Lesermeinung
zu „Kirchen bewerten ‚Ehe für alle‘ unterschiedlich“, „epd“

Zunächst: Ich wende mich aufgrund meiner eigenen Homosexualität eindeutig gegen die Ablehnung von Schwulen und Lesben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Die Annahme jedes Menschen nach Lev 19,18 beinhaltet nicht gleichzeitig das Gutheißen seines Handelns. Deshalb sind wir angehalten, gerade in christlichen Kreisen eine deutliche Differenzierung vorzunehmen: Natürlich gehört jeder Homosexuelle in die Gemeinschaft Christi, genauso selbstverständlich wie der Straffällige, der „Fremde“, der Kranke, der „Andersartige“. Die für mich zunächst nicht als veränderbar geltende sexuelle Orientierung ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das ich als gottgegeben ansehe und es deshalb im besten Sinne von 1. Mose 1,27 keinen Grund zur Ausgrenzung gibt. Andererseits bin ich als Homosexueller erschüttert darüber, wie Schwule und Lesben – gerade ihre selbsternannten Lobbyisten – unser Bild in der Öffentlichkeit zu prägen versuchen und damit einen Eindruck entwickeln, der den homosexuellen Lebensstil vollständig verzerrt. Wer einen CSD als repräsentativ für das Verhalten Homosexueller ansieht, der muss zweifelsfrei verstört sein über eine Sexualisierung, die nach meiner persönlichen Erfahrung weit über die der Mehrheitsgesellschaft hinausgeht – obwohl sie uns dort ja bereits oft nur noch Kopf schüttelnd zurücklässt. Und natürlich kann ich jeden verstehen, der ob der Präsentation von Schwulen und Lesben auf ihren Paraden Bedenken daran hat, inwieweit Homosexuelle unter solchen Umständen wirklich „Eltern“ sein können.

Gleichsam frage ich mich: Wissen wir wirklich, was beispielsweise in Lev 18,22 gemeint ist? Muss ich als homosexueller Mensch enthaltsam leben? Oder geht es nicht auch in Lev 20,13 viel eher darum, den verantwortungsvollen Sexualverkehr vor dem verwerflichen Akt zwischen „Knaben“ und „Frauen“ zu verurteilen, um wilde Triebe zu brandmarken, vor denen auch 1. Thess 4,3 ff. warnt? Ich tue mir schwer in der Frage, ob diese oder andere Bibelstellen die Zuordnung „praktizierter“ Homosexualität als „Sünde“ denn tatsächlich zulassen. Auch wenn meine theologische Auslegung eher einem liberalen Verständnis der Exegese entspricht, liegt für mich ein ganz entscheidender Faktor im Bewusstsein über mein Verhalten. Eigenschaften und Charakterzüge können für mich aus diesem Grunde per se nicht sündhaft sein, wohl aber das Ausüben einer Überzeugung unter der Maßgabe, dass ich damit absichtlich gegen das verstoße, was „böse“ ist (vgl. 1. Mose 3,22). So kann praktizierte Sexualität sowohl zwischen Mann und Mann, Frau und Frau, aber eben auch Mann und Frau Sünde sein (vgl. 1. Kor 6,18), an der Geschlechtlichkeit der Beteiligten würde ich die Frage nicht festmachen wollen. Wegweisend sollte der Respekt des Gegenübers im Sexualverkehr bleiben, um die Beurteilung einer etwaigen Sündhaftigkeit beurteilen zu können, gleichsam Ziel und Zweck desgleichen, Status der Personen und der moralgesellschaftliche Zusammenhang, in dem er ausgeübt wird.

Und auf die Frage der „Ehe“ hat dies nach meinem Ermessen zunächst keinen Einfluss. Zweifelsohne scheinen biblische Vorschriften zum „Sex vor der Ehe“ auch auf ein partnerschaftliches Miteinander von Homosexuellen anwendbar (1. Kor 7,3f.), was jedoch keine Gleichstellung der Lebensgemeinschaft mit der Ehe bedeutet (Mt 19,6). Denn die Institution des sich ergänzenden Zusammenwirkens von Mann und Frau, das nicht allein auf seinen „Nutzen“ zur „Produktion“ von Nachwuchs (ja, leider wird in diesen Tagen auch eine Wortwahl salonfähig, die die Herrlichkeit von Gottes Schöpfung wahrlich mit Füßen zu treten scheint) ausgerichtet ist, hebt sich von der alleinigen Verpflichtung des Einstehens füreinander noch deutlich ab. Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter (Gen 1, 27), die auch abseits der Fähigkeit zur Zeugung von Kindern ihren Ausdruck im Korrelat der verschiedenen Wesensmerkmale und einer sich offenkundig bereits an der Fügung der aufeinander abgestimmten Körpereigenschaften zeigenden Idealisierung dieses menschlichen Pendants findet, ist das „Tüpfelchen auf dem i“, was wiederum nichts darüber aussagt, ob ein „i“ nicht auch ohne „Tüpfelchen“ in Würde und im Wert vollends gleichwertig ist. Das verdeutlicht auch, ohne gleichzeitige Abwertung eines anderen Miteinanders, Hebr 13,4f.!

[Dennis Riehle]

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