Gedankenimpuls

Man kommt mit einer großen Euphorie: Nachdem ich aus einer menschlichen Enttäuschung heraus, aus einer empfundenen, wohl aber auch realistischen Ausgrenzung in der Kirche aufgrund einer vermuteten Homosexualität und einer tatsächlichen psychischen Erkrankung, aber auch aus der „Theodizée“-Frage, die mein Gottesbild wanken ließ, und einer generellen Skepsis gegenüber christlichen Vorstellungen von Auferstehung, Jungfrauengeburt oder Ewiges Leben, die sich durch das nicht mehr Mitsprechenkönnen des Glaubensbekenntnisses im Gottesdienst geäußert hatte, nach Jahren des umfassenden Engagements für die Kirche dieselbige verlassen hatte, war der Austritt ein gefühlter Abwurf von Ballast, von einer jahrelangen Kasteiung, von der Empfindung, in einer Glaubensgemeinschaft zum Außenseiter geworden zu sein, ohne dafür je einen Anlass geliefert zu haben – der dastand, ohne jetzt mit seinen Fragen jemanden löchern zu können.

Da kam die Abwendung gerade richtig: Ich war frei von den Verletzungen und Erfahrungen, die ich gemacht hatte, konnte mein Leben nun wieder neu ausloten – und wollte dies auch. Denn ohne eine sinnstiftende Weltanschauung war für mich eine Existenz gar nicht möglich. „Nihilismus“ eine Utopie, die sich manch ein Mensch vielleicht wünschen würde, die aber in Wahrheit doch nicht einmal denkbar erscheint. Dafür aber der „Atheismus“, der sich ein Dasein ohne Gott vorstellte, allein auf den Humanismus besonnen, auf die Werte der Aufklärung, auf Ethik und Moral der Vernunft, vor allem aber des Verstandes, die auch abseits eines Schöpfers und eines Lenkers lebbar erschienen. Die Überzeugung, dass die Erde aus einer Aneinanderreihungen der Entwicklungen, gleichzeitig aber auch aus Zufällen einer Evolution entstand, die in einem Urknall oder noch davor ihren Anfang fand – und die sich mitsamt des Universums immer weiter auszudehnen vermochte.

Eigentlich war es stimmig – und ich hoffte, in den von mir recherchierten Organisationen, die sich der säkularen Bewegung zuordneten, entsprechende Mitstreiter zu finden, die einer solchen Ideologie ebenfalls anhingen. Und so kam es auch: Vor allem der „neue Atheismus“ war vertreten, eine moderne Form der Radikalität, die ich rasch spüren musste. Denn es hatte gleichsam etwas Trennendes, wenn die schief beäugt wurden, die aus einer Religionsgemeinschaft in diese Vereinigungen wechselten, jene aber als die „wirklichen“ Atheisten angesehen wurden, die von Geburt an nie etwas mit Kirche zu tun hatten. Es fühlte sich ähnlich an wie damals, als mir deutlich gemacht wurde, dass Homosexuelle keinen Segen empfangen dürften – und psychisch kranke Seelsorger nicht in der Kirche willkommen seien, weshalb man mir von einem Theologie-Studium abriet. Genau so war es nun auch, mittelalterliches Dividieren in Gut und Böse.

Und ja, die Parallelen würden sich in der Folge noch an vielen anderen Beispielen offenbaren, denn von Menschlichkeit hatte man in den auf Humanismus gründenden Organisationen, in der Weltanschauung des Atheismus bisher offenkundig wenig gehört, als man mich „prüfte“, wie nah ich denn der Kirche tatsächlich noch stünde – und befand: zu nahe. Die Ablehnung war spürbar, unter den Vereinsmitgliedern galt ich nicht als einer von ihnen, hatte ich über Jahre Konfirmandenarbeit geleitet, Andachten gestaltet, im Gottesdienst musiziert – und war damit von diesem Virus, von der „Krankheit“ der Religion, befallen, die ich wohl nicht mehr loszuwerden schien und gegen die es auch keine Medizin geben sollte. Wer einmal Christ war, der blieb es auch. Diese These ist ja nicht falsch, endet doch die Zugehörigkeit zu einer Religion nicht mit dem Kirchenaustritt. Und dennoch: Wie wollte die säkulare „Szene“ eigentlich überleben, wenn sie die Tür nicht für die öffnete, von denen gerade Massen in ihre Richtung strömten?

