Leserbrief

Kaum wird ein Einzelfall bekannt, reagiert Deutschland mit der Keule: Egal, wo wir hinschauen, ob zur inneren Sicherheit, ob in der Flüchtlingspolitik oder nun im Gesundheitswesen – im Aktionismus sind wir spitze. Ein Scharlatan soll nun dazu führen, dass unzählige Homöopathen stigmatisiert werden? Eine Verantwortungslosigkeit soll jetzt jeden Heilpraktiker unter einen Generalverdacht stellen? Nein, dass nun möglicherweise mehrere Menschen an den Folgen komplementärer Behandlungsmethoden gestorben sein sollen, liegt nicht an deren Sicherheit oder Anwendung, sondern an der offenbar kriminellen Energie, die diejenigen mitbrachten, die mit unausgegorenen Verfahren Profite ausschlachten wollten, Heilversprechung vor den wirklichen Hilfegedanken stellten.

Dagegen wird auch keine neue Gesetzesänderung etwas ausrichten können. Es ist völlig abstrus, nun in Diskussion zu bringen, das Heilpraktikergesetz zu durchforsten. Eine Verschärfung aufgrund eines Verantwortungslosen, der sich nicht einmal als Heiler schimpfen sollte, ist ungerecht denjenigen gegenüber, die ihre Arbeit in großer Ehrfurcht vor ihren Patienten tun. Die Schreie nach Reformen kommen jetzt ausgerechnet aus medizinischen Kreisen, die Absichten dahinter dürften offensichtlich sein: Leider sehen noch immer viele Ärzte die komplementären Heilverfahren als diejenigen, die die Patienten abgraben. Eine Konkurrenz, die eigentlich keine ist. Denn respektvolle Heilpraktiker ergänzen den Arzt – und ersetzen ihn nicht. Diese Sichtweise sollten auch Mediziner und ihre Berufsgruppe gewinnen, statt Homöopathie und andere Heilweisen zu verteufeln.

Das, was nun passiert ist, hätte auch durch einen kriminellen Arzt geschehen können. Die Pauschalisierungen sind völlig unangebracht, sie verunglimpfen eine ganze Zunft der Heilpraktiker, die in ihrer großen Mehrheit versuchen, eine zusätzliche Behandlung und Therapie zu bieten, für alle Patienten, die dies nach ihrem freien Willen so wünschen und das Angebot danach offenkundig auch in großer Zahl suchen. Wie bei jedem Heilenden müssen alle, die in die Gesundheit eingreifend agieren, auch fortan einer gründlichen Prüfung unterzogen werden – auch ihrer Eignung und ihrer Persönlichkeit. Denn sowohl Arzt, aber auch Heilpraktiker tragen große Lasten in der Behandlung ihrer Patienten. Hierfür müssen sie gewachsen sein. Und gleichwohl ermahnt uns der Zwischenfall auch, die solide Kunst der Heilung wieder stärker zu fördern. Ärzte und Therapeuten brauchen Zeit, Kapazitäten und Entlastung in der Bürokratie, um sich dem Menschen mit Hingabe widmen zu können. Dann steht auch der Heilpraktiker nicht unter Druck, Alternative sein zu müssen, sondern seinen eigenen Beitrag für das Wohl des Patienten leisten zu können – statt Ersatz zu spielen für den Mediziner, der das Gespräch nach fünf Minuten aus Budgetgründen bereits erneut abbrechen muss. Das jetzige Geschehen ermahnt, nicht zu Populismus, sondern zu profunder Gesundheitspolitik.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Kommentar hinterlassen

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

benötigt