Lesermeinung zu
„Atheisten halten Gläubige für moralischer“, proKOMPAKT 32/2017

Dass selbst Atheisten zu glauben scheinen, sie selbst seien „böser“ als Menschen mit einem Glauben, zeigt eine Unterordnung, die sich höchstwahrscheinlich aus der Weltsicht ableitet, dass Mehrheiten stets im Recht sind, besser sind, die Guten sind. Dabei gibt der Bezug auf Wertvorstellungen zunächst keinerlei Aussage über die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Sie können hier wie da ausgeprägt sein, verbinden sie sich allerdings in einem gemeinschaftlichen Glauben an eine höhere Macht und an eine Institutionalisierung der eigenen Religion, was eigentlich grundsätzlich ein höheres Misstrauen auslösen sollte, mit einer wenigstens gedanklich doch fassbaren Überzeugung, die eine möglicherweise angeborene Hoffnung nach Sinnhaftigkeit erfüllt.

Offenkundig sehen sich Atheisten sogar als „fehlerhaft“ an, es „fehle“ ihnen an einer Überzeugung an einen Gott, was wiederum ja impliziert, dass selbst Atheisten einen Gottesglauben nicht völlig ausschließen. Dies wiederum aber nur aus einer häufig zu beobachtenden Leere: Wie wird das „Vakuum“ gefüllt, das bei Atheisten an der Stelle Gottes im Gegensatz zu religiösen Menschen eine „Lücke“ hinterlässt? Niemand weiß, ob der Platz für einen Gott je vorgesehen war – oder ob er nicht einfach ein „Mehr“ ist in den Köpfen, auch eine Mär, die lediglich Sehnsüchte bedient, grundsätzlich zum Überleben aber nicht nötig ist.

Die Wissenschaft wird stärker diskutieren müssen, ob die Meinung, Atheisten seien eher böse und zu Verbrechen bereit, aus einer falsch verstandenen Zuschreibung und gleichsamen Verwechslung von Moral, Glaube, Ethik und Lehre entstammt – oder ob der Mensch im Geheimen, in seinem Gehirn überhaupt nicht anders kann, als davon überzeugt zu sein, an das Gute nur über ein religiöses (Gottes-)Verständnis zu gelangen. Und selbst, wenn dem so sei, kann der konsequent denkende Atheist noch immer dagegenhalten, dass auch diese Haltung nur ein Denken ist, das die Realität nicht abbilden muss.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Größter Berufsverband überschreitet 10 000-Mitglieder-Marke / Hohe Standards

Konstanz. Nach Angaben der Krankenkassen haben psychische und seelische Beschwerden der einstigen „Volkskrankheit Nr. 1“, den Rückenleiden, inzwischen den Rang abgelaufen. Die niedergelassenen Fachärzte und psychologischen Psychotherapeuten können den wachsenden Bedarf bei weitem nicht decken – lange Wartezeiten sind die Folge. Immer mehr Menschen wenden sich von vorn herein an einen Heilpraktiker für Psychotherapie, so Dennis Riehle, Psychologischer Berater und Personal Coach aus Konstanz.

„Seit einigen Jahren beobachten wir einen stetig steigenden Bedarf“, sagt Riehle. Die Gründe seien vielfältig, vermutet Nachname: Wachsende Arbeitsverdichtung durch die neuen Medien, schwindende Bedeutung Halt gebender Strukturen wie Kirche oder Familie, vielfach unsichere berufliche Zukunft trotz boomender Konjunktur. Der Berater meint: „Viele Menschen können oder wollen nicht warten, bis sie einen Termin beim Kassenpsychotherapeuten bekommen. Beim Heilpraktiker für Psychotherapie gibt es in der Regel keine Wartezeiten.“ Außerdem seien Heilpraktiker für Psychotherapie nicht auf die sogenannten Richtlinienverfahren beschränkt, mit denen die niedergelassenen Kollegen arbeiten müssen.

Die Zulassung zur Tätigkeit als Heilpraktiker für Psychotherapie ist staatlich geregelt; die Prüfung wird von einem Gremium abgenommen, zu dem auch Fachleute vom Gesundheitsamt gehören. Mit bundesweit inzwischen mehr als 10 000 Mitgliedern ist der Verband Freier Psychotherapeuten (VFP) der größte Berufsverband.

