Lesermeinung zu
„Atheisten halten Gläubige für moralischer“, proKOMPAKT 32/2017

Dass selbst Atheisten zu glauben scheinen, sie selbst seien „böser“ als Menschen mit einem Glauben, zeigt eine Unterordnung, die sich höchstwahrscheinlich aus der Weltsicht ableitet, dass Mehrheiten stets im Recht sind, besser sind, die Guten sind. Dabei gibt der Bezug auf Wertvorstellungen zunächst keinerlei Aussage über die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Sie können hier wie da ausgeprägt sein, verbinden sie sich allerdings in einem gemeinschaftlichen Glauben an eine höhere Macht und an eine Institutionalisierung der eigenen Religion, was eigentlich grundsätzlich ein höheres Misstrauen auslösen sollte, mit einer wenigstens gedanklich doch fassbaren Überzeugung, die eine möglicherweise angeborene Hoffnung nach Sinnhaftigkeit erfüllt.

Offenkundig sehen sich Atheisten sogar als „fehlerhaft“ an, es „fehle“ ihnen an einer Überzeugung an einen Gott, was wiederum ja impliziert, dass selbst Atheisten einen Gottesglauben nicht völlig ausschließen. Dies wiederum aber nur aus einer häufig zu beobachtenden Leere: Wie wird das „Vakuum“ gefüllt, das bei Atheisten an der Stelle Gottes im Gegensatz zu religiösen Menschen eine „Lücke“ hinterlässt? Niemand weiß, ob der Platz für einen Gott je vorgesehen war – oder ob er nicht einfach ein „Mehr“ ist in den Köpfen, auch eine Mär, die lediglich Sehnsüchte bedient, grundsätzlich zum Überleben aber nicht nötig ist.

Die Wissenschaft wird stärker diskutieren müssen, ob die Meinung, Atheisten seien eher böse und zu Verbrechen bereit, aus einer falsch verstandenen Zuschreibung und gleichsamen Verwechslung von Moral, Glaube, Ethik und Lehre entstammt – oder ob der Mensch im Geheimen, in seinem Gehirn überhaupt nicht anders kann, als davon überzeugt zu sein, an das Gute nur über ein religiöses (Gottes-)Verständnis zu gelangen. Und selbst, wenn dem so sei, kann der konsequent denkende Atheist noch immer dagegenhalten, dass auch diese Haltung nur ein Denken ist, das die Realität nicht abbilden muss.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Braunschweig. Der Verein „intakt e.V.“ hat als Norddeutscher Selbsthilfeverband bei Sozialer Phobie neue Informationsmaterialien veröffentlicht. Einerseits wurde ein aktualisierter Flyer herausgebracht, der die Arbeit des Vereins, seine Ziele und Aufgaben, Kontaktdaten und Themen vorstellt, mit welchen sich der als Dachverband von Selbsthilfegruppen im nördlichen Teil Deutschlands mit einigen Exklaven im Süden fungierende Zusammenschluss versteht, identifiziert. „Wir haben insbesondere auf eine modernere Gestaltung geachtet und den Umfang des Flyers begrenzt. So ist er im handlichen Format ein gutes Aushängeschild, mit dem wir fortan Werbung für uns machen können“, sagt Julian Kurzidim, 1. Vorsitzender.

Daneben wurde auch eine Broschüre aufgelegt, die mit wertvollen Tipps für den Alltag von Selbsthilfegruppen eine Anleitung zur Gestaltung des Zusammenkommens von Menschen gibt, die mit Schüchternheit und Sozialer Phobie konfrontiert sind. „Bei solch einem Krankheitsbild ist es ohnehin schwierig, von der Selbsthilfe wirklich zu überzeugen, deshalb braucht es ein sensibles Ansprechen der Betroffenen. Insofern haben wir nicht nur eine einfache Sprache gewählt, sondern dem Einzelnen auch viel Freiraum in der Beurteilung gelassen, ob eine Gruppe denn auch eine mögliche Ergänzung zur Psychotherapie ihn persönlich und seine individuelle Situation sein kann“, meint Dennis Riehle, 2. Vorsitzender.

Sowohl Flyer und Broschüre können beim „Intakt e.V.“ kostenlos bezogen (Post: Wendenring 4, Briefkasten 93, 38114 Braunschweig, Mail: intakt-ev@schuechterne.org) oder auf der Webseite www.schuechterne.org.de heruntergeladen werden.

Hintergrund:

Als „Soziale Phobie“ wird die Angst vor dem Umgang mit Menschen bezeichnet, die Furcht davor, im Mittelpunkt zu stehen und bewertet zu werden, Ablehnung zu erfahren oder Erwartungen nicht erfüllen zu können. Sie zeichnet sich nicht nur durch eine Zurückgezogenheit aus, sondern durch ein ausgeprägtes Schüchternsein, eine hohe Sensibilität, eine starke Verletzlichkeit und eine Neigung zu depressiven Verstimmungen. In Angst auslösenden Situationen sind Panikattacken mit Erröten, Schwitzen, raschem Puls u.a. denkbar, die wiederum neue Sorge davor auslösen, Mitmenschen könnten diese Nervosität, die auch in Sprechhemmungen und Verkrampfung ihren Ausdruck finden kann, bemerken. In Deutschland kann von etwa 2 Millionen Betroffenen ausgegangen werden.

Der Verein „intakt e.V.“ wurde 2004 ins Leben gerufen und hilft bei der Gründung und Leitung von Selbsthilfegruppen zu Sozialer Phobie. Er versteht sich als deren Interessenvertreter, vermittelt Betroffenen Kontakte zu den passenden Gruppen, stellt Materialien zur Verfügung, berät Erkrankte und deren Angehörige und startet regelmäßig Projekte wie beispielsweise die Buchveröffentlichung „Der ängstliche Panther“. Er ist als gemeinnützig anerkannt.


[Dennis Riehle]

Pressemitteilung
Größter Berufsverband überschreitet 10 000-Mitglieder-Marke / Hohe Standards

Konstanz. Nach Angaben der Krankenkassen haben psychische und seelische Beschwerden der einstigen „Volkskrankheit Nr. 1“, den Rückenleiden, inzwischen den Rang abgelaufen. Die niedergelassenen Fachärzte und psychologischen Psychotherapeuten können den wachsenden Bedarf bei weitem nicht decken – lange Wartezeiten sind die Folge. Immer mehr Menschen wenden sich von vorn herein an einen Heilpraktiker für Psychotherapie, so Dennis Riehle, Psychologischer Berater und Personal Coach aus Konstanz.

„Seit einigen Jahren beobachten wir einen stetig steigenden Bedarf“, sagt Riehle. Die Gründe seien vielfältig, vermutet Nachname: Wachsende Arbeitsverdichtung durch die neuen Medien, schwindende Bedeutung Halt gebender Strukturen wie Kirche oder Familie, vielfach unsichere berufliche Zukunft trotz boomender Konjunktur. Der Berater meint: „Viele Menschen können oder wollen nicht warten, bis sie einen Termin beim Kassenpsychotherapeuten bekommen. Beim Heilpraktiker für Psychotherapie gibt es in der Regel keine Wartezeiten.“ Außerdem seien Heilpraktiker für Psychotherapie nicht auf die sogenannten Richtlinienverfahren beschränkt, mit denen die niedergelassenen Kollegen arbeiten müssen.

