Kommentar

Donald Trump hat um Gottes Beistand für die Opfer und die Hinterbliebenen des Massakers in Las Vegas gebeten. Er hoffe auf Gnade für die Verstorbenen, aber auch darauf, dass die Gebete für die Angehörigen erhört würden. So oder so ähnlich äußerte sich der Präsident der USA bereits in der Vergangenheit, doch selten hatte man eine derartige „Predigt“ als direkte Ansprache an das amerikanische Volk von ihm gehört. Ja, man weiß um die enge Verbindung Trumps gerade mit dem evangelikalen Spektrum der Christen, unter denen sich viele Konservative, auch Rechtspopulisten befinden, denen es um weit mehr geht als um das Dasein Gottes in schweren Zeiten. Für sie tragen Schwule an Katastrophen wie den Hurrikans der vergangenen Wochen Schuld und sind Abtreibungsbefürworter verantwortlich für Erdbeben oder ähnliche Unglücke, die man irgendwie auf den Hass Gottes über die Unmoral der Menschen zurückführen könnte.

Doch was hat es tatsächlich auf sich, wenn Trump in so schweren Zeiten nach einer menschgemachten Tragödie ungeahnten Ausmaßes mit Gottes Zuwendung argumentiert? Ist es Balsam auf die Seele derer, die danach lechzen, im Präsidenten eine gottesgleiche Figur der Erlösung erkennen zu wollen? Sind es leere Worthülsen, die zwar pathetisch klingen mögen, die Dramatik der Lage aber nicht erfassen und statt Trost zu geben noch mehr Gräben aufreißen? Oder geht es nicht einfach um die laxen Waffengesetze, die man nun in Frage stellen sollte? Und nicht zuletzt: Warum muss denn überhaupt ein Gott dafür einstehen, wenn ein offenbar recht isolierter älterer Mann mit tiefster Präzision ein Blutbad vorbereitet, aus Verbitterung, aus Wut, aus Verzweiflung über Schulden, über die Gesellschaft, über den Luxus, das durch nichts zu rechtfertigen ist, für das der Schütze allein die Last trägt, die er nun über hunderte Menschen gebracht hat, die trauern, die ihre Wunden auskurieren und die sich nicht mehr auf die Straße wagen, weil sie das Vertrauen in die Öffentlichkeit verloren haben?

„Unfriede herrscht auf der Erde“, so dichtete 1977 Zofia Jasnota und verwies darauf, dass wir es sind, die viel von dem Leid, das wir ertragen müssen, selbst verschuldet haben. Warum lässt Gott das zu, fragen sich Gläubige in aller Welt, wenn sie sprachlos vor den Bildern sitzen, die aus Nevada kommen und fassungslos zurücklassen, weil niemand begreifen kann, wie eine einzelne Person derartige Grenzen zu überschreiten vermag, keinerlei Skrupel mehr zu empfinden scheint – und wir, wir rufen nach Gott, denn nahezu beschämt werden wir ganz klein nach solchen Nachrichten, spüren wir doch auch, dass es eben nicht die höhere Macht ist, die in diesem Moment herangezogen werden und auf die man seine Verärgerung abladen kann. „In jedem Menschen selbst herrschen Unrast und Unruh‘ ohne Ende“, heißt es in Strophe 2 des Kirchenliedes, die etwas Wahres in sich trägt. Nein, nicht, dass jeder von uns zum Massenmörder würde, doch dass wir als intelligente Lebewesen zu Handlungen in der Lage sind, ganz generell, die uns im Nachhinein erschüttert über unsere eigene Spezies sein lässt, das ist keine wirkliche Neuigkeit.

