Standpunkt

Dieser Tage wurde ein Pastor einer freien evangelischen Gemeinde für einen Beitrag zum Thema „Jungfrauengeburt“ kritisiert. Er hatte darin geschrieben, dass er nicht vom wörtlichen Verständnis ausginge, also nicht an die natürliche Wahrhaftigkeit dieser biblischen Offenbarung, glaube. Man warf ihm vor, damit nicht auf der gemeinsamen Grundlage zu stehen, die besonders evangelikale Gemeinden stringent vertreten: Die Überzeugung an die tatsächliche Existenz dieses Ereignisses. Nicht das von der Geburt Jesu, sondern jenes vom Zustandekommen dieser zweifelsohne ganz bedeutsamen Schwangerschaft. Der konservative Protestantismus erinnert sich damit an die Rückbesinnung an die Heilige Schrift, die durch Martin Luther im Zuge der von ihm mit angestoßenen und bezeugten Reformation gefordert wurde. Aus einem Glauben an dieses Zeugnis wurde in evangelikalen Gemeinden der nicht nur von Atheisten spöttisch als „buchstabentreuer“ verurteilte Glaube an die Wahrheit der Texte, nicht aber an die Wahrheit ihrer Botschaften.

Die Exegese, die heute manches Mal doch weit über das hinaus getrieben wird, was verantwortlich vertretbar ist, ist zweifelsohne keine neumodische Erscheinung. Viel eher kommt die Bibel in ihren Darstellungen gar nicht ohne eine Interpretation der dort beschriebenen Kontexte aus. Sie ist angewiesen auf die Deutung, denn erst der Mensch lässt zusammenhanglose Worte lebendig werden, indem er sie nämlich expliziert. Wir sehen das nicht nur in den Parabeln Jesu, sondern auch in dem bewusst erzählend gehaltenen Stil, der keiner Tatsachenberichterstattung gleichkommt, sondern ermutigen soll, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Nein, nicht, weil ich nicht an Wunder glauben würde, erscheint es mir logisch, die Bibel im wahrsten Sinne als ein richtiges Lehrstück zu verstehen, das uns zwar Inhalte vermittelt, das den Leser aber gleichsam fordert. Die Bibel ist zu wertvoll, um sie allein als Schrift aus Tatsachen zu verstehen, über welche wir nicht mehr nachsinnen müssen.

Der Protestantismus unterscheidet uns vom Katholizismus wesentlich in der Frage der Symbolhaftigkeit. Gerade beim Abendmahl erkennen wir es gut: Ist es nicht auch eine Errungenschaft der Reformation, dass wir in Brot und Wein eben nicht Jesu leibhaftig erkennen, sondern aus diesen Signien unser ganz persönliches Bild seiner spürbaren Anwesenheit entwickeln? Und macht es unseren Glauben dadurch weniger überzeugend? Nein, im Gegenteil. Nehmen wir alles so an, wie es uns gegeben scheint, bräuchten wir wahrlich auch nicht an dem interessiert sein, was uns 1. Mose 3,22 sagt: Wir sind selbst groß genug, um urteilen und darüber befinden zu können, was falsch und richtig ist. Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum. Wer die Frage danach stellen würde, ob es die Jungfrauengeburt nun gegeben hat oder nicht, der denkt in diesem Schwarz-Weiß, über das wir als mündige Gläubige doch hinaus sind. Es geht darum, welches Verständnis wir von der Gewissheit haben.

Sprechen wir von einer Wahrheitsgewissheit oder eben von einer Glaubensgewissheit, die darin ihren Unterschied findet, dass wir die Aussage in ihrer Bedeutung verstehen und sie für uns annehmen, nicht aber zwingend davon überzeugt sind, dass das Bild, welches uns die Intention vermitteln soll, objektiv nachvollziehbar scheint. Würden wir unseren Glauben auf letztgenanntes Verständnis bauen, hätte er den Glanz verloren, der ihn gerade vom Wissen unterscheidet, das und schlussendlich stets unter Druck setzt, beweisen zu müssen. Glaube ist für mich nicht, das Unerklärliche rational werden zu lassen. Glaube beginnt dort, wo das Unerklärliche uns einlädt, seine Transzendenz als solche zu akzeptieren und sie als Ansporn dafür zu nehmen, ihre Mission exegetisch in unser Leben zu übertragen.

