Offener Brief:
Versorgung mit Fachärzten und Psychotherapeuten

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Augenblick erreichen mich durchschnittlich mehrere Dutzend Hilfsgesuche von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auf der Suche nach fachkundiger Unterstützung sind. Als Selbsthilfegruppe sind wir ein ergänzendes Angebot, das nicht therapeutisch, nicht medizinisch ausgerichtet ist, sondern lediglich niederschwellige Begleitung leistet – immer öfter leider auch, weil Menschen in absehbarer Zeit keinen Kontakt zu einem niedergelassenen Facharzt finden.

Ganz abgesehen von der psychotherapeutischen Versorgung: Trotz der Reformen um die „Psychotherapeutische Sprechstunde“ und die Vermittlung mithilfe der „Termin-Servicestellen“ der „Kassenärztlichen Vereinigungen“ berichten mir viele Betroffene noch immer von drei- bis sechsmonatigen Wartezeiten auf ein Erstgespräch; manche Therapeuten nehmen überhaupt keine neuen Patienten mehr auf.

Ich stehe dieser Situation reichlich hilflos gegenüber, weil der Ansturm in den vergangenen Jahren massiv zugelegt hat: Als Ehrenamtliche müssen wir immer häufiger tröstend und ermutigend einspringen, weil das professionelle Gesundheits- und Sozialwesen überlastet ist. Die Bedarfspläne scheinen nicht mit der tatsächlichen Situation abgestimmt zu sein, noch immer gelten ja viele Kalkulationen als überholt, so sagt man.

Mich würde daher interessieren, wie die Landesregierung die Situation in Baden-Württemberg, speziell aber im Landkreis Konstanz, einschätzt, was die Versorgung mit psychiatrisch-neurologischen Fachärzten sowie psychologischen Psychotherapeuten angeht; welche Möglichkeiten sie beim Gesetzgeber erkennt und für notwendig erachtet, um der scheinbar doch auseinanderklaffenden Wahrnehmung zwischen den Bedarfen, die die Patienten formulieren, und denen, die von den Landesausschüssen aus Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen ausgehen, entgegenzuwirken – und welche Handreichung sie Akteuren im Gesundheits- und Sozialwesen, wie der Selbsthilfegruppe vor Ort, unterstützend vorschlagen kann, um hilfesuchenden Menschen bei der Suche nach Fachärzten und Psychotherapeuten optimal zur Seite zu stehen. Daneben würde ich gern erfahren, ob für die hiesige Region in absehbarer Zeit mit neuen ambulanten Fachärzten der Psychiatrie/Neurologie oder psychologischen Psychotherapeuten zu rechnen ist. Sollte für diese Frage eine Weiterleitung meines Schreibens an die KV Baden-Württemberg notwendig sein, bitte ich herzlich darum.

Ich verstehe diesen Brief auch als einen Ausdruck von Ermüdungserscheinungen, die durch die seit Jahren andauernde Vertröstung von Engagierten wie meiner Person eingetreten sind: Wir arbeiten freiwillig, um Menschen in großer Notlage zu helfen – und sind als Partner im Gesundheits- und Sozialwesen an der Seite von Ärzten und Therapeuten, um miteinander Unterstützung auf den unterschiedlichsten Ebenen, in den verschiedensten Facetten unseres Könnens und Handelns zu leisten. Ich weiß um den besonderen Einsatz der Mediziner und Psychotherapeuten hier vor Ort, die alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Für mich als Ehrenamtlichen kann ich aber feststellen, dass ich dann überfordert bin, wenn sich an den maßgebenden Strukturen über Jahre kaum Änderungen ergeben, obwohl die Bedürfnisse sich fast stetig wandeln.

Ich möchte mein Engagement weiter leisten, will die Menschen, die auf mich zukommen und darum bitten, Selbsthilfe auch als Wegweiser an Mediziner und Therapeuten nutzen zu können, gern bei der Suche und Vermittlung an die geeigneten Stellen weiterbringen. Doch wie kann mir dies gelingen, wenn mir die Grundlage für diese Arbeit, wenn eine den tatsächlichen Umständen entsprechende und ausreichende Zahl an „Niedergelassenen“ fehlt?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit
und verbleibe mit besten Grüßen

Dennis Riehle
Selbsthilfeinitiative
Zwangserkrankungen, Phobien,
psychosomatische Störungen und Depressionen

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

94, 95 … 96 Mails! Das ist neuer Rekord! Zumindest kann ich mich in meiner Laufbahn, die mittlerweile fast 15 Jahre Selbsthilfearbeit umfasst, kaum daran erinnern, dass innerhalb eines Monats so viele Zuschriften zu ein und demselben Thema auf meinem heimischen PC eingegangen sind. Im Februar 2018 waren es 96 Nachrichten, die sich ausschließlich um Depressionen drehten. Menschen aus nahezu dem gesamten Bundesgebiet schreiben in großer Hilflosigkeit – und ich hatte zwischenzeitlich Mühe, mit einer einigermaßen ausführlichen Beantwortung hinterherzukommen. Doch woran liegt das, das nicht nur bei mir der Eindruck entsteht: „Deutschland wird depressiver“?

Natürlich, das Wetter spielt eine Rolle. Ich weiß nicht, ob ich wirklich an diese Zusammenhänge glauben will, aber es war schon ordentlich grau in den letzten Monaten. Das schlägt wohl jedem auf das Gemüt, da muss man nicht einmal zu einer depressiven Stimmung neigen. Und sicher: Heute werden wir viel früher auf solch ein Krankheitsbild aufmerksam, weil wir sensibilisiert sind. Auch wenn ich an den täglichen Mails deutlich ablesen kann, wie weit es um die Akzeptanz der Depression in den Familien des Landes tatsächlich bestellt ist, sind wir informierter über eine mittlerweile nicht grundlos als „Volkskrankheit“ titulierte Symptomatik, die noch immer viele Außenstehende müde belächeln.

Dabei ist Depression weit mehr als eine vorübergehende Niedergeschlagenheit. Wer selbst schon einmal betroffen war, der weiß, wie sich das anfühlt: Energielos, mutlos, wie gelähmt. Der Sinn für das Morgen fehlt, nichts kann wirklich ablenken, die Gedankenspirale dreht sich um Sorge und Nöte der Zukunft. Da hilft kein bloßer Anwurf „Raff dich auf!“, das ist ein Zustand wie zementiert. Stimmung, Gedächtnis und Motorik können beeinflusst sein, Hoffnungslosigkeit und die Frage nach dem Wert des Lebens tun sich auf. Schwere Depressionen führen nicht selten zu psychotischen Episoden, in denen der Wahn das Heft des Handelns übernimmt. Und zwischen alledem bleibt dann höchstens Zeit für das Allernötigste: Essen, Trinken, Toilette.

