Leserbrief zu
„Selbsthilfe-App soll traumatisierten Geflüchteten helfen“, „Deutsches Ärzteblatt“ vom 04. August 2017

Für Flüchtlinge soll sie schon bald kommen – die „Selbsthilfe App“. Sie soll in der schwierigen Situation der Flucht helfen, sich im Aufnahmeland zu orientieren, sich mit dem Gesundheits- und Sozialsystem zurechtzufinden und gleichsam psychisch zu stärken, wenn es um die Traumatisierung geht, die die Asylsuchenden in ihren Erinnerungen mit sich tragen müssen. Ähnlich wie die Überlegungen, Selbsthilfe künftig nur noch online abzuhalten, sind Entwicklungen wie diese Anlass, sich Gedanken darüber zu machen, ob die persönliche Hilfestellung, die als Garant aus den 60er- bis 80er-Jahren ihren Höhepunkt in der Unterstützung von Menschen mit Suchtproblemen, seelischen Erkrankungen oder körperlichen Gebrechen hatte, nicht mehr gefragt ist – oder ob sie unwillentlich verdrängt wird.

Natürlich kann ich mir ein reagierendes System vorstellen, das mein Computer für mich bereit hält, sogar ein personifiziertes Gegenüber, das mir antwortet. Aber will ich das tatsächlich, nur, weil es vielleicht angenehmer, gemütlicher und unkomplizierter geht? Vielleicht hat die Selbsthilfe aber auch selbst etwas vergessen, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, was sich nun rächen könnte. Haben wir stets eindrücklich formuliert, was uns auszeichnet? Warum hilft es Menschen, wenn sie einem realen Gegenüber ihre Sorgen anvertrauen können, auf Augenhöhe mit jemandem sprechen dürfen, der in einer selben oder ähnlichen Lage war oder ist – und mit seinen Erfahrungen eine Rückmeldung geben kann, die ein Roboter in dieser Individualität sicher nicht leisten könnte?

Es ist nicht allein der Umstand, dass jemand da ist. Es ist einerseits wesentlich, wer für mich da ist. Und vor allem: wie er für mich da ist! Selbstverständlich kann ich auch „skypen“, brauche keine Selbsthilfegruppe mehr, sondern ziehe das Einzelgespräch über die Kamera vor. Ich kann auch „Facebook“ nutzen, ohne ein Gesicht, dafür aber in einer geschlossenen Gruppe, die sich kaum moderieren lässt, dafür aber sicher nicht so geschützt erscheint wie das Zusammenkommen in einem echten Gruppenraum. Und was nutzen mir „Apps“, die mir zwar Links, Dokumente und Anwendungen präsentieren, vielleicht auch erklären, die aber nur bedingt auf meine Fragen eingehen können, emotional nicht die Regung zeigen, die ich bräuchte – und überhaupt derart unpersönlich sind, dass ich schlussendlich sogar lieber die Finger davon lasse.

Es war ein Versäumnis, dass wir die Vorzüge der menschlichen Selbsthilfe nicht stärker hervorgehoben haben. Dass wir uns von den „Contra“-Argumenten beeindrucken lassen, so wie „Muss ich mir denn das Leid von Anderen auch noch anhören?“, „Weshalb soll ich mich denn abends extra nochmals auf den Weg machen, nur, um mit jemandem mein Elend durchkauen zu müssen?“ oder „Bringt das denn überhaupt etwas, wenn viele Depressive sich gegenseitig nur noch schlechter reden?“, als zu betonen, welche „Pros“ dem gegenüberstehen. Die Synergien, die wir nirgendwo anders finden als in der realen Selbsthilfe! Denn es ist dieses Alleinstellungsmerkmal, dass wir nicht nur zuhören, uns annehmen, uns reflektieren, uns beraten, auch debattieren und ringen, vor allem aber: nahbar zueinander sein können! Es ist die Einsicht, dass wir uns in der Eigenverantwortlichkeit aus der Faulheit manches Selbstmitleides aufraffen können, dürfen und müssen, für uns etwas zu tun, zu verändern – ohne PC, „Smartphone“ oder „Tablet“!

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

Erfahrungsbericht

Zunächst hatte ich mir vorgenommen, eine Torte zu backen. Mit 20 Kerzen. Immerhin wollte ich meinem Mitbewohner ja eine Freude zu seinem Ehrentag machen. 1997 – zum ersten Mal „Zählen“. Damals hatte ich noch nicht gedacht, dass ich dauerhaften Besuch bekommen würde. Einen eigentlich vollkommen unerwünschten Gast in meinen vier Wänden. Nein, so kann man das nicht sagen, denn auch mein Kopf ist glücklicherweise eher rund statt eckig. Doch das ist egal, eingenistet hat er sich trotzdem. Und das nun seit zwei Jahrzehnten. Der Zwang hat Geburtstag. Doch soll ich da wirklich mitfeiern?

Nein, ein Grund zur Freude ist es wahrlich nicht. Denn würde ich allein die Stunden zusammenrechnen, ich käme auf rund 50 000, in welchen mich der Zwang mittlerweile gefordert hat. Anfangs schien es ja nur wie ein Tic, da hätte es auch sein können, dass nach Ende meiner Pubertät alles wieder vorbei ist. Aber spätestens, als ich erstmalig berichten konnte, 35 000 Pflastersteine auf dem Boden gezählt zu haben, wurde schon deutlich, dass das wohl nichts werden würde mit einem raschen Ende. Ja, man merkt, ich habe es auch heute noch mit den Zahlen. Kein Wunder, denn irgendwann hatte ich meine eigene Technik entwickelt: Länge mal Breite sozusagen – und schon war ermittelt, wie viele Betonklötze den größten Platz in Konstanz zierten.

Ich hatte überlegt, ob ich meinem Zwang ein Geschenk machen sollte, zu seinem Geburtstag. Vielleicht ein paar Flaschen Flüssigseife. Wie viele Liter ich wohl verbraucht haben mag in diesen zwanzig Jahren? Wie viel Wasser durch meine Hähne geflossen ist – nur, weil ich mir selbst nicht vertraut habe, dass die Hände spätestens nach dem ersten gründlichen Waschen auch wirklich sauber gewesen sind. Hätten mich alle Keime und Viren befallen, die ich mir in dieser Zeit vorgestellt hatte, ich wäre bereits nach einigen Wochen tot gewesen. Aber ich lebe noch, was wiederum ein Beweis dafür ist: Zwänge sind die Reaktion auf übertriebene Furcht, auf Zweifel an der eigentlichen Gewissheit, die jeder um mich herum erkennt – nur ich eben nicht.

