Leserreaktion zu
„Psychiatrie tritt auf der Stelle“, „ÄrzteZeitung“, 28. Dezember 2016 (http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/article/926708/60-jahre-stillstand-psychiatrische-therapie-tritt-stelle.html)

Ist die Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten in ihren Ansätzen von Behandlung und Therapie nicht weitergekommen? Das meint zumindest aktuell die „ÄrzteZeitung“ in einem Kommentar – und bezieht sich mit ihrer Meinung auf die Ergebnisse des Jahreskongresses der „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychosomatik, Psychotherapie und Nervenheilkunde“ (DGPPN) in 2016. Demnach sei es nicht gelungen, über die bereits seit langem angewendeten Wirkstoffgruppen hinaus passende Medikamente für Patienten zu finden, die mit den „neuen“ und „alten“ Psychopharmaka nicht vorankämen. Keine medizinische Disziplin trete derartig auf der Stelle wie die Psychiatrie, so der Tenor des Autors.

Schon allein dieser Vergleich scheint unpassend. Ja, auch die Psychiatrie gehört zu den medizinischen Fachrichtungen. Doch kann man sie wirklich der Orthopädie, der Hals-Nasen-Ohren – Heilkunde oder der Gynäkologie gegenüberstellen? In keinem Bereich der Medizin scheinen die praktizierenden Ärzte mit derartig vielen unsichtbaren Zusammenhängen konfrontiert wie bei der Behandlung von psychiatrischen Leiden. Nicht nur Hirnprozesse, endokrines Geschehen, neurologische Einflüsse und internistische Schwankungen spielen eine Rolle, sondern vor allem das Unsichtbare der Seele. Denn die Psychiatrie kommt heute nicht mehr ohne psychotherapeutische Betrachtung aus – ein enormer Fortschritt im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten. Sie versteht den Menschen – im Gegensatz zu manch anderer Fachrichtung – nicht allein als ein biologisches Objekt, das empirisch auf Behandlungen reagiert. Im Dogma ist sie damit den meisten medizinischen Disziplinen voraus.

Dass die Medikamente weiterhin auf die bekannten Wirkstoffklassen beschränkt bleiben und insbesondere Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer als wichtigste Antidepressiva neben den modernen Neuroleptika nicht all den Patienten helfen können, das liegt letztlich ganz in der Natur der Sache. Denn trotz einer großen Vielfalt an Arzneimitteln dieser Gruppen ist nicht nur das Ansprechen auf die individuelle Symptomatik, die bei Krankheiten außerhalb des psychiatrischen Spektrums nie derartig zielgenau angegangen werden muss wie eben den Psychosen, Depressionen oder auch Persönlichkeitsstörungen, sondern auch die Nebenwirkungsrate weiterhin so komplex, dass man sich mit einem Wettbewerb um den fortschrittlichsten Fachbereich der Medizin schwer tut, wenn die Ausgangslage für ihre denkbaren Erfolge dann doch so unterschiedlich scheint.

Es ist der Psychiatrie recht unfair gegenüber, sie als eine Disziplin im absoluten Stillstand wahrzunehmen. In keiner waren die Reformen derart enorm, von der Hilflosigkeit der Zwangsmaßnahmen über das bloße Austesten von willkürlichen Substanzen zu einer in den Wechselwirkungen überschaubar gewordenen, für viele Patienten über Jahre große Erleichterungen bringenden und symptomatisch lindernden Behandlung, die abwägt und keinesfalls eindimensional bleibt. Der Anspruch, die Psychiatrie möge heilen, möge ursächliche Therapien bieten, um die Abhängigkeit von einer pharmakologischen Dauerbehandlung abzulösen durch eine schonendere, die Stoffwechselprozesse des Gehirns noch stärker berücksichtigende Begleitung, ist berechtigt, aber auch halbherzig. Zweifelsohne stößt die Psychiatrie auch heute noch an ihre Grenzen. Doch kaum eine Disziplin wird gleichsam derart stiefmütterlich behandelt wie sie.

Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Medizin selbst fristet sie noch immer in ihrem Mauseloch unter verschiedensten Vorurteilen, wird nicht ernst genommen und manches Mal auch als überflüssig betrachtet. Wenn sich solch eine Einstellung auch auf die Forschung übertragen sollte, erklärt sich eine gewisse Stagnation im weiteren Vorankommen der Psychiatrie. Faktisch ist sie aber nicht allein auf eine nicht wachsende Bandbreite an Medikamenten aus den bekannten Kategorien angewiesen. In der Selbsthilfearbeit bin ich eher überrascht darüber, wie vielseitig die Psychiater heute Diagnostik betreiben – und damit Ursprünge psychiatrischer Krankheiten finden, die über lange Zeit unbeachtet blieben. Ob die Testung der Funktion endokriner Drüsen, Blutuntersuchungen auf Vitamine und Hormone, aber auch die Klärung möglicher humangenetischer oder immunologischer Ursachen – all das gehört bei den meisten Psychiatern heute neben bildgebenden Verfahren, radiologisch-interventionellen Methoden und einem neuropsychiatrischen Konsil zur Vielfalt von Erkennung und Behandlung.

