Kommentar

Mit Jubel, langem Beifall und Freudentränen wurde er empfangen. Zurück aus der Haft, stellte sich Uli Hoeneß erneut zur Wahl als Präsident beim Fußballverein „FC Bayern München“. Wegen Steuervergehen wurde er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, saß davon einen Teil ab, ehe er nun wiederkehrte, dorthin, wo er es noch vor seinem Antritt der Gefängnisstrafe versprochen hatte. Und natürlich wurde Hoeneß wiedergewählt, daran hatte auch niemand Zweifel. Wirklich niemand? Weshalb ist das so selbstverständlich, dass jemand, der Millionen Steuergelder hinterzogen hat, nach einer teilweise im Vollzug verbrachten Strafe, offenkundig problemlos wieder mitten in der Gesellschaft auftaucht, ohne, dass jemand daran auch nur einen geringen Anstoß nehmen würde?

Stimmen aus dem Publikum von Fans und Mitgliedern machten deutlich: Es spielte bei Uli Hoeneß nie eine Rolle, ob er als Straftäter wieder zurück in ein Spitzenamt kommen könnte. Der Platz war ihm stets gesichert. Denn, so sagt man, er habe sich entschuldigt, seine Strafe abgesessen und habe sich in der Haft gut geführt – habe sogar in der Waschküche geholfen. Deutlich wird: Hier misst man mit zweierlei Maß. Natürlich muss ein Gefangener, sollte es ihm möglich sein, auch „niedere“ Arbeit verrichten. Da ist es nicht die Selbstlosigkeit des alten und neuen Präsidenten des „FC Bayern“, die darüber entscheidet, ob er solch eine Aufgabe zu erledigen hat. Vor dem Gesetz – und eben auch im Vollzug – sind alle Menschen gleich. Und überhaupt: Bei allen subjektiven Vorteilen, die Hoeneß für manch Außenstehenden genossen hat, wird man nicht von einem gebrochenen Häftling sprechen können, der dort aus der JVA entlassen wurde.

Er hat sich entschuldigt und die Strafe abgesessen. Wie viele Straftäter tun das ihm gleich – und werden doch nicht integriert, wenn sie wieder in die Freiheit entlassen werden? Während die Gesellschaft beim Thema Schuld und vor allem Strafe generell zu Härte tendiert und mit Urteilen selten zufrieden ist, scheint sie bei manchen VIPs doch ziemlich schnell zu verzeihen. Da hinterfragte kaum jemand, ob die gefundene Strafe gerecht ist – und insbesondere: Niemand hatte ein Problem damit, einen entlassenen Gefangenen wieder in die Mitte eines riesigen Vereins aufzunehmen, ihm also eine Rückkehr in das frühere Leben zu ermöglichen. Welcher Häftling kann sonst darauf hoffen, dass er so empfangen wird nach einem prägenden Gefängnisaufenthalt? Es wird nicht selten ein Spießroutenlauf sein, für jene, die eben nicht das Glück einer glänzenden Charakterperson, um überhaupt wieder in Frieden leben zu können. Von einer Einbeziehung in das soziale Leben einmal ganz abgesehen.

Wie gehen wir mit denjenigen um, die Reue zeigen, die nach einer Verurteilung ihre Strafe absitzen und denen anzusehen ist, dass sie bereit sind zu einer Resozialisierung? Uli Hoeneß ist ein Paradebeispiel, wie es funktionieren kann. Wer Buße zeigt, dem sollte eben auch vergeben werden. So, wie dem Präsidenten des „FC Bayern“ eine „zweite Chance“ eingeräumt wird, wie eine engagierte Teilnehmerin der Versammlung forderte, sollte es eben nicht nur den Prominenten ergehen, wenn sie sich einen Fehltritt geleistet haben. Ja, alle Menschen sind gleich. Und dann müssen wir ihnen auch allen dieselbe Chance zur Wiedereingliederung einräumen. Die Steine, die vielen entlassenen Tätern in den Weg gelegt werden, sind Ausdruck von Rache, von Sühne und von sozialer Abgrenzung. Sie suggerieren eine scheinbare Überlegenheit derer, die sich als die vermeintlich Besseren darstellen möchten. Und doch zeigen sie nur, dass sie nicht zu Humanität offen und fähig sind. Es wäre schön, wenn Mancher sie durch den aktuellen Fall erlernen würde…

[Dennis Riehle]

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