Zwischenruf
„Von der Freiheit eines Christenmenschen“, sich Gott wieder neu zuzuwenden…

Ein Morgen im Dezember 2012. Nach monatelangem, jahrelangem Ringen hatte ich mich entschieden. Nein, mir fiel das nicht leicht. Im Gegenteil, es war eine der schwierigsten Entscheidungen meines bisherigen Lebens. Denn die Kirche war mir nicht egal. Über Jahre war sie wie eine Art „Zuhause“. Da musizierte ich, da gestaltete ich Jugendarbeit, da bereitete ich Gottesdienste vor und half überall dort, wo es nötig war, um das Leben „meiner“ Gemeinde zu bereichern. Und nicht zuletzt war es auch der langgehegte Traum, Theologie zu studieren, Pfarrer zu werden, der mich neben meinem schon seit Kindertagen so prägenden Gottesglauben an die Kirche band, nicht unkritisch, aber stets mit großem Wohlwollen. Doch wir hatten uns auseinander gelebt. Da gab es zwischenmenschliche Enttäuschungen, alltägliche, aber gleichsam verletzende Reibereien. Und eben auch dieses Gefühl, dass die christliche Botschaft mich nicht mehr tragen würde in Augenblicken, in denen ich so intensiv auf sich zu vertrauen versuchte.

Nein, wenn ich einmal aus der Kirche austreten sollte, dann musste das einen triftigen Grund haben. Nicht die Kirchensteuer, wie heute leider so oft. Entscheidend waren Begegnungen, emotionale Irritation bei Themen zu seelischer Gesundheit oder sexueller Orientierung – und wesentlich: dass ich das Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen konnte. Ein Verein, dessen Satzung ich nicht mehr teile, kann ich dort noch dazugehören? Zunächst dachte ich, nachdem ich die Bescheinigung über meinen Austritt vor dem Standesamt in meinen Händen hielt, es könnte doch überhastet gewesen sein. Denn immerhin ging es ganz schnell. Wenige Minuten als Bruch für eine lange Verbundenheit. Letztlich folgte eine fünfjährige Abstinenz. Und diese Zeit war wichtig. Denn sie war eine Zäsur, in der ich Raum hatte, völlig andere Perspektiven kennenzulernen, die mich erschreckt, aber gleichsam herausgefordert haben, meine Sichtweisen und Emotionen zu reflektieren, nach Heimat zu suchen. Unter Atheisten, als Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“, lernte ich deren Absolutheitsanspruch kennen, eine Abgrenzung zu jeder Form von Kirche und Religion, ein evolutionäres Denken in seiner Radikalität – und auch das Lächerlichmachen des Glaubens eines Einzelnen. Eine unerträgliche Erfahrung, denn die Integrität des Gewissens, sie ist unantastbar – und sie wird nur dort gewahrt, wo Toleranz gelebt wird. Und das hatte ich in der Kirche kennenlernen dürfen, mit Abstrichen, aber das ist menschlich. Und diese Erkenntnis, sie offenbarte mir, mich in einer Zeit des Innehaltens nochmals zu positionieren. In ihr erlebte ich, wie wichtig es ist, seinen Glauben manches Mal auf den Kopf zu stellen. Nein, ich ermutige niemanden, aus der Kirche auszutreten, um diese Erfahrung zu machen. Für mich persönlich war dieser Abstand aber im Nachhinein wichtig, um einerseits die eigenen Überzeugungen zu prüfen, um andererseits aber auch die Verwundungen zu verarbeiten. Um Frieden für sich zu schaffen und mit einem Neuanfang zu starten, dafür sind Vergebung, aber auch Buße nötig. „Seid voller Güte und Freundlichkeit gegeneinander, vergebt euch gegenseitig, wie ja Gott in Christus auch euch vergeben hat“ (Epheser 4:32).

Und wie war es mit dem Glauben? Nicht nur mich treibt die „Theodizée“-Frage um, die Frage des „Warums“. Sie ist wohl die bedeutendste, wenn es darum geht, an seinen Überzeugungen nicht zu verzweifeln. Wieso gibt es Leid? Weil es uns stärker macht. Diese Erkenntnis war für mich prägend, sie beantwortete aber nicht, warum all das so ungerecht verteilt ist. Prangern wir Gott dafür an, dann sind wir ob seiner Allmacht überzeugt. Dann hängen wir einem Theismus an, der Gott bevormundet. Unser oftmals so hilfreiches kindliches Vertrauen in Gott, dass er uns auf jeglichem Schritt begleiten möge und vor allem all das wahr macht, was wir uns von ihm erhoffen, das verträgt sich nicht mit einem Bild, das die Bibel schon ganz weit vorne von uns Menschen zeichnet. Wir selbst sind in der Lage, zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden (1. Mose 3:22). Wir sind geschaffen als solche Wesen, die Verantwortung übernehmen können. Und die für ihr Handeln auch selbige tragen müssen. Das heißt nicht, dass Gott uns alleine lassen würde. Doch er offenbart sich eben nicht dort, wo wir es uns gerade wünschen. Nicht, weil er uns ärgern möchte, sondern weil er uns liebt. Denn mündige Menschen zu schaffen, davon bin ich heute mehr denn je überzeugt, war sein Ziel. Er ist immer bei uns, doch sind es die besten Eltern, die ihre Kindern nie aus den Augen lassen? Ich bin sensibler geworden für das, was Gott uns schenkt. Nicht den Prüfungsabschluss, auf den wir nicht gelernt haben. Auch nicht den teuren Diamanten, den wir uns doch eigentlich sehnlich verdient haben. Und eben auch nicht die Bewahrung vor Krankheit, Arbeitslosigkeit, Gewalt. Viel eher den Freund, den er uns an die Seite stellt, um wieder auf die Beine zu kommen. Die Genesungskarte, die uns ein Kollege schreibt, wenn wir daniederliegen, die rettende Hand inmitten der Trümmer, die Pfütze in der kargen Wüste oder ein Sonnenstrahl im Trübsal einer Depression.

Es sind die kleinen und so unscheinbaren Momente: Ich saß zwischen mehreren operierten Mitpatienten, die Sitzbänke um einen Teich gereiht. Allsamt mit hängenden Köpfen und großer Traurigkeit ob der persönlichen Situation. Auf dem Wasser schwamm plötzlich eine Entenfamilie, stieg gemächlich empor und schritt mit den Kindern einen Hadernden nach dem nächsten ab. Es war kein großes Zeichen, manch ein Beobachter würde mich auch für töricht erklären, darin eine Handreichung Gottes zu sehen. Doch als sich plötzlich ein Lächeln über die gelegt hatte, die noch zuvor in Mühsal versanken, da wurde mir ein Stück weit klarer, dass ich mir ein neues Gottesbild entwickelt hatte, „denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ (2. Korinther 5:7). Und vielleicht braucht es dazu auch etwas mehr Weitsicht mit uns. Allzu arg setzte ich mich doch unter Druck, als ich zweifelte an der leiblichen Auferstehung, an der Jungfräulichkeit Marias oder der Passionsgeschichte. Dazu sind wir Protestanten, um auch zuzulassen, dass wir mit einer Unglaubwürdigkeit davorstehen. Und nein, Evangelischsein heißt nicht, den Glauben einer liberalen Exegese zu opfern, sich Überzeugungen so lange zurecht rücken zu wollen, bis sie passen. Aber es bedeutet, Pluralismus in den Deutungen biblischer Geschichten und kirchlicher Lehren zuzulassen.

Ein Wiedereintritt wäre nicht möglich gewesen ohne die Sehnsucht nach der Kirche. Einen Kurs als Laienprediger hatte ich absolviert, gleichsam in der Seelsorge. Und die Leidenschaft, mit Menschen zu debattieren und gleichzeitig Not und Dank, Bitte und Hoffnung auszudrücken und das Gefühl eines gemeinsamen Bekenntnisses zu teilen, das zieht zurück in das Miteinander. Das Provozieren mit der Frage, ob die Religion nun wirklich nur „Opium des“ oder „für das Volk“ ist – oder eben doch die Liebe zu einem „Mehr“. Mehr als Atome und Moleküle, mehr als Zufälle und Schicksale. Und ein Gefühl von Geborgenheit und Erfüllung, von Rückhalt und Zuversicht. Solche theologischen Komplexe diskutiert man am besten dort, wo auch Andere daran interessiert sind. Das Erleben von Gottes Gegenwart, es gelingt am ehesten in der Gemeinschaft. Ganz unaufgeregt, sondern im Blick auf Prediger 4,6: „Eine Hand voll Gelassenheit ist besser als zwei Hände voll Mühe und Jagd nach Wind“. Und was gebe ich der Kirche aus meinen Erfahrungen mit: Etwas mehr Respekt vor der Integrität des Einzelnen mit seinen Facetten, mit seinen Defiziten und mit seinen Eigenarten, die frühzeitige Bereitschaft zum Dialog bei Glaubenskrisen und Wunden in unserem gegenseitigen, besonders aber im zwischenmenschlichen Vertrauen, Feinfühligkeit für die Lebenssituation des Einzelnen und die Offenheit, bei Zweifeln und den Unsicherheiten, die sich im Christsein wie in jeder anderen Religion im Alltag stellen werden, den vieldeutigen Blick auf Bibel und Überzeugungen der klerikalen Lehre zu würdigen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Ein Gedanke zu “Gedanken über meinen Wiedereintritt in die Kirche

  1. (NHC II,3,21) Diejenigen, die sagen: „Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden“, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.

    Ein Cargo-Kult ist durch viele Verwechslungen und naive Fehlinterpretationen gekennzeichnet. Die originale Heilige Schrift des Urchristentums (Gnosis = Kenntnis) stellt richtig, dass die reale Auferstehung ein Erkenntnisprozess zur Überwindung des geistigen Todes und sicher nicht ein Herausklettern aus dem Grab zur hypothetischen Überwindung des biologischen Todes ist. Der geistige Tod ist in diesem Fall die Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe, die darin besteht, die im Folgenden aufgeführten Metaphern auf der linken Seite mit allem anderen (vermeintlicher „Unsinn“ mit eingeschlossen) in Verbindung zu bringen, als ihren jeweils richtigen Bedeutungen auf der rechten Seite:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/06/innerhalb-und-ausserhalb-von-cargo.html

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