Die Zulassung zur Tätigkeit als Heilpraktiker für Psychotherapie ist staatlich geregelt; die Prüfung wird von einem Gremium abgenommen, zu dem auch Fachleute vom Gesundheitsamt gehören. Mit bundesweit inzwischen mehr als 10 000 Mitgliedern ist der Verband Freier Psychotherapeuten (VFP) der größte Berufsverband.

Die vom VFP entwickelte Berufsordnung regelt die Arbeit und das Verhalten der Therapeuten und hat Wirkung auch für Nicht-Mitglieder. „Es gibt immer wieder Berichte über schwarze Schafe unter den Heilpraktikern, die mit fragwürdigen Methoden oder Heilungsversprechen arbeiten“, weiß Vorname Nachname. „Der VFP duldet so etwas nicht. Strenge Selbstverpflichtungen, hohe Ausbildungsstandards, Supervisionen und Symposien sorgen dafür, dass sich Patienten mit einem Therapeuten aus dem VFP einem seriösen Fachmann anvertrauen.“

[Dennis Riehle]

Liebe Partei DIE LINKE,

Sahra Wagenknecht hat Christian Lindner gratuliert. Zu seiner Aussage, wonach wir uns gewissermaßen mit Realitäten abfinden müssten, die derzeit einen Ist-Zustand in der Okkupation der Krim durch die Russische Föderation widerspiegeln, pflichtete sie ihm mit einem historischen Vergleich bei, der aber deutlich zu hinken vermag.

Denn: Wollen wir zugunsten einer „Entspannungspolitik“ völkerrechtlich verbindliche Grundlagen missachten?

Wo kommen wir hin, wenn wir wegschauen, wie Andere sich etwas nehmen, was nicht ihnen gehört? Und was passiert, wenn wir solch ein Verhalten durchgehen lassen? Wenn wir dulden, dass sich jeder das nehmen kann, worauf er gerade meint, einen etwaigen Anspruch zu haben?

Ich hatte mir überlegt, bei der Bundestagswahl DIE LINKE zu wählen. Doch außenpolitisch kann und will ich die Einstellungen nicht teilen, die ich aus der Partei zu hören bekomme.

Wir dürfen nicht russlandfreundlich, aber auch nicht -feindlich sein, ja. Zur Neutralität im Umgang mit einem Partner, den ich als gleichwertig auf der Erdkugel ansehe mit den USA (gerade in Zeiten, in denen man dort nicht verlässlich erscheint) und jenen, zu welchen wir uns scheinbar aufgrund von Werten näher hingezogen fühlen (was ich jedoch nicht teilen kann), gehört auch Ehrlichkeit, und nicht: Kuschen.

Wir müssen vertrauensvoll einstehen für die Einhaltung von Recht und Gesetz. Was tun wir denn, wenn Herrn Putin plötzlich einfällt, er könnte nach der Krim noch andere Teilrepubliken für sich beanspruchen? Wollen wir dann nur zusehen, weil wir Angst davor haben, eine Politik zu beschädigen, die zwar vor Jahrzehnten hilfreich war, doch aber nicht auf die heutige Zeit übertragbar sein kann?

Ich bin wahrlich enttäuscht – und das möchte ich mitteilen!

Herzliche Grüße

[Dennis Riehle]

Erfahrungsbericht

Schon in der Pubertät war es merkwürdig: Nein, es war gar nicht in der Pubertät. Denn die gab es bei mir eigentlich nicht. In der Zeit, in der sich meine Mitschüler damit beschäftigten, wen sie warum lieben und wie sie ihre sexuellen Höhenflüge der inneren Schmetterlinge in den Griff bekommen könnten, war es bei mir eher eine Leere, zumindest, was die Orientierungen und Neigungen anging. Als in der Schule Bilder von einem ausgewachsenen Genitale gezeigt wurden, war mir zunächst unklar: Ist das bei jedem Mann so? Denn bei mir hatte das ganz anders ausgesehen. Überhaupt: Aufklärungsunterricht? Wofür braucht man so etwas? Wofür gibt es Sexualität, wenn ich doch nichts davon spüre, ob ich nun Mann oder Frau anziehend empfinde und ich mir auch keine Gedanken über Nachwuchs mache, keine Idee habe, wie man sexuelle Praktiken ausleben könnte.

Nachdem ich weit über die Pubertät hinaus einen starken Nachtschweiß hatte, rasch eine Fettleibigkeit ansetzte, die nicht mit meiner Ernährung im Einklang stand und ich eine ausdauernde Müdigkeit bei einer regelmäßigen Zunahme meiner Herzfrequenz verzeichnete, kam mein Hausarzt schlussendlich darauf, mich beim Endokrinologen vorzustellen. „Da ist aber Einiges durcheinander“, sagte dieser nach dem ersten Blick auf meine Laborwerte. „Niedriges TSH, niedriges fT3 und fT4. Sie haben in jedem Fall eine Hypothyerose“, meinte er. „Was habe ich?“, war mir unklar. „Na ja, eine Schilddrüsenunterfunktion. Wir machen gleich einmal eine Sono“. Er bat mich, den Hemdknopf zu öffnen und warnte: „Es wird kalt“. Ja, sie war ziemlich klein, zu klein für eine normale Entwicklung. „Ich bitte ihren Hausarzt, nochmals entsprechende Immunparameter zu bestimmen“. So sandte er mich nach Hause, mit dem zusätzlichen Hinweis: „Gehen Sie denn nicht in die Sonne? Sie sind so fahl im Gesicht! Und außerdem haben Sie viel zu wenig Vitamin D. Ich schreibe Ihnen da etwas auf. Und die Schilddrüsenhormone müssen auch noch eingestellt werden!“.

Mein Hausarzt hatte schließlich alle Werte beieinander und diagnostizierte eine „Hashimoto-Thyreoiditis“, war sich aber nicht ganz sicher ob der Ätiologie. Er fragte nach möglichen anderen Betroffenen in der Familie, die unter dem autoimmunen Abbau des Schilddrüsengewebes leiden, was ich aber verneinen musste. „Hat der Endokrinologe denn nichts zu Testosteron, FSH und LH gesagt?“, fügte er noch an. „Nein, wieso, was ist das denn?“, „Nun, das sind die Sexualhormone – und fast keines davon ist in deinem Blut nachweisbar. Bei einem bald Volljährigen sollte das anders aussehen“. Nachdem der Facharzt darüber aber kein Wort verloren hatte, vereinbarten wir, es weiter zu beobachten. Tatsächlich entwickelte ich zunehmende Muskelschmerzen bei kurzen Gehstrecken und verspürte immer öfter im Tagesverlauf eine große Abgeschlagenheit. Es war nicht nur eine Erschöpfung, sondern sie führte gar bis zur vollständigen Erlahmung, kaum noch eine Kraft im Körper, um irgendeiner Aufgabe nachzugehen. Nachdem ich an einem Spezialzentrum für Muskelerkrankungen keine wegweisende Diagnostik erhalten hatte, verwies man mich allerdings an eine endokrinologische Uniklinik.

