Widerspruch in Zeiten, in denen Frauen für ihre Freiheit kämpfen – und sie ihren Kindern nicht einmal das Recht zugestehen möchten, dieses Gefühl der freien Entscheidung überhaupt je zu empfinden. Wir suchen nach Ausreden, um uns vor der Herausforderung zu winden, ein Kind ins Leben zu führen, das nicht dem Ideal der Kantenlosigkeit entspricht, das uns wenig Mühe bereitet und das wir so früh als möglich entlassen können in die Welt. Weil wir uns von Lasten lösen wollen, um unabhängig zu sein, das eigene Dasein zu genießen. Denn aus heutiger Sicht sind wir geboren, um möglichst viel für uns, und nur für uns, erreichen zu können. Und so ergeht es uns auch in der Gestaltung der Familie, so schauen wir allein auf das „Ich“ und den Profit, den wir aus dem Zusammenleben mit einem Partner ziehen, den wir uns über unsere natürlichen Grenzen hinweg auszusuchen vermochten. Selbstredend können und sollen wir einander lieben, jeder seinen Nächsten. Doch was wir heute aus dem Gebot in 1. Johannes 4,16 gemacht haben, das entspricht nicht dem, was Gott uns einst sagen wollte.

Heute schläft jeder mit jedem, heiratet, wen er möchte. Auch das ist alles möglich, doch wird es richtig, was der Zeitgeist uns verheißt, nur um einer angeblichen Mündigkeit des Einzelnen willen? Im Sinne eines Individualismus, der uns überheblich werden lässt gegenüber Vorschriften und Geboten, die nicht in unseren Alltag passen wollen, werfen wir das über Bord, was uns in unserer persönlichen Entwicklung zu „behindern“ droht. Dass Kinder „Vater und Mutter“ brauchen, weil die Unterschiedlichkeit der Geschlechter das abbildet, was Evolution und Natur an Ganzheitlichkeit für sie vorgesehen haben, diese Gegebenheit aus 2. Mose 20,12 wird um des Diskriminierungsverbotes dieser Tage verworfen. Reformation lässt uns nachdenklich blicken auf das „Jeder mit jedem“, auf eine „Ehe für alle“, auf ein Adoptieren von Kindern von Vätern und Vätern, durch Mütter und Mütter. Nicht, weil wir ihnen nicht zutrauten, die Kleinsten zu erziehen. Aber weil die sozialen Chancen andere sind, ob mit oder Stigmatisierung, die Einflüsse von Mann und Frau auf Reifung und Entwicklung eines Kindes sind gesellschaftlich von Bedeutung, sind psychisch eine Stütze, ohne die es den Kindern nicht schlechter geht, aber auch nicht besser. Dabei wollen wir doch aber die größtmöglichen Potenziale bieten, wenn wir uns schon entscheiden, einem neuen Leben hinein in diese Welt zu verhelfen. Die Wärme der Mutter, es braucht keine wissenschaftlichen Belege, um zu wissen, dass sie gut tut. Und natürlich wird sich ein Kind auch in den Armen zweier Väter prächtig machen – aber wird es uns jemals ehrlich darauf ansprechen, warum es nicht die Liebe einer Frau spüren durfte, der Frau, die es gebärt hat? Warum es etwas entbehren musste, nur, weil wir uns durchsetzen wollten? Wir können uns eine Welt so lange schönreden, bis auch Studien uns die Ergebnisse verheißen, die wir im „Mainstream“ hören möchten.

Reformation ist die Rückbesinnung auf das Leben, so, wie Gott es uns gegeben hat. Sie ermahnt uns auch im Blick auf das Ende des irdischen Daseins. Leiden will heute niemand mehr, dabei ist die Erfahrung des Durchschreitens von Tälern so existenziell. Keiner wird unerträglichen Schmerz spüren müssen, wenn Krankheit und Alter uns dahinsiechen lassen. Doch können und dürfen wir der Tragik manches Lebensabschlusses einfach deshalb entrinnen, weil uns die Fähigkeit gegeben ist, selbst über unser Ableben zu bestimmen? Den meisten Menschen geht es in der Sterbehilfe heute darum, niemanden in Angst allein zu lassen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; dein Stecken und Stab trösten mich“ (Psalm 23,4) verheißt uns Gelassenheit für den Moment, in dem wir um unser Leben bangen. In mancher Ausweglosigkeit und Deprimiertheit, wir sind gehalten von der Hand Gottes. Wir können nicht tiefer fallen. Deshalb gibt es auch keinen Grund, weshalb wir nur das Schöne in unserem Hiersein genießen, aber das Herausfordernde nicht durchschreiten sollten. Es lehrt uns Aufrichtigkeit und Beständigkeit, es hilft uns trösten und wieder aufzustehen vom Boden, auf den wir geworfen sind. Die Schwere zu umgehen, indem wir ihr entfliehen, uns um sie drücken wollen, das ist nicht nur mutlos, sondern zeugt von fehlendem Vertrauen in Gottes Gnade, die am Ende zurückbringt auf den Boden der Tatsachen, auf eine Grundlage, von der aus es weitergehen wird.

Reformation erdet uns. Sie bringt uns wieder in die Grenzen des Menschlichen. Wir brauchen keine Phase der Überwindung des Menschseins, wir brauchen kein transhumanistisches Denken. Aus ständiger Sorge vor einem Rückschritt, den Anschluss zu verpassen oder nicht ausgekostet zu haben, was theoretisch möglich gewesen wäre – all das klingt nach dem egozentrischen Siegergen, mit dem wir zum Gewinner werden wollen. Wir wollen den ersten Platz erringen, vielleicht wollen wir gar dem Tod entkommen. „Wer sein Leben retten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“, sagt Matthäus 10,39. Wenn wir uns dieser Tage wieder neu bewusst werden, dass ein krampfhaftes Anhängen am Dasein nicht mit dem Endlichen vereinbar ist, das uns die Schrift verheißt, dann werden wir wiederum klar über unsere limitierte Vernunft. Denn sie lässt uns streben nach einer falschen Unendlichkeit, nach einem ewigen Leben hier auf Erden, das für uns aber nicht vorgesehen ist. Wie auch wäre das Wissen um ein Hamsterrad in all dem Irdischen nur zu ertragen, wenn wir nicht gleichzeitig um der Verheißung des Paradieses wüssten? Dass auf uns himmlische Perspektive wartet, doch nur dann, wenn wir uns nicht überschätzen, wenn wir uns nicht selbst zu überhöhen versuchen und uns nicht zum Götzen machen, das ist eine Einsicht, die sich nur mit reformatorischer Bescheidenheit verstehen lässt. Ohnehin: Reformation ist nichts für die, die nach Luxus, Lastern und dem Lebemann sinnen. Gehorsam, um wieder einmal Ordnung, Regeln und Verlässlichkeit in unser Hier und Jetzt zu bringen. Einzugestehen, dass Rastlosigkeit uns entfernt von Glaube und Fundament, uns abbringt vom Weg der Gerechtigkeit, das ist eine zutiefst schwierige Aufgabe. Doch niemand behauptete, dass Luther einfach war…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung zu
https://hpd.de/artikel/christlicher-extremismus-deutschland-14873

Gott ist das, was wir aus ihm machen. Ob in der Bibel, in den Lehrmeinungen oder in unseren eigenen Interpretationen davon. Ein „Glaubenssystem“ kann es nur dort geben, wo wir den Dogmen der Kirchen und Religionsgemeinschaften unkritisch folgen. Wir sind letztlich aber freie (Christen-)Menschen, die in der Lage sind – und das sagt sogar die „Heilige Schrift“ -, Gott mit offenen Ohren, mit weiten Augen und mit vollem Verstand wahrzunehmen. Wer das tut, der kann einen anderen Eindruck erhalten, als ihn Klaus Ungerer beschreibt. Tatsächlich nicht unbedingt in genannten Organisationen, sicherlich auch nicht in jeder Kirche. Doch sind wir nicht als würdige Individuen ungezwungen genug, Religionen auch vor die Wahl zu stellen: Niemand knechtet uns, ihnen hörig sein zu müssen. Spätestens, wenn wir erwachsen sind, haben wir das Heft des Handelns in der Hand.

Und selbstredend kann niemand den Beweis anbringen, dass wir es vielleicht – oder sogar höchstwahrscheinlich – selbst sind, die Gottesbilder malen. Auch das wäre nicht verwerflich, solange uns der Glaube nicht einengt – und ich bin überzeugt, dass ein Monotheismus auch ohne Repression denkbar ist, er gar zur Freiheit animiert. Und nimmt die Kirche ernst, was ihr die Säkularisierung gebracht hat, dann lässt sie in ihren Reihen diesen Raum der Exegese auch zu. Denn nicht erst im 21. Jahrhundert wollen die Menschen eine demokratische Institution, in der sie ihren Glauben artikulieren können, in Gemeinschaft auf ein gemeinsames Bekenntnis, von dem Joch losgesagt, das fälschlicherweise mit Erbsünde und Neid auf den nur scheinbar schuldlosen Jesus schwer auf uns lastet.

