Kommentar

Irgendwie schien mit dieser Presseaussendung wieder einmal ein Projekt umschrieben, bei dem ich mich fragte, ob man die Gesellschaft von Konstanz überhaupt mitnimmt in Zeiten, in denen wir uns mehr denn je Gedanken darüber machen, in welche Richtung sich unsere Stadt eigentlich entwickeln soll. Die „Vierländerregion“ bietet sich in der bayerischen Hauptstadt auf einer großen Messe dar – und Konstanz ist mittendrin im Werben um neue Investoren für sich, für die „Gründerstadt“ am See, zwischen Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein, die attraktiv gemacht werden soll für Firmen diesseits und jenseits der Grenze, doch niemand interessiert sich dafür, ob hinter diesem Stand B1.023 auf der EXPO REAL in München auch die Menschen mit ihren Meinungen von der Zukunft Konstanz‘ stehen, wenn die Wirtschaftsförderer der Stadt sich sichtbar Mühe geben, neue Interessenten zu finden, die Geld in die Kassen bringen.

Ja, natürlich können wir uns nun alle aufmachen und reisen gemeinsam zur Messe, um uns dort mit den Verantwortlichen zu unterhalten, wie wir das eigentlich sehen, als die einfachen Bürger. Doch warum vermisse ich eine Diskussion hier vor Ort, die wir parallel zu den Bemühungen der Marketingstrategen führen, die Konstanz in ein rechtes Licht rücken wollen bei den Unternehmen in der Welt? Eine Debatte darüber, ob Konstanz das eigentlich will, ob es allein um jene werben möchte, die uns wirtschaftlich stark machen, sozial aber nicht immer weiterbringen. Wir beschäftigen uns oft mit Einzelfragen, ob wir ein Gebäude an der Straße XY haben möchten, ob eine Straße nun links oder rechts Parkplätze aufweisen oder ob ein Quartier eher mehr oder weniger Wohnungen für junge Familien mit sich bringen sollte. Aber haben wir uns auch schon genügend Gedanken darüber gemacht, wo Konstanz in seiner Gesamtheit hin möchte? Wirtschaftsstandort, Stadt der kulturellen und sozialen Vielfalt, Touristenziel, Wissenschaftshochburg, Zentrum für Immobilienhaie – oder alles gemeinsam?

Wir werben auf einer Fachmesse um neue Investoren, vor allem für den wirtschaftlichen Bereich. Und das ist einerseits auch richtig so. Denn Konstanz wird sich zukünftig nicht mehr allein auf den Tourismus verlassen können, wenn es darum geht, die ökonomische Vielfalt in der größten Stadt am See abzubilden. Da braucht es Innovationen, für die der Hochschulstandort und ein Zentrum für neue Technologien auch bekannt ist. Aber wenn wir nun um neue Firmen ringen, die sich in Konstanz niederlassen sollen, vor allem auch um kleinere Unternehmen und Gewerbetreibende, die dem Platzmangel angemessen nicht den Raum benötigen, den große Betriebe für einen funktionierenden Standort bräuchten – treten wir dann nicht in Konkurrenz um Wohnraum, um nötige Flächen für Menschen, die auch irgendwo leben müssen, gerade auch dann, wenn wir ihnen zur Fahrt ins neue Großraumbüro nach Konstanz keine ewig langen Fahrten zumuten möchten?

Ja, wir haben verschiedenste Handlungsprogramme und somit die unterschiedlichsten Kochfelder, auf denen wir gleichzeitig arbeiten. Doch köchelt es dort auch ausgewogen? Oder droht nicht vielleicht der Topf, in dem wir uns nun um die wirtschaftliche Zukunft von Konstanz bemühen, überzulaufen, weil wir vor Begeisterung über unsere Innovationskraft aus den Augen verlieren, dass es noch immer die Wohnraumsituation ist, die Konstanz nicht nur zu spalten droht, sondern die gar unser Wachstum generell verhindern und uns abschotten könnte von der Außenwelt, die zu Recht aufgrund der guten Standortbedingungen an den Bodensee drängt? Und wie steht es um den Dampfdruck aus, der uns die in die Höhe schießenden Mieten, den unendlich steigenden Bedarf, das viel zu geringe Angebot und die wachsende Blase am Immobilienmarkt um die Ohren zu hauen droht?

Ich fürchte, dass mit dem Engagement auf der EXPO REAL wiederum ausländische Investoren nach Konstanz gelockt werden, die die Situation auf dem Wohnungsmarkt nicht einfacher machen – und auch nicht die für deutsche Firmen. Darum stellt sich auch hier die Frage, wie sich Konstanz definieren will: Als ein Mekka mit vergleichsweise niedrigen Mieten für die, die es sich leisten können – ob nun auf dem Markt für Immobilien, die später einmal als Wohnung genutzt werden für Schöne und Reiche aus dem In- und Ausland, oder eben auf dem, der Gewerberäume für jene zur Verfügung stellt, welche im Wettbewerb mit hiesigen Mietern aufgrund ihres Geldbeutels nur gewinnen können? Wollen wir Spitzenreiter in den Außenstellen von auswärtigen Investoren werden, die Konstanz für sich vereinnahmen und damit abkapseln vom Angebot für Betriebe aus der Region?