Ich gebe es zu: Ich bin kein Anhänger der expositorischen Verhaltenstherapie. Aber das nur aus ganz persönlichen Erfahrungswerten. Viel eher habe ich in 20 Jahren der Zwänge eher nachgefragt, was dahinter stecken könnte, abseits von biochemischen Vorgängen im Gehirn, die ich glücklicherweise mit einer seit Beginn rund ein Dutzend Mal gewechselten Zusammenstellung an Präparaten gut beeinflusst habe und feststellen kann, dass ich ohne Arzneimittel heute nicht dort stehen würde, wo ich mit ein bisschen Stolz auch bin. Die Funktion des Zwangs, seinen Sinn zu erkennen, das war Aufgabe in den verschiedenen Therapieformen – von kognitiver Verhaltens- bis zu tiefenpsychologischer Psychotherapie. Und ich bin fündig geworden: Das Thema „Freiheit“ zieht sich durch meine eigene Geschichte. Das Selbstvertrauen – und das jener, die um mich sind. Erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen, eigens entscheiden zu dürfen.

Hatte ich in den Spitzen der Zwangserkrankung etwa 20 Stunden täglich mit ihr verbracht, so sind es heute höchstens vier. Das Kontrollieren hat sich auf ein Mindestmaß an Skepsis reduziert, das Sortieren auch. Zufrieden bin ich auch heute noch nicht, wenn etwas verrückt wird, was ich ursprünglich völlig anders angeordnet hatte. Und vor allem die Zwangsgedanken – sie sind weiterhin ein ständiger Begleiter und haben mich gar in manch psychotisch anmutende Situation manövriert. Die Vorstellung von Aggression in meinem Kopf stimmt so gar nicht mit dem überein, was man mir als Charaktereigenschaft nachsagt. Und deshalb sind sie auch so besonders schlimm, waren sie es, die den Leidensdruck teilweise in ein Unermessliches getrieben haben – bis dorthin, dass ich wirklich glaubte, den Zwang mit dem Donnern meines Kopfes an die Wand ausschlagen zu können.

Wenn Gedanken kreisen, immer und immer wieder aufs Neue, dieselben Fragen ständig ins Gedächtnis rufen, ob es denn nun wirklich sein kann, was diese „Tagträume“ in meinem Gehirn abspulen, dann zehrt das an Psyche und Physis. Und da kamen selbst die Therapeuten an ihre Grenzen, denn wenngleich mit mancher Übung eine kurzzeitige Besserung erzielt werden konnte, suchten sich die Zwänge kurz darauf ein anderes Thema, mit dem sie mich neu quälen konnten. „Wie haben Sie es geschafft, auf das Niveau eines Fünftels zu kommen, was ihre Zwänge angeht?“, fragte mich ein Experte vor kurzem. Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Und schon gar keine, die sich übertragen lassen würde auf andere Betroffene. Aber natürlich bin auch ich in der Selbsthilfearbeit gefordert, Hinweise zu geben aus meinen Erkenntnissen, die ich über die Jahre hinweg gesammelt habe. Und einen Tipp kann ich dabei nur weitergeben: „Gelassenheit“.

„Der hat gut reden“, werden jetzt Viele sagen. Und das hätte ich auch. Noch vor ein paar Jahren hätte ich jeden ausgelacht, der mit solch einem einfachen Ratschlag zu mir gekommen wäre. Dabei ist es nicht leicht, mit etwas mehr Abstand auf die Zwänge zu blicken. Das ist nur möglich, wenn man den Zwang verstehen kann. Nein, wir müssen nicht Freunde werden. Aber ein erster Schritt war das Ernstnehmen des Zwangs als einen Warnenden. Er hat mir etwas zu sagen, ist ein Botschafter der eigenen Seele, der mir seinen Spiegel allerdings reichlich schräg vorgehalten hat. Nicht das Kämpfen gegen den Zwang, sondern der Versuch, ihn mit Respekt zu behandeln, auch wenn man manches Mal nur losschreien möchte. Ich bin heute überzeugt, dass die Zwänge nicht umsonst sind, sie strafen allerdings in einer Härte, die nicht angemessen ist.

Es würde ausreichen, wenn sie uns wachrütteln. Die Ursachen, zumindest die psychischen, haben wir nämlich manches Mal selbst verschuldet. Oder sie wurden bereits in Kindheit und Erziehung gelegt – und nun müssen wir die Konsequenzen ausbaden. Nein, gerecht ist der Zwang nicht. Aber grundsätzlich halte ich ihn für notwendig, gar für ein bisschen sinnvoll, um uns aufzuzeigen, was wir an unserem Leben ändern müssen. Ich habe genug gefunden, was neu auszurichten ist. Mein Stressmanagement muss ich ändern, meine Perfektion ablegen, mich selbst annehmen mit meinen Schwächen und mit meinen Stärken, die für mich kennzeichnend sind und mir Wertschätzung abverlangen sollten. Denn sind es nicht meistens die, die alles richtig machen wollen, die sich mit vollem Einsatz hingeben für Andere, die ein spezielles Risiko haben, in das Hamsterrad zu kommen?

A propos: Für jeden bin ich da gewesen, aber für mich? „Ja“ gesagt habe ich dauernd, weil ich meinte, die Welt retten zu müssen – zumindest die kleine, die um mich herum immer wieder nach mir rief. So dachte ich es zumindest. Und ich kann es auch niemandem übel nehmen, der meine Hilfsbereitschaft (aus-)nutzte, war ich es doch, der sich beinahe in die Selbstaufgabe trieb, weil er irgendwie davon ausgegangen war, der Einzige zu sein, der all die Herausforderungen seiner Zeit meistern konnte – und gleichzeitig überzeugt gewesen ist, zu nicht mehr geboren worden zu sein, als die Probleme zu bewältigen, die zu lösen sonst niemand Lust hatte. Zwischen Narzissmus und Minderwertigkeit, Zwänge treiben uns emotional in eine Ambivalenz, die mitverantwortlich ist für ihre Dramatik.