Die vom VFP entwickelte Berufsordnung regelt die Arbeit und das Verhalten der Therapeuten und hat Wirkung auch für Nicht-Mitglieder. „Es gibt immer wieder Berichte über schwarze Schafe unter den Heilpraktikern, die mit fragwürdigen Methoden oder Heilungsversprechen arbeiten“, weiß Vorname Nachname. „Der VFP duldet so etwas nicht. Strenge Selbstverpflichtungen, hohe Ausbildungsstandards, Supervisionen und Symposien sorgen dafür, dass sich Patienten mit einem Therapeuten aus dem VFP einem seriösen Fachmann anvertrauen.“

[Dennis Riehle]

Logo Nachbarschaftshilfe

Pressemitteilung

Durch das Inkrafttreten neuer Pflegegesetze zum Jahreswechsel hat die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe in den ersten beiden Monaten des Jahres 2017 einen rasanten Anstieg der Anfragen verzeichnen können. Demnach waren es innerhalb von sieben Wochen knapp 30 Kontaktgesuche allein per Mail. Die meisten Unsicherheiten gab es beim Thema „Bestandsschutz“. Der ehrenamtliche Leiter der Sprechstunde, Dennis Riehle, stellte eine große Sorge darüber fest, ob und in welchem Umfang bereits bewilligte Leistungen auch künftig gezahlt werden. „Hier kann man beruhigen: Die Politik hat dafür gesorgt, dass niemand schlechter gestellt wird. Lediglich in einzelnen Bereichen kann es für die niedrigen Pflegegrade minimale Abstriche geben. Insgesamt sind die Leistungen aber im Vergleich zum Vorjahr gestiegen“.

Zudem merke man, dass viele Versicherte auf die Gesetzesänderung gewartet hätten: „Es ist überraschend, wie viele Angehörige nun für ihre zu Pflegenden entsprechende Pflegeleistungen beantragen wollen. Oftmals hängt dies mit der Hoffnung auf die neue Art der Begutachtung durch den ‚Medizinischen Dienst‘ zusammen. Und man kann tatsächlich davon ausgehen, dass der Bedarf an Unterstützung objektiver, aber gleichsam auch individueller ermittelt wird. Besonders die kognitiven und seelischen Einschränkungen erhalten neues Gewicht. Mir scheint das neue Instrument zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit deutlich praxisnaher und auch näher am echten Leben als die bisherige Vorgehensweise, Minuten zu berechnen“. Mit den Anfragen zu Leistungen der Pflegeversicherung sind auch nochmals die Gesuche um Unterstützung bei der Erstellung von Patientenverfügungen, aber ebenso bei der Beantragung in Sachen „Schwerbehinderung“ gestiegen.

Das Angebot der Sprechstunde, die sich als niederschwellige Erstberatung versteht und unverbindlich Rat in Fragen rund um Pflege und Soziales gibt, ist für die Bürgerinnen und Bürger kostenlos. Sie ist vornehmlich über Mail (Li-Na@Riehle-Dennis.de) und Post (Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz) erreichbar. In Ausnahmen kann auch ein persönlicher Termin vereinbart werden.

[Dennis Riehle]

Riehle, Dennis_Presse_150x150

Kommentar
zum Entscheid des Bundestags über die Forschung an demenkranken Menschen

Es ist ein zweischneidiges Schwert in der Diskussion über mögliche Medikamententests an derzeitigen Demenzkranken. Da ich als junger Mensch bereits mit einem hohen Risiko und ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung anders auf die Debatte blicke als vielleicht Altersgenossen, frage ich mich, wie ich mich entscheiden würde. Ähnlich wie bei meinem Ringen über das persönliche Ausfüllen des Organspendeausweises, so sehe ich die Notwendigkeit, dass Menschen geholfen werden kann – auch wenn ich keinen Nutzen mehr habe. Neues Wissen über die Demenz, das mag dem Betroffenen nicht mehr zugutekommen, aber es ist im Augenblick die einzige Chance, valide Informationen für die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Ursachenforschung und Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen zu gewinnen. Und doch bin ich kein Versuchslabor – das unterscheidet die aktuelle Fragestellung auch von der der Organspende. Die Testung an lebenden Menschen, es kommen schwierige Erinnerungen in die Köpfe. Gerade auch, wenn es die Psychiatrie betrifft, werden Gedanken an die unerträglichen Misshandlungen von Patienten wach, die manches Bild von der Behandlung seelisch Kranker noch bis heute prägen.