Gemeinsam mit der Psychotherapie, die sich ebenfalls gerade in diesem Jahrzehnt wieder weiterentwickelt, ist durch die Psychiatrie vielen Betroffenen zumindest eine Remission ihrer Beschwerden zuteil geworden. Aus eigenem Antrieb heraus erlebe ich Mediziner, die nicht nur Pharmakotherapie bis zuletzt ausreizen, um Menschen zu helfen, sondern interdisziplinär arbeiten. Dass dabei manches Mal noch immer die alleine Ruhigstellung als das einzige Mittel zur Unterdrückung von Symptomen in Frage kommt, ist kein befriedigender Zustand. Das weiß auch die Zunft selbst. Und trotzdem macht man es sich zu leicht, die Psychiatrie selbst mit all ihren Mitwirkenden als auf dem Stand tretenden Fachbereich zu deklassifizieren. Viel eher erwarte ich den Einsatz dafür, dass die Disziplin weiter aus ihrem Schattendasein geholt wird, finanzielle und personelle Anerkennung für die weitere Erforschung neuer Behandlungsansätze erhält und ihrem Wandel in den vergangenen Jahrzehnten eine Wertschätzung zugesprochen wird, den besonders jene zu würdigen wissen, die als Patienten erstmals mit einer gewaltfreien Psychiatrie aufwuchsen…

[Dennis Riehle]

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Gastkommentar

Vor über zehn Jahren begann ich mit meinem ehrenamtlichen Engagement in der Selbsthilfe. Eigentlich ist ein solcher Zeitraum in einer gefühlt immer schnelleren Entwicklung kaum eine große Distanz. Doch wenn ich dieser Tage eine Bestandsaufnahme vornehme über das, was sich in der Bewegung getan hat, die nicht erst seit den 1960er-Jahren durch die Zusammenkunft von Menschen in ähnlichen Lebenssituationen einen besonderen Stellenwert in der niederschwelligen Selbstverantwortung für die persönlichen Probleme eingenommen hat, bin ich ernüchtert. Von Jahr zu Jahr gestaltete es sich schwieriger, diejenigen für die Selbsthilfe zu begeistern, die noch kurze Zeit davor von der Kraft der Selbsthilfearbeit schwärmten. Die Epoche einer zunehmenden Individualisierung hatte sich nicht nur in der Gesellschaft spürbar breit gemacht. Auch die Idee, dass der Austausch über die eigenen Tiefen und besonders die Erfolge ein wechselseitiges Profitieren ist, war offenbar verkümmert. Denn nicht selten hörte ich doch plötzlich diesen Standpunkt aus Egoismus, vielleicht aber auch Angst: „Was soll ich mich da hinsetzen, damit die anderen was davon haben und ich dennoch nichts mitnehmen kann!“.

Aber nicht nur die Fokussierung auf die eigenen Gewinne haben der Selbsthilfe schwer zugesetzt. Der Vormarsch an digitalen Kontakten macht zunichte, was über Jahrzehnte in freiwilliger Arbeit von vielen Betroffenen und Angehörigen errichtet wurde. Heute trifft man sich nicht mehr persönlich, in dem mit vielen Vorurteilen besetzten und in den Köpfen der Allgemeinheit weiterhin omnipräsenten Stuhlkreis. Auch immer mehr Selbsthilfeorganisationen bieten stattdessen die virtuelle Selbsthilfegruppe an. Im Videochat tauscht man sich scheinbar ebenso gut aus wie dort, wo man früher noch Auge in Auge miteinander sprechen, auf Körperhaltungen eingehen, Emotionen spüren und auf Gefühle des Anderen adäquat eingehen konnte. Für eine Gruppe wie meine, in der auch Soziale Phobien das Thema waren, ist solch eine Entwicklung der wahrhaftige Dolchstoß. Denn waren wir nicht genau dafür angetreten? Dafür, die Menschen aus ihren vier Wänden wieder zurück in die Realität zu holen? Zunächst über den Weg des bewusst geschützt gewählten Außenrahmens einer Gruppe, die an Orten zusammenkommt, an denen es anonymisiert machbar war, später dann auch mit gemeinsamen Ausflügen in die Welt dieses für viele Erkrankte so beängstigenden pulsierenden Lebens? Dabei ist dieser Prozess, sich wieder verstärkt in die Privatsphäre zurückzuziehen, mit dem Trend zur Entsolidarisierung problemlos in Verbindung zu setzen.

Die eigenen Sorgen haben stetigen Vorrang – dieser Gedanke zeigt auch, dass die Szene trotz umfangreicher Aufklärungsarbeit noch immer nicht vermitteln konnte, dass Selbst-Hilfe nur bedingt etwas mit der Überlegung gemein hat, die sprichwörtlich in „Hilf‘ dir selbst, dann hilft die Gott“ ihren Ausdruck findet. Mit Gleichbetroffenen die Erfahrungen auszutauschen, das tut nicht nur deshalb gut, weil man ein Gespür dafür bekommt, wie heilsam eigentlich die Hilfe für den Anderen ist. Vielmehr wird derjenige, dem man sich zu öffnen bereit ist, ebenso mit seinen Aufs und Abs im eigenen Leben eine Unterstützung, hat er doch vielleicht das erlebt, was auch mir in meiner Situation eine Linderung bringen könnte. Diese Philosophie scheint zu wenig vermittelt worden zu sein, wenn es nun darum geht, es sich auf der Couch daheim gemütlich zu machen und dort darauf zu warten, dass die Hilfe durch den Laptop kommen möge – um gleichzeitig noch darauf abzuzielen, dass dabei ausschließlich der persönliche Nutzen herausspringt. Wie sehr sich ängstliche Symptome, die bei nahezu jeder Krankheit in irgendeiner Art und Weise eine Rolle spielen, durch eine solche Haltung verfestigen, musste ich bei mehreren Betroffenen miterleben, die sich bei mir nach einer Gruppe erkundigten, dann jedoch nie bei einem Treffen aufgetaucht sind – und stattdessen in regelmäßigen Abständen erneut ihre Mails schickten und letztlich attestierten, dass sie sich mittlerweile gar nicht mehr vor die Türe trauten. Und das, zu ihrem großen Erstaunen, obwohl sie doch wöchentlich an einer Chat-Gruppe teilnahmen. Eine Moderation gab es nicht – und so endeten die dortigen Gespräche entweder beim „geilsten“ Burger einer großen „Fast Food“-Kette oder im selbstmitleidigen Tränensee, den über die Kamera niemand so wirklich trocknen kann.