Und ringen wir tatsächlich genug um das Miteinander zwischen Wohn- und Gewerberaum, wenn wir uns derart prominent und überzeugt auf einer Messe präsentieren, die laut Pressemitteilung „die Gelegenheit [bietet], die Kontakte mit Investoren, Projektentwicklern, Immobilienmaklern und Expansionsabteilungen weiter zu vertiefen und neue Interessenten für Konstanz als Investitionsstandort zu gewinnen“? Und wie authentisch klingen Worte, die schwärmen „vom großen Kultur- und Freizeitangebot und hohen Gästezahlen, über die sehr gute Arbeits- und Lebensqualität sowie zwei angesehenen Hochschulen, die Nachwuchskräfte fördern“, wenn wir doch eigentlich wissen, dass es in Konstanz rumort. Zwischen denen, die sich abgehängt fühlen von einer prosperierenden Gesellschaft, die im Wohlhaben schwelgt und vor Ort mehr denn je darstellt, wie Vermögen über das Bild einer Stadt schon heute bestimmen kann. Und denen, die sich fragen, ob Konstanz noch „ihre“ Stadt ist, wenn sie überrannt wird als Touristenhochburg und Einkaufszentrum, das sich mittlerweile mehr nach seinen Gästen als nach der eigenen Bevölkerung zu orientieren scheint.

„Konstanz gilt als das Zentrum dieser dynamischen, stark wachsenden Zukunftsregion“, so verheißt es die Pressemitteilung zur Präsenz der Stadt auf der EXPO REAL. Doch wohin wachsen wir? Und wollen wir überhaupt so weiterwachsen, wie es in den vergangenen Jahren geschehen ist? Solche Fragen blenden wir gerne aus, denn sie könnten gerade in Zeiten, in denen sich der Wutbürger an den Urnen deutlich Ausdruck verliehen hat und Wahlergebnisse eine Schere zeigen, die gerade für Konstanz soziale Sprengkraft mit sich bringt, unangenehm werden, wenn sie von denen beantwortet werden sollen, die seit jeher hier leben oder wissen möchten, ob sie jemals die Chance haben dürften, sich am Bodensee niederzulassen. Denn auch wenn wir den „Campus Konstanz“, „Petershausen West“ oder das „Stromeyersdorf“ auf der Messe als „konkrete gewerbliche Projekte“ vorstellen, so schwingt doch mein Unmut mit, nur eine Seite der Medaille zu sehen, nur eine Perspektive für Konstanz, an dem gerade viele Interessen nagen…

Nein, man möge mich nicht falsch verstehen. Ich spreche mich nicht gegen den Wirtschaftsstandort Konstanz aus. Ich habe auch nichts gegen jene, die hier verantwortungsvoll Ökonomie leben möchten. Und auch nicht gegen jene, die ethisch verantwortbar wohnen wollen. Aber ich bin dafür, Politik und Public Relations nicht vorbei an den Menschen zu betreiben. Sich nicht das Stimmungsbild einzuholen, nicht zu hinterfragen, was Konstanz mit seinen Bewohnern denn möchte, das empfinde ich als fahrlässig – und befürworte viel eher, dass wir gemeinsam, unter Wahrung aller Belange, Notwendigkeiten und Zwänge, im Diskurs und in einem Verhandeln zu einem Weg finden, wie wir Konstanz zu einer lebenswerten Stadt machen und sie bleiben können. Kommunizieren wir nicht nur mit Investoren, sondern auch mit Bürgern. Werben wir bei ihnen für die besten Lösungen – und hinterfragen wir manches Mal auch, wie derart isolierte Maßnahmen wie Stand B1.023 bei den Menschen vor Ort ankommen mag, bei denen, die momentan damit zu kämpfen haben, ihre nächste Miete zusammenzukratzen…

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Entscheidung der dritten Instanz über die „Meinungsäußerung“ eines AfD-Sympathisanten gegenüber OB Burchardt, SÜDKURIER Konstanz vom 16.09.2017

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Die Meinungsfreiheit gilt als eines der höchsten Güter in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und gerade in Zeiten, in denen sie andernorts mit Füßen getreten wird, können wir froh darüber sein, dass sie bei uns liberal praktiziert werden darf. Doch wo liegen die Grenzen, wann beginnen Schmähungen in Verleumdung, Beleidigung und persönliche Angriffe überzugehen, die nicht mehr vom Gesetz gedeckt sind?

Die Äußerungen eines AfD-Sympathisanten sind nicht nur etwas gegen den guten Geschmack, sie sind für mich persönlich, als Nicht-Juristen, ehrverletzend. Und meine Verärgerung richtet sich gegen ein Klima, in welchem solche Wortmeldungen noch hoffähig gemacht werden, gegen soziale Medien, die eine Verrohung von Sitten tolerieren, gegen eine Gesellschaft, die sich kaum empört, wenn Mitmenschen in dieser unredlichen Art angegangen werden.