Schließlich ist es auch allein eine Phantasie der Kirchenoberen und aller Führenden in religiösen Gemeinschaften aus Gründen der Macht heraus, wonach Gott über uns das Sagen hätte. Schon das 1. Buch Mose widerlegt solche Überlegungen eindeutig – und ermutigt zur Autonomie. Emanzipatorisch kann man nicht nur fernab des Glaubens an einen einzigen Gott sein, sondern gerade auch mit ihm. Dass wir ihn „Vater“ nennen, schon lange eine überholte und lediglich aus Gründen des eingeschliffenen Sprachgebrauchs gängige Floskel, an deren Stelle die „Mutter“ gleichermaßen treten kann. Und jeder Gott, der Unterdrückung braucht, kann in Wahrheit gar keiner sein. Das mögen Kirchen und alle Religionsfürsten nicht gerne hören; der libertäre Gläubige von heute kann sich solche Mutmaßungen aber leisten.

Das ist dann keine Überzeugung nach Gutdünken, sondern ein rigoroses Bestehen auf das Ausdeklinieren von Widersprüchen, die sich nicht nur in der Bibel offenbaren. Nur der, der die Überlieferungen einzig aus seiner Perspektive und nach seinen Interessen ausgerichtet liest, wird darauf beharren können, dass es eine unabänderliche Lehrmeinung gibt, die weder ein Links noch ein Rechts zulässt. Keine Beliebigkeit, aber Reife für einen eigenen Blickwinkel auf das, was gepredigt wird, hilft beim selbstständigen Glauben – ob nun an einen Gott oder nicht…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Donald Trump hat um Gottes Beistand für die Opfer und die Hinterbliebenen des Massakers in Las Vegas gebeten. Er hoffe auf Gnade für die Verstorbenen, aber auch darauf, dass die Gebete für die Angehörigen erhört würden. So oder so ähnlich äußerte sich der Präsident der USA bereits in der Vergangenheit, doch selten hatte man eine derartige „Predigt“ als direkte Ansprache an das amerikanische Volk von ihm gehört. Ja, man weiß um die enge Verbindung Trumps gerade mit dem evangelikalen Spektrum der Christen, unter denen sich viele Konservative, auch Rechtspopulisten befinden, denen es um weit mehr geht als um das Dasein Gottes in schweren Zeiten. Für sie tragen Schwule an Katastrophen wie den Hurrikans der vergangenen Wochen Schuld und sind Abtreibungsbefürworter verantwortlich für Erdbeben oder ähnliche Unglücke, die man irgendwie auf den Hass Gottes über die Unmoral der Menschen zurückführen könnte.

Doch was hat es tatsächlich auf sich, wenn Trump in so schweren Zeiten nach einer menschgemachten Tragödie ungeahnten Ausmaßes mit Gottes Zuwendung argumentiert? Ist es Balsam auf die Seele derer, die danach lechzen, im Präsidenten eine gottesgleiche Figur der Erlösung erkennen zu wollen? Sind es leere Worthülsen, die zwar pathetisch klingen mögen, die Dramatik der Lage aber nicht erfassen und statt Trost zu geben noch mehr Gräben aufreißen? Oder geht es nicht einfach um die laxen Waffengesetze, die man nun in Frage stellen sollte? Und nicht zuletzt: Warum muss denn überhaupt ein Gott dafür einstehen, wenn ein offenbar recht isolierter älterer Mann mit tiefster Präzision ein Blutbad vorbereitet, aus Verbitterung, aus Wut, aus Verzweiflung über Schulden, über die Gesellschaft, über den Luxus, das durch nichts zu rechtfertigen ist, für das der Schütze allein die Last trägt, die er nun über hunderte Menschen gebracht hat, die trauern, die ihre Wunden auskurieren und die sich nicht mehr auf die Straße wagen, weil sie das Vertrauen in die Öffentlichkeit verloren haben?

„Unfriede herrscht auf der Erde“, so dichtete 1977 Zofia Jasnota und verwies darauf, dass wir es sind, die viel von dem Leid, das wir ertragen müssen, selbst verschuldet haben. Warum lässt Gott das zu, fragen sich Gläubige in aller Welt, wenn sie sprachlos vor den Bildern sitzen, die aus Nevada kommen und fassungslos zurücklassen, weil niemand begreifen kann, wie eine einzelne Person derartige Grenzen zu überschreiten vermag, keinerlei Skrupel mehr zu empfinden scheint – und wir, wir rufen nach Gott, denn nahezu beschämt werden wir ganz klein nach solchen Nachrichten, spüren wir doch auch, dass es eben nicht die höhere Macht ist, die in diesem Moment herangezogen werden und auf die man seine Verärgerung abladen kann. „In jedem Menschen selbst herrschen Unrast und Unruh‘ ohne Ende“, heißt es in Strophe 2 des Kirchenliedes, die etwas Wahres in sich trägt. Nein, nicht, dass jeder von uns zum Massenmörder würde, doch dass wir als intelligente Lebewesen zu Handlungen in der Lage sind, ganz generell, die uns im Nachhinein erschüttert über unsere eigene Spezies sein lässt, das ist keine wirkliche Neuigkeit.

Jasnota hofft auf den Frieden Gottes, „nicht so, wie ihn die Welt euch gibt“, so lautet es im Kehrvers. Die Zuversicht darauf, dass Gott solche Taten zwar nicht verhindert, aber zumindest beisteht, wenn es darum geht, nun zusammen zu halten und zu erkennen, dass wir selbst in den Augenblicken größter Not nicht alleine sind, sondern dass wir Blut spenden, einen Verwundeten in unserem Auto ins Krankenhaus fahren, eine Kerze anzünden, innehalten und uns an den Händen nehmen, um zu verarbeiten, was einer von uns da angerichtet hat, diese Hoffnung ist begründet. Denn sie fußt auf der Vision, dass wir mündige Wesen sind, die ein Gott nicht länger vor den eigenen Fehltritten schützen muss. Glaubten wir einem strengen Theismus, dann müssten wir wahrlich fragen, ob Gottes Allmacht denn nicht groß genug ist, um Vorkommnisse wie das in Las Vegas zu verhindern. Die Vorstellung, dass Gott unsere Hirne lenkt und uns von Ideen abbringt, die beim Attentäter aus den USA nun offenbar bis zur Gänze gereift und dann in die Realität umgesetzt wurden, das ist gleichsam eine merkwürdige Ansicht über die Größe eines Schöpfers, der seine Ebenbilder ja eigentlich in die Freiheit entlassen hat, wie die Schrift im Römerbrief, Kapitel 6, Vers 7, oder im 1. Korintherbrief bei Kapitel 9, Vers 19 sagt.

Ernst Hansen übersetzte 1970 das Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ ins Deutsche. In Strophe 1 verweist der Titel mit der Zeile „Frei sind wir, ja zu sagen oder nein“ auf die neutestamentarische Botschaft des vernünftigen Christenmenschen, der im Mittelpunkt Luthers Reformation steht. Gott will nicht bevormunden – und er praktiziert diese Zurückhaltung gnadenlos. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn in der Konsequenz greift er auch bei den schlimmsten Fehltritten nicht ein, die die Menschen begehen. Wie aber soll das Liebe sein, fragt sich der Außenstehende, der mit der Wahnsinnstat von Las Vegas auch die Gottesfrage an sich stellt: Wofür braucht es diesen Herrscher denn überhaupt, wenn er gerade dann nicht da ist, wenn man ihn bräuchte? Zurückfragen muss man an dieser Stelle: War Gott wirklich nicht da, als die Schüsse auf das Konzertgelände fielen? Als die unzähligen Salven zu hören waren und die Menschen sich gegenseitig zu Boden rissen, um irgendwie geschützt zu sein vor dem Kugelhagel? Man muss eine strenge Theologie, eine kerzengerade Exegese verfolgen, wenn man die Logik durchhalten möchte, wonach Gott sich den Menschen gerade dadurch offenbart, dass er nicht eingreift in den Momenten, in denen wir auf ihn angewiesen wären.

Er lässt die Menschen ihre Sünden ausbaden. Und das nicht, weil er herzlos ist. Sondern weil er deutlich machen will, dass die Freiheit des Christenmenschen so weit geht, dass Gott uns zutraut, diese Welt nach unserem Ermessen und mit unserer Tragweite auch ohne seine Hilfe hinreichend selbst zu gestalten und zu lenken. Ja, wenn wir frei sein möchten, dann bedarf es dafür auch einer gewissen Entschiedenheit. Dann können wir Gott nicht dafür verantwortlich machen, was wir selbst anstellen, aber wir dürfen, ja, wir müssen ihn sogar um sein Erbarmen bitten, um aus dem zu lernen, was wir an Tragik und Traurigkeit vorfinden. Wer A will, muss auch B sagen. Für uns ist die Watte nicht vorgesehen, in der wir uns ein Leben lang einkuscheln können, wie es vielleicht in unseren ersten Jahren auf dieser Erde möglich ist. Denn wir sind auf den Boden der Tatsachen gestellt, um Eigenverantwortung zu üben. Das wird schon im Garten Eden deutlich. Wer Anderes möchte, der glaubt an den netten, alten Mann mit Rauschebart auf der Wolke. Auch dieses Bild ist zulässig, vielleicht hilft es uns gar, wenn wir in diesen Tagen nicht wissen, wohin mit all dem Schmerz. Doch für die Wirklichkeit wäre es eine Ausflucht zu denken, wir könnten uns allzeit auf einen „Airbag“ stützen, der uns eben nicht erwachsen werden lässt.