Kann der Leidensdruck wirklich groß sein, wenn man mit seiner Erkrankung so lax umgeht? Wahrscheinlich ist es eher die Hilflosigkeit vieler Menschen, wie sie mit den Umwälzungen der Moderne verfahren sollten. Nicht anders kann ich mir auch die Ergebnisse aus Befragungen erklären, die ich über einige Monate vorgenommen habe, nachdem ich bei meinen Gruppentreffen trotz einer ständigen Nachfrage plötzlich alleine dasaß – und durchaus an meinem Engagement zweifelte. Bei 34 Mail- und Telefonkontakten innerhalb von vier Wochen, von denen sich 27 nach einer Selbsthilfegruppe zunächst erkundigten, dann aber doch zu zögern begannen, als es um eine konkrete Teilnahme gehen sollte, fragten schlussendlich immerhin 21, ob es denn nicht auch online ein Angebot gebe, das man in Anspruch nehmen könne. Auf den Einwand, warum man nicht an einem persönlichen Treffen interessiert sei, waren immerhin 13 ehrlich und gaben an, dass sie nicht zuverlässig seien, um regelmäßig zu einer Zusammenkunft zu kommen. Von allen Kontaktsuchenden meinten nach einer Information darüber, was eigentlich eine Selbsthilfegruppe sei, doch 23: „Was habe ich davon, wenn ich da dabei bin?“. Und 29 stellen am Ende fest, dass sie eigentlich nur eine Frage hätten – um dann aber doch anzufügen, ob sie denn nochmals anrufen oder schreiben könnten. Selbsthilfe – und vor allem ihre Ehrenamtlichen begeben sich durch solche Standpunkte zunehmend in die Situation des Gemischtwarenladens, eine Dienstleistung, die mit der eigentlichen Ideen eines wirklichen „Gebens und Nehmens“ nicht mehr allzu viele Gemeinsamkeiten hat.

Eine Tendenz ist dagegen klar: Das Bedürfnis nach einer individuellen – aber eben nicht mehr kollektiven – Stütze wird in einem Miteinander des fortdauernden Rückzugs immer größer. Verzeichnete ich vor einigen Jahren pro Jahr noch 200 Kontakte, sind es heute mehr als 500. Da wird aus einem Selbsthilfegruppenleiter ein Zuhörer, ein Wegweiser und ein Hoffnungsträger, der über Kommunikationsmittel die Resultate einer Entwicklung auffangen muss, die er eigens nie gewollt hat. Und doch fühle auch ich mich machtlos, wenn es darum geht, wie sich die Selbsthilfe heute selbst helfen kann. Natürlich versuchen wir, mit der Zeit zu gehen und auch das auszuprobieren, was uns in der Dynamik eines transhumanistischen Denkens an Chancen, aber eben auch an Risiko aufgebrummt wird. Da entstehen interaktive Webseiten und ansprechende „Tools“ für die jungen Menschen, da werden „Apps“ bereitgestellt, die die Seele trösten sollen, „QR-Codes“ auf Plakaten wie in der Unternehmenswerbung oder das Forum, das die Nöte genauso ernst nehmen soll wie eben der Freund oder der Partner. Bei aller Entpersonalisierung wird deutlich: Ist die Selbsthilfe tatsächlich mit dieser Vision über unsere Gegenwart und unsere Zukunft kompatibel? Ist sie nicht auch ein Opfer des Verlustes an Empathie, an Menschlichkeit und wachsender Einsamkeit? Und muss sie hinnehmen, dass solche Tatsachen nun geschaffen wurden – oder ist sie nicht sogar verpflichtet dazu, diese Veränderung kritisch zu betrachten?

Sie war besonders stark in Zeiten um 1968. Sie kennt also Umbrüche und weiß, wie es gerade in derartigen Augenblicken einer reflektierten Kraft bedarf. Denn sie ist wahrlich nicht nur mit Ideologien beschäftigt, sondern auch mit pragmatischen Problemen. In meiner Arbeit wird mir stets neu deutlich, wie sehr sich an der Selbsthilfe auch ein Zeitgeist widerspiegelt, den die Politik kreiert: Da fange ich auf, was im Gesundheitswesen immer schiefer läuft. Die wenigen Minuten beim Therapeuten, die nicht reichen, um zumindest das Grundproblem näher zu erklären. Die monatelangen Wartezeiten bis zu einem Termin beim Facharzt. Der Hausarzt, der eigentlich glücklich ist, am Wochenende das Handy klingeln zu lassen. Oder die frühzeitige Entlassung aus der Klinik, weil die Pauschale doch schon verbraucht ist. Im Zweifel sind es wieder diese Freiwilligen, die ihre Ohren öffnen, wenn die öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr lauscht. Das soll Ehrenamt eigentlich nicht sein – und doch fehlt es auch der Selbsthilfe heute an einem gesunden Bewusstsein. Sie muss sich wahrlich nicht unter ihrem Wert verkaufen. Vielleicht ist das die Lehre aus einer spürbaren Zäsur einer Bewegung, die nicht umsonst auf Traditionen setzen darf. Nein, wir brauchen keine Bemutterung und auch keine Versuche, die Selbsthilfe wiederzubeleben. Viel eher sollten wir uns auf unsere Kernkompetenz besinnen: Die Hilfe für uns, aber viel eher auch für Andere. Denn daraus ziehen wir – und eben nicht der Einzelne – unseren kräftigsten Nutzen. Wo es denn geht, natürlich am besten in der Gruppe und mit leibhaftigen Teilnehmern. Und daneben immer dort, wo wir diesem Ideal letztlich noch am allernächsten kommen…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Selbsthilfegruppe ermutigt zur Weltwoche der Seelischen Gesundheit

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe für Zwänge, Phobien, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz blickt zur Weltwoche der seelischen Gesundheit auf aktuelle Herausforderungen für alle Akteure, die sich um die Belange von Menschen mit psychischen Leiden kümmern. Ihr Leiter, Dennis Riehle, sieht vor allem die Verantwortung gegenüber den Traumata der Asylsuchenden als zentrale Aufgabe, die momentan die Helfenden befasst.