Jasnota hofft auf den Frieden Gottes, „nicht so, wie ihn die Welt euch gibt“, so lautet es im Kehrvers. Die Zuversicht darauf, dass Gott solche Taten zwar nicht verhindert, aber zumindest beisteht, wenn es darum geht, nun zusammen zu halten und zu erkennen, dass wir selbst in den Augenblicken größter Not nicht alleine sind, sondern dass wir Blut spenden, einen Verwundeten in unserem Auto ins Krankenhaus fahren, eine Kerze anzünden, innehalten und uns an den Händen nehmen, um zu verarbeiten, was einer von uns da angerichtet hat, diese Hoffnung ist begründet. Denn sie fußt auf der Vision, dass wir mündige Wesen sind, die ein Gott nicht länger vor den eigenen Fehltritten schützen muss. Glaubten wir einem strengen Theismus, dann müssten wir wahrlich fragen, ob Gottes Allmacht denn nicht groß genug ist, um Vorkommnisse wie das in Las Vegas zu verhindern. Die Vorstellung, dass Gott unsere Hirne lenkt und uns von Ideen abbringt, die beim Attentäter aus den USA nun offenbar bis zur Gänze gereift und dann in die Realität umgesetzt wurden, das ist gleichsam eine merkwürdige Ansicht über die Größe eines Schöpfers, der seine Ebenbilder ja eigentlich in die Freiheit entlassen hat, wie die Schrift im Römerbrief, Kapitel 6, Vers 7, oder im 1. Korintherbrief bei Kapitel 9, Vers 19 sagt.

Ernst Hansen übersetzte 1970 das Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ ins Deutsche. In Strophe 1 verweist der Titel mit der Zeile „Frei sind wir, ja zu sagen oder nein“ auf die neutestamentarische Botschaft des vernünftigen Christenmenschen, der im Mittelpunkt Luthers Reformation steht. Gott will nicht bevormunden – und er praktiziert diese Zurückhaltung gnadenlos. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn in der Konsequenz greift er auch bei den schlimmsten Fehltritten nicht ein, die die Menschen begehen. Wie aber soll das Liebe sein, fragt sich der Außenstehende, der mit der Wahnsinnstat von Las Vegas auch die Gottesfrage an sich stellt: Wofür braucht es diesen Herrscher denn überhaupt, wenn er gerade dann nicht da ist, wenn man ihn bräuchte? Zurückfragen muss man an dieser Stelle: War Gott wirklich nicht da, als die Schüsse auf das Konzertgelände fielen? Als die unzähligen Salven zu hören waren und die Menschen sich gegenseitig zu Boden rissen, um irgendwie geschützt zu sein vor dem Kugelhagel? Man muss eine strenge Theologie, eine kerzengerade Exegese verfolgen, wenn man die Logik durchhalten möchte, wonach Gott sich den Menschen gerade dadurch offenbart, dass er nicht eingreift in den Momenten, in denen wir auf ihn angewiesen wären.

Er lässt die Menschen ihre Sünden ausbaden. Und das nicht, weil er herzlos ist. Sondern weil er deutlich machen will, dass die Freiheit des Christenmenschen so weit geht, dass Gott uns zutraut, diese Welt nach unserem Ermessen und mit unserer Tragweite auch ohne seine Hilfe hinreichend selbst zu gestalten und zu lenken. Ja, wenn wir frei sein möchten, dann bedarf es dafür auch einer gewissen Entschiedenheit. Dann können wir Gott nicht dafür verantwortlich machen, was wir selbst anstellen, aber wir dürfen, ja, wir müssen ihn sogar um sein Erbarmen bitten, um aus dem zu lernen, was wir an Tragik und Traurigkeit vorfinden. Wer A will, muss auch B sagen. Für uns ist die Watte nicht vorgesehen, in der wir uns ein Leben lang einkuscheln können, wie es vielleicht in unseren ersten Jahren auf dieser Erde möglich ist. Denn wir sind auf den Boden der Tatsachen gestellt, um Eigenverantwortung zu üben. Das wird schon im Garten Eden deutlich. Wer Anderes möchte, der glaubt an den netten, alten Mann mit Rauschebart auf der Wolke. Auch dieses Bild ist zulässig, vielleicht hilft es uns gar, wenn wir in diesen Tagen nicht wissen, wohin mit all dem Schmerz. Doch für die Wirklichkeit wäre es eine Ausflucht zu denken, wir könnten uns allzeit auf einen „Airbag“ stützen, der uns eben nicht erwachsen werden lässt.