Nicht aber gegen die dritte Instanz, die nun befunden hat, die Anspielungen gegen Oberbürgermeister Burchardt seien von der Meinungsfreiheit gedeckt. Denn vor Gericht verhandeln wir nicht, was Anstand ist, sondern ob in einem Gesamtzusammenhang davon ausgegangen werden kann, dass eine Anspielung ironisch, nicht ernst gemeint, sondern als flapsiger Unterton angesehen werden muss, gegenüber dem gerade Personen des öffentlichen Lebens standhafter sein müssen, weil sie sich in ihrer Arbeit selbst darauf berufen dürfen, die Meinungsfreiheit breit auszulegen.

Auch wenn mir das nicht gefällt und für mich jeder dieselbe unantastbare Würde besitzt, ist dieses Eingeständnis die zweite Seite der Medaille unseres Rechtsstaates.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zum Hohelied auf die Frauenklinik Konstanz, SÜDKURIER vom 26.08.2017

Wir sollten manchmal etwas dankbarer sein. Beispielsweise dafür, dass wir vor Ort noch ein Krankenhaus haben, das in einer kommunalen Gemeinschaft und nicht von privaten Trägern gehalten wird. Wer heute die Bedingungen für Hospitäler kennt, von Vorschriften bis zu Pauschalen, der weiß, dass es viel Talent braucht, um all diese Barrieren zu überwinden – und gleichzeitig dem Patienten, den Mitarbeitern und den Aufsichtsbehörden nach deren hohen Ansprüchen zu genügen.

Meine Erfahrungen zeigen mir, dass am Konstanzer Klinikum engagierte Ärzte und Therapeuten arbeiten, die sich interessiert dem Erkrankten zuwenden. Meist auch gewilltes Pflegepersonal, dem man verständlicherweise zubilligen muss, unter schwierigen Vorzeichen mit immer weniger Zeit für den Einzelnen auch nur Mensch zu sein. Reinigungskräfte, Techniker und Hausmeister, die ihren Job sehr ernst nehmen, das zu erkennen, dafür reicht es, einmal mit offenen Augen durch das Haus zu gehen. Und nicht zuletzt eine Geschäftsführung, die versucht, den Laden zusammenzuhalten – und die das bisher, trotz aller Kritik, eigentlich ganz gut macht.

Denn die Versorgung ist gewährleistet, auch wenn wir oftmals feststellen müssen, dass aus unserem externen Auge, mit dem wir aber nicht die Schwierigkeiten innerer Abläufe erkennen können, an der Organisation noch etwas zu verbessern wäre. Dennoch: Mit einer so funktionierenden Gesundheitsversorgung, mit breit angelegten Fachbereichen und einem stetigen Willen, in Ausstattung und Einrichtung modern zu bleiben, können sich wahrlich nicht alle Regionen in Deutschland rühmen, die neidisch nach Konstanz blicken, wo das Krankenhaus noch wohnortnah eine vielfältige Abdeckung an Leistungen erbringt, die wir oft viel kritischer hinterfragen, als es vielleicht nötig und zulässig wäre.

[Dennis Riehle]

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

ich sorge mich um unser Industriegebiet. Nach dem tödlichen Vorfall in der „Grey“-Discothek war Konstanz in aller Munde. Doch es war keinesfalls wünschenswert, solchen Ruhm zu erhalten. Viel eher warf das Ereignis Fragen auf: Wissen wir genug über die Etablissements, die sich in Konstanz niedergelassen haben? Und nehmen wir die Kontrollfunktionen wahr, die der Stadt und den Sicherheitsbehörden gegeben sind, wenn wir doch wiederkehrende Hinweise darauf erhalten, dass in unserem Gewerbegebiet immer häufiger Kriminalität an der Tagesordnung ist?

Wenn ich die Pressemitteilungen verfolge, dann lese ich zunehmend von Problemen im hiesigen Industriegebiet. Kleinere Vergehen, aber auch Kriminalität, die für Konstanz eigentlich unüblich erscheint – all das kommt uns mittlerweile regelmäßig zu Ohren.

Der Ruf von Konstanz leidet, gerade auch, wenn die Menschen Schlagzeilen wie die der BILD-Zeitung vom 02.08.2017 lesen: „Todesfall in Konstanz – Türsteher: Ein Job zwischen Party, Sex und Gewalt“. Sind vielleicht nicht nur Türsteher in Konstanz also wirklich derartigen Gefahren ausgesetzt? Und wenn ja, warum ist das so?

Wer hat versagt bei dem tödlichen Angriff in der Konstanzer Diskothek? Einfach lässt sich diese Frage sicher nicht beantworten. Und doch muss man sie stellen dürfen, immerhin handelt es nicht um das erste Vorkommnis im Industriegebiet. Die Ereignisse in der dortigen „Shisha“-Bar sind noch im Gedächtnis, aber kleinere Zwischenfälle gibt es immer wieder.

Anwohner und Gewerbetreibende bringen das zum Ausdruck, wenngleich nicht alles medial und gesellschaftlich wahrgenommen wird. Und doch besteht offenbar seit längerem eine Unruhe, bekommt man doch nicht selten mit, wie nächtlich die Polizei vorrücken muss, um wieder einmal zu schlichten. Kann es aber Aufgabe der öffentlichen Hand sein, Einrichtungen wie Discos und Kneipen zu schützen?

