Liebes Theater Konstanz,

zum Beginn der neuen Spielzeit haben Sie uns eingeladen, unsere Zweifel über den Glauben mit Ihnen zu teilen. Ja, ist denn da wer? Diese Frage bewegt den Menschen tatsächlich. Und wahrscheinlich viele von uns öfter und intensiver, als wir es wirklich zugeben möchten. Mit einer im religiösen Sinne bewegten Vergangenheit plagte mich das Zaudern über diesen Gott zumindest heftiger, als es mir lieb gewesen wäre. Zunächst tief christlich verwurzelt, den kirchlichen Glauben „vorbildlich“ praktiziert – wie man mir sagte –, kamen die Zweifel nicht nur aufgrund gesundheitlicher Rückschläge immer häufiger auf. Die klassische Theodizée-Frage machte sich breit, nicht danach, warum Leid unter einem allmächtigen Gott überhaupt existiert – sondern warum es so ungerecht verteilt ist. Und gleichsam: Wieso lässt er es zu, dass in „seiner“ Kirche auf Erden so viel Missgunst herrscht, so wenig Liebe, sondern eher Neid und Unredlichkeit?

Über mehrere Jahre im säkularen Spektrum aktiv, als Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“, musste ich gleichsam feststellen: Eine Antwort auf die drängenden Fragen über unsere Existenz, über unsere Herkunft, über das, was uns lenkt, gibt es auch dort nicht. Im Gegenteil: Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man das komplexe Universum auf einen Urknall und eine Evolution zurückführt, in der gefühlt alles nach Zufall läuft? Und tun wir denen nicht unrecht, die wir ob ihres Glaubens an eine höhere Macht verspotten, nur, weil wir selbst nicht in der Lage sind, eine Sehnsucht nach Erklärungen aufzubauen? Berauscht uns Religion tatsächlich und befriedigt auf diese Art unsere täglichen Sorgen und Nöte, ohne uns wissenschaftlich fundiert, dafür aber emotional gelenkt mit dem auseinanderzusetzen, was für Humanist und Christ gleichsam schwer nachzuvollziehen ist? Macht sie uns abhängig von einer Gestalt, die wir vielleicht eigens erschaffen haben? Und ist sie in Wahrheit nur ein trügerischer Strohhalm, der bei den wirklichen Belastungen unseres Lebens spröde abzubrechen vermag?

Heute bin ich wieder zurück in der Kirche, weil ich die Härte, mit der unter vielen Atheisten über Menschen gesprochen wird, die allein darauf vertrauen, dass physikalische Formeln nicht der Anfang, sondern das Ende der Gedankenkette sind, die eben daran glauben, dass die komplizierten Dinge einen Schöpfer brauchen, dass es einen Grund dafür gibt, wie sich unsere Welt und unser Kosmos entwickeln, nicht mehr ertragen konnte. Ja, Religion braucht Kritik, Glaube aber wiederum den Respekt. Denn die Institutionalisierung dessen, wovon wir überzeugt sind, weist schon allein deshalb Fehler auf, weil Gemeinschaften stets durchtrieben sind von Herrschaftsansprüchen und der Lust nach Macht. Doch das, was ich persönlich denke, wovon ich überzeugt bin, das kann mir niemand nehmen. Die Würde des Menschen, die Freiheit der Meinung und des Gewissens, sie sind aus gutem Grunde unantastbar. Und damit auch das, was jeder Einzelne von uns glaubt. Denn diese Individualität muss keinen Argumenten standhalten, sondern lediglich den Anforderungen unseres Alltags.

Doch das, was eine Religion durch ihre Dogmen, durch ihre Lehren daraus macht, das braucht wiederum keinen Schutz, sondern das bedarf reflektierten Nachfragens. Theater ist dieser Spiegel, den wir benötigen, wenn wir eingefahren sind in den Spurrillen des Daseins. Wenn wir nur deshalb beten, weil es die Tradition von uns verlangt. Wenn wir die auswendig gelernten Texte vor dem Kreuz heruntersagen, ohne je verstanden zu haben, was wir da wirklich in den Mund nehmen. Wenn wir zu Untaten schweigen, weil der Mantel des Verhüllens schon immer alles verdeckt hat. Wenn wir Gott nur deshalb anflehen, weil Vater und Mutter uns von seiner Gegenwart erzählt haben. Theater fragt uns, ob wir mündig sind. Es greift die Wahrheiten auf, vor denen wir im Zweifel schamhaft kapitulieren müssen. Denn Theater bringt uns zum Weiterdenken. Unser Horizont erweitert sich dorthin, wohin wir uns nie vorzudringen gewagt hatten. Auch deshalb, weil uns Theater nicht allein lässt mit den Entdeckungen, die beim Grübeln offenbar werden. Theater nimmt uns mit, gibt uns den Freiraum, eigene Visionen zu entwickeln, ohne uns aber zurückzulassen in dem Neuen, sondern uns gemeinsam auf Utopien vorzutasten, mit denen wir Gesellschaft von morgen gestalten können.