Denn wie oft wollen wir unsere Kleinsten per Kindersicherung davor bewahren, sich Brandblasen an der heißen Herdplatte einzufangen, bis sie schließlich zur eigenen Erkenntnis gelangen, dass Feuer auch gefährlich sein kann? Ja, die Menschen scheinen offenkundig allzu naiv in ihrer Überzeugung von sich selbst. Doch sie müssen eingestehen, dass in einer Welt der Gemeinschaft auch viel Leiden entstehen kann. Und dass dieses nicht per se schlecht sein muss, auch wenn wir uns fragen, welche Ausmaße Gewalt und Terror noch nehmen können. Denn wer hinfällt, der muss auch herausfinden, wie das Aufstehen gelingt. Diese Herausforderung ist nicht nur lebensnotwendig, sie ist auch eine Bereicherung in all der Verbitterung und dem Aufschreien inmitten von Las Vegas und weit darüber hinaus. Immerhin lässt sie uns stark werden und immun für manch Katastrophe, auf die wir keinen Einfluss haben. Sie hilft uns, gewappnet zu sein für das Umgehen mit der eigenen, kleinen Welt an Schicksalen, aber auch mit den großen Einschlägen, vor denen wir auch in Zukunft nicht sicher sein werden. Dass wir nach den Szenen wie aus einem Horrorfilm nicht verzagt haben, sondern im Gebet füreinander eingestanden sind, ist eine der Offenbarungen Gottes, die deutlich machen: Er ist da! In den Gesten des Trostes, in der Nächstenliebe nach den vielen Schüssen, in jedem guten Wort, dass wir den Verletzten und Angehörigen spenden. Denn das ist der Unterschied zu denen, die Gottes Existenz in solchen Augenblicken am liebsten in Frage stellen möchten: Er lässt uns nicht liegen, wir bleiben bei ihm nicht auf dem Boden zurück, sondern er gibt uns Kraft, um für uns und unser Gegenüber da zu sein.

Nur so können wir umgehen mit den Schrecken von Nevada. Jasnota führt zudem an, Gott möge „uns selber den Frieden“ geben. Damit ist viel gesagt. Wir müssen bei uns beginnen, wenn wir solche Bilder wie die in Las Vegas verhindern möchten. Denn keiner ist geschützt vor einer ausweglosen Situation, in der wir auf dumme Gedanken kommen. Die müssen bei weitem nicht derart grausam sein wie die des Mörders in den USA. Und doch ist Gottes Appell in diesen Stunden eindeutig: Sorgt mehr füreinander! Achtet auf euch und auf euren Nachbarn. Isoliert niemanden und lasst keinen zurück in seinem Elend, in seinem Tunnel und seiner Einbahnstraße aus Armut, Verlusten oder psychischer Verirrung. Gott hilft uns dabei, indem er uns Perspektiven vermittelt. Weisheit und Mut gibt er uns, das hat Irmgard Spiecker 1980 gedichtet. Mut, um Liebe zu schenken, so heißt es in der dritten Strophe. Sie brauchen wir jetzt mehr denn je. Weisheit für „die vielen kleinen Schritte“ (Strophe 4), die nötig sein werden, um das verkraften zu können, was der 64-Jährige hinterlassen hat. Es ist Umsicht gefragt, auch wenn wir in uns einen tiefen Groll hegen. Wir brauchen Mut, um „die Not um uns zu sehen“ (Strophe 2), damit künftig weniger Menschen in eine Situation kommen, in der sie jeglichen Verstand verlieren. Es sind nicht die großen Worte und populistischen Gesten, die nun Raum finden dürfen. Wir sollen für die Wahrheit einstehen, heißt es in Strophe 2. Und zu ihr gehört es auch, uns selbst an der Nase zu fassen. Nicht, weil wir lebensmüde sind, im Gegenteil… – weil uns Gott in die Welt gestellt hat, um Verantwortung zu übernehmen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Gedankenimpuls

Man kommt mit einer großen Euphorie: Nachdem ich aus einer menschlichen Enttäuschung heraus, aus einer empfundenen, wohl aber auch realistischen Ausgrenzung in der Kirche aufgrund einer vermuteten Homosexualität und einer tatsächlichen psychischen Erkrankung, aber auch aus der „Theodizée“-Frage, die mein Gottesbild wanken ließ, und einer generellen Skepsis gegenüber christlichen Vorstellungen von Auferstehung, Jungfrauengeburt oder Ewiges Leben, die sich durch das nicht mehr Mitsprechenkönnen des Glaubensbekenntnisses im Gottesdienst geäußert hatte, nach Jahren des umfassenden Engagements für die Kirche dieselbige verlassen hatte, war der Austritt ein gefühlter Abwurf von Ballast, von einer jahrelangen Kasteiung, von der Empfindung, in einer Glaubensgemeinschaft zum Außenseiter geworden zu sein, ohne dafür je einen Anlass geliefert zu haben – der dastand, ohne jetzt mit seinen Fragen jemanden löchern zu können.

Da kam die Abwendung gerade richtig: Ich war frei von den Verletzungen und Erfahrungen, die ich gemacht hatte, konnte mein Leben nun wieder neu ausloten – und wollte dies auch. Denn ohne eine sinnstiftende Weltanschauung war für mich eine Existenz gar nicht möglich. „Nihilismus“ eine Utopie, die sich manch ein Mensch vielleicht wünschen würde, die aber in Wahrheit doch nicht einmal denkbar erscheint. Dafür aber der „Atheismus“, der sich ein Dasein ohne Gott vorstellte, allein auf den Humanismus besonnen, auf die Werte der Aufklärung, auf Ethik und Moral der Vernunft, vor allem aber des Verstandes, die auch abseits eines Schöpfers und eines Lenkers lebbar erschienen. Die Überzeugung, dass die Erde aus einer Aneinanderreihungen der Entwicklungen, gleichzeitig aber auch aus Zufällen einer Evolution entstand, die in einem Urknall oder noch davor ihren Anfang fand – und die sich mitsamt des Universums immer weiter auszudehnen vermochte.

Eigentlich war es stimmig – und ich hoffte, in den von mir recherchierten Organisationen, die sich der säkularen Bewegung zuordneten, entsprechende Mitstreiter zu finden, die einer solchen Ideologie ebenfalls anhingen. Und so kam es auch: Vor allem der „neue Atheismus“ war vertreten, eine moderne Form der Radikalität, die ich rasch spüren musste. Denn es hatte gleichsam etwas Trennendes, wenn die schief beäugt wurden, die aus einer Religionsgemeinschaft in diese Vereinigungen wechselten, jene aber als die „wirklichen“ Atheisten angesehen wurden, die von Geburt an nie etwas mit Kirche zu tun hatten. Es fühlte sich ähnlich an wie damals, als mir deutlich gemacht wurde, dass Homosexuelle keinen Segen empfangen dürften – und psychisch kranke Seelsorger nicht in der Kirche willkommen seien, weshalb man mir von einem Theologie-Studium abriet. Genau so war es nun auch, mittelalterliches Dividieren in Gut und Böse.

Und ja, die Parallelen würden sich in der Folge noch an vielen anderen Beispielen offenbaren, denn von Menschlichkeit hatte man in den auf Humanismus gründenden Organisationen, in der Weltanschauung des Atheismus bisher offenkundig wenig gehört, als man mich „prüfte“, wie nah ich denn der Kirche tatsächlich noch stünde – und befand: zu nahe. Die Ablehnung war spürbar, unter den Vereinsmitgliedern galt ich nicht als einer von ihnen, hatte ich über Jahre Konfirmandenarbeit geleitet, Andachten gestaltet, im Gottesdienst musiziert – und war damit von diesem Virus, von der „Krankheit“ der Religion, befallen, die ich wohl nicht mehr loszuwerden schien und gegen die es auch keine Medizin geben sollte. Wer einmal Christ war, der blieb es auch. Diese These ist ja nicht falsch, endet doch die Zugehörigkeit zu einer Religion nicht mit dem Kirchenaustritt. Und dennoch: Wie wollte die säkulare „Szene“ eigentlich überleben, wenn sie die Tür nicht für die öffnete, von denen gerade Massen in ihre Richtung strömten?