Und heute? Ich bin ausgeglichener, weil ich mich nicht mehr so wichtig nehme. Weil ich aber auch erkannt habe, dass nichts von meinen Befürchtungen jemals eingetreten ist, die meine Zwänge mir weiß zu machen versuchten. Ich bin nicht frei von ihnen. Und ich weiß auch nicht, ob ich das jemals sein werde. Aber tatsächlich fühle ich mich mittlerweile wie in einer gut situierten Studenten-WG, in der es manches Mal drunter und drüber geht, in der man sich aber auch hin und wieder daran erinnert, dass noch Nachholbedarf besteht an der Arbeit an sich selbst. Ein Stück Kuchen habe ich mir zum Geburtstag doch noch gegönnt. Der Zwang bekam davon allerdings nichts ab. Vielleicht ist das der größte Erfolg nach 20 Jahren…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe zu Depressionen, Ängsten und Zwängen verzeichnet eine starke Zunahme an Kontakten durch Menschen mit affektiven Störungen. Wie Leiter Dennis Riehle berichtet, sind es vor allem bipolar Erkrankte, die seit einiger Zeit vermehrt den Rat und die Hilfestellung durch die Selbsthilfe suchen. „Betroffene mit einer manisch-depressiven Erkrankung haben oftmals Probleme, einen passenden Facharzt zu finden, der sich mit der Krankheit gut auskennt. Auch ist es nicht einfach, die richtige Therapieform auszuwählen. Die Patienten und ihre Angehörigen kommen nicht selten mit großer Not zur Selbsthilfegruppe, rufen an und fragen nach Erfahrungswerten. Wir können nicht immer helfen, weil wir kein Ersatz für das medizinisch-therapeutische Gesundheitswesen sind. Wir versuchen aber, mit Hinweisen den niederschwelligen Zugang zu den entsprechenden Hilfestellungen zu ebnen. Vor allem gilt aber mehr denn je: Zuhören!“, so Riehle.

Dabei geht es mittlerweile mehr um das „Mitlesen“ von Mails, denn diese Kontaktaufnahme hat sich weit nach vorne geschoben. „Waren es vor fünf oder zehn Jahren noch fünfzehn bis zwanzig Betroffene, die in der Gruppe saßen, so müssen wir unsere Treffen mittlerweile einstellen, weil dorthin niemand mehr kommt. Dafür habe ich um die 30 bis 40 Nachrichten pro Monat auf elektronischem Weg, aktuell waren davon sechs bipolar Erkrankte, die mir schrieben – so viele, wie noch nie innerhalb einer so kurzen Zeit“, meint der Ansprechpartner für die Selbsthilfeinitiative, die sich bewusst den Menschen mit manisch-depressiven Erkrankungen geöffnet hat. „Nicht selten ist es ein ganzes Spektrum an psychischen Erkrankungen, das mit der bipolaren Störung einhergeht. Wir haben einen Verteiler mit interessierten Betroffenen angelegt, an die ich sich neu meldende Erkrankte verweise. So kommt heutzutage der Kontakt zu Gleichbetroffenen auch außerhalb des Gruppenraumes zustande“.

Wesentlich sei weiterhin die Beratung der einzelnen Erkrankten und ihrer Angehörigen. „Fragen nach Adressen von Ärzten, Therapeuten, sonstigen Hilfsangeboten, aber auch die Erfahrung mit unterschiedlichen Behandlungsformen, die Aussicht auf Heilung, den Umgang mit der Erkrankung im Alltag, gegenüber Freunden und der Familie, mögliche Sozialleistungen – all das sind Themen, mit denen die Menschen auf uns zukommen. Und auch über die Erkrankung möchten sie viel wissen, gerade, wenn die Diagnose erst frisch gestellt wurde. ‚Warum bin ich so überdreht, warum rutsche in derart tiefe Täler?‘ – Das Kopfschütteln über die eigene Krankheit ist dann groß. Wir versuchen, aus unserer Geschichte zu berichten, wie wir die Nachricht aufgenommen haben, an einer bipolaren Störung zu leiden. Das bringt schon große Entlastung für die, die neu damit konfrontiert sind“, so Riehle.

Die Selbsthilfegruppe berät auch weiterhin unter Mail: info@zwang-phobie-depression.de oder Tel.: 07531/955401 (AB) und wird den Schwerpunkt auf bipolare Erkrankungen beibehalten. „Momentan sind es vor allem Betroffene vom ‚Rapid Cycling Typ‘, also mit rasch wechselnden Phasen von Manie und Depression. Wir weisen aber grundsätzlich niemanden zurück, egal, welche Kombination an seelischen Leiden nun vorherrscht“, sagt der Gruppenleiter abschließend.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Selbsthilfegruppe zu Hormonellen und Stoffwechselstörungen im Landkreis Konstanz hat einen neuen Schwerpunkt in die Arbeit aufgenommen. Sie spricht zukünftig auch Menschen mit Lebererkrankungen direkt an. „Endokrine Krankheiten haben unmittelbare Auswirkungen auf den Zustand der Leber, nicht nur der Diabetes mellitus“, so Leiter Dennis Riehle. „Unsere Selbsthilfeinitiative hat in den vergangenen Monaten bereits einige Anfragen von Betroffenen erhalten, teilweise geht es um Auswirkungen von Fettstoffwechselstörungen, aber auch Hormone und die Folgen der therapeutischen Behandlung dergleichen auf das Organ waren hier Thema“, berichtet der Gruppenleiter.

Die Initiative war ursprünglich gegründet worden, um Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen, Krankheiten der Hypophyse, des Hypothalamus, der Nebenniere oder der Bauchspeicheldrüse anzusprechen. „Nachdem die Leber aber das wesentliche Stoffwechselorgan im menschlichen Körper ist, wollen wir nun auch darauf einen Fokus richten“, erklärt Dennis Riehle, der gemeinsam mit anderen Betroffenen beraten möchte: „Wie in der Selbsthilfe üblich, geben wir Tipps und Hinweise aus unserer eigenen Erfahrung. Wir sind Laien, die mit den Krankheiten leben, und daraus Erkenntnisse ziehen, die anderen Betroffenen für ihre Situation helfen können. Wir ergänzen damit die Experten mit unserem ganz individuellen Wissen“.

