Erwiderung zum Interview des SPIEGEL: „Bereute Mutterschaft“
(http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/regretting-motherhood-interview-mit-mutter-und-tochter-a-1081413.html)

Traurig und befreit zugleich, so beschreiben Frauen sich oftmals nach einem Schwangerschaftsabbruch. „Traurig“, weil sie ein werdendes Kind abgetrieben und ihm die Chance auf das Leben genommen haben. Schuldgefühle müssten es hier wohl trefflicher sein, betrachtet man die Schilderungen über schwere psychische Belastungen nach der Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen. Nicht selten sind es tiefste Depressionen, von denen Frauen berichten, die das Gefühl von „Befreiung“ überdecken. Ohnehin: „Befreit“ wovon? Von einem Kind? Nein, Frauen nehmen sich als „befreit“ war, weil ihnen mit einer Abtreibung die Konfrontation mit ihrer eigenen Lebensführung erspart wird. Doch Wegrennen vor Problemen war noch nie ein guter Ratgeber…

Unsere Gesellschaft krankt. Sie sieht Kinder als Last an. Ja, das ist pervers. Und der erste Denkfehler in einer Ideologie des Egoismus, die in einer Welt aus immer neuen Freiheiten umgreift. Da lässt man etwas „wegmachen“, wenn es gerade nicht in die Zeit passt. Welche Konsequenzen das hat, dass man hier ein Leben auslöscht, ist zweitrangig. Immerhin wird solch ein Verhalten ja auch nicht bestraft, wenngleich es rechtswidrig ist. Es geht darum, dass „ich“ mich wohlfühle und über meinen eigenen Körper bestimmen kann. Ein neues Gefühl von Macht, das in Tagen hinkenden Selbstbewusstseins Vieler eine „erfüllende“ Erfahrung sein mag.

Doch es ist nicht damit getan: Ein kurzer Eingriff – und dann ist das „Problem“ gelöst, so möchten es vielleicht viele ursprünglich werdende Mütter glauben. Ein Kind ist aber kein Pickel, den man schnell einmal zwischendurch entfernt und dann vergisst. Mit einem Schwangerschaftsabbruch ist der Tod eines sich entwickelnden Menschen verbunden. Verlust und Trauer sind dann allgegenwärtig – obwohl und gerade, weil man dieses Lebewesen noch nicht gekannt hat. Die Verantwortung für das Sterben zu übernehmen ist eine hohe Bürde. Und das gilt besonders dann, wenn dem Baby noch im Mutterleibe die Aussicht auf eine Zukunft genommen wird. Dort ist die Verbindung zwischen Mutter und herannahendem Kind am engsten. Nach der Abtreibung fehlt etwas – körperlich und seelisch.

Da ist es nicht mit „Traurigkeit“ getan. Schwangerschaftsabbrüche wiegen weit schwerer. Und nein, es ist nicht die Aufgabe der Außenstehenden, zu verurteilen – aber durchaus bewusst zu machen, dass hinter dem Trend „Ich mach‘ mir ein Kind“ noch eine zweite Perversion steckt. Das Wissen darum, dass es die Abtreibung gibt, ist gerade für erstmalig Mutter Werdende ein scheinbarer Freifahrtsschein. Ihnen ist nicht klar, was eine Abtreibung tatsächlich bedeutet. Und entsprechend wird wilder denn je die eigene Befriedigung gesucht – ein Schelm, wer hier wiederum an den Egotrip der Moderne denkt. Sex kennt keine Grenzen, denn im Zweifel kann ja alles wieder „rückgängig“ gemacht werden.

Weil es Verhütung und den Schwangerschaftsabbruch gibt – und beides in der Welt der liberalen Grenzenlosigkeit als „gängig“ dargestellt wird –, kommt erst der Spaß, dann das Denken. Man muss sich fragen, ob in unseren Breiten die Aufklärung massenhaft versagte, wenn die Entrüstung nach dem schnellen „Quickie“ am nächsten Morgen groß ist. Überrascht, dass man nun schwanger sein könne, tun viele Frauen ihr eigentlich verantwortungsloses Verhalten als einen „Unfall“ ab – genauso, wie das Kind, das sich aus diesem „One Night Stand“ ergibt. „Ich wollte gar nicht Mutter werden“, werden viele Frauen vor einer Abtreibung zitiert. Verwundert frage ich mich: Wer hat sie denn dazu gezwungen?