Es darf nicht im Zuständigkeitsbereich der Stadt oder anderer Behörden liegen, dort für Ordnung zu sorgen. Viel eher müssen die Inhaber der Lokalitäten in die Pflicht genommen werden, mit privaten Sicherheitsdiensten und anderen Maßnahmen einzuschreiten. Hier hoffe ich auf eine Aufarbeitung im Gemeinderat, der deutliche Worte finden möge und die Verwaltung dort zum Handeln bringt, wo es denn möglich ist.

Es wäre fatal, wenn Konstanz dieser Tage mit den terroristischen Vorfällen in Hamburg zusammenhanglos in einem Atemzug genannt wird, ohne zu differenzieren, dass die „Metropole“ hier am Bodensee doch eigentlich immer noch ein friedlicher Platz für Touristen und Einheimische ist.

Herzliche Grüße

Ihr

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Die Dramatik ist eigentlich unübersehbar. Und doch weiß man kaum, wem man die Schuld geben soll. Innerhalb eines Jahres steigt die Zahl der Sozialpass-Inhaber in Konstanz um 15 Prozent. Viel mehr als eine Pressemitteilung wird es wohl letztendlich nicht wert sein, dabei sind solche Zahlen wichtiger als jeder Umfragewert zur Bundestagswahl, weil sie die Lebenswirklichkeit der Menschen abspiegeln. Und ich habe wahrlich auch nichts gegen die „Diesel“-Affäre, denn auch ich bin für saubere Luft. Aber es wäre doch tatsächlich wünschenswert, wenn es nicht nur kommunal, sondern vor allem auch überregional Themen in unseren Fokus schaffen würden, die Wahrheiten abbilden und verdeutlichen, was sie tatsächlich sind: Alltagswahrheiten. Keine Fiktion, kein Spaß. keinerlei Übertreibungen.

Ein Sozialpass bedeutet, dass das Geld nicht einmal mehr reicht, um sich einen Besuch in einer kulturellen Einrichtung aus eigener Tasche leisten zu können. Wie demütigend ist es, wenn ich meinen Nachweis vorzeigen muss, um meine Busfahrkarte günstiger zu bekommen – denn offenkundig gehöre ich nun zu denjenigen, die am untersten Ende der Gesellschaft Sozialleistungen empfangen, die mein Dasein ermöglichen. Natürlich ist das nicht so dramatisch wie in Afrika, doch für unsere Verhältnisse, für das, was denkbar wäre, ist es ein Skandal. Denn es sind eben nicht mehr nur die Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit, es sind immer mehr Rentner, denen das Geld im Alter nicht reicht, um die Miete zu bezahlen – und daneben zumindest im Sommer ins Schwimmbad zu können. Dabei haben wir doch so viel Vermögen wie wohl selten, nur bunkern wir es an der Spitze des Eisberges bei denen, die nicht mehr wissen, wo die Scheine denn noch gelagert werden sollen.

Die Lage hat sich durch die zunehmenden Leistungsempfänger unter den Asylsuchenden und Migranten, aber gerade auch die Senioren verschärft, die ein Leben lang gearbeitet haben – und heute eben Flaschen sammeln gehen. Wie soll das nur möglich sein? Denn eigentlich hören wir doch jeden Monat nur gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt, von „Vollbeschäftigung“ reden da schon Einige, obwohl wir noch millionenweit davon entfernt sind. Und vor allem: Nicht jeder, der auf dem Papier arbeitet, kann davon leben. Wir wissen um die prekären Beschäftigungsverhältnisse, um die vielen Teilzeitarbeitenden gerade unter den Frauen, nach der Schwangerschaft, nach der Kindererziehung, aber auch generell, weil sie eben einfach zum „falschen“ Geschlecht gehören. Und wie schnell ist man Bezieher von Wohngeld, „Hartz IV“ oder Sozialhilfe – und wird plötzlich zum Anspruchsberechtigten für den Pass, von dem man doch sonst nur in der Zeitung am Rande etwas gelesen hatte.

Da ändern sich plötzlich Perspektiven – und keiner kann so schnell hinsehen, wie sich die Situation wendete. Wen sollen wir verantwortlich machen? Und wen können wir auffordern, etwas an dieser unsäglichen Lage zu ändern? Die Stadt ist hier wohl nur bedingt unser Ansprechpartner, ich nehme ihr ab, dass sie unter Hochdruck versucht, Wohnraum für die zu schaffen, bei denen der Geldbeutel eben nicht locker sitzt. Sie kann nur Symptome lindern, weil die Rahmenbedingungen nicht wirklich die besten sind. Worauf wir kommunal drängen müssen, ist die Einhaltung des Zweckentfremdungsverbots, denn wie viele Wohnungen werden in Konstanz nicht oder nicht hinreichend zum Wohnen genutzt, sondern stehen einen Großteil des Jahres leer und könnten vielleicht auch jenen dienen, die nun auf den Sozialpass angewiesen sind. Natürlich sind es besonders die teuren Appartements, an denen über Monate die Jalousien nicht bewegt werden. Trotzdem gilt hier, auch weiterhin dranzubleiben.