„In diesem Jahr richten wir unser Augenmerk besonders auf die Menschen, die aus Krisengebieten zu uns geflüchtet sind. Sie tragen nicht selten einen für uns nicht fassbaren Ballast auf ihrer Seele. Auch die Selbsthilfeangebote sind Anlaufstelle, wenn es darum geht, eine niederschwellige Unterstützung zu leisten und dabei zu helfen, die passenden Versorgungsstrukturen zu suchen. Wir hoffen, dass die kürzlich in ihrem Nutzen bestärkte ‚Systemische Therapie‘ alsbald zur Kassenleistung wird, denn sie kann besonders dieser Personengruppe wirkliche Chancen auf Linderung der seelischen Nöte bringen“, so Riehle.

„Nicht nur Flüchtlinge profitieren daneben von neuen Lotsenfunktionen, wie sie in Baden-Württemberg die Informations-, Beratungs- und Beschwerdestellen (IBB) in Psychiatrie und Psychotherapie besitzen. Durch die gemischte Besetzung, auch mit Betroffenen, sind die eine wichtige Ergänzung, die Aufmerksamkeit bedarf. Und auch die zunehmende Bedeutung der Sozial- und Gemeindepsychiatrischen Dienste mitsamt dem Ausbau ihrer Strukturen ist für Menschen mit seelischen Problemen eine gute Entwicklung, die es positiv hervorzuheben gilt“.

Der Gruppenleiter sieht allerdings noch ganz andere gesellschaftliche Probleme: „Sorge bereiten uns die zunehmenden Abhängigkeiten durch das mediale und vor allem digitale Zeitalter. Das Verhalten nicht nur von jungen Menschen hat mittlerweile einen Suchtcharakter erreicht, der für die seelische Gesundheit nicht förderlich sein kann. Der Anstieg an Anfragen von Eltern, die ihre Kinder kaum noch vom ‚Smartphone‘ trennen können, beunruhigt dabei besonders. Denn die soziale Isolation ist nicht selten Ausgangspunkt für einen Rückzug in eine Parallelwelt, die Meldungen über depressive Kinder ist erschreckend hoch“.

Allerdings gibt es laut Riehle auch ermutigende Perspektiven: „Nach den Querelen um das Entgelt für die Leistungen der stationären psychiatrischen Pflege und Versorgung scheinen sich Verbesserungen abzuzeichnen, die insgesamt hoffen lassen, dass der Arbeit der dort Tätigen endlich der nötige Respekt zugeht und die Patienten nicht noch stärker zu ‚Fällen‘ werden, sondern in ihrer individuellen Problematik gewürdigt werden können. Gleichwohl dürfen wir nicht allein die prekäre Situation der wachsenden Zahl an Betroffenen verwalten, sondern müssen Ursachen bekämpfen. Und dabei spielt unsere veränderte Philosophie von Egoismus, Leistung und Schnelllebigkeit eine Rolle, die krankt macht. Insofern beginnen die Maßnahmen bereis bei einem adäquaten Betrieblichen Gesundheitsmanagement, das seinen Fokus auch auf ein Gleichgewicht aus Körper und Seele legt, gleichsam aber auch in der Sensibilisierung und Aufklärung über psychische Erkrankungen und Maßnahmen der Vorsorge, am besten bereits in den Schulen“, so der selbst Betroffene 31-Jährige.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Seit 1. Oktober haben Patienten, die mindestens drei verordnete Arzneimittelmittel erhalten, einen Anspruch auf einen Medikationsplan. Diese bundesweit einheitlich und standardisiert beim behandelnden Arzt erhältliche Auflistung wird dann auf Wunsch mit allen verschreibungspflichtigen und frei verkäuflichen Medikamenten eines Versicherten versehen und dient als Überblick für die Einnahme, aber auch als Hilfestellung, um unerwünschte Wirkungen einzelner Präparate besser aufdecken zu können. Zudem soll die Steuerung der Medikamentenverordnung erleichtert werden, um gleichzeitig Medikationsfehler zu verhindern. Sowohl Haus-, aber auch Fachärzte und Apotheken sollen den Plan ändern können, neben Wirkstoff und Medikamentenname werden Dosierung, Anwendungszeitpunkte und Einnahmegrund erfasst. Zunächst wird der Plan auf Papier gedruckt und regelmäßig aktualisiert, später soll er dann auf der elektronischen Versichertenkarte der Patienten gespeichert sein.

Die Selbsthilfegruppe zu Zwängen, Phobien, psychosomatischen Störungen und Depressionen im Landkreis Konstanz ermutigt die Patienten, vom Recht auf Aushändigung eines Medikamentenplanes Gebrauch zu machen. Leiter Dennis Riehle zeigt sich überzeugt, dass gerade bei drei Arzneimitteln und mehr für den Patienten schnell die Übersicht verloren gehen kann: „Dann hilft es, wenn man eine Übersicht in den Händen hält, an der man sich orientieren soll. Immerhin geht es bei Medikamenten darum, sich an Vorgaben zu halten, um den gewünschten Erfolg für die Gesundheit erzielen zu können. Es ist daher nicht nur für ältere Menschen eine Unterstützung, wenn sie bei der verantwortungsvollen Aufgabe der Medikamenteneinnahme eine Erinnerungshilfe haben“. Bezüglich der Angst vor einer möglichen Entmündigung von Patienten durch einen solchen Plan entgegnet Riehle, dass die Übersicht eher eine Stärkung des Einzelnen sei, immerhin habe er auch die freie Wahl, solch eine Auflistung überhaupt zu beanspruchen. Datenschutzrechtliche Bedenken sieht der Gruppenleiter ebenso nicht: „Da vertraue ich darauf, dass die Angaben später einmal auf der Gesundheitskarte gut platziert sind – und schlussendlich nur die Arztpraxis Zugriff erhält“, so Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Selbsthilfegruppe zu Zwangsstörungen und Depressionen im Landkreis Konstanz warnt vor einer zunehmenden Anzahl an Abhängigen von mobilen Endgeräten. Wie der Leiter der Gruppe, Dennis Riehle, berichtet, würden immer mehr besorgte Anrufe und Mails von Angehörigen eingehen, die sich über das Suchtpotenzial des Verhaltens ihrer Nächsten erkundigen würden: „Es besteht eine berechtigte Angst, dass nach Alkohol, Drogen und Computerspielen nun vermehrt das Smartphone zum Suchtmittel in unserer Zeit wird“, so Riehle.

