Leserbrief
zu: „Die Kirchen und das liebe Geld“, „Deutschlandfunk“ vom 21. September 2017

Ich bin wieder in die Kirche eingetreten. Und doch setze ich mich weiterhin für die Trennung von Staat und Kirche ein. Ja, das geht. Und es ist aus meinem Verständnis gar eine Pflicht, dass auch Kirchenzugehörige um die Unterschiedlichkeit der beiden Institutionen wissen, die nach Meinung unseres Bundesverfassungsgerichts zwar eine Distanz brauchen, eine vollständige Kappung aller Kontakte, wie es das laizistische Modell beispielsweise aus Frankreich kennt, aber nicht anstreben müssen. Denn: Kirchen sind aus der gewachsenen Tradition ein fester Bestandteil des Kulturguts in Deutschland, den die Öffentlichkeit zwar fördern sollte, deren religiöse Arbeit sie aber nicht zu interessieren hat.

Kirchen leisten – wie viele andere Religionsgemeinschaften auch – einen wesentlichen Beitrag für unseren Sozialstaat. Sie sind in der Wohlfahrtspflege ein gleichwertiger Partner zu anderen, weltlichen Akteuren. In dieser Funktion – und allein in dieser – sind Kirchen und Weltanschauungsgruppierungen auf gleicher Augenhöhe mit dem Staat zu sehen, weil sie ihn dabei unterstützen, Kindergärten, Krankenhäuser, Alten- oder Obdachlosenheime anzubieten. Dass dabei die Finanzierung undurchsichtig geworden ist, die Lasten der öffentlichen Hand den Anteil überwiegen, den das allgemeine Verständnis von der finanziellen Situation der Kirchen zu tragen bereit wäre und dass damit Sicherheiten vom Staat übernommen werden, die in einem Konzept der freien Marktwirtschaft nicht zulässig wären, ist ein Fehler im Konstrukt des Nebeneinanders von Kirche und Staat, die die kleinstmögliche Zusammenarbeit bei einer größtmöglichen Distanz suchen sollten.

Viele Befürworter einer vollständigen Trennung von Religion und öffentlichem Leben überschreiten in ihrer Argumentation die Grenze der Glaubensfreiheit, indem sie auch religiöse Überzeugungen aus dem staatlichen Dasein verbannen wollen. Es ist richtig, dass Kirchen keinerlei Anspruch erhalten dürfen, mit ihren Dogmen, Ritualen und vor allem der Erwartung, als Körperschaft auch politischen Einfluss erheben zu können, in den staatlichen Raum einzudringen. Religiöse Praktik ist genauso wie der lobbyistische Gedanke fern, wenn es um die Frage etwaiger Bevorzugung in politischer Entscheidungsfindung geht. Den Kirchen steht in ihren Arbeitsbereichen ein Mitspracherecht zu, das jedoch keinen wechselseitigen „Goodwill“ bedingt. Die gegenseitige Anbiederung ist ebenso wie die gemeinsame Ausübung praktischen politischen beziehungsweise religiösen Lebens nicht mit einem Staatsverständnis vereinbar, in welchem die Öffentlichkeit auf eine weltanschauliche Neutralität des Staates vertraut. Fungiert die Kirche oder jede andere Glaubensgemeinschaft als Teil des politischen Diskurses, haben sie religiöse Unabhängigkeit zu wahren.

Gleichsam sind es staatliche Mandatsträger, die sich allein als Einzelperson auf ihren Glauben berufen können, wenn es um Religion in der Politik geht. Niemand darf einem Abgeordneten sein Recht auf Meinungsäußerung, auf Äußerung seiner religiösen Überzeugungen nehmen. Und natürlich ist er es, der auch seine Gewissensfreiheit auf seinen religiösen Wurzeln fußen lassen kann. Der Wähler gleichsam wird es sein, der ein weltanschauliches Bekenntnis als Grundlage für die Ausübung eines Amtes honorieren oder es entsprechend ablehnen darf. Er regelt den individuellen Anteil religiöser Bezeugung innerhalb der legislativen Demokratie. Während im judikativen und exekutiven Gewaltenteil ein vollends von Glaubensbekundungen befreites Praktizieren notwendig ist, normieren sie sich bei der Einzelperson des Politikers durch das Gutheißen des Volkes.