Glücklicherweise können bei uns in fast allen Fällen Frauen selbst darüber befinden, ob und wann sie schwanger werden wollen. Und würde Sexualität nicht länger als ein „Spiel“ begriffen, sondern wieder dorthin zurückgeführt, wo sie herkommt – nämlich aus dem Verantwortungsbewusstsein, Geschlechtsverkehr als wertvollen, erfüllenden und treuen Ausdruck von Hingabe statt Anbiederung zu verstehen – passierten solche „Kollateralschäden“ wie eine Schwangerschaft nicht, sondern wären Ergebnis eines gewollten, von Liebe getragenen und damit eben auch überzeugten Ergänzens zweier Menschen, die sich in Würde auf das Geschenk der Verschmelzung und der bereichernden Zeugung von Nachwuchs einlassen.

Wie verroht manche Einstellung in unserer Bevölkerung ist, zeigt der Umstand, dass Frauen nach dem Schwangerschaftsabbruch von feministischen und genderisierten Organisationen als „Opfer“ dargestellt werden, als „Buhfrauen“ unter dem Kreuzfeuer der herzlosen Lebensrechtler. Angefeindet und bedrängt fühlten sie sich – vor und nach der Abtreibung. Dabei ist es mit der Begleitung der Frauen durch solche Vereine nicht weit her. Viel eher fordern sie teilweise noch immer, die verpflichtende Beratung vor dem Schwangerschaftsabbruch abzuschaffen – und Frauen damit vollkommen alleine zu lassen mit der durchaus anerkennenswert schwierigen Lage, in der sie oft stecken, aber eben zumeist nicht unverschuldet.

Denn nicht die Schwangerschaft ist es, die diese Ausweglosigkeit verursacht. Es ist in der Regel die Überforderung mit dem eigenen Alltag. Und die resultiert nicht selten aus dem Lebensstil, der wiederum zur Ellenbogen-Gesellschaft passt: „Ich bin mir selbst der Nächste“, hören wir heute immer öfter. Die Auswahl an immer neuen Möglichkeiten und Chancen treibt uns einerseits in den ideellen Reichtum, lässt uns materiell aber schnell alt aussehen und legt uns emotional brach. Wenn wir abstumpfen, lassen wir uns auf „Experimente“ ein, deren Tragweite ein mündiger Bürger eigentlich erkennen sollte. Doch die Erkenntnis, dass eine Schwangerschaft kein „Projekt“, sondern eine Lebensaufgabe ist – und entsprechender Weitsicht bedarf, ob alle Begleitumstände dazu passen und eine Entscheidung von reiflicher Abstimmung mit mir und allen Beteiligten getragen wird –, scheint sich häufig zu spät oder gar nicht einzustellen.

Ja, wir müssen Frauen in Situationen der Hilflosigkeit stützen, ihnen beratend zur Seite stehen, ihnen Angebote unterbreiten, um mit ihren Sorgen nicht alleine dazustehen. Aber nein, wir dürfen unsere Position nicht lockern, wenn es um die Frage geht, Schwangerschaftsabbrüche noch weiter zu liberalisieren. Denn damit würden wir nicht nur die Identität des Wertebewusstseins preiseben, sondern der gesellschaftlichen Debatte neuen Raum lassen, das ungeborene Leben zum Spielball des Ausprobierens zu degradieren. Es braucht mehr denn je diejenigen, die sich nicht beirren lassen von angeblichen Mitleidstendenzen. Wir tun werdenden Müttern und denen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben, nichts Gutes, wenn wir ein falsch verstandenes Verständnis der Nachsicht kundtun. Uns allen, aber besonders den Frauen ist allein durch die Wahrheit und die Ehrlichkeit geholfen, dass Abtreibung nicht „normal“ und auch keines „befreiend“ ist…

[Dennis Riehle]

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