Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Jusos in Sachsen-Anhalt,

eine „2000 Jahre alte Hirtenmythologie“, wie Sie das Christentum offenbar in einem Antrag für den Landesparteitag der SPD bezeichnet haben, es kann wahrlich keine Antworten für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts liefern, wenn man sich derart verschlossen gegenüber dem zeigt, was Milliarden Menschen in der Welt verbindet: Ja, zur Religionsfreiheit gehört in Deutschland auch, die Glaubensgemeinschaften kritisieren zu dürfen. Doch Ihre Argumentation stellt sich doch reichlich dürftig dar: Sie wollen das Ende des Einzugs der Kirchensteuer über staatliche Behörden, eine Abschaffung von Leistungen an die Kirchen und ein Ende der Entschädigungszahlungen an selbige – und begründen dies damit, dass das Christentum den Menschen von heute keine Antworten auf die Probleme in ihrer Lebensführung bereithalte.

Wer nicht in der Lage ist, zumindest mit Respekt zu akzeptieren, dass der Glaube etwas Höchstpersönliches ist, den zu deuten es einer gewissen Offenheit und Toleranz auch jenen gegenüber bedarf, die – wie Sie – mit merkwürdigen Rechtfertigungen darauf abzielen, den Status der christlichen Kirchen in Deutschland zu verändern, der wird auch nicht erkennen können, was die Botschaft von Geburt und Tod Jesu Christi dem einzelnen Menschen auch in diesem Jahrzehnt noch zu sagen haben. Es kommt einer Ignoranz der besonderen Art und Weise gleich, wenn persönliche Abneigungen gegenüber einem Glaubensinhalt die Forderung nach dem Ende staatlicher Kooperation mit den Kirchen begründet. Es mag durchaus sein, dass Sie mit bloßer Entwürdigung auf das reagieren können, was Anderen Halt und Kraft gibt. Dass Sie damit Freiheitsgrenzen des Gegenübers überschreiten, merken Sie in Ihrer Boshaftigkeit gegenüber dem christlichen Glauben wohl kaum.

Niemand muss an einen Gott glauben. Und niemand muss davon überzeugt sein, dass sich dieser Gott durch die Geburt eines Menschen als Sohn offenbart – und dadurch zeigt, dass er keine höhere Macht allein, sondern einer von uns ist. Niemand muss an die Errettung glauben, an die wundersamen Ereignisse, die unter Jesu berichtet werden. Und niemand muss damit übereinstimmen, dass Christen die Sünden vergeben werden, wie sie auch Christus in seinem Tod am Kreuz genommen worden sind. Doch zum Anstand gehört es, Dinge nicht zu veralbern, ins Lächerliche zu ziehen. Christen sind in aller Regel friedliebende Menschen, die genauso gut Wertschätzung und Anerkennung für Ihre Weltanschauung des offenbaren Säkularismus entgegenbringen. Wieso kann in einer Generation von heute nicht gleichsam respektiert werden, dass auch Gefühle von Anderen nicht durch schändliche Politisierung verletzt werden müssen?

Ich kann mir nicht vorstellen, welche Wut, welche Aggression, welche tiefe Verbitterung Sie antreibt, dass Sie ein verfassungsrechtlich bis heute nicht beanstandetes Miteinander zwischen dem Staat und den Konfessionen als für beide Seiten, für die Zivilgesellschaft und nicht nur für christliche Bekenntnisträger sinnstiftendes und gewinnbringendes Modell abseits des Laizismus in dieser Brachialität ablehnen. Wir verfolgen in unserem Land derzeit wahrlich andere Sorgen als die Frage, ob das funktionierende System der gegenseitigen Würdigung von Staat und Kirche zu einem Ende kommen sollte. Mit Ihren Forderungen lenken Sie ab von fehlenden Antworten auf die tatsächlich drängenden Fragen. Zweifelsohne verlieren die Kirchen im Land an Mitgliedern. Und damit schwindet auch ihr Einfluss. Dass daraus aber wiederum eine prinzipielle Belustigung einer wachsenden Zahl von Menschen gegenüber christlichen Lehrmeinungen abzuleiten wäre, dafür gibt es nach meinem Dafürhalten keinerlei Anzeichen.

Im Gegenteil: Über eine lange Zeit hinweg galt es als selbstverständlich, dass man sich in der Religions-, Meinungs- und Redefreiheit zumindest an gewisse Maßgaben der Vernunft hielt. Dazu gehörte auch, mit sachdienlichen Argumenten Politik gegen eine durchaus streitbare, aber bis heute die Menschen in diesem Land wohl nicht wirklich belastende Tatsache zu betreiben, wonach es als aus der Geschichte unserer Vergangenheit erwachsene Selbstverständlichkeit galt, das punktuell kooperierende Miteinander von Kirche und Staat zugunsten des Sozialstaatsgedankens, des friedlichen Zusammenhalts der Weltanschauungen und des Lebendighaltens eines Wertekanons zu wertschätzen. Bis auf das Faktum, wonach Sie die christliche Überlieferung, die Tradition und die jahrtausendealte Entwicklung einer religiösen Bewegung als „Mythos“ von Hirten ansehen, die Sie in Ihrer Abwertung wohl auch noch ihrer Gabe berauben wollen, Zeugnis über das Christuskind geliefert zu haben, halten Sie wenig an brauchbarer Kritik vor, um Ihren staatspolitischen Forderungen auch nur irgendeine Relevanz zu schenken.

Ich kann Ihre Einlassungen entsprechend nicht sonderlich ernst nehmen, zeigen sie doch keinerlei Sensibilität für den Respekt vor dem Anderen, sondern offenbaren sie ein transhumanistisches Gedankengut, das allein auf der nihilistischen Grundlage menschlichen Verstandes die traurige Eigenschaft des Menschen im 21. Jahrhundert belegt, für das Begreifen größerer Zusammenhänge, Visionen und Ermutigungen keinen Platz zu sehen. Das ist schade, aber gleichsam verständlich in einer materialistischen Welt, die gut auskommt ohne die Verheißungen, die eben gerade auch dieser Tage noch manch Einen erden würden.

Ich wünsche Ihnen bei Ihrem weiteren Vordringen gegen das Christentum vor allem Weitsicht, nicht irgendwann die eigenen Interessen aus dem Blick zu verlieren, sondern sich wahrhaftig auf den politischen Diskurs zu besinnen, der Ihnen zweifelsohne freistellt, sich auch künftig für ein anderes Verständnis der Rolle von Kirchen und Staat einzusetzen.

Freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

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