Man kann ausreichend diskutieren über die biochemischen Mechanismen der Depression, den Anteil von genetischen Faktoren. Man kann zurückblicken in die Kindheit oder man sucht Persönlichkeitsstrukturen, die das Auftreten einer Depression befördern können. Wenn wir danach fragen, warum Depressionen heute gefühlt „mehr“ geworden sind als früher, dann tauchen in den vielen Mails der Betroffenen spannende Hinweise auf die tatsächlichen Ursachen manch einer Depression auf. Ich bin fest davon überzeugt: Bereinigen wir die Zahlen um die verbesserte Edukation über die Krankheit, über das frühere Aufmerksamwerden auf die Depression und die Bereitschaft, sich schneller Hilfe zu suchen, so bleibt am Schluss doch noch eine deutliche Zunahme der Krankheitsfälle in den letzten Jahrzehnten.

Und ein Stichwort begegnet dabei immer wieder: Überforderung. Wir sind mit der Familie überfordert, mit dem Job, mit dem Partner, mit unserem gesamten Leben. Immer häufiger taucht die Arbeitswelt als Faktor auf, der depressiv macht. In schnellerer Zeit sollen wir immer mehr leisten, teils in befristeten und prekären Beschäftigungsverhältnissen, daneben möglichst ganztägig präsent sein und die Arbeit vom Büro, unterwegs und zuhause aus erledigen. Wir fühlen uns häufig degradiert zum Hamster in seinem Rad, dem es an Perspektive fehlt. Nicht Wenige schreiben ehrlich, dass sie durch die neuen Medien einsam geworden sind – eine Einstiegsfalle für Depressionen. Und Andere wiederum machen die Gefühlsarmut selbst unter Angehörigen dafür verantwortlich, dass es an zwischenmenschlichen Beziehungen hakt, die aber eigentlich so wichtig sind für den Blick in die Weite.

96 Mails mit individuellen Geschichten, die oftmals aber auch gezeichnet sind von einer ewigen Suche nach Hilfe: Drei, vier, fünf und sechs Monate Wartezeit auf einen Termin beim Psychotherapeuten. Einige von ihnen führen nicht einmal mehr Wartelisten, haben einen Stopp bei der Patientenaufnahme verhängt. Bekommen wir Verhältnisse wie in den USA, dort, wo das „Consulting“ zum guten Ton dazugehört? Ich will mir eine solche Gesellschaft nicht ausmalen, in der wir auch ein Stück von unserer Freiheit aufgeben. Denn nicht selten begeben sich Patienten in ihrer Ohnmacht in eine Abhängigkeit von Therapie und Therapeut – und vergessen dabei, wie es eigentlich ist, selbstständig und auf eigenen Beinen zu leben.

Daher kann mein Rat nur sein, dass wir versuchen müssen, an den wesentlichen Stellschrauben unseres gesellschaftlichen Miteinanders zu drehen. An denen, die mitverantwortlich dafür sein dürften, dass Depressionen sprießen. Das ist auch eine politische Aufgabe. Denn wir müssen fragen: Welche Lebenswirklichkeit wollen wir tatsächlich? Gerade in Zeiten, in denen viel über den Umbruch der Arbeitswelt gesprochen wird, in denen Familie wieder stärker in den Mittelpunkt des Daseins gerückt werden soll, flexible Modelle eine Neustrukturierung des Alltags und damit einen Mehrwert für alles außerhalb der täglichen Zwänge und Verpflichtungen ermöglichen sollen, da wird es nötig, auch mit klaren Worten aufzutreten: Wir riskieren in einem Land des Wohlstands nicht nur eine Spaltung in arm und reich, sondern auch in zunehmend verbittert einerseits – und glückselig andererseits.

Denn dass gerade die soziale Stellung einen wesentlichen Einfluss darauf hat, welche Erfolgsaussichten wir für unser Leben haben, dieser Zusammenhang ist ja nicht erst seit gestern bekannt. 96 Mails erzählen deshalb auch vom Gang zur „Tafel“, vom Flaschensammeln und Betteln – gleichzeitig aber auch von finanzieller Zufriedenheit bei innerem Ausgebranntsein. Ermutigende, annehmende und durchtragende Worte sind dann vonnöten, zum Gespräch einladen und letztlich versuchen, durch das Teilen der Situation etwas Linderung im Leid zu schaffen – mehr kann ich auch nicht tun. Denn therapeutische Arbeit, die müssen Andere leisten.

Was wir alle bewerkstelligen können, das ist die Erinnerung an unsere Empathie: Verunglimpfen wir nicht die, die psychisch und physisch am Boden liegen als solche, die zu faul und feige für unsere Gesellschaft sind. Denn auch derartige Mails lese ich: Da werden Depressionskranke zum Spielball von Vorurteilen, Diskriminierung und Gefühllosigkeit. Dabei ist Fingerspitzengefühl gerade dann nötig, wenn manch Einer noch drauftreten würde. „Unten sein“, das ist wahrlich keine Schande. Kaum jemand will wahrhaben, dass es jeden treffen kann. 96 Nachrichten mit Schicksalen, die dich wie mich jederzeit einholen können. Machen wir uns bewusst, dass es etwas mehr braucht als Respekt, dass wir Depressionen nicht nur „tolerieren“ müssen. Sie sind inmitten der Wahrheit, rechts und links neben uns. Ernstgenommen zu werden, das wünsche ich den 96 Absendern der Mails, aber auch denen, die selbst dazu nicht die Kraft besitzen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Braunschweig/Konstanz. Der Verband „intakt e.V. – Selbsthilfe bei Sozialer Phobie“ reagiert mit Skepsis auf die Überlegungen aus Großbritannien, ein Ministerium gegen „Einsamkeit“ einzuführen. Der Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen, der sich aus der Erfahrung seiner betroffenen Mitglieder immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie man dem Alleinsein begegnen kann, wirft mehrere Fragen auf, die aus Sicht des „intakt e.V.“ bei den Überlegungen aus dem Vereinigten Königreich zu kurz kommen.

„Wir glauben nicht, dass von oben verordnete Maßnahmen gegen Einsamkeit helfen können“, so Julian Kurzidim, 1. Vorsitzender des Vereins, der anfügt: „Gegen solch ein Problem, das seine Ursprünge oftmals tief in der biografischen Geschichte des Einzelnen findet, muss man aus unserer Sicht aus mitten der Bevölkerung heraus angehen. Hier gilt das Subsidiaritätsprinzip: Die unterste Ebene, die zur Lösung des gesellschaftlichen Phänomens beitragen kann, ist die zielführendste. Von einem Ministerium angestrengte Hilfestellungen erreichen den Einzelnen nicht. Viel eher sollte der Staat die Kommunen, die Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftshilfen vor Ort fördern, die aufsuchenden und betreuenden Dienste. Sie in ihrem Engagement zu stärken, ihnen finanzielle und personelle Rahmenbedingungen zu geben, die ihr Handeln auf ein solides Fundament stellen, dafür braucht es kein Ministerium, sondern lediglich den Mut, auf die Selbstheilungskräfte einer gut funktionierenden Zivilgesellschaft zu vertrauen“.