Und dort fiel zum ersten Mal ein Wort, das sich mich seither als eine durchaus fordernde Krankheit begleitet: „Wir haben bei Ihnen einen hypogonadotropen Hypogonadismus festgestellt“, sagte die freundliche Ärztin, die gleichsam meinte, dass meine Schilddrüse mittlerweile eigentlich ganz gut eingestellt sei. „Aber nun sollten wir über eine Hormonsubstitution nachdenken“, gab sie mir mit auf den Weg – und ich war irritiert. Machen das nicht eigentlich nur diese Bodybuilder, die stärkere Muskeln bekommen wollen? Ist das nicht eher „Doping“? Die Aufklärung durch die Experten hatte mir allerdings deutlich klargemacht, dass es sich um eine medizinische Notwendigkeit handelte, jetzt aktiv zu werden. Denn langfristig würden diese Laborwerte zu massiven Einschränkungen führen. „Das ist, als wären sie mit 25 schon ein Senior“, so einer der Mediziner an der Uniklinik, die mich ermutigten, fortan regelmäßig an die Spritze mit Testosteron zu denken. Gleichzeitig veranlassten sie ein MRT vom Schädel. „Warum das?“, wollte ich erfahren. „Hat das nicht etwas mit meinem kleinen Hoden zu tun, der keine Hormone produzieren kann?“. Man entgegnete mir, dass die Laborwerte deutlich darauf hinweisten, dass eine „höhere Ebene“ betroffen sei, die Hypophyse, die Hirnanhangdrüse, die das Genitale erst zur Produktion anregt. „Und was kann dort kaputt sein?“, fragte ich noch mit einem jugendlichen Leichtsinn. „Wir warten ab“, so der Arzt.

Im Kernspin ergab sich ein Hypophysenadenom, das mit fünf Millimetern aber klein war und gemäß Experten nicht eindeutig hinwies, warum meine Hormonspiegel derart niedrig seien. Mittlerweile hatte die Muskelmasse an Händen und Füßen messbar abgenommen, an Handgelenken und Fußgelenken konnte man das in Zentimetern feststellen. Und eine zunehmend depressive Stimmung machte deutlich, welch globale Auswirkungen der Hypogonadismus auf meinen gesamten Organismus hatte. Vorsichtshalber schickte man mich auch zur Knochendichtemessung. „Eigentlich ist sie in Ihrem Alter nicht nötigt, aber wir haben erhöhte Calcium-Werte bei Ihnen im Blut gemessen, was auf eine beginnende Osteoporose hindeuten könnte“. Und so war es auch. Genauer gesagt: Eine „Ostepenie“, die Vorstufe des Knochenschwundes, wurde festgemacht an den Aufnahmen, die sich einreihten in ein weiteren Untersuchungsergebnis: In der Uniklinik wurde ein Karyogramm angefertigt, jedoch: „Ein Klinefelter-Syndrom haben Sie nicht“, bestätigte mir die Humangenetikerin. „Das können wir ausschließen“ und fügte hinzu: „Das ist doch auch schon mal gut!“, wenngleich ich erst nachlesen musste, was man darunter überhaupt versteht.

Nach einigen Jahren der Substitution mit Testosteron war mein Gewicht noch nicht merklich zurückgegangen, dafür waren meine Leberwerte angestiegen. „Wir sollten Sie einmal zu einem Gastroenterologen schicken“. Der wollte eigentlich nur meine Fettleber inspizieren, als er aufmerkte: „Da ist irgendetwas, Sie haben eine Raumforderung in der Leber“. Eine Biopsie sollte Klarheit bringen, doch rasch kam der Gedanke auf, dass es sich um eine Nebenwirkung der Hormongabe handeln könnte. „Das ist äußerst selten“, schrieb ein Professor aus einer Spezialambulanz, an die mein entnommenes Gewebe gesandt wurde. Ein „Beta-Catenin mutiertes Adenom“, das an der Grenze war, bösartig zu werden, wie man mir verdeutlichte. Rasch wurde in der Uniklinik ein Termin für eine Ablation, eine moderne Entfernung des Tumors durch einen „Schmlezprozess“, wie ich im Aufklärungsgespräch erfuhr, angesetzt, nachdem man aufgrund meines Gesundheitszustandes entschied, doch nicht große Teile der Leber konservativ zu entnehmen. Aber: Wie denn nun weiter mit der Testosteron-Substitution? Zwischenzeitlich war die Gabe abgesetzt worden, aber die Werte sanken wieder unter den Grenzbereich. Und meine Gesamtsituation verschlechterte sich neuerlich.

Das war erst vor einigen Monaten – und jetzt habe ich mich durchgerungen, es nochmals zu versuchen. Allerdings nur unter ständiger Kontrolle durch den Hepatologen. Endokrinologen und andere Fachärzte arbeiten glücklicherweise zusammen, ungeklärt bleibt letztlich noch die Ursache des Hypogonadismus. Denn das Hypophysenadenom war es ob seiner geringen Größe wohl nicht, es musste nicht einmal entfernt werden. Und aufgrund der Adipositas? Sie kam allerdings ausgeprägt erst nach der Feststellung der Unterfunktion von Hirnanhangdrüse und – wie sich mittlerweile herausstellte – auch der Nebenniere, sie weicht allerdings nur geringfügig von ihrer Leistung ab, wie ACTH und HRC im entsprechenden Test belegten, aber durchaus auch eine merkwürdige Kurve meiner Vitalität im Tagesprofil gesehen erklären konnten. Die Suche geht also weiter, es passt auch nicht der Hirsutismus, die extreme männliche Körperbehaarung, die schon vor der Testosteron-Gabe auffiel, und die nicht korrespondiert mit einer Gynäkomastie, einer Ausformung der männlichen Brust, die bei mir überdies zeitweise leichte Milchabsonderungen erkennen ließ. Hier ergab die Untersuchung, die ansonsten nur Frauen kennen, zwar keine Auffälligkeit, obwohl ich mittlerweile auch nicht mehr so ganz sicher bin: Ja, vom Aussehen ein Mann, aber bist du das auch emotional wirklich?