Die Säkularisierung hat den Umstand mit sich gebracht, dass Kirchen weiterhin auf Entschädigungen pochen. Unter dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit sind diese Zahlungen allerdings nicht länger zu rechtfertigen. Für ihr soziales Wirken steht den Kirchen nicht mehr, aber auch nicht weniger an staatlichen Förderungen zu als jenen, die als „neutral“ auftreten. Nur, weil es sich beim Akteur „Kirche“ um eine religiöse Weltanschauungsgemeinschaft handelt, darf sie nicht von den üblichen Unterstützungen ausgenommen werden, die beispielsweise AWO, „Paritätischer“ oder „Rotes Kreuz“ als Hilfsorganisationen für den Betrieb ihrer dem Sozialstaat dienlichen Einrichtungen und Dienste zugutekommen. Auch darf die Kirche mit ihrem kulturellen und baulichen Gut, das sie in die Bewahrung von Historie und Tradition in das öffentliche Leben einbringt, nicht deshalb von einer Mitfinanzierung durch den Staat ausgeschlossen werden, weil sie eine religiöse Körperschaft darstellt. Der laizistische Gedanke würde an dieser Stelle mit dem Gleichheitsgrundsatz der Verfassung kollidieren, wonach alle Akteure selben Tuns auch die gleichwertige Anerkennung erhalten müssen. Und trotzdem rechtfertigt das heutige Engagement der Kirchen keine weitere Abfindung für möglicherweise erlittenes Unrecht aus den vergangenen Jahrhunderten, das nicht nur aus Sicht von Experten abgegolten ist.

Im Spagat zwischen Nähe und Ferne von Kirche und Staat ist also einerseits zu unterscheiden, in welcher Funktion die Weltanschauungsgemeinschaft auf die politische Bühne tritt. Andererseits ist das institutionelle religiöse Bekenntnis nicht mit dem der Einzelperson des Gläubigen zu verwechseln, dessen Gewissen und Überzeugung durch das Grundgesetz als frei geschützt ist. Bei allen Rechten und Pflichten gilt auf Basis einer sich wandelnden Gesellschaft, in der die Bindung zu Kirchen und Religionsgemeinschaften tendenziell abzunehmen scheint, ein Gebot der Zurückhaltung in der Positionierung weltanschaulicher Bekundungen. Im Auftrag der Wahrung des gesellschaftlichen Friedens ist die größtmögliche Neutralität von Kirche einerseits, von Staat andererseits bei allen miteinander gestalteten Auftritten in Öffentlichkeit, politischer Diskussion und Praktizieren kulturellen Lebens die Erwartung, die von einem säkularisierten Miteinander an die beiden Akteure gestellt werden kann. Gerade, wenn es um „das liebe Geld“ geht, haben aber die Steuerzahler ein ganz besonderes Anrecht auf Transparenz. Und es ist zweifelsohne richtig: Weder Staatsleistungen, noch Entschädigungen, noch Kirchensteuern sind in einem Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts nötig.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Konstanz. Die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe ermutigt aus Anlass des Welt-Alzheimer-Tages am 21. September 2017 zur Inanspruchnahme von Pflegeleistungen bei auftretender Demenzerkrankung: „In der Sprechstunde erlebe ich viele Angehörige, die recht spät auf die Klärung der Pflegebedürftigkeit ihres Familienmitgliedes zurückgreifen und somit über Jahre Angebote aus der Pflegeversicherung nicht nutzen, die ihnen möglicherweise zustünden. Seit der aktuellen Reform hin zu Pflegegraden hat die Berücksichtigung von kognitiven, psychischen und vegetativen Beeinträchtigungen durch die verschiedenen Formen der Demenz in der Beurteilung über das Ausmaß des Anspruchs auf Pflegeleistungen nochmals zugenommen. Deshalb ist Patienten und ihren Angehörigen so früh wie möglich zu raten, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen“, so Dennis Riehle, Leiter des ehrenamtlichen Sprechstundenangebots, das bei der Beratung, Beantragung oder Begleitung während und nach dem Entscheidungsprozess über eine Pflegebedürftigkeit zur Seite steht.

„Wer nicht auf einen Pflegedienst zurückgreifen will, kann auch Pflegegeld für einen Angehörigen oder Ehrenamtlichen beanspruchen, der die Betreuung übernimmt. Im Zweifel können anfangs niederschwellige Betreuungs- und Entlastungsleistungen wie Demenz-Cafés eine deutliche Hilfestellung sein, gerade, wenn Angehörige einmal eine Auszeit benötigen. Demenz kann besonders ihnen viel abverlangen, wenngleich die Krankheit in ihren unterschiedlichsten Facetten auch viele Momente der Begegnung zwischen Betroffenen und Angehörigen bietet, die ablenken von dem Leid, das zweifelsfrei ebenso dazugehört. Mit professioneller Hilfe kann es aber gelingen, dass die Ressourcen, die viele Demenz-Erkrankte haben und über lange Zeit im Alltag noch einsetzen können, auch tatsächlich aktiviert und genutzt werden“, so Riehle, der deshalb animiert, die Hilfestellung anzunehmen, die geboten wird.