„Viele Angehörige, selten auch Betroffene, melden sich bei der Gruppe, weil sie hoffen, dass ihre Abhängigkeit lediglich ein Tic, vielleicht ein Zwang ist. Dafür fehlt einerseits aber eine Ich-Dystonie, also die Einsicht, sich nicht mit dem Verhalten zu identifizieren. Auch erfüllt der Smartphone-Gebrauch eine andere Funktion in der Persönlichkeit des Betroffenen als bei einer zwanghaften Genese“, erklärt der Gruppenleiter, der deshalb in vielen Fällen an die Suchtberatungen verweist. „Ob die Angehörigen sich dort tatsächlich Hilfe für den Umgang mit ihren Lieben einholen, weiß ich nicht. Das Schamgefühl ist besonders hoch, da jegliche Sucht noch stärker verpönt ist als eine zwanghafte Störung“.

Viele der Personen, die kaum noch von ihren Geräten wegkommen, zeigen nach Meinung von Riehle erhebliche Abhängigkeitspotenziale. Diese lägen nicht nur in der zeitlichen Beschäftigung mit dem Suchtmittel, sondern insbesondere auch in der gedanklichen Verschmelzung mit den dortigen Inhalten – wie beim momentanen Hype um „Pokémon Go“. Ein Realitätsverlust gegenüber der Außenwelt ist ebenso ein Anzeichen wie das emotionale Verhalten, wenn das Smartphone ausgestellt werden müsste. „Mit der Zeit entwickelt sich eine soziale Vereinsamung, die wiederum in die Depression führen kann. In einem solchen Falle wären die Betroffenen bei uns wiederum richtig“, meint Riehle abschließend.

Betroffene und Angehörige können sich bei Verdacht auf ein auffälliges Verhalten bei der Selbsthilfegruppe Zwänge und Depressionen melden und werden im Zweifel an die passende Stelle verwiesen. Kontakt vorzugsweise per Mail: info@zwang-phobie-depression.de, alternativ Tel.: 07531/955401 (AB).

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Selbsthilfegruppe zu Zwangsstörungen und Depressionen im Landkreis Konstanz warnt vor einer zunehmenden Anzahl an Abhängigen von mobilen Endgeräten. Wie der Leiter der Gruppe, Dennis Riehle, berichtet, würden immer mehr besorgte Anrufe und Mails von Angehörigen eingehen, die sich über das Suchtpotenzial des Verhaltens ihrer Nächsten erkundigen würden: „Es besteht eine berechtigte Angst, dass nach Alkohol, Drogen und Computerspielen nun vermehrt das Smartphone zum Suchtmittel in unserer Zeit wird“, so Riehle.

„Viele Angehörige, selten auch Betroffene, melden sich bei der Gruppe, weil sie hoffen, dass ihre Abhängigkeit lediglich ein Tic, vielleicht ein Zwang ist. Dafür fehlt einerseits aber eine Ich-Dystonie, also die Einsicht, sich nicht mit dem Verhalten zu identifizieren. Auch erfüllt der Smartphone-Gebrauch eine andere Funktion in der Persönlichkeit des Betroffenen als bei einer zwanghaften Genese“, erklärt der Gruppenleiter, der deshalb in vielen Fällen an die Suchtberatungen verweist. „Ob die Angehörigen sich dort tatsächlich Hilfe für den Umgang mit ihren Lieben einholen, weiß ich nicht. Das Schamgefühl ist besonders hoch, da jegliche Sucht noch stärker verpönt ist als eine zwanghafte Störung“.

Viele der Personen, die kaum noch von ihren Geräten wegkommen, zeigen nach Meinung von Riehle erhebliche Abhängigkeitspotenziale. Diese lägen nicht nur in der zeitlichen Beschäftigung mit dem Suchtmittel, sondern insbesondere auch in der gedanklichen Verschmelzung mit den dortigen Inhalten – wie beim momentanen Hype um „Pokémon Go“. Ein Realitätsverlust gegenüber der Außenwelt ist ebenso ein Anzeichen wie das emotionale Verhalten, wenn das Smartphone ausgestellt werden müsste. „Mit der Zeit entwickelt sich eine soziale Vereinsamung, die wiederum in die Depression führen kann. In einem solchen Falle wären die Betroffenen bei uns wiederum richtig“, meint Riehle abschließend.

Betroffene und Angehörige können sich bei Verdacht auf ein auffälliges Verhalten bei der Selbsthilfegruppe Zwänge und Depressionen melden und werden im Zweifel an die passende Stelle verwiesen. Kontakt vorzugsweise per Mail: info@zwang-phobie-depression.de, alternativ Tel.: 07531/955401 (AB).