Denn wie oft wollen wir unsere Kleinsten per Kindersicherung davor bewahren, sich Brandblasen an der heißen Herdplatte einzufangen, bis sie schließlich zur eigenen Erkenntnis gelangen, dass Feuer auch gefährlich sein kann? Ja, die Menschen scheinen offenkundig allzu naiv in ihrer Überzeugung von sich selbst. Doch sie müssen eingestehen, dass in einer Welt der Gemeinschaft auch viel Leiden entstehen kann. Und dass dieses nicht per se schlecht sein muss, auch wenn wir uns fragen, welche Ausmaße Gewalt und Terror noch nehmen können. Denn wer hinfällt, der muss auch herausfinden, wie das Aufstehen gelingt. Diese Herausforderung ist nicht nur lebensnotwendig, sie ist auch eine Bereicherung in all der Verbitterung und dem Aufschreien inmitten von Las Vegas und weit darüber hinaus. Immerhin lässt sie uns stark werden und immun für manch Katastrophe, auf die wir keinen Einfluss haben. Sie hilft uns, gewappnet zu sein für das Umgehen mit der eigenen, kleinen Welt an Schicksalen, aber auch mit den großen Einschlägen, vor denen wir auch in Zukunft nicht sicher sein werden. Dass wir nach den Szenen wie aus einem Horrorfilm nicht verzagt haben, sondern im Gebet füreinander eingestanden sind, ist eine der Offenbarungen Gottes, die deutlich machen: Er ist da! In den Gesten des Trostes, in der Nächstenliebe nach den vielen Schüssen, in jedem guten Wort, dass wir den Verletzten und Angehörigen spenden. Denn das ist der Unterschied zu denen, die Gottes Existenz in solchen Augenblicken am liebsten in Frage stellen möchten: Er lässt uns nicht liegen, wir bleiben bei ihm nicht auf dem Boden zurück, sondern er gibt uns Kraft, um für uns und unser Gegenüber da zu sein.

Nur so können wir umgehen mit den Schrecken von Nevada. Jasnota führt zudem an, Gott möge „uns selber den Frieden“ geben. Damit ist viel gesagt. Wir müssen bei uns beginnen, wenn wir solche Bilder wie die in Las Vegas verhindern möchten. Denn keiner ist geschützt vor einer ausweglosen Situation, in der wir auf dumme Gedanken kommen. Die müssen bei weitem nicht derart grausam sein wie die des Mörders in den USA. Und doch ist Gottes Appell in diesen Stunden eindeutig: Sorgt mehr füreinander! Achtet auf euch und auf euren Nachbarn. Isoliert niemanden und lasst keinen zurück in seinem Elend, in seinem Tunnel und seiner Einbahnstraße aus Armut, Verlusten oder psychischer Verirrung. Gott hilft uns dabei, indem er uns Perspektiven vermittelt. Weisheit und Mut gibt er uns, das hat Irmgard Spiecker 1980 gedichtet. Mut, um Liebe zu schenken, so heißt es in der dritten Strophe. Sie brauchen wir jetzt mehr denn je. Weisheit für „die vielen kleinen Schritte“ (Strophe 4), die nötig sein werden, um das verkraften zu können, was der 64-Jährige hinterlassen hat. Es ist Umsicht gefragt, auch wenn wir in uns einen tiefen Groll hegen. Wir brauchen Mut, um „die Not um uns zu sehen“ (Strophe 2), damit künftig weniger Menschen in eine Situation kommen, in der sie jeglichen Verstand verlieren. Es sind nicht die großen Worte und populistischen Gesten, die nun Raum finden dürfen. Wir sollen für die Wahrheit einstehen, heißt es in Strophe 2. Und zu ihr gehört es auch, uns selbst an der Nase zu fassen. Nicht, weil wir lebensmüde sind, im Gegenteil… – weil uns Gott in die Welt gestellt hat, um Verantwortung zu übernehmen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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