„Ich kann gleichsam verstehen, wenn viele Angehörige aus Angst und Scham abwarten, ehe sie einen Facharzt oder eine entsprechende Spezialambulanz aufsuchen, um eine Diagnose stellen zu lassen. Doch je schneller sie da ist, desto rascher kann auch mit entsprechenden Maßnahmen Unterstützung geleistet werden. Vom Schwerbehindertenausweis über den Sozialdienst bis hin zur Nachbarschaftshilfe – glücklicherweise muss kein Betroffener und kein Angehöriger in Deutschland mit der Tatsache einer Demenz-Erkrankung alleine bleiben. Je offener man sich für die Inanspruchnahme von Hilfeleistungen zeigt, desto mehr kann man die Zeit mit seinen Angehörigen genießen. Denn auch Alzheimer muss nicht bedeuten, dass die Welt grauer und trauriger wird. Das Leben in den neuen Grenzen zu gestalten, das kann vor allem dann gelingen, wenn man Unterstützung dort zulässt, wo die Belastung zu groß wird. Deshalb rate ich auch den Pflegenden, immer auf sich zu achten, statt nur ihren kranken Angehörigen im Blick zu haben. Immerhin nutzt es niemandem, wenn die Pflegepersonen schon bald nervlich und gesundheitlich aufgeben müssen, was leider kein Einzelfall ist“, stellt Riehle fest.

Er verweist abschließend darauf, dass die Sozial- und Pflegesprechstunde kostenlose Informationsblätter zur Verfügung stellt, die sich mit Pflegeleistungen, dem Antragsverfahren und dem Besuch des „Medizinischen Dienstes“ zur Begutachtung beschäftigen. Auch über die Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft existiert ein entsprechendes Papier, das unter Tel.: 07531/955401 oder Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de angefordert werden kann. Dort beantwortet die Sprechstunde auch alle Fragen zu Pflege- und Sozialleistungen auf ehrenamtlicher Basis, als niederschwellige und unverbindliche Erstberatung.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Für eine inklusive Klassenpolitik“, „neues deutschland“ vom 18.092017

Auch die FDP beansprucht für sich, von sozialer Gerechtigkeit zu sprechen. Dass die Liberalen aber ein völlig anderes Verständnis von Gerechtigkeit haben, als es beispielsweise DIE LINKE für sich beansprucht, ist kein Geheimnis.

Wir müssen weg von der Chancengerechtigkeit, die eben nicht berücksichtigt, was zwischen Start und Ziel an Hindernissen auftreten kann. Es nutzt nichts, wenn jeder von uns theoretisch vom gleichen Punkt aus ins Arbeitsleben starten könnte, um dort nach getaner eigener „Leistung“ zu mehr oder weniger Wohlstand zu gelangen.

Denn diese Ausgangsgerechtigkeit sieht keinen Niedriglohn, sieht keine Krankheit oder Behinderung, sieht keine Lebensumstände wie das Alleinerziehende oder die ohne Zutun erlangte Arbeitslosigkeit vor, die sich eben nicht allein durch Qualifizierung umgehen lässt, wie es das idealtypische liberale Wirtschaftsmodell propagiert. Leistung darf sich lohnen, sie muss aber auch als solche praktiziert werden. Sein Geld „arbeiten“ zu lassen, das ist kein Verdienst.

Jeder kann die Möglichkeit nutzen, mehr zu haben. Am Ende müssen aber alle zumindest genug zum Leben besitzen, das ist gerecht. Das ist die Würde des Grundgesetzes für uns Menschen, die ein unabänderliches Recht auf ein Existenzminimum haben, schon allein deshalb, weil wir hier gemeinsam auf Erden sind.

[Dennis Riehle]

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe LINKE,

wie aus Medienberichten zu entnehmen war, hat Dietmar Bartsch dem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) eine Absage erteilt.

Er begründet dies offenbar damit, dass das Instrument in keiner Partei mehrheitsfähig wäre und damit auf längere Sicht nicht politisch durchsetzbar erscheint. Für die im Bundestag vertretenen Parteien mag dies stimmen, für zahlreiche der kleineren, derzeit nicht im Parlament sitzenden, allerdings nichts.

