Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kirchenverwaltung in Hessen und Nassau,

„Ist Gottes Wort nicht absolut wahr?“ – Unter dieser Überschrift veröffentlichte das evangelische Nachrichtenmagazin „idea Spektrum“ eine Meldung über den Intereintrag auf der Seite der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der sich mit der Frage befasste, ob das „heilige Buch“ denn „kein historischer Tatsachenbericht“ sei (http://www.ekhn.de/glaube/glaube-leben/bibel/gottes-wort.html).

Wahrheit – was bedeutet für uns „Wahrheit“? Ist nur das, was wissenschaftlich objektivierbar erscheint, auch tatsächlich Realität? Oder erlebt nicht jeder von uns tagtäglich seine eigene Wirklichkeit? So, wie diejenigen, die Gottes Wort aufgeschrieben haben?

Sie wurden angesprochen von Gottes Präsenz, von seinem Geist, der sie nicht buchstabengetreu auflisten ließ, was er den Menschen zu verkünden hat. Sondern der uns eingab, welche Botschaften er für uns bereithält. Gott befähigte die, die zu damaligen Zeiten in der Fertigkeit waren, seinen geistlichen Impuls aufzunehmen, Parabeln und Allegorien zu verfassen, die seinem Willen Ausdruck verleihen.

Schon allein die Widersprüchlichkeit in den biblischen Geschichten macht deutlich, dass nicht Gott es selbst war, der niedergeschrieben hat – und dass auch er es nicht gewesen ist, der den Verfassern der biblischen Werke wortwörtliche Weisung gegeben hat. Viel eher hat Gottes Freiheit gewirkt, die er bereits zu Anbeginn der Welt seinen Geschöpfen zusprach, als er ihnen einhauchte, welche Aussagen, welche Werte, welche Ziele und Utopien es sind, die das zwischenmenschliche Miteinander ausmachen, die den Frieden auf Erden bestimmen, die die Verheißung leiten sollen.

Es wäre viel zu eng gedacht, wenn wir uns auf ein „Klein-Klein“ des einzelnen Letters einlassen würden. Stattdessen sind es die überragenden Zusammenhänge der biblischen Schriften, die um ihrer Gesamtheit willen die Verkündigung für jeden von uns hinnehmbar werden lassen. Denn wir können und müssen uns nicht identifizieren mit der Übersetzung, sondern mit dem Spirit der Gleichungen, der Metaphern, die Gott uns im Wort bereit hält, das durch den Menschen offenbar wurde.

Die Redakteure waren solche von uns, sie waren – wie Jesus Christus – Gottes Kinder. Mit ihrer Weisheit, gleichsam wie mit ihrer Weitsichtigkeit, haben sie die schwierige Aufgabe auf sich genommen, beseelt von der göttlichen Wahrheit eine Transkription zu schaffen, die das Unfassbare in Worten greifbar werden lässt. Denn Gottes Gnade ist viel weiter als unsere Vernunft, es können allein menschgemachte Worte sein, mit denen Gottes Zuspruch uns erreicht.

In unserem begrenzten Verstand sind die Formulierungen der Aufschreibenden, der vom Geist Gottes Animierten ein ledigliches Mittel, um annähernd verstehen zu können, was der Herr in seiner Größe und Allmacht zu sagen vermag. Daraus resultiert auch die Maßgabe, dass wir nicht am einzelnen Buchstaben kleben und ihn zu „heiligen“ versuchen dürfen. Denn es ist nicht das Wort, es ist nicht die Schrift, die uns die Bibel als gottgegeben vermitteln will. Es ist der Geist, der uns in Form menschgeschaffener Definitionen, Erklärungen, Texte und Berichte zuteilwird.

Jeder von uns steht immer wieder neu vor der Herausforderung, die zwischen menschlichem Sender und irdischem Empfängern übermittelte Nachricht Gottes für sich und sein Leben zu entschlüsseln. Nicht jeder wird aus den Worten dasselbe ablesen. Und doch ist bei ernstlichem Studium der Schrift gewährleistet, dass die Inhalte der Bibel wahrheitsgetreu wiedergegeben werden – jeder Leser tut dies für sich in seiner eigenen Interpretation, in der persönlichen Exegese.

Das macht das Bekenntnis zu Christus so lebendig: Jeder von uns entnimmt den aufgeschriebenen, den verklausulierten Mitteilungen der Heiligen Schrift einen eigenen Wahrheitsgehalt. Die Deutung, die für unser Leben wichtig wird, eröffnet sich durch unseren Glauben. Das ist nicht beliebig, sondern treu dem Bekenntnis zum Christsein, das sich fußt auf der Gewissheit des Schöpfergottes, seines Sohnes und des Geistes, mithilfe dessen jeder von uns verstehen kann, was das Geschriebene für den Einzelnen bedeutet.

In diesem Sinne entdecken wir die Sinnhaftigkeit der Bibel als Buch der Impulse, uns mit den Visionen der verschiedenen Autoren, die im Auftrag und im Namen Gottes ihre Sicht des christlichen Daseins vermitteln, selbst auseinanderzusetzen und zu reflektieren, was die stellvertretenden Bildnisse uns ganz persönlich sagen möchten. Wir nehmen aus den Worten, inspiriert von Gottes Gegenwart, die Mission zur Nachfolge Jesu und den Aufruf zu einem Christsein, das wir allein vor dem Schöpfer selbst rechtfertigen müssen.

Herzliche Segenswünsche

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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