Selten zuvor waren die Austrittszahlen aus den Kirchen so groß – und damit die Chance, die Enttäuschten in den atheistischen Kreisen aufzunehmen, riesig. Doch was bereits stutzig machen sollte, das war der Umstand, dass die humanistischen Organisationen in Deutschland keinen bedeutsamen Zulauf verbuchen konnten. Lag es möglicherweise an dieser inneren Ablehnung eines „harten Kerns“ an Atheisten, die in ihrer Auslegung der Evolutionsgeschichte strikt waren und keine Zweifel an den Deutungen zuließen, dass Materie, Teilchen und später die Affen Teil und Vorläufer von uns gewesen sind? Kaum ein Christ wollte so etwas bezweifeln, doch nicht einmal, wenn man Zweifel an der Religion und Interesse für den Atheismus mitbrachte, war man scheinbar willkommen bei denen, die auch nicht ohne einen Gott konnten – und stattdessen aus reiner Provokation ein „Spaghettimonster“ anbeteten, allein um Religion vorzuführen und sie zu bemitleiden. Und genau diese Strategie war es, die mich nach fünf Jahren wieder zum Christentum zurückführte, denn ich hatte nie zuvor gedacht, dass ich nach allen Wunden meinen Protestantismus als ehrwürdiger einschätzen würde als die, von denen ich temporär so begeistert war, weil sie modern wirkten und sich als „überlegen“ in ihrem Denken, Wissen und Glauben gaben.

Ja, Atheisten glaubten. Nicht nur an selbst geschaffene Figuren, die sie als Spiegel der monotheistischen Überzeugung demonstrativ erschufen, wie Philosophen es zuvor von Gott sagten. Nicht er war es, der den Menschen hervorbrachte, sondern der Mensch ihn. Sie glaubten auch an die Wissenschaft. Und das nicht zu knapp. Das Heilige war die Empirie, man versuchte Stimmung zu machen mit etwas, was selbst die meisten Christen ja nicht ablehnten. Sie wiederum sehen die Forschung als das Erkunden der göttlichen Schöpfung, während der Atheist sie als das Offenlegen der Evolution begreift, die ohne einen steuernden Gott auskommt. Doch Gott galt nahezu als Schimpfwort, Religion war im wahrsten Sinne „Opium für das Volk“. Der Mensch komme nicht ohne den Glauben an ein höheres Wesen aus, widersprachen sich manche Freidenker, denn sie schlossen sich damit selbst in den Kreis jener ein, die diesen „Fehler“ der Gottesgläubigkeit mit sich trugen.

Und überhaupt: Selten hatte ich ein derartiges Durcheinander von Meinungen erlebt, die gegenläufig waren, sich überschnitten und ausschlossen. Plötzlich glaubte man doch an etwas, an das Nichts, an den Ursprung des Alls in einem leeren Loch. Dann wiederum war es die Kraft in der Natur, die alles einte. Und Andere wiederum verherrlichten den Menschen so weit, dass eine Verehrung von Maria durch den Katholizismus nahezu wie Gotteslästerung erschien. Da wurde der Mensch auf den Sockel gehoben als das mächtigste aller Wesen – mit der darin sich bergenden Gefahr, übermütig und gleichsam größenwahnsinnig gegenüber der Schöpfung, pardon, des „Evolutionsergebnisses“ (ging sie nicht noch weiter? war der momentane Zustand damit nicht nur ein Zwischenergebnis?), zu werden, was er ja sicherlich auch schon geworden war, blickte man auf das Leid, das er selbst unter Flora, Fauna und Habitat angerichtet hatte.