Besonders irritiert mich auch die offenkundig ablehnende Haltung der LINKEN, die sich wohl deswegen gegen das BGE ausspricht, weil damit eine Abschaffung sämtlicher sozialer Sicherungssysteme verbunden wäre. Gleichzeitig stellt das BGE ja selbst eine Absicherung dar, weil es jedem Menschen ein existenzielles Mindesteinkommen gibt, mit welchem die derzeitigen Einzelmaßnahmen aus der Sozialversicherung in einer einzigen Leistung zusammengefasst jedem einen Lebensstandard ermöglichen würden, der den Ansprüchen aus dem Grundgesetz und der Definition des soziokulturellen Existenzminimums des Bundesverfassungsgerichts genügen würde.

Der vergangene Bundespräsidentschaftskandidat der LINKEN hat das BGE deshalb immer wieder kritisiert, weil es nicht bedarfsorientiert, sondern wie eine „Gießkanne“ auf alle verteilend nicht die Bedürfnisse von einzelnen, besonders in sozialer Schieflage befindlichen Mitbürger berücksichtigen würde, sondern stattdessen auch den Reichen noch zusätzlich ein Einkommen bescherte, dort, wo es niemand brauche. Durch steuerliche Ausgleichsmaßnahmen würde dies allerdings verhindert, sodass diejenigen, die deutliches Vermögen oder Einkommen über dem BGE erwirtschaften, es über den Weg der Steuerabgabe wieder zurückzahlen müssten.

Klar bleibt, dass manche Bedürftige nicht mit dem BGE auskommen würden, weil sie durch Krankheit, Behinderung oder andere soziale Not einen Mehrbedarf verzeichnen, der über ein Mindestmaß an Absicherung hinausginge. Hier würden wir auch bei einem BGE nicht umhin kommen, es mit einer gezielten Aufstockung zu erhöhen, dennoch erscheint auch der bürokratische Aufwand geringer als mit dem derzeitigen System an Einzelleistungen, das nicht nur in vielen Augen ungerecht erscheint, sondern auch immer neue Kosten verursacht, nicht zuletzt aufgrund seiner Komplexität und Undurchsichtigkeit, die den Eindruck erweckt, als gehe es hier nicht sonderlich fair zu…

Insofern erhoffe ich mir auch weiterhin ein parteiinternes Ringen um das BGE, im besten demokratischen Sinne – und vielleicht auch als Zeichen an Befürworter und Kritiker gleichermaßen, dass man es sich nur aufgrund der absehbaren Mehrheitsverhältnisse nicht zu einfach in Zustimmung oder Ablehnung dieses zweifelsohne bedenkenswerten Projekts macht, das ja mittlerweile nicht nur in der Wirtschaft Anhänger findet, sondern mancherorts weltweit bereits erprobt wird.

[Dennis Riehle]

Sehr geehrte Damen und Herren,

Christian Lindner hat dieser Tage wiederholt, dass die FDP nicht die letzten Lücken des Wohlfahrtsstaates ausbauen wolle, sondern sich um die kümmern möchte, die die Leistungen erwirtschaften.

Ich bin mir nicht im Klaren darüber, was unter „erwirtschaften“ in diesem Zusammenhang zu verstehen ist. Natürlich muss sich Leistung lohnen. Aber es muss „Leistung“ sein. Sein Vermögen „arbeiten“ zu lassen, das ist keine Leistung, sondern eine Vermehrung des Wohlstandes auf der einen Seite – zu Lasten der anderen. Zu einer aufrichtigen Debatte gehören zwei Seiten der Medaille, beispielsweise auch die Diskussion darüber, welche Arbeit welchen Maximalwert in einem ethisch vertretbaren Maße eines demokratischen Staates haben kann und darf.

Sicherlich haben Sie den Familienbericht der Bundesregierung zur Kenntnis genommen, aber auch die aktuellen Warnungen von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern: Immer mehr Menschen fallen in Deutschland unter das sogenannte „Armutsrisiko“. Prekäre Beschäftigung, Leiharbeit, Krankheit führen dazu, dass bei steigender Verschiebung der Einkommensverhältnisse per Definition immer mehr Menschen von Armut bedroht sind. Alleinerziehende, Rentner – sie alle könnten künftig einer wachsenden Schicht an Vermögenden gegenüberstehen, die für ihren Wohlstand nur bedingt eine Leistung erbracht haben, die diesen Namen auch verdient.