Mehr können wir von Land und Bund erwarten. Ein Preisniveau in Konstanz, das seinesgleichen sucht. Die Schweiz, deren Bürger uns aus deren Sicht verständlicherweise überrennen, heben es ins Unermessliche und machen es für die hiesigen Einwohner unerschwinglich. Die Wirtschaft leidet bei jeder Überlegung, die nur im Ansatz dahin gehen könnte, den Schweizer Kunden etwas mehr abzuverlangen. Ihnen das Einkaufen und das Wohnen hier in deutscher Nachbarschaft etwas weniger schmackhaft zu machen als eben bisher. Wir reden wieder und wieder von Mehrwertsteuerrückerstattungen, die doch endlich begrenzt und erst ab einem Mindestbetrag ansetzen sollten. Doch mit den momentanen Personen in Verantwortung dürfte sich kaum etwas ändern lassen an der jetzigen Praxis, die die „pempert“, denen es im Vergleich zu einem Konstanzer Sozialpass-Empfänger traumhaft ergehen wird. Und so sind es die Inhaber dieser deutschen Unterstützung vom Amt, die indirekt auch unter dem Eigennutz von Schweizer Kaufinteressenten stöhnen müssen.

Die Mietpreisbremse ist ebenso eine Maßnahme, die zwar gut gemeint, aber schlecht umgesetzt ist, denn sie bringt so gut wie nichts. Kaum jemand hält sich an die Regeln, die Marktwirtschaft ist in diesem Bereich seit langem ausgehebelt, weil der Bedarf eine Blase gebildet hat, die scheinbar in noch so große Größen wachsen kann, das Angebot nahezu erdrückt und die Mieten so steigen lässt wie eigentlich nie zuvor. Dort, wo man sich früher im guten Bürgertum seine vier Wände leisten konnte, braucht es heute Zuschüsse des Staates, um für die monatlichen Zahlungen, die Nebenkosten und Mehrbedarfe aufkommen zu können – und schlussendlich bleibt nichts mehr für ein Mal im Monat ins Theater, vielleicht auch in ein Museum oder zu einem Konzert. Wer ein „soziokulturelles Existenzminimum“ erreichen will, der braucht den Sozialpass heute öfter denn je.

Das Bild ist nahezu pervers, das sich zeichnet, wenn wir sehen: Menschen arbeiten mehr denn je, können sich immer weniger leisten, trotz Mindestlohn und anderer Eingriffe in die ach so sich selbst regulierende Systematik der freien Wirtschaft, die den Arbeitnehmer heute derart ausbeutet, dass ihm am Ende nur noch der Gang zur Konstanzer Stadtverwaltung bleibt. Mit gesenktem Haupt und vollkommen gehemmt, obwohl niemand der Bezieher eines Sozialpasses etwas dafür kann, darauf angewiesen zu sein. Im Gegenteil: Schämen müssen sich die, die zulassen, dass solche Zustände in Deutschland Wirklichkeit geworden sind. In einer Republik, die täglich neu ihren Wohlstand verkündet, dann aber kleinlaut wird bei Statistiken, die Brutales offenbaren: Wir schaffen es nicht mehr, die Mitte unserer Gesellschaft mit ins Boot zu holen. Wen das nicht alarmiert, den schockieren auch Kims neue Raketentests nicht mehr.

Ein Einkommen für jeden, das niemanden mehr abhängig macht vom Betteln beim Finanzminister. Eine Umverteilung, die zu einer Gerechtigkeit führt, bei der jeder durch Leistung seinen Wohlstand mehren kann, bei der aber niemand mehr darum fürchten muss, nicht zumindest einen Grundbetrag im Monat verwalten zu können, der für das Überleben ohne Sozialpass ausreicht. Manche der großen Probleme, die Deutschland tatsächlich hat, die aber von „Eier-Skandalen“ und Urlaubsbildern der Kanzlerin überdeckt werden, könnten nach der Bundestagswahl gelöst werden. Doch dafür bräuchte es in Deutschland Reformbereitschaft. Und die gibt es nicht, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass eine Polarisierung zwischen Arm und Reich „normal“ ist in unseren Tagen. Dass sie das aber eben gerade nicht sein kann, das bestätigen die kleinen Notizen zwischendurch: 2989 Sozialpässe sind in Konstanz im Umlauf. Man möge es sich „auf der Zunge zergehen“ lassen…

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zur Berichterstattung über die Schießerei in der Konstanzer Diskothek, SÜDKURIER vom 31.07.2017 (ff.)

Wer hat versagt bei dem tödlichen Angriff in der Konstanzer Diskothek? Einfach lässt sich diese Frage sicher nicht beantworten. Und doch muss man sie stellen dürfen, immerhin handelt es nicht um das erste Vorkommnis im Industriegebiet.

Die Ereignisse in der dortigen „Shisha“-Bar sind noch im Gedächtnis, aber kleinere Zwischenfälle gibt es immer wieder. Anwohner und Gewerbetreibende bringen das zum Ausdruck, wenngleich nicht alles medial und gesellschaftlich wahrgenommen wird. Und doch besteht offenbar seit längerem eine Unruhe, bekommt man doch nicht selten mit, wie nächtlich die Polizei vorrücken muss, um wieder einmal zu schlichten.