Die Vergöttlichung des Menschen, sie wirkte abstoßend auf mich, stand sie doch im krassen Gegensatz zu der Annahme, dass wir nicht das Ende der Evolution seien und uns damit auch nicht anmaßen konnten, höchstes Wesen zu bleiben, welches nach den Theorien, die ich erst später kennenlernte, doch selbst als Katalysator wirken musste: Denn verschrieb man sich der Strömung des Transhumanismus, brauchte es den Menschen selbst, um der Evolution noch einen Anstoß zu geben. Mit seiner Fertigkeit zu Forschung, Wissenschaft und der Erfindung bahnbrechender Theorien sollte es dem Menschen gelingen, ihn und die Welt noch besser, noch weiter zu bringen, als es diese zufallsbetonte Entwicklung der „Quarks“ schaffen würde. Dass dabei wiederum die prekäre Situation eintreten könnte, dass der Mensch seine eigene Technik aus dem Ruder laufen ließe, sie selbst den Menschen überhole und ihm damit die Gewalt über seine eigene Erschaffung wegnehmen könnte, daran dachte niemand. Und doch ist es heute schon der Fall, wenn wir Szenarien entdecken, in denen nicht mehr wir uns die Welt Untertan machen, sondern unsere künstliche Schöpfung uns die Allmacht über die eigenen Zügel entreißt.

Und trotz aller Verluste, die solche Stereotypen der bisherigen und weiteren Entwicklung der Erde im Glauben an eine atheistische, an eine humanistische Weltgemeinschaft für unsere Ethik und Moral mit sich brachten, trotz allen Wegfalls an Empathie, Zuneigung und sozialer Interaktion, trotz des Untergangs dieser Erklärung, warum der Mensch es trotz einer so kalten Ideologie der Bausteine, wie sie die Evolutionstheorie verkörpert, doch schafft, so etwas wie Mitgefühl, Solidarität und Liebe zu entwickeln, hielten viele Menschen des 21. Jahrhunderts an einem „neuen Atheismus“ fest, wirkte er im wahrsten Sinne „cool“ und trendig, nicht so verstaubt und langweilig wie die Geschichten des alten Mannes auf der Wolke, der in sieben Tagen die Erdkugel und seine Bewohner darauf formte. Dass sich die Vertreter der Ideologie eines solch anrüchigen Humanismus dabei Mittel bedienten, die sprichwörtlich unter die Gürtellinie gingen, war schlussendlich der Auslöser dafür, dass ich mich zurückorientierte zur Kirche, zu einem christlichen Glauben, an denen ich aber weiterhin so viele Frage hatte, dass es noch zu früh war, an einen Wiedereintritt denken zu können.

Und so beobachtete ich inmitten der Organisationen, denen ich noch immer angehörte, wie sie ihre Werbung für den Atheismus betrieben. Und die Strategien waren einfach zu durchschauen: Kritik, Kritik, Kritik. Religionen wurden nicht mit Argumenten angegangen, sondern mit Beschimpfungen. Ihnen wurden keine überzeugenden Gegenworte entgegengebracht, sondern lediglich Beleidigungen. Und das Allerschlimmste: Die Bezichtigungen richteten sich nicht nur auf die unpersönliche Institution von Religionsgemeinschaften, sondern auf den Glauben des Einzelnen, also gegen die Würde des Menschen, was nicht nur für mich unvereinbar war mit jeder Ausübung von Überzeugung, ob Atheismus oder Monotheismus. Mit einem Angriff auf die individuellen Freiheiten des Menschen, sich seines Glaubens gewiss sein zu dürfen, ohne dafür von jenen attackiert zu werden, die meinen, Religionsfreiheit mache nirgendwo Halt, war für mich eine Grenze überschritten, die weit schwerer wiegte als so manche Verletzung, die ich in der Kirche erlebt hatte. Denn was ich glaube, das ist meine Privatsache. Dieses Credo gaben zwar auch die Säkularen aus, sie lebten es aber nicht. Wie so Vieles nicht, was sie angaben.

