Kommentar
Viele Verlierer

Eine traumhafte Einschaltquote, einige anerkennende Schlagzeilen und Lob für den Mut des „Ersten“ – so wird das TV-Event gefeiert, das die ARD in Kooperation mit dem Schweizer und Österreichischen Fernsehen am 17. Oktober 2016 zur besten Sendezeit ausstrahlte. Ein Ereignis, bei dem die Zuschauer aufgefordert waren, über weitaus mehr abzustimmen als beim klassischen „Telefon-Voting“, bei dem man ansonsten eher Küchengeräte und Autos gewinnen kann. Dieses Mal war es der Erkenntnisgewinn, den man versprach – und der in unterschiedlichster Form auch eintrat. „Terror – Ihr Urteil“ war aber keinesfalls das Highlight, auf das man gespannt sein durfte. Vielleicht sogar eher ein Tiefpunkt in der Fernsehlandschaft, aus dem man die Einsicht ziehen sollte: Nicht noch einmal!

Gespannt wartete auch ich auf den Zeitpunkt, als es zum Moment kam, als der Vorsitzende Richter die Verantwortung in die Hände des Zuschauers gab. Als Schöffe sollte man sich nun beteiligen, das Urteil über den angeklagten Piloten zu sprechen, der knapp eineinhalb Stunden in einem Gerichtsprozess dargestellt wurde: Szenisch zwar einseitig, inhaltlich aber oftmals rechtsphilosophisch beanspruchend, wurde der Bürger am Bildschirm mit allerlei theoretischen Konstrukten vertraut gemacht, die eigentlich so etwas Praktisches in sich trugen – das menschliche Leben. Wie sollte man sich einem Vorfall auch nähern, der wörtlich gesehen „aus der Luft gegriffen“ wurde, die gekaperte und gut besetzte „Luthansa“-Maschine, die auf die gefüllte Münchner „Allianz-Arena“ zurast – und letztlich durch die „Courage“ eines Bundeswehrangehörigen in der Luft zerreißt.

Wie sollte man also entscheiden, bei einem Fallbeispiel, das doch viel Abstraktionsvermögen abverlangte und trotz des Versuchs, realistisch dargestellt worden zu sein, an die Grenzen dessen kam, was sich der Fernsehabendzuseher ausmalen konnte. Über achtzig Minuten versuchten wenige Zeugen, die beiden Positionen darzulegen – vom Vorgesetzten des Tornado-Fliegers bis zur Angehörigen, die in der Airline ihren Ehemann verlor. Schauspielerisch sicher eine gute Leistung – und doch blieb alles unwirklich. Und man kann sich vielleicht jetzt besser vorstellen, warum es gegen Pläne so großen Widerstand gibt, spektakuläre Gerichtsverfahren künftig im Fernsehen übertragen zu wollen. Denn der Zuschauer bleibt nicht nur Beobachter, so war es gewollt. Eine Stimmung entwickelte sich, nicht nur im TV, sondern wohl auch an den Geräten zuhause.

Und dann war es so weit: Nach den Plädoyers der Aufruf, im Internet oder über Telefon für „Schuldig“ oder „Nicht schuldig“ zu entscheiden. Was dagegen wohl nicht nur ich erlebte: Dauerndes Besetztzeichen, eine tote Leitung – und beim Ausweichen auf das Netz eine beständige Fehlermeldung, wonach die „Voting-Seite“ momentan nicht aufzurufen wäre. Trotz massiver Probleme beim Abstimmungsprozess vermeldete Frank Plasberg in seiner anschließenden Diskussionsrunde den überwältigenden Freispruch. Weit über 80 Prozent hatten sich für den Piloten eingesetzt. Merkwürdig, dass Österreich bis auf die Kommastelle genau denselben Wert veröffentlichte. Die ersten Mutmaßungen konnten sich auftun: War hier ein bestimmtes Ergebnis gewollt?

Die Frage am nächsten Morgen fiel ganz anders aus, als sich das die Fernsehmacher gewünscht hätten: Deutschland diskutiert nicht darüber, was Kampfpilot Koch hätte machen dürfen. Sondern die Republik schüttelt den Kopf über eine offenbar unfähige Redaktion, die trotz wochenlangen Vorlaufs, großspuriger Ankündigungen dieses Fernsehereignisses und dem Bewusstsein, dass mit einem großen Ansturm an Abstimmenden zu rechnen sein dürfte, nicht in der Lage war, einen reibungslosen Ablauf des Votings gewährleisten zu können. In Zeiten, in denen die Medien sich ihrer digitalen Fähigkeiten rühmen, war solch eine Blamage nicht nur peinlich, sondern möglicherweise auch verheerend in der inhaltlichen Aussagekraft dieses Versuchs.