Ich kann den früheren Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hüppe, bestens verstehen, wenn er von einem „Dammbruch“ spricht. Wie wird das mit anderen Erkrankungen sein, bei denen die Menschen ebenso zum Zeitpunkt des medizinischen Versuchs vielleicht nicht mehr in der Lage sind, einzuwilligen? Kann es wirklich ausreichen, hypothetisch für solch einen Test bereit zu sein und dies Jahre oder Jahrzehnte zuvor schriftlich zu erklären? Auch hier liegt die große Herausforderung des neuen Gesetzestextes: Wie kann gewährleistet werden, dass der Patient letztlich nur den Versuchen unterzogen wird, denen er einst zustimmte? Wie wenig haltbar die Formulierungen in solchen Vereinbarungen sind, zeigt das momentane Urteil des Bundesgerichtshofes über hunderttausende Patientenverfügungen, die plötzlich ungültig geworden sind. Wie kann hier Rechtssicherheit gewährt werden? Wie wird garantiert, dass eine fachkundige Aufklärung und ein entsprechend medizinischer und psychologischer Beistand bei der Erklärung über solch eine Teilnahme an Tests gewahrt bleibt? Und wie sicher ist es, dass unter solchen Versuchen nicht auch menschenunwürdige Bedingungen, Nebenwirkungen oder sonstige Reaktionen eintreten, die wir nicht mehr für ethisch vertretbar ansehen?

Es sind noch viele Details ungeklärt. Die Abwägung der menschlichen Integrität eines Einzelnen und eines Gewinns für Viele mag auf den ersten Blick leicht fallen. Kürzlich erst diskutierte Deutschland, wie es urteilen würde, wenn ein Pilot ein Flugzeug abschießen würde, das Entführer in die Richtung eines voll besetzten Stadions lenkte. Angeblich würde sich die Nation hier für das Leben der Mehrheit einsetzen und die der Minderheit einfach aufgeben. Doch so kann unsere Moral, unsere Justiz und auch unser Gewissen nicht argumentieren. Artikel 1 des Grundgesetzes sieht die Menschenwürde für jedes Individuum als unantastbar an. Wahrscheinlich auch, wenn dadurch viele Andere einen Nachteil haben. Ein Fundament in unserem Rechtsstaat ist auch das von Verhältnismäßigkeit. Natürlich winkt die Aussicht auf Heilung für die Nachwelt. Doch ist dieser Mehrnutzen tatsächlich schwerwiegender als die Unversehrtheit des Demenzkranken von heute, der eben auch einen Anspruch darauf hat, dass ihm nicht zusätzliches Leid zugefügt wird? Das Bestreben nach Linderung von Alterserkrankungen, ich bin mir nicht immer sicher, ob hinter dem Engagement allein auch dieser Zweck steht. Ist es tatsächlich ausschließlich ein eventueller Nutzen für die Betroffenen der nächsten Generation – oder nicht auch für manches Pharmaunternehmen, für den Gewinn der Forschungsanstalten und das Selbstbewusstsein hierfür ausgewählter Wissenschaftler? Steckt hinter diesem Drang, unseren Körper, unseren Geist, die Existenz im Gesamten, immer weiter zu „transformieren“, zum perfekten Menschen, denn wirklich Selbstlosigkeit – oder nicht auch der Profit für Wenige?