Ja, wir müssen die arbeitende Mittelschicht entlasten, nicht aber die Oberschicht, in der sich das Geld vor allem deshalb anhäuft, weil die Marktwirtschaft sich bei Gehältern für manchen Manager eben doch nicht selbst reguliert. „Soziale Marktwirtschaft“ bedeutet, dass wir sehr wohl Schranken setzen. Dass Sie diese notwendigen Eingriffe in das System nun offenbar in Frage stellen, das irritiert mich nach der eigentlichen Hoffnung, die FDP habe aus ihrer einseitigen Politik vor 2013 etwas gelernt, doch ganz erheblich. Denn was Erbschaften oder Börsenspekulationen mit „Leistung“ zu tun haben, das haben Sie mir bislang nicht erklärt.

Für mich wirkt es recht abstoßend, wenn Sie unter der Situation von armutsgefährdeten Kindern, in einem reichen Land abwertend davon sprechen, dass der Wohlfahrtsstaat noch bis in die letzten Ecken ausgefüllt werden solle. Hier geht es um die Existenz von Menschen, die auch deshalb in dieser Lage sind, weil Andere von Niedriglohn und Billigmarkt ihren Profit ziehen. Nicht einmal der von Ihnen viel beschworene Begriff der „Leistungsgerechtigkeit“ kann in der Argumentation noch ziehen, wenn wir die „Leistung“ nicht ehrlich definieren.

„Umverteilung“, die Sie ja oft genug als eine Art von „Kampfbegriff“ angesehen haben, ist deshalb nötig, weil Soziale Marktwirtschaft auch auf Ergebnisgerechtigkeit ausgerichtet sein muss. Nur beide Formen der Gerechtigkeit machen letztlich diese wirtschaftsystemische Urform liberalen Denkens aus, die bedauerlicherweise in den vergangenen Jahren innerhalb der FDP zurückgedrängt wurde. Wenngleich man einer Partei wie Ihnen durchaus die Haltung nachvollziehen möchte, dass die Stilisierung der absolut Freien Marktwirtschaft das ideale Modell für unser Land wäre, steht diese nicht im Einklang mit unserem Grundgesetz, das eben eine abgestufte Variante dergleichen vorsieht. Ich verstehe, wenn sie aus dieser das Liberalste herausreizen möchten; ob Sie sich mit dieser Meinung aber auch langfristig einer breiten Bevölkerungsmehrheit zuträglich machen, möchte ich bezweifeln.

Manches Mal würde es wahrscheinlich schon genügen, auf die Schicksale von Einzelnen zu achten, die aufgrund von Lebenslinien und nicht selten ohne Zutun in Arbeitslosigkeit, Behinderung oder Armut gerutscht sind, um zu verstehen, dass wir doch eigentlich auch genügend für sie haben müssten – in einem Deutschland, zu dem es nicht passt, wenn Menschen mit weniger als 600 oder 700 Euro netto im Monat auskommen müssen und andere gar nicht wissen, wo sie ihre nächste Million anlegen sollen…

Dennoch wünsche ich Ihnen schon allein deshalb, weil Sie den Mut haben, die Themen Bildung, Digitalisierung und Freiheitsrechte im Wahlkampf aufgenommen zu haben, ein gutes Ergebnis für die kommende Bundestagswahl

und grüße Sie herzlich

[Dennis Riehle]

Gedankenimpuls

„Wie ist das eigentlich mit der Offenbarung?“, so fragte mich kürzlich eine Klientin, die schon seit längerem aufgrund von Glaubenskonflikten in die Beratung kam. „Gibt es da wirklich eine neue Welt?“. Es sind solche wissbegierigen Blicke des Gegenübers, die man sonst nur von Kindern kennt, die zu kurzer Erstarrung führen und die innerliche Schamesröte aufsteigen lassen: Was antworte ich nun?

Ein wenig gestammelt hatte ich durchaus. Denn so wirklich hatte ich mir auch noch nie Gedanken darüber gemacht, wie das letzte Buch der Bibel denn tatsächlich auszulegen sei. Gerade in diesen Tagen fragen viele Menschen nach dieser neuen Welt, auf der Friede herrscht unter den Menschen, auf der es Hoffnung gibt, wie beispielsweise Jürgen Werth sie in seinem Lied von 1988 formuliert, das für mich ein wunderbares Bildnis liefert von diesem Umbruch: „Wie ein Fest nach langer Trauer“ (EG 666).