Kann es aber Aufgabe der öffentlichen Hand sein, Einrichtungen wie Discos und Kneipen zu schützen? Es darf nicht im Zuständigkeitsbereich der Stadt oder anderer Behörden liegen, dort für Ordnung zu sorgen. Viel eher müssen die Inhaber der Lokalitäten in die Pflicht genommen werden, mit privaten Sicherheitsdiensten und anderen Maßnahmen einzuschreiten.

Es wäre fatal, wenn Konstanz dieser Tage mit den terroristischen Vorfällen in Hamburg zusammenhanglos in einem Atemzug genannt wird, ohne zu differenzieren, dass die „Metropole“ hier am Bodensee doch eigentlich immer noch ein friedlicher Platz für Touristen und Einheimische ist.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
Berichterstattung über die Auseinandersetzung zwischen OB und Stadtrat Holger Reile zum „Bodenseeforum“, SÜDKURIER vom 20. Juli 2017

Merkwürdigerweise ist mir noch niemand begegnet, der durch den satirischen Beitrag von Holger Reile vom Konstanzer „Bodenseeforum“ abgeschreckt ist.

Man mag sich wundern, woher die scheinbar so vielen verunsicherten Anrufe kamen, die bei der Stadt nach Veröffentlichung des Artikels eingegangen sein sollen. Wäre es tatsächlich so, müsste man vielen Wirtschaftsinteressierten, die das Veranstaltungshaus unterstützen oder es nutzen möchten, doch die Frage entgegenhalten, ob beim Lesen von Reiles Zeilen nicht zumindest der Hauch von Zweifel aufgekommen ist, ob solch parodistische Formulierung denn tatsächlich etwas mit der Wahrheit zu tun haben könnte.

Der entstandene Schaden ist für den Oberbürgermeister und die Verwaltung weitaus größer: Nicht nur der am Image, das vom Vorwurf angekratzt sein dürfte, man verstehe keinen Spaß – aber auch der am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, dem unser gesamtes Staatswesen unterstellt ist. Denn kann es in Relation stehen, mit Kanonen auf possierliche Glossen zu schießen?

[Dennis Riehle]

Kommentar

Muss sich der Bodanrück nun ernsthafte Sorgen machen? Der SÜDKURIER hat ihn herabgestuft. Nicht mehr auf der ersten Seite eines gesonderten Teils erschien plötzlich die Rubrik um die Konstanzer Vororte, Allensbachs und der Reichenau, sondern untergeordnet im Konstanzer Lokalteil – also dort, wo man auch früher die Meldungen suchen musste, die der Tageszeitung offenbar nicht wichtig genug erschienen, um ihnen einen eigenen Platz zuzubilligen. Denn nein, es ist wahrlich kein übertriebenes Profilierungsbedürfnis, auch kein abgrenzendes Verhalten, wenn Menschen auf dem Bodanrück mit einem gesunden Selbstbewusstsein feststellen, dass ihre Uhren noch ein wenig anders ticken als die in der Stadt.

Gerade die jüngere Vergangenheit hat bewiesen, dass man auch zwischen Allensbach und Litzelstetten Schlagzeilen produzieren kann – und diese eigentlich nicht geeignet sind, unter ferner liefen unterzugehen. Natürlich ist man von der Mainau bis nach Dettingen ein Teil der Stadt Konstanz – und die wiederkehrende Frage nach der Identität der Teilorte würde wohl auch die Mehrheit heute, anders noch als zu Zeiten der Eingemeindungen, als sich das Meinungsbild nicht einheitlich darstellte, mit Überzeugung zugunsten der Zugehörigkeit zu Konstanz beantworten. Doch ist es nicht legitim, dass man auf dem Land bei aller Urbanisierung den Wunsch verspürt, den Charakter des Umlandes hochzuhalten – und damit einen im positivsten Sinne gehaltenen Gegenpol zum Leben und dem Geschehen in der Stadt zu bilden?

Diese Idee steckte eigentlich hinter dem Gedanken, als der SÜDKURIER sich entschieden hatte, der Eigenständigkeit der Gemeinden Allensbach und Reichenau, aber auch dem weiterhin bestehenden Wesen von Unterschiedlichkeit in der Einheit der Stadt Konstanz Rechnung zu tragen und dem Bodanrück eine eigene Titelseite im vierten Buch des SÜDKURIERS zuzugestehen. Daher überraschte jetzt auch, weshalb es wohl plötzlich eine „Rolle rückwärts“ gab. Gerade Allensbach und Reichenau lassen sich sicherlich nicht gerne von Konstanz vereinnahmen – und hatten damals besonders darauf gedrängt, endlich die Bedeutung zugemessen zu bekommen, die sie als unabhängige Verwaltungseinheiten auch haben. Immerhin sagt die Sortierung einer Zeitung auch etwas darüber aus, welche Wichtigkeit den einzelnen Ortschaften und Gemeinden durch die Redaktion zugestanden wird.