Während sich Großbritannien mit seinem Bestreben offenbar auch gezielt an die ältere Bevölkerung wendet, macht der 2. Vorsitzende des „intakt e.V.“ darauf aufmerksam, dass Einsamkeit zunehmend zu einem Problem unter den Jüngeren wird. „Das ist ein Abbild unserer modernen, vor allem digitalisierten Gesellschaft“, sagt Dennis Riehle. „Wir nutzen Kanäle zum Kommunizieren, die uns nicht mehr herausfordern, auch sozial zu interagieren. Denn es ist ein Unterschied, ob ich jemandem eine ‚WhatsApp‘-Nachricht zukommen lasse – oder den Kontakt persönlich aufnehmen und halten muss. Wenn ich mich allein auf den Austausch über die neuen Medien verlasse, geht damit ein Verlust an realen Beziehungen einher. Ich verlerne den sozialen Umgang mit Anderen, entwickle eine soziale Angst – das Ergebnis ist ein Verkümmern sozialer Fertigkeiten und ein Rückzug ins Single-Dasein ohne echte Freundschaften und Bekannte. Dass das Thema ‚Einsamkeit‘ also nicht nur für ältere Menschen zu einem zunehmenden Problem wird, das lässt sich kaum abstreiten“, so Riehle.

Dennoch könne Einsamkeit auch tiefliegende Wurzeln haben, die von außen nicht so leicht beeinflussbar sind. „Wir können nicht erwarten, dass mit einem Ministerium die Wunden geheilt werden, aus denen Einsamkeit oftmals erwächst. Dazu gehören soziale Schieflagen wie Armut, Arbeitslosigkeit oder ein beruflicher Abstieg, ebenso wie Abschiede von vertrauten Personen, Traumata oder Depressionen aus den unterschiedlichsten Beweggründen, die ein Leben zeichnet“, meint Riehle. „Unsere Aufgabe ist es hier, den Weg ins professionelle Fachwesen zu ebnen. Der Zugang zu Beratung und Psychotherapie muss niederschwelliger werden, es muss leichter fallen, den Kontakt zu einem Experten zu suchen. Dafür braucht es einerseits ein Umdenken in der Gesellschaft, die den Gang zum Therapeuten oftmals noch immer verpönt. Andererseits sind es in unserem Land auch bürokratische Hürden, die zunächst Abstand davon nehmen lassen, eine fachkundige Hilfe aufzusuchen“, meint Riehle abschließend, der ermutigt: „Ich vertraue darauf, dass wir in Deutschland viele Anlaufstellen haben, die bei Einsamkeit einspringen und Linderung verschaffen können. Die Herausforderung wird sein, von Seiten der Hilfsangebote aktiver in die Gesellschaft hineinzugehen und die Angst vor der Angst zu nehmen“.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Diskussion um Vereinsamung durch soziale Netzwerke

Die Diskussion über die Frage, ob „Facebook“ einsam macht, beobachtet der „intakt e.V.“, Selbsthilfeverband bei sozialer Phobie und Schüchternheit, mit großem Interesse. Nachdem sich das soziale Netzwerk auch selbst in die Debatte eingebracht hat, wird darüber gestritten, ob sich gerade junge Menschen durch die Nutzung von „Facebook“ und anderen Diensten zunehmend in die Isolation zurückziehen und an ihren sozialen Kommunikationsfertigkeiten verarmen.

„Wir erleben auch in der Selbsthilfe einen Trend dazu, nicht mehr die klassische Gruppe aufzusuchen, in der man von Angesicht zu Angesicht ins Gespräch kommt. Viel eher trifft man sich zum Austausch über Krankheiten und soziale Probleme in geschützten Chaträumen, Foren und bei sozialen Netzwerken. Wir sehen diese Entwicklung durchaus kritisch, zementiert sie bei vielen Betroffenen doch ein wesentliches Problem: die ausbleibende Teilnahme am zivilgesellschaftlichen Leben“, so die Vorsitzenden Julian Kurzidim und Dennis Riehle.

„Es wäre verfrüht, um eine Schlussfolgerung zu ziehen, aber allein der logische Verstand verdeutlicht uns, dass Personen, denen die Übung am Umgang mit Anderen fehlt, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen oder sich ausschließlich auf virtuelle Kontakte konzentrieren, auch anfälliger werden, eine soziale Angst zu entwickeln. Denn wir können durchaus verlernen, wie man sich im zwischenmenschlichen Miteinander verhält, wie man Gespräche führt, wie man selbstbewusst in der Gesellschaft auftritt“.

Der „intakt e.V.“ ist gleichsam der Überzeugung, dass man die Fähigkeiten zum sozialen Interagieren gezielt trainieren kann. „Auch im Zustand einer sozialen Phobie ist die Exposition, das sich bewusste Konfrontieren mit der angstauslösenden Situation, ein wichtiger Therapieansatz. Wenn wir uns vornehmen, wieder vermehrt in reale Bekanntschaften zu investieren, im Redefluss mit Menschen außerhalb der digitalen Welt bleiben, dann haben wir gutes Rüstzeug dafür, auch bei eingeschränktem Nutzungsverhalten sozialer Medien sowohl den schnellen Kontakt am Smartphone oder Tablet zu pflegen, gleichsam aber den Anschluss an das Leben abseits der mobilen Endgeräte nicht zu verpassen“, so die Vorsitzenden abschließend.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
„Risikofaktoren für Grünen Star beachten!“

Vor fünf Jahren gründete sich im Landkreis Konstanz eine Glaukom-Selbsthilfegruppe (SHG). Zum Jubiläum ruft die Initiative zu mehr Aufmerksamkeit für den „Grünen Star“ auf. Denn die Augenerkrankung gehört weltweit zu den häufigsten Erblindungsursachen. Dabei kann eine einfache Vorsorgeuntersuchung auf Risiken hinweisen. „Auch wenn es sich bei der präventiven Maßnahme um eine sogenannte ‚IGeL‘-Leistung (Individuelle Gesundheitsleistung) handelt, die vom Patienten selbst bezahlt werden muss, halten wir als Selbsthilfegruppe an ihrer Notwendigkeit und Effektivität fest“, erklärt Dennis Riehle, Gruppenleiter der Glaukom-SHG aus Konstanz.

