Kommentar

Vor allem für die protestantischen Christen ist es der höchste Feiertag im Kirchenjahr: Ostern ist wie kein anderes Ereignis mit einer wundersamen Bedeutung verbunden – und hat eine entsprechend große Aussagekraft für die Gläubigen. Nur für die Gläubigen? Nein, ich denke, wir können vom Osterfest alle etwas lernen. Dazu braucht es nicht zwingend ein christliches Bekenntnis, sondern lediglich ein wenig Verständnis für das menschliche Leben. Und vielleicht ist es gut, wenn sich nicht nur Christen mindestens einmal im Jahr Zeit dafür nehmen, sich der Botschaft bewusst zu werden, die von diesen biblischen Tagen auszugehen vermag.

Ich gebe zu: Die Auferstehung Jesu war für mich ein wesentlicher Grund, von meinem christlichen Glauben abzufallen. Ich kann mir nicht vorstellen, was dort geschrieben steht, von einem weggerollten Stein und einem leeren Grab. Möglicherweise war Jesus gar nicht „tot“, wäre es durch wissenschaftliche Belege doch gut denkbar, dass er trotz der schweren Verletzungen, die er durch die zweifelsohne glaubwürdige Kreuzigung, die für „Straftäter“ damals ja gängig war, erlitten hatte, „nur“ das Bewusstsein verlor. Den Tod wirklich feststellen, das war zu den damaligen Zeiten schwierig. Aber spielt das letztlich für die Parabel überhaupt eine Rolle, die uns diese „Heilige Schrift“ – ob wir sie nun als Gottes Wort oder als Märchenbuch verstehen – vermitteln will?

Für mich ist die Lebensgeschichte von Jesus beeindruckend. Ich glaube nicht an seine Wunder, ich glaube auch nicht daran, dass er ein „auserwählter Sohn“ war. Aber sicherlich war er jemand, der mitreißen konnte, der zu predigen wusste und der Menschen in seinen Bann ziehen konnte. Und ich meine, er hat damit nichts Schlechtes getan, im Gegenteil. Hoffnung mag etwas für die Seele sein, das ist nichts für Vernunft und Rationalität. Und doch brauchen wir Emotionen und Gefühle, Perspektiven und verlässliche Parameter, um zu überleben. Der Mensch ist eben doch nicht nur Fleisch allein, um auch mit diesem Vergleich wieder religiös zu werden.

Jesus hat während der Ostertage in kurzer Zeit das durchschritten, wovon unser Leben ständig geprägt ist: Höhen und Tiefen. Dort, wo er das Kreuz getragen hat, lasten auch auf uns tägliche Sorgen, Ängste, Nöte. Und selbst derjenige, der nicht an Gott glaubt, fragt sich manches Mal, warum er so verlassen dasteht. Wenn wir uns alleine vorkommen, zurückgesetzt und mit der Schwere der vielen Anforderungen übermannt, dann ringen auch wir. Da verschwindet Vertrauen – in uns selbst, in unsere Mitmenschen, bei Manchen eben auch in Gott. Wie oft kam auch ich mir schon so ausgeliefert vor, dass ich überzeugt war, man habe sich gegen mich verschworen. Doch genau dann ächze auch ich: Woher kommt mir die Hilfe, die ich bräuchte?

In Gott erwarte ich sie nicht mehr. Dazu wurde ich zu oft von ihm enttäuscht. Bei mir erwächst sie dann eher aus dem Wissen heraus, dass ich auch schon diverse andere Situationen gemeistert habe. Es ist also die Gewissheit auf eine Wendung. Biblisch gesehen vollzieht sich diese an Ostern durch ein Wunder. Hängen wir die Latte nicht ganz so hoch, so ist es zumindest die Aussicht auf bessere Zeiten. Wer schon einmal tiefe seelische Krisen überstanden hat, der weiß, dass der schwarze Tunnel lang sein kann – länger als der zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Doch die Erfahrung, dass sich dann auch wieder Licht auftut, ist tatsächlich ein wundersames Erlebnis, auch wenn dieses wenig mit überirdischen Mächten zu tun hat.

Sich bewusst zu machen, dass die Kraft gegen unser Verzagen dadurch entsteht, in den schwierigsten Momenten auf sich selbst setzen zu können – das ist für mich wahrer Humanismus. Und gleichzeitig lehrte mich diese Einsicht die Moral der Ostererzählungen. Anzunehmen, dass zur menschlichen Existenz auch das Leid gehört, ist eine Mahnung und Aufforderung zugleich. Denn in einer Zeit, in der wir versuchen, möglichst viel davon von uns fernzuhalten, ist es ein Wagnis, uns solche Tiefschläge auch zuzumuten. Wenn wir bestrebt sind, uns nicht länger mit Schmerz und anderen bedrückenden Gefühlen konfrontieren zu wollen, sind wir auch nicht gerüstet für die „Auferstehung“, für das Spüren von Lebendigkeit.

Manchmal kann es wirklich ganz aufbauend sein, sich zwischenzeitlich mal wieder klar darüber zu werden, wie wertvoll unser Dasein eigentlich ist. Uns trotz menschlichem Egoismus eine gewisse Demut anzueignen. Nicht, weil wir uns einem Gott unterordnen müssten, sondern weil solch eine Einstellung neue Gelassenheit gibt, eben gerade mit den Niederlagen umzugehen, Schicksale anzunehmen und daraus Trost zu entwickeln. Denn egal, ob wir am Karfreitag bedächtig sind oder tanzen wollen, kommt für jeden unter uns wieder derjenige Zeitpunkt, an dem wir wirklich gefordert sind. Und wie gern erinnern wir uns dann daran, am Ostersonntag den Gottesdienst besucht – oder eben auch den Schokoladen-Hasen verdrückt zu haben…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

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