Mit diesem ging ich dann auch auf die Frage meiner Klientin ein. Diese neue Welt, wir dürften sie uns nicht als Austausch vorstellen: Das Alte weicht dem Neuen. So wörtlich würde ich die Aussagen der Offenbarung nicht nehmen, sagte ich ihr. Und außerdem: Wären sie nicht eine Bankrotterklärung für die Menschheit, die es nicht geschafft hat, verantwortungsbewusst mit dieser Schöpfung umzugehen, die ihr anvertraut war – und die nun ausgewechselt wird wie bei einem „Reset“?

In der Offenbarung treffen wir wahrlich auf Pauken und Trompeten. Das Gericht Gottes wird entscheiden. Aber es muss keinesfalls so furchtsam ausfallen, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Denn nur die, die ihre Fehler leugnen, sie werden wahrlich bangen müssen, ihnen werden die Zähne klappern. Aber die, die ihre Missetaten bereuen, sie werden umso sanftmütiger empfangen in der Ewigkeit der neuen Welt, die nicht materiell ausgewechselt erscheint, sondern in ihrer Atmosphäre etwas hervorbringt, was den natürlichen Glanz der heutigen Erde um Unvorstellbares überwiegen wird.

„Wie ein Regen in der Wüste“, so schreibt es Werth. Und ja, wir lechzen nach diesem „Tau auf dürrem Land“ (Str. 1). Denn wir sind ausgetrocknet vor Unfriede, der unter den Völkern herrscht. Wir sind es leid, die ständigen Meldungen von Krieg, Terror und Gewalt hinnehmen zu müssen und mit nahezu gebundenen Händen auf die zu blicken, die diese Erde verrohen lassen. Wir brauchen eine Intervention Gottes, denn auch wenn wir zu unterscheiden wissen, was „gut“ und „böse“ ist (1. Mose 3,22), so sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Interessen über die einer Weltgemeinschaft zu stellen, die den irdischen Sehnsüchten und Versuchungen nachirrt und frönt, ohne eine Rücksicht auf Verderben, statt sich auf Milch und Honig zu konzentrieren, auf die ideelle Neuausrichtung einer Erde „alter Feinde, Hand in Hand“ (Str. 2).

Die Offenbarung zeichnet das Bild einer Erde, auf der ein neues Klima der Güte herrscht. Allein dadurch wird es überflüssig, dass wir uns neidisch und eifersüchtig um die Herrschaft streiten, denn jeder hat genug. Nicht um die Vormacht unter Religionen, sondern in der Einheit Gottes, „wie Gott selbst, das wahre Licht“ (Str. 3). Wir können uns das mit der heutigen Vernunft nicht denken, wir können nicht begreifen, wie solch eine Wandlung vollzogen werden kann. Ich erinnere mich gern an die Pfingstgeschichte, die ich in engem Zusammenhang mit der Offenbarung sehe. Spiritualität wird über uns kommen, der Heilige Geist wird ausgeschüttet über den Menschen. Wir sprechen Sprachen, die wir nicht kennen, wir verständigen uns mit denen, die uns fremd sind. Alles ist so selbstverständlich.

„So ist Versöhnung“, schreibt Jürgen Werth im Kehrvers. Und ja, die neue Welt der Offenbarung ist eine der Versöhnung. Nein, nicht die, in der wir uns alle grundlos lieben, sondern die zu ihrer Ehrlichkeit durch Aufrichtigkeit gelangt. Wir schließen Frieden durch „Vergeben und Verzeihen“. Denn Sühne ist es, die wir auf dem Weg zur neuen Erde durchleben werden. Wir werden bereit sein, Schuld einzugestehen und dafür einzutreten, dass wir nicht nochmals sündig werden. „Wie ein Erdteil neu entdeckt“ (Str. 3), so offenbart sich plötzlich auch diese neue Welt der Offenbarung, als „off‘nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht“ (Str. 1).

Es rumst also nicht nur, sondern die neue Welt kann durchaus in der Lage sein, ganz unverhofft in unser aller Leben zu treten. „Wie ein Wort von toten Lippen“, (Str. 3) „wie ein Brief nach langem Schweigen“ (Str. 1), so plötzlich und unerwartet durchdringt das neue Leben, „wie die Liebe“, jeden von uns. Eine noch merkwürdige Vorstellung, die ob der Tatsachen des 21. Jahrhunderts kaum zu begreifen ist. Doch wir wissen, dass Gott höher ist als all unsere Vernunft, deshalb überrascht es auch nicht, wenn wir plötzlich diesen Blick in Richtung der Offenbarung werfen, „der Hoffnung weckt“ (Str. 3). Die „Vermißten“, die abgekommen sind vom Weg der Gerechtigkeit, von der Barmherzigkeit für ihren Nächsten, auch für sie wird es „Heimatklänge“ geben (Str. 2).