„Über die Jahre der Gruppenarbeit hinweg habe ich viele Leidensgeschichten erlebt – und manch ein Betroffener bereut es heute, dass er die Investition für die Vorsorgeuntersuchung nicht früher getätigt hat“, meint der 32-Jährige, dem die IGeL bei der Suche nach der eigenen Diagnose weitergeholfen hat. „Es ist richtig, dass die Messung des Augeninnendrucks allein keine Aussage über einen Grünen Star liefert. Stattdessen muss die Beurteilung des Augenhintergrundes zwingend dazugehören, wenn es um eine sinnvolle Früherkennung geht“.

„Noch immer wird in vielen Fällen davon ausgegangen, dass ausschließlich einer hoher Augeninnendruck die Nervenfasern und Gefäße unseres wichtigen Sehorgans schädigt. Zweifelsfrei ist er auch ein wesentlicher Indikator. Aber es sind heute viele andere Ursachen bekannt, die zu einer Veränderung des Sehnervens führen. Blutdruck, Stoffwechselprobleme und genetische Veranlagungen beispielsweise“, so Riehle, der zum Jubiläum der Selbsthilfegruppe ermutigt: „Auch bei einer hohen Kurz- oder Weitsichtigkeit, bei ansteigendem Lebensalter oder häufigen Kopfschmerzen sollte man an eine Glaukom-Vorsorgeuntersuchung denken“.

Aufgrund einer sich wandelnden Nachfrage nach Selbsthilfeangeboten, einer Überalterung der Betroffenen und alternativen Angeboten im Internet pausiert die Glaukom-SHG im Landkreis Konstanz ihre Treffen im Augenblick. Bis eine ausreichende Zahl an neuen Mitgliedern gefunden ist, berät Gruppenleiter Dennis Riehle aber weiterhin ehrenamtlich bei Fragen von Betroffenen an Betroffene: Die gegenseitige Hilfestellung stellt keinen Ersatz für eine fachkundige Einschätzung durch den Mediziner dar, sondern versteht sich als niederschwellige, ergänzende Maßnahme im Gesundheitswesen. Mail: kontakt@glaukomselbsthilfe.de, Tel.: 07531/955401 (AB).

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Da sitze ich – und nehme mir kurz Zeit, um diesen Text zu schreiben. Ich bin dankbar, dass das Telefon gerade nicht klingelt und keine neue Mail in meinem Postfach angekommen ist. Denn über die Wintermonate, da ist die Nachfrage groß – die Nachfrage von Menschen mit seelischen Erkrankungen, die nach Hilfe suchen. Als Selbsthilfegruppenleiter scheine ich eine der niederschwelligsten Zugangswege zu irgendeiner Form von Unterstützung zu sein, die in großer Not zumindest einen Rat geben kann. Wo finde ich den nächsten Therapeuten? Wie lange muss ich auf einen Therapieplatz warten? Woher kommen meine Depressionen? Wie gehe ich mit meinen Angehörigen um, die nicht nachvollziehen können, dass ich krank bin? Und welche Behandlung hat Ihnen geholfen, um wieder fit zu werden?

Diese und andere Fragen reihen sich seit Wochen aneinander. Und natürlich versuche ich, jede einzelne mit großer Sorgfalt zu beantworten. Dabei ist es nicht nur meine Wahrnehmung, sondern auch meine eigene Statistik, die mir sagt: Jedes Jahr wird der Ansturm größer. Besonders viel Bedarf an Hilfe besteht über die dunklen Tage hinweg, in denen die Menschen zum Grübeln neigen – oder sich im Weihnachtsstress das BurnOut ankündigt. Das ist die Hochphase für Ehrenamtliche wie mich, die es sich aus eigener Betroffenheit zur Aufgabe gemacht haben, denjenigen zur Seite zu stehen, denen 50 Minuten Psychotherapie pro Woche nicht genügen, die auf der Suche nach jenen sind, die sich aus der eigenen Erfahrung mit dem Gefühl auskennen, seelisch plötzlich leer und ausgelaugt zu sein.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Auch im 21. Jahrhundert erlebe ich es fast täglich, dass ich selbst schräg von der Seite angesehen werde, dass ich aberwitzige Kommentare über die Ursachen psychischer Erkrankungen zu hören bekomme oder dass man mir und allen Anderen, die mit seelischen Konflikten zu ringen haben, Empfehlungen austeilt, wie es uns denn besser gehen könnte. Die Einen sagen, man müsste mehr Sport treiben, die Anderen denken, es würde helfen, sich gesünder zu ernähren. Die Dritten meinen, psychisch Kranke hätten zu oft gesündigt und die Vierten empfehlen, öfter ans Licht zu gehen. Wenn denn alles so einfach wäre, unsere Gesellschaft würde vor seelischer Gesundheit nur so strotzen.

Die erst kürzlich veröffentlichte Studie über den Wissensstand der Deutschen in Bezug auf Depressionen hat uns den dringenden Auftrag an die Hand gegeben, die Sensibilisierung für das Thema psychischer Leiden noch viel stärker voranzutreiben. Regelmäßig spreche ich vor Schulklassen und referiere ihnen meine persönliche Geschichte. Denn das, so zeigt es sich immer wieder, beeindruckt mehr als Information und Fakten darüber, was es denn bedeutet, seelisch krank zu sein. Die Erfahrbarkeit im Alltag, dass Menschen mit psychischen Handicaps ganz normal sein können, sie hinterlässt bleibende Spuren – nicht nur bei den Jugendlichen. Wir brauchen mehr Menschen, die über das Tabu sprechen, ein bisschen „verrückt“ zu sein.

Denn auch wenn mir immer wieder versichert wird, dass die Bevölkerung heute doch schon viel offener über die „Volkskrankheit Depression“ spreche, so spüre ich, dass sich solch eine Toleranz vor allem gegenüber dem Theoretischen zeigt. Sobald wir auf Menschen treffen, die tatsächlich nicht mehr aus dem Bett kommen, weil sie den ganzen Tag an die Wand starren, ihr Körper zu schwer ist, um aufstehen zu können, sie keinerlei Grund sehen, überhaupt noch in den Tag zu starten und jedwede Perspektive für ihr Leben verloren haben, dann beginnen sich die Vorurteile in unserem Kopf zu drehen: Ist er nicht einfach nur zu faul? Spielt er nicht nur etwas vor, simuliert er, um nicht zur Arbeit gehen zu müssen, sich vor dem Alltag drücken zu können?