Die psychischen Belastungen sind nicht leicht. Denn tatsächlich sind nicht nur sexuelle Gefühle, die momentan eher auf eine homosexuelle Orientierung bei einer Reifungskrise der männlichen Identität hindeuten, sondern auch die Auswirkungen der Mangelerscheinungen eine Herausforderung, die Aufmerksamkeit an vielen verschiedenen Punkten erfordert. Wachsamkeit und ständige Kontrollen sind nun an der Tagesordnung, zunehmende Gedächtnisstörungen machen mir klar, weshalb man den Hypogonadismus eigentlich das Syndrom des „alternden Mannes“ nennt. Mit Disziplin und Durchhaltevermögen lässt sich aber Vieles ertragen, das wissen auch andere Betroffene. Und deshalb soll der vorliegende Bericht kein Mitleid erzeugen, sondern eher anregen, selbst bei vielen Baustellen nicht aufzugeben und zu versuchen, den Durchblick zu bewahren. Die Reise wird weitergehen. Und ich bin jederzeit bereit, meine Erfahrungen mit denen zu teilen, die ebenso unterwegs sind mit ihren eigenen Symptomen, mit ihrer Geschichte und mit ihren Hoffnungen, Nöten und Sehnsüchten!

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Experimente mit dem Grundeinkommen taugen nichts“, SÜDDEUTSCHE vom 07. August 2017

Wer ein Grundeinkommen weiterhin in die gleiche Kategorie wie das Arbeitsentgelt einordnet oder es miteinander kombiniert, hat den Sinn des gesamten Gedankenmodells nicht verstanden, das derzeit an verschiedenen Orten in der Welt durchdacht und erprobt wird.

Die Bedingungslosigkeit ergibt sich nicht aus einer Bedürftigkeit, sondern kann nicht ohne eine digitalisierte Welt verstanden werden, in der sich Arbeit frei macht von der gegenseitigen Abhängigkeit zu einer Entlohnung. Denn Gewinn entsteht künftig auch ohne Menschenhand. Ihn zu verteilen, das könnte Grundlage eines Einkommens sein, das eigentliche eine Selbstverständlichkeit wiederherstellt: Jeder auf diesem Planet hat das Recht, einen Anteil an Ressourcen und den Profiten zugestanden zu bekommen, der sich künftig von selbst erwirtschaftet.

Arbeit wird dann zu einem Luxusgut, das gerade dadurch seinen Anreiz findet, weil das Grundeinkommen im Sinne der Gemeinschaftlichkeit, aber auch der Gerechtigkeit zwar zu einem Existenzminimum ohne Überlebensängste ausreicht, ein besseres Dasein aber doch nur mithilfe der „Aufstockerleistung“ „Arbeit“ möglich wird. In ihrer Ätiologie sind beide liquiden Mittel aber derart unterschiedlich, dass jeder Vergleich hinken würde.

Vielleicht ist es tatsächlich noch zu früh, das Experiment in einer Dekade zu wagen, in der sich unsere Vernunft noch gegen den rasanten Wandel von Arbeitswelt, Wachstum und Leistung stellt. Der Mensch muss angesichts einer Schnelllebigkeit unserer Zeit allerdings lernen, über seine bisherigen Horizonte hinweg zu planen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Der Deutsche Presserat hat eine Beschwerde des Konstanzer Journalisten und Psychologischen Beraters (VfP) Dennis Riehle in der Vorprüfung als unbegründet zurückgewiesen, die sich auf einen Artikel des Magazins „Stern“ bezog. Es formulierte am 01. Mai 2017 in seiner Online-Ausgabe unter der Überschrift “So gefährlich sind Heilpraktiker in Deutschland“ verschiedene Vorwürfe anhand von Beispielen der Arbeit ausgewählter Heilpraktiker, bei denen es zu Missständen in Beratung und Therapie gekommen war. Riehle sah in den Formulierungen des Beitrages eine pauschale Kritik an der Berufsgruppe der Heilpraktiker und beanstandete eine Ehrverletzung (Ziffer 9 Pressekodex) dergleichen.

„Durch eine fehlende Einschränkung in der Überschrift kann in der Interpretation von einer unbestimmten Anzahl an Heilpraktikern in Deutschland ausgegangen werden, die ‚gefährlich‘ sind. Diese Zuschreibung geht über die Ergebnisse der Recherche hinaus, die zwar vermuten lässt, dass strukturelle Probleme in der Qualifizierung und Überprüfung von Heilpraktikern bestehen, die gleichzeitig aber außer Acht lässt, dass viele Heilpraktiker eine über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehende Ausbildung durchlaufen haben – und eine verantwortungsvolle Arbeit betreiben. Dies wird lediglich im letzten Absatz erwähnt – und steht im Widerspruch zur Überschrift, den die Redaktion gewählt hat“, so Riehle in seiner Begründung.

Der Presserat reagierte mit dem Einwand, dass er sich dieser Darlegung nicht anzuschließen vermochte. Die Berichterstattung habe „einen Tatsachenkern, der durch die verschiedenen Beispiele belegt wird. Es wird nicht gesagt, dass alle Heilpraktiker gefährlich sind. Auch im Text wird dies nicht personalisiert“. Riehle hatte die Auffassung geteilt, dass „der insgesamt tendenziöse Beitrag, der allein Negativbeispiele herausgreift, in seiner Gesamtheit eher beschädigend für eine komplette Berufsgruppe [wirkt]. Die Rückschlüsse, die aus den genannten Extrembeispielen gezogen werden, lassen sich nicht durch die einzelnen Kreise von Heilern belegen“. Beim Presserat gab man Riehle zumindest darin recht, „dass der Beitrag sich sicherlich auf die negativen Aspekte des strukturellen Ausbildungsproblems der Berufsgruppe und die damit verbundenen Auswirkungen“ beschränke, aber es liege „im Ermessen der Redaktion, den Fokus eines Thema selbst zu wählen“.

Auch Riehle brachte vor, dass „die Intention des Artikels vollkommen legitim sei, „die vorgebrachten Falldarstellungen“ genügten seinem Verständnis nach aber nicht, „um pauschale Urteile – vor allem in der Überschrift, die für den Leser wegweisend in Erinnerung und als Resümee des Beitrages haften bleibt – über eine bestimmte Lehre und ihre Anwender zu treffen“. Außerdem monierte der gleichzeitig als PR-Fachkraft und Journalist tätige 32-Jährige zwei Beispiele innerhalb des Textes, die herausstachen: „[…] manche Darstellungen [wirken] oberflächlich (‚Das Einzige, was das alte Gesetz verlangt: Angehende Heilpraktiker müssen einen Test über elementare Medizinkenntnisse beim Gesundheitsamt absolvieren‘)“. Diese Sachdarstellung halte einer Überprüfung nicht stand, meint Riehle, seien die „Tests“ bei den „Gesundheitsämtern doch durchaus geeignet, die medizinische Anschauung der Anwärter kritisch zu hinterfragen – und verlangen ihnen weitaus mehr als nur grundlegende Kenntnisse ab. Hierüber weist der Artikel in seiner Einseitigkeit allerdings keine weiteren Recherchen auf“.