Vielleicht kranken wir gar nicht an dieser Demenz, sondern daran, dass wir es nicht akzeptieren können, als Lebewesen auch vergänglich zu sein. Für niemanden ist es eine schöne Erfahrung, die Symptome dieser unheilbaren Störung durchleben zu müssen. Gehört aber nicht genau das zu unserem Leben, die Herausforderung der verschiedensten Tiefen in unserer persönlichen Biografie? Die Perspektive auf die möglichen Erfolge im Kampf gegen die Demenz, können sie tatsächlich rechtfertigen, dass wir uns am lebenden Objekt mit Arzneimitteln ausprobieren? Ich erinnere mich, wie groß der Aufschrei war, als bekannt wurde, dass in Tübingen an Affen weiterhin Versuche unternommen würden, Tierschützer klagten die Verantwortlichen öffentlich an. Ist es nicht nachvollziehbar, dass nun die Lebensschützer gleichfalls protestieren? Man könnte entgegenhalten, ob meine Meinung dieselbe wäre, wenn es um Krebs ginge. Ich weiß es nicht. Und ich bin froh, dass sich die Frage derzeitig nicht stellt. Aber ich weiß im Moment, dass ich das Menschsein vielleicht ganz anders verstehe als die scheinbare Mehrheitsbevölkerung. Nicht als Zufallsprodukt einer Evolution, das sich nun selbst helfen muss, um einen Idealzustand in völliger Vollkommenheit zu erreichen, um die Fehler der Natur in ihrem Prozess der vergangenen Millionen Jahre wettzumachen. Annahme ist für mich keinesfalls eine Unterwerfung, im Gegenteil. Aus vielen Erfahrungen mit schwerer Krankheit und Behinderung weiß ich: Nehme ich mein Leben auch mit den Hindernissen an, die mir gelegt sind, dann habe ich tatsächlich die Chance, mich zu beweisen. Und vor allem wachse ich dabei. Ich spüre Ecken und Kanten – und im Zweifel eben auch eine dementielle Erkrankung.

Vielleicht ist es auch von Bedeutung, welchen Eindruck wir von diesem Krankheitsbild haben, das offenbar noch immer große Angst auslöst. Wer Menschen mit Demenzen begleitet hat, der wird eines Besseren belehrt. Ja, es ist nicht nur tragisch, sondern oftmals auch kaum zu ertragen, was aus fitten Personen wird, die plötzlich um Worte ringen, ihre Motorik verändern und in ihrem Wesen völlig gegensätzlich zu ihrer ursprünglichen Art gereizt werden oder sich einfach nur gehen lassen. Doch wie wunderbar ist das Lachen mit ihnen, über alte Zeiten, die oftmals noch lange im Gedächtnis sind. Oder auch die Selbstironie über die eigenen Defizite. Da gibt es Freude an diesen kleinen Dingen des Alltäglichen, die die Meisten bei all den „Smartphones“ nicht erst entdecken würden. Und da gibt es auch Traurigkeit, weil die Depression als ein Symptom die Stimmung drückt – nicht selten im Unterbewusstsein das Wissen um den eigenen Verfall. Doch wie stark wird in diesen Augenblicken das Miteinander, ob mit einer Pflegeperson, mit den Angehörigen und Freunden, mit Fremden. Da wachsen neuen Emotionen, eine ganz andere Seite des Menschen, die man noch nie kannte – und auch tiefe Bindungen, die dabei helfen, mit der Zeit Abschied zu nehmen. Nicht wenige Menschen berichten mir in meiner ehrenamtlichen Arbeit dann aber, dass es vor allem diese Jahre waren, die das eigentliche Leben ausgemacht haben. Denn es waren Jahre, die zwischenmenschlich intensiv gewesen sind. Buntes und eben auch Blasses, aber genau so, wie man sich unser irdisches Dasein vorstellt. Demenz ist eine wirklich große Anstrengung für alle Seiten – aber sie ist nicht allein das, was uns oftmals medial und in der Öffentlichkeit vermittelt wird.

Jedem von uns stellt sich entsprechend die verantwortungsvolle Fähigkeit anheim, selbst zu beurteilen: Überschreite ich gegebenenfalls doch eher die Grenzen der Ethik, um nach einer potenziellen Behandlung für Demenzpatienten suchen zu dürfen? Oder respektiere ich die Würde derjenigen, die dafür im Zweifel hinhalten müssten – mit der Folge, dass ich vielleicht auch in Zukunft nicht derart helfen kann, wie ich mir das erträume? Möglicherweise vertraue ich aber auch darauf, dass sich irgendwann die Gelegenheit ergibt, ohne den Test am lebenden Menschen die Erkenntnisse zu gewinnen, die ich letztlich brauchen würde. Hoffnung bedarf es auch jetzt, nachdem der Bundestag entschieden hat, dass Klarheiten geschaffen werden, dass verbindliche Erklärungen für diejenigen ermöglicht werden, die sich im gesunden Zustand darauf einlassen möchten, bei einer Demenz für die Forschung einzutreten. Aufklärung und Begleitung sind wesentlich, um diesen heiklen Prozess so rechtssicher wie nur denkbar zu gestalten – und Verlässlichkeit in Zeiten, in denen es schwieriger wird, auf Verfügungen überzeugt zu bauen…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) zeigt sich positiv überrascht über Worte von Bundestagspräsident Lammert aus Anlass des Festes Mariä Himmelfahrt, das unter anderem auch auf der Insel Reichenau im Bodensee am 15. August 2016 gefeiert wurde und dem der CDU-Politiker beiwohnte. In einer Rede ging er recht politisch auf die Frage ein, wie wichtig die Erinnerung an herausragende Ereignisse des kulturellen Erbes sei – und wie notwendig die kritische Betrachtung dabei bleiben muss.