Die Berührungsängste sind groß, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was wir uns selbst gar nicht vorstellen können. Natürlich hat jeder von uns schon sein Tief erlebt, Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Doch wie ist das, wenn man vor Angst über Monate hinaus die eigene Wohnung nicht mehr verlässt? Wenn man wie angekettet die Decke über den Kopf zieht und jegliches Gefühl für alles und jeden verloren hat? Wenn man merkwürdige Dinge tut, sich dauernd wäscht, ständig kontrolliert, wenn man Dinge sieht, die für Andere nicht da sind? Wenn Stimmen flüstern und die Wahrnehmung nicht verfliegt, permanent beobachtet oder verfolgt zu werden? Vielleicht machen wir es uns manches Mal zu leicht, wenn wir nicht wissen, wie wir mit Menschen umgehen sollen, die eben „anders“ sind.

Ich kann jeden verstehen, der eben nicht versteht, was es heißt, psychisch krank zu sein. Das voreilige Mitgefühl, man könne sich schon gut in meine Lage versetzen, es wirkt nicht nur unpassend, sondern es relativiert ein Leiden, in das sich nur Wenige tatsächlich hineinversetzen können. Denn nicht jede Psychose ist gleich, nicht jede Angst der anderen ähnlich. Deshalb ermutige ich nicht, den Versuch zu unternehmen, jemandem mit einer seelischen Erkrankung nachempfinden zu können. Es genügt allein der Respekt vor der Tatsache, dass jemand lädiert ist, der von Wahnvorstellungen, Depressionen oder Phobien geplagt ist – und dass er sich das nicht alles nur einbildet, sondern solch eine Krankheit genauso ernst zu nehmen ist wie ein Herzinfarkt oder ein Knochenbruch.

In einem Jahrzehnt, in dem der Leistungsdruck mehr wird, das Ideal des immer Weiter, Schneller, Höher zum Maßstab aller Dinge geworden ist, da müssen wir uns nicht wundern, dass manch eine Seele zu streiken beginnt. Ich bin überzeugt, dass gesellschaftliche Zwänge und ein transhumanistisches Credo, wir könnten über uns selbst hinauswachsen, erheblich dazu beitragen, dass sich bei unseren Psychiatern Einer nach dem Nächsten die Klinke in die Hand gibt. Dass Einiges der psychischen Krankheiten in unserer Bevölkerung hausgemacht ist, das sollte uns zu denken geben. Nicht nur, wie wir uns gegenüber denen verhalten, die seelisch kapituliert haben. Sondern auch, ob wir uns nicht an der eigenen Nase packen sollten, wenn wir besserwisserisch über die urteilen, deren Psyche streikt.

Denn die meisten Betroffenen, die den Kontakt zu mir suchen, sie geben zu, dass sie nie damit gerechnet hätten, selbst einmal psychisch krank zu werden. Es kann jeden treffen, das sollte uns bewusst sein. Und gleichzeitig sollten wir wissen, dass wir mit einem gesellschaftlichen Umdenken dazu beitragen könnten, Entschleunigung, Achtsamkeit und Besonnenheit in Arbeitsleben, Medienkonsum und Freizeit zu bringen. Das ist kein Allheilmittel gegen Depressionen oder Ängste, aber ein erster Schritt. Die Ehrlichkeit, nicht über den seelischen Zustand des Gegenübers befinden zu können, ihm aber Wertschätzung dadurch entgegenzubringen, dass ich seine Nöte anerkenne. Eigentlich sollten diese Wünsche selbstverständlich sein, sie sind es aber eben nicht. Psychische Erkrankungen führen weiterhin ein Schattendasein. Und die Stigmatisierung ist ein Alltagsgeschäft. Wie schön wäre es, wenn es künftig weniger florieren würde…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Kann und soll eine Psychotherapie über Videochats oder per Telefon ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ersetzen? In Zeiten, in denen diese Frage durch immer neue Angebote auf dem Markt stetig aktueller wird, tun sich auch Patientenvertreter schwer mit einer endgültigen Einschätzung. Und nicht nur die: Auch in den Selbsthilfegruppen des Landes sind die neuen Formate der Psychotherapie Gesprächsthema, wie Gruppenleiter Dennis Riehle bestätigt. Er ist für die Selbsthilfe zu Zwängen, Ängsten und Depressionen im Landkreis Konstanz zuständig und berichtet von reger Diskussion über die Möglichkeit, die Psychotherapie künftig über verschlüsselte Dienste per Kamera und Bildschirm wahrzunehmen.

„Es zieht sich ein Riss durch die Betroffenen in unseren Gruppen. Gerade Patienten, die schon seit Monaten auf einen Therapieplatz warten, sind eher offen für eine digitale Psychotherapie. Andere wiederum lehnen solche Methoden grundwegs ab, fürchten sie sich doch vor fehlenden Interventionsmöglichkeiten, der unzureichenden Empathie oder einem ausbleibenden Vertrauensverhältnis, denn Viele nehmen die Kommunikation über Online-Medien noch immer als ungeschützten Rahmen wahr“, so Riehle. „Ich selbst sehe das Argument, dass digitale Psychotherapie gerade auf dem Land ein guter Ersatz sein könne, als schwierig an. Denn eigentlich müssten wir erwarten können, dass flächendeckend ambulante Psychotherapie in einer zumutbaren Erreichbarkeit gewährleistet ist. Wenn wir nun vermehrt auf Online-Psychotherapie setzen, dann nehmen wir auch die Politik aus der Verantwortung, einen Versorgungsauftrag sicherzustellen“.

Als Ersatz kann sich Riehle eine Psychotherapie über Videochat nicht ausmalen: „Auch per Telefon fehlt mir das Gefühl, meine Seele unmittelbar ausschütten zu können, sich in die Augen sehend die Reaktionen des Therapeuten wahrzunehmen. Es ist gleichsam die Empfindung nach Sicherheit, die mir online zu kurz käme. Dabei geht es nicht nur um den Datenschutz, der über die lange Leitung anfällig wird für äußere Eingriffe. Bei einem Therapeuten ankommen zu können, das gelingt nur bedingt, wenn man ihn allein auf der Leinwand verzögert mitverfolgen kann“. Zudem sieht der Gruppenleiter die Hürden für die Inanspruchnahme einer Online-Psychotherapie noch als viel zu hoch: „Auch wenn Studien die Wirksamkeit bestätigen, derzeit ist der Gedanke, wonach digitale Hilfestellung eine Variante darstellen kann, selbst im Gesundheitswesen nicht angekommen. Überdies scheint man sich generell schwer damit zu tun, auch diagnostisch über die Online-Medien tätig werden zu wollen. Ich denke, es braucht einerseits noch viel Zeit, andererseits zunächst den Anspruch, die digitale Psychotherapie als Ergänzung, nicht aber als Ersatz anzusehen“, so Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Erfahrungsbericht