Selten zuvor waren die Austrittszahlen aus den Kirchen so groß – und damit die Chance, die Enttäuschten in den atheistischen Kreisen aufzunehmen, riesig. Doch was bereits stutzig machen sollte, das war der Umstand, dass die humanistischen Organisationen in Deutschland keinen bedeutsamen Zulauf verbuchen konnten. Lag es möglicherweise an dieser inneren Ablehnung eines „harten Kerns“ an Atheisten, die in ihrer Auslegung der Evolutionsgeschichte strikt waren und keine Zweifel an den Deutungen zuließen, dass Materie, Teilchen und später die Affen Teil und Vorläufer von uns gewesen sind? Kaum ein Christ wollte so etwas bezweifeln, doch nicht einmal, wenn man Zweifel an der Religion und Interesse für den Atheismus mitbrachte, war man scheinbar willkommen bei denen, die auch nicht ohne einen Gott konnten – und stattdessen aus reiner Provokation ein „Spaghettimonster“ anbeteten, allein um Religion vorzuführen und sie zu bemitleiden. Und genau diese Strategie war es, die mich nach fünf Jahren wieder zum Christentum zurückführte, denn ich hatte nie zuvor gedacht, dass ich nach allen Wunden meinen Protestantismus als ehrwürdiger einschätzen würde als die, von denen ich temporär so begeistert war, weil sie modern wirkten und sich als „überlegen“ in ihrem Denken, Wissen und Glauben gaben.

Ja, Atheisten glaubten. Nicht nur an selbst geschaffene Figuren, die sie als Spiegel der monotheistischen Überzeugung demonstrativ erschufen, wie Philosophen es zuvor von Gott sagten. Nicht er war es, der den Menschen hervorbrachte, sondern der Mensch ihn. Sie glaubten auch an die Wissenschaft. Und das nicht zu knapp. Das Heilige war die Empirie, man versuchte Stimmung zu machen mit etwas, was selbst die meisten Christen ja nicht ablehnten. Sie wiederum sehen die Forschung als das Erkunden der göttlichen Schöpfung, während der Atheist sie als das Offenlegen der Evolution begreift, die ohne einen steuernden Gott auskommt. Doch Gott galt nahezu als Schimpfwort, Religion war im wahrsten Sinne „Opium für das Volk“. Der Mensch komme nicht ohne den Glauben an ein höheres Wesen aus, widersprachen sich manche Freidenker, denn sie schlossen sich damit selbst in den Kreis jener ein, die diesen „Fehler“ der Gottesgläubigkeit mit sich trugen.

Und überhaupt: Selten hatte ich ein derartiges Durcheinander von Meinungen erlebt, die gegenläufig waren, sich überschnitten und ausschlossen. Plötzlich glaubte man doch an etwas, an das Nichts, an den Ursprung des Alls in einem leeren Loch. Dann wiederum war es die Kraft in der Natur, die alles einte. Und Andere wiederum verherrlichten den Menschen so weit, dass eine Verehrung von Maria durch den Katholizismus nahezu wie Gotteslästerung erschien. Da wurde der Mensch auf den Sockel gehoben als das mächtigste aller Wesen – mit der darin sich bergenden Gefahr, übermütig und gleichsam größenwahnsinnig gegenüber der Schöpfung, pardon, des „Evolutionsergebnisses“ (ging sie nicht noch weiter? war der momentane Zustand damit nicht nur ein Zwischenergebnis?), zu werden, was er ja sicherlich auch schon geworden war, blickte man auf das Leid, das er selbst unter Flora, Fauna und Habitat angerichtet hatte.

Die Vergöttlichung des Menschen, sie wirkte abstoßend auf mich, stand sie doch im krassen Gegensatz zu der Annahme, dass wir nicht das Ende der Evolution seien und uns damit auch nicht anmaßen konnten, höchstes Wesen zu bleiben, welches nach den Theorien, die ich erst später kennenlernte, doch selbst als Katalysator wirken musste: Denn verschrieb man sich der Strömung des Transhumanismus, brauchte es den Menschen selbst, um der Evolution noch einen Anstoß zu geben. Mit seiner Fertigkeit zu Forschung, Wissenschaft und der Erfindung bahnbrechender Theorien sollte es dem Menschen gelingen, ihn und die Welt noch besser, noch weiter zu bringen, als es diese zufallsbetonte Entwicklung der „Quarks“ schaffen würde. Dass dabei wiederum die prekäre Situation eintreten könnte, dass der Mensch seine eigene Technik aus dem Ruder laufen ließe, sie selbst den Menschen überhole und ihm damit die Gewalt über seine eigene Erschaffung wegnehmen könnte, daran dachte niemand. Und doch ist es heute schon der Fall, wenn wir Szenarien entdecken, in denen nicht mehr wir uns die Welt Untertan machen, sondern unsere künstliche Schöpfung uns die Allmacht über die eigenen Zügel entreißt.

Und trotz aller Verluste, die solche Stereotypen der bisherigen und weiteren Entwicklung der Erde im Glauben an eine atheistische, an eine humanistische Weltgemeinschaft für unsere Ethik und Moral mit sich brachten, trotz allen Wegfalls an Empathie, Zuneigung und sozialer Interaktion, trotz des Untergangs dieser Erklärung, warum der Mensch es trotz einer so kalten Ideologie der Bausteine, wie sie die Evolutionstheorie verkörpert, doch schafft, so etwas wie Mitgefühl, Solidarität und Liebe zu entwickeln, hielten viele Menschen des 21. Jahrhunderts an einem „neuen Atheismus“ fest, wirkte er im wahrsten Sinne „cool“ und trendig, nicht so verstaubt und langweilig wie die Geschichten des alten Mannes auf der Wolke, der in sieben Tagen die Erdkugel und seine Bewohner darauf formte. Dass sich die Vertreter der Ideologie eines solch anrüchigen Humanismus dabei Mittel bedienten, die sprichwörtlich unter die Gürtellinie gingen, war schlussendlich der Auslöser dafür, dass ich mich zurückorientierte zur Kirche, zu einem christlichen Glauben, an denen ich aber weiterhin so viele Frage hatte, dass es noch zu früh war, an einen Wiedereintritt denken zu können.

Und so beobachtete ich inmitten der Organisationen, denen ich noch immer angehörte, wie sie ihre Werbung für den Atheismus betrieben. Und die Strategien waren einfach zu durchschauen: Kritik, Kritik, Kritik. Religionen wurden nicht mit Argumenten angegangen, sondern mit Beschimpfungen. Ihnen wurden keine überzeugenden Gegenworte entgegengebracht, sondern lediglich Beleidigungen. Und das Allerschlimmste: Die Bezichtigungen richteten sich nicht nur auf die unpersönliche Institution von Religionsgemeinschaften, sondern auf den Glauben des Einzelnen, also gegen die Würde des Menschen, was nicht nur für mich unvereinbar war mit jeder Ausübung von Überzeugung, ob Atheismus oder Monotheismus. Mit einem Angriff auf die individuellen Freiheiten des Menschen, sich seines Glaubens gewiss sein zu dürfen, ohne dafür von jenen attackiert zu werden, die meinen, Religionsfreiheit mache nirgendwo Halt, war für mich eine Grenze überschritten, die weit schwerer wiegte als so manche Verletzung, die ich in der Kirche erlebt hatte. Denn was ich glaube, das ist meine Privatsache. Dieses Credo gaben zwar auch die Säkularen aus, sie lebten es aber nicht. Wie so Vieles nicht, was sie angaben.

Denn ihre Missgunst gegen alles, was nur fromm zu riechen schien, war spätestens dort substanzlos geworden, wo es um die Frage ging, was der Atheismus der Sehnsucht des Menschen nach einer emotionalen Geborgenheit bieten könne. Bis heute habe ich darauf keine Antwort gefunden, dagegen Bierdeckel, mit denen Humanisten wie Politiker versuchen, ihre Selbstdefinition in zehn Punkten unterzubringen. Meist geht das am wahren Wert der eigenen Ideologie vorbei, denn im Gegensatz zum neuen Atheismus konnte der Glaube an einen Gott mit Respekt auf das Gegenüber zugehen. Schon allein das umschrieb die eigene Weltanschauung besser als jeder Versuch, Freidenkerei als eine „Alternative“ zur Kirchenzugehörigkeit darzustellen, die sich unter anderem als Überzeugung beschrieb, mit der man „Spaß“ haben könne. Na wunderbar! Wer solch präzise und gehaltvolle Prämissen über sich selbst abgeben kann, dem werden die Mengen (gerade nicht) zuströmen. Und genau so kommt es eben auch: Obwohl immer mehr Menschen die Kirchen verlassen, wachsen die säkularen Vereinigungen nicht an. Und das liegt nicht nur an daran, dass man es satt hat, einer Institution aus Zwang und Dogma anzugehören, sondern auch daran, dass humanistische Organisationen nicht einmal Auskunft bieten können, wenn es um Fragen des alltäglichen Lebens geht, um existenzielle Nöte, um Nächstenliebe, um das Soziale.