Ähnlich ergebe es sich laut Riehle mit der Aussage, ‘An Heilpraktikerschulen werde[n] lebensbedrohliche Irrlehren verbreitet‘. Denn: „Auch hier wird durch die Ungenauigkeit suggeriert, als handele es sich um eine breite Masse an Schulen, an denen solche Praktiken vorherrschten. Ob die Aussagen, wonach am Klinikum rechts der Isar jeden Monat eine Frau auftauche, deren Brustkrebserkrankung durch ‚Alternativheiler‘ verschleppt worden sei, für die Aussage ausreicht, es handele sich hierbei nicht um Einzelfälle, bleibt ebenso kritisch zu werten wie die Belastbarkeit der Feststellung, dass man mit entsprechenden Suchbegriffen bei ‚Google‘ in mehr als der Hälfte der Fälle auf Berichte über nicht richtig erkannte beziehungsweise auch behandelte Brustkrebserkrankungen durch Heilpraktiker (und Ärzte!) stoße“, so der Beschwerdeführer. Der Presserat konstatierte abschließend, dass man zusammenfassend „keinen Verstoß gegen die presseethischen Grundsätze feststellen“ konnte.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Erfahrungsbericht

Es war ein Erdbeben in Asien, das im Blick aus heutiger Perspektive der Beginn einer Krankheit war, die weder ich, noch meine Bezugspersonen früh genug erkannt hatten. Ich war ein noch junger Mensch, kurz vor dem Abitur, hatte zwar Geld gespart, war aber keinesfalls derart reich, dass ich mit den Scheinen nur so hätte um mich werfen können. „Kannst du bitte diese Überweisung mitnehmen?“, bat ich meinen Vater eines Tages, nachdem die Spendenaufrufe über das Fernsehen verbreitet wurden. „50 Euro? Bist du dir wirklich sicher?“, fragte er mich. „Ja, ich muss doch helfen“, entgegnete ich ihm. Und noch ahnte er nicht, dass das der Anfang von Tausenden von Euros sein könnte, die in den nächsten Jahren an unzählige gemeinnützige Zwecke gingen. Das Hochwasser in Deutschland, die Waldbrände in Südeuropa, die Opfer des Krieges im Irak, die Obdachlosen nach den Überschwemmungen in Indonesien und die Hungertoten von Afrika waren nur einige ausgewählte Beispiele, für die ich fortan über diverse Hilfsorganisationen spendete.

Wenige Stunden, nachdem ich eine Überweisung ausgefüllt hatte, zog ich mich in mein Zimmer zurück. „Was hast du da eigentlich getan?!“, murmelte ich vor mich hin. Und ich sah mir mein Sparbuch an, auf dem es gar nicht so üppig aussah, wie ich immer dachte. Und dann kam da ja auch noch das Studium, das Geld kosten würde. Ich legte mich auf mein Bett, zog die Decke bis weit nach oben. Irgendwie kreisten die Gedanken um Nichts, so empfand ich es zumindest. Emotional ärgerte ich mich zwar kurz über mich selbst, aber dann verlor ich mich wieder in einer Leere, in der gefühlsmäßig null in mir stattfand. Nach knapp drei Stunden kam meine Mutter besorgt zu mir. „Was ist denn los, warum schläfst du um diese Zeit?“. Ja, seitdem ich Medikamente für meine Zwangserkrankung genommen hatte, die schon seit Jahren diagnostiziert war, prägte sich die Müdigkeit bei mir aus. Doch das war es in diesem Fall nicht. Dass eine kurze, depressive Phase dahinter stehen könnte, das konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ermessen.

Ich stand auf, und mir fiel ein, dass ich da einen Werbebrief bekommen hatte, von einem Kinderdorf, das Paten für einen Waisen in Osteuropa suchte. „Nur 30 Euro im Monat für ein gutes Leben, das werde ich doch verkraften können“, sagte ich mir – und füllte den Fragebogen aus, der mich kurze Zeit später die erste Post von meinem Patenkind erhalten ließ. Nach dem Abendessen kalkulierte ich durch: 360 Euro im Jahr. Wie lange würde ich das durchhalten? Aber jetzt wieder absagen? Die zählen doch auf mich, was hinterlässt das für einen Eindruck, wenn ich die Patenschaft nun schon wieder beende? Und außerdem wollte ich doch mithelfen, dass die Welt etwas besser wird! Euphorisiert füllte ich gleich eine Überweisung aus und ließ meinem Patenkind 20 Euro extra zukommen, darüber würde es sich sicher freuen. Doch dachte ich dabei auch an mich? Mein Vater tuschelte mit meiner Mutter, nachdem ich ihm also wieder ein Überweisungsformular in die Hand gedrückt hatte. „Ich spreche mal mit seinem Therapeuten“, hörte ich da heraus. Aber was sollte der denn jetzt mit meinem Patenkind in der Ukraine zu tun haben? Ich verstand in diesem Augenblick die Zusammenhänge nicht.

Einige Tage später setzte sich meine Mutter recht sorgenvoll an meine Seite. „Sind denn deine Zwänge schlimmer geworden? Oder warum überweist du so viel Geld?“. Meine Antwort war recht eindeutig: „Ich muss diesen Menschen doch helfen. Wer hilft ihnen denn sonst, wenn nicht ich?“. „Ja, ja, du rettest die Welt“, frotzelte sie vor sich hin. Und mir kam in diesem Moment der Gedanke an einen Entlassbericht aus einer Klinik, in der ich schon vor einigen Monaten zuvor gewesen war. Eine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ hatte man mir dort diagnostiziert. Narzissmus, das würde doch gut mit diesem „Ich“ zusammenpassen, das ich immer wieder in meiner Wortwahl, aber auch in meinem Tun bemerkte. Aber es kam auch noch ganz anders. „Wofür brauchen wir denn kiloweise von diesem Druckerpapier“, fuhr es meinem Vater einige Wochen später heraus. „Na ja, es war im Angebot und da dachte ich…“. Er unterbrach mich: „Und wie hast du das bezahlt?“. „Über Lastschrift, das geht doch ganz einfach“. „Ja, eben, das ist ja das Problem“. Nachdem in den folgenden Tagen immer mehr hinzukam, Druckerpatronen, Schulhefte, Schreibutensilien, wurde sie ungehalten: „Wofür brauchst du das denn?“, wollte meine Mutter wissen. „Für die Schule…“. „Kind, du bist jetzt noch acht Monate am Gymnasium, dann kommt vielleicht ein Studium, reicht es nicht, wenn du das nach Bedarf anschaffst?“. Ich verstand das nicht, war es doch gerade alles so billig – und das konnte man doch immer gebrauchen.

Nachdem ich mich wieder in mein Bett zurückgezogen hatte, kreisten die Gedanken dieses Mal um eine andere Frage: „Warum sind denn alle gegen mich? Was mache ich falsch?“. Ich fand mich in einer Spirale der Selbstkritik wieder, auch wenn ich gar nicht wusste, was denn eigentlich mein Fehler sein sollte. Dass man eher das Beste für mich wollte, das konnte ich – wie Viele in ähnlichen Situationen – natürlich nicht nachvollziehen. Stattdessen baute ich in mir langsam wieder eine Trotzreaktion auf, in der Mathematik würde man sagen, die Kurve arbeitete wieder auf einen Wendepunkt zu, denn immerhin war ich im Grunde doch davon überzeugt, das Richtige zu tun. Es stellte sich ein Dauerzustand ein, der sich insgesamt über vier Jahre hinwegzog. Es wechselte zwischen Schreibtisch und meinem Bett, zwischen Ausfüllen von Überweisungen und großer Ratlosigkeit, Traurigkeit, Mutlosigkeit. Und recht plötzlich war Schluss damit. Eine drei Jahre andauernde Phase war fortan geprägt von einer alleinigen Deprimiertheit. Ich hatte das Studium abbrechen müssen, nachdem meine kognitiven Leistungen nicht mehr ausgereicht hatten. Ich konnte aufgrund neurologischer Störungen nicht mehr Vollzeit arbeiten. Und irgendwie zerbrach innerhalb weniger Monate eine ganze Lebensvorstellung, meine Träume und Sehnsüchte, die Ziele, die ich mir gesetzt hatte.