Lange mussten wir warten, wir haben fast verzagt ob der Verheißung über diese neue Welt. Abgestorben sind unsere Äste, doch an den „toten Zweigen“ wächst überraschend wieder ein „Blatt“ (Str. 1). Ohne unser Zutun, sondern allein durch die Gnade des Herrn, der uns eine neue Chance gibt, mit unseren Brüdern und Schwestern in Übereinkunft zu treten, ein „‘Ich mag dich trotzdem Kuss‘“ (Str. 1) zu sagen, den „Frühling“ unserer Beziehungen neu zu erleben, wie einen „Morgen“ (Str. 3), von dem wir nicht mehr erträumt hätten, dass er noch kommen möge. Viel zu lange standen wir da auf den „steilen Klippen“ – und plötzlich tut sich ein „Licht“ auf (Str. 3). Es ist die Faszination über die Größe Gottes, die uns still werden lässt und wir erblassen in Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Meine Klientin hatte einen ersten Eindruck davon bekommen, was mit der Offenbarung gemeint sein könnte, mit dieser neuen Welt – und meine Schweißperlen waren ein wenig zurückgegangen. Hatte ich doch zumindest den Versuch unternommen, etwas Unvorstellbares in die leuchtenden Letter Jürgen Werths Strophen aus den 80er-Jahren zu packen. Und manchmal können wir nicht anders, als uns metaphorisch an das zu nähern, was tatsächlich wie ein „Schlüssel im Gefängnis“ (Str. 2) zu verstehen ist: Etwas Un-glaubliches, das wir ohnehin nicht fassen können, auf das wir aber vertrauen dürfen. Denn Gott hat schon in den vielen kleinen Dingen bewiesen, dass er da ist. Er lässt uns nicht in der Trauer verzagen, nicht im Leid allein zurück. Er lässt uns wachsen und schickt uns einen „unverhofften Gruß“ (Str. 1), wenn wir in der „Bedrängnis“ sind – und weist uns einen Weg (Str. 2), an den wir nie dachten, den wir nicht auf unserem „Schirm“ hatten. Wir sind eingeladen, achtsam zu sein, denn die Offenbarung kündigt sich im Verborgenen an, doch spätestens am „strahlenden Gesicht“ (Str. 3) unseres Gegenübers werden wir erkennen, dass sie gekommen ist…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief zu
„Die Pleitetour der Freifrau von Beverfoerde“, FR vom 18.09.2017

Es ist zunächst legitim, auch nach einem Beschluss des Bundestages gegen die „Ehe für alle“ zu sein. Unsere Meinungsfreiheit gebietet den Respekt vor Ansichten, die vielleicht nicht mehrheitsfähig erscheinen, aber ihre Gründe haben.

Ob es sinnvoll ist, mit einem derartigen Aufwand durch Deutschland zu touren, das ist eine andere Frage. Denn gleichsam ist es auch für den gesellschaftlichen Frieden eine Notwendigkeit, Entscheidungen in der repräsentativen Demokratie anzuerkennen, selbst wenn man sie nicht mitträgt. Das Stimmungsbild in der Bevölkerung zeigt eher, dass eine Vielzahl an Menschen mit dem leben kann, was in freier Abstimmung beschlossen wurde.

Wenngleich es vielleicht für manchen ungewohnt erscheint, wenn Männer künftig Männer heiraten, und Frauen eben Frauen. Doch gerade, weil es eine Gewissensentscheidung der Politiker war, zeigt sie das Ringen um Zeitgemäßheit und Tradition. Da gibt es nicht ein „Besser“ und „Schlechter“ – und so sollte man irgendwann einen Punkt setzen, vielleicht auch Hedwig von Beverfoerde.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
Familienreport: Armutsrisiko für Kinder steigt, ZEIT vom 16.09.2017

Ja, bereits die Zahlen des Familienberichts machen fassungslos. Ist das wirklich Deutschland, wo jedes fünfte Kind armutsgefährdet ist? Welch eine Schmach für ein reiches Land, in dem seit Jahren die Wirtschaft brummt – und die Kleinsten offenbar Sorge haben müssen, dass sie schon bald in „Hartz IV“ und andere Sozialleistungen abrutschen.