Während die Kirche es verschlafen hat, ihre Antworten so zu erklären, dass sie in die Gegenwart und die Umstände passen, in denen der Mensch heute lebt, so fehlt es den atheistischen Überzeugungen bislang an einer Identität, an einer stichhaltigen Auslegung ihrer Grundannahmen, die sich für eine Alltagstauglichkeit eignen. Denn beantwortet das Wissen um den Zufall die Not nach dem Erdbeben, nach der Krebserkrankung, nach dem Unglück besser als jenes um Gott, der wenigstens auffangen kann und dem man seine Anklage entgegenzubringen vermag, der gleichsam dafür sorgt, einen Trost und einen erklärten Ausgleich für all das Übel – das der Atheismus nicht als Chance zu wachsen, sondern als den „Müll der Evolution“ ansieht – in den vielen schönen Dingen hier auf Erden zu finden? Denn auch wenn Vieles an Religion Psychologie sein mag – und selbst wenn es so ist, dass sie unser „Opium“ ist, dann ist sie es allemal wert, im besten Sinne als Strohhalm gewürdigt zu werden, an den wir uns klammern können, an dem wir uns aber auch in die Pracht der Schöpfung abseilen können. Denn abseits aller Kriege, die sie uns bringt – und die von Atheisten nur zu gerne als Argument für ihre Elendigkeit herangezogen werden –, ist sie es auch, die uns wenigstens ernst nimmt in all der Not.

Auch ich habe bis heute viele meiner Fragen nicht beantworten können. Nicht die Frage, wie es denn vernünftig erklärbar sein soll, dass Maria Jungfrau geblieben ist, obwohl sie Jesus gebar. Wie ich mir das vorstellen kann, nach dem Tod, wenn wir in einem Sarg gelegen und unter der Erde verschachert werden – wie es dann möglich sein soll, aufzuerstehen und weiterzuleben. Oftmals liegt es an diesen menschlichen, ja kindlichen Vorstellungen, die einfach keine adäquate Reaktion hervorbringen können. Das müssen sie aber auch nicht. Sie wären ansonsten auch kein Glaube. Die Wahrheit ist nicht Aufgabe des Fühlens, sondern des Denkens. Auch das verwechseln Atheisten ziemlich oft. Heute bin ich wieder in der Kirche – und trage dort meine Hilflosigkeit in den Unklarheiten vor, die mir das Glaubensbekenntnis auch jetzt noch bereitet. Doch lasse ich es zu, ein anderes, ein freieres Verständnis von meinem Christentum in mein Leben zu lassen. Hätte ich dieses Geschenk bereits früher angenommen, wäre es vielleicht auch nicht nötig gewesen, einen Umweg über den Atheismus nehmen zu müssen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Glaube an Gott erfüllender ist als die Lücke, die Freidenker und Humanisten mit sich tragen – auch wenn sie sie nicht zugeben können. Und doch bin ich dankbar für diese Erfahrungen, für das Entsetzen über das Herabwürdigen von Martin Luther, über Skulpturen, die Gott nicht nur lästern, sondern ihn entblößen, über Versuche, mit „Pastafaris“ nicht nur Christen ein verblendendes Gegenüber zu platzieren, über die letztendliche Trägheit des neuen Atheismus, produktiv statt lediglich reaktionär zu sein…

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

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Meinungsbeitrag

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz – sie hatten wieder einen Auftritt. Nein, dieses Mal ging es nicht um das Reformationsjubiläum. Und auch haben sie sich getrennt voneinander geäußert. Aber ihre Aussagen klangen wieder einmal ähnlich, doch gleichsam unnötig: Man dürfe dem Hass nicht erlauben, sich im neuen deutschen Parlament in Worte zu fassen. Eine stabile Regierung wünscht man sich wohl, so klingt es aus den Botschaften, die die beiden Kirchen nach der Bundestagswahl ausgesandt haben – und die es allesamt bis in die Hauptnachrichten am Abend schafften. Nichtssagend – und dennoch braucht es das in Deutschland offenbar selbst im 21. Jahrhundert noch immer: Die beiden Konfessionen müssen den Wahlausgang mit staatstragenden Worten kommentieren, sie sagen nicht viel Anderes als die Vertreter aus der Wirtschaft oder der Gewerkschaften. Aber Hauptsache, sie haben überhaupt etwas gesagt. Doch hätten wir es vermisst, wenn sie einmal geschwiegen hätten?

Wieder einmal demonstriert sich im Alltag der Bundesrepublik die enge Verbandelung zwischen Politik und Kirchen. Konfessionelle Nachrichtenportale vermelden, wie viele bekenntnistreue Christen es als Abgeordnete in den Bundestag geschafft haben, es wird analysiert, wen die christlichen Wähler im Land warum gewählt haben. Und die Diskussion bricht los, ob unter künftigen Koalitionen die Themen Religionsfreiheit, Lebensschutz und Familie einen entsprechend großen Raum einnehmen – denn das sind die Angelegenheiten, die gerade konservative katholische oder evangelikale Gläubige bewegen. Nicht lange werden wir warten müssen, bis feststeht, wen Juden, Muslime, Buddhisten und Atheisten gewählt haben. Doch interessiert uns das tatsächlich? Warum müssen wir das religiöse Bekenntnis bis heute mit der politischen Programmatik vermengen? Es geht um Macht und Einfluss, es geht nicht um den Glauben. Nicht darum, ob ein Abgeordneter seine Arbeit auf Basis seines Gewissens ausübt, sondern ob er Politik im Interesse einer Lobbygruppe machen wird – einer weiterhin zu großen Gruppe, der der religiösen Aktionisten, die mitreden und mitgestalten wollen.

Welchen Wert haben die Feststellungen von Marx oder Bedford-Strohm über die AfD, über die Gefahr für unsere Gesellschaft, über die Schwierigkeit, unter dem jetzigen Ergebnis rasch eine Koalition zustande zu bringen, die hält? Wir alle wissen, dass wir vor demokratische Herausforderungen gestellt sind, dass die parlamentarische Arbeit nicht einfacher wird mit sechs Parteien, von denen eine zumindest schon im Vorfeld dadurch auffällt, dass sie nicht zu beabsichtigen vermag, vernünftige Sachpolitik betreiben zu wollen. Wir haben all das gehört von SPD bis FDP, von Grünen bis zur CDU – warum braucht es das noch aus dem Munde der Klerikalen? Mich turnen solche Zwischenrufe ebenso ab wie die naive und gleichsam selbstgerechte Darstellung einer Kanzlerin, die eines der schlechtesten Ergebnisse der Nachkriegsgeschichte für ihre Partei eingefahren hat, aber betont, dass sie nicht wüsste, was sie im Wahlkampf hätte anders machen sollen. Wenn die Kirchen diesem Lande etwas Gutes tun wollen, dann würden sie sich auf die Verkündigung ihres Evangeliums am Sonntag von der Kanzel konzentrieren. Genauso, wie Angela Merkel sich auf die Aufarbeitung ihres desaströsen „Wahlerfolges“, stärkste Kraft geworden zu sein, fokussieren sollte…

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

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Liebes Theater Konstanz,

zum Beginn der neuen Spielzeit haben Sie uns eingeladen, unsere Zweifel über den Glauben mit Ihnen zu teilen. Ja, ist denn da wer? Diese Frage bewegt den Menschen tatsächlich. Und wahrscheinlich viele von uns öfter und intensiver, als wir es wirklich zugeben möchten. Mit einer im religiösen Sinne bewegten Vergangenheit plagte mich das Zaudern über diesen Gott zumindest heftiger, als es mir lieb gewesen wäre. Zunächst tief christlich verwurzelt, den kirchlichen Glauben „vorbildlich“ praktiziert – wie man mir sagte –, kamen die Zweifel nicht nur aufgrund gesundheitlicher Rückschläge immer häufiger auf. Die klassische Theodizée-Frage machte sich breit, nicht danach, warum Leid unter einem allmächtigen Gott überhaupt existiert – sondern warum es so ungerecht verteilt ist. Und gleichsam: Wieso lässt er es zu, dass in „seiner“ Kirche auf Erden so viel Missgunst herrscht, so wenig Liebe, sondern eher Neid und Unredlichkeit?

Über mehrere Jahre im säkularen Spektrum aktiv, als Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“, musste ich gleichsam feststellen: Eine Antwort auf die drängenden Fragen über unsere Existenz, über unsere Herkunft, über das, was uns lenkt, gibt es auch dort nicht. Im Gegenteil: Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man das komplexe Universum auf einen Urknall und eine Evolution zurückführt, in der gefühlt alles nach Zufall läuft? Und tun wir denen nicht unrecht, die wir ob ihres Glaubens an eine höhere Macht verspotten, nur, weil wir selbst nicht in der Lage sind, eine Sehnsucht nach Erklärungen aufzubauen? Berauscht uns Religion tatsächlich und befriedigt auf diese Art unsere täglichen Sorgen und Nöte, ohne uns wissenschaftlich fundiert, dafür aber emotional gelenkt mit dem auseinanderzusetzen, was für Humanist und Christ gleichsam schwer nachzuvollziehen ist? Macht sie uns abhängig von einer Gestalt, die wir vielleicht eigens erschaffen haben? Und ist sie in Wahrheit nur ein trügerischer Strohhalm, der bei den wirklichen Belastungen unseres Lebens spröde abzubrechen vermag?