Gerade auf dem Land, aber auch in kleinen Gemeinden haben Vereine, bürgerschaftliches Engagement und aus städtischer Sicht bedeutungslosen Veränderungen noch einen viel größeren Einfluss auf den Alltag der Menschen. Da lebt die Dorfgemeinschaft von der Solidarität und will sich bewusst nicht auf die Anonymisierung einlassen, die in der Stadt voranschreitet und dort durch manch unpersönliche Infrastruktur und künstlich erzeugte Sozialgemeinschaft kompensiert wird. In der Peripherie ist man stolz darauf, was der Einzelne leistet und als Beitrag in das Miteinander einbringt. Weniger die großen Skandale sind es, die hier polarisieren, es sind die kleinen Probleme von rückläufiger Nahversorgung bis hin zur Größe des Neubaus um die Ecke, die uns beeindrucken – aber vor allem auch die erfreulichen Ereignisse von Ideen und Projekten, die dem Ländlichen Raum in Zeiten, in denen sein Image nicht immer das beste zu sein scheint, Hoffnung geben.

Meldungen aus der Region abseits des kernstädtischen Geschehens haben gleichsam ihren Wert, um einen angemessenen Platz und damit die passende Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie auch in Epochen verdient haben, in denen wir die großen Sensationen erhaschen wollen. Dabei sind es nicht immer die Nachrichten mit den größten Aufregern, die die nachhaltigsten Wirkungen hinterlassen. Emotionen können auch durch die ganz ruhigen Geschichten angesprochen werden, die nicht durch ihre Lautstärke überzeugen, sondern durch die Faszination darüber, was ganz nebenbei jeden Tag bei uns in Bewegung scheint, ohne, dass man es eigentlich auf dem Titelblatt vermuten würde. Genau diese Chance wollte der SÜDKURIER doch geben, über all das berichten, was am Rande von Konstanz, auf dem Bodanrück in seinen Ortschaften und eigenständigen Gemeinden so selbstverständlich erscheint – und nun in den Mittelpunkt gerückt werden sollte.

Es wäre schade, wenn der hiesigen Zeitung nun die Puste ausgehen sollte, den Stellenwert solcher oftmals eher als „weich“ wahrgenommener und in einigen Journalistenkreisen verpönter „Storys“ auch fortan hochzuhalten und sie viel eher wieder in der Vielzahl der Zeilen des Konstanzer Lokalteils unterzubringen. Gleichermaßen freuen sich die „Bodanbürger“ über einen ungeahnten Zuspruch für ihren Kurs, der darin bestärkt, dem Bodanrück eine eigene Stimme zu geben.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„WOBAK muss günstige Wohnungen bauen – Teure Litzelstetter Wünsche nicht finanzierbar“, Presseinformation der SPD Konstanz vom 30. Juni 2017

Nicht nur ich setze mich seit Beginn an dafür ein, dass die Stadt Konstanz, auch der Gemeinderat Konstanz, endlich die Herausforderung der Zukunft für Litzelstetten erkennen möge, nämlich wohnortnahe Versorgung für pflegebedürftige Menschen in einen gemischten Wohnbau, der auch Raum für sozial Schwächere schafft, zu integrieren.

Das ist also wahrlich kein Sonderwunsch des Ortschaftsrates, der jetzt plötzlich auftaucht, sondern er wird sogar von Vertretern aus den Reihen der hiesigen Zivilgesellschaft seit längerem vertreten, die in den Ort möglicherweise mehr Einblick haben dürfte als der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der WOBAK. Wenn Herr Weber als Sozialdemokrat hochbetagte Menschen mit dem Ziel, auch im Alter vor Ort bleiben und sich gegebenenfalls betreuen lassen zu können, gegen jene ausspielt, die zweifelsohne händeringend nach Wohnraum suchen, dann sagt das doch Einiges über den sozialen Weitblick der Partei, für die er wohl spricht.

Weber mag vielleicht die Situation der Kernstadt kennen, aber sie lässt sich nicht ohne Weiteres auf die Vororte übertragen. Er sollte nochmals die Zahlen ansehen, die uns Statistiker zur Bevölkerungsentwicklung für den Teilort schon vor Jahren präsentiert haben. Überhaupt überrascht das plötzliche Interesse für ein Bauprojekt in der Peripherie, die nicht immer diese Aufmerksamkeit des Stadtrates genießt. Webers einseitige Stellungnahme blendet überdies vollends aus, dass die WOBAK nicht sonderlich fair mit den Bürgern in Litzelstetten umgegangen ist. Wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, dann waren es die Forderungen aus Richtung der Wohnungsbaugesellschaft selbst, die für sich sprechen.

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Nein, ich bin nicht generell gegen touristische Attraktionen. Und nein, natürlich läge es mir fern, die Bedeutung von Anziehungspunkten für Gäste als wichtigen Beitrag zur Förderung der Gastfreundlichkeit und ganz besonders des Umsatzes für die Fremdenverkehrswirtschaft herunterzuspielen. Doch was mit dem „Bodenseeforum“ im Großen möglich ist, das geht auch im Kleinen. Litzelstetten macht vor, wie ansteckend diese Krankheit sein kann, diese Angst vor den wirklich wichtigen Themen, die dazu führt, dass sich die Wohlstandsgesellschaft von dem ablenken muss, worauf wir mit sehenden Augen zurasen. Und was könnte unsere Aufmerksamkeit besser mitnehmen in das Land der Träume und des Nonsens als Spielereien, die der Bevölkerung suggerieren, man sei kreativ und vor allem aktiv, ohne dabei aber irgendeinen Punkt angesprochen zu haben, der mit sozialer und ökologischer, mit sinnvoll anmutender Nachhaltigkeit zu tun hat.