[Dennis Riehle]

Eigentlich war ich wegen etwas ganz Anderem beim Gastroenterologen vorstellig geworden: Die auffallend hohen Leberwerte, ein diffuser Druckschmerz im Oberbauch rechts und eine zunehmende Abgeschlagenheit führten mich zu ihm, nachdem bereits im Ultraschall eine deutliche Hepatomegalie (Lebervergrößerung) entdeckt worden war. Doch die erneue Sonografie ließ all das eher uninteressant werden. Denn plötzlich war dort eine Läsion (Schädigung) zu finden, im IV. Lebersegment, nur wenige Zentimeter groß. Echoarm, aber abgerundet. In einer ohnehin vorgesehenen Punktion wurde nun gleich auch eine Gewebeprobe aus dem Herd entnommen, denn radiologisch war keine abschließende Aussage im CT zu treffen. Lange Tage des Zitterns gingen dahin, die Verdachtsdiagnose des Hepatozellulären Karzinoms war in ihrer Abkürzung „HCC“ in mein Gedächtnis gebrannt.

Zunächst konnte auch die pathologische Beurteilung kein Ergebnis liefern. Die Histologie (Gewebsuntersuchung) votierte generell eher zu einem gutartigen Tumor, doch noch konnte das Leberadenom nicht bestätigt werden. Erst durch einen Spezialisten gelang die weitere Einordnung: Ein Beta-Catenin (Protein) mutiertes Gewebe lag vor, mit einer hohen Entartungstendenz. Die Frage kam auf, wie diese seltene Kombination einer Fettleberhepatitis und eines solchen Tumors zusammengehen. Die Lösung ergab sich aus meiner Medikamentenliste: Aufgrund einer Störung in der Aktivität der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und einem sich daraus entwickelnden Hypogonadotropen Hypogonadismus (Minderfunktion der Keimdrüsen) ging ich seit Jahren einer Hormonersatztherapie nach. Ja, die Beibackzettel lieferten einen Hinweis für die Gefahr eines Lebergeschehens. Doch mit einer derartigen Entwicklung schienen auch die Experten überrascht gewesen zu sein. Denn sie erwarteten Adenome dieser Art eher bei Bodybuildern, die fahrlässig Steroide zum Aufpumpen ihrer Muskeln nutzen.

Die Hepatozellulären Adenome der Leber stellen insgesamt eine Seltenheit dar. Nach Schätzungen treten sie jährlich bei einem von einer Million Menschen auf, typischerweise rund um das 30. Lebensjahr. Sie bleiben dabei zunächst ohne weitergehende Symptomatik, lediglich bei einem Größenwachstum auf mehr als fünf Zentimeter ist ein diffuses Druckgefühl im rechten Oberbauch möglich, während die Tumormarker im Blut ebenso unauffällig sind wie die eigentliche Leberfunktion. Nur ausnahmsweise treten gleichzeitig Veränderungen des Lebergewebes bei erhöhten Transaminasen (Leberenzyme) auf. Heptozelluläre Leberadenome sind in der Regel solitär (einzeln) auftretend, lediglich ab und zu gibt es Häufungen oder das Anwachsen des Tumors auf Größen über 20 Zentimeter – dann zumeist bei Männern. In der Regel finden sich keine Portalgefäße im Adenom, die Zellen sind oft leicht vergrößert, Gallengänge liegen überwiegend nicht vor. Ursächlich kann neben Hormongebrauch auch eine Glykogenspeicherkrankheit sein, mutiert sind die Tumore entweder auf Grundlage einer Mutation des Gens HNF1 mit fettigen Hepatozyten (metabolisch aktive Zellen) – oder, wie genannt, für Beta-Catenin mit möglicher maligner (bösartiger) Transformation und Dysplasie (Fehlbildung).

Meist lässt sich die genaue Diagnose erst durch Biopsie und radiologische Untersuchungen feststellen, da differenziert auch eine Fokale Noduläre Hyperplasie (gutartige Wucherung), Lebermetastasen, Angiome (Gefäßmissbildungen) oder auch das Hepatozelluläre Karzinom in Betracht gezogen werden müssen. Ich selbst war aufgrund des Verdachts für Letzteres bereits auf eine Teilresektion der Leber eingestellt, dann wurde doch die Radiofrequenz-Thermo-Ablation („Verkochung“ des Tumors) gewählt. Denn die Prognosen sind bei den Tumoren insgesamt gut. Und auch übermäßige Ängste sind nicht angebracht. Denn nicht jede Behandlung mit Hormonen führt zu solch besonderen Neubildungen. Gleichsam bleibt gerade bei Substitutionen des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, aber auch bei der Gabe weiblicher Geschlechtshormone und der Anwendung der „Pille“ und vergleichbaren Verhütungsmitteln immer die Gefahr einer Beteiligung der Leber. Alternativen zu finden, ist schwierig, denn auch Endokrinologen sind gefordert, wenn ein Hormon aufgrund einer heftigen Nebenwirkung plötzlich nicht länger als adäquates Medikament in Betracht gezogen werden kann. Dann ist die Zusammenarbeit wichtig – zwischen Hepatologen, Hormonspezialisten und Internisten. Ich bin dankbar, sie an meiner Seite zu haben…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Nach jeder Bluttat zittere ich erneut. Zunächst einmal im Schock über die Grausamkeit, die wieder einmal angerichtet wurde. Nein, solche Eindrücke dürfen nicht zum Alltag werden. Sie ermahnen uns zum Innehalten. Und doch warte ich dann stets auf diesen einen Satz – und fürchte mich. „Der Täter war offenbar psychisch krank“, immer öfter hören wir diese Aussage bei Katastrophen, bei einzelnen Amokläufern, ob nun damals in Winnenden, in der „Germanwings“-Maschine über den Alpen oder jetzt im Einkaufszentrum in München.

Warum mich diese Zuschreibung ängstigt – und gleichzeitig empört? Wenn man, wie ich, selbst seelisch erkrankt ist, wird man in den folgenden Tagen und Wochen nach solchen Ereignissen immer wieder gefragt, muss sich rechtfertigen, sein eigenes Leiden ausbreiten – und feststellen: „Nein, nicht jeder, der eine Depression hat, wird zum Massenmörder“. Doch scheinbar vermitteln uns Politik und Medien ein anderes Bild. Aus den verkürzten Darstellungen, den Schlagzeilen und dem Sensationsinteresse von Presse und Konsumenten ergeben sich einfache Aneinanderreihungen. Psychisch labil bedeutet unberechenbar, potenziell gefährlich bedeutet Gewaltverbrecher.