Heute bin ich wieder zurück in der Kirche, weil ich die Härte, mit der unter vielen Atheisten über Menschen gesprochen wird, die allein darauf vertrauen, dass physikalische Formeln nicht der Anfang, sondern das Ende der Gedankenkette sind, die eben daran glauben, dass die komplizierten Dinge einen Schöpfer brauchen, dass es einen Grund dafür gibt, wie sich unsere Welt und unser Kosmos entwickeln, nicht mehr ertragen konnte. Ja, Religion braucht Kritik, Glaube aber wiederum den Respekt. Denn die Institutionalisierung dessen, wovon wir überzeugt sind, weist schon allein deshalb Fehler auf, weil Gemeinschaften stets durchtrieben sind von Herrschaftsansprüchen und der Lust nach Macht. Doch das, was ich persönlich denke, wovon ich überzeugt bin, das kann mir niemand nehmen. Die Würde des Menschen, die Freiheit der Meinung und des Gewissens, sie sind aus gutem Grunde unantastbar. Und damit auch das, was jeder Einzelne von uns glaubt. Denn diese Individualität muss keinen Argumenten standhalten, sondern lediglich den Anforderungen unseres Alltags.

Doch das, was eine Religion durch ihre Dogmen, durch ihre Lehren daraus macht, das braucht wiederum keinen Schutz, sondern das bedarf reflektierten Nachfragens. Theater ist dieser Spiegel, den wir benötigen, wenn wir eingefahren sind in den Spurrillen des Daseins. Wenn wir nur deshalb beten, weil es die Tradition von uns verlangt. Wenn wir die auswendig gelernten Texte vor dem Kreuz heruntersagen, ohne je verstanden zu haben, was wir da wirklich in den Mund nehmen. Wenn wir zu Untaten schweigen, weil der Mantel des Verhüllens schon immer alles verdeckt hat. Wenn wir Gott nur deshalb anflehen, weil Vater und Mutter uns von seiner Gegenwart erzählt haben. Theater fragt uns, ob wir mündig sind. Es greift die Wahrheiten auf, vor denen wir im Zweifel schamhaft kapitulieren müssen. Denn Theater bringt uns zum Weiterdenken. Unser Horizont erweitert sich dorthin, wohin wir uns nie vorzudringen gewagt hatten. Auch deshalb, weil uns Theater nicht allein lässt mit den Entdeckungen, die beim Grübeln offenbar werden. Theater nimmt uns mit, gibt uns den Freiraum, eigene Visionen zu entwickeln, ohne uns aber zurückzulassen in dem Neuen, sondern uns gemeinsam auf Utopien vorzutasten, mit denen wir Gesellschaft von morgen gestalten können.

Wenn ich zurückkomme auf das, was mich aus der Kirche getrieben hat – abseits der zwischenmenschlichen Enttäuschungen –, dann bin ich nicht ohne Grund wieder eingetreten. Denn sobald wir uns fragen, warum Gott all das Übel über uns ergehen lässt, dann müssen wir auch eingestehen: Stehen wir doch dazu, dass auch wir maßgeblich mitschuldig sind am Zustand unserer Welt! Dass Menschen blutüberströmt in den Straßen liegen, weil sie von einem Attentäter mit einem Geländewagen niedergefahren wurden. Dass Häuser unter Geröll versinken, weil wir die Wälder abgeholzt und Siedlungen dort gebaut haben, wo sich eigentlich die Natur breit gemacht hatte. Dass Tiere in den Meeren sterben, weil wir in unfassbaren Mengen Plastik produzieren und damit das Leben unter Wasser bedrohlich werden lassen für die, für die es eigentlich gedacht war. Wenn wir uns die Welt heute untertan machen, dann übertreiben wir in der üblichen menschlichen Hybris – das Schlimme ist nur, dass wir es heute nicht einmal mehr merken, wie unfair wir dabei eigentlich Gott und den Opfern gegenüber vorgehen.

Wann beginnen wir, selbst Verantwortung zu übernehmen? Wir wissen, was gut und böse ist, heißt es bereits in Genesis. Doch nur Jesus war bislang einer derjenigen, der aufrichtig vor den Anderen stand, der ehrlich gewesen ist bei der Frage, ob er der König der Juden sei. Und der, der wusste, dass niemand den ersten Stein werfen würde, wenn es um die Frage der Unbeflecktheit geht. Der für die Wahrheit Geißelung hinnahm, die schlimmer war als ein Sitzenbleiben in der Schule, der Verlust unseres Arbeitsplatzes oder auch die Grippe, die uns ans Bettelt fesselt – für die wir allesamt aber ihn zur Rechenschaft ziehen wollen in unserer begrenzten Vernunft darüber, dass wir selbst die größten Schulden mit uns tragen. Beschämt stehen wir da im Paradies. Gott soll es wieder richten, dass wir nicht darauf gehört haben, was er uns gesagt hat. Wie die Kleinsten, denen man mit Mühe einige Regeln beibringt, und die sie doch aus reiner Hablust heraus erneut brechen. Und dann sind wir feige, geben unser Tun nicht einmal zu, lügen lieber – und reiten uns damit noch mehr ins Unglück hinein. Den Jüngsten mag man es verzeihen. Doch kaum bedeckt vor lauter Peinlichkeit sind es Adam und Eva, die für unsere Gewissenlosigkeit stehen und deutlich machen, dass wir als Erwachsene nicht besser sind – im Gegenteil.

Wir empfinden Leid und Herausforderung, Nöte und Qual als das Böse. Doch will Gott uns wirklich schaden, wenn er uns einem schweren Krebsleiden aussetzt, wenn er uns in die Arbeitslosigkeit rutschen lässt oder uns vor die Scheidung von unserem Partner stellt? Nein, er möchte, dass wir wachsen. Und das kann nur funktionieren, wenn wir in Freiheit leben dürfen. In der Freiheit, selbst zu wissen, was Gott mit uns vor hat. Er ist immer wieder eine Zumutung und eine Verwunderung gleichermaßen – und doch fühlen wir, wenn wir ernstlich darüber nachdenken, ob er nun strafen will oder einfach nur helfen möchte, dass wir aus uns heraus die Kraft nehmen können, Schwierigkeiten unseres Lebens selbst zu bewältigen. Um aus der Krise gestärkt hinaus zu gehen, braucht es zuerst die Erfahrung, unten angekommen zu sein. Wäre es tatsächlich besser, wenn alles auf der Welt nur gut wäre? Nein, niemand kann verstehen, warum das Böse derart zuschlägt, wie wir es gerade momentan wieder erleben. Und doch kann sich die Parabel über Gottes Liebe nur erschließen, wenn wir nicht allein das Übel ersehen. Als Christen glauben wir an die Auferstehung, nicht an den Tod. Zweifelsohne fällt es uns schwer, den Lichtblick zu erkennen, falls ein Elternteil gestorben ist, wenn wir nicht wissen, wie wir die nächste Rechnung zahlen sollen oder wenn die Untersuchungsergebnisse so lange auf sich warten lassen. Wenn uns aber jemand in den Arm nimmt, uns begleitet und im Zweifel die Freude und Erleichterung mit uns teilt, dann können wir ansatzweise empfinden, weshalb es Leiden brauchte.

Wenn wir begreifen, dass Gott uns auf diese Erde gestellt hat, damit wir sie uns nicht nur zu eigen machen, sondern vor allem, um als seine Kinder erwachsen zu werden und die Reife zu erlangen, das Leid auch als Chance zu sehen, Heilung erfahren zu dürfen und zu können, indem wir wach und gleichsam aufmerksam die Augen nach seiner Gnade offenhalten, dann werden wir ihm Vertrauen geben, ohne ihn kontrollieren zu müssen. Denn unsere Erwartungen sind unnötig, weil Gott uns viel mehr zutraut, als wir es selbst tun. Er muss nicht um uns schwirren, damit wir den Alltag meistern. Das Wissen um seine Gegenwart, immer dann, wenn wir sie tatsächlich brauchen, nämlich dann, wenn wir sie gerade nicht einfordern, ist in unserem Hinterkopf. Sie gibt uns Sicherheit in dieser Freiheit, uns als eigenständige Wesen entwickeln zu können. Wir werden die Zuwendung Gottes dann erfahren, wenn sie vollkommen überrascht. Wenn wir nicht mit ihr rechnen, weil sie oftmals so klein und für uns so selbstverständlich ist. Er lädt uns ein zu einer Achtsamkeit, sein Antlitz funkelt oft symbolisch durch das Tägliche. Geben wir dem Guten die Möglichkeit, in unserer Welt der scheinbaren Verdammnis neue Hoffnung zu spenden.

Das traue ich auch dem Theater Konstanz zu – und wünsche uns eine spannende Spielzeit 2017/2018!