Und noch viel schlimmer: Auch am kommenden Tag prahlt die „tagesschau“ auf ihrer Webseite noch immer mit einem Ergebnis, bei dem man mittlerweile ganz erhebliche Zweifel an seinem Zustandekommen haben muss. Zwar war auch in den Theateraufführungen des Stücks in der Vergangenheit die Zahl derjenigen, die den Hauptakteur als Schuldigen verurteilt sehen wollten, in der Minderheit. Doch ob diese Eindeutigkeit tatsächlich der Wahrheit entspricht, muss nun zumindest beim Fernsehevent hinterfragt werden. Die Kritiker, die es im Vorfeld bereits zur Genüge gab, erhalten nun unverhofft neue Argumente, warum die ARD mit diesem Sendungsformat einen Reinfall erlebt.

Denn das Experiment brachte auch darüber hinaus große Sprengkraft mit sich. Die Initiatoren der Klage über das Luftsicherheitsgesetz, die 2006 vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt wurde und mit dem Urteil endete, Deutschland dürfe im Falle einer entführten Maschine, die eine viel größere Anzahl an Menschen bedroht als die der Passagiere, nicht abschießen, äußerten bereits vor Ausstrahlung des Films ihre Zweifel, ob es sinnvoll sein könne, das Thema jetzt nochmals aufzugreifen – und einen Gerichtsentscheid der Hüter über das Grundgesetz durch das Fernsehvolk bewerten zu lassen. Nicht umsonst gab es scharfe Worte, bei solch einer Konstruktion entscheide letztlich das Gewissen, die Moral – aber eben nicht der objektive Richter, der sich von den Emotionen eines Florian David Fitz unbeeindruckt zeigt.

Tatsächlich konnte, so machte es auch die Theologin Bahr in der anschließenden Runde „Hart aber fair“ deutlich, nicht erwartet werden, auf diesem Wege zu einem rechtlich argumentativen Urteil zu kommen. Die Dimensionen im Abwägen von einigen Dutzenden gegen einige Zehntauende Leben waren für den Normalsterblichen, der sich nicht auf ein Jurastudium oder die Lektüre von Kants und seiner Kollegen Werke berufen konnte, nur schwer zu greifen. Dass hier ein quantitatives Entscheiden –des Plädierens für ein „kleineres Übel“, wie es der Verteidiger sagte – Vorrang haben würde, war eigentlich schon im Vorfeld klar geworden. Da würde der Grundsatz der Verfassungsrichter, dass kein Leben gegen ein anderes aufgewogen werden könne, nicht zählen – und so kam es auch.

War der Versuch, auf diesem Wege ein Stimmungsbild einzuholen, fahrlässig? War es vielleicht ein Abend, an dem Polemik und Populismus gefördert wurden? Ja, der Begriff der „Volksjustiz“ fiel – und tatsächlich erinnerte ich mich einige Momente an den „Wutbürger“. Nicht, dass es hier Parallelen gäbe. Aber da war nun Gelegenheit, vom Sessel aus seine Emotionen zum Ausdruck zu bringen, ganz bequem, ohne sich auf Montagsdemonstrationen die Kälte antun zu müssen. Nein, ich unterstelle der Fernsehrepublik nicht, dass sie sich keine ernsthaften Gedanken gemacht hat. Im Gegenteil: Wahrscheinlich sind wir zu sehr von unseren Denkmustern geleitet, so klang es auch im Prozess an. Es ist nicht Alltag, was dort verhandelt wurde, kein Nachbarschaftsstreit, bei dem wir uns unsere Meinung einfacher bilden könnten. Selbst die Richter waren in der Bredouille bei einer Fragestellung, die im Augenblick vollkommen fiktiv wirkt.

Sind solche Vorhaben wie ein „Tele-Voting“ über „Schuld“ somit nicht immer zum Scheitern verurteilt? Natürlich wissen wir nun, wie Deutschland abgestimmt hat – oder eben auch nicht. Doch darf uns das in einem Rechtsstaat überhaupt interessieren? Wie die Volksseele kocht? In einer Demokratie ist es wichtig, wenn wir erfahren, welche Parteien am nächsten Sonntag bei der Bundestagswahl gewinnen würden. Doch ist die Gewaltenteilung nicht auch deshalb so wichtig, damit der einfache Bürger sich in dieses sensible Gebiet der Justiz gerade nicht einmischt? Bei Urteilen über Freispruch oder eine lebenslange Haft geht es nicht um ein Spiel, bei dem einige Tasten gedrückt werden und das Resultat aus der Maschine hüpft. Da geht es um das Schicksal von Einzelnen.