Trotz langer Aufklärung ist es für Menschen mit seelischen Leiden bis heute eine große Herausforderung, sich gegen die Diskriminierungen in der Gesellschaft zu wehren. Noch immer kreisen die Vorstellungen von Irrenanstalten, Gummizellen und Zuchthäusern in den Köpfen, nicht selten werde auch ich gefragt, weshalb ich denn noch frei herumlaufen dürfe. „Verrücktsein“ im Sinne der vollkommenen Abnormalität, diese Verknüpfung wird nicht nur auf Menschen mit schwersten psychiatrischen Erkrankungen angewandt. Schon derjenige, der im Betrieb wegen BurnOuts fehlt, dürfte hinterher schräg beäugt werden. Nicht mehr zu funktionieren, und das aus Gründen, die das Gegenüber nicht sehen kann, das wirkt unbegreiflich. Was wir nicht fassen können, glauben wir nicht – und unterstellen gern einmal, dass der Betroffene nur simuliert oder im Zweifel eben vollkommen abgedreht ist.

Die Ausgrenzung ist ein Symptom für dieses herabwürdigende Verhalten. Als wenn es das einzige Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen wäre, seine Depression, seine Psychose, seine Angst. Auf den Pressekonferenzen nach den Massakern wird solch eine Neuigkeit wie ein alles erklärender Lösungsansatz verkündet. Nach dem Motto „Ach, der war ja psychisch krank, dann passt das hier ins Bild“. Die Akte ist geschlossen, weil man unter diesen Umständen ja nichts Anderes erwarten konnte. Minutiös wird dann daran gearbeitet, woher welche Waffe kam, wie der Täter von A nach B gelangte oder welche Kleidung er trug. Man mag nur hoffen, dass sich die Ermittler genauso umfangreich mit der offenkundigen Tragödie beschäftigen, die sich im Leben eines Attentäters vor seinem Angriff zugetragen hat. Denn mit einer pauschalen Etikettierung als „psychisch Kranker“ sind wahrlich keine Hintergründe identifiziert, sondern lediglich Vorurteile bedient worden.

Wenn wir uns nun wieder damit beschäftigen, welche innenpolitischen Maßnahmen wir ergreifen können, um adäquat auf die Vorkommnisse der vergangenen Wochen zu reagieren, setzen wir an der falschen Stelle an. Noch ein paar Videokameras mehr, weitere Kontrollen flächendeckend und am besten Fingerabdrücke, Bilder und Daten von jedem. Schlussendlich bleibt im viel gepriesenen Verhältnis von Sicherheit und Freiheit von letzterer nicht mehr viel übrig. Wir reagieren nur, wir fragen viel zu wenig nach den Ursachen. In den vielen Kerzenmeeren, die zum Gedenken an die Opfer aufgestellt werden, findet sich immer wieder ein Schild mit dem „Warum?“. Anscheinend ist es uns aber zu kompliziert, genau diese Frage beantworten zu wollen. Ursachenbekämpfung statt den Knüppel neuer Gesetze – sie würde nicht nur präventiv manche Wurzel ergreifen, sondern auch dabei helfen, Denkmuster zu verstehen und frühzeitiger zu intervenieren. Haben wir tatsächlich ausreichend Anlaufstellen, die niederschwellig unterstützen können, wenn Betroffene oder Angehörige nach Hilfe suchen? Blicken wir oft genug in Familien, die möglicherweise Schwierigkeiten haben? Bauen wir genügend Brücken, um psychisch Kranke in unsere Mitte zu integrieren?

„Baller-Spiele“ sollen mit dafür verantwortlich gewesen sein, dass in der bayerischen Hauptstadt geschossen wurde. Verehrung für den Amokläufer in Winnenden – und für den Osloer Angreifer. Der Verlust über die Realität, nicht selten sind das Zurückziehen in die Welt der Gewalt und die Ohnmacht über die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit Ausdruck von dieser viel besagten Depression. Doch nein, dann hilft eben nicht der Stempel, denn er bringt seelisch leidende Menschen weiter in die Defensive. Sie gehen der Gesellschaft verloren und rutschen ab. Zwar entscheiden sich glücklicherweise nur die wenigsten von ihnen, auf diese Kränkung mit Aggression zu reagieren. Aber wir müssen uns bei jedem Einzelnen auch selbstkritisch befragen. Letztendlich trägt der Täter Verantwortung für sein Handeln, doch sind wir nicht indirekt auch ein Stück weit Schuld, indem wir die Augen verschließen und die zurücklassen, die beispielsweise in der Schule nicht mehr mitkommen, wie es beim Schützen in München der Fall gewesen sein soll? Erfolgs- und Leistungsdruck, Versagensängste, sozialer Abstieg und Ghettoisierung – ein Weltbild des Ignorierens macht sich breit, wenn der Nachbar, Freund, Bekannte erst einmal in diese Spirale gesogen wurde.