Sechs oder sieben Jahre lang, ich kann es nicht mehr genau sagen, trug ich dieses Geheimnis mit mir umher. Dass ich Zwänge hatte, das wusste zu diesem Zeitpunkt nur mein allerengstes Familienumfeld. Denn das konnte ich nicht an der Nase herumführen. Allein der Wasser- und Seifenverbrauch hatte irgendwann ans Tageslicht geführt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und dass ich Waschzwänge, Kontrollzwänge, Zählzwänge, später auch schwere Zwangsgedanken hatte. Doch über meine Eltern hinaus, da konnte und wollte ich es niemandem anvertrauen. Mein Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut war es damals, dem ich mich anschließend öffnete. Auf dem wöchentlichen Weg in seine Praxis legte ich einen Spießrutenlauf zurück. Denn hinter jedem Fenster im hier so beschaulichen Dorf lauerte manch neugieriger Mitbürger, der sich dafür interessierte, was ein ungefähr 14-Jähriger denn bei einem „Seelenklempner“ wollte. Ich hatte es bereits mitbekommen, dass man sich das Maul zerriss, dass man munkelte und spekulierte. Allein in der Schule, da fühlte ich mich sicher. Denn da war ich weitgehend symptomfrei – und entsprechend mutmaßte wohl kaum jemand etwas davon, dass ich „zwängelte“.

Doch der Leidensdruck stieg. In der Öffentlichkeit riss ich mich nach Möglichkeit zusammen, nichts von meinen Eigenheiten nach außen durchdringen zu lassen. Während ich gleichsam mit einem zweiten Outing über meine sexuelle Orientierung haderte, sollte das erste kurz bevorstehen: Wie dankbar war ich über die Anfrage eines Fernsehsenders, der damals – über die DGZ vermittelt – auf mich zukam und nach einem Protagonisten für einen Beitrag in einem täglichen RTL-Magazin suchte. Ich selbst musste nicht lange mit mir ringen, bis ich innerlich zugesagt hatte. Überzeugen musste ich noch meine Mutter, die anfangs keineswegs so begeistert war wie ich. Warum ich denn mit solch einem offensiven Schritt meine Krankheit publik machen wollte, fragte sie mich. Doch für mich war klar: Nur mit einer „Schocktherapie“ konnten diejenigen, die sich in meinem Umfeld die schlimmsten Gedanken über den Gesundheitszustand des „kleinen Dennis“ machten, beruhigt werden. Ich war fest davon überzeugt, dass es mir helfen würde, endlich reinen Tisch zu machen – und das die besänftigt würden, die in ihrem Bedürfnis nach neuen Informationen die tollsten Gerüchte in die Welt setzten.

Dreharbeiten sind nicht einfach, gerade nicht im Lebensumfeld. Denn sie zogen in einer Ortschaft mit 4000 Einwohnern, in der eben doch fast jeder jeden kennt, wiederum Blicke auf sich. „Freuen Sie sich doch daran, dass ich unser schönes Dorf in die Medien bringe“, reagierte ich auf all jene, denen fast die Augen aus dem Gesicht fielen: „Herr Riehle, was machen Sie denn mit dem Fernsehen hier?“. Mich wunderte, dass keiner dabei war, der seine Angehörigen grüßen wollte, so erstaunt klammerten sich Manche an Kamera und Scheinwerfer, die mich einen Tag fast jede Minute und bei jedem Schritt begleiteten. Das Resultat aber war gut. Kurz nach der Ausstrahlung stand das Telefon nicht mehr still. Und ich hatte damit gerechnet, dass ich nun einige Freundschaften verlieren würde. Denn theoretisch wusste nun die ganze Nation, dass ich Zwänge hatte. Und wer will schon gern mit jemandem befreundet sein, der eigentlich kaum noch Zeit findet für Partys, für lockere Stunden im Freien, für Hobbys und Freizeit mit Gleichaltrigen – weil er stattdessen die Pflastersteine auf den Straßen zählte, die Hände wusch, bis sie blutig waren oder der in seinem Kopf Gedanken darüber hin und her kreisen ließ, ob es denn für einen friedliebenden Menschen wie mich möglich sei, jemanden mit einem Messer zu verletzten.

Doch nein, die Reaktionen waren ganz andere: Für meinen Mut, meine Courage und meine Ehrlichkeit gratulierten mir nicht nur Klassenkameraden, sondern auch Nachbarn und die, die noch Wochen zuvor hinter dem Fenster standen und damit liebäugelten, was ich beim Psychologen suchte. Irgendwie war mir das schon ziemlich peinlich, denn ich hatte es vor allem für die getan, die sich ebenso einsam fühlten mit ihren Zwängen, die kein Vertrauen finden konnten in Bezugspersonen, am Arbeitsplatz oder in ihrem Privatleben. Ihnen wollte ich Kraft schenken – wenngleich ich wusste, dass mein Weg keinesfalls Vorbild sein kann für die, die noch selbst mit der Annahme der eigenen Krankheit rangen. Und auch heute würde ich niemandem „empfehlen“, die große Bühne für sein Bekenntnis zu Zwängen zu suchen. Solch ein Schritt muss aus dem Innersten kommen und kann kein Selbstläufer sein. Er muss gewollt werden – und er braucht Standfestigkeit. Denn es gibt bei all den Menschen, die engagierten Auftritte gegenüber der Öffentlichkeit zu würdigen wissen, auch jene, die darauf mit Häme und Spott reagieren. Dass ich seit jeher transparent mit meinen Zwängen umgegangen bin, das hat mir viel Respekt, aber eben auch viel Anfeindung entgegengebracht. Das muss man aushalten. Und das ist in einer Gesellschaft, in der psychische Krankheit noch immer verpönt scheint, nicht immer leicht.

Mittlerweile suche ich nicht mehr die Scheinwerfer, auch wenn die Erfahrung, Zwänge ein Stück weit alltagstauglicher zu machen, für mich eine große Zufriedenheit brachte. Schnell wird man in der Presse des 21. Jahrhunderts „verheizt“, und das soll nicht Sinn der Sache sein. Neben der eigenen Bewältigung meiner Krankheit, neben dem langen Prozess der Akzeptanz einer seelischen Beeinträchtigung in meinem Leben stand vor allem der Wunsch, Zwangserkrankungen bekannter und anerkannter zu machen, im Vordergrund jeglicher öffentlichen Betätigung. Denn ich weiß aus den vielen Kontakten mit Gleichbetroffenen, wie schwer sich viele von ihnen bereits damit tun, sich selbst ein psychisches Problem einzugestehen. Wie soll dann ein Preisgeben solch eines Persönlichkeitsmerkmales, das wir nicht als uns zugehörig hinnehmen müssen, aber zu dem es sich zu bekennen lohnt, auf wirklich fruchtbaren Boden fallen, wenn die Angst vor Ablehnung und Rückweisung sehr viel stärker ist als die Aussicht auf diesen befreienden Moment, in dem wir uns nicht mehr verstecken müssen, sondern in dem der Ballast abfällt mit all den Ausreden, all dem Rückzug und all der Verheimlichung, die man über Jahre und Jahrzehnte praktizierte? Es war ein Moment der tiefen Dankbarkeit gegenüber mir selbst, dass ich den Schritt gewagt hatte, aus dem Korsett der Verschlossenheit zu entfliehen. Und ich wünsche das Gefühl jedem – und sei es nur gegenüber dem Partner, dem Vater oder dem Freund, all das anzuvertrauen, was man an Zwanghaftem jeden Tag neu auf seinem Buckel trägt.