Denn ihre Missgunst gegen alles, was nur fromm zu riechen schien, war spätestens dort substanzlos geworden, wo es um die Frage ging, was der Atheismus der Sehnsucht des Menschen nach einer emotionalen Geborgenheit bieten könne. Bis heute habe ich darauf keine Antwort gefunden, dagegen Bierdeckel, mit denen Humanisten wie Politiker versuchen, ihre Selbstdefinition in zehn Punkten unterzubringen. Meist geht das am wahren Wert der eigenen Ideologie vorbei, denn im Gegensatz zum neuen Atheismus konnte der Glaube an einen Gott mit Respekt auf das Gegenüber zugehen. Schon allein das umschrieb die eigene Weltanschauung besser als jeder Versuch, Freidenkerei als eine „Alternative“ zur Kirchenzugehörigkeit darzustellen, die sich unter anderem als Überzeugung beschrieb, mit der man „Spaß“ haben könne. Na wunderbar! Wer solch präzise und gehaltvolle Prämissen über sich selbst abgeben kann, dem werden die Mengen (gerade nicht) zuströmen. Und genau so kommt es eben auch: Obwohl immer mehr Menschen die Kirchen verlassen, wachsen die säkularen Vereinigungen nicht an. Und das liegt nicht nur an daran, dass man es satt hat, einer Institution aus Zwang und Dogma anzugehören, sondern auch daran, dass humanistische Organisationen nicht einmal Auskunft bieten können, wenn es um Fragen des alltäglichen Lebens geht, um existenzielle Nöte, um Nächstenliebe, um das Soziale.

Während die Kirche es verschlafen hat, ihre Antworten so zu erklären, dass sie in die Gegenwart und die Umstände passen, in denen der Mensch heute lebt, so fehlt es den atheistischen Überzeugungen bislang an einer Identität, an einer stichhaltigen Auslegung ihrer Grundannahmen, die sich für eine Alltagstauglichkeit eignen. Denn beantwortet das Wissen um den Zufall die Not nach dem Erdbeben, nach der Krebserkrankung, nach dem Unglück besser als jenes um Gott, der wenigstens auffangen kann und dem man seine Anklage entgegenzubringen vermag, der gleichsam dafür sorgt, einen Trost und einen erklärten Ausgleich für all das Übel – das der Atheismus nicht als Chance zu wachsen, sondern als den „Müll der Evolution“ ansieht – in den vielen schönen Dingen hier auf Erden zu finden? Denn auch wenn Vieles an Religion Psychologie sein mag – und selbst wenn es so ist, dass sie unser „Opium“ ist, dann ist sie es allemal wert, im besten Sinne als Strohhalm gewürdigt zu werden, an den wir uns klammern können, an dem wir uns aber auch in die Pracht der Schöpfung abseilen können. Denn abseits aller Kriege, die sie uns bringt – und die von Atheisten nur zu gerne als Argument für ihre Elendigkeit herangezogen werden –, ist sie es auch, die uns wenigstens ernst nimmt in all der Not.

Auch ich habe bis heute viele meiner Fragen nicht beantworten können. Nicht die Frage, wie es denn vernünftig erklärbar sein soll, dass Maria Jungfrau geblieben ist, obwohl sie Jesus gebar. Wie ich mir das vorstellen kann, nach dem Tod, wenn wir in einem Sarg gelegen und unter der Erde verschachert werden – wie es dann möglich sein soll, aufzuerstehen und weiterzuleben. Oftmals liegt es an diesen menschlichen, ja kindlichen Vorstellungen, die einfach keine adäquate Reaktion hervorbringen können. Das müssen sie aber auch nicht. Sie wären ansonsten auch kein Glaube. Die Wahrheit ist nicht Aufgabe des Fühlens, sondern des Denkens. Auch das verwechseln Atheisten ziemlich oft. Heute bin ich wieder in der Kirche – und trage dort meine Hilflosigkeit in den Unklarheiten vor, die mir das Glaubensbekenntnis auch jetzt noch bereitet. Doch lasse ich es zu, ein anderes, ein freieres Verständnis von meinem Christentum in mein Leben zu lassen. Hätte ich dieses Geschenk bereits früher angenommen, wäre es vielleicht auch nicht nötig gewesen, einen Umweg über den Atheismus nehmen zu müssen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Glaube an Gott erfüllender ist als die Lücke, die Freidenker und Humanisten mit sich tragen – auch wenn sie sie nicht zugeben können. Und doch bin ich dankbar für diese Erfahrungen, für das Entsetzen über das Herabwürdigen von Martin Luther, über Skulpturen, die Gott nicht nur lästern, sondern ihn entblößen, über Versuche, mit „Pastafaris“ nicht nur Christen ein verblendendes Gegenüber zu platzieren, über die letztendliche Trägheit des neuen Atheismus, produktiv statt lediglich reaktionär zu sein…

[Dennis Riehle]

Dennis Riehle

Veröffentlicht unter Glaube.

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