So mahnte Lammert, dass bereits im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ nichts von Heiligkeit zu spüren war. Die Christianisierung, die Karl der Große keineswegs mit der Bibel, sondern mit dem Schwert vorangetrieben habe, machte deutlich, welches Unrecht den sogenannten „Ungläubigen“ wiederfahren war. Dass diese Gruppe auch heute wieder bedroht sei, zeige nicht nur die Verfolgung der Andersdenkenden durch den „Islamischen Staat“.

Der Bundestagspräsident habe die Rechte derjenigen betont, die nicht glauben und keiner Konfession oder Religion angehörten, meint HABO-Sprecher Dennis Riehle. Es sei deutlich geworden, dass sie sich in vielen Ländern auch weiterhin dafür rechtfertigen müssten, ihre Überzeugung frei zu wählen und sich gegebenenfalls für ein atheistisches Lebensmodell zu entscheiden. „Das ist auch bei uns weiterhin ein Thema. In vielen Regionen ist es verpönt, nicht der Kirche anzugehören. Die Weltkulturerbe-Insel Reichenau ist dafür ein gutes Beispiel, wie wir von Einwohnern wissen, die neu hierher gezogen sind“, so Riehle.

Deshalb sei es gut gewesen, dass Lammert das Thema auch genau dort angesprochen habe, erklärt die HABO. „Diskriminierungen von Menschen ohne religiöses Bekenntnis sind keine Seltenheit, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Daher ist es wichtig, dass auf diesen Missstand auch weiterhin öffentlich aufmerksam gemacht wird. Norbert Lammert leistete einen guten Beitrag hierzu und betonte indirekt, dass Religionsfreiheit eben auch bedeute, frei von Religion sein zu dürfen. Die Nachwehen der grausamen Ausbreitung des Christentums zeigen bis heute, dass das wohl noch immer keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt Riehle abschließend.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Kürzlich ging ein Aufschrei durch die Republik: Ein erst 13-Jähriger hatte einen Freund offenbar beim Spielen getötet. Nie zuvor war der Täter auffällig gewesen, für den schrecklichen Vorfall gab es zunächst keine Erklärung. Ohne die Ermittlungen abzuwarten, ließen die Reaktionen aus einigen gesellschaftlichen und politischen Kreisen nicht lange auf sich warten: Die Strafmündigkeit von derzeit 14 Jahren müsse herabgesetzt werden, damit künftig auch jüngere Täter wie der jetzige strafrechtlich verfolgt werden könnten. Ähnlich ein Jahr nach dem „Germanwings“-Absturz: Mit wilden Zuschreibungen an den Co-Piloten vom „Massenmörder“ bis hin zu „Wir werden nie verzeihen“ machten sich nicht nur Angehörige der Opfer ihrer Wut Luft. Oder auch, als neulich wieder Daten über Übergriffe auf Polizeibeamte öffentlich wurden – das Rufen nach härteren Strafen war die prompte Antwort aus dem zumeist bürgerlich-konservativen bis hin zu rechtsradikalen Lager.

Reflexartig sind viele von uns mit der Justiz unzufrieden: Zu harmlos sei sie, würde sich zu sehr an den Tätern orientieren. Ich halte entgegen: Unsere Rechtsstaatlichkeit baut vornehmlich auf dem Prinzip der Balance auf. Und sie besagt, dass es nicht nur gegenüber den Opfern, sondern auch gegenüber den Verursachern gerecht zugehen muss. Da ist kein Platz für Populismus. Nicht umsonst ist Justitia blind und mahnt zur unabhängigen Entscheidung. Zurufen aus welchen Ecken auch immer darf sie nicht nachgeben, denn Demokratie würde sich erpressbar machen, wenn diejenige der drei Gewalten, die letztlich über alle Entscheidungen wachen muss, auf Befindlichkeiten der Öffentlichkeit eingehen würde. Schon viel zu oft mussten wir den Eindruck gewinnen, dass Urteile von Wünschen der einzelnen Beteiligten oder aber auch der medialen Berichterstattung geprägt waren. Da darf es keine Versuchung geben, sich Polemik hinzuwerfen.