Meine Eltern wiederum waren diejenigen, die mich auffingen. „Du lebst doch nicht für die Leistung!“. Das sagten die so einfach einem Sohn, der darauf bedacht war, Leben über den Erfolg zu definieren. Dabei ging es vor allem um dieses Gute für die Menschen. Nicht für mich wollte ich die Ergebnisse erzielen, sondern für jene, die mich brauchten. Und aus dieser Überzeugung wuchs rasch die Notwendigkeit heran, ich müsse mich doch ehrenamtlich stärker engagieren, wenn ich doch schon auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr so richtig zu gebrauchen war. Eine Selbsthilfegruppe gründete ich, noch eine und noch eine. Und zwischendurch übernahm ich den Vereinsvorsitz hier, den Schriftführer-Posten dort und für die Protokolle war ich sowieso überall zuständig, wo ich nur hinkam. Und manches Mal hatte mein Tag plötzlich mehr Stunden, als es bei einem regulären Job der Fall gewesen wäre. Gut, ich war langsam in meinen Tätigkeiten aufgrund meiner Einschränkungen. Aber ich hatte diese Aufgaben übernommen und aus meiner Gewissenhaftigkeit heraus, die ich als Tugend von Kindheit an hochgehalten hatte, musste ich diese auch erfüllen. Und so war eigentlich vorprogrammiert, dass sich eine neue Achterbahn auftun würde, die mich schlussendlich psychisch, aber auch körperlich an den Rand dessen brachte, was man noch hätte verkraften können.

„Herr Riehle, können Sie uns eine Zusammenfassung dieser Sitzung bis morgen fertigen?“ – Natürlich konnte ich das. Und in der Erkenntnis meiner narzisstischen Eigenschaften fühlte ich mich auch „gebauchpinselt“, denn immerhin traute man mir etwas zu, es war doch eine Ehre, in öffentlichen Gremien so eine Arbeit zugesprochen zu bekommen. Gut, finanziell bekam ich dafür nichts, am Anfang aber wenigstens Anerkennung. „Herr Riehle, könnten Sie die Dokumentation zu diesem Abend schreiben?“ – Selbstverständlich konnte ich auch das. Und zwischendurch noch einen Termin für ein Pressegespräch, für einen Arbeitskreis und für eine Vorstandssitzung. Plötzlich verzeichnete mein Kalender acht Termine für einen Tag. Immernoch einen hinzu, denn der Herr Riehle würde das schon schaffen. Der schafft alles. Der kann im Zweifel auch fliegen und wenn es sein muss, vielleicht auch Gott spielen. Meistens reichte diese Vermutung aber nur bis am Vortag solch eines Marathons an Verpflichtungen, die ich nie hätte einhalten können. „Mama, kannst du da vielleicht anrufen und absagen?“, bat ich sie – und wie ich meine Mutter kannte, wusste sie nicht, was sie dagegenhalten sollte. Ich zog mich währenddessen wieder ins Bett zurück. „Ich bekomme das eben doch alles nicht auf die Reihe“, so flüsterte ich mir selbst zu. Und irgendwie stand ich vor dem Scherbenhaufen einer falschen Planung, die geprägt war von einer vollkommen fehlerhaften Selbsteinschätzung. Aber es ging ja auch um meine Ruf. Was würde man sagen, wenn ich nun reihenweise Termine „canceln“ müsste? Wäre ich überhaupt noch etwas wert? Nach einigen Stunden Grübeln griff ich selbst zum Hörer und rief beim Vereinsvorsitzenden an: „Können wir die Sitzung vielleicht übermorgen noch nachholen?“. Mit allen Mitteln versuchte ich, meiner Reputation keine Delle zuzufügen. Dabei war doch klar, dass mir es niemand verdenken würde, wenn ich einfach an meine Grenzen gelangte. Stattdessen baute ich dasselbe Gerüst wieder von vorne auf – und auch übermorgen würde ich es nicht schaffen, es einzuhalten.

Lange wurde all das auf meine Zwangsstörung zurückgeführt. Und klar, das Händewaschen, das Kontrollieren und Sortieren, aggressive und sexuelle Zwangsgedanken, sie waren in ihrer Unverkennbarkeit auch noch immer da. Aber irgendwie schien da etwas nicht zu passen. Ich selbst hatte das Gefühl, dass die Differenzialdiagnostik noch nicht ausreichend durchgeführt worden war. Und so entschied ich mich nach den neuesten Erfahrungen und dem Absturz aus meinem „Ich kann Bäume ausreißen“ und der Frage am nächsten Tag, was ich mit all dem Holz tun soll, eine Spezialsprechstunde für Bipolare Störungen aufzusuchen. Denn aus einer Selbsthilfearbeit lernt man viele Erkrankungen kennen, man bekommt ein Gespür dafür, was mit mir los sein könnte. In mehreren Testbogen bestätigte sich dann, was ich vermutet hatte. Eine bipolare Erkrankung. Im Arztbrief las ich, es handele sich um den „Rapid-Cycling – Typ“. Und nach einer Recherche war klar, die Ärzte hatten recht. Bis zu fünf Mal pro Woche hatten die Phasen zwischen Höhenflug und Unterwassertauchen letztendlich gewechselt, meine Stimmungen waren teilweise gar nicht mehr so schnell einschätzbar, wie sie sich wandelten. Viele der Auswirkungen daraus mussten meine Eltern ertragen. Und ich war froh, dass nun eine Therapie angesetzt werden konnte, die passgenau auf die Symptome ansprach. Überraschend für alle war der rasche Erfolg einer sich wieder einpendelnden affektiven Schwingungslage, eines angepassten Verhaltens an die Realitäten. Doch damit war es nicht getan. Die Arbeit in der Psychotherapie begann nun erst: Wie viel Selbstwert spreche ich mir zu? Wie definiere ich meine Würde? Wie organisiere ich einen Alltag so, dass er den Ressourcen entspricht, die mir zur Verfügung stehen? Wie viel Arbeit muss ich streichen? Und vor allem: Welche will ich wirklich behalten, welche will ich vielleicht neu hinzunehmen, weil sie meiner tatsächlichen Begabung, meiner eigentlichen Freude entsprechen? Und welchen Sinn gibt es abseits von Können, Leisten und „Dienen“ denn wirklich?