Heute ist mir die Arbeit dort wichtig, wo ich selbst einst begonnen hatte, mich langsam mit meinem Geheimnis vorzuarbeiten: In Schulen ist die Notwendigkeit der Aufklärung über Zwangsstörungen dringend geboten. Das merke ich immer wieder aufs Neue, wenn ich einzelne Unterrichtsstunden oder ganze Projekttage mit denen gestalte, die seelischer Gesundheit einerseits so unvoreingenommen, andererseits mit so vielen Vorurteilen behaftet begegnen. Gerade, weil ich selbst vermisst habe, dass an unserer Schule über die Möglichkeit von psychischen Problemen gesprochen wurde, setze ich mich jetzt dafür ein, dass wir möglichst schon in der Jugend ein Gespür dafür entwickeln, was es bedeutet, „anders“ zu sein. Die Faszination gegenüber „Zwängen“ ist groß, das erfahre ich jedes Mal wieder. Nicht nur, weil jeder von uns mit vorübergehenden Tics und Marotten etwas anfangen kann, sondern weil sich Jugendliche von heute glücklicherweise oftmals trauen, ein eigenes Bild über die Lebenswirklichkeit zu erlangen, fällt es zunehmend leichter, auch jene für das Thema zu gewinnen, die auf der anderen Seite mit größtmöglichen Stereotypen des „psychisch Kranken“ in den täglichen Meldungen auf „Facebook“ und Co. konfrontiert werden. Doch gerade denen, die heute und künftig an Zwängen erkranken, sind wir es schuldig, die Atmosphäre des Angenommenseins zu stärken. Es gibt viele Gelegenheiten, das beginnt mit Toleranz im Kleinen. Und doch können wir mit ein bisschen Offenheit so viel bewirken…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe zu Zwangsstörungen im Landkreis Konstanz bietet wieder verstärkte Beratung an. „Nachdem die ‚Zwäng’ler in den letzten Monaten aufgrund der großen Anfrage zu Depressionserkrankungen zu wenig Aufmerksamkeit von uns erhielten, wollen wir uns nun wieder einem unserer Schwerpunkte widmen“, so Gruppenleiter Dennis Riehle, der die Initiative für Zwangserkrankte vor rund zwölf Jahren ergriffen hatte und seither persönlich, mittlerweile vor allem aber telefonisch, postalisch und elektronisch Patienten, Angehörige und Interessierte als betroffener Laie informiert und aufklärt.

„Die Fragestellungen haben sich über die Zeit kaum geändert: Welches sind die passenden Therapien? Wie finde ich den richtigen Arzt? Wie sage ich es meinen Nächsten? Und wie gehe ich am Arbeitsplatz mit der Erkrankung um? – Auf all das, was vor allem die Menschen bewegt, die selbst unter dem zwanghaften Zählen, Kontrollieren, Waschen oder Denken leiden, wollen wir Antworten finden. Heutzutage funktioniert das am ehesten über Mailberatung, zu Gruppentreffen kommt es dagegen seltener. Das liegt an einer veränderten Erwartungshaltung der Betroffenen und ihrer Angehörigen, die zunächst einmal Vertrauen fassen müssen und den Kontakt daher lieber so als über das direkte Aufeinandertreffen suchen“, erklärt der 32-Jährige, der seit mittlerweile 20 Jahren von Zwängen heimgesucht wird.

Das Ziel sei es, laut Riehle, Betroffenen und Angehörigen abseits der professionellen Versorgung im Gesundheits- und Sozialwesen auch eine ergänzende, niederschwellige Betreuung zu bieten: „Mit jemandem, der ebenfalls erkrankt ist, kann man viele Dinge deutlich leichter besprechen als mit einem Therapeuten, der die Erkrankung oftmals nur aus Büchern kennt“, meint Riehle, der überdies ergänzt: „Wir sind kein Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, im Gegenteil. Wir versuchen, an die passenden Stellen zu vermitteln, geben aus der Lebenserfahrung mit vielen Jahren an Zwängen unsere Einschätzung ab und können somit den Rat der Fachpersonen komplettieren“.

Die Selbsthilfeinitiative zu Zwängen, Phobien und Depressionen ist über Dennis Riehle, Mail: info@zwang-phobie-depression.de sowie Tel.: 07531/955401 (AB) erreichbar.

[Dennis Riehle]

Kommentar
Individualisierte Selbsthilfe

Weniger Teilnehmer an den Gruppentreffen, ein Anstieg interessierter Kontakte über das Telefon und per Mail – und nicht zuletzt eine Abwanderung vieler Menschen in die sozialen Netzwerke. Diese Beobachtungen über die Entwicklung der Selbsthilfeszene bewegen mich schon seit langem. Über viele Jahre Leiter der in den 1970er – 2000er-Jahre so wertgeschätzten Selbsthilfegruppen, in denen man zusammenkam, wenn man in ähnlichen Lebenssituationen, bei Krankheit, Sucht oder Armut die Unterstützung von Gleichbetroffenen suchte, erinnert mich der Wandel in der Landschaft dieses wesentlichen Fundaments des Bürgerschaftlichen Engagements an die generelle Veränderung unserer Gesellschaft.

Heute werden wir konsumorientierter, blicken in erster Linie auf unser eigenes Schicksal. Es geht weniger darum, den Grundgedanken der Selbsthilfe, der ein überaus individueller, liberaler und idealistischer ist, weiter aufrecht zu erhalten, wonach es nämlich wechselseitiger Synergie bedarf, um einerseits eigene Probleme zu lösen, andererseits mit den eigenen Erfahrungen auch anderen Betroffenen in deren Lebenslagen solidarische Unterstützung zu geben. Viel eher führt ein sich durchsetzender Egoismus dazu, dass dieses „Geben und Nehmen“ auf eine Komponente verzichtet: Gegeben wird heute nur noch ungern, obwohl das die Prämisse unseres Sozialstaates ist, in dem wir alle füreinander einstehen.

