Gedankenimpuls

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“ – vor kurzem begegnete mir bei einer Taufe wiederum das Lied von Arno Pötzsch (EG 533, 1941), das er inmitten des Zweiten Weltkrieges geschrieben und damit eine Aussage getroffen hat, die zutiefst tröstlich ist. Denn sie bildet ein Gottesverständnis ab, das den meisten Menschen auch heute angesichts von Religionskritik und Kirchenferne nahekommt. Es ähnelt dem des Pantheismus, besser noch dem des Panentheismus, den wir nur verstehen können in seiner Ausformung eines pandeistischen Anfang und Endes, eines Alpha und Omega. Gott ist alles, Gott ist die Natur. Gott ist kein externes Wesen, das lenkt und gestaltet. Gott hat geschaffen und ist im Weltall, vielleicht sogar in unserer Erde, in jedem einzelnen Menschen von uns aufgegangen.

Was zunächst märchenhaft klingen mag, das ist philosophisch gesehen wohl eher eine nüchterne Betrachtung. Was soll uns mehr geschehen, als letztlich ganz am Boden anzukommen? Tiefer als in die tiefsten Tiefen geht es nicht. Und sind wir nicht allein der Überzeugung eines Jüngsten Gerichts, das lediglich Auserwählte bewahren wird vor Fegefeuer und Verdammnis, dann kann letztlich das Ende des Fallens nur eine Ewigkeit bedeuten, die sich nicht schöner beschreiben lässt als durch „Gottes Hand“. Was bliebe denn denen, die im Krieg alles verloren hatten, jeden Tag den Tod vor Augen hatten und nicht wussten, ob sie aus der Gefangenschaft des Gegners je wieder heil herauskommen würden, wenn nicht dieser Wink mit einer Zukunft, die weltlich nicht zu erreichen scheint?

Schon Dietrich Bonhoeffer offenbarte gerade im Kerker des Nationalsozialismus die größte Ruhe, die ein Mensch sich nur vorstellen kann. Natürlich plagen uns Ängste, nicht nur in solchen Ausnahmesituationen. Sie sind letztendlich aber endlich, überstehen wir sie doch allerspätestens mit der irdischen Vergänglichkeit, wenn wir eintreten in die Erlösung, zu der jeder die Chance hat. Zu wissen, als Teil der Erde, als Teil des Universums, als Teil eines Ganzen nicht weiter fallen zu können als in die Tiefenlosigkeit unserer Vernunft, das ist ein barmherziger Gedanke, den auch Arno Pötzsch nochmals aufgreift: „Wir sind von Gott umgehen, auch hier in Raum und Zeit“ (Str. 3). Pötzsch bleibt bei der Transzendenz, wagt sich nicht in die Immanenz – und doch scheint das Miteinander von Mensch und Schöpfer an dieser Stelle so nah.

„In ihm“ zu leben, Pötzsch verfolgt die Auflösung in den Pandeismus mit den letzten Worten seines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch. Wir sind Teil Gottes, möchte er uns offenbaren, löst damit den Trinitätsgedanken der christlichen Lehre ein Stück weit auf, indem er den Umweg über die Menschwerdung gewissermaßen ausspart. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es nicht wenige Mystiker, die die Immanenz Gottes, die Herausbildung der Schöpfung aus diesem Urfunken des Nichts für sich entdeckt hatten, der wiederum die Allmacht und die Weite von Schöpfer, Lenker und Hüter deswegen unnötig macht, weil die Transzendenz zwischen Welt oder All auf der einen, Gott auf der anderen Seite, entfällt. Ob wir uns selbst als göttlich ansehen, eine Frage der heutigen Spiritualität und Esoterik mahnt den Christen zu einer wohlüberlegten Entscheidung. Denn bei allem freien Verständnis, das uns ein liberaler Gottesglaube lässt, ist die Entscheidung über unsere Position in der Breite der Existenz von Bedeutung.

Stehen wir am Rande, in der Mitte oder gehen wir in ihr auf? Wer der Dreieinigkeit weiterhin seine Überzeugung schenken will, kann nur zu einer Überzeugung gelangen, die im monotheistischen Sinne transzendent ist. Gottes Hand ist dann das von außen einwirkende oder sich aus der Materie heraus öffnende Netz, das uns die Furcht nimmt, wir könnten in Höllenqualen nur deshalb elendig zugrunde gehen, weil wir die Bodenlosigkeit des Seins und die immanente Unendlichkeit kennen. Es ist eine Frage der Persönlichkeit Gottes, ob er mir als nahestehendem Wesen ein Ansprechpartner ist, weil er sich aus der Welt abhebt und theistisch auf sie einwirken kann. Ist Gott dagegen als naturalistisch unpersönlicher Teil des oder gar das Ganze selbst, fällt die Vorstellung schwer, wie er aus der „Ursuppe“ heraus seine nicht nur schöpferische Kraft und Dynamik entwickeln konnte, sondern vor allem, wie er uns gegenüber Autoritätsperson und Lenker sein kann, ohne aus seinem panentheistischen „Einheitsbrei“ hervor zu gelangen.

Christen dürfen in der Selbstaufgabe und Beliebigkeit nicht derart flexibel sein, dass sie ihren monotheistischen Glauben im Sinne einer Trinität aus Deismus, Theismus und Pantheismus aufgeben. Nur die schiere Unvereinbarkeit der göttlichen Erscheinungsformen in Vater, Sohn und Heiligem Geist ist das Alleinstellungsmerkmal, das zu reduzieren eine Aufgabe christlichen Bekenntnisses bedeutete. Bei aller Attraktivität, dem neu an Fahrt gewonnenen Panentheismus seine Vorzüge als allumfassendes Sein abzugewinnen, würde eine christliche Anbiederung an ein derartiges Gottesbild eine Näherung an Islam, Judentum und Buddhismus bedeuten, die den identitätsstiftenden Charakter des Christseins unter den Weltreligionen preiszugeben in der Lage wäre. Gottes Hand kann also nicht das unendliche Sprungtuch sein, in dessen Zuverlässigkeit wir allein deshalb vertrauen, weil es mehr darüber hinaus nicht geben mag.

Wie sollen wir uns im panentheistischen Blick auf Universum, inklusive Welt und des Menschen, denn auch die Gnade Gottes vorstellen, die Pötzsch als Zugang zu ihm sieht (Str. 2)? Die Pfade können uns nur hinführen an ein Ziel, wir können nicht gleichsam Start und Finish sein. Und auch wenn die Anwesenheit Gottes als Ausdruck spirituellen Bewusstseins allzeit doch so spürbar uns umgibt, dürfen wir nicht verwechseln, dass diese Ebene eine andere ist als die, auf der wir Gott persönlich in unserem Nächsten, in Jesus Christus, begegnen können. Durch sein Wirken mit der Kraft des Heiligen Geistes führt er uns in diese Ewigkeit (Str. 3), die wir nicht als Ist-Zustand hinnehmen können, sondern als erstrebenswerte Utopie für unseren Verstand, als Option für unseren Glauben, als die Karotte vor den Augen des wettlaufenden Hasen sehen. Ansonsten wäre all das Wissen um Not, Schicksal oder Tod (Str. 2) auch so unerträglich, es gäbe keinen Ansporn, es zu durchstehen…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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