Kommentar zur Diskussion um die Feuerbestattung, Tobias Brendel in: „CA – Confessio Augustana“

Wir hören immer wieder von dieser Abwandlung des biblischen Verses: „Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Und wir entnehmen daraus nicht nur die Rechtfertigung, sondern gar eine Bestärkung in unserem Denken, das Verbrennen des Leibes sei die Form des Beerdigens, die wir als Christen guten Gewissens befolgen können.

Die Heilige Schrift kennt unterschiedliche Bezeichnungen für den „Staub“. Nicht jeder ist also zu verstehen, wie wir es mit unserem einzigen Begriff tun. Viel eher zeigt uns ein Blick auf die zentrale Stelle, aus der das oben genannte Sprichwort immer wieder Ableitung findet, wie vielseitig die Bibel in ihrer so bildlichen Darstellung ist: In Prediger 12,7 verweist die Schrift uns auf Kapitel 3,20 des gleichen Buches, wo wir lesen, dass dieser „Staub“ wieder dorthin zurück muss, wo Gott ihn hergeholt hat. Aber eben nicht durch unsere Hand, das macht auch die Bedeutung von דכא an dieser Stelle deutlich. Sie bezieht sich nämlich mit diesem Verb auf Genesis 2,17, wo es der Herr ist, der die Asche aus dem Lehmboden formt und ihm den Odem einhaucht.

Nicht wir sind die Aktiven, sondern Gott selbst lässt uns aus dem Staub des Ackerbodens zum Menschen werden. Mit seiner Hilfe erwachsen wir – und allein mit seinem Zutun kehren wir wieder in diesen Zustand der Asche zurück. Für mich spricht die Schrift eine eindeutige Sprache: Es liegt nicht an uns, der Rückkehr in Gottes Hand durch unser Werk hinein zu pfuschen. Er holt uns zu sich, so wir er uns schuf. Das funktioniert auf ganz natürliche Weise, unser Eingreifen ist dabei nur ein modisches Phänomen, das von Kostendruck, Ängsten und sozialer Isolation wahrhaftig und nicht nur sprichwörtlich „befeuert“ wird.

Statt sich diesen Zwängen zu unterwerfen, brauchen wir mutige und besonnene Stimmen, die eine Lösung der zugrunde liegenden Ursachen mahnen. Hätten wir mehr Vertrauen, würden wir uns nicht vor dem Tod sorgen. Die Schrecken machenden Bilder, die uns mit unserem Ableben von allen Seiten gepriesen werden, sind zweifelsfrei Grund, sich ein schnelles Ende zu wünschen – verbrannt, vergessen, aus dem Sinn. Was für eine traurige Botschaft entnehmen wir solchen Vorstellungen! Wo ist die Zuversicht auf unser Geborgensein? Wenn das Begräbnis zu teuer wird und eine Urne dem Sarg vorgezogen wird, weil das Geld für nicht mehr reicht, müssen wir uns fragen, wie wichtig uns unsere Trauerkultur denn wirklich ist! Das Sterben ist nichts, was man möglichst kostengünstig hinter sich bringen kann. Bewusstsein für diesen Prozess, der ein Leben beschließt, so umfangreich, wie es beginnt, findet auch Ausdruck darin, wie ernst wir unser letztes Geleit nehmen. Bloß weg von dieser Welt – viele von uns möchten davonrennen, obwohl wir wissen, dass wir der Ewigkeit nicht entrinnen können, egal, wie wir sie verstehen. Spuren bleiben, Erinnerungen können nicht gelöscht werden, auch nicht durch das Feuer im Krematorium. Und das Menschenrecht jedes Einzelnen muss es erlauben, dass wir eine Bestattung erhalten, die dem Leben würdig ist. Ob wir am Ende alleine waren – oder viele von uns Abschied nehmen möchten. Wohin geht unsere Gesellschaft, wenn wir aus Einsamkeit die Verbrennung dieses einen Körpers, mit dessen Gabe uns Gott eine Verantwortung übertragen hat, ob in 1. Mose 2,15 oder in Kapitel 3,22, der Rückgabe in seine Hand, in die Erde, bevorzugen? Nicht umsonst schreibt auch Martin Luther in seinem Text „Nun legen wir den Leib ins Grab“ davon. Nein, wir verbrennen ihn nicht, weil wir stattdessen die Hoffnung haben: „… durch Gottes Gab wird, was wir hier verweslich sä’n, einst unverweslich auferstehn“ (EG 520,1).

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

4 Gedanken zu “Feuerbestattung wirklich vertretbar?

  1. Ohne Tod wäre kein Leben denkbar. Dies sei vorausgeschickt.

    Ist die Feuerbestattung wirklich menschlich unwürdig? Ist das langsame Verrotten im Sarg menschenwürdiger als die Feuerbestattung? Ich empfehle vor der Beantwortung dieser Frage sich diesen Vorgang bildlich vorzustellen. Das Ergebnis ist nicht so unterschiedlich. Das eine geschieht schneller als das andere. Ich bin kein Physiker, aber wahrscheinlich geschieht in beiden Fällen so etwa das Gleiche, nämlich eine Verbindung mit Sauerstoff, mit ziemlich ähnlichem Ergebnis. Sehr viele Religionen bzw. Zivilisationen vor und nach unserer Zeitrechnung praktizierten die Feuerbestattung. Im Hinduismus und vielfach auch im Buddhismus ist die Feuerbestattung üblich. Man kann diesen Weltreligionen beim besten Willen keine Menschenverachtung vorwerfen. Wir sollten bei der Bewertung von Bestattungspraktiken als menschenunwürdig äußerst zurückhaltend sein. Es gibt noch heute Kulturen, bei denen sich die Angehörigen verpflichtet fühlen, aus Respekt vor dem Toten, diesen aufzuessen. Jared Diamond hat einmal einen Fall geschildert wo ein Mitarbeiter von ihm allein deshalb gekündigt hat, weil er sich verpflichtet gefühlt hat, beim Aufessen der Leiche eines Verstorbenen, was natürlich länger dauert, mitzuwirken.