Heute gibt es noch kurze Episoden, drei oder vier im Vierteljahr, kaum zu vergleichen mit dem, was ich ursprünglich erlebt habe. Auch, wenn das erst im Nachgang alles so unwirklich ist. Gerade an die hypomanen Phasen kann ich mich kaum erinnern, gebe nur müßig zu, dass das auch tatsächlich alles so übertrieben war. Allerdings gelingt mein Management besser, mein Tagesablauf ist so geregelt, dass ich ihn gut erfüllen kann – und vor allem danach zufrieden bin. Viele der psychischen Schwachpunkte konnte ich im Gespräch angehen und habe gelernt, dass nicht wenige Charaktereigenschaften auch anerzogen, nicht wirklich genetisch bedingt waren. Das Umfeld, in dem ich aufwuchs, das von Sorgen meiner Eltern über mich geprägt und wie ein Knäuel an Watte auf mich gewirkt hat, trug sicherlich ebenso zu einer Entwicklung bei, die gleichsam Parallelen zu vielen Glaubenssätzen aufweist, die Menschen mit einem geringen Selbstvertrauen, mit dem Erleben von wenig Freiheit und einem erst spät zugestandenen und ausgelebten Verantwortungsbewusstsein haben. Doch daran kann man etwas ändern, wenn man sich neu findet und zu Veränderungen bereit ist, wenn man mit Stress besser umzugehen lernt, aber auch mit Kritik, mit Zurückweisung und empfundenem Unsolidarischsein. Zu erkennen, dass gewisse Haltungen, Gefühle und Reaktionen des Gegenübers menschlich sind und nicht zwingend auf eine einzelne Person bezogen sein müssen, ist eine echte Herausforderung. Anzunehmen, dass man selbst limitiert ist in seinem Einfluss, in seinem Erreichbaren und seinen Möglichkeiten, gleichzeitig aber dennoch wertvoll ist und sich auch im 21. Jahrhundert die Bedeutung eines Menschen nicht an seinen Aufstiegen, Karrieren und nach oben gerichteten Lebensläufen orientiert, auch das war nicht immer leicht. Und doch hat es sich gelohnt, denn auch bipolare Erkrankungen kann man wahrlich in Schach halten – und nicht nur nach oben und unten…

[Dennis Riehle]

Zwischenruf

Warum spricht das Glaubensbekenntnis eigentlich nicht von der Hölle? Wir sprechen stets vom Himmel, doch gibt es da ein Pendant, ein Fegefeuer, wie wir es uns vorstellen, das die aufnimmt, die auf Erden sündig geblieben und keine Vergebung erfahren haben? Und wenn es so etwas wie die Glut gibt, in der wir schwitzen müssen, wenn wir uns gegen die Gebote verhalten haben, wann ist die Grenze überschritten zum Eintritt in den Himmel? Ist nach sechs, zehn oder hundert Sünden Schluss? Oder woran hängt es, dass wir eben keinen Zugang zu Gott auf seinen Wolken sitzend mehr erfahren dürfen? Wird uns die Auferstehung versagt, wenn wir uns aus der Gemeinschaft all der Gläubigen ausschließen? Verbannen wir die Hölle aus unserem Gedächtnis wegen des eigenen schlechten Gewissens? Und unter anderem deshalb, weil wir nicht verstehen, was hier wie da, im Himmel und in der Hölle, eigentlich geschieht – und das „zu richten die Lebenden und die Toten“ der Hinweis in unserem Credo ist, den wir da mutlos ausblenden?

Es gibt sicher viele theologisch kluge Antworten darauf, doch habe ich stets meine Schwierigkeiten damit, wenn sie von der ein oder anderen Seite zu beeinflussen versucht werden. Da gibt es die Strengen, die offenbar Konservativen, die darauf beharren, dass es eine Hölle geben muss. Denn einige Christen sind ja bis heute der Ansicht, dass wir uns den Himmel erst verdienen müssen. Andere wiederum sagen, dass wir alle Gnade erlangen werden, Christus hat für uns bereits die Leiden vergeben, nun müssen wir uns nicht mehr anstrengen und uns nicht fürchten, in die Hölle kommen müssen. Doch was stimmt nun von diesen Sichtweisen, die verwirren, ja, sogar Ängste erzeugen können und mit denen manch Unwesen getrieben wird, auch unverantwortliches und unnötiges Leid?

Die Bibel gibt uns Hinweise darauf, wie wir all das verstehen sollen, was in unserer heutigen Zeit so altmodisch klingen mag. Wer glaubt noch an die Bilder, die uns in Kirchen und auf Gemälden einen Eindruck geben wollen von diesem Augenblick, dieser Qual in einem Schattenreich, das uns ausgemalt wird als das Inferno der Tiefe. Matthäus spricht in Kapitel 8, Vers 12 vom bekannten „Heulen und Zähneklappern“, das typische Feuer und der Tag vor dem Gericht finden sich ebenso beim Evangelisten in Kapitel 5, Vers 22ff. und Kapitel 10,15. Während Luther die Hölle vor allem als die „Totenwelt“ ansah, sind es gerade neue Übersetzungen, die die Hölle nicht alttestamentarisch als spirituellen, sondern als örtlichen Moment verstehen. Es gibt immer wieder Streit um die eigentliche Existenz eines solchen Gegenübers des „Himmels“, das zwar im Sprachgebrauch alltäglich, in unseren Gedanken aber fern ist. Gerade die evangelische Kirche hegte seit dem Augsburgischen Bekenntnis große Zweifel an der Pein des Gerichtes, während die katholische Kirche in ihrem Katechismus in Artikel 12 weiterhin darauf verweist, an all jene, die die Barmherzigkeit Gottes nicht ersehen wollen, dass sie „in Todsünde sterben“ werden.

Ja, ich glaube durchaus an Himmel und Hölle. Aber nicht derart plakativ und auch nicht in dem Kinderglauben der bunten Zeichnungen, die auch ich früher gemalt habe, als der Religionslehrer uns dazu aufforderte, diese beiden so kaum greifbaren, unirdischen Begriffe auf Papier zu bringen. Er kann zwar reizvoll sein, ist aber vielleicht doch zu blumig, um manch eine Wahrheit auszusprechen. Ich bin eher davon überzeugt, dass es nicht ein Ort aus Flammen sein wird, der einem (Jüngsten) Gericht ähnelt. An dem wir nochmals unsere Sünden vorgebracht bekommen, um in uns zu gehen und mit uns zu ringen, bevor wir dann tatsächlich vom lodernden Licht in die Dunkelheit wandern. Viel eher wird dort befunden, ob wir uns doch einlassen auf die zweite Chance, die uns von Jesus gegeben wird: Können wir doch noch Buße tun, uns überwinden und bekennen? Diese Frage wird uns prägen, sie wird uns nicht loslassen. Sie muss ernst gemeint sein und sie wird uns abverlangen, ein wahres Gesicht zu zeigen. Doch sind wir dazu bereit?