Nein, jetzt kann niemand mehr beantworten, ob das Blutbad zu verhindern gewesen wäre. Die Frage stellt sich nun auch nicht länger. Und dennoch ermahnt diese Tat: Gehen wir nicht einfach in den Alltag zurück, indem wir eine rasche Begründung für das Monströse gefunden haben, sondern nehmen wir die Aufforderung aus diesem Schreckensereignis mit. Machen wir es uns nicht zu leicht mit Problemen in unserer Gesellschaft, von denen diese Katastrophe einige zutage führte. Blicken wir genauer hin, wenn es um unsere Nächsten geht, ob als Zivilgesellschaft oder als Staat. Denn Brandmarken macht alles nur schlimmer, frühzeitiges Eingreifen kann dagegen Leben retten…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Seit 23. Januar 2016 haben die „Kassenärztlichen Vereinigungen“ sogenannte „Termin-Servicestellen“ eingerichtet. Mit ihnen soll erreicht werden, dass Patienten mit einem dringenden Behandlungsbedarf einen raschen Termin beim Facharzt vermittelt bekommen. Noch gibt es zahlreiche Unsicherheiten bei der Bevölkerung, wie mit diesen Anlaufstellen umgegangen werden muss. Der Leiter der Selbsthilfeinitiative zu Zwang, Phobie, psychosomatischen Beschwerden und Depression im Landkreis Konstanz, Dennis Riehle, informiert daher über die wichtigsten Eckpunkte zu dieser neuen Hilfestellung.

So können über die Servicestellen Termine zu allen Fachärzten vergeben werden, ausgenommen sind Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte, Psychotherapeuten (für einen Therapie-Platz gelten maximale Wartezeiten von drei Monaten, Näheres kann bei Riehle erfragt werden) und Zahnärzten beziehungsweise Kieferorthopäden. Für den Anruf bei der Hotline muss eine Überweisung vorliegen, die entsprechend mit einem Code gekennzeichnet ist. Lediglich für Termine bei Augen- und Frauenärzten sind keine Überweisungen nötig. Die Terminvermittlung erfolgt innerhalb einer Woche, eine Wartezeit bis zu vier Wochen darf nicht überschritten werden, ansonsten muss die ambulante Zuweisung ins Krankenhaus sichergestellt werden.

Der Weg zum vermittelten Facharzt darf höchstens die übliche Fahrzeit zum örtlichen Facharzt plus 30 Minuten betragen, zu spezialisierten Fachärzten wie Transfusionsmedizinern, fachärztlich tätigen Internisten oder Rehabilitationsärzten zusätzlich 60 Minuten zur Fahrstrecke des nächsten Facharztes. Wunschtermine können nicht vergeben werden. Ein zweiter Termin kann erteilt werden, wenn am Tag der Erstvermittlung noch eine Ablehnung von Seiten des Patienten erfolgt. Für Baden-Württemberg ist die Termin-Servicestelle unter Tel.: 0711/7875-3966 erreichbar.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Selbsthilfeinitiative bemängelt aufwändige und bürokratische Abwicklung

Meldungen über eine unerwartet niedrige Zahl an Patienten, die sich über die neu eingerichteten Termin-Servicestellen zu einem Facharzt vermitteln lassen, überraschen die Selbsthilfeinitiative zu Hormon- und Stoffwechselerkrankungen im Landkreis Konstanz nicht. Ihr Leiter, Dennis Riehle, berichtet von einer Vielzahl an Menschen, die sich bei ihm zunächst über die Arbeitsweise dieser von der Kassenärztlichen Vereinigung beauftragten Stelle erkundigten: „Das komplizierte Prozedere versteht kaum jemand“, meint der 30-Jährige, der insbesondere die Notwendigkeit einer codierten Überweisung für die Inanspruchnahme der Terminvergabe für eine große Hürde hält.

„Die Menschen wissen nicht, dass sie beim Anruf bei der Servicestelle einen Barcode vorzuweisen haben, der auf der Überweisung des ausstellenden Arztes vermerkt sein muss. Viele Patienten müssen dann erst wieder in die Praxis zurück und sich diese nochmals aushändigen lassen, um damit die Dringlichkeit ihrer Behandlung nachzuweisen. Das macht man ein Mal, vielleicht zwei Mal, aber nicht öfter“, so Riehle, der besonders gehofft hatte, dass sich für Patienten, die spezielle Fachärzte brauchen, etwas zum Positiven ändern würde. „Viele unserer Betroffenen suchen den Kontakt zu einem Endokrinologen. Die gibt es oftmals nur einhundert Kilometer entfernt. Und auf einen Termin wartet man bis zu einem Jahr“.

Dass bestimmte Facharztgruppen in der Fläche fehlen, könne auch durch die Termin-Servicestellen nicht verändert werden, sagt der Gruppenleiter. „Doch ich hatte auf eine bessere Verteilung der Patienten gehofft, aber auch die Ärzte haben Schwierigkeiten, ihre freien Kapazitäten zu melden, die Formalitäten einzuhalten und dann ‚gematcht‘ zu werden, wie mir Rückmeldungen aus verschiedenen Fachbereichen zeigen“. Letztlich müsste man nochmals die Frage nach den Bedarfsplänen stellen, so Riehle, der eine massive Unterversorgung mit speziellen Medizinern in ausgewählten Regionen beklagt. „Dort, wo die Versorgung ausreichend wäre, bräuchten wir auch keine Terminvermittlung. In Wahrheit verwalten die Service-Stellen jetzt nur die seit Jahrzehnten stiefmütterlich vernachlässigte Anpassung der Zahlen. Wo wir 1990 vielleicht 10 Psychiater brauchten, reicht das heute eben nicht mehr aus“.

Der Selbsthilfevertreter fordert das Bundesgesundheitsministerium auf, die Gesetzeslage nochmals zu überprüfen und auf die offenkundigen Probleme bei den Termin-Servicestellen einzugehen. „Letztlich müssen wir darauf hinarbeiten, dass tatsächlich der höchstrichterliche Anspruch eingehalten wird, wonach gängige Fachärzte im Umkreis von maximal 30 Kilometern erreichbar sein müssen. Und das innerhalb von vier Wochen, wie es auch die Service-Stellen ermöglichen sollen“. Riehle bedauert abschließend das fehlende Gesamtkonzept: „So, wie die Revolution in der Pflege gelungen ist, so wünsche ich es mir auch in der medizinischen Versorgung“, appelliert Riehle an Minister Gröhe.

[Dennis Riehle]