Nachdem sich für die Gruppe noch keine feste Zahl regelmäßiger Teilnehmer gefunden hat, wird sich die Arbeit zunächst auf das Angebot des Kontakts mit den Ansprechpartnern der Initiative konzentrieren: „Betroffene und Angehörige können sich bei uns melden, wenn sie das Gespräch mit Gleichgesinnten suchen möchten und Fragen haben, die nicht die Fachexpertise betreffen, sondern die Krankheit im Allgemeinen, den Alltag mit der Erkrankung, Erlebnisse aus Behandlung und Genesung, psychische und soziale Anliegen, aber auch, wo man Fachärzte findet oder welche Kliniken in Frage kommen könnten“, erläutert Riehle abschließend.

Die Selbsthilfeinitiative ist unter Mail: mail@hormone-stoffwechsel.de und Tel.: 07531/955401 (AB) erreichbar.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
„Keine Frage des Zusammenreißens“, SPIEGEL 31/2017

Ich kann die Verständnislosigkeit ein wenig verstehen: Wenn Menschen sich umbringen, dann ist es schwierig, für Außenstehende überhaupt zu begreifen, welche Hilflosigkeit hinter solch einer Entscheidung steckt. Ich denke, nicht der Respekt vor einem Suizid kann die Forderung dieser Tage sein, sondern das Eingeständnis, sich nicht in seelische Ausnahmesituationen hineinversetzen zu können, wenn man selbst noch nie davon betroffen war.

Und nein, es geht dabei nicht um ein leichtes „BurnOut“, sondern um Krankheiten wie die Depression, die man nicht verstehen kann, ohne sie erlebt zu haben. Das ist nicht die Lustlosigkeit nach ein paar anstrengenden Tagen, nicht die Traurigkeit nach einem verlorenen Wettbewerb, nicht die morgendliche Sehnsucht, noch ein paar Minuten im Bett bleiben zu können. Eine ernsthafte Depression ist eine Lähmung. Sie macht das Leben nur noch schwer, sie nimmt die Kraft, Sinn und Perspektive erkennen zu können.

Es ist nicht überheblich, wenn Erkrankte den Angehörigen, Freunden oder Kollegen nicht zugestehen können, ihre Lage nachzuvollziehen. Es ist die Angst, in einem Kreislauf der Aussichtslosigkeit gefangen zu sein, ohne das Vertrauen, dass jemand eingreifen kann. Depressionen sind gerade in ihrer schweren Ausprägung ein psychischer Notfall, der einer lebensbedrohlichen Erkrankung des Körpers in keinster Weise nachsteht. Anzuerkennen, dass es hierbei um weit mehr als alleinige Befindlichkeiten geht, diese Erwartung dürfen Betroffene an ihr Umfeld stellen.

Doch nicht selten scheitert es bereits an einer solchen Erkenntnis der „Gesunden“ – und genau sie verhindert leider oftmals auch die nötige Hilfe, die nur deshalb ausbleibt, weil der Ernst der Lage unerkannt bleibt. Dabei kann Intervention ganz einfach sein: vom Zuhören, vom Ernstnehmen, vom sanften Ermutigen, vom Rückführen in einen Alltag bis hin zur Vermittlung eines Therapeuten, eines Arztes, einer Klinik. Verantwortung gegenüber dem Nächsten, trotz aller Berührungsängste sollte sie das sein, was wir als Betroffene von unserem Gegenüber verlangen können.

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Inka Bause leidet an ungewöhnlicher Zwangsstörung“, „KÖLNER EXPRESS“ vom 17.07.2017

Ungewöhnlich ist die „Zwangsstörung“ von Inka Bause wahrlich nicht. Das Meiden von Ritzen auf dem Boden, das Überspringen von Bodenplatten oder das Nutzen jeder zweiten oder dritten Stufe einer Treppe – diese manches Mal gar magisch anmutenden „Angewohnheiten“, die sich durch ihre Ritualisierung zu einer erheblichen Beeinträchtigung im Alltag auswirken können, sind eine häufige Zwangshandlung, die allerdings tatsächlich in der Dominanz der Wasch- oder Kontrollzwänge in der öffentlichen Wahrnehmung nicht selten untergehen. Und auch, dass die „Bauer sucht Frau“-Moderatorin gerade unter Stress an ihren Zwängen leidet, ist eher „normal“ als ungewöhnlich.

Jedoch sollte auch nicht jede Verhaltensweise, die uns merkwürdig vorkommt, sogleich als eine Zwangserkrankung eingeordnet werden. Leidensdruck und Ausmaß des „Tics“ spielen dabei eine wesentliche Rolle – und nicht allein um neuer Schlagzeilen willen sollten Menschen pauschal einer psychischen Störung verdächtigt werden, nur, weil sie in manch einer Situation anders reagieren, als man es gewohnt ist. Inka Bause scheint sich bewusst zu einem Bekenntnis zu ihrer Zwangserkrankung entschieden zu haben – und das ist überaus begrüßenswert. Denn solche Vorbilder ermutigen auch jene Betroffene, die sich noch unsicher sind ob ihrer Symptomatik, mögliche Zwangshandlungen (oder auch Zwangsgedanken) nicht nur in der Eigenwahrnehmung und Selbsteinschätzung zu beurteilen, sondern dafür professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Das Ziel einer jeden Berichterstattung zum Thema muss daher die Hilfestellung sein, Menschen in einer vergleichbaren Lage Anlaufstellen wie Selbsthilfegruppen, psychologische Beratungsstellen oder Psychotherapeuten an die Hand zu geben. Für die Zukunft wäre es deshalb schön, Hintergründe der Erkrankung und Kontaktdaten von Betroffenenverbänden noch ausführlicher darzustellen und es nicht allein bei der Sensationsmeldung über die Zwangsstörung eines Promis zu belassen…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe zu Zwängen, Phobien und Depressionen im Landkreis Konstanz verzeichnet seit einigen Monaten ein rapides Ansteigen von Anfragen Betroffener affektiver Störungen, die sich eine Erstberatung wünschen. „Obwohl der niederschwellige Zugang zur Psychotherapie durch die neuesten Reformen erleichtert wurde, haben viele Menschen noch immer Fragen, ehe sie sich einer professionellen Unterstützung zuwenden“, so Gruppenleiter Dennis Riehle. „Zwar ist die Zahl derer, die sich nach unserer Selbsthilfegruppe erkundigen oder Interesse an der Teilnahme hieran äußern, seit Jahren rückläufig. Gleichzeitig sind es die individuellen Anliegen, die vorgetragen werden, zumeist per Mail“.