Und wenn die richtende Dame mit ihrer Waage in den Händen auf die Verhältnismäßigkeit aufmerksam macht, dann hat das wenig mit Nachsicht zu tun. Viel eher steht diese Mahnung für ein vernunftmäßiges Abwägen in allen Prozessen. Und so bleibt es eine Frage von Rationalität, Kinder unter 14 Jahren nicht zu verurteilen, sondern ihnen zu helfen. Weder ihre Einsichtsfähigkeit ist derart gewährleistet, dass Bestrafung überhaupt Sinn ergeben würde. Noch wäre hier ausreichend gesichert, dass man die offenkundig tiefliegenden Ursachen erkunden und dem ja gerade erst am Anfang eines Lebens stehenden Menschen irgendwann eine Zukunft ohne Vorbelastung garantieren könnte. Gegner einer solchen Haltung würden nun erwidern, auch das Opfer habe kein Leben mehr vor sich, es ist tot. Man fragt sich nur: Was hätten wir davon, wenn auch der Täter nun mit größter Härte bestraft würde? Allein unsere Sehnsucht nach Rache würde befriedigt, denn Gerechtigkeit wäre keinesfalls hergestellt. Sie ist als subjektives Empfinden ohnehin kein guter Gradmesser, müsste für objektive Maßstäbe doch davon ausgegangen werden, dass Vergleichbarkeit besteht. Solange aber Außenstehende Richter sind, wird sich Rechtschaffenheit nur bis zu einer normierten, nicht aber differenzierten Ebene durchsetzen lassen.

Um in unseren menschlichen Grenzen überhaupt urteilen zu können, ist es gleichsam nötig, Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört die natürliche Voraussetzung, wonach vor Gericht alle gleich sind. Doch ist das heute wirklich so? Greift ein Demonstrant einen Polizisten an, so soll er nach Meinung mancher Politiker scharf bestraft werden. Schlägt ein Polizist im Einsatz zu, wird dies im besten Falle milde abgetan, so zeigen es die Erfahrungen. Ist eine Körperverletzung deshalb schwerwiegender zu beurteilen, weil sie an einem Beamten begangen wurde? Und warum kommt es gerade dann, wenn der Verdacht einer Straftat „im Amt“ aufkommt, so häufig zu Einstellungen von Verfahren? Möglicherweise ist unser Rechtssystem schon heute viel zu anfällig für den klientelhaften Einfluss diverser Gruppierungen. Da wird wuchtig argumentiert, warum die gleiche Tat an unterschiedlichen Personen bei gleichen Umständen auch zu verschiedenen Urteilen führen soll. Dort, wo sonst das Drücken auf die Tränendrüse als unredliche Maßnahme der Verteidigung bemängelt wird, wird Psychologie plötzlich zum Wegweiser für Strafzumessungen.

Dass man aber nur auf die Seele blickt, wenn es um die eigenen Belange geht, zeigt auch die Tatsache, dass Gnadenlosigkeit gegenüber den Anderen bis heute Konjunktur hat. Bei schwersten Verbrechen bricht gerade aus den extremen Nischen rechtsaußen die Forderung nach der Rückkehr der Todesstrafe auf. In der Schweiz war man kurz davor, ein Referendum über die Wiedereinführung zu starten. Doch mehr als das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ können die Befürworter nicht an Begründung liefern, wenn es darum geht, weshalb wir sie denn wieder bräuchten. Vergeltung und die zur Schaustellung von der Macht des Staates – mehr als ein selbstgerechtes Beweisen von Stärke ist es nicht, denn wer sich langfristig am Tod eines Anderen ergötzt, hat die Weltordnung eines aufeinander angewiesenen Miteinanders nicht verstanden. Man muss nicht einmal die Diskussion bemühen, ob es dem Staat – und schon gar nicht Opfern oder sonstigen Dritten – überhaupt zustünde, einen Täter auf diese Art und Weise zu richten, ohne dabei nicht in willkürliche Besessenheit nach egozentrischer Überheblichkeit zu verfallen. Denn selten hat man Hinterbliebene oder Geschädigte von Straftaten gesehen, die durch das größtmögliche Strafmaß für ihre Peiniger eine dauerhafte Zufriedenheit verspürten. Den Schmerz nimmt eine Verurteilung nicht, er kann nur aufgearbeitet werden.

