Pressemitteilung

Konstanz. „Eine Flexibilisierung wird das Problem steigender Krankheitstage aufgrund stressbedingter Störungen nicht lösen, im Gegenteil“. Diese Meinung vertritt der Leiter der Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen im Landkreis Konstanz, Dennis Riehle, anlässlich neuester Zahlen über die zunehmende Krankheitslast deutscher Arbeitnehmer in Folge von „BournOut“ und ähnlich gelagerter Störungsbilder.

„Immer wieder haben Umfragen, Studien und Erhebungen belegt, dass wir mit der 40-Stunden-Woche an die Grenzen der Belastbarkeit des Einzelnen gelangen. Dass in manchen Berufen eine deutlich höhere Beanspruchbarkeit erwartet wird, kann kein Argument für eine pauschalisierte Aufweichung der Wochenarbeitszeit sein“, so Riehle, der aus dem täglichen Kontakt mit Betroffenen vor allem um das Thema der „ständigen Erreichbarkeit“ weiß.

„Arbeitnehmer wollen es ihrem Chef oft besonders recht machen, indem sie sich verpflichtet fühlen, auch nach Feierabend noch für ‚Notfälle‘ erreichbar zu sein. Dabei schildern viele der an depressionsähnlichen, neurotischen oder stressbedingten Krankheiten leidenden Menschen, dass dieser Modus wesentlich für die persönliche Überforderung verantwortlich gewesen ist“. Denn wer sich erst einmal innerlich wie äußerlich bereit erklärt habe, Verantwortung auch außerhalb der Arbeitszeit zu übernehmen, fühlt sich ständig abrufbereit und angespannt.

„Eine Flexibilisierung im Arbeitswesen bringt auch dann nichts, wenn sich beide Parteien darüber verständigen“, sagt Riehle. „Denn letztlich haben wir in unserer heutigen Zeit oftmals das Gefühl dafür verloren, wann es genug ist. Unserer Familie, den Kollegen oder Freunden zuliebe arbeiten wir dort ein bisschen länger, hier ein wenig intensiver. Viele Fallgeschichten demonstrieren mir, dass sich diese Flexibilität hochschaukelt. Und was dem Arbeitgeber nur entgegenkommen mag, das schadet dem Arbeitnehmer über einen längeren Zeitraum gesehen massiv“.

Dabei gehe es nicht nur um Pausen oder die Arbeitszeit an sich. „Die prekären Beschäftigungsverhältnisse sind ein enormer Druck für die Betroffenen. Bevor wir darüber sprechen, ob wir aufgrund der Digitalisierung die Arbeitswelt flexibilisieren wollen, sollten wir zuerst dafür Sorge tragen, dass Menschen nicht ständig um ihre Arbeit bangen müssen. Ich kann nicht verstehen, wie manch politische Kraft den befristeten Job als Einstieg ins Arbeitsleben anpreist – und gewisse Unternehmer die Belegschaft gar mit der Zahl geringstmöglicher Fehltage locken, um entfristet zu werden“.

„Wir entwickeln uns zunehmend in die Richtung des Verschwimmens von Mensch und Maschine. In der heute für Viele noch utopisch klingenden Welt aus Computer und Technik, die die Oberhand in unserer Arbeitswelt übernehmen, fällt es offenbar schon Einigen schwer, die Belastbarkeit zu unterscheiden: Im Gegensatz zu Apparaten können Menschen nicht endlos ausgebeutet werden. Irgendwann regt sich die Psyche – und dann streikt die Seele“, meint Riehle.

Wenig erstaunlich sei es deshalb, dass immer mehr Betroffene angeben, der Job mache sie krank. „Als ich mit der Selbsthilfearbeit begann, waren die Ursachen noch zumeist in der familiären, persönlichen Situation des Einzelnen zu suchen. Heute beklagt aber die Mehrheit derjenigen, die sich mit einem BurnOut bei mir melden, den Stress am Arbeitsplatz. Er führt oft zwangsläufig in die psychische Erkrankung – und sie kann lange dauern“, stellt Riehle fest, der darauf hinweist, dass die seelischen Probleme der Arbeitnehmer zu besonders umfangreichen Ausfällen im Job führen. „Dann überwiegen die Nachteile für beide Seiten, es sei denn, der Arbeitgeber findet eine Möglichkeit, sich von seinem kranken Beschäftigten zu trennen. Für das Schicksal des Arbeitnehmers beginnt dann erst die Spirale aus Depression und Verzweiflung, der nur noch mit umfangreicher Therapie und Behandlung begegnet werden kann“.

Die Selbsthilfegruppe ist ein kostenloses und ehrenamtliches Angebot für alle Betroffenen und Angehörigen, die ergänzend zu fachkundiger Betreuung eine Möglichkeit suchen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen: Tel. 07531/955401, Mail: info@zwang-phobie-depression.de.

[Dennis Riehle]

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