Wird die Jungfrauengeburt dadurch gleich unbedeutsamer, dass wir sie nicht als natürliche Tatsache ansehen? Wird ihre Einzigartigkeit dadurch geringer, dass wir ihr nicht zubilligen, nach unserem heutigen Denken analytisch genau so geschehen zu sein, wie die Letter uns es hergeben möchten? Wird sie nicht genau deshalb nüchtern, weil wir sie auf das Maß unserer Vernunft herab zu brechen versuchen? Nein, wenn wir die Jungfräulichkeit von Maria zum Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft mit dem König und Erlöser unserer Welt nicht auf das Niveau der Normalität unserer menschlichen Beschränktheit schmälern, dann sind wir gerade keine schlechteren Christen, sondern diejenigen, die die Faszination des Glaubens neu zu würdigen bereit sind. Das Staunen, aber nicht eine Unanfechtbarkeit macht eine vitale Überzeugung aus, aus welcher unser eigenes Leben sich überhaupt erst speisen kann. Wir sind gefordert und dürfen uns nicht zurücklehnen auf den sichtbaren Kern der Worte, die uns überliefert sind. Ohne eine Konnotation bleiben sie nämlich fremd für uns, mit ihr werden sie aber dennoch keinesfalls in ihrer eigentlichen Grundbedeutung angetastet.

Die Jungfrauengeburt dürfen wir als wahrliches Wunder verstehen. Wir dürfen daran glauben, dass sie unvergleichbar war, das Gott seinen besonderen Segen auf die Schwangerschaft legte, sie aber gleichsam eben nicht derart abstrakt werden ließ, dass unser Glaube daran nur über Ecken denkbar wird, weil es mit den Grenzen des Verstandes nicht anders möglich ist.

Damit würden wir nämlich ihren scheinbaren Widerspruch, der in Wahrheit eine bedingungslose Notwendigkeit für unser christliches Denken ist und damit zu einem Spannungsbogen dieser erfüllenden und uns tragenden Agape wird, aufgeben: Jesus ist Mensch geworden. Er ist Erretter, aber er ist eben auch einer von uns. Gott hält die Hand über dieses Kind, die Schwangerschaft, die Zeugung ganz besonders behutsam – aber eben nicht weniger liebevoll als bei jeder anderen Mutter. Diese Aussage ist eine wesentliche der Weihnachtsgeschichte. Für mich kann sie uns nur auf diese Weise wirklich berühren.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Ein Gedanke zu “Jungfrauengeburt Marias: Wird sie nur wortwörtlich zu einem Wunder?

  1. Ein paar ergänzende Hinweise zur Jungfrauengeburt, (fast) ohne Wertung!

    Zunächst kurz zur Bibel:

    Heiliges Evangelium nach Matthäus Kapitel 1:
    Vers 1: Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abraham.

    Sodann leitet Matthäus die Abstammung Jesu von David lückenlos ab bis auf Vers 16: Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Kleiner Lapsus, oder doch nichts mit der Jungfrauengeburt?

    Das Heilige Evangelium nach Lukas leitet in 3,23 ff. offenbar den Stammbaum von Jesus ab Adam über Joseph ab.

    Jetzt zu dem Heiden Vergil, der bei der Geburt von Jesu bereits tot war, 4. Ekloge:

    „Iam redit et virgo, redeunt saturnia regna“

    Jetzt zur Geburt Buddhas:

    Maya, die Mutter Buddhas hat jungfräulich empfangen und, ganz konsequent, auch jungfräulich geboren. Buddha ist nämlich aus der Seite seiner Mutter ausgetreten.

    Jetzt zu den Pharaonen:

    Sie betrachteten sich als Sohn des Gottes Horus oder des Gottes Osiris, setzen also auch eine Jungfrauengeburt voraus.

    Weiter zu Pallas Athene:

    Sie wurde zwar nicht jungfräulich gezeugt, aber jungfräulich geboren, entsprang nämlich dem Kopf von Zeus und war immer stolz darauf, nicht von einer Frau geboren zu sein.

    Nun zu Dionysos:

    Ebenfalls nicht jungfräulich gezeugt, aber jungfräulich geboren, nämlich im Schenkel von Zeus ausgetragen.

    Weiter zum meist geliebten hinduistischen Gott Ganesha:

    Shiva, der Mann seiner Mutter Parvati, hat sich längere Zeit zur Meditation zurückgezogen. Da beschloss Parvati, sich selbst einen Sohn zu machen.

    Solche Geschichten können sicher noch vielfach angefügt werden.

    Es scheint jedenfalls zu jenen Zeiten oft zur Aufwertung einer großen Persönlichkeit zu der ungewöhnlichen Geburt gegriffen worden zu sein. Jungfrauen wurde bis in neuere Zeit als etwas ganz besonderes, mit besonderer Kraft ausgestattete Wesen, angesehen. Vielfach wird von Maria auch als der „unbefleckten Jungfrau“ geredet. Was ist eigentlich damit genau gemeint? Sind unsere Mütter alle „befleckt“?

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