Wesentlich gehe es laut Riehle um Unsicherheit, welche Therapierichtung die jeweils passende sei. Darüber hinaus sind es auch häufig große Sorgen darüber, ob man überhaupt an einer psychischen Erkrankung leide. „Wir können nichts diagnostizieren, wir können lediglich informieren und ermutigen, dies überprüfen zu lassen – und das aus Sicht von Betroffenen, also mit einem laienhaften Blick, der aber oftmals durch jahre- und jahrzehntelange Erfahrung aus der eigenen Leidensgeschichte geprägt ist“. Diese Augenhöhe schätzten diejenigen, die sich bei der Selbsthilfegruppe meldeten, besonders: „Wenn wir die Krankheit erklären, die Möglichkeiten von Behandlung oder den Umgang mit Angehörigen und der Außenwelt, dann geschieht das in einfachen Worten. Wir müssen nicht darauf achten, die richtigen Fachbegriffe zu verwenden und können gleichzeitig Emotion in unsere Antworten einbringen, weil wir mitfühlen können, nicht selten sind wir in denselben Situationen gewesen wie die, die uns jetzt kontaktieren“, so Riehle.

Warum gerade bei den depressiven Erkrankungen die „Nachfrage“ so deutlich anwachse, darüber kann der Gruppenleiter nur spekulieren, macht dafür aber die große Öffentlichkeit verantwortlich, die dem Krankheitsbild mittlerweile zuteilwerde: „Es ist gut, dass wir offener darüber sprechen, auch in unserer Gesellschaft. Und doch empfinden die Betroffenen noch immer eine enorme Ausgrenzung und trauen sich nicht, Arzt oder Therapeut aufzusuchen. Denn Depressionen gelten nicht nur in der Arbeitswelt häufig als Symbol des Versagens. Dabei sind die Ursachen so vielfältig – und die Krankheit eher ein Zeichen für Stärke, sich nun seinen eigenen Grenzen mit Selbstbewusstsein zu stellen, ob aus Über- oder Unterforderung. Und dabei sind die vielen genetischen, stoffwechselbedingten und lebensgeschichtlichen Einflüsse noch gar nicht berücksichtigt“. Im Übrigen seien es nicht nur die klassischen „Depressionen“ mit rund 15 bis 20 Kontakten im Monat, sondern auch bipolare Krankheitsbilder, zu denen im Monat zusätzlich eine Hand voll Anfragen eingehe, sagt Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie und Depressionen hat in der dunklen Jahreszeit seit Oktober 2016 eine überproportional hohe Zahl an Anfragen und Hilfegesuchen von Menschen mit uni- und bipolar affektiven Erkrankungen erhalten. So lagen die Kontakte monatlich bei rund 15 – 20 alleine für diese Krankheitsbilder. Der Leiter des ehrenamtlichen Angebots, Dennis Riehle, stellt zwar seit Jahren eine steigende Nachfrage an der niederschwelligen Selbsthilfe durch Menschen mit Depressionserkrankungen fest. In der „Saison“ 2016/2017 seien allerdings auffallend viele schwerwiegende Erkrankte über Telefon, Mail oder per Post auf die Gruppe zugekommen, um sich unter Gleichbetroffenen entsprechenden Rat zu suchen: „Oftmals haben wir diese typischen depressiven Verstimmungen erleben können, die manchmal auch der Stimmung im Winter zu verdanken waren. Der Leidensdruck war in der Regel auch nicht so hoch, sodass die Menschen die häufig herabgesetzte Emotionalität auch keinesfalls als eine krankhafte Veränderung bei sich angesehen haben“. Dieses Mal sei es aber anders gewesen, meint Riehle: „Da waren einige Fälle dabei, die nicht mehr aus ihrem ‚Loch‘ herausgekommen sind“.

Auch zahlreiche bipolar Erkrankte meldeten sich in den letzten Monaten bei der Selbsthilfegruppe: „Zumeist sind es Angehörige, die auf uns zugekommen sind. Sie berichteten, dass die Diagnose in der Regel bereits gestellt wurde und die Familie nun erhebliche Schwierigkeiten habe, mit dieser neuen Situation umzugehen. Wir verweisen dann oft auch an Gruppen, die darauf spezialisiert sind, eine Beratung können wir natürlich aber trotzdem anbieten, haben doch auch bei uns viele Betroffene Erfahrungen mit manisch-depressiven Krankheiten. Ich kann von diesem Auf und Ab bei mir selbst ein eigenes Lied singen“. Insgesamt erlebe die Selbsthilfe dieser Tage durchaus eine Rückkehr in das Gedächtnis der Menschen, empfindet Riehle: „Die klassische und bekannte Gruppe, in der man regelmäßig beieinander sitzt, ist heute aber leider ein Stück aus der Mode gekommen. Und doch ist der Bedarf groß, sich abseits des professionellen Gesundheitswesens mit denen auszutauschen, die die eigene Situation besser verstehen können. Das geschieht mittlerweile auf ganz anderen Wegen – im Einzelkontakt, über elektronische Kommunikation oder in Foren, Chats und Apps“.

„Gerade die bipolare Störung, aber auch schwere depressive Erkrankungen bereiten den Betroffenen und ihrem Umfeld häufig eine große Sorge. Und sie verunsichern auch“, sagt Riehle. „Da ist es hilfreich, Tipps für den Umgang zu geben und aus der eigenen Geschichte zu berichten, um klar zu verdeutlichen, dass eine Heilung zwar schwierig, eine Linderung der Erkrankung aber möglich ist. Besonders auch die Aussicht, dass man trotz der Krankheit ein erfülltes Leben führen kann, lässt sich einfacher von jemandem vermitteln, der aus eigener Erfahrung hinter dieser Aussage steht“. Und obwohl Riehle mehr als zehn Stunden pro Woche Mails und Briefe im Zuge seiner Arbeit rein ehrenamtlich beantwortet, schwört er weiterhin auf die Selbsthilfe: „Wir wollen doch alle solange als möglich eigenständig für uns sorgen, leben und auch entscheiden. Dazu befähigt uns dieses seit Jahrzehnten in Anspruch genommene und offenbar hilfreiche Konzept: Ein mündiger Bürger zu sein, selbstbewusst, gerade, wenn wir vielleicht ein wenig anders sind!“.