Und so trägt sowohl die Opfer, aber auch die Täter der Gedanke von Reue viel mehr. Es ist niemandem abzuverlangen, nach einer Straftat zu verzeihen. Und jeder benötigt seine eigene Zeit, um möglicherweise ein Fehlverhalten des Gegenübers zu vergeben. Manches Mal gelingt es auch gar nicht. Und gleichsam sind es gerade diejenigen Täter, die im Strafvollzug durch Unterstützung zur Einsicht gelangen, für ihre Verantwortung einzustehen, die am Ende die besten Aussichten auf eine Resozialisierung haben. Sie haben es verdient, dass ihr Versuch um Entschuldigung zumindest angehört wird. Wer versteht, wie es zu einer Tat gekommen ist und wer gleichzeitig in die Lage versetzt wird, Ursachen hierfür herauszufinden und an ihrer Beseitigung zu arbeiten, der kann überzeugend auf die zugehen, denen durch sein Handeln schreckliches an Leid zuteilwurde. Opfer-Täter-Ausgleiche, aber vor allem die intensive psychotherapeutische, sozialpädagogische und medizinische Betreuung sind daher ein wesentlicher Schritt, um neue Straftaten zu verhindern, viel eher aber, um Rechtsfrieden zu schaffen. Und ja, auch wenn es manch Hardliner nicht gern hört: Auch im Gefängnis und vor Gericht gelten die universellen Menschenrechte. In einer Demokratie besteht der unabänderliche Anspruch auf humane Behandlung, auf gesundheitliche und soziale Unversehrtheit – eben auch hinter Gittern. Und nein, da wird nicht der, der straffällig wurde, auch noch umsorgt, sondern da werden Standards realisiert, die wir aus Werten der Aufklärung errungen haben.

Nicht das Pauschale trägt unser Rechtssystem, aber auch nicht die Gefühle. Viel eher sind wir in Justiz und Strafvollzug heute mehr denn je darauf angewiesen, aus Pflicht zur Menschlichkeit mit Unbefangenheit eine konstruktive Zukunft für alle Beteiligten zu entwickeln. Dass Täter die Rechte des Opfers missachtet und oftmals gar zerstört haben, ist nicht zu rechtfertigen. Aber es steht uns nicht zu, die eines anderen nun ebenso zu nehmen. Humanität ist manches Mal schwer auszuhalten – und trotzdem ist sie nötig, um eben gerade nicht denen Platz zu lassen, die am lautesten schreien und für sich proklamieren, die Welt zu richten. Nein, nicht Emotion oder auch Streit sollten uns in unseren Forderungen an die Justiz und ihre Urteile prägen, sondern die Bereitschaft, daran zu arbeiten, auch weiterhin Gerechtigkeit zu fördern. Dazu gehört eine Reform des Strafvollzuges, die auch denjenigen Perspektiven eröffnet, die wieder Teil der Gesellschaft werden können und wollen. Dazu gehört aber auch eine veränderte gesellschaftliche Einstellung zu dem, worüber heute meist nur dann gesprochen wird, wenn Hetze und Verurteilung auf den Plan rücken: Straftaten gehören zu unserer Realität – und auch bei notwendiger und weiter zu ermunternden Prävention wird es sie immer geben. Deshalb braucht es Fürsprecher, die sich gegen opportunistische Erregung stellen, wenn es darum geht, die scheinbare Aufrichtigkeit der Justiz für sich zu vereinnahmen…

[Dennis Riehle]

Aufgrund technischer Probleme musste mein Blog am 20. Oktober 2015 neu gestartet werden.

Leider sind durch das neue Aufspielen die alten Beiträge gelöscht worden.

Ich bitte um Verständnis – und beginne seit heute nun wieder mit der Einstellung aktueller Texte.

Herzliche Grüße und viel Freude auch weiterhin beim Besuchen meiner Seiten!

Ihr Dennis Riehle