Was mich aber noch viel mehr ärgert, das ist die Sprachlosigkeit derjenigen, die an dieser Entwicklung etwas ändern könnten, wenn sie denn wollten. Ohne Konsequenzen präsentieren sie Jahr für Jahr die neuesten Erkenntnisse, ohne daraus eine Schlussfolgerung zu ziehen. Das Gefälle zwischen Arm und Reich, es wird immer steiler. Und wir tun nichts dagegen.

Überrascht bin ich, dass Parteien, die an solcher Politik seit Jahren mitverantwortlich sind, im Vorfeld der Bundestagswahl konstante Zustimmung erhalten. Denn es ist offenbar nichts so, wie es in diesem Wahlkampf scheint: Nein, Deutschland geht es nicht gut, einem Teil, einem immer kleineren Teil, geht es immer besser, während sich eine Unterschicht zementiert, die vor sich hin vegetiert, die offenbar kaum noch Chancen auf Aufstieg hat, die vergessen wird, die abgehängt scheint – und die sie wohl mit ihrer Situation abgefunden hat, weil niemand, der momentan in Regierungsverantwortung steht, Lobby für sie ergreift.

Gerade in Richtung der Großen Koalition frage ich: Schämen Sie sich nicht für Ihre Tatenlosigkeit?

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zur Entscheidung der dritten Instanz über die „Meinungsäußerung“ eines AfD-Sympathisanten gegenüber OB Burchardt, SÜDKURIER Konstanz vom 16.09.2017

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Die Meinungsfreiheit gilt als eines der höchsten Güter in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und gerade in Zeiten, in denen sie andernorts mit Füßen getreten wird, können wir froh darüber sein, dass sie bei uns liberal praktiziert werden darf. Doch wo liegen die Grenzen, wann beginnen Schmähungen in Verleumdung, Beleidigung und persönliche Angriffe überzugehen, die nicht mehr vom Gesetz gedeckt sind?

Die Äußerungen eines AfD-Sympathisanten sind nicht nur etwas gegen den guten Geschmack, sie sind für mich persönlich, als Nicht-Juristen, ehrverletzend. Und meine Verärgerung richtet sich gegen ein Klima, in welchem solche Wortmeldungen noch hoffähig gemacht werden, gegen soziale Medien, die eine Verrohung von Sitten tolerieren, gegen eine Gesellschaft, die sich kaum empört, wenn Mitmenschen in dieser unredlichen Art angegangen werden.

Nicht aber gegen die dritte Instanz, die nun befunden hat, die Anspielungen gegen Oberbürgermeister Burchardt seien von der Meinungsfreiheit gedeckt. Denn vor Gericht verhandeln wir nicht, was Anstand ist, sondern ob in einem Gesamtzusammenhang davon ausgegangen werden kann, dass eine Anspielung ironisch, nicht ernst gemeint, sondern als flapsiger Unterton angesehen werden muss, gegenüber dem gerade Personen des öffentlichen Lebens standhafter sein müssen, weil sie sich in ihrer Arbeit selbst darauf berufen dürfen, die Meinungsfreiheit breit auszulegen.

Auch wenn mir das nicht gefällt und für mich jeder dieselbe unantastbare Würde besitzt, ist dieses Eingeständnis die zweite Seite der Medaille unseres Rechtsstaates.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Dürfen Christen Yoga betreiben?“, „idea Spektrum“ 36/2017

Die „Freiheit eines Christenmenschen“ besteht auch darin, sich selbst ein Bild darüber zu machen, was in der Verantwortung von uns Gläubigen liegt: Sind wir nicht selbst in der Lage, für uns allein zu entscheiden, ob „Yoga“ nun mit den christlichen Wertvorstellungen in Einklang zu bringen ist?

Müssen darüber Experten, Kirchenväter oder Seelsorger befinden? Brauchen wir diese ständigen Ratschläge, wie wir unser Leben zu gestalten haben? In 1. Mose 3,22 macht Gott deutlich, dass er uns durchaus zutraut, zu entscheiden, was „gut“ und „böse“ ist.

Da braucht es nicht den erhobenen Zeigefinger, natürlich gern eine Debatte, aber keine mit erhobener Stimme versehenen Tipps, Warnungen oder Verbote, die an die Zeit erinnern, als uns die Kirche noch vorgab, was Sünde ist. Heute sind wir weiter und fühlen aus unserem tiefen Glauben heraus, was mit unseren Überzeugungen vereinbar ist. Dafür reicht ein Hören auf den Heiligen Geist, manchmal auch auf unseren Bauch, ab und zu auf unsere Vernunft.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.