[Dennis Riehle]

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Standpunkt

Selbsthilfe. Seit Jahrzehnten ist sie Teil des Gesundheitswesens, wird heute gar als eine vierte Säule betrachtet und neben stationärer, ambulanter und der niederschwelligen Versorgung als ein Angebot gesehen, das auf die Selbstverantwortung des Einzelnen im Umgang mit Herausforderungen im Lebensalltag setzt. Bereits im Zweiten Weltkrieg gab es eine Art von „Selbsthilfegruppen“: Frauen, die um ihre Männer an der Front zitterten oder schon zu Witwen geworden waren, versammelten sich in den Häusern, um dort gemeinsam ihre Trauer und die Ängste zu teilen, sich zu ermutigen und auch Ablenkung zu finden. Spätestens in den 60er-Jahren waren es dann die stärker aufkommenden Alkoholprobleme in der Gesellschaft, die zur eigentlichen Gründung der ersten, bis heute bekannten „Selbsthilfegruppe“ führten: Bei den „Anonymen Alkoholikern“ waren es vor allem die Hinterzimmer in den Kneipen, in denen man sich traf, um nach einem ganz bestimmten Konzept die Abstinenz zu trainieren. Und diese Idee, gemeinsam an einer Krankheit, einer Lebenssituation oder einer vorübergehenden oder dauerhaften Sorge zu arbeiten, entwickelte sich in den Jahrzehnten darauf zu einem Gedanken in den Köpfen der Menschen, die in Psychotherapie, Arztbesuch oder dem Gespräch mit Freunden nicht die alleinige Möglichkeit auf eine Bewältigung ihrer Mühen gesehen haben.

Denn ersetzen sollte die Selbsthilfe nie etwas. Wenngleich die Philosophien in den einzelnen Gruppen unterschiedlich waren, sah man sich klassischerweise als eine Ergänzung zum medizinischen und therapeutischen Gesundheitswesen, um über das eigene Problem nicht nur frei und umfassender, sondern vor allem im geschützten Rahmen unter Seinesgleichen offen, vertrauensvoll und verständnisreich sprechen zu können.

Fünf Säulen tragen die Selbsthilfe bis heute, auch wenn sie sich durch Einflüsse der Digitalisierung immer weiter von ihren eigentlichen Grundsätzen entfernt. Weiterhin ist es die Anerkennung, die Menschen schätzen, wenn sie eine Gruppe aufsuchen. Die Bejahung der Person, ohne Vorurteile, sondern im Wissen, dass man jenen begegnet, die die Situation nicht aus bloßem Mitleid nachvollziehen können, sondern aus der eigenen Erfahrung heraus, wie schwer es ist, mit Ausgrenzung umgehen zu müssen, die Hürden im Leidensweg aus dem Weg zu räumen und Erfolge schlussendlich nicht wieder loszulassen. Im beste Falle gelingt die Zustimmung von Seiten der Gruppe zu einem Neuen auch empathisch. Denn das Klima der Geborgenheit trägt ganz wesentlich dazu bei, dass wir uns überhaupt öffnen, anvertrauen und damit unsererseits einen Beitrag zum Gruppengeschehen leisten können. Wenn wir uns angenommen fühlen, dann sind wir uns auch klar darüber, dass die Interessen sich gleichen. Und dass gerade deshalb auch nach außen geschwiegen wird, weil niemand will, dass Details über Höchstpersönliches in die weite Welt dringen. Dieser Schutzwall wäre wohl im anonymen Chat schon deutlich niedriger…

Und auch wenn im ersten Moment eher ein Nehmen im Vordergrund steht, das Lauschen auf die Historie aller Anderen, ehe ich selbst von mir etwas preisgebe, ist es schon genau das, was hilft. Besonders durch ein Erklären der jeweiligen Krankheitsgeschichte des Gegenübers beginnt früh der Prozess, aus gewonnenen Informationen die richtigen Schlüsse für meine ganz individuelle Situation zu ziehen. Das Erläutern, das Beschreiben und Darlegen der Erkrankung, seiner Therapieoptionen und seiner Behandlungsmöglichkeiten, der psychosozialen Auswirkungen und der niederschwelligen Unterstützungsangebote, des Umgangs und der Perspektiven mit dieser Krankheit gehört zum wesentlichen Kern einer Selbsthilfegruppe. Dabei geht es in erster Linie darum, Hintergründe zu liefern, die die Fachleute nicht bieten können, nämlich Berichte aus dem alltäglichen Umgang mit einer Krise. Nicht um eine Konkurrenz zur Fachwelt, nicht um einen Ersatz für den Arztbesuch. Sondern um eine Ergänzung die sich auf völlig anderer Ebene, nämlich der der Betroffenen untereinander, abspielt. Erfahrene Gruppenmitglieder, die schon länger mit ihrer Lage leben müssen, sind geschult im Verständnis des Problems. Durch das Zuhören der neuen Teilnehmer kann ein Gewinn für beide Seite erwachsen: Das Erzählen hilft, andere Menschen an der eigenen Geschichte teilhaben zu lassen, daraus neues Selbstbewusstsein zu entwickeln und gleichzeitig expositorisch zu verarbeiten, was in anderem Rahmen schlechter ausgesprochen werden könnte. Und die, die sich von den „alten Hasen“ unterrichten lassen, erfahren erstmals, dass es da ja noch andere Menschen gibt, die in einer ähnlichen Situation stecken wie ich. Und sicherlich erhalten sie Details, die auch keine Suchmaschine oder ein Mediziner liefern würde, weil sie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse sind, sondern erfahrungsspezifische Besonderheiten, zwischenmenschliche Unikate, die sich so im Netz nicht finden lassen würde.