War die Kernaussage interessierter Anhänger einer Selbsthilfegruppe früher noch, man wolle aus dem Wissen der Anderen etwas mitnehmen, hoffe aber gleichzeitig, mit den durch die eigene Lebens- und Leidensgeschichte erlangten Erkenntnissen auch den Mitbetroffenen in einer Gruppe Mut zu machen und Hoffnung zu spenden, fragen viele Menschen in schwierigen Lebenslagen heute vornehmlich nach Hilfe für sich. Natürlich war die Selbsthilfe ihrem Namen nach auch immer darauf ausgerichtet, dass wir aus dem Miteinander mit Gleichgesinnten einen größtmöglichen Nutzen für uns ziehen, dass wir die Erfolge Anderer als Basis dafür heranziehen konnten, um daraus eigene Konzepte zu entwickeln, die wiederum uns in der ganz persönlichen Situation weiterbringen sollten.

Doch heute fehlt die Rückkoppelung, die Bereitschaft, für die Gedanken des Gegenübers wiederum einen Blick in das eigene Leben zuzulassen. „Ich will mich doch nicht noch mit den Problemen der Anderen beschäftigen“. Dieser Satz begegnete mir noch vor zehn Jahren selten, wenn es darum ging, für eine Selbsthilfegruppe zu werben. Heute ist er ein standardmäßiger Einwand dafür, weshalb sich Menschen aus Selbsthilfegruppen zurückhalten. „Ich habe genug mit mir selbst zu tun“ – eine Ausrede, die wiederum einen verheerenden Wandel in der Positionierung des Einzelnen in unserer Gesellschaft wiederspiegelt. Denn begriff man noch vor nicht allzu langer Zeit noch ganz genau, dass Selbsthilfe nur dann gelingen kann, wenn man sich seinerseits öffnet, so ist es heute das Verschließen der eigenen Persönlichkeit, das es schwierig macht, Menschen in prekären Lebensmomenten überhaupt noch eine Unterstützung anzubieten.

Seit Jahren verzeichne ich das wachsende Ansteigen der Zahlen an Hilfsgesuchen, die elektronisch, telefonisch oder postalisch eingehen. Früher war es nicht anders, doch die Selbstverständlichkeit, sich für Information, Beratung und Hilfe zumindest in einer Gruppe einzufinden, von der man selbst profitiert, wenn man eigens zu geben bereit ist, war um Längen größer. Heute sitze ich oftmals alleine im Stuhlkreis, wenn ich darauf warte, dass sich Menschen über ihre seelischen, körperlichen oder sozialen Probleme austauschen. Ich hoffe vergebens darauf, dass Bereitwilligkeit zur Interaktion besteht – und muss erkennen: Die Erwartungshaltung hat sich verändert. Welche Therapie die hilfsreichste ist, wie man mit seiner Erkrankung im Alltag umgeht und wie es der Andere geschafft hat, wieder gesund zu werden – all das debattierte ich noch vor ein paar Jahren in einer lebendigen Gruppe aus mehr als einem Dutzend Personen, dort, wo heute Stille herrscht.

Ganz anders sieht es da in meinem Postfach oder auf dem Anrufbeantworter aus: Die Fragen sind noch immer dieselben, doch die Forderung ist eine Andere. Individuelles Eingehen auf die Belange des Einzelnen, der sich nicht mehr mit den Nöten Anderer auseinandersetzen möchte, sondern möglichst kurze und prägnante Antworten wünscht. Im Dilemma, mich als Ehrenamtlicher verpflichtet zu sehen, Hilfestellung zu leisten, fällt es mir schwer, solche Menschen in eine Gruppe zu zwingen, ehe sie auf Reaktion hoffen können. Der Druck ist groß, die Mail zu bearbeiten und am Hörer für Auskunft zur Verfügung zu stehen. Immerhin will man als gleichbetroffener Laie ja seinen Beitrag dazu leisten, dass die Selbsthilfe auch weiterhin als die ergänzende Säule im Gesundheitssystem angesehen wird – auch wenn es eigentlich nicht ihre Aufgabe ist, die kurzen Sprechzeiten beim Arzt oder die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu kompensieren.

Die Individualisierung der Selbsthilfe schreitet trotz der Bedenken vieler Akteure in der „Szene“ weiter voran. Sie verlagert sich auch in geschlossene Gruppen wie bei „Facebook“ oder anderen Anbietern von Kommunikationsmöglichkeiten, die scheinbar geschützt wirken, in denen aber die Hilfestellung nie so aussehen kann wie im direkten Gegenüber. Auch in der Beratung an Telefon oder per Mail kommt nicht die Empathie zum Tragen, die Selbsthilfegruppen einst so populär und beliebt gemacht haben. Nicht nur ein stützendes Wort, sondern die Rückmeldung einer Gruppe, in der man sich auch gegenseitig in den Arm nehmen oder in Krisen rechtzeitig intervenieren kann. Die Selbsthilfe verarmt, wenn sie sich allein auf die mehr oder weniger persönliche Beratungstätigkeit von Betroffenen und Angehörigen zurückzieht.

Sie gibt aber gleichsam auch ein Fundament auf, das die gesellschaftliche Erosion zeigt: Die Wertschätzung des ehrenamtlichen Einsatzes am anderen Ende der Leitung ist heute eine andere als noch „damals“, als man gemeinsam in der Gruppe dankbar für den Einsatz jedes Einzelnen war, der zivilgesellschaftliches Engagement bewies und mit der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe nicht nur einen Eigennutzen für sich zog, sondern vor allem klar machte: In schwierigen Zeiten stehen wir zusammen. Niemand muss seinen Weg alleine gehen. Und am stärksten gewinnen wir aus der reziproken Zusicherung, „helf ich dir, hilfst du mir“. Dieses Konzept, das den Grundstein für eine Solidargemeinschaft legt, in der jeder nach seinen Möglichkeiten partizipiert, ist nicht nur in der Selbsthilfe verloren gegangen – es ist auch in unserem Gemeinwesen rar geworden.

Die Negativschlagzeilen nutzen jedoch nichts, sondern vornehmlich das Engagement, die Selbsthilfe wieder zu dem zu machen, was sie war – oder das neue Zeitalter als eine Herausforderung anzunehmen, in welchem neue Strategien entwickelt werden, die personengebundene Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenslagen abseits von Gruppen zu betreiben, die vielen einfach zu viel Zeit kosten und welche scheinbar nicht vermitteln können, dass es sich im Miteinander ergiebiger zu helfen lohnen würde. Deshalb ist die „Selbsthilfe-Beratung“ als neues Trendwort durchaus angemessen. Man mag dazu stehen, wie man möchte. Doch die Verantwortung für mich, der früher selbst dankbar war für all die Ratschläge, die Ermutigungen und die Denkanstöße, die ich von Anderen in vergleichbarer Lebenslage erhalten habe, wirkt bis heute weiter. Und sie verpflichtet mich, Beistand auch in einem Rahmen zu leisten, der mir noch fremd ist, weil er anders aussieht als noch gestern…

[Dennis Riehle]