Das ist das „Schmoren“, das uns verheißen wird. Schaffen wir es, geläutert zu werden, wie es das „Purgatorium“, das Fegefeuer, es uns vorhersagt, ehe wir nochmals die Möglichkeit erhalten, für uns selbst Frieden zu finden? Denn nicht die Verdammnis ist das Ziel, an das Gott uns bringen möchte, er will, dass wir in seinem Himmelreich das Paradies erfahren. Aber nicht jeder kann seine Schuldhaftigkeit wirklich ablegen, „über seinen Schatten springen“ – und Gott wird niemanden dazu zwingen. Es entscheidet sich vor seinem Angesicht, ob wir Reue zeigen und tatsächlich dazu bereit sind, die Reinigung unserer Seelen anzunehmen und an ihr mitzuwirken. Uns zu befreien von einer Last, es kann hilfreich sein. Nicht nur nach dem Tod.

Viel eher wird bereits auf Erden deutlich, ob wir unser Leben in der Sünde abschließen wollen. Oder bitten wir darum, dass uns Gott erlöst von der schweren Last, die wir mit uns ins Grab nehmen? Es ist niemals zu spät, eine Umkehr einzugehen. Denn auch wenn Christus für uns den Sühnetod gestorben ist, so ist die Annahme unseres Geistes durch Gottes Gerichtsbarkeit keinesfalls gesichert. Natürlich bleibt seine Liebe bedingungslos, ebenso wie seine Bereitschaft, Sünde von uns zu nehmen. Es kostet nichts, außer das aufrichtige und gläubige Bekenntnis dazu, dass wir unsere Schuld anerkennen. Wir werden nicht gerichtet, dass wir etwas falsch gemacht haben, sondern befreit. Es fehlt nur die Hingabe, mit der wir verdeutlichen: Ja, wir sind Sünder und nehmen an, dass wir gar nicht ohne Schuld leben können.

Das Fegefeuer als der Durchgang zur Hölle, an der noch eine Abzweigung denkbar ist, als der Augenblick, indem wir Menschlichkeit zeigen dürfen. In welchem wir kundtun können, dass wir verstanden haben: Als Gottes Ebenbilder gibt es keine Unfehlbarkeit. Denn wir sind nur seine Kinder, wir treiben Unfug und sind sogar in der Lage, schwerste Vergehen und damit große Verantwortung über uns zu bringen. Selbst der Mörder wird einen Platz im Paradies finden können, viel eher als der, der einen Apfel gestohlen hat. Ja, ja wenn der Eine wahrlich zu seinem Verbrechen steht, während der Andere seine Missetat leugnet. Die Hölle als Strafe dafür, dass wir verleugnen. Dass wir selbst im Angesicht Gottes nicht dazu bereit sind, im Vertrauen auf ihn von unserer hiesigen Arroganz abzulassen.

Unsere Seelen sind unruhig, wenn wir nach dem Tod begreifen, was sich in unserem Leben an Steinen angesammelt hat, die wir mit uns schleppen. Nein, nicht wie das Kreuz Jesu, der schuldlos verurteilt wurde, sondern aus der Schwere der Sünde, die wir letztlich zu ertragen haben. Müssen wir in der Ewigkeit mit diesem Ballast umherirren, in dieser Verdammnis, in dem endlosen Tunnel der Finsternis, die uns wahnsinnig werden lässt, aber gerecht demjenigen gegenüber sein kann, der sich stets als der Unbefleckte gab und zurückwies jede Übertretung von Gottes Gesetzen. Der ohne Gewissen ist und im Rückstand seiner Menschwerdung verharrt, die wir tatsächlich erst spüren, wenn uns der Rucksack genommen wird. Nicht Milch und Honig genießen wir im Himmel, sondern die Freiheit des Schwerelosen. Wir haben abgeschlossen mit unseren weltlichen Schandtaten, weil wir uns nicht gerechtfertigt haben, sondern reuige Sünder sind. Wer vermag sich schon heute solch eine Errettung, so eine Erlösung nur vorstellen?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

ich sorge mich um unser Industriegebiet. Nach dem tödlichen Vorfall in der „Grey“-Discothek war Konstanz in aller Munde. Doch es war keinesfalls wünschenswert, solchen Ruhm zu erhalten. Viel eher warf das Ereignis Fragen auf: Wissen wir genug über die Etablissements, die sich in Konstanz niedergelassen haben? Und nehmen wir die Kontrollfunktionen wahr, die der Stadt und den Sicherheitsbehörden gegeben sind, wenn wir doch wiederkehrende Hinweise darauf erhalten, dass in unserem Gewerbegebiet immer häufiger Kriminalität an der Tagesordnung ist?

Wenn ich die Pressemitteilungen verfolge, dann lese ich zunehmend von Problemen im hiesigen Industriegebiet. Kleinere Vergehen, aber auch Kriminalität, die für Konstanz eigentlich unüblich erscheint – all das kommt uns mittlerweile regelmäßig zu Ohren.

Der Ruf von Konstanz leidet, gerade auch, wenn die Menschen Schlagzeilen wie die der BILD-Zeitung vom 02.08.2017 lesen: „Todesfall in Konstanz – Türsteher: Ein Job zwischen Party, Sex und Gewalt“. Sind vielleicht nicht nur Türsteher in Konstanz also wirklich derartigen Gefahren ausgesetzt? Und wenn ja, warum ist das so?

Wer hat versagt bei dem tödlichen Angriff in der Konstanzer Diskothek? Einfach lässt sich diese Frage sicher nicht beantworten. Und doch muss man sie stellen dürfen, immerhin handelt es nicht um das erste Vorkommnis im Industriegebiet. Die Ereignisse in der dortigen „Shisha“-Bar sind noch im Gedächtnis, aber kleinere Zwischenfälle gibt es immer wieder.

Anwohner und Gewerbetreibende bringen das zum Ausdruck, wenngleich nicht alles medial und gesellschaftlich wahrgenommen wird. Und doch besteht offenbar seit längerem eine Unruhe, bekommt man doch nicht selten mit, wie nächtlich die Polizei vorrücken muss, um wieder einmal zu schlichten. Kann es aber Aufgabe der öffentlichen Hand sein, Einrichtungen wie Discos und Kneipen zu schützen?

Es darf nicht im Zuständigkeitsbereich der Stadt oder anderer Behörden liegen, dort für Ordnung zu sorgen. Viel eher müssen die Inhaber der Lokalitäten in die Pflicht genommen werden, mit privaten Sicherheitsdiensten und anderen Maßnahmen einzuschreiten. Hier hoffe ich auf eine Aufarbeitung im Gemeinderat, der deutliche Worte finden möge und die Verwaltung dort zum Handeln bringt, wo es denn möglich ist.

Es wäre fatal, wenn Konstanz dieser Tage mit den terroristischen Vorfällen in Hamburg zusammenhanglos in einem Atemzug genannt wird, ohne zu differenzieren, dass die „Metropole“ hier am Bodensee doch eigentlich immer noch ein friedlicher Platz für Touristen und Einheimische ist.

Herzliche Grüße

Ihr

[Dennis Riehle]