    Es ist nicht jeder Brauch, den wir nicht selbst ausüben oder der auf uns persönlich abstoßend wirkt, den wir nicht verstehen können, dem wir verständnislos oder gar mit Abscheu entgegenstehen, menschenunwürdig. Diese Auffassung beruht auf unserer Erziehung, auf unserer beschränkten Wahrnehmung, auf unseren Vorurteilen. Solche Auffassungen führen auch zur Verständnislosigkeit bei der Wahrnehmung anderer Kulturen, anderer Weltauffassungen, anderer Religionen und anderer geschlechtlicher Orientierung.

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  2. Hallo Dennis,

    eine vor kürzlich geschiedenes, entfernteres Familienmitglied hatte im Testament den Wunsch geäußert durch eine Feuerbestattung bestattet zu werden. Soweit ich weiß muss man sich auch den Wunsch der Bestattungsart im Testament erfüllen. Natürlich im Rahmen von legalen Arten. Ich weiß auch nicht was daran nicht vertretbar bzw. verwerflich sein soll, da stimme ich dem Reinhold Drick zu.

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    • Hallo Jens,

      danke für deinen Beitrag!

      „Verwerflich“ kann ich eine Bestattungsart lediglich aus meiner Perspektive finden. Das ist so etwas Persönliches, dass es sich verbieten würde, über eine ganz individuelle Entscheidung zu urteilen. Ich kann nur für mein Weltbild artikulieren, in dem eine Feuerbestattung nicht dem entspricht, was ich als natürlichen Kreislauf des Lebens verstehe. Bei der Geburt greife ich nicht ein, bei der Bestattung sollte ich deshalb auch die Natur arbeiten lassen. Aber wie gesagt: Ich käme nie auf die Idee, das ganz persönliche Eintreten für eine Bestattungsart zu kritisieren, das gebietet die Würde des Einzelnen, die solch eine schwerwiegenden Entscheid vor außenstehenden Ratschlägen schützt.

      Jedenfalls freue ich mich, dass wir darüber debattieren!

      Herzliche Grüße
      Dennis

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  3. Neulich war ein Mensch in unserer Gemeinde plötzlich verschwunden. Herr XY – verstorben teilte mir eine Nachbarin mit. Spurlos verschwunden weiß ich heute. Irgendwo unter einem Stück Gras verscharrt, nicht einmal der Friedhof wird verraten. Sein Leib wurde im Krematorium verbrannt. Anonym bestattet. Kürzlich ist dann ein Gemeindearbeiter verschwunden. Container wurden beladen. Keine Auskunft, nur der Hinweis bei der Gemeinde nachzufragen. Auch da gab es keine Antwort. Staatsgeheimnis? Bei einer der letzten Gemeinderatsversammlungen wurde über Sammelgräber für Urnen berichtet. Da stecken Plastik-Rohre drin, wie aus der Abwasserwirtschaft bekannt und bieten Platz für 3 bis 4 Urnen. Es gibt keine Wahlfreiheit bei Armut. Selbst die Sperrmüllabfuhr rangiert bei Ersparnissen weit vor Bestattungskosten. Aus früheren Gesprächen wußte ich von deren Mitgliedschaft in „Amtskirchen“. Lebenslang. Auch von zahllosen Stunden „ehrenamtlicher Arbeit“ wußte ich. Und nun? Verstorben, verbrannt, verscharrt – heimlich muß ich wohl hinzufügen. Die zunehmende Verarmung in der Gesellschaft wird von den Bestattern beklagt. Für die letzte Ruhe gibt es keine Wahlfreiheit, von der Krankenkasse keinen Zuschuss mehr. So ist auch immer wieder zu hören, dass Eltern den Kindern nicht zur Last fallen wollen, mit den Pflegekosten und danach auch mit den Bestattungskosten. Unabhängig davon dürfte es auch schwer sein ein Bestattungsunternehmen zu finden, wenn man Hartz IV bekommt und den letzten Wunsch der Mutter oder des Vaters nach einer Erdbestattung erfüllen möchte. Herr XY war mit der goldenen Nadel ausgezeichneter Blutspender. Zuletzt hat er sein Armengeld durch ehrenamtliche Tätigkeit „aufgebessert“. Aufwandsentschädigung, möglich bis 2.400 Euro im Jahr. Weil ihm das Fahrgeld fehlte fuhr er mit dem Rad nach Friedrichshafen von Uhldingen. Hätte er den Mindestlohn bekommen, er hätte sich ein fürstliches Begräbnis leisten können. Wer aufmerksam die Berichterstattung verfolgt, findet beinahe jährlich den Hinweis in der Zeitung, dass gerade die Friedhofsgebühren erhöht wurden und da stellt sich mir die Frage, ob bei allem verschwendungssüchtigen Umgang mit Steuergeld durch Land-, Kreis- und Gemeindevertreter nicht vielleicht doch auch mal ein Ehrenamtlich? Für die Gemeinde – nein Danke ausgesprochen werden sollte. Das betrifft natürlich nicht die nachbarschaftlichen oder zwischenmenschlichen Beziehungen.Bei der nächsten Gemeinderatsversammlung werde ich mal nachfragen, wie viele anonyme Bestattungen es gab im vorigen Jahr. 2016 waren es wohl 23. Ein möglicher letzter Wunsch im Testtament nach einer Erdbestattung – ich vermute, der wird nicht erfüllt, nach allem was man so hört.

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