In der vergangenen Ortschaftsratssitzung ging es wesentlich um den Blick. Um den Blick auf den See, auf den Wald, auf die Natur und die Umgebung. Ein Aussichtsturm über die Wipfel am hoch gelegenen Grillplatz, eine Aussichtsplattform am Ufer mit direkter Ausrichtung auf das nicht sichtbare Weltkulturerbe, die Pfahlbaureste unter Wasser, und um einen Aussichtsplatz mit einer Trockenmauer auf dem Purren, von dem aus man eben in die Weite gucken kann. Ob das alles mit dem Naturschutz vereinbar ist, man muss es prüfen. Hätte man auch zuerst tun können, aber dann wären die frischen Ideen vielleicht nicht mehr so warm gewesen wie gerade jetzt, als der Ortschaftsrat wiederentdeckte, was schon seit Jahren immer wieder debattiert wird: Wie kann sich der Teilort wappnen für die Zuströme von Gäste, die nur darauf warten, endlich hier, in diesem Dorf mit seinem noch immer umstrittenen Blick auf die Blumeninsel, dort, wo schon seit Jahren über einen Steg mit Schiffsverkehr und früher gar über ein schwimmendes Hotel diskutiert wurde, Aussicht wagen zu können? Als hätten wir nichts Anderes zu tun…

Zweifelsohne, man merkt wieder etwas von dem „Professorendorf“ (dabei sind es Professoren hier, die – ohne Ironie – die sinnvollsten Vorschläge für unseren Ort einbringen und anpacken, statt zu philosophieren), das nicht teilzuhaben scheint an den Nöten derer, die schon heute spüren, wie schwierig es überhaupt ist, einen Platz in der Dorfgemeinschaft zu finden. Dass Litzelstetten in den statischen Erhebungen den größten Anteil aller Hochbetagten unter allen Stadtteilen haben wird, wenn wir vorausschauen, man nahm es vor einigen Jahren zur Kenntnis. Lieber befasste man sich aber damit, ob Gäste und Einheimische auch einen schönen Ausblick haben, als sich damit auseinanderzusetzen, wie die über 80-, 90-Jährigen fortan im Ort leben und versorgt werden. Da debattiert man eben besser darüber, wie hoch ein Turm werden muss, um die Bäume zu übertrumpfen und den Weitblick genießen zu können, als sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn das mittlere Alterssegment, die 40-Jährigen, künftig im Ort nur noch Mangelware ist. Oder man berechnet, wo ein Aussichtspunkt am See liegen müsste, um Mainau, Uhldingen und die Birnau gleichzeitig erblicken zu können, anstatt zu überlegen, wie wir jungen Familien ein attraktives Lebensumfeld bieten können, das über eine elitäre Stimmung unter den Menschen hinausgeht. Statt darauf zu bauen, wie in 10 oder 20 Jahren Synergien des Miteinanders, des Bürgerschaftlichen Engagements für die Dynamik eines Ortes, der nicht zum „Schlafdorf“ werden möchte, genutzt werden können, sind es Schilder, Gaupen und Busverbindungen, die stundenlangen Raum in unseren Sitzungen einnehmen.

Nein, wir können den Demografischen Wandel nicht ändern. Aber: Wir können uns darauf vorbereiten. Wir können versuchen, seine Auswirkungen abzufedern. Und wir können entgegenwirken, wenn wir denn wollten. Möglicherweise ist es die Größe der Herausforderung, die das Gremium des Ortschaftsrates abschreckt, das Thema endlich in die Hand zu nehmen. Da ist es wahrlich angenehmer, über die Aussicht zu debattieren und sich zu bemühen, Litzelstetten künftig wenigstens als ein Highlight für Touristen zu erhalten. Schade wäre, wenn sie dann zwar die Alpen erblicken könnten, aber nicht einmal mehr eine Flasche zu trinken kaufen könnten. Bedauerlich auch, wenn Gäste mit ihrem Blick über den Linzgau schweifen, während sich ein paar Meter weiter ältere Menschen in ihren zweihundert Quadratmeter großen Häusern nicht mehr zurecht finden – und sich keiner um den Pflegedienst bemüht hat. Und ernüchternd auch, wenn Familien von außerhalb die Stockwerke des Aussichtsbaus erklimmen, während Familien innerhalb suchen, wo denn die nächste Schule ist – aber keine finden.

Ist es naiv – oder ist es dasselbe Denken wie in der „großen“ Politik, wo das Ringen um Lösungen nicht über die vier Jahre einer Legislaturperiode hinausgeht? Niemand fordert, dass ein Rat mit Menschen, die sich in ihrer Freizeit für ihr Dorf engagieren, ein Allheilmittel parat hat. Und doch dürfte es auch etwas mit ihrem Eid zu tun haben und verpflichten, sich um das Wohle des Ortes zu kümmern, wenn es darum geht, das Umfeld nicht nur schöner, nicht nur wohlfühlender zu gestalten. Es geht wesentlich darum, Litzelstetten zukunftsfähig zu machen – und das vornehmlich für die, die dort wohnen. Und wenn wir das erreicht haben, dann können wir uns auch gern noch um Anderes streiten, um die Aussicht beispielsweise…

[Dennis Riehle]