Ihr

[Dennis Riehle]

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Lesermeinung zu
„Der Hass der Buddhisten“, „neues deutschland“ vom 22.09.2017

In unseren Tagen richten wir hauptsächlich ein Augenmerk auf Terror und Gewalt, die von einem extremistischen Islam ausgehen. Dass Religion aber offenbar ein grundsätzlicher Anlass scheint, um Hass, Missgunst und Neid zu schüren, macht nicht erst jetzt der als sonst so friedliebende Weltanschauung gelobte Buddhismus deutlich.

Wenn Religionsführer gegen Andersgläubige hetzen, dann ist das überall zu verurteilen, egal, wer dahinter steckt und welchen Ursprung es gibt. Vorurteile sind nicht zum ersten Mal Ausgangspunkt von ethnischen Säuberungen, sie beruhen meist auf der Überheblichkeit und dem Anspruch auf Alleinstellung einer Religion – und auch der Buddhismus scheint offenkundig Probleme damit zu haben, wenn ihm „Konkurrenten“ in den Weg kommen.

Als solche nimmt man die Muslime in Myanmar wohl wahr, und letztlich zeigt sich, dass jede noch so ausgeglichen wirkende Religion das Potenzial in sich trägt, zu Aggression zu neigen, wenn ihr jemand in den Weg tritt und die Absolutheit streitig macht. Von Kreuzzügen über Selbstmordattentate bis zu Vertreibungen – Rivalitäten unter denen, die verschiedenem Glauben anhängen, dürften der mehrheitliche Grund für Unfriede sein. Welche(r) Go(e)tt(er) würden das wohl rechtfertigen?

[Dennis Riehle]

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Leserbrief
zu: „Die Kirchen und das liebe Geld“, „Deutschlandfunk“ vom 21. September 2017

Ich bin wieder in die Kirche eingetreten. Und doch setze ich mich weiterhin für die Trennung von Staat und Kirche ein. Ja, das geht. Und es ist aus meinem Verständnis gar eine Pflicht, dass auch Kirchenzugehörige um die Unterschiedlichkeit der beiden Institutionen wissen, die nach Meinung unseres Bundesverfassungsgerichts zwar eine Distanz brauchen, eine vollständige Kappung aller Kontakte, wie es das laizistische Modell beispielsweise aus Frankreich kennt, aber nicht anstreben müssen. Denn: Kirchen sind aus der gewachsenen Tradition ein fester Bestandteil des Kulturguts in Deutschland, den die Öffentlichkeit zwar fördern sollte, deren religiöse Arbeit sie aber nicht zu interessieren hat.

Kirchen leisten – wie viele andere Religionsgemeinschaften auch – einen wesentlichen Beitrag für unseren Sozialstaat. Sie sind in der Wohlfahrtspflege ein gleichwertiger Partner zu anderen, weltlichen Akteuren. In dieser Funktion – und allein in dieser – sind Kirchen und Weltanschauungsgruppierungen auf gleicher Augenhöhe mit dem Staat zu sehen, weil sie ihn dabei unterstützen, Kindergärten, Krankenhäuser, Alten- oder Obdachlosenheime anzubieten. Dass dabei die Finanzierung undurchsichtig geworden ist, die Lasten der öffentlichen Hand den Anteil überwiegen, den das allgemeine Verständnis von der finanziellen Situation der Kirchen zu tragen bereit wäre und dass damit Sicherheiten vom Staat übernommen werden, die in einem Konzept der freien Marktwirtschaft nicht zulässig wären, ist ein Fehler im Konstrukt des Nebeneinanders von Kirche und Staat, die die kleinstmögliche Zusammenarbeit bei einer größtmöglichen Distanz suchen sollten.

Viele Befürworter einer vollständigen Trennung von Religion und öffentlichem Leben überschreiten in ihrer Argumentation die Grenze der Glaubensfreiheit, indem sie auch religiöse Überzeugungen aus dem staatlichen Dasein verbannen wollen. Es ist richtig, dass Kirchen keinerlei Anspruch erhalten dürfen, mit ihren Dogmen, Ritualen und vor allem der Erwartung, als Körperschaft auch politischen Einfluss erheben zu können, in den staatlichen Raum einzudringen. Religiöse Praktik ist genauso wie der lobbyistische Gedanke fern, wenn es um die Frage etwaiger Bevorzugung in politischer Entscheidungsfindung geht. Den Kirchen steht in ihren Arbeitsbereichen ein Mitspracherecht zu, das jedoch keinen wechselseitigen „Goodwill“ bedingt. Die gegenseitige Anbiederung ist ebenso wie die gemeinsame Ausübung praktischen politischen beziehungsweise religiösen Lebens nicht mit einem Staatsverständnis vereinbar, in welchem die Öffentlichkeit auf eine weltanschauliche Neutralität des Staates vertraut. Fungiert die Kirche oder jede andere Glaubensgemeinschaft als Teil des politischen Diskurses, haben sie religiöse Unabhängigkeit zu wahren.

Gleichsam sind es staatliche Mandatsträger, die sich allein als Einzelperson auf ihren Glauben berufen können, wenn es um Religion in der Politik geht. Niemand darf einem Abgeordneten sein Recht auf Meinungsäußerung, auf Äußerung seiner religiösen Überzeugungen nehmen. Und natürlich ist er es, der auch seine Gewissensfreiheit auf seinen religiösen Wurzeln fußen lassen kann. Der Wähler gleichsam wird es sein, der ein weltanschauliches Bekenntnis als Grundlage für die Ausübung eines Amtes honorieren oder es entsprechend ablehnen darf. Er regelt den individuellen Anteil religiöser Bezeugung innerhalb der legislativen Demokratie. Während im judikativen und exekutiven Gewaltenteil ein vollends von Glaubensbekundungen befreites Praktizieren notwendig ist, normieren sie sich bei der Einzelperson des Politikers durch das Gutheißen des Volkes.

Die Säkularisierung hat den Umstand mit sich gebracht, dass Kirchen weiterhin auf Entschädigungen pochen. Unter dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit sind diese Zahlungen allerdings nicht länger zu rechtfertigen. Für ihr soziales Wirken steht den Kirchen nicht mehr, aber auch nicht weniger an staatlichen Förderungen zu als jenen, die als „neutral“ auftreten. Nur, weil es sich beim Akteur „Kirche“ um eine religiöse Weltanschauungsgemeinschaft handelt, darf sie nicht von den üblichen Unterstützungen ausgenommen werden, die beispielsweise AWO, „Paritätischer“ oder „Rotes Kreuz“ als Hilfsorganisationen für den Betrieb ihrer dem Sozialstaat dienlichen Einrichtungen und Dienste zugutekommen. Auch darf die Kirche mit ihrem kulturellen und baulichen Gut, das sie in die Bewahrung von Historie und Tradition in das öffentliche Leben einbringt, nicht deshalb von einer Mitfinanzierung durch den Staat ausgeschlossen werden, weil sie eine religiöse Körperschaft darstellt. Der laizistische Gedanke würde an dieser Stelle mit dem Gleichheitsgrundsatz der Verfassung kollidieren, wonach alle Akteure selben Tuns auch die gleichwertige Anerkennung erhalten müssen. Und trotzdem rechtfertigt das heutige Engagement der Kirchen keine weitere Abfindung für möglicherweise erlittenes Unrecht aus den vergangenen Jahrhunderten, das nicht nur aus Sicht von Experten abgegolten ist.

Im Spagat zwischen Nähe und Ferne von Kirche und Staat ist also einerseits zu unterscheiden, in welcher Funktion die Weltanschauungsgemeinschaft auf die politische Bühne tritt. Andererseits ist das institutionelle religiöse Bekenntnis nicht mit dem der Einzelperson des Gläubigen zu verwechseln, dessen Gewissen und Überzeugung durch das Grundgesetz als frei geschützt ist. Bei allen Rechten und Pflichten gilt auf Basis einer sich wandelnden Gesellschaft, in der die Bindung zu Kirchen und Religionsgemeinschaften tendenziell abzunehmen scheint, ein Gebot der Zurückhaltung in der Positionierung weltanschaulicher Bekundungen. Im Auftrag der Wahrung des gesellschaftlichen Friedens ist die größtmögliche Neutralität von Kirche einerseits, von Staat andererseits bei allen miteinander gestalteten Auftritten in Öffentlichkeit, politischer Diskussion und Praktizieren kulturellen Lebens die Erwartung, die von einem säkularisierten Miteinander an die beiden Akteure gestellt werden kann. Gerade, wenn es um „das liebe Geld“ geht, haben aber die Steuerzahler ein ganz besonderes Anrecht auf Transparenz. Und es ist zweifelsohne richtig: Weder Staatsleistungen, noch Entschädigungen, noch Kirchensteuern sind in einem Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts nötig.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Gedankenimpuls

„Wie ist das eigentlich mit der Offenbarung?“, so fragte mich kürzlich eine Klientin, die schon seit längerem aufgrund von Glaubenskonflikten in die Beratung kam. „Gibt es da wirklich eine neue Welt?“. Es sind solche wissbegierigen Blicke des Gegenübers, die man sonst nur von Kindern kennt, die zu kurzer Erstarrung führen und die innerliche Schamesröte aufsteigen lassen: Was antworte ich nun?