Wenn ich zurückkomme auf das, was mich aus der Kirche getrieben hat – abseits der zwischenmenschlichen Enttäuschungen –, dann bin ich nicht ohne Grund wieder eingetreten. Denn sobald wir uns fragen, warum Gott all das Übel über uns ergehen lässt, dann müssen wir auch eingestehen: Stehen wir doch dazu, dass auch wir maßgeblich mitschuldig sind am Zustand unserer Welt! Dass Menschen blutüberströmt in den Straßen liegen, weil sie von einem Attentäter mit einem Geländewagen niedergefahren wurden. Dass Häuser unter Geröll versinken, weil wir die Wälder abgeholzt und Siedlungen dort gebaut haben, wo sich eigentlich die Natur breit gemacht hatte. Dass Tiere in den Meeren sterben, weil wir in unfassbaren Mengen Plastik produzieren und damit das Leben unter Wasser bedrohlich werden lassen für die, für die es eigentlich gedacht war. Wenn wir uns die Welt heute untertan machen, dann übertreiben wir in der üblichen menschlichen Hybris – das Schlimme ist nur, dass wir es heute nicht einmal mehr merken, wie unfair wir dabei eigentlich Gott und den Opfern gegenüber vorgehen.

Wann beginnen wir, selbst Verantwortung zu übernehmen? Wir wissen, was gut und böse ist, heißt es bereits in Genesis. Doch nur Jesus war bislang einer derjenigen, der aufrichtig vor den Anderen stand, der ehrlich gewesen ist bei der Frage, ob er der König der Juden sei. Und der, der wusste, dass niemand den ersten Stein werfen würde, wenn es um die Frage der Unbeflecktheit geht. Der für die Wahrheit Geißelung hinnahm, die schlimmer war als ein Sitzenbleiben in der Schule, der Verlust unseres Arbeitsplatzes oder auch die Grippe, die uns ans Bettelt fesselt – für die wir allesamt aber ihn zur Rechenschaft ziehen wollen in unserer begrenzten Vernunft darüber, dass wir selbst die größten Schulden mit uns tragen. Beschämt stehen wir da im Paradies. Gott soll es wieder richten, dass wir nicht darauf gehört haben, was er uns gesagt hat. Wie die Kleinsten, denen man mit Mühe einige Regeln beibringt, und die sie doch aus reiner Hablust heraus erneut brechen. Und dann sind wir feige, geben unser Tun nicht einmal zu, lügen lieber – und reiten uns damit noch mehr ins Unglück hinein. Den Jüngsten mag man es verzeihen. Doch kaum bedeckt vor lauter Peinlichkeit sind es Adam und Eva, die für unsere Gewissenlosigkeit stehen und deutlich machen, dass wir als Erwachsene nicht besser sind – im Gegenteil.

Wir empfinden Leid und Herausforderung, Nöte und Qual als das Böse. Doch will Gott uns wirklich schaden, wenn er uns einem schweren Krebsleiden aussetzt, wenn er uns in die Arbeitslosigkeit rutschen lässt oder uns vor die Scheidung von unserem Partner stellt? Nein, er möchte, dass wir wachsen. Und das kann nur funktionieren, wenn wir in Freiheit leben dürfen. In der Freiheit, selbst zu wissen, was Gott mit uns vor hat. Er ist immer wieder eine Zumutung und eine Verwunderung gleichermaßen – und doch fühlen wir, wenn wir ernstlich darüber nachdenken, ob er nun strafen will oder einfach nur helfen möchte, dass wir aus uns heraus die Kraft nehmen können, Schwierigkeiten unseres Lebens selbst zu bewältigen. Um aus der Krise gestärkt hinaus zu gehen, braucht es zuerst die Erfahrung, unten angekommen zu sein. Wäre es tatsächlich besser, wenn alles auf der Welt nur gut wäre? Nein, niemand kann verstehen, warum das Böse derart zuschlägt, wie wir es gerade momentan wieder erleben. Und doch kann sich die Parabel über Gottes Liebe nur erschließen, wenn wir nicht allein das Übel ersehen. Als Christen glauben wir an die Auferstehung, nicht an den Tod. Zweifelsohne fällt es uns schwer, den Lichtblick zu erkennen, falls ein Elternteil gestorben ist, wenn wir nicht wissen, wie wir die nächste Rechnung zahlen sollen oder wenn die Untersuchungsergebnisse so lange auf sich warten lassen. Wenn uns aber jemand in den Arm nimmt, uns begleitet und im Zweifel die Freude und Erleichterung mit uns teilt, dann können wir ansatzweise empfinden, weshalb es Leiden brauchte.

Wenn wir begreifen, dass Gott uns auf diese Erde gestellt hat, damit wir sie uns nicht nur zu eigen machen, sondern vor allem, um als seine Kinder erwachsen zu werden und die Reife zu erlangen, das Leid auch als Chance zu sehen, Heilung erfahren zu dürfen und zu können, indem wir wach und gleichsam aufmerksam die Augen nach seiner Gnade offenhalten, dann werden wir ihm Vertrauen geben, ohne ihn kontrollieren zu müssen. Denn unsere Erwartungen sind unnötig, weil Gott uns viel mehr zutraut, als wir es selbst tun. Er muss nicht um uns schwirren, damit wir den Alltag meistern. Das Wissen um seine Gegenwart, immer dann, wenn wir sie tatsächlich brauchen, nämlich dann, wenn wir sie gerade nicht einfordern, ist in unserem Hinterkopf. Sie gibt uns Sicherheit in dieser Freiheit, uns als eigenständige Wesen entwickeln zu können. Wir werden die Zuwendung Gottes dann erfahren, wenn sie vollkommen überrascht. Wenn wir nicht mit ihr rechnen, weil sie oftmals so klein und für uns so selbstverständlich ist. Er lädt uns ein zu einer Achtsamkeit, sein Antlitz funkelt oft symbolisch durch das Tägliche. Geben wir dem Guten die Möglichkeit, in unserer Welt der scheinbaren Verdammnis neue Hoffnung zu spenden.

Das traue ich auch dem Theater Konstanz zu – und wünsche uns eine spannende Spielzeit 2017/2018!

Ihr

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar hinterlassen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

benötigt