Zwischenruf

Da sitze ich – und nehme mir kurz Zeit, um diesen Text zu schreiben. Ich bin dankbar, dass das Telefon gerade nicht klingelt und keine neue Mail in meinem Postfach angekommen ist. Denn über die Wintermonate, da ist die Nachfrage groß – die Nachfrage von Menschen mit seelischen Erkrankungen, die nach Hilfe suchen. Als Selbsthilfegruppenleiter scheine ich eine der niederschwelligsten Zugangswege zu irgendeiner Form von Unterstützung zu sein, die in großer Not zumindest einen Rat geben kann. Wo finde ich den nächsten Therapeuten? Wie lange muss ich auf einen Therapieplatz warten? Woher kommen meine Depressionen? Wie gehe ich mit meinen Angehörigen um, die nicht nachvollziehen können, dass ich krank bin? Und welche Behandlung hat Ihnen geholfen, um wieder fit zu werden?

Diese und andere Fragen reihen sich seit Wochen aneinander. Und natürlich versuche ich, jede einzelne mit großer Sorgfalt zu beantworten. Dabei ist es nicht nur meine Wahrnehmung, sondern auch meine eigene Statistik, die mir sagt: Jedes Jahr wird der Ansturm größer. Besonders viel Bedarf an Hilfe besteht über die dunklen Tage hinweg, in denen die Menschen zum Grübeln neigen – oder sich im Weihnachtsstress das BurnOut ankündigt. Das ist die Hochphase für Ehrenamtliche wie mich, die es sich aus eigener Betroffenheit zur Aufgabe gemacht haben, denjenigen zur Seite zu stehen, denen 50 Minuten Psychotherapie pro Woche nicht genügen, die auf der Suche nach jenen sind, die sich aus der eigenen Erfahrung mit dem Gefühl auskennen, seelisch plötzlich leer und ausgelaugt zu sein.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Auch im 21. Jahrhundert erlebe ich es fast täglich, dass ich selbst schräg von der Seite angesehen werde, dass ich aberwitzige Kommentare über die Ursachen psychischer Erkrankungen zu hören bekomme oder dass man mir und allen Anderen, die mit seelischen Konflikten zu ringen haben, Empfehlungen austeilt, wie es uns denn besser gehen könnte. Die Einen sagen, man müsste mehr Sport treiben, die Anderen denken, es würde helfen, sich gesünder zu ernähren. Die Dritten meinen, psychisch Kranke hätten zu oft gesündigt und die Vierten empfehlen, öfter ans Licht zu gehen. Wenn denn alles so einfach wäre, unsere Gesellschaft würde vor seelischer Gesundheit nur so strotzen.

Die erst kürzlich veröffentlichte Studie über den Wissensstand der Deutschen in Bezug auf Depressionen hat uns den dringenden Auftrag an die Hand gegeben, die Sensibilisierung für das Thema psychischer Leiden noch viel stärker voranzutreiben. Regelmäßig spreche ich vor Schulklassen und referiere ihnen meine persönliche Geschichte. Denn das, so zeigt es sich immer wieder, beeindruckt mehr als Information und Fakten darüber, was es denn bedeutet, seelisch krank zu sein. Die Erfahrbarkeit im Alltag, dass Menschen mit psychischen Handicaps ganz normal sein können, sie hinterlässt bleibende Spuren – nicht nur bei den Jugendlichen. Wir brauchen mehr Menschen, die über das Tabu sprechen, ein bisschen „verrückt“ zu sein.

Denn auch wenn mir immer wieder versichert wird, dass die Bevölkerung heute doch schon viel offener über die „Volkskrankheit Depression“ spreche, so spüre ich, dass sich solch eine Toleranz vor allem gegenüber dem Theoretischen zeigt. Sobald wir auf Menschen treffen, die tatsächlich nicht mehr aus dem Bett kommen, weil sie den ganzen Tag an die Wand starren, ihr Körper zu schwer ist, um aufstehen zu können, sie keinerlei Grund sehen, überhaupt noch in den Tag zu starten und jedwede Perspektive für ihr Leben verloren haben, dann beginnen sich die Vorurteile in unserem Kopf zu drehen: Ist er nicht einfach nur zu faul? Spielt er nicht nur etwas vor, simuliert er, um nicht zur Arbeit gehen zu müssen, sich vor dem Alltag drücken zu können?

Die Berührungsängste sind groß, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was wir uns selbst gar nicht vorstellen können. Natürlich hat jeder von uns schon sein Tief erlebt, Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Doch wie ist das, wenn man vor Angst über Monate hinaus die eigene Wohnung nicht mehr verlässt? Wenn man wie angekettet die Decke über den Kopf zieht und jegliches Gefühl für alles und jeden verloren hat? Wenn man merkwürdige Dinge tut, sich dauernd wäscht, ständig kontrolliert, wenn man Dinge sieht, die für Andere nicht da sind? Wenn Stimmen flüstern und die Wahrnehmung nicht verfliegt, permanent beobachtet oder verfolgt zu werden? Vielleicht machen wir es uns manches Mal zu leicht, wenn wir nicht wissen, wie wir mit Menschen umgehen sollen, die eben „anders“ sind.

Ich kann jeden verstehen, der eben nicht versteht, was es heißt, psychisch krank zu sein. Das voreilige Mitgefühl, man könne sich schon gut in meine Lage versetzen, es wirkt nicht nur unpassend, sondern es relativiert ein Leiden, in das sich nur Wenige tatsächlich hineinversetzen können. Denn nicht jede Psychose ist gleich, nicht jede Angst der anderen ähnlich. Deshalb ermutige ich nicht, den Versuch zu unternehmen, jemandem mit einer seelischen Erkrankung nachempfinden zu können. Es genügt allein der Respekt vor der Tatsache, dass jemand lädiert ist, der von Wahnvorstellungen, Depressionen oder Phobien geplagt ist – und dass er sich das nicht alles nur einbildet, sondern solch eine Krankheit genauso ernst zu nehmen ist wie ein Herzinfarkt oder ein Knochenbruch.

In einem Jahrzehnt, in dem der Leistungsdruck mehr wird, das Ideal des immer Weiter, Schneller, Höher zum Maßstab aller Dinge geworden ist, da müssen wir uns nicht wundern, dass manch eine Seele zu streiken beginnt. Ich bin überzeugt, dass gesellschaftliche Zwänge und ein transhumanistisches Credo, wir könnten über uns selbst hinauswachsen, erheblich dazu beitragen, dass sich bei unseren Psychiatern Einer nach dem Nächsten die Klinke in die Hand gibt. Dass Einiges der psychischen Krankheiten in unserer Bevölkerung hausgemacht ist, das sollte uns zu denken geben. Nicht nur, wie wir uns gegenüber denen verhalten, die seelisch kapituliert haben. Sondern auch, ob wir uns nicht an der eigenen Nase packen sollten, wenn wir besserwisserisch über die urteilen, deren Psyche streikt.

Denn die meisten Betroffenen, die den Kontakt zu mir suchen, sie geben zu, dass sie nie damit gerechnet hätten, selbst einmal psychisch krank zu werden. Es kann jeden treffen, das sollte uns bewusst sein. Und gleichzeitig sollten wir wissen, dass wir mit einem gesellschaftlichen Umdenken dazu beitragen könnten, Entschleunigung, Achtsamkeit und Besonnenheit in Arbeitsleben, Medienkonsum und Freizeit zu bringen. Das ist kein Allheilmittel gegen Depressionen oder Ängste, aber ein erster Schritt. Die Ehrlichkeit, nicht über den seelischen Zustand des Gegenübers befinden zu können, ihm aber Wertschätzung dadurch entgegenzubringen, dass ich seine Nöte anerkenne. Eigentlich sollten diese Wünsche selbstverständlich sein, sie sind es aber eben nicht. Psychische Erkrankungen führen weiterhin ein Schattendasein. Und die Stigmatisierung ist ein Alltagsgeschäft. Wie schön wäre es, wenn es künftig weniger florieren würde…

[Dennis Riehle]

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