Ein wenig gestammelt hatte ich durchaus. Denn so wirklich hatte ich mir auch noch nie Gedanken darüber gemacht, wie das letzte Buch der Bibel denn tatsächlich auszulegen sei. Gerade in diesen Tagen fragen viele Menschen nach dieser neuen Welt, auf der Friede herrscht unter den Menschen, auf der es Hoffnung gibt, wie beispielsweise Jürgen Werth sie in seinem Lied von 1988 formuliert, das für mich ein wunderbares Bildnis liefert von diesem Umbruch: „Wie ein Fest nach langer Trauer“ (EG 666).

Mit diesem ging ich dann auch auf die Frage meiner Klientin ein. Diese neue Welt, wir dürften sie uns nicht als Austausch vorstellen: Das Alte weicht dem Neuen. So wörtlich würde ich die Aussagen der Offenbarung nicht nehmen, sagte ich ihr. Und außerdem: Wären sie nicht eine Bankrotterklärung für die Menschheit, die es nicht geschafft hat, verantwortungsbewusst mit dieser Schöpfung umzugehen, die ihr anvertraut war – und die nun ausgewechselt wird wie bei einem „Reset“?

In der Offenbarung treffen wir wahrlich auf Pauken und Trompeten. Das Gericht Gottes wird entscheiden. Aber es muss keinesfalls so furchtsam ausfallen, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Denn nur die, die ihre Fehler leugnen, sie werden wahrlich bangen müssen, ihnen werden die Zähne klappern. Aber die, die ihre Missetaten bereuen, sie werden umso sanftmütiger empfangen in der Ewigkeit der neuen Welt, die nicht materiell ausgewechselt erscheint, sondern in ihrer Atmosphäre etwas hervorbringt, was den natürlichen Glanz der heutigen Erde um Unvorstellbares überwiegen wird.

„Wie ein Regen in der Wüste“, so schreibt es Werth. Und ja, wir lechzen nach diesem „Tau auf dürrem Land“ (Str. 1). Denn wir sind ausgetrocknet vor Unfriede, der unter den Völkern herrscht. Wir sind es leid, die ständigen Meldungen von Krieg, Terror und Gewalt hinnehmen zu müssen und mit nahezu gebundenen Händen auf die zu blicken, die diese Erde verrohen lassen. Wir brauchen eine Intervention Gottes, denn auch wenn wir zu unterscheiden wissen, was „gut“ und „böse“ ist (1. Mose 3,22), so sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Interessen über die einer Weltgemeinschaft zu stellen, die den irdischen Sehnsüchten und Versuchungen nachirrt und frönt, ohne eine Rücksicht auf Verderben, statt sich auf Milch und Honig zu konzentrieren, auf die ideelle Neuausrichtung einer Erde „alter Feinde, Hand in Hand“ (Str. 2).

Die Offenbarung zeichnet das Bild einer Erde, auf der ein neues Klima der Güte herrscht. Allein dadurch wird es überflüssig, dass wir uns neidisch und eifersüchtig um die Herrschaft streiten, denn jeder hat genug. Nicht um die Vormacht unter Religionen, sondern in der Einheit Gottes, „wie Gott selbst, das wahre Licht“ (Str. 3). Wir können uns das mit der heutigen Vernunft nicht denken, wir können nicht begreifen, wie solch eine Wandlung vollzogen werden kann. Ich erinnere mich gern an die Pfingstgeschichte, die ich in engem Zusammenhang mit der Offenbarung sehe. Spiritualität wird über uns kommen, der Heilige Geist wird ausgeschüttet über den Menschen. Wir sprechen Sprachen, die wir nicht kennen, wir verständigen uns mit denen, die uns fremd sind. Alles ist so selbstverständlich.

„So ist Versöhnung“, schreibt Jürgen Werth im Kehrvers. Und ja, die neue Welt der Offenbarung ist eine der Versöhnung. Nein, nicht die, in der wir uns alle grundlos lieben, sondern die zu ihrer Ehrlichkeit durch Aufrichtigkeit gelangt. Wir schließen Frieden durch „Vergeben und Verzeihen“. Denn Sühne ist es, die wir auf dem Weg zur neuen Erde durchleben werden. Wir werden bereit sein, Schuld einzugestehen und dafür einzutreten, dass wir nicht nochmals sündig werden. „Wie ein Erdteil neu entdeckt“ (Str. 3), so offenbart sich plötzlich auch diese neue Welt der Offenbarung, als „off‘nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht“ (Str. 1).

Es rumst also nicht nur, sondern die neue Welt kann durchaus in der Lage sein, ganz unverhofft in unser aller Leben zu treten. „Wie ein Wort von toten Lippen“, (Str. 3) „wie ein Brief nach langem Schweigen“ (Str. 1), so plötzlich und unerwartet durchdringt das neue Leben, „wie die Liebe“, jeden von uns. Eine noch merkwürdige Vorstellung, die ob der Tatsachen des 21. Jahrhunderts kaum zu begreifen ist. Doch wir wissen, dass Gott höher ist als all unsere Vernunft, deshalb überrascht es auch nicht, wenn wir plötzlich diesen Blick in Richtung der Offenbarung werfen, „der Hoffnung weckt“ (Str. 3). Die „Vermißten“, die abgekommen sind vom Weg der Gerechtigkeit, von der Barmherzigkeit für ihren Nächsten, auch für sie wird es „Heimatklänge“ geben (Str. 2).

Lange mussten wir warten, wir haben fast verzagt ob der Verheißung über diese neue Welt. Abgestorben sind unsere Äste, doch an den „toten Zweigen“ wächst überraschend wieder ein „Blatt“ (Str. 1). Ohne unser Zutun, sondern allein durch die Gnade des Herrn, der uns eine neue Chance gibt, mit unseren Brüdern und Schwestern in Übereinkunft zu treten, ein „‘Ich mag dich trotzdem Kuss‘“ (Str. 1) zu sagen, den „Frühling“ unserer Beziehungen neu zu erleben, wie einen „Morgen“ (Str. 3), von dem wir nicht mehr erträumt hätten, dass er noch kommen möge. Viel zu lange standen wir da auf den „steilen Klippen“ – und plötzlich tut sich ein „Licht“ auf (Str. 3). Es ist die Faszination über die Größe Gottes, die uns still werden lässt und wir erblassen in Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Meine Klientin hatte einen ersten Eindruck davon bekommen, was mit der Offenbarung gemeint sein könnte, mit dieser neuen Welt – und meine Schweißperlen waren ein wenig zurückgegangen. Hatte ich doch zumindest den Versuch unternommen, etwas Unvorstellbares in die leuchtenden Letter Jürgen Werths Strophen aus den 80er-Jahren zu packen. Und manchmal können wir nicht anders, als uns metaphorisch an das zu nähern, was tatsächlich wie ein „Schlüssel im Gefängnis“ (Str. 2) zu verstehen ist: Etwas Un-glaubliches, das wir ohnehin nicht fassen können, auf das wir aber vertrauen dürfen. Denn Gott hat schon in den vielen kleinen Dingen bewiesen, dass er da ist. Er lässt uns nicht in der Trauer verzagen, nicht im Leid allein zurück. Er lässt uns wachsen und schickt uns einen „unverhofften Gruß“ (Str. 1), wenn wir in der „Bedrängnis“ sind – und weist uns einen Weg (Str. 2), an den wir nie dachten, den wir nicht auf unserem „Schirm“ hatten. Wir sind eingeladen, achtsam zu sein, denn die Offenbarung kündigt sich im Verborgenen an, doch spätestens am „strahlenden Gesicht“ (Str. 3) unseres Gegenübers werden wir erkennen, dass sie gekommen ist…

[Dennis Riehle]

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Leserbrief zu
„Dürfen Christen Yoga betreiben?“, „idea Spektrum“ 36/2017

Die „Freiheit eines Christenmenschen“ besteht auch darin, sich selbst ein Bild darüber zu machen, was in der Verantwortung von uns Gläubigen liegt: Sind wir nicht selbst in der Lage, für uns allein zu entscheiden, ob „Yoga“ nun mit den christlichen Wertvorstellungen in Einklang zu bringen ist?

Müssen darüber Experten, Kirchenväter oder Seelsorger befinden? Brauchen wir diese ständigen Ratschläge, wie wir unser Leben zu gestalten haben? In 1. Mose 3,22 macht Gott deutlich, dass er uns durchaus zutraut, zu entscheiden, was „gut“ und „böse“ ist.

Da braucht es nicht den erhobenen Zeigefinger, natürlich gern eine Debatte, aber keine mit erhobener Stimme versehenen Tipps, Warnungen oder Verbote, die an die Zeit erinnern, als uns die Kirche noch vorgab, was Sünde ist. Heute sind wir weiter und fühlen aus unserem tiefen Glauben heraus, was mit unseren Überzeugungen vereinbar ist. Dafür reicht ein Hören auf den Heiligen Geist, manchmal auch auf unseren Bauch, ab und zu auf unsere Vernunft.

[Dennis Riehle]

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