Blickt man auf weitere Aufgaben dieser „Selbsthilfeszene“, kommt man nicht umhin, zu erkennen, dass sie gerade im Bereich der seelischen Erkrankungen lange Zeit wahrlich „boomte“. Das liegt wohl an der Tatsache, dass sicher jede Herausforderung in unserem persönlichen Alltag schlussendlich auch unsere Psyche berührt. Wir müssen verarbeiten und lernen, mit einer Prüfung umzugehen, die zeitweise, manches Mal aber auch unser gesamtes Leben, an unserer Seite bleibt, und uns nicht selten provoziert, an die Grenzen bringt, uns hilflos erscheinen, hadern und gar verzweifeln lässt. Eine Reaktion der Seele ist dabei ganz selbstverständlich und etwas, was vielen Anderen auch so geht. Gerade deshalb ist es auch hier wieder das Erkennen, dass wir nicht alleine sind mit unseren Fragen, sondern sie gemeinsam diskutieren können, Wissen und Erlebnisse von verschiedenen Gleichbetroffenen als Anregung nutzen und uns zusammen Wege der Psyche in ihrem Vorgehen vor Augen führen können, wenn sie das, was wir im Augenblick durchstehen, zu verarbeiten versucht – und weshalb sie an manchen Stellen streikt. „Rezepte“, um sie wieder zu beruhigen, gibt es in der Selbsthilfegruppe sicher nicht. Aber Unterstützung beim Verstehen des großen Labyrinths unserer Tiefen, Psychoedukation, das kann sie leisten. Denn Einige sind in den Wirren schon vorangekommen und können uns davon berichten.

Und genau dieses Erzählen ist ein Teil der sich in jeder Selbsthilfegruppe durch dynamische Prozesse meist von ganz allein entwickelnden Interaktion – auch von einem Moderator angestoßen und zurückhaltend begleitet. Die Bereitschaft zur Teilhabe und Teilgabe derjenigen, die eine solche Runde aufsuchen, ist eine wesentliche Bedingung für den gemeinsamen und persönlichen Erfolg. Niemand erwartet, dass jeder Teilnehmer von Beginn an und andauernd seinen Beitrag leistet. Das alleinie Wahrnehmen kann gleichermaßen ein wichtiger Baustein für die Arbeit der Gruppe sein, verdeutlicht es doch einen hohen Konzentrationsfaktor unter den Teilnehmern, die das aufnehmen, was nicht nur gut gemeint ist, sondern ein Modell für die eigene Situation sein kann. Dabei sind es nicht nur die Geschichten des Positiven, besonders auch die Darlegungen von Rückschlägen machen das Gespräch in einer Selbsthilfegruppe so authentisch. Denn der Solidargedanke ermutigt die Gruppe, in solchen Augenblicken mit Trost, Rat und dem Verweis darauf, dass nicht nur Hoffnung nötig, sondern die Bewältigung von dunklen Tälern mit ernstgemeinten Hilfen zur Orientierung in Therapie und Behandlung, auf gesundheitsfördernde und heilende Maßnahmen aus Eigeninitiative oder als Tipp zur bloßen Alltagsbewältigung möglich ist, einzugehen.

Denn gerade diese Eigenregie ist es, zu der die Selbsthilfe letztlich anregen soll. Selbst-Hilfe als ein Entwicklungsprozess von der Solidarität unter den Betroffenen hin zur Selbstständigkeit im Umgang mit meiner persönlichen Lebenssituation. Selbsthilfe lehrt also ganz bewusst, auf den eigenen Beinen zu stehen, ohne dabei aber auf den Rückhalt vieler Unterstützungsangebote und Anregungen verzichten zu müssen, die nicht bevormunden sollen, sondern befähigen, in einem Netz von Hilfen die passenden auszusuchen und sich damit auf den Weg zu begeben, Krankheit, Behinderung oder sozialer Not mithilfe meiner und bedarfsweise auch fremder Ressourcen zu begegnen. Wie solch ein Aufbruch letztlich aussehen kann, dafür liefern diejenigen in der Selbsthilfegruppe ein Beispiel, die bereits unterwegs sind auf dem Hürdenlauf. Anhand ihrer Rückmeldungen wird es für mich durch Reflektion möglich, Parallelen für meine eigene Situation zu erkennen und aus den Errungenschaften und den Misserfolgen die Schlüsse für meine Fahrt zu ziehen. Eine bloße Übernahme der Gedanken genügt meist nicht, dazu sind die Probleme zu individuell. Doch die Ansätze gleichen sich bereits aus dem einfachen Umstand heraus, dass die Ausgangslage analog ist. Denn Erkrankungen und Krisen haben oftmals doch ähnliche Muster, sprechen nicht selten auf dieselben Therapien an und werfen meistens dabei die gleichen Fragen auf, wenn es um den Alltag, die Behandlung und die Perspektiven geht. Dass Andere es auch schaffen, das erzeugt Mut und gibt Kraft, körperliche und seelische Qualen als nicht gottgegeben anzunehmen, sondern sich ihnen zu stellen.

Doch kann Selbsthilfe in Zeiten von Wissensdatenbanken, Foren und Apps all das überhaupt noch leisten? Trauen wir ihnen mehr als einem menschlichen Gegenüber, das mir Fakten nicht nur auf den Bildschirm legt, sondern dazu auch Emotionen zeigt, auf Fragen nicht nur objektiv, sondern eben individuell eingeht und mir seine Geschichte erläutert, während Andere auf meine Stimmung reagieren und mir Feedback geben können? Es geht vor allem darum, nicht nur meine Krankheit zu verstehen, sondern das, was sie in mir auszulösen vermag, mit Anderen zu teilen. Die Gefühle, die mich belasten, wird niemand so gut verstehen wie der, der dieselbe Diagnose erhalten hat. Und niemand sonst kennt die Vorwürfe gegenüber mir selbst so genau, wie jener, der sie sich auch macht. Er fängt mich am besten auf, wenn ich neben ihm sitze, nicht vor dem Bildschirm. Daher bleibt die Selbsthilfegruppe auch heute noch das Werkzeug erster Wahl, wenn es um die ehrenamtliche Unterstützung von Menschen untereinander in gleichen Lebenslagen geht…

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Wie glaubwürdig ist Hankas Verhalten?“, 19.01.2017, „BUNTE“

Wir kennen Hanka Rackwitz kaum – und doch wurde die Fernsehnation zu wahren Hobby-Psychologen, als die „Verrückte“, wie sie sich selbst verkauft hatte und bereits im Vorfeld oftmals bezeichnet worden war, den Weg auf den australischen Kontinent suchte, um mit anderen „Promis“ die Prüfungen zu bestehen, die die Zuschauer begeistert verfolgten, und letztendlich einen Nachfolger von Desirée Nick, Maren Gilzer oder Joey Heindle wählten. Viele warfen ihr vor, sie spiele ihre Zwänge nur. Und so deutete man in den Wohnzimmern jede Bewegung von Rackwitz, studierte ihre Interviews noch vor Einzug ins Camp und befragte manch ein Online-Lexikon danach, was denn eine „Zwangsstörung“ überhaupt sei. Denn schlussendlich trifft man solch eine Situation nur selten an, in der sich eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit mit ihren seelischen Problemen der breiten Öffentlichkeit stellt. Und so waren Häme und Spott dem Respekt und der Anerkennung gegenübergestellt, neugierig schienen alle – und gewisse Personengruppen zitterten vor einer völligen Fehldarstellung der Erkrankung bis hin zu einer absoluten Verharmlosung oder Übertreibung eines Störungsbildes, das die Meisten mit „Händewaschen“ oder „Ritzen zählen“ assoziieren dürften. Schließlich wurde das, was sich rund um das „Dschungel-Camp“ 2017 abgespielt hat, ein Einblick in Vorurteile, mit denen Menschen mit einer Zwangserkrankung umgehen müssen. Aber auch in die Prozesse hinein, wie solche Meinungen entstehen und vielleicht gar noch in falsche Richtungen gelenkt und damit schaden können.

Nachdem ich selbst seit knapp 20 Jahren mit einer Zwangskrankheit beladen bin, wirkten die Verhaltensweisen von Hanka Rackwitz auf mich nicht sonderlich gespielt. Gleichermaßen irritierte mich ihr Vorgehen. Der Genuss von tierischen Genitalien als Konfrontationstherapie gegen das Putzen und Ordnen? Ich gebe zu: Im Gegensatz zur Wissenschaft war ich noch nie ein Freund von Expositionen, vom Therapieansatz, Zwänge durch das gezielte Auseinandersetzen mit den Angst auslösenden Situationen provozierend und überwindend bewältigen und gleichsam auch beherrschen zu wollen. Dafür sind Zwänge für mich zu komplex, als dass ich ihnen alleine durch eine Symptombehandlung begegnen möchte. Doch meine Sicht ist hier nicht repräsentativ, daher mag Rackwitz mit ihrer Entscheidung durchaus Anhänger finden. Viel eher störte mich der inszeniert wirkende und – erwartungsgemäß – medial ausgenutzte Gang in Richtung Australien. Er war es, der unnatürlich daher kam. Als öffentlichkeitswirksamer Versuch, durch größtmögliche Aufmerksamkeit den Blick nicht nur auf sich, sondern auch auf eine Erkrankung zu lenken, die durchaus einen Fokus braucht, war Rackwitz‘ Vorgehen eher unglücklich gewählt. Denn sie erwies der Zwangsstörung und vielen Betroffenen einen Bärendienst: Letztlich war es nämlich nicht nur ein Einblick in die Krankheit, sondern ein im falschen Rahmen inszeniert daherkommendes Präsentieren einer Dramatik, der es an Authentizität fehlte.

Was mich stutzig werden ließ, waren die raschen Erfolge von Hanka Rackwitz. Zweifelsohne wirkt das „Flooding“ rasch, also die massierte Spiegelung des eigenen Verhaltens an den Reizen wie potenziellen „Bakterien“, „Keimen“ oder quer gelegten Bleistiften. Doch dass innerhalb von Tagen nicht nur eine Stimmung derartig umschlägt, sondern auch Zwänge schwächer zu werden scheinen, die nach Angaben von Rackwitz zuvor ihren Alltag ausgestalteten, das überraschte doch. Zwar kann das neue Umfeld einen bedeutenden Einfluss gehabt haben, Stresssituationen sind aber eigentlich eher für eine Verstärkung des Zwangsverhaltens bekannt. So mögen Patienten vielleicht falsche Hoffnungen entwickelt haben über den Fortgang ihrer eigenen Erkrankung – ohne abschließend klären zu können, was bei Hanka Rackwitz letztendlich „echt“ war und vielleicht eben nur „schauspielend“ gewesen ist. Denn nicht umsonst sprechen viele Betroffene von lebenslangen Begleitern, wenn sie ihre Zwänge einschätzen. Das müssen sie nicht sein – und vor allem nicht derart ausgeprägt, dass sie dauerhaft die Genussfähigkeit im Dasein einschränken. Und doch mag dann ein Tenor der raschen Linderung im Urwald nicht die passende und vor allem auch nicht ehrliche Antwort auf die Qual sein, die mittlerweile mehrere Millionen Deutsche in unterschiedlichem Ausmaß mit sich schleppen.

Was zu kurz kam, das waren die Hintergründe einer solchen Störung. Manch einer verniedlichte die Probleme von Hanka Rackwitz als „Tics“. Dabei sind Zwänge mehr als ein paar Marotten, die sich ab und zu einmal zu Wort melden. Eine Zwangserkrankung nimmt Lebenszeit, als Erkrankte haben wir aber in vielen Momenten der Betroffenheit nur mehr oder weniger die volle Macht, über sie mitzubestimmen. Aus Unwissenheit ließen Andere aus der „Neurose“ der Zwänge eine „Psychose“ werden – was sie eben gerade nicht ist. Zwar sind die Grenzen in wenigen Fällen fließend, sicher aber nicht bei Rackwitz‘ Waschen und Reinigen. Denn eigentlich sind Menschen mit Zwängen von ihrem Handeln nicht überzeugt, sie zweifeln in alle Richtungen. Das ist der Kern der Erkrankung. Und so lange sie keine Gewissheit haben, ihr Tun sei richtig und sinnvoll, so lange sind sie davon entfernt, in eine wahnhafte Welt abzudriften – und entsprechend als „Schizophrene“ stigmatisiert zu werden. Auch half die Biografie von Rackwitz nicht weiter, ihre Emotionen wirkten durch die „Scheinwerfer-Situation“ nicht selten aufgesetzt. Ihre Teilnahme am „Dschungelcamp“ schien ein Ausdruck einer großen Hilflosigkeit. Und das vereint sie mit den vielen anderen Betroffenen. Daraus aber abzuleiten, dass ein kulinarischer, geografischer und kultureller Schock das richtige Mittel für die Bekämpfung der eigenen Zwänge ist, wäre fahrlässig. Denn die Therapieauswahl muss individuell geschehen, hängt maßgeblich auch von möglichen Ursachen, systemischen oder psychodynamischen Faktoren ab. Wenn aber die Botschaft von Hanka Rackwitz ausgegangen sein sollte, überhaupt aufzustehen und das Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen, statt es von einem unsichtbaren Gegenüber bestimmen zu lassen, dann hat sich ihr Engagement gelohnt…

[Dennis Riehle]