Selbst wenn es alles eine Show war, so halte ich sie für schwierig. Wenn wir uns nicht einmal darauf verlassen können, dass die verkündeten Zahlen auch wirklich echt sind, wurde dieses Experiment zu einem grenzwertigen Event, mit dem – wie es ein Talkgast sich wünschte – die Politik aufgefordert werden soll, das Thema des Handelns im Katastrophenfall neuerlich anzugehen. Und man kann nur hoffen, dass sie sich dabei nicht von den nahezu lobbyistisch anmutenden Werten dieser Fernsehabstimmung beeindrucken lässt. Denn darin liegt die größte Gefahr: Volkes Wille macht sich auf banalem Wege viel Luft – da half der Versuch des Reflektierens durch die anschließende Debatte nicht. Die fast schon DDR-Verhältnisse erreichende Mehrheit derjenigen, die Koch als unschuldig sah, erkannte sich in ihrer Perspektive bestärkt, dass der Abschuss eines Flugzeuges gerechtfertigt ist, wenn er Tausende rettet.

Nicht nur die Frage, wo denn die Grenze liegt, an der solch eine Rechnung „aufgeht“, blieb unbeantwortet. Auch das Denkmuster des Piloten fand seine Schwellen dort, wo es um sein Verhalten geht, wenn Frau und Kinder an Bord gewesen wären. Ohnehin blieben viele Ungereimtheiten, die in solch einem inszenierten Prozess niemals ausreichend beantwortet werden könnten – und er deshalb schon nicht repräsentativ sein darf. Dass ein Pilot eigenmächtig handelt, dass ein Flugzeug eher abgeschossen statt ein bedrohtes Stadion geräumt wird und dass ein Angehöriger des Militär seinen Eid auf umständliche Art zu interpretieren versucht – für mich sprach all dies im Zweifel gegen den Angeklagten. Meine Stimme wurde ich allerdings nicht los – wer weiß, wie viele Andere ebenso nicht. Und so bleiben an diesem Abend viele Verlierer zurück – die ARD und ihre Technik, der Rechtsstaat mit seiner Objektivität und ein Fernsehpublikum, das ausgenutzt wurde, auf unredliche Weise Richter zu spielen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Ein Gedanke zu “Gedanken zum Fernsehprojekt der ARD „Terror – Ihr Urteil“ (17.10.2016)

  1. Für Fernsehen fehlt mir fast immer die Zeit, desgleichen für die zahlreichen Talkschows, bei denen ich fast immer schon die Sätze der Beteiligten im Voraus formulieren kann. Das Fernsehen ist zwangsläufig auf Grund der kurzen Zeit, die zur Verfügung steht, oberflächlich. Deshalb habe ich nur ein paar Kommentare wie der Vorliegende gelesen.

    Aber im Prinzip finde ich es gut, dass ein Problem wie das Vorliegende, das wirklich nicht eindeutig zu lösen ist, problematisiert wird. Das typisch Menschliche wird hier angesprochen. Es wird auf einen relativ einfachen Sachverhalt eingegrenzt, der in der Praxis wohl kaum jemals relevant wird. Steht im Zweifel ein Abfangjäger rechtzeitig bereit und weiß der Pilot bzw. der verantwortliche Befehlshaber wirklich mit hinreichender Sicherheit, was im Flugzeug vorgeht und was die möglicherweise darin befindlichen Terroristen wirklich beabsichtigen?

    Aber tatsächlich kommen ähnliche Situationen nicht selten vor.

    Wird Deutschland von einer ausländischen Macht angegriffen, kann sich jeder Soldat auf Notwehr oder Notstand berufen und feindliche Soldaten töten. Welche Kollateralschäden dürfen dabei aber in Kauf genommen werden?

    Jetzt nehmen wir einen Auslandseinsatz der Bundeswehr wie er gar nicht mehr so selten vorkommt. Nehmen wir das Beispiel Afghanistan. Da kann sich kein Soldat auf Notwehr oder Notstand berufen. Er kann allenfalls argumentieren wie in unserem Flugzeugfall und andere töten mit dem Argument, dass er damit Leben oder Mädchenschulen rettet. Nehmen wir den Fall Kundus, als der verantwortliche Kommandeur, der zur Belohnung zwischenzeitlich zum General befördert wurde, durch Täuschung eine verbündete Streitmacht gezielt zur Tötung zahlreicher Menschen überredet und die vorgeschlagene Warnung der Piloten abgelehnt hat. Er wollte möglichst viele Tote.

    Ich sehe da tatsächlich nicht nur ein fiktives Drama, sondern ein viel schrecklicheres tatsächliches Geschehen. Wahrscheinlich dürften auch in diesem Fall die meisten Zuschauer den Obristen, jetzt General, Klein wohl freigesprochen haben, was in der Realität auch tatsächlich geschehen ist.

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