Zwischenruf

Und wieder gibt es neue Zahlen: Die Austrittswelle setzt sich kontinuierlich fort, immer mehr Gläubige verlassen die Kirchen. So ergaben es auch die aktuellen Erhebungen, die ein düsteres Bild zeichnen. Vor allem die evangelische Seite muss zunehmend stark federn lassen – doch ihre Reaktion darauf scheint genauso bezeichnend wie die Ursachen für diese Bewegung, die ähnlich dramatisch ist wie nach der Wende.

Ich selbst gehörte 2012 auch dazu: Ich verließ die Kirche aus unterschiedlichen Antrieben heraus. Wollte ich noch Jahre davor ein Theologie-Studium beginnen, das mir von Würdenträgern des Klerus ausgeredet wurde, hatte ich aus schwerer Krankheit derartige Zweifel am Gottesglauben entwickelt, dass ich das Bekenntnis nicht mehr mitsprechen konnte, das sonntags die Christen vereint. Im Gegensatz zu anderen, denen es ebenso geht, die aber aus Tradition in der Kirche bleiben, war für mich damit die Grundlage für die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft genommen.

Gern hätte ich mich darüber ausgetauscht und mir neue Kraft geben lassen. Auch bei der Frage, wie man die Wunden heilen könnte, die mir durch die Ausgrenzung aufgrund meiner psychischen Belastung und vermeintlich sexuellen Orientierung in der Gemeinde zuteilwurden, hätte ich mich offen für Vergebung gezeigt. Es gab nur einige Außenstehende, die mich annahmen und mich ermutigten, man könnte die Kirche nur verändern, wenn man ihr auch weiterhin angehöre. Doch ich spürte, dass die Unbequemen wohl nur störten.

In meiner früheren badischen Landeskirche stieß ich sowohl vor, aber auch nach meinem Austritt auf vollständige Interessenlosigkeit. Kontakte zum Dekanat oder Gemeinden blieben einseitig, auf meine Fragen und Kritik ging kaum jemand ein. Und als ich mich entschlossen hatte, als ursprünglich tief gläubiger Christ den Schritt zu gehen, den ich mir nie hatte vorstellen können, blieb ich wiederum alleine: Nach meinem Austritt ließ man mich ziehen. Bemühungen, das Gespräch zu suchen oder nach Gründen zu fragen? – Fehlanzeige.

Nein, es sind eben nicht nur die Kirchensteuern oder der „Abfall“ vom Glauben, weshalb Menschen, die einst in ihrer christlichen Zugehörigkeit Sinn gefunden hatten, das Weite suchen. Aus vielen Begegnungen mit anderen Konfessionsfreien weiß ich, dass es der Eindruck ist, wonach die Selbstgerechtigkeit der Kirche keinen Platz mehr für die Seelsorge lässt. Es ist kein Raum mehr für Widerspruch, für Not, für das Ringen mit Überzeugungen. Wenn es kompliziert wird, lässt man die „Schäfchen“ eher laufen. In vollem Bewusstsein, dass die Kirche so an die Wand fahren wird, trägt sie selbst maßgebliche Verantwortung für die Tendenzen ihres Zusammenschrumpfens.

Da helfen auch nicht neumodische Formen von Gottesdiensten, das trendige Ausformulieren biblischer Schriften, die Events am Sonntagnachmittag für alle, die ausschlafen wollen. Für mein Verständnis ist es nicht der Zeitgeist, der die Kirche in die Krise stürzt. Es ist viel eher ihre eigene Naivität und ihr Anspruch, dass nicht sie sich sorgen muss, sondern die Hoffnungslosen schon aus eigenen Stücken zu ihr kommen werden. Ja, sie muss sich anstrengen. Aber nicht dadurch, dass sie „cool“ sein will. Sie muss wieder lernen, auf die Suchenden zuzugehen, sie nicht im Stich zu lassen – und im Zweifel fragen: „